Jens Henrik Jensen – (Oxen: 1) „Oxen – Das erste Opfer“

Freitag, 8. September 2017

(dtv, 461 S., Pb.)
Der ehemalige, höchstdekorierte Elitesoldaten Niels Oxen will aussteigen. Das Ziel seines neuen Lebens findet er in einem Zeitungsartikel: In dem riesigen Wald Rold Skov richtet er sich mit seinem Samojedenhund Mr White einen Unterschlupf ein und sieht sich neugierig am herrschaftlichen Schloss Nørlund Slot um. Dort bemerkt er zunächst einen im Baum erhängten Schäferhund, wenig später schon ist Oxen Hauptverdächtiger in einem Mordfall: Der Exbotschafter und einflussreiche Vorsitzende eines dänischen Thinktanks, Hans-Otto Corfitzen, wird in seinem Arbeitszimmer tot aufgefunden. Sein Tod scheint in Zusammenhang zu stehen mit weiteren mysteriösen Todesfällen, bei denen ebenfalls jeweils ein Hund ums Leben kam.
Nachdem Otto von Kriminalhauptkommissar Rasmus Grube, Polizeipräsident Max Bøjlesen und vom Chef des Inlandsnachrichtendienstes, Axel Mossman, zu seinem Aufenthalt am Schloss verhört worden ist, erhält er von Mossman das ungewöhnliche Angebot, für ihn auf eigene Faust in dem Fall zu ermitteln. Allerdings hat Oxen kaum eine andere Wahl. Um nicht selbst für die Morde zur Verantwortung gezogen zu werden, sammeln Oxen und Mossmans Assistentin Margrethe Franck zunehmend brisantere Informationen, die bis ins dänische Herrschaftsgefüge des Mittelalters zurückreichen und auch die heutige politische Elite schwer belasten.
„Jetzt wäre er gern woanders. Ohne all die Fragen, die wie Wespen in seinem Kopf herumschwirrten und ihn nicht in Ruhe ließen. Aber das ging nicht. Er konnte nicht einfach seinen Rucksack packen und verschwinden.
Erst musste er der Sache auf den Grund gehen. Das war er Mr White schuldig – und sich selbst. Wenn er nicht herausfand, was hinter dem Ganzen steckte, würden sie ihn zur Schlachtbank zerren.“ (S. 184) 
Skandinavische Autoren wie Henning Mankell, Hakan Nesser, Stieg Larsson und zuletzt der Däne Jussi Adler-Olsen sind seit den 1990er Jahren aus den internationalen Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken. Mit Jens Henrik Jensen hat dtv, wo auch die Werke von Adler-Olsen verlegt werden, einen weiteren potentiellen Star an Land gezogen, nachdem dessen „Oxen“-Trilogie in seiner Heimat seit 2012 so erfolgreich gewesen war, dass bereits die Filmrechte verkauft worden sind.
Mit „Das erste Opfer“ erscheint nun der erste Teil der Trilogie um den Ex-Elitesoldaten Niels Oxen auch in deutscher Sprache. Was der höchstdekorierte Elitesoldat bei seinen oft traumatischen Auslandseinsätzen in Bosnien, Afghanistan, im Irak und Kosovo erlebt hat, wird in kurzen Flashbacks zusammengefasst, aber was den Menschen Niels Oxen ausmacht, wird eher durch die Beziehung zu seinem Hund und dem sehr zurückhaltenden und wortkargen Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen deutlich.
Die Erfahrung hat ihn gelehrt, niemandem zu vertrauen, und so dauert es eine Weile, bis er sich der ebenfalls versehrten, ihm zugeteilten Partnerin Margrethe Franck, etwas öffnen kann. Wie die beiden während ihrer spannenden Schnitzeljagd auf immer heiklere Dokumente stoßen, die zu einer im Danehof gipfelnden Machtelite zurückführen, die wie ein Geheimbund seit dem Mittelalter die Geschicke des Landes beeinflusst hat, liest sich wie ein politischer Actionthriller, bei dem die sympathischen Protagonisten einem gewaltigen Komplott auf der Spur sind, das bis in die höchsten politischen Kreise führt.
Bei der turbulenten und temporeichen Suche nach weiteren Spuren und Beweisen bleibt die Charakterisierung vieler Figuren eher skizzenhaft. Allein bei Oxen und Franck hat sich der Autor merklich Mühe gegeben, charakteristische Züge zu entwickeln. Weitaus mehr Energie verwendete Jensen darauf, eine Reihe von außergewöhnlichen Todesfällen in einen verschwörerischen Thriller zu betten, in dem es vor allem um Macht, Gewalt und Vertuschung geht.
Auf die nachfolgenden Bände „Der dunkle Mann“ (für März 2018) und „Gefrorene Flammen“ (August 2018) darf man sehr gespannt sein!

Abstimmen für den Buch-Blog Award 2017

Samstag, 2. September 2017

Seit 2009 rezensiere ich an dieser Stelle mit Begeisterung Bücher aus allerlei Genres und Sachbuch-Bereichen, die mich interessieren, faszinieren und verführen, seien es Werke von US-amerikanischen Autoren wie James Lee Burke, Joe R. Lansdale, Stewart O'Nan, Paul Auster, Jonathan Franzen, Cormac McCarthy, Horror-Werke von Stephen King, Clive Barker, Jack Ketchum, Richard Laymon, Joe Hill, Peter Straub und Dan Simmons, skandinavische Krimi-Literatur von Jo Nesbo, Henning Mankell, Jussi Adler-Olsen und Hakan Nesser oder Thriller von John Grisham, Thomas Harris, Michael Connelly, Jefferey Deaver, Karin Slaughter, Simon Beckett, John Niven, Don Winslow, Comics und Fantasy von Walter Moers, Dave McKean und Neil Gaiman, zeitgenössische Autoren wie Andrea DeCarlo, Philippe Djian, Benedict Wells, Adam Davies, Irvine Welsh, Anthony McCarten und Ray Bradbury - dazu Sachbücher aus den Bereichen Film, Musik und Kunst.
Mit meinem Blog habe ich mich nun für die Longlist des "Buch-Blog Award 2017" qualifiziert. Ich freue mich, wenn ihr mich über den folgenden Link für die Shortlist nominieren würdet!
Mamoulians Geschichten für die Shortlist nominieren

John Grisham – (Bruce Cable: 1) „Das Original“

(Heyne, 367 S., HC)
Indem sie sich der Identität eines real existierenden Juniorprofessors für Amerikanistik bedienen und am Tag ihres geplanten Coups für etliche Ablenkungsmanöver sorgen, gelingt den fünf Gaunern Denny, Mark, Trey, Jerry und Ahmed das Kunststück, aus der Firestone Library der Princeton University fünf Originalmanuskripte zu entwenden, darunter F. Scott Fitzgeralds „Diesseits vom Paradies“, „Die Schönen und Verdammten“ und „Der große Gatsby“.
Zwar gelingt es dem FBI, mit Jerry und Mark zwei Mitglieder der Gang festzunehmen, aber die anderen drei Beteiligten und vor allem die Manuskripte bleiben verschwunden. Da die Versicherung in einem halben Jahr fünfundzwanzig Millionen an Princeton zahlen muss, wenn die Manuskripte nicht wieder auftauchen, ist Elaine Shelby mit ihrem Team beauftragt worden, neben dem FBI eigene Ermittlungen anzustellen.
Als die Spur der Manuskripte zu dem Buchhändler Bruce Cable auf Camino Island in Florida führt, heuert sie die Schriftstellerin Mercer Mann an, die seit drei Jahren an ihrem zweiten Roman zu schreiben versucht und die Insel durch ihre vor elf Jahren tödlich verunglückte Großmutter Tessa kennt. Sie soll möglichst nah an Bruce Cable herankommen und herausfinden, ob die Manuskripte tatsächlich in seinem Besitz sind. Da diese Aufgabe fürstlich entlohnt wird, übernimmt Mercer den Job trotz anfänglicher Skrupel, findet aber Gefallen daran, als sie Bruce und seine Frau Noelle näher kennenlernt, die eine sehr offene Beziehung zu führen scheinen. Als Noelle nach Frankreich reist, um neue Antiquitäten für ihr Geschäft auszukundschaften, lässt sich Mercer schließlich auf das Spiel mit dem Feuer ein …
„Er führte ein gutes Leben, hatte eine schöne Frau/Partnerin und besaß ein prächtiges Haus in einer netten Stadt. War er tatsächlich bereit, das alles zu riskieren und wegen Hehlerei gestohlener Manuskripte ins Gefängnis zu wandern?
Wusste er, dass ihm ein professionelles Ermittlungsteam auf den Fersen war? Und dass das FBI nicht weit war? Ahnte er, dass er in ein paar Monaten vielleicht für viele Jahre ins Gefängnis gehen musste?“ (S. 172) 
An sich ist es mal wieder ganz erfrischend, von John Grisham KEINEN Justiz-Thriller zu lesen. Zwar ist er durch internationale und auch großartig verfilmte Bestseller wie „Die Akte“, „Die Firma“, „Der Regenmacher“, „Der Klient“ und „Die Jury“ berühmt geworden, aber zwischendurch überraschte der examinierte Jurist immer wieder mal mit Romanen, die im Sportmilieu („Der Coach“, „Touchdown“) angesiedelt sind oder das Leben einer Baumwollfarmersfamilie beschreiben („Die Farm“).
Mit „Das Original“ begibt sich Grisham nun in die Welt der Bücher, in den Handel mit seltenen Erstausgaben und Originalmanuskripten. So interessant die Grundidee auch ist, bietet der Roman nur einen recht oberflächlichen Einblick in die Thematik. Der Diebstahl der Manuskripte wird recht kurz abgehandelt, die involvierten Personen nur grob skizziert.
Interessant wird es erst ab dem 2. Kapitel, wenn die Biografie von Bruce Cable rekapituliert wird, der mit dem väterlichen Erbe eine kurz vor dem Bankrott stehende Buchhandlung auf Camino Island erworben und sie mit großem Engagement zu einem florierenden Treffpunkt für Bücherfreunde und Autoren geführt hat, die auf ihren Leserreisen gern Station bei „Bay Books“ machen.
Auch bei der Charakterisierung von Mercer Mann gibt sich Grisham noch einige Mühe, schließlich sind Cable und Mann die wichtigsten Figuren in „Das Original“. Wie sich die beiden allerdings einander annähern, ist leider sehr vorhersehbar und ohne jeglichen Esprit beschrieben. Vor allem das Finale wirkt überhastet konstruiert, als hätte Grisham wie seine weibliche Hauptfigur das Interesse an der Geschichte verloren, so dass er sie nur noch schnell mit einer plötzlichen Wendung zu Ende bringen wollte. „Das Original“ lässt sich zwar flüssig lesen, doch die Figuren und der Plot können dem Vergleich mit Grishams früheren Werken nicht standhalten.
 Leseprobe John Grisham - "Das Original"

Tess Gerritsen – „Der Anruf kam nach Mitternacht“

Dienstag, 29. August 2017

(HarperCollins, 304 S., Pb.)
Sie ist gerade mal zwei Monate mit Geoffrey verheiratet gewesen, da erhält die Mikrobiologin Sarah Fontaine von Nick O’Hara, einem Mitarbeiter des US-Außenministeriums, die Nachricht, dass ihr Mann bei einem Hotelbrand in Berlin bis zur Unkenntlichkeit in seinem Bett verbrannt sei. Die unscheinbare Sarah ist fest davon überzeugt, dass es sich um ein Irrtum handeln muss, da Geoffrey sich in London aufhalte. Nachforschungen ergeben allerdings, dass er aus seinem Stammhotel mit unbekanntem Ziel ausgecheckt hat. Auch der mit seinem Job unzufriedene Nick O’Hara beginnt an der offiziellen Geschichte zu zweifeln, als sein Kumpel aus der IT-Abteilung, Tim Greenstein, herausfindet, dass Geoffrey Fontaine bis vor einem Jahr überhaupt nicht existiert hat und nur bei der CIA eine Akte über ihn existiert.
Sarah nimmt das nächste Flugzeug nach London, um ihren Mann zu finden, den sie noch am Leben glaubt. Und Nick, der bei seinem Chef Ambrose längst unten durch ist und ihm eine ‚längere Auszeit‘ verordnet hat, reist ihr hinterher, weil er nicht nur herausfinden will, was wirklich hinter der Sache steckt, sondern weil der seit vier Jahren geschiedene Mann Gefallen an Sarah gefunden hat. Beide müssen in Europa sehr schnell feststellen, dass Geoffrey Fontaine nicht nur ein Doppelleben mit einer anderen Frau geführt hat, sondern dass sie selbst zur Zielscheibe eines mysteriösen Mannes namens Magus geworden sind …
„In der Dunkelheit war ihr die Erkenntnis gekommen: Sie würde sterben. Mit dieser Sicherheit hatte sich ein seltsamer Frieden über die gelegt, die finale Akzeptanz, dass ihr Schicksal unausweichlich und es hoffnungslos war, sich dagegen wehren zu wollen. Ihr war zu kalt, und sie war zu müde, um sich noch groß darum zu scheren. Nach Tagen des Terrors sah sie ihren eigenen Tod näher kommen und sie wurde ganz ruhig.“ (S. 268) 
Bevor Tess Gerritsen ab 2001 ihre bis heute erfolgreiche Thriller-Serie um Detective Jane Rizzoli und die Pathologin Dr. Maura Isles begann, schrieb sie zunächst eine Reihe von romantischen Thrillern, bevor sie 1996 zu Medizin-Thrillern wechselte. Mit der Wiederveröffentlichung ihres Debütromans „Der Anruf kam nach Mitternacht“ aus dem Jahre 1987 wird deutlich, warum Gerritsen gut daran tat, nach ein paar Jahren das Genre zu wechseln. Zwar ist der Spionage-Thriller flüssig in leicht verständlicher Sprache geschrieben, doch kann sich die Autorin offensichtlich nicht entscheiden, ob sie eine Liebesgeschichte oder einen Spionage-Thriller erzählen will. Der Spionage-Plot ist dabei nur rudimentär ausgeprägt und folgt bis zum vorhersehbaren Finale sämtlichen Genre-Konventionen, ohne interessante Wendungen oder Themen zu verarbeiten. Sehr schnell wird aber die nicht wirklich überzeugende Liaison zwischen Sarah und Nick konstruiert und so sehr in den Vordergrund gerückt, dass die Spionage-Story nur als spannungstreibendes Element fungiert.
Für Gerritsen-Fans dürfte dieses unausgegorene Romantic-Thriller-Debüt nur zur Vervollständigung der Sammlung dienen, aber es lässt zumindest erahnen, dass die examinierte Internistin durchaus Talent zum Schreiben besitzt.

James Lee Burke – (Hackberry Holland: 1) „Zeit der Ernte“

Sonntag, 27. August 2017

(Heyne, 384 S., Pb.)
Mit seinem Bruder Bailey betreibt der 35-jährige Kriegsveteran Hackberry Holland nach seiner Rückkehr aus dem Koreakrieg 1967 eine Anwaltspraxis in einer texanischen Kleinstadt, nahe der mexikanischen Grenze. Doch statt Ölbarone wie R.C. Richardson mit ihren unmoralischen Geschäftspraktiken vor dem Gefängnis zu bewahren, würde er sich eigentlich lieber um seine Farm und Pferde kümmern.
Stattdessen wird er von dem pflichtbewussten Bailey, seiner standesbewussten Frau Verisa, US-Senator Allen B. Dowling und seinen einflussreichen Freunden aus der Öl- und Rüstungsindustrie dazu gedrängt, ein Amt als Kongressabgeordneter in Washington anzustreben. Schließlich hatte schon sein Vater ein politisches Amt bekleidet, er selbst verfügt über einen heldenhaften Ruf als im Koreakrieg verwundeter US-Navy-Sanitäter, der zweiunddreißig Monate in chinesischer Kriegsgefangenschaft überlebt hat, ohne eines der gefälschten Geständnisse zu unterschreiben, Kameraden anzuschwärzen und zum Feind überzulaufen.
Doch dann erhält Hackberry einen Hilferuf seines alten Kriegskameraden Arturo Gomez, der in Pueblo Verde wegen tätlichem Angriff gegen einen Texas Ranger im Gefängnis sitzt und als Gewerkschaftsmitglied schlechte Karten in dem von Rassendiskriminierung und Wirtschaftsinteressen geprägten Grenzstädtchen hat.
Mithilfe der attraktiven Gewerkschaftsaktivistin Rie wirbelt Hackberry ordentlich Staub in dem erzkonservativen Flecken auf und bringt dabei sowohl seinen Bruder als auch seine Frau und politischen Fürsprecher gegen sich auf. Trotz aller Widerstände gelingt Hackberry jedoch die Bewilligung des Berufungsantrags, doch dann wird Art plötzlich von zwei Schwarzen im Drogenrausch getötet. Sein vom übermäßigen Jack-Daniel’s-Gebrauch und traumatischen Kriegserinnerungen befeuertes Temperament sorgt für weitere gewalttätige Auseinandersetzungen und Probleme …
„Noch nie war ich derart müde gewesen. Ich war körperlich vollkommen entkräftet und fühlte mich, als hätte ich zehn Innings hinter mir und alles Pitches aus meinem Arsenal abgefeuert. In meinem Nacken hatte sich eine mit Flüssigkeit gefüllte Blase gebildet, die von der Verbrennung durch die Zigarrenspitze stammte, und eine längliche Beule, die sich anfühlte wie ein neu gewachsener Knochen, zog sich dort, wo der Junge mich mit dem Holzriegel erwischt hatte, über die Seite meines Schädels.“ (S. 333) 
Mit „Zeit der Ernte“ liegt endlich der langerwartete erste Teil der Hackberry-Holland-Reihe des aus Louisiana stammenden Schriftstellers James Lee Burke vor. „Lay Down My Sword & Shield“, so der Originaltitel, erschien bereits 1971, wurde aber ein Flop, so dass sich Burke erst einmal mit Gelegenheitsjobs und übermäßigem Alkoholkonsum beschäftigte, ehe er 1987 mit dem Start seiner bis heute erfolgreichen Reihe um den Südstaaten-Sheriff Dave Robicheaux wieder Oberwasser bekam.
„Zeit der Ernte“ führt den Leser zurück ins Jahr 1967. Hackberry Holland fungiert als Ich-Erzähler und rekapituliert zunächst in kurzen Zügen die turbulente Familiengeschichte, ehe er demonstriert, wie er sich von seiner Frau Verisa entfremdet hat und stattdessen seine bösen Erinnerungen an den Koreakrieg mit Jack Daniel’s und Prostituierten betäubt. Im späteren Verlauf der Geschichte werden die Erlebnisse in der Kriegsgefangenschaft detailliert aufgearbeitet, bis dahin lassen sich Hackberrys temperamentvolle Entgleisungen nur vage erklären.
Eindrucksvoll schildert Burke nicht nur die texanische Vegetation und gesellschaftspolitische Atmosphäre, sondern auch den schwierigen Kampf der armen Feldarbeiter für einen gerechten Lohn, gegen die Rassendiskriminierung, die auch nicht bei den Ordnungshütern Halt macht. Die Erzählung wirkt stellenweise etwas sprunghaft, nicht nur in chronologischer Hinsicht, sondern auch in örtlicher und personeller. In schneller Folge wechselt Hackberry von einem Ort zum anderen, hält hier eine Rede vor seinen potentiellen Wählern und lässt wiederum andere sausen. Szenen einer gescheiterten Ehe wechseln mit romantischen Angelausflügen, die Hackberry mit seiner neuen Flamme Rie unternimmt, kurze Besuche in der eigenen Praxis weichen Auseinandersetzungen mit Texas Rangers, die aggressiv gegen Streikposten vorgehen. Das schadet letztlich dem Spannungsaufbau, doch bei aller Sprunghaftigkeit in der Dramaturgie bleibt das Unbehagen über die geschilderten Ereignisse über den ganzen Roman hinweg bestehen.
Es ist erschreckend, wie aktuell die 1971 geschriebene Geschichte heute noch ist, wenn man an die jüngsten Entgleisungen in Charlottesville, Virginia, denkt, wo fackeltragende Neonazis durch die Stadt marschierten, Naziparolen skandierten und ein Auto in eine Menschengruppe raste, wobei drei Menschen getötet wurden – und der US-amerikanische Präsident Trump sich nicht von diesen Extremisten distanzierte. Burke ist sich bewusst, dass seine Romane keine gesellschaftspolitischen Lösungen anbieten, wohl aber welche für das Individuum, wie der Autor in einem aktuellen Nachwort zur deutschen Ausgabe betont. In diesem Sinne ist „Zeit der Ernte“ weniger als klassischer Krimi zu verstehen, sondern eher als Plädoyer für die Menschlichkeit. 
Leseprobe James Lee Burke - "Zeit der Ernte"

James Lee Burke – (Dave Robicheaux: 4) „Flamingo“

Freitag, 25. August 2017

(Pendragon, 476 S, Pb./Edel:eBooks, 348 S., eBook)
Zusammen mit seinem Kollegen, dem Kriminalbeamten Lester Benoit, ist Dave Robicheaux dafür zuständig, die beiden zum Tode verurteilten Mörder Tee Beau Latilais und Jimmie Lee Boggs in den Todestrakt des Staatsgefängnisses von Louisiana zu überführen. Doch bei dem Zwischenhalt an einer Tankstelle gelingt den beiden Gefangenen nicht nur die Flucht, sie töten auch Benoit und lassen Robicheaux angeschossen zurück.
Während bei Tee Beau durchaus Zweifel an seiner Schuld angebracht sind, hat Robicheaux auch ein sehr persönliches Interesse, Boggs in seine Hände zu kriegen. Um an ihn ranzukommen, lässt er sich sogar darauf ein, als Undercover-Agent für die DEA zu arbeiten. Sein Kontaktmann Minos Dautrieve streut das Gerücht, dass Robicheaux gefeuert worden ist, weil er Dreck am Stecken hat, und versorgt den Undercover-Agenten mit 50.000 Dollar, mit denen er das Interesse von Tony Cardo wecken soll. Dort soll Boggs nämlich auch auf der Gehaltsliste stehen.
Zwar kann Robicheaux recht schnell das Vertrauen des Gangsterbosses gewinnen, der wie er selbst auch mit einem Trauma aus Vietnam zurückgekehrt ist, doch seinen alten Kumpel vom Morddezernat in New Orleans, Cletus Purcel, als Rückendeckung mit ins Boot zu holen, gestaltet sich schwieriger.
Während Robicheaux allmählich in Cardos inneren Kreis vordringen kann, trifft er mit Bootsie auch seine erste Liebe wieder.
„Die Einsamkeit und die Jahre hatten mir zugesetzt, und obwohl ich mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hatte, war ich zu dem Schluss gekommen, dass ich zu den Menschen gehörte, die nie mit Sicherheit wissen würden, wer sie wirklich waren. Hinter all den Gedanken, die ich über mich selbst machte, würde immer ein Fragezeichen stehen – meine einzige Identität lag in dem Abbild meiner selbst, das ich in den Augen anderer sah.“ (S. 91) 
Mit seinem vierten Dave-Robicheaux-Roman „Flamingo“ hat der aus Louisana stammende Autor James Lee Burke einmal mehr ein atmosphärisch stimmiges Meisterwerk geschaffen, das weit mehr bietet als einen Kriminalfall, sondern auch tief in die Seele des amerikanischen Südens taucht, traumatische Erinnerungen an den verheerenden Krieg in Vietnam aufleben lässt und präzise die moralischen Konflikte beschreibt, mit denen sich Robicheaux auseinandersetzen muss.
Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, je mehr Robicheaux Zeit mit Cardo und seinem behinderten Sohn verbringt, aber auch der Neuanfang der Beziehung zwischen Dave und Bootsie ist einfühlsam geschildert.
„Flamingo“ bietet eine packende Story, eine tolle Atmosphäre, interessante, vielschichtige Figuren und ein fesselndes Finale.
Leseprobe James Lee Burke - "Flamingo"

Alessandro Baricco – „Die junge Braut“

Sonntag, 20. August 2017

(Hoffmann und Campe, 208 S., HC)
Seit einhundertdreizehn Jahren sind in der Familie alle nachts gestorben. Diese Tatsache und die daraus resultierende Angst hat zu einigen Eigenheiten in dem Gutshaus geführt, in dem der an einer „Ungenauigkeit des Herzens“ leidende Vater, die immer noch schöne Mutter, der immermüde Onkel und die hinkende Tochter mit dem Angestellten Modesto und zwei Kammerdienern leben.
Zu den Regeln des Zusammenlebens zählt nicht nur, die Nacht zu fürchten und Unglück nicht zu erwünschen, sondern auch keine Bücher zu besitzen, weil die Familie ein so großes Vertrauen zu den Dingen und sich selbst hat, dass Bücher als Trostpflaster nicht notwendig sind, und dem Vater keinem Risiko zum Sterben auszusetzen.
Während sich die Familie ihrem allmorgendlichen ausgiebigen Frühstück widmet, erhält sie unerwarteten Besuch eines achtzehnjährigen Mädchens, das dem Sohn versprochen worden ist. Der ist allerdings in England, seine Rückkehr ungewiss. Während die junge Braut auf ihren Liebsten wartet, erfährt sie durch die verschiedenen Mitglieder der Familie, dass der Vater gar nicht der richtige Vater ist, dass die Tochter eigentlich mit dem Onkel liiert ist, und die Mutter weiht die junge Frau in die Kunst der Liebe ein.
Als die Familie zu ihrem Sommerurlaub aufbricht, bleibt die Braut im Haus und wartet auf die Ankunft ihres Mannes, von dem seit langer Zeit nichts mehr zu hören gewesen ist. Doch statt ihres Geliebten taucht der fiebrige Onkel unerwartet auf.
„Alles, was sie bis jetzt getan hatte, sah sie wieder vor sich, schöne Gesten, die sie zu keinem Zeitpunkt aufgegeben hatte, und sie erkannte, dass diese Handlungen seit der Ankunft dieses Mannes ohne Freude und ohne Vertrauen verrichtet wurden.
Ich habe aufgehört zu warten, dachte sie.“ (S. 176) 
In seinem neuen Roman „Die junge Braut“ erzählt der aus Turin stammende Autor Alessandro Baricco („Seide“, „Smith & Wesson“) die Geschichte einer ungewöhnlichen Familie, die durch außergewöhnliche Ereignisse verschiedene Eigenheiten ausgebildet hat, zu denen die täglichen ausufernden Frühstücksgelage noch zu den harmloseren zählen. Durch die Ankunft der jungen Braut werden dem Leser so einige schlüpfrige Zusammenhänge aus der Familienchronik zugänglich gemacht, von denen die einzelnen Familienmitglieder und Modesto der aufgeweckten jungen Frau erzählen. Wie sie mit diesen teils erstaunlichen Geschichten umgeht und die Freuden der körperlichen Liebe kennenlernt, beschreibt Baricco in gewohnt betörender Sprache, die den Leser von Beginn an in den Bann zieht.
Darüber hinaus verzaubert die Geschichte aber auch durch ihre Hommage an die Kraft von Träumen und Erinnerungen, schicksalhaften Entscheidungen und ungewöhnlichen Einstellungen zu Liebe, Verführung und Leidenschaft.

Michael Connelly – (Harry Bosch: 5) „Das Comeback“

Samstag, 19. August 2017

(Heyne, 427 S., Tb./Knaur, eBook)
Nach seiner Zwangsbeurlaubung wegen Stress und der Versetzung zum Einbruchsdezernat des Hollywood-Reviers darf LAPD-Detective Harry Bosch wieder zurück an den Mord-Tisch, um das Rekordtief der Mord-Aufklärungsrate zu bekämpfen. In seinem ersten Fall unter Führung von Lieutenant Grace Billets wird Bosch mit seinen Kollegen Jerry Edgar und Kizmin Rider zu einem außergewöhnlichen Tatort gerufen.
Im Kofferraum eines Rolls-Royce hat der Streifenpolizist Powers die Leiche des Hollywood-Produzenten Tony Aliso gefunden, der mit zwei Kopfschüssen hingerichtet worden ist.
Seine Frau Veronica nimmt die Nachricht recht gelassen auf. Wie sich herausstellt, ist ihr bewusst gewesen, dass ihr im Pornogeschäft arbeitende Mann Affären mit anderen Frauen unterhielt und sich oft in Las Vegas aufhielt, wo er stets im Mirage abgestiegen ist.
Als sich Bosch in Las Vegas umhört und die Videobänder des Casinos sichtet, entdeckt er seine alte Freundin Eleanor Wish auf den Bildern, die beim FBI gearbeitet hatte und für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis musste. Bosch und seine Kollegen haben alle Hände voll zu tun, Verbindungen zwischen Aliso und der Mafia herzustellen, für die der Ermordete offenbar Geld im großen Stil gewaschen hat. Als das FBI dem LAPD den Fall entzieht, ermittelt Bosch mit Billets‘ Einverständnis jedoch weiter in dem Fall, denn die allzu klaren Indizien gegen Luke Goshen, in dessen Wohnung die Tatwaffe und 480.000 Dollar in bar gefunden werden, scheinen eine größere Verschwörung zu verschleiern.
„Marks war Mr. X. Aber irgendetwas war passiert. Die Buchprüfung durch das Finanzamt gefährdete das Unternehmen, was wiederum Joey Marks gefährdete. Marks‘ Reaktion war, den Geldwäscher zu liquidieren.
Diese Theorie hörte sich gut an, aber Bosch fand, es gab noch zu viele Sachen, die nicht zu passen schienen.“ (S. 140) 
Eigentlich hätte sich Harry Bosch für seine Rückkehr ins Morddezernat unter der neuen charismatischen Leitung des weiblichen Lieutenant Grace Billets und den Kollegen Edgar und Rider kaum einen interessanteren Fall wünschen können, denn es geht nicht nur um die Aufklärung eines Mordes, sondern auch um die (teils schwierige) Zusammenarbeit mit der Polizei in Las Vegas und vor allem mit dem FBI, um den Ärger mit der Internen, um viel Geld, den Einfluss der Mafia und die erneute Begegnung mit seiner alten Freundin Eleanor, für die Bosch nach wie vor tiefe Gefühle hegt, die er nach Dienstvorschrift nicht haben dürfte.
In den sehr vertrackten Ermittlungen mit vielen offensichtlich gelegten falschen Spuren ragt Bosch einmal mehr als eigensinniger, aber über jeden Zweifel erhabener Super-Cop heraus. Bei anhaltendem hohen Tempo und dramaturgisch geschicktem Spannungsaufbau wirken die vielen Wendungen sehr konstruiert und nicht immer überzeugend. Dennoch bietet der fünfte Harry-Bosch-Roman überdurchschnittlichen Thrill mit einem überaus charismatischen Detective.
Leseprobe Michael Connelly - "Das Comeback"

Don Winslow – (Boone Daniels: 2) „Pacific Paradise“

Sonntag, 13. August 2017

(Suhrkamp, 386 S., Tb.)
In den Hundstagen des Spätsommers ist in Pacific Beach nicht viel los. Auch wenn es keine nennenswerte Brandung gibt, ist der ständig abgebrannte Ex-Cop und Privatermittler Boone Daniels mit der Dawn Patrol, also seinen Freunden Dave the Love God, High Tide, Johnny Banzai und Hang Twelve, früh morgens im Wasser – fehlt nur noch Boones Ex-Freundin Sunny Day, die in Australien an der Women’s Professional Surfing Tour teilnimmt. Doch dann bekommt Boone gleich mehrere Aufträge: Für seinen schwerreichen Surfer-Kumpel Dan Nichols soll er eine unliebsame Beschattung vornehmen: Nichols vermutet, dass ihn seine Frau Donna betrügt.
Kaum hat Boone herausgefunden, dass Donna tatsächlich mit dem Geologie-Gutachter Phil Schering in die Kiste steigt, und es seinem Auftraggeber gesteckt, wird Schering in seinem Haus erschossen. Klar, dass Dan der Tat verdächtigt wird, aber auch Boone selbst gerät ins Visier der Ermittlungen, da sein Wagen am Tatort gesehen wurde. Kniffliger gestaltet sich der Auftrag, um den ihn seine Freundin Petra Hall bittet, die für die renommierte Kanzlei Burke, Spitz und Culver arbeitet, die zu Boones Stammkunden zählt.
Corey Blasingame, Sohn des Baulöwen Bill Blasingame, soll die Surferlegende Kelly Kuhio umgebracht haben und hat dies bereits in einem Geständnis niedergeschrieben. Dass Boone ausgerechnet für Blasingames Verteidigung arbeitet, schmeckt seinen Freunden überhaupt nicht. Bei seinen Ermittlungen stößt Boone schließlich auf Zusammenhänge zwischen seinen beiden Fällen, die auf einen riesigen Erdrutsch zurückzuführen sind, der achtzehn Luxus-Häuser in den Abgrund gerissen hatte.
„Was ist mit deinen Freunden, der Dawn Patrol? Waren auch diese Freundschaften auf einem brüchigen, kaputten Fundament erbaut? War es von Anfang an unvermeidbar, dass uns Unterschiede in Hautfarbe, Geschlecht, Ambitionen und Träumen auseinanderreißen würden, wie Kontinente, die einst fest verbunden waren und zwischen denen sich jetzt Ozeane erstreckten?“ (S. 365) 
Don Winslow, der nicht nur als Autor, sondern auch als Gelegenheitssurfer in Südkalifornien lebt, hat 2008 mit „The Dawn Patrol“ (2009 unter dem Titel „Pacific Private“ veröffentlicht) das Kunststück vollbracht, das besondere Lebensgefühl der Surfergemeinde in Südkalifornien mit einer spannenden Krimi-Handlung zu verbinden. Ein Jahr später erschien mit „Pacific Paradise“ („The Gentlemen’s Hour“ im Original) die bislang einzige Fortsetzung, in der Winslow in lockerer Sprache und mit viel Humor einmal mehr Sunnyboy Boone Daniels durch etliche Schwierigkeiten manövrieren lässt. Mord, Korruption, Freundschaft, Verrat und Liebe bilden dabei einen unterhaltsamen und spannenden, zuletzt auch recht brutalen Mix, in dem die einzelnen Charaktere zwar nicht besonders ausgefeilt gezeichnet sind, ihre komplexen Beziehungen zueinander aber das psychologische Profil des Krimis bilden.

Larry Brown – „Fay“

Donnerstag, 10. August 2017

(Heyne, 652 S., HC)
Weil sie es zuhause mit ihrem gewalttätigen Vater nicht mehr aushält, verlässt die siebzehnjährige Fay Jones ihre Geschwister und das ärmliche Leben, das sie in den Wäldern Mississippis in einer Blechhütte geführt hatte, um nach Biloxi zu gehen. Am Meer erhofft sie sich dort das Glück, das ihr bislang verwehrt worden war, doch mit zwei Dollar im schäbigen BH kann der Weg bis dorthin beschwerlich werden, zumal sie durch die frühzeitig abgebrochene Schule noch wenig von dem weiß, was in der Welt so vor sich geht.
Naiv, wie sie ist, lässt sich das attraktive Mädchen von drei jungen Männern aufgabeln und wird in ihrem Trailer-Park auch gleich belästigt. Mehr Glück scheint sie mit dem State Trooper Sam zu haben, der sie mit nach Hause nimmt, das idyllisch an einem Stausee bei Oxford liegt. Sam und seine Frau Amy nehmen Fay wie eine Tochter bei sich auf. Wie Fay bald erfährt, haben die beiden ihre Tochter Karen bei einem Autounfall verloren, seitdem haben sich Sam und Amy auseinandergelebt. Wenn Fay nicht in ihrem eigenen Laden arbeitet, betrinkt sie sich auf der heimischen Veranda, Sam hält sich mit der cholerischen Alesandra eine reiche Geliebte.
Als Amy bei einem Autounfall ums Leben kommt und Fay Sams Geliebte tötet, muss sie weiterziehen. Zwar schafft sie es tatsächlich bis nach Biloxi, landet aber in einem Strip-Lokal, wo sie von dem unberechenbaren Aaron unter die Fittiche genommen wird. Allerdings wünscht sie sich nichts mehr, als dass sie zu Sam zurückkehren kann …
„Sie konnte im Handumdrehen verschwinden. In nicht mal fünf Minuten konnte sie draußen auf der Straße sein. Doch die Straße führte nur zu Orten, die sie nicht kannte. Diesen Ort kannte sie wenigstens halbwegs. Und in diesem kurzen Moment beschloss sie zu bleiben.“ (S. 409) 
Bei dem Erfolg von Südstaaten-Autoren wie James Lee Burke, Joe R. Lansdale, Donald Ray Pollock und Daniel Woodrell mutet es fast kurios an, dass der aus Oxford, Mississippi, stammende und leider schon 2004 im Alter von 53 Jahren viel zu früh verstorbene Autor Larry Brown hierzulande noch gänzlich unbekannt ist.
Sein zweiter Roman „Joe“ wurde 2013 mit Nicolas Cage in der Hauptrolle verfilmt, doch mit „Fay“, seinem vierten Roman“, erscheint bei – natürlich – Heyne Hardcore erstmals eines seiner Bücher in deutscher Sprache.
In epischer, aber nie ermüdender Länge beschreibt Brown in schnörkelloser Prosa und authentisch knappen Dialogen den harten Weg, den ein absolut ungebildetes, aber richtig hübsches Mädchen zur Selbständigkeit geht. In diesem eindringlichen Coming-of-Age-Road-Movie lernt Fay eine ganz unterschiedliche Schar von Männern kennen, junge Typen, die ihr Opfer betrunken machen und auf eine schnelle Nummer aus sind, und Vaterfiguren, zu denen sie ambivalente Gefühle entwickelt.
Mit der Zeit weiß sich Fay durchaus zu helfen und bekommt es in kurzer Zeit mit mehr toten Menschen und Schwierigkeiten zu tun, als ihr lieb sein kann. Als sie schließlich in Biloxi ankommt, erwartet sie mitnichten das erhoffte Paradies am Strand, sondern die ernüchternde Realität eines Strip-Clubs, in dem sie zum Glück nicht arbeiten muss.
Wie sie sich durchschlägt und die Männer in ihrem Leben verrückt macht, ist wunderbar einfühlsam geschrieben und lässt den Leser mit dem armen Mädchen auf jeder Seite mitfühlen. Abwechslung bringt Brown durch hin und wieder wechselnde Erzählperspektiven – beispielsweise von Sam oder Aaron – ins Spiel, aber es ist vor allem Browns Art, die Figuren und den amerikanischen Süden so lebendig zu zeichnen, dass „Fay“ so ein beeindruckendes Lesevergnügen darstellt.
Bleibt zu hoffen, dass auch Browns übrige Werk von Heyne (Hardcore) – gern in ebenso feiner Ausstattung – veröffentlicht wird. 
Leseprobe Larry Brown - "Fay"

Lee Child – (Jack Reacher: 8) „Die Abschussliste“

Samstag, 5. August 2017

(Blanvalet, 478 S, HC)
Kaum hat Jack Reacher, Major bei der Militärpolizei, ganz nüchtern den Jahreswechsel 1989/1990 in seinem Dienstzimmer in Fort Bird verfolgt, wo er erst vor ein paar Tagen aus Panama versetzt worden war, da erhält er Meldung von dem Tod des Zweisternegenerals Kenneth Kramer. Offensichtlich ist er in dem billigen Motel, in dem er aufgefunden wurde, beim Sex mit einer Zwanzig-Dollar-Prostituierten an einem Herzinfarkt gestorben. Als Reacher Kramers Frau informieren will, ohne die näheren Begleitumstände zu erwähnen, findet er allerdings auch sie tot in ihrem Haus auf, mit einem schweren Brecheisen erschlagen, wie die Autopsie ergibt. Reacher erfährt auf Nachfrage bei seinem Kommandeur Oberst Garber, dass Kramer beim XII. Korps in Deutschland stationiert und zu einer Kommandeurstagung der Panzertruppe in Fort Irwin unterwegs war.
Doch bevor Reacher ermitteln kann, warum sich der wichtige Kommandeur fast dreihundert Meilen vom Tagungsort entfernt in einer billigen Absteige vergnügt hatte und sein Aktenkoffer gestohlen wurde, wird Garber nach Ostasien versetzt und Reacher von seinem neuen Vorgesetzten Willard von dem Fall abgezogen. Reacher und seine Partnerin, Leutnant Summer, werden das Gefühl nicht los, dass das Militär ein Komplott zu vertuschen versucht, denn wenig später werden zwei weitere Offiziere tot aufgefunden.
Um sich dem von Willard ausgestellten Haftbefehl zu entziehen, ermitteln Reacher und Summer auf eigene Faust und wühlen einiges an Staub auf …
„Frei zu sein, war ein seltsames Gefühl. Ich hatte so gut wie jede Minute meines Lebens dort verbracht, wo das Militär mich hinschickte. Jetzt kam ich mir wie ein Schulschwänzer vor. Auch hier draußen existierte eine Welt. Sie war mit ihrem eigenen Kram beschäftigt und gebärdete sich chaotisch und undiszipliniert. Ich lehnte mich zurück und beobachtete, wie sie draußen vorbeizog, bunt und stroboskopisch, Zufallsbilder, die Sonnenlicht auf einem Fluss aufblitzen.“ (S. 290) 
Eigentlich müsste „Die Abschussliste“ den Auftakt der Reihe um Jack Reacher bilden, denn zum Jahreswechsel 1989/1990, wo der tatsächlich achte Roman der Erfolgsserie zeitlich angesiedelt ist, ist Reacher noch Ermittler bei der Special Unit der Militärpolizei, wo er insgesamt dreizehn Jahre gedient hatte und als Major entlassen wurde.
Der Rückblick auf das Ende von Reachers Karriere bei der Army wartet mit vielen Hintergrundinformationen zu der US-Army auf, vor allem zu den Grabenkämpfen zwischen den verschiedenen Truppengattungen und den Strategien ihrer jeweiligen Führungskräfte, die anderen Gattungen zu diskreditieren und die eigenen Stärken in den Vordergrund zu stellen. Das wird besonders durch die auffällig vielen zeitgleichen Versetzungen von Reacher und seinen Kollegen aus anderen Stützpunkten und der offensichtlich verräterischen Tagesordnung der eingangs erwähnten Konferenz deutlich, die nicht mehr aufzufinden ist und von der andere Konferenzteilnehmer nichts wissen wollen.
Während Reachers Ermittlungen unter dem Radar lange nicht wirklich vorankommen, bleibt ihm Zeit, sich mit seinem Bruder Joe von seiner sterbenskranken Mutter in Paris zu verabschieden und dabei ein erstaunliches Geheimnis aus ihrem Leben zu erfahren. Natürlich darf Reacher mit seiner imposanten Erscheinung auch physisch wieder einige Denkzettel verpassen und seinen authentischen Charme bei Leutnant Summer wirken lassen, und natürlich kommt er nach einigen Irrwegen am Ende auch der vertrackten Auflösung der mysteriösen Todesfälle auf die Spur.
Lee Child überzeugt dabei als gnadenlos effizienter Erzähler, der nur die nötigsten Informationen in schnörkelloser Sprache und knapp formulierten Sätze packt, damit aber auch das Erzähl- und Lesetempo vorantreibt. Auch wenn für manchen Leser vielleicht etwas zu viel über die Army referiert wird, so ist „Die Abschussliste“ vor allem deshalb lesenswert, weil es deutlich macht, dass sich Reacher schon bei der Army nicht an die dort herrschenden Regeln gehalten hat, sondern seinem eigenen Gerechtigkeitssinn gefolgt ist. Das wird besonders am Ende deutlich, als sich Reacher für seine Brutalität, wegen der er angezeigt worden ist, verantworten soll.
So bietet „Die Abschussliste“ auf der einen Seite ein faszinierendes Militär-Komplott, auf der anderen Seite aber einen wertvollen Einblick in Reachers familiäre Bindungen. 
Leseprobe Lee Child - "Die Abschussliste"

Joey Goebel – „Vincent“

Montag, 31. Juli 2017

(Diogenes, 433 S., HC)
Mit IUI/Globe-Terner hat Foster Lipowitz ein gewaltiges Medienimperium geschaffen, das seine Konkurrenten weit hinter sich gelassen hat. Doch als der Firmenmogul im Alter von siebzig Jahren feststellen muss, dass er vom Krebs zerfressen wird, unternimmt er eine umfassende Inventur seines Unternehmens und ist von Schuld und Ekel erfüllt. Er gründet mit New Renaissance eine Tochtergesellschaft, die sich mit kulturell wertvollen Werken von den sinnfreien Reality-Shows, dümmlichen Sitcoms und von Special Effects und Sex geprägten Action-Streifen abheben sollen, mit denen IUI/Globe-Terner zur Verblödung des Publikums beigetragen haben.
Dem ehemaligen Schauspieler Steven Sylvain und dem wenig erfolgreichen Plattenrezensenten Harlan Eiffler obliegt es, in ihrer Position als Manager und Agent über 400 Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren auszuwählen, die über eine besondere künstlerische Begabung verfügen und in Kokomo, Indiana, mit einem Vollstipendium auf die New Renaissance Academy gehen, wo sie zu außergewöhnlichen Autoren, Musikern und Filmemachern herangezogen werden sollen.
Einer dieser Kandidaten ist Vincent (Vater unbekannt, die Mutter eine Hure), der mit seiner depressiven Grundeinstellung wie gemacht scheint für das Projekt. Eiffler ist dafür zuständig, dem Jungen das größtmögliche Leid zuzufügen, damit Vincent stets zu großer Kunst inspiriert wird. Die Saat geht tatsächlich auf: Nachdem Eiffler erst Vincents Hund vergiftet und dann seine möglichen Freundinnen mit monatlichen Schecks in die Wüste geschickt hat, schreibt Vincent nicht nur für den charismatischen, aber sexsüchtigen Sänger Chad großartige Songs, sondern auch erfolgreiche Sitcoms.
„Vincent war nicht attraktiv. Vincent war ein übelriechendes Wrack. Wenigstens schrieb er jetzt hektisch und wie besessen, hauptsächlich von Jane inspiriert. Doch er ackerte bis zur Erschöpfung. Ich flehte ihn an, weniger zu schuften, aber er hörte nicht auf mich. Er war fest entschlossen, sich den Schmerz aus dem Leib zu schreiben. Und wenn er nicht schrieb, dachte er sich Akkordfolgen auf der Gitarre aus, die ihn zum Weinen brachten, und spielte sie immer und immer wieder.“ (S. 254) 
Joey Goebel, der selbst Punkrocker gewesen ist und als Leadsänger mit seiner Band The Mullets fünf Jahre lang durch den Mittleren Westen bis nach Los Angeles tourte, geht in seinem zweiten Roman nach „Freaks“ der spannenden Thematik nach, ob kulturelle Erzeugnisse für den Mainstream so seicht sein müssen, weil das Publikum danach verlangt, oder ob man es mit gehobener Kultur auch erreichen kann. Darüber hinaus verfolgt der Autor die interessante Frage, ob große Kunst nur dann entstehen kann, wenn der Kunstschaffende so großes Leid verspürt, dass er sich den Schmerz nur im kreativen Prozess vom Leib schaffen kann.
In dem Roman tritt Harlan Eiffler als Ich-Erzähler auf, der zunächst Vincents Kindheit als Ergebnis verschieden möglicher Samenspender und einer wild herumvögelnden Mutter rekapituliert, um dann sein Konzept von großer Kunst, die aus großem Kummer generiert wird, vorzustellen.
„Vincent“ überzeugt vor allem in der kritischen, manchmal satirisch überhöhten Auseinandersetzung mit den faden Unterhaltungserzeugnissen der heutigen Pop- und Fersehkultur, aber der Roman zeigt auch auf, wie schwer ist es, so Einfluss auf Künstler zu nehmen, dass sie inspiriert bleiben. Ob dies tatsächlich nur durch großes Leid hervorgerufen kann, mag dahingestellt sein, erfüllt für den Roman aber den Zweck, eine faszinierende Geschichte zu erzählen.
Auch wenn sein Manager Eiffler als Ich-Erzähler fungiert, steht doch Vincent selbst im Mittelpunkt einer wunderbar unterhaltsamen, erfrischend kulturkritischen Geschichte, in der es natürlich auch um die große Liebe, Drogen, Sex, Ruhm, Partys und Tod geht und dabei mal zum Schmunzeln anregt, dann wieder zu Tränen rührt.

Andrea De Carlo – „Creamtrain“

Sonntag, 30. Juli 2017

(Diogenes, 256 S., HC)
Auf Einladung seiner Urlaubsbekanntschaften, des Drehbuchautors Ron und seiner Frau Tracy, reist der 25-jährige Mailänder Giovanni nach Los Angeles, doch das Zusammenleben ist zunehmend von einem gereizten Klima geprägt, da sich Rons aktuelles Treatment offenbar nicht an den Mann bringen lässt.
Um sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, nimmt Giovanni einen Job als Kellner in einem italienischen Restaurant an und zieht bei seiner Kollegin Jill ein, die ohnehin nach einem neuen Mitbewohner gesucht hat.
Als auch das Zusammenleben mit Jill immer problematischer wird, schmeißt Giovanni den Kellnerjob und heuert bei einer Sprachschule an, wo er der bekannten Schauspielerin Marsha Mellows Italienisch beibringt. Durch sie lernt er die bessere Gesellschaft kennen, ist aber alles andere als fasziniert von der dort durchdringenden Oberflächlichkeit.
„Ich drängte mich in eine Gruppe von Leuten, die schwatzend und lachend warteten, dass ein Kellner in grüner Jacke ihnen Cocktails servierte. Ich wollte herausfinden, wer sie waren und was sie beruflich machten, aber schließlich erschien mir die Frage ganz irrelevant. Sie waren alle so unverkennbar erfolgreich: brillant und nervig, strotzend von ganz auf sich selbst gerichteter Energie.“ (S. 244) 
Mit seinem 1981 veröffentlichten Debütroman „Creamtrain“, der vier Jahre später auch in deutscher Übersetzung erschienen ist und mit dem Premio Comisso ausgezeichnet wurde, verarbeitete der Mailänder Schriftsteller Andrea De Carlo seine Erfahrungen mit Amerika und lässt seinen jungen Protagonisten seine etwas diffuse Suche nach Glück und Anerkennung in klarer, prägnanter Sprache und mit fotorealistischer Beobachtungsgabe reflektieren.
Was Giovanni vor allem irritiert, sind die Menschen, mit denen er während seiner unterschiedlichsten Jobs zu tun hat, mit den Frauen, die nicht wirklich attraktiv, aber schon auf unbestimmte Weise interessant sind, zu denen er aber keine enge Beziehung aufbauen kann. Vor allem seine prominente Italienisch-Schülerin Marsha Mellows, die er aus dem Film „Creamtrain“ kennt, bereitet ihm Kopfzerbrechen. Wirkliche Nähe kommt bei ihren Zusammentreffen aber nicht auf, selbst als Giovanni den Mut aufbringt, sie zum Essen zu sich nach Hause einzuladen, und der Abend auf einer Schickimicki-Party ausklingt, zu der sie ihn mitnimmt.
Bei aller Irritation, die Giovanni im Umgang mit den selbstherrlichen Reichen, Erfolgreichen Arroganten empfindet, weiß er aber auch selbst nicht, wie er sich verhalten, wo er in seinem Leben überhaupt hinwill. Seine Jobs öden ihn nach kurzer Zeit an, mit den Menschen kommt er nicht klar, seine beruflichen Ambitionen scheinen in Richtung Fotografie zu gehen, doch ernsthaft bemüht ist er auch in dieser Hinsicht nicht.
„Creamtrain“ liest sich wie die ernüchternde Sicht eines Außenstehenden auf die Reichen und Schönen in Hollywood, denen offenbar an nichts mehr gelegen ist, als einander in ihrem Erfolg und in ihren Statussymbolen vergleichbar zu sein. Großartige neue Erkenntnisse darf der Leser in dieser Hinsicht allerdings kaum erwarten.
Der kurze Roman wirkt wie das Portrait eines ziellos in den USA gestrandeten jungen Europäers, der nicht mal zu sich selbst findet, sondern nur nicht mit seiner jeweiligen Umgebung zurechtkommt. Das ist durchaus unterhaltsam geschrieben, entbehrt aber jeder Spannung oder auch nur Entwicklung.

Michael Connelly – (Harry Bosch: 3) „Die Frau im Beton“

Freitag, 28. Juli 2017

(Heyne, 429 S., Tb.)
Harry Bosch steckt mal wieder in der Klemme. Der 43-jährige Detective muss sich in einem Bürgerrechtsprozess verantworten, nachdem ihn die Witwe des mutmaßlichen Puppenmacher-Mörders Norman Church verklagt hat, vor vier Jahren in unverhältnismäßiger Weise ihren Mann erschossen zu haben. Während sein eigener Anwalt Belk vor Gericht keine wirklich gute Figur macht, versucht die ambitionierte Anwältin der Klägerin, Honey Chandler, nachzuweisen, dass Bosch, da er allein gehandelt hat, die vorgebrachten Beweise manipuliert und die Schusswaffe unrechtmäßig benutzt hat, die den unbewaffneten Verdächtigen getötet hat.
Schwierig wird der Fall vor allem durch das Auftauchen einer weiteren Leiche, die nach dem Ausbrennen eines Gebäudes im Beton gefunden wird und nachweislich nach dem Tod des berüchtigten Puppenmachers ermordet wurde. Wenn er nicht gerade vor Gericht sein muss, versucht Bosch mit seinem Partner Jerry Edgar die genauen Umstände der Tat herauszufinden, und kommt zu dem Schluss, dass es einen Nachahmungstäter geben muss, der Zugang zu den Ermittlungen damals gehabt haben muss. Doch wenn dies im Prozess zur Sprache kommt, könnte dieser Täter gewarnt werden.
Unter der Leitung von Chief Irving wird eine Einsatzgruppe ins Leben gerufen, die das Muster hinter den Morden detaillierter zu entschlüsseln versucht. Derweil unterstellt Chandler Bosch ein außergewöhnliches Motiv für seine vermeintlich unangebracht forsche Tat, nämlich Rache für den nach wie unaufgeklärten Mord an seiner eigenen Mutter, die ebenfalls als Prostituierte gearbeitet hat.
„Hatte sie etwa recht? Er hatte nie bewusst darüber nachgedacht. Er war da, der Gedanke an Rache. Irgendwo verborgen, zusammen mit den verblassten Erinnerungen an seine Mutter. Aber er hatte ihn nie ins Bewusstsein geholt und untersucht. Warum war er in jener Nacht allein losgefahren? (…)
Bosch hatte sich selbst und allen anderen immer versichert, er hätte so gehandelt, weil er der Nutte nicht geglaubt hatte. Inzwischen war es seine eigene Story, die er bezweifelte.“ (S. 138) 
Auch in privater Hinsicht stellt ihn der Puppenmacher-Fall vor eine harte Probe, denn Boschs Freundin Sylvie, die er als Witwe eines seiner Kollegen kennengelernt hat, versucht vergeblich, zu Boschs inneren Wesen vorzudringen.
Mit dem dritten Band seiner bis heute enorm erfolgreichen Romanreihe und mittlerweile als von Amazon produzierten Streaming-Serie um den charismatischen Detective Harry Bosch präsentiert Pulitzer-Preisträger Michael Connelly vor allem einen packenden Gerichtsthriller, in dem nicht nur Boschs Alleingang mit tödlichem Ausgang verhandelt, sondern auch seine persönliche Vergangenheit als Kind einer Prostituierten aufgewühlt wird.
Besonders packend entwickelt sich aber die Ermittlung zum neuen Leichenfund der blonden Frau, die zwar grob ins Muster der Puppenmacher-Morde passt, aber zunehmend deutlich macht, dass es einen Nachahmungstäter aus dem engsten Kreis des damaligen Ermittlungsteams geben muss. Natürlich kommen dabei immer neue Kandidaten ins Spiel, bis die Beweislage andere Schlüsse nahelegt und der Täter nach wie vor frei herumläuft.
So ganz schlüssig sind diese Wendungen nicht immer, sind aber einfach den Konventionen des Genres geschuldet, die Connelly souverän beherrscht. Psychologisch interessanter ist dagegen die Auseinandersetzung vor Gericht, die Bosch zu kritischen Selbstreflexionen anregt.
Mit „Die Frau im Beton“ hat Connelly damals noch nicht seinen besten Bosch-Thriller abgeliefert, aber einen, der ohne Längen und mit gut gezeichneten Figuren bis zum Finale packend unterhält.

Lee Child – (Jack Reacher: 5) „In letzter Sekunde“

Samstag, 22. Juli 2017

(Blanvalet, 504 S., Tb.)
Um weiteren Problemen aus dem Weg zu gehen, türmt Jack Reacher in Lubbock, Texas, aus dem Fenster seines Hotelzimmers und versucht wie gewohnt, als Anhalter seine Reise ohne bestimmtes Ziel fortzusetzen, nachdem er am Abend zuvor – ohne dessen Identität zu kennen – einen der örtlichen Cops in der Bar aufgemischt hatte. Zu seiner Überraschung wird Reacher schon nach drei Minuten von der attraktiven Carmen Greer aufgelesen, die ihn mit nach Pecos nimmt und ihn um Hilfe bittet, ihren Ehemann Sloop aus dem Verkehr zu ziehen.
Zwar sitzt er gerade wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis, wird aber in einer Woche entlassen. Offensichtlich hat er Carmen über Jahre hinweg geschlagen, aber ihr fehlen einfach die Mittel, zusammen mit ihrer Tochter Ellie ein neues Leben irgendwo anders anzufangen.
Reacher nimmt einen Job auf der Ranch ihrer im Echo County alteingesessenen Familie an und lernt nicht nur den Hass kennen, der der aus einfachen Verhältnissen stammenden Frau durch ihre Familie entgegenschlägt, sondern auch den ambitionierten Staatsanwalt Hack Walker, der sich zum Richter wählen lassen möchte. Dann überschlagen sich die Ereignisse: Sloop wird schon am Wochenende entlassen, sein Anwalt Al Eugene verschwindet spurlos, und Reacher wird das Gefühl nicht los, dass Sloops Bruder Bobby und die Arbeiter auf der Ranch ihm ans Leder wollen.
Kaum ist Sloop wieder zuhause, wird er erschossen und Carmen ins Gefängnis gebracht. Reacher engagiert die Anwältin Alice Aaron, um Carmen aus der verfahrenen Situation zu retten. Er selbst wird von Walker zum Deputy ernannt und beginnt, Ungereimtheiten in dem Fall zu entdecken.
„Dafür bin ich geschaffen. Die Spannung der Verfolgungsjagd. Ich bin ein Ermittler, Alice, bin stets einer gewesen und werde einer bleiben. Ein Jäger. Und als Walker mir diesen Stern gegeben hat, hat mein Verstand zu arbeiten begonnen.“ (S. 389) 
Auch im fünften Band bleibt Bestseller-Autor Lee Child seinem Jack-Reacher-Konzept treu: Der freiwillig aus dem Militärdienst ausgeschiedene Reacher wird anfangs in einer physisch ausgeprägten Szene eingeführt, aus der er natürlich als souveräner Sieger hervorgeht, ist dadurch aber gezwungen, einmal mehr als Anhalter weiterzuziehen, wobei er – wie es der Zufall so will - wieder sofort in einen vertrackten Fall hineingezogen wird.
Im Gegensatz zum letzten Band „Zeit der Rache“ hat der Autor sich diesmal zum Glück mehr Mühe mit der Konstruktion eines überzeugenden Plots gemacht, den er in gewohnt klarer Sprache mit feinem Gespür für die Atmosphäre auf einer texanischen Ranch beschreibt. Allerdings wäre eine feinere Charakterisierung der Greer-Familie wünschenswert gewesen, denn sowohl Carmens Schwiegermutter Rusty als auch ihr Schwager Bobby werden doch nur sehr grob skizziert.
Dafür wird die undurchsichtige Carmen sehr geschickt als Frau dargestellt, der Reacher zwar Glauben schenkt, von vielen anderen aus ihrem Umfeld aber als berechnende Lügnerin hingestellt wird.
Die Beziehung zwischen Reacher und der Anwältin Alice gefällt durch die knackigen Dialoge. Prägnante Action, ein packendes Finale und psychologisch interessant konstruierte Beziehungen machen „In letzter Sekunde“ zu einem durchweg kurzweiligen Lesevergnügen. 
Leseprobe Lee Child - "In letzter Sekunde"

Jason Starr – „Stalking“

Mittwoch, 19. Juli 2017

(Diogenes, 524 S., Tb.)
Obwohl der 23-jährige Bank-Angestellte Andy Barnett mit Katie Porter befreundet ist, versucht er nach wie vor auch bei anderen Frauen in Manhattan zu landen. Mit fünf anderen Jungs lebt er in einem 4-Zimmer-Apartment im Normandie Court und hat durch einen recht geringen Mietanteil genug Geld zum Ausgehen zur Verfügung. Doch Katie lässt sich nicht so leicht ins Bett bekommen, wie Andy gehofft hat, das erste Mal läuft vor allem für Katie völlig daneben. Neben so einem Rüpel wie Andy wirkt ihr alter Schulfreund Peter Wells zunächst wie der Gentleman in Person. Scheinbar zufällig treffen sich die beiden in dem Fitnessstudio, in dem Peter gerade einen Job angenommen hat.
Doch Peter, der schon mit Katies jüngeren Schwester Heather befreundet gewesen ist, die sich vor einiger Zeit das Leben genommen hat, hat die Beziehung zu Katie von langer Hand geplant und ist fest entschlossen, seine Konkurrenten gnadenlos auszuschalten.
„Wie ärgerlich, dass er nur so wenig von ihr wusste, aber er ging davon aus, dass es da schon den einen oder anderen gab. Wenn nicht Freunde, dann eben Bekannte, Schweine, die nur auf ihre Chance warteten, darauf, dass Katie eine Schulter zum Anlehnen brauchte. Die würden sich ihr bereitwillig zur Verfügung stellen, um gleich darauf Katie mit Haut und Haaren zu verschlingen. (…) Er würde alles tun, um Katie nicht zu verlieren.“ (S. 294) 
Mit seinem 2007 erschienenen Roman „The Follower“, den der Diogenes Verlag zwei Jahre später unter dem Titel „Stalking“ veröffentlichte, taucht der aus Brooklyn stammende Autor Jason Starr tief in die oberflächlichen Mechanismen von Anmach-Strategien, One-Night-Stands und Verkupplungs-Versuchen unter Freunden ein und stellt in schnörkelloser, einfacher Sprache dar, nach welchen Kriterien junge Männer und Frauen ihre Bekanntschaften aussuchen.
Besonders eindrücklich beschreibt Starr in einer Szene, wie Andy verzweifelt versucht, seine Jungfräulichkeit in Sachen Analsex zu verlieren. Dabei entlarvt er nicht nur die Naivität der Mädchen, die auf eine gute Partie hoffen, aber nicht so recht zu wissen scheinen, wie sie die Tauglichkeit ihrer Verehrer in dieser Hinsicht feststellen können, sondern auch das machomäßige Imponiergehabe der männlichen Fraktion, der es nur um das Eine zu gehen scheint.
Interessant wird der Roman allerdings erst durch den Kriminalfall, den Starr nach gut 200 Seiten entwickelt. Hier kommt die verzweifelte Katie immer weniger mit der Tatsache klar, dass Peter sich schon so auf eine gemeinsame Zukunft mit ihr vorbereitet hat und von seinem Plan nicht abzubringen ist. Auf einmal erscheinen traumatische Ereignisse aus Katies Vergangenheit in einem ganz neuen Licht.
In sprachlicher Hinsicht stellt „Stalking“ sicher keine Offenbarung dar, doch der unprätentiöse Schreibstil mit den lebendigen Dialogen macht die Lektüre des Romans zu einer kurzweiligen Angelegenheit. Auch wenn die Charakterisierung der Figuren unter der saloppen Inszenierung leidet, bietet „Stalking“ einen unterhaltsamen Mix aus Drama, Krimi-Spannung und trockenem Humor.

Lee Child – (Jack Reacher: 4) „Zeit der Rache“

Sonntag, 16. Juli 2017

(Blanvalet, 510 S., Tb.)
In einem nahezu leeren italienischen Restaurant beobachtet Jack Reacher zwei Männer, die dem Inhaber offenbar das wöchentliche Schutzgeld abnahmen. Wenig später schlägt Reacher die beiden Männer in einer Gasse krankenhausreif und erfährt, dass sie das Geld für einen skrupellosen Gangster namens Petrosian eintreiben. Als er zu seinem Haus in Garrison fährt, wird er von FBI-Agenten empfangen und in die Außenstelle New York gebracht, wo ihn der stellvertretende Direktor Alan Deerfield, die leitenden Agents Nelson Blake und James Cozo sowie die beiden Special Agents Tony Poulton und Julia Lamarr ins Verhör nehmen, die allesamt mit Serienkriminalität und organisiertem Verbrechen zu tun haben. Sie befragen Reacher zu den Frauen Amy Callan und Caroline Cooke, die er während seiner Dienstzeit beim Militär kennengelernt hat und die nun auf grausame Weise ermordet worden sind, nachdem sie ihre Vorgesetzten wegen sexueller Belästigung angezeigt und später den Dienst quittiert hatten.
Zwar halten sie Reacher nicht für den Täter, bitten ihn aber um Mitarbeit bei der Aufklärung der Morde, weil sie den Täter in den Reihen des Militärs vermuten. Der Täter lässt seine Opfer nackt in eine Wanne mit grüner Tarnfarbe steigen, wo sie unter unbekannten Umständen zu Tode kommen, und hinterlässt absolut keine Spuren.
Als auch eine dritte Frau auf die gleiche Art stirbt und jeweils genau drei Wochen zwischen den Morden liegen, haben Reacher und das FBI nur wenig Zeit. Neben dem aufreibenden Fall hat Reacher auch in privater Hinsicht Entscheidungen zu treffen. Nachdem er das Haus seines Freundes und Kommandeurs Leon Garber geerbt hat und mit seiner Tochter Jodie liiert ist, die kurz davorsteht, Partnerin in ihrer Kanzlei zu werden, fühlt sich Reacher zu sehr in seiner Freiheit eingeengt.
„Endlich ging es wieder irgendwo hin. Endlich war er wieder unterwegs. Er kam sich vor wie ein wechselwarmes Tier nach dem Winterschlaf, wenn das Blut wieder in Wallung gerät. Sein alter Wandertrieb meldete sich zu Wort. Nun bist du also wieder froh und glücklich, sagte er. Du hast sogar einen Moment lang vergessen, dass du droben in Garrison ein Haus am Hals hast.“ (S. 110) 
Mit seinem vierten Jack-Reacher-Roman folgt Lee Child seinem bewährten Rezept. Zunächst führt er Reacher als gerechtigkeitsliebenden Mann ein, der Konfrontationen auch mit mehreren Männern stets sehr überlegt angeht und aus ihnen sehr souverän als Sieger hervorgeht. Der Leser bekommt einen kurzen Abriss von Reachers Laufbahn als Major bei der Militärpolizei und der Beziehung zu Leon Garbers Tochter. Schließlich wird er zur Zusammenarbeit mit dem FBI genötigt, um einen sehr gerissenen Serienmörder zu fassen.
Doch der zunächst interessant vertrackte Fall entpuppt sich als Angelegenheit, in der absichtlich falsche Fährten gelegt worden sind, die Reacher und seine ihn begleitende junge Agentin Lisa Harper aber erst nach weiteren Morden entwirren können. Leider gelingt es Lee Child diesmal nicht sehr überzeugend, die verschiedenen Ermittlungsansätze glaubwürdig miteinander zu verknüpfen. Am Ende wirkt die Auflösung doch sehr konstruiert und unglaubwürdig. Dazu sorgen die immer wieder mal eingestreuten Inneneinsichten des Täters für einen unnötigen Bruch in der Erzähldramaturgie, so dass „Zeit der Rache“ zwar einen faszinierenden Fall präsentiert, der auch die Schwierigkeiten der Zusammenarbeit zwischen Militär und FBI thematisiert sowie Reachers Drang nach Unabhängigkeit, aber letztlich wenig schlüssig zu Ende erzählt wird.

Joey Goebel – „Heartland“

Donnerstag, 13. Juli 2017

(Diogenes, 714 S., Tb.)
Blue Gene ist das schwarze Schaf der superreichen Mapother-Familie, die ihren Reichtum dem florierenden Tabakunternehmen in dem beschaulichen Bashford zu verdanken hat. Statt den geplanten Weg einer Ausbildung an einer privaten Elite-Uni einzuschlagen, zog es der mittlerweile 27-Jährige vor, den Kontakt zu seiner Familie abzubrechen, sein millionenschweres Erbe nicht anzurühren und eine Karriere als einfacher Verkäufer im örtlichen Wal-Mart zu verfolgen. Mittlerweile lebt er in einem Trailer-Park und verkauft (oder verschenkt) seine in der Kindheit gesammelten Spielzeuge – vor allem Action-Figuren – auf dem Flohmarkt.
Als seine Mutter Elisabeth ihn dort aufsucht, ahnt Blue Gene, dass sie nicht ohne Grund aufgekreuzt ist: Blue Gene möchte sich doch mit seinem Bruder John und seinem Vater Henry wieder versöhnen und vor allem John dabei unterstützen, ihn in dem kommenden Wahlkampf zu unterstützen, wo John gegen seinen Konkurrenten Frick als Kongressabgeordneter kandidiert.
Um sich die Stimmen des einfachen Volkes zu sichern, soll Blue Gene demonstrieren, dass John tatsächlich das Wohl seiner Angestellten und Wähler im Sinn hat und nicht nur hohle Sprüche klopft. Der Plan scheint aufzugehen, denn John Mapother liegt bald in den Umfragen vorn, doch dann sorgt durch ein Missgeschick die Aufdeckung eines dunklen Familiengeheimnisses für Turbulenzen. Blue Gene fängt wieder an, sein eigenes Ding durchzuziehen.
Mit der Sängerin Jackie Stepchild, für die Blue Gene mehr als freundschaftliche Gefühle empfindet, verwendet er nun sein Erbe dazu, das leerstehende Gebäude des alten Wal-Marts zu kaufen und armen Menschen zu helfen, wie z.B. seinem alten Kindermädchen Bernice. Doch diese Gemeinnützigkeit können John und Henry in ihrem Wahlkampf überhaupt nicht gebrauchen, und Blue Gene muss sich fragen, was der traditionelle Begriff Familie für ihn überhaupt noch bedeutet.
„Diese Wörter haben immer Vorrang, weil sie die Ideen verkörpern, die man sein Leben lang wertschätzen soll, so hat man es uns gelehrt. Und das alles ist gut und schön, aber was macht man, wenn man herausfindet, dass Wörter wie Mom, Dad, Bruder und Familie eigentlich gar nicht in das Bild passen, das man ein Vierteljahrhundert für richtig hielt?“ (S. 450) 
Der 1980 in Henderson, Kentucky, geborene und lebende Joey Goebel hat schon mit seinen ersten Romanen „Vincent“ und „Freaks“ eindrucksvoll bewiesen, dass er eine interessante neue Stimme in der amerikanischen Literatur darstellt. Mit dem 2008 und hierzulande ein Jahr später veröffentlichten Epos „Heartland“ dringt Goebel tief in die Psyche der amerikanischen Gesellschaft ein und seziert im Mikrokosmos einer elitären Familie und eines atypischen Wahlkampfs die traditionellen Werte, die in jedem Wahlkampf thematisiert werden.
Dabei entlarvt der Autor auf ebenso kluge wie humorvolle Weise die Doppelmoral konservativer Politiker und ihrer proklamierten Werte. Besonders in den Diskussionen zwischen Familienoberhaupt Henry und seinen Söhnen John und Eugene, aber auch im späteren Wahlkampf, in dem die Punkrockerin Jackie auch eine Rolle spielt, wird deutlich, wie sehr Freiheit mit Geld und Macht einhergeht. Goebel portraitiert das überschaubare Figuren-Ensemble mit viel Liebe zum Detail und psychologischem Feingefühl. Seine klare Sprache und sein Sinn für humorvolle Pointen machen „Heartland“ zu einer erfrischenden Lektüre, bei der kritisch die Mechanismen der Macht hinterfragt werden dürfen.

Dennis Lehane – (Kenzie & Gennaro: 2) „Dunkelheit, nimm meine Hand“

Dienstag, 11. Juli 2017

(Diogenes, 511 S., Pb.)
Kaum haben Angie Gennaro & Patrick Kenzie einen spektakulären Fall zu den Akten gelegt, erhalten sie einen Anruf von Eric Gault, der an der Bryce University Kriminologie unterrichtet und bei dem Kenzie damals an der University of Massachusetts ein paar Kurse belegt hatte. Erics Freundin, die renommierte Bostoner Psychologin Diandra Warren, will das Ermittler-Duo engagieren, weil sie vor einiger Zeit Besuch von einer jungen Frau bekam, die sich als Moira Kenzie und Freundin von Kevin Hurlihy vorstellte, der sie allerdings zu bedrohen schien und vor drei Wochen auch Diandra anrief, um ihr Angst einzujagen.
Gestern erhielt sie dann einen Brief mit dem Foto ihres Sohnes Jason. Kennzie und Gennaro willigen ein, Jason für einige Zeit zu beschatten, und ermitteln im Dunstkreis von Fat Freddy Constantine, dem Paten der Bostoner Mafia. Als mit Kara Rider eine alte Bekannte von Kenzie verstümmelt und gekreuzigt aufgefunden wird, führt die Spur zu einem Serienkiller, der allerdings seit Jahren im Gefängnis sitzt.
Je mehr Gennaro & Kenzie mit ihrem Aufpasser Bubba im Dreck wühlen, umso mehr häufen sich die bestialischen Morde, und Kenzie selbst gerät ins Visier des skrupellosen Killers, der in den Briefen, die er an den Ermittler adressiert hat, seine kranke Psyche offenbart.
„Ein ganz normaler Mensch, der jeden Morgen aufsteht, zur Arbeit geht und sich im Grunde für einen guten Kerl hält, hat mehr als genug Böses in sich. Vielleicht betrügt er seine Frau, vielleicht behandelt er seine Kollegen schäbig, vielleicht glaubt er insgeheim, dass es den einen oder anderen Menschenschlag gibt, der ihm unterlegen ist.
Meistens muss er sich damit nicht auseinandersetzen, dafür sorgt schon unsere Fähigkeit, uns vor uns selbst zu rechtfertigen (…)
Doch der Mann, der diesen Brief geschrieben hatte, hatte sich dem Bösen hingegeben. Er ergötzte sich am Leid anderer. Er versuchte nicht, Herr über seinen Hass zu werden. Er schwelgte darin.“ (S. 345f.) 
Bevor Dennis Lehane zu Beginn der 2000er Jahre mit seinen (erfolgreich von Clint Eastwood und Martin Scorsese verfilmten) Romanen „Mystic River“ und „Shutter Island“ zum internationalen Bestseller-Autoren avancierte, veröffentlichte er eine Reihe von fünf Romanen um die beiden Bostoner Ermittler Kenzie & Gennaro (2010 folgte mit „Moonlight Mile“ ein sechster und der bislang letzte Band der Reihe), die glücklicherweise nach und nach durch den Schweizer Diogenes-Verlag in neuer Übersetzung wiederveröffentlicht werden.
In „Dunkelheit, nimm meine Hand“ hat es das sympathische Duo, das sich auch persönlich sehr nahesteht, mit einer Reihe von besonders grausamen Morden zu tun, bei denen auch das FBI nicht recht weiterkommt. Lehane arbeitet nicht nur den Plot sehr detailliert aus, sondern taucht vor allem auch tief in das Leben und die Vergangenheit des Ich-Erzählers Patrick Kenzie ein, in die Beziehungen zu seinem Vater, zu seiner Kollegin und Freundin Angie Gennaro und schließlich zu seiner aktuellen Lebensgefährtin Grace und deren Tochter Mae.
Am Ende des packenden Thriller-Dramas, das auf komplexe Weise Polizei-Korruption, Mafia-Verbrechen und persönliche Schicksale miteinander verknüpft, haben sich dunkle Geheimnisse ans Tageslicht begeben, sind Überzeugungen verloren gegangen und Menschen und ihre Beziehungen zueinander nicht mehr so, wie sie vorher waren. Und Dennis Lehane ist fraglos ein Meister darin, die Gründe für diese tiefgreifenden Veränderungen glaubwürdig zu inszenieren. Auf die nächsten – neu übersetzten - Fälle von Kenzie & Gennaro darf sich der Krimi-Freund mehr als freuen! 
Leseprobe Dennis Lehane - "Dunkelheit, nimm meine Hand"

Lee Child – (Jack Reacher: 16) „Der letzte Befehl“

Sonntag, 2. Juli 2017

(Blanvalet, 448 S., HC)
Der Elite-Militärpolizist Jack Reacher wird von seinem Kommandeur Leon Garber im März 1997 nach Mississippi in die Kleinstadt Carter Crossing geschickt, wo er den Mord an der siebenundzwanzigjährigen Zivilistin Janice May Chapman untersuchen soll. Das Pentagon interessiert sich deshalb für den Fall, weil es durch Fort Kelham auch ein Army-Standort ist, wo nicht nur Ranger ausgebildet werden, sondern auch zwei Kompanien aus dem 75th Ranger Regiment stationiert sind, die sich bei heimlichen einmonatigen Einsätzen im Kosovo abwechseln.
Da Chapman drei Tage nach Rückkehr von Kompanie Bravo aus dem Kosovo vergewaltigt und verstümmelt worden ist, als die heimgekehrten Ranger ihren einwöchigen Urlaub angetreten haben, liegt der Verdacht nahe, dass ein Ranger für ihren Tod verantwortlich sein könnte.
Während Reachers Kollege Duncan Munro in Fort Kelham ermittelt, soll Reacher selbst verdeckt auf der zivilen Seite auf Spurensuche gehen, allerdings wird er nach seiner Ankunft gleich vom County Sheriff, der attraktiven Elizabeth Devereux, enttarnt, die sechzehn Jahre bei den Marines gedient hat. Reacher erfährt, dass vor Chapman zwei weitere schöne Frauen auf ähnliche Weise ermordet worden sind und dass alle drei Frauen ein Verhältnis mit dem Senatorensohn Reed Riley gehabt haben, der in Fort Kelham stationiert ist.
Doch bei ihren gemeinsamen Nachforschungen, während der sich die beiden Ermittler auch persönlich näherkommen, werden ihnen durch das Pentagon zunehmend Steine in den Weg gelegt, so dass Reacher den Verdacht nicht loswird, dass in Carter Crossing etwas von höchster Stelle aus vertuscht werden soll. Schließlich scheint Reacher selbst zur Zielscheibe zu werden …
„Diese Leute wussten genau, wann ich wohin wollte.
Was bedeutete, dass sie mir um zwölf Uhr oder kurz davor im Pentagon oder schon davor auflauern würden. Im Bauch des Ungeheuers. Viel gefährlicher als hier. Keine drei Meilen entfernt, aber eine völlig andere Welt in Bezug auf die Methoden, mit denen sie dort arbeiten würden.“ (S. 327) 
Mit seinem 16. Roman um den taffen Militärpolizisten Jack Reacher unternimmt Bestseller-Autor Lee Child eine interessante Reise in die Vergangenheit seines Helden, nämlich in das Jahr 1997, als Reacher durch die Vorfälle im Militärstandort Carter Crossing seine Karriere bei der Army beenden muss. Nach so vielen erfolgreichen, packenden und auch zweimal verfilmten Romanen, in denen wir Jack Reacher nur als Ex-Militärpolizisten kennengelernt haben, der fortan ohne festen Wohnsitz und nennenswerte Habe durch die USA reist und immer wieder in heikle Situationen gerät, erfährt der Leser endlich etwas aus Reachers aktiven Dienstzeit.
Davon abgesehen bietet „Der letzte Befehl“ alle Qualitäten, die die Jack-Reacher-Romane international so beliebt gemacht haben, einen charismatischen Protagonisten, der als Ich-Erzähler messerscharf Informationen sammelt, sie in Zusammenhänge stellt und schnell, aber überlegt darauf reagiert. Durch die kurzen Sätze, die knackig-präzise Sprache, die auf den Punkt brillanten Analysen und die schnörkellos effektiv inszenierte Action fesselt der Thriller von der ersten Seite an und bietet neben kluger Ermittlungsarbeit auch würzige Zutaten wie Misstrauen, Korruption und Erotik.
Leseprobe Lee Child - "Der letzte Befehl"