John Grisham – „Das Vermächtnis“

Dienstag, 31. März 2026

(Heyne, 476 S., HC)
Mit seinen ersten – allesamt meist sogar sehr erfolgreich verfilmten - Thrillern wie „Die Jury“, „Die Firma“, „Die Akte“, „Der Klient“ und „Die Kammer“ definierte der ehemalige Rechtsanwalt John Grisham Anfang der 1990er Jahre das Genre des Justizthrillers gänzlich neu und schiebt seitdem nahezu jährlich ein Buch nach, gelegentlich versucht er sich dabei auch in anderen Genres wie dem Sportler-Roman und Jugendbuch. Dass nach über dreißig Jahren gewisse Abnutzungserscheinungen zu erwarten sind, dürfte nicht verwundern, dennoch versteht es der in Virginia lebende Bestseller-Autor nach wie vor, sein Publikum bestens zu unterhalten. Das trifft auch auf seinen neuen Roman „Das Vermächtnis“ zu.
Seit achtzehn Jahren praktiziert Simon F. Latch als Anwalt mit Schwerpunkt auf Erbschaftsangelegenheiten und Insolvenzen in der Kleinstadt Braxton, Virginia. Doch unter der Tretmühle anspruchsloser, unkomplizierter Vorgänge, die er mit einem Stundenhonorar von 250 Dollar in Rechnung stellte, ging nicht nur seine Ehe mit Paula in die Brüche, sondern er selbst steht mit einigen tausend Dollar Wettschulden beim örtlichen Buchmacher Chub in der Kreide und vor dem Burn-out. Doch dann betritt die fünfundachtzigjährige Witwe Eleanor Barnett die Kanzlei und will ein neues Testament aufsetzen lassen. Ihr Mann Harry, der zwei nichtsnutzige Söhne in die Ehe gebracht hatte, ist mittlerweile verstorben und hat offensichtlich durch Mitarbeiter-Aktien von Coca-Cola und von Walmart ein Vermögen angehäuft, von denen die beiden Stiefsöhne, zu denen sie keinen Kontakt pflegt, nichts sehen sollen. Mit ihrem bei Simons Kollegen Walter J. Thackerman aufgegebenen Testament ist die alte Dame nicht zufrieden, was Simon sehr schnell nachvollziehen kann, hat Thackerman im Kleingedruckten doch alle Möglichkeiten eingebaut, selbst einen Großteil des Erbes für sich abzuzweigen. Aber auch Simon packt die Habgier, sieht er hier doch die Möglichkeit, nicht nur höhere Stundensätze zu kassieren, sondern ebenfalls einen kleinen Batzen aus dem Vermögen für sich herauszuholen und so seine finanzielle Misere zu beenden. Da die alte Dame kaum Freundschaften pflegt und keine weiteren Verwandten hat, kümmert sich Simon rührend um sie, geht mit ihr ständig essen und quartiert sie sogar zwischenzeitlich in einem Hotel außerhalb der Stadt ein. Doch als Eleanor im betrunkenen Zustand einen Autounfall verursacht, bei dem auch ihre Freundin Doris verletzt wird, ändert sich alles, denn kurz nach ihrer Einlieferung verstirbt die alte Dame. Auf einen anonymen Hinweis bei der örtlichen Polizei hin wird die geplante Einäscherung gestoppt und eine Obduktion angeordnet, bei der festgestellt wird, dass die alte Dame mit dem verbotenen Gift Thallium vergiftet worden ist, das den Ingwerkeksen beigefügt worden ist, die Simon seiner Mandantin durch seine Sekretärin ins Krankenhaus liefern ließ. Nun muss sich Simon vor einem Geschworenengericht verantworten. Derweil haben Eleanors Stiefsöhne mit Teddy Hammer ebenfalls einen Anwalt engagiert…
Mit „Das Vermächtnis“ legt Grisham einen ganz klassischen Justiz-Thriller vor, dessen Plot stringent nach Lehrbuch inszeniert ist. Mit Simon Latch wird ein unauffälliger Kleinstadtanwalt mit einigen persönlichen Problemen – Scheidung, Wettschulden – eingeführt, der durch das Testament für eine vermeintlich sehr, sehr wohlhabende alte Dame die Chance sieht, seinen Lebensstandard erheblich aufzubessern und einige, vor allem finanzielle Probleme zu lösen. So verständlich das Vorgehen des Protagonisten ist, wird der Berufsstand des Anwalts nicht gerade wohlwollend gezeichnet, und Sympathien mag man als Leser:in für den habgierigen Mann auch schwerlich empfinden. Es dauert dann auch einige Zeit, bis die Handlung in die Gänge kommt. Sobald der Umstand bekannt wird, dass seine Mandantin vergiftet worden ist, spult Grisham routiniert sein Prozess-Schema ab, bringt zur rechten Zeit neue Spuren ins Spiel und macht damit vor allem deutlich, wie anfällig das Justizsystem für Fehlentscheidungen ist. Grisham verleiht seinen Figuren nur die nötigsten Charaktereigenschaften, doch ist „Das Vermächtnis“ viel zu handlungsorientiert, um mit den Menschen vertraut zu werden. Einzig die Episode um das Sammeln billiger Taschenbuchausgaben von John D. MacDonald während Simons Studienzeit sorgt für etwas Leben in dem ansonsten recht lieblos geschriebenen, nach wie vor aber unterhaltsamen Thriller.

Charles Lewinsky – „Eine andere Geschichte“

Samstag, 28. März 2026

(Diogenes, 414 S., HC)
Im Gegensatz zu Fritz Lang, Max Ophüls, Ernst Lubitsch, Robert Siodmak und Wilhelm Dieterle, die nach ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland groß in Hollywood herauskamen und beispielsweise das Film-noir-Genre maßgeblich mitgeprägt haben, dürfte nur den wenigsten Cineasten der Name Curtis Melnitz ein Begriff sein. Er kam allerdings auch schon 1905 in die USA, wurde dort 1911 eingebürgert und arbeitete zunächst als Zeitungsreporter in New York, bevor er als Pressebetreuer für Charlie Chaplin arbeitete und später als Filmproduzent in den frühen 1930er Jahren tätig war. Charles Lewinsky („Täuschend echt“, „Rauch und Schall“) legt mit seinem neuen Roman „Eine andere Geschichte“ eine stilistisch ungewöhnliche (fiktive) Biografie des Mannes vor, der 1930 seine eigene Curtis Melnitz Film-Produktion GmbH gründete und einen Filmvertrag mit Max Reinhardt abschloss, den er allerdings nicht erfüllen konnte.
Los Angeles. Der über 80-jährige Curtis Melnitz leidet unter Schlafproblemen, weil er sich vor den Träumen fürchtet. Sein Hausarzt Dr. Goldsteen will ihm allerdings keine weiteren Rezepte für die lindernden Pillen ausstellen und überweist ihn 1959 an den Psychiater Dr. Cowan. Diesem erzählt er in wiederkehrenden Sitzungen von seinem Leben, wobei er sich langsam an die Ursache seiner schlimmen Träume herantastet. Geboren wurde er als Kurt Chmelnitzki, wuchs nach dem Tod seiner Eltern bei Onkel Meyer und Tante Effie in Leipzig auf, wo sie eine Speisewirtschaft betrieben und in der der junge Kurt viel Zeit verbrachte. Er lernt den Ganef kennen, einen Mann, der Geschäfte mit seinem unter dem Pelzmantel versteckten pornografischen Karten und Fotografien machte. Als er im Alter von sechzehn Jahren im Bett mit seiner Nichte Selma erwischt worden ist, setzte ihn sein Onkel auf die Straße, wo er nach einem anstrengenden Job als Karrenschieber für Pelze dem Ganef begegnete, der mittlerweile Bücher mit erotischen Fotografien produzierte und vertrieb, wofür er Kurt als Assistenten einstellte. Als der Ganef sein Geschäftsfeld auf bewegte Bilder erweiterte, bedeutete das für Kurt den Sprung ins Filmgeschäft, dem er vor allem nach seiner Ankunft in New York im Jahr 1930 treu blieb. Melnitz erzählt betroffen von dem verarmten Jungen Basil, dem er einen Job für 50 Cent täglich anbot und der schließlich wegen seiner verhältnismäßigen Reichtümer, die er so angesammelt hatte, ermordet wurde. In seine Erzählungen fließen die tragischen Frauengeschichten ebenso ein wie verschiedene Anekdoten aus Hollywood und seine Erfahrungen mit der Verfolgung und Tötung von Juden…

„Wenn man sich an schöne Dinge erinnert, erinnert man sich immer auch daran, dass sie zu Ende gegangen sind. Dass nichts davon übrig geblieben ist. Die Zeit mit Basil. Die Ehe mit Millicent. Die Arbeit als Produzent. Als ich damals in meine Wohnung eingezogen bin, waren da lauter hellere Vierecke auf der Tapete. Da, wo bei meinem Vorgänger die Bilder gehangen hatten. Mit den Erinnerungen ist es dasselbe. Es bleibt einem nichts als ein leerer Fleck.“ (S. 381f.)

Wenn Curtis Melnitz als Ich-Erzähler in Lewinskys neuen Roman eingeführt wird, mag man an „Melnitz“ denken, einen Familienroman, in dem der Schweizer Schriftsteller vom jüdischen Leben in der Schweiz schreibt, doch „Eine andere Geschichte“ ist genau das – eine andere Geschichte, wie nicht nur der Autor in seiner Einleitung betont, sondern auch sein Protagonist. Dass aus dessen Leben recht wenig bekannt ist, vor allem nach seinem Scheitern als Filmproduzent, spielt Lewinsky in die Hände, denn das erlaubt ihm, die Lücken von Melnitz‘ Vita mit allerlei Anekdoten zu füllen. An den Stil, die Lebensgeschichte des alternden Mannes in Form einer fortlaufenden Therapiesitzung nacherzählen zu lassen, muss man sich zwar erst gewöhnen, doch die Mischung aus kleinen Fun Facts der Filmgeschichte, verschiedenen, stets unglücklich verlaufenden Liebesgeschichten und Spinnereien, die Melnitz im Nachhinein selbst als Lügen entlarvt, machen „Eine andere Geschichte“ zu einer interessanten fiktiven biografischen Erzählung, die auch vor eindringlichen Beschreibungen der Nazi-Gräuel nicht zurückschreckt. So entsteht ein faszinierender Sog, der durch die Vielzahl der zwischen den Zeiten wild hin und herpendelnden Anekdoten allerdings nicht immer die psychologische Tiefe aufweist, die manchen der zentralen Episoden innewohnt. 

Kurt Prödel – „Salto“

Donnerstag, 26. März 2026

(Ullstein, 272 S., HC)
Sein 2025 veröffentlichter Roman „Klapper“ wurde gleich mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE ausgezeichnet, was dem in Köln lebenden und wirkenden Kurt Prödel eine Aufmerksamkeit beschert hat, die sich positiv auf den Absatz seines neuen, ebenfalls knapp betitelten Romans auswirken dürfte. „Salto“ präsentiert sich dabei als melancholischer Coming-of-Age-Roman, der vor allem durch seine elegant leichte Sprache überzeugt.
Mit dem besten Abi seiner Stufe stehen Marko eigentlich alle Wege für die Zukunft offen. Doch seine Träume erfüllen sich in vielerlei Hinsicht nicht. Für das angestrebte Medizinstudium reicht der Notenschnitt nicht aus, und Claire, seine aus wohlhabendem Hause stammende Freundin seit der siebten Klasse, zieht aus der unbenannten Kleinstadt in NRW in die große Welt, zumindest erst mal zum Studium nach München. Das Geld aus der Lebensversicherung seiner verstorbenen Mutter ermöglicht Marko immerhin ein Medizinstudium in Budapest. Das bedeutet zunächst einmal das Ende der Beziehung mit Claire, die plötzlich mit einer Psychose konfrontiert wird. Marko quält sich in Budapest durch das erste Semester, droht kläglich zu scheitern und jobbt bei McDonalds. Als wären das nicht schon Herausforderungen genug, scheint auch Markos Vater aus der Bahn geworfen zu werden, bis auch Markos Körper beunruhigende Signale aussendet…

„Ich war gestern wie ein aufgedrehtes Kind, das alles um sich herum vergessen hat. Während ich das denke, bleiben meine Augen am Vorhang hängen, wo kühles Februarlicht durchscheint. Ich döse weg. Im Halbschlaf spüre ich, wie meine Glieder sich entspannen. Und erinnere mich wieder an die laufenden Hähne auf den Fliesen und frage mich, ob die mir was in den Sekt gemacht haben. Oder ob dieses warme Gefühl, irgendwo dazuzugehören, im Gehirn etwas auslöst, das sogar handgemalte Hähne auf Fliesen zum Leben bringt.“

So kurz und knapp Prödels (unkonventionelle) Romantitel sind, so knackig präsentiert sich auch der überschaubare Plot seines zweiten Romans „Salto“. Mit Marko präsentiert er einen Ich-Erzähler, der die zunächst typischen Erfahrungen auf der Schwelle zum Erwachsenwerden macht. Eine gute Beziehung zu seinem alleinerziehenden Vater und die langjährige Freundin verleihen dem jungen Mann eine Stabilität, die durch einige Rückschläge signifikante Risse bekommt. Als Leser bekommen wir dabei nur Markos Sichtweise geboten, was zwar der Kohärenz von Ton und Stimmung zugutekommt, der psychologischen Tiefe und der dramaturgischen Entfaltung des Plots eher abträglich ist. Wir werden nicht nur Zeuge der verschiedenen Herausforderungen, denen sich Marko in kurzer Folge stellen muss, sondern auch der emotionalen Verarbeitung. Die Reflexionen der teilweise niederschmetternden Nachrichten gehören dabei zu den Höhepunkten eines kurzen Romans, der einen Einblick in die Nöte junger Menschen gewährt, ohne aber allzu tief in die Problematik einzutauchen. 

Sven Regener – „Herr Lehmann“

Sonntag, 15. März 2026

(Goldmann, 286 S., Tb.)
Als Frontmann, Gitarrist und Trompeter der 1985 gegründeten Rockband Element of Crime hat der aus Bremen stammende Sven Regener bereits auf unzähligen Konzerten die Befindlichkeiten in Deutschland wahrnehmen können. 2001 veröffentlichte Regener mit „Herr Lehmann“ seinen ersten Roman, der sich nach der Vorstellung in Marcel Reich-Ranickis „Das Literarische Quartett“ zu einem imponierenden Verkaufsschlager entwickelte und 2003 von Leander Haußmann mit dem ehemaligen MTV-Moderator Christian Ulmen in der Hauptrolle auch erfolgreich verfilmt wurde.
Der fast dreißigjährige Frank Lehmann, der von Freunden und Bekannten nur mehr „Herr Lehmann“ genannt wird, geht gerade nach seiner Schicht in der Bar „Einfall“ über den Lausitzer Platz nach Hause, als er einem offensichtlich gerade herrenlosen, ebenso großen wie sabbernden, hässlichen und knurrenden Hund begegnet und diesen mit Whiskey gefügig zu machen versucht, als er von einer Polizeistreife bemerkt wird. Bevor er aber wegen Tierquälerei festgenommen wird, darf Herr Lehmann seiner Wege ziehen. Noch mehr Unmut entwickelt Herr Lehmann, als ihn seine Mutter aus Bremen anruft und einen Besuch ankündigt, den ersten, seit ihr Sohn nach Berlin gezogen ist. Um diesen Schrecken zu verdauen, zieht es Herrn Lehmann in die „Markthalle“, wo er nicht nur seinen besten Kumpel Karl trifft, sondern auch die Köchin Katrin kennenlernt, mit der er sich zunächst über den morgendlichen Verzehr von Schweinebraten streitet, sich dabei aber in sie verliebt.
Als Frank Lehmanns Eltern in Berlin ankommen, holt er diese in ihrem Hotel ab und da er ihnen zuvor fälschlicherweise erzählt hatte, Geschäftsführer der „Markthalle“ zu sein, bestehen sie darauf, dort gemeinsam zu Abend zu essen. Frank gelingt es, die Illusion aufrechtzuerhalten, und wird am Ende des Abends von seinen Eltern gebeten, nach Ost-Berlin zu fahren, um einer Cousine Geld zu überbringen, doch wird er von den Zollbeamten wegen Schmuggelverdachts in den Westen zurückgeschickt, wo er die nächste böse Überraschung erlebt…

„So viele Dinge liefen falsch in letzter Zeit, und er war sich nicht sicher, ob die Geschichte mit Katrin, so wie sie sich entwickelte, ein Lichtblick war, der den anderen Kram vergessen machen konnte. Alles ist halb, dachte er, die Prügeleien, Detlev, Luke Skywalker, der Scheiß von Erwin, Kristall-Rainer, die Kunst von Karl, die Ausstellung in Charlottenburg, das geplante Design-Studium von Katrin, die Hauptstadt der DDR, die auf seinen Besuch verzichtete, seine Arbeit im Einfall, das Publikum dort, da ist irgendwie das Feuer raus, dachte er und grübelte den Rest des Weges darüber nach, ob tatsächlich alles anders war oder ob es ihm nur so erschien, weil er sich selbst verändert hatte.“ (S. 225)

Mit „Herr Lehmann“ ist Sven Regener ein wunderbar unkompliziertes, unprätentiöses kleines Buch gelungen, das sich ganz auf den sehr eingeschränkten Mikrokosmos von Herrn Lehmann und seinem Bezirk Kreuzberg beschränkt, wo er lebt und arbeitet. Genügsam wie er ist, hat er weder besondere berufliche Ambitionen, noch erwartet er von einer Beziehung allzu viel. Regener bleibt dabei stets bei seiner Figur, begleitet sie durch die Arbeit im „Einfall“, bei den kauzigen Versuchen, Katrin näherzukommen, durch die kleinen Stolpersteine, die das Leben für ihn bereithält. Der Plot ist dabei so überschaubar wie der Aktionsradius von Herrn Lehmann. Seinen besonderen Charme gewinnt das Buch durch die humorvollen Dialoge und die feinsinnigen Beschreibungen des Milieus. Interessant ist auch der Umstand, dass die Wende, das Öffnen der Mauer, wie nebenbei abgehandelt wird und die östliche Perspektive komplett außen vorgelassen wird. Dafür ist Regener mit Herrn Lehmann eine Kultfigur gelungen, die man nicht mehr so schnell vergisst. 

Lilli Tollkien – „Mit beiden Händen den Himmel stützen“

Mittwoch, 11. März 2026

(Aufbau, 255 S., HC)
Oft genug sind es Erstlingsromane, die einen vom Thema und Titel her ansprechen, die aber auch durch ihre ungewöhnliche Sprache zu faszinieren vermögen. So erging es mir mit dem Debüt der 1980 in Berlin geborenen, nun in Leipzig lebenden Lilli Tollkien.
Lale erinnert sich an das warme Gefühl im Bauch ihrer Mutter, weiß von Erzählungen, dass sie auch dort war, als ihre Mutter und ihr Vater in ihrem alten Mercedes Benz nach Spanien unterwegs gewesen war, um dort einen – leider gescheiterten – Entzug zu machen. Als die Wehen einsetzten, besorgte ihr Vater der Schwangeren Heroin, damit sie die Entbindung übersteht. Diese frühkindliche Erfahrung ging an Lale nicht spurlos vorbei. Sie erlebt hautnah mit, wie ihre Mutter sich immer wieder einen Schuss setzte und in einen Dämmerschlaf fiel. Ihr Vater wanderte nach einem gescheiterten Banküberfall in den Tegeler Knast, Lale geriet erst in die Obhut des Jugendamtes, dann in die eines Freundes ihres Vaters. Fortan wuchs Lale als Pflegekind in der Wohngemeinschaft von Karlheinz und seinen drei Mitbewohnern Wolfgang, Ansgar und Frank auf, durfte Süßigkeiten essen und bis in die Puppen fernsehen, doch ihre Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit blieben unerfüllt. Tatsächlich wurde sie sogar Opfer eines sexuellen Übergriffs und selbst auffällig. Die Beziehungen zu Männern gestalteten sich ebenso schwierig wie zu ihren Freundinnen und die vielen verschiedenen Versuche, eine sinnstiftende Tätigkeit zu finden…

„Ich sehnte mich nach einer Sinnlichkeit in Bezug zu den Dingen, wollte glänzende Oberflächen, nichts sollte mehr kleben. Ich hatte begonnen, Design zu studieren, aber ich wurde keine Designerin. Weil ich Angst hatte. Ich wurde keine Ausstatterin, wurde keine Kamerafrau, keine Regisseurin. Ich hätte mich hinter einer Leinwand verstecken und eine Geschichte erzählen wollen. Ich hatte Teil einer rund um die Uhr arbeitenden Filmfamilie sein und dazugehören wollen. Ich machte Praktika beim Film, begann Regie zu studieren, aber ich wurde keine Regisseurin. Weil ich Angst hatte, erkannt zu werden. Ich wollte Talente haben, künstlerischen Erfolg, der meinen Schmerz rechtfertigte. Es sollte nicht mehr umsonst gewesen sein.“

„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ erweist sich als retrospektiv erzählte Coming-of-Age-Geschichte. Aus der sicheren Distanz zum Zurückgelassenen, zu Gewesenen, zu den erlittenen Enttäuschungen und Schmerzen berichtet die Ich-Erzählerin Lale von ihrem ereignisreichen Leben eines Kindes, das schon als Ungeborenes die Drogensucht ihrer Mutter miterleben musste und fortan mit den Folgen eines unsteten Lebens zu kämpfen hatte. Davon zeugen die unterschiedlichsten Versuche, Bindungen zu Männern aufzubauen und eine berufliche Identität zu finden, doch stand sie sich ihr Leben lang selbst im Weg – wen kann das bei diesem Werdegang auch verwundern? Tollkiens kurze Erzählung fasziniert weniger durch die eigentliche Geschichte, die in der Grundkonstellation sicher kein Einzelfall ist, aber durch die direkte, ungekünstelte Sprache, die das Erzählte so authentisch und lebendig werden lässt. Die Autorin vermeidet geschickt Klischees in der Beschreibung ihres Lebens als Opfer und Suchende, findet immer einen sehr eindringlichen Ton, der das Innerste ihrer Figur nach außen kehrt, ohne Mitleid erregen zu wollen. Stattdessen führt der Weg über viele Stolpersteine zu einigen wichtigen Selbsterkenntnissen und einer mutmachenden Änderung ihres Lebens. 

 

Stephen King – „Desperation“

Dienstag, 10. März 2026

(Heyne, 668 S., HC)
In seiner langjährigen Karriere hat Stephen King immer mal was Neues ausprobiert, sei es in Charles Dickens‘ Tradition mit „The Green Mile“ einen sechsteiligen Fortsetzungsroman zu schreiben, Drehbücher zu den Verfilmungen seiner Werke beizusteuern („Friedhof der Kuscheltiere“, „Rhea M. – Es begann ohne Warnung“) oder eine Geschichte aus zwei Perspektiven zu erzählen. So geschehen bei „Desperation“, wozu King das Pendant „Regulator“ unter seinem eigentlich schon begrabenen, wiederbelebten Pseudonym Richard Bachman veröffentlicht hat. Während selbst gestandene Fans des „King of Horror“ sich nur schwer mit „Regulator“ anfreunden konnten, bietet „Desperation“ einmal mehr Horror vom Feinsten.
Peter Jackson befindet sich mit seiner Frau Mary im Acura von Peters Schwester Deidre gerade auf dem US 50 in Nevada, der gemeinhin als der „einsamste Highway Amerikas“ genannt wird, als sie von einem Cop des Desperation Police Department angehalten werden, weil dem Wagen ein Nummernschild fehlt, das ihnen offensichtlich beim Tanken abgeschraubt worden ist. Leider findet der Cop auch einen Beutel mit Drogen im Kofferraum, so dass er Peter und Mary auffordert, auf der Rückbank seines Wagens Platz zu nehmen. Es ist der Anfang eines Horror-Trips, in den noch weitere Opfer von Deputy Entragian verwickelt sind: Ralph Carver und sein Sohn David, der Schriftsteller John Marinville, der auf seiner Harley Amerika auf der Suche nach Inspirationen für sein neues Buch durchqueren wollte, sein ihm im Auto hinterherfahrender Aufpasser Steve Ames, die Anhalterin Cynthia Smith und der ortsansässige Tierarzt Tom Billingsley. Sie werden nicht nur Zeuge von Entragians gelegentlich seltsamer Sprache und seinem brutalen Verhalten, sondern auch von seiner zunehmenden körperlichen Zersetzung. Nachdem sich Entragians Opfer aus dem Zellentrakt des Polizeireviers befreien konnten, kommen vor allem der strenggläubige David und dem Schriftsteller Marinville Verbindungen der fast menschenleeren Stadt zu der nahegelegenen Mine in den Sinn, in der einst Bergleute auf ein uraltes Wesen namens Tak stießen, das sich nun in immer neue menschliche Körper einnistet, um zu überleben, und Kojoten, Wölfe, Geier, Schlangen und Adler für seine Zwecke einspannt, um neue Nahrung nach Desperation zu locken…

„Der Cop sah zu dem von Geiern gesäumten Dachrand des Rathauses und fing an zu lachen. Sie schrien ihre schrillen, gellenden Schreie herab, und Johnny konnte den Gedanken, der ihm dabei kam, nicht unterdrücken. Es war ein schrecklicher Gedanke, weil er so überzeugend war. Sie rufen nicht. Sie kreischen nicht. Sie lachen. Sie lachen mit ihm. Weil es nicht sein Witz ist, sondern ihrer. Wind peitschte über dem Parkplatz, so dass Johnny taumelte, und wehte den abgerissenen Geierflügel über den Asphalt wie einen Staubwedel. Das Licht schwand aus dem Tag – schwand viel zu schnell. Johnny sah nach Westen und stellte fest, dass Staubwolken die Berge einhüllten und sie in Kürze völlig den Blicken entziehen würden. Die Sonne stand noch über ihnen, aber nicht mehr lange. Es war ein Sturm, der in ihre Richtung zog.“ (S. 211)

Wieder einmal führt Stephen King eine Schicksalsgemeinschaft zusammen, die sich aus einer prekären Situation nur durch gemeinsame Anstrengungen befreien kann. Nach und nach stellt der Autor die einzelnen Figuren in diesem diabolischen Szenario vor, ehe sie in die Fänge des äußerst brutalen, von einer uralten Macht gelenkten Deputys geraten, der zwar mit einigen widerspenstigen Bürgern kurzen Prozess macht, aber natürlich auch lebende Wirte für Tak benötigt. Mit diesem Wesen beschwört King das Lovecraft’sche Grauen aus dem All herauf, das King ebenso beeinflusst hat wie viele seiner Weggefährten. Um ihm Paroli zu bieten, es am Ende auszurotten, spielen hier Davids Glaube an einen offensichtlich sehr grausamen Gott ebenso eine Rolle wie die Tatkraft eines abgehalfterten Schriftstellers, der die zunehmend dezimierte Truppe zu retten versucht. Das geht brutal und blutig zu, verkommt aber nie zum bloßen Selbstzweck. Auch wenn „Desperation“ innerhalb des King-Kosmos nicht besonders originell erscheint, sorgen gerade die Rückblicke auf den Einsatz chinesischer Minenarbeiter und Davids religiöse Erweckung sowie die temporeich inszenierte Spannung für gruseligen Lesespaß.