Jeffery Deaver – (Lincoln Rhyme: 1) „Der Knochenjäger“

Samstag, 17. September 2016

(Blanvalet, 576 S., Tb.)
Die Anfang dreißigjährige Streifenpolizistin Amelia Sachs wird aufgrund eines anonymen Anrufs von der Zentrale zur Siebenunddreißigsten, Nähe Eleventh Avenue, geschickt, wo sie die Suche nach Hinweisen auf das gemeldete Verbrechen schon wieder abbrechen will, als sie an den Bahngleisen eine aus dem Boden ragende Hand entdeckt. Dem Ringfinger wurde sämtliches Fleisch entfernt und dafür ein Damenring aufgesetzt. Sachs sichert weiträumig den Tatort und erweckt dadurch das Interesse des brillanten Forensikers Lincoln Rhyme, der nach einem Unfall im Einsatz vor dreieinhalb Jahren querschnittsgelähmt ist und seither nur noch Kopf, Schultern und ein wenig den Ringfinger seiner linken Hand bewegen kann.
Obwohl er nicht mehr aktiv im Dienst ist, wird er von seinen Kollegen der New Yorker Polizeibehörde immer wieder um Hilfe bei den Ermittlungen gebeten. Als Detective Lon Sellitto und sein junger Kollegen Jerry Banks den Kriminalisten mit den bisherigen Fakten vertraut machen, sträubt sich Rhyme zunächst, da er eher damit beschäftigt ist, mit Dr. Berger einen Termin zur Beendigung seines Lebens zu finden.
Doch nachdem Rhyme sich mit dem Untersuchungsbericht auseinandergesetzt hat, spürt er den intellektuellen Kitzel, den er Zeit seines Lebens bei der Tatortanalyse empfunden hat. Obwohl Sachs gerade dabei ist, ihren Dienst bei der Pressestelle anzutreten, wird sie von Rhyme zur Besichtigung des wohl nächsten Tatorts verpflichtet, wo das nächste Opfer des „Unbekannten Nummer 238“ vermutet wird. Zwar kann Sachs das Leben der entführten Frau nicht mehr retten, aber die von ihr gesicherten Spuren weisen Rhyme darauf hin, dass der Täter sich offensichtlich gut mit dem Buch „Berühmte Kriminalfälle im alten New York“ und Lincoln Rhymes eigenen Werk „Tatorte“ auskennt.
Die erzwungene Zusammenarbeit zwischen Rhyme und Sachs gestaltet sich anfangs schwierig, doch Sachs beginnt sich zunehmend für die Arbeit an Tatorten zu faszinieren.
„Sie dachte an das Locardsche Prinzip: Wenn Menschen miteinander in Berührung kommen, gibt jeder irgend etwas an den anderen weiter. Etwas Großes, oder auch nur eine Kleinigkeit. Höchstwahrscheinlich wussten die meisten nicht einmal, was.
War auch etwas vom Unbekannten Nummer 238 auf dieses Blatt gelangt? Eine Hautzelle? Ein Schweißtropfen? Es war ein faszinierender Gedanke. Atemberaubend, spannend, furchterregend, so als wäre der Mörder hier in diesem winzigen, stickigen Raum.“ (S. 279) 
Es ist ein ungewöhnliches Paar, das der amerikanische Schriftsteller Jeffery Deaver mit seinem 1997 initiierten Startschuss für die bis heute erfolgreiche Reihe um den querschnittsgelähmten Kriminalisten Lincoln Rhyme und seine junge Assistentin Amelia Sachs etabliert hat. Die ungewöhnliche Kombination eines brillanten, aber des Lebens müden Star-Forensikers, der immer wieder von seinen alten Polizeikollegen um Mithilfe bei vertrackten Fällen gebeten wird, und einer wunderschönen Streifenpolizistin, die sich wegen ihrer Arthritis zur Pressestelle hat versetzen lassen und zuvor auf eine Karriere als Mannequin verweisen kann, bietet schon auf persönlicher Ebene starkes Potenzial, das in „Der Knochenjäger“ allerdings erst angedeutet wird.
Im Mittelpunkt steht nämlich vor allem die Tatortanalyse, das systematische Absuchen des Tatorts, das sorgfältige Sammeln der Spuren und ihre Ausweitung anhand von allerlei Datenbanken, mit denen beispielsweise Bodenproben zugeordnet werden können. Die oftmals sehr detailliert beschriebenen Analysen tun der Spannung allerdings überhaupt keinen Abbruch, sondern machen deutlich, wie wichtig diese akribische Arbeit ist, um dem Täter auf die Spur zu kommen.
Die persönlichen Tragödien, die Rhyme und Sachs jeweils durchmachen mussten, werden später auch ausführlicher thematisiert, als sich die beiden ungleichen Ermittler näherkommen, und bieten so den soliden Grundstein für viele weitere Fälle, an denen das charismatische Team bis heute arbeiten darf.
Leseprobe Jeffery Deaver - "Der Knochenjäger"

Lee Child – (Jack Reacher: 2) „Ausgeliefert“

Sonntag, 11. September 2016

(Heyne, 510 S., Tb.)
Jack Reacher, ehemaliger Kommandant bei der Militärpolizei und seit dreizehn Monaten ohne festen Job und Plan für seine Zukunft, hält sich am letzten Tag im Juni gerade in Chicago auf, als er vor einer Reinigung einer gehbehinderten Frau zur Hilfe kommt und einen Augenblick darauf eine 9mm-Automatik-Pistole auf seiner alten Narbe spürt. Und schon wird er zusammen mit der ihm unbekannten Frau in eine Limousine gestoßen und in ein über tausendsiebenhundert Meilen entferntes Versteck gefahren.
Wie Reacher während der langen Fahrt herausfindet, handelt es sich bei der Frau um die gut dreißigjährige FBI-Beamtin Holly Johnson, Tochter des Vorsitzendes der Vereinigten Stabschefs. Als Holly nicht wie geplant zur angesetzten Budget-Sitzung erscheint, alarmiert Agent-in-Charge McGrath FBI-Direktor Harland Webster, der sofort ein Team zusammentrommeln lässt, um Holly Johnson aufzufinden.
Tatsächlich gelingt es den beiden Agenten Brogan und Milosevic schnell, eine Spur zur Limousine und zum Lieferwagen zu finden, mit denen die Geiseln offensichtlich nach Montana verschleppt worden sind. Dort hält sich in den Wäldern eine perfekt ausgestattete Miliz auf, die nicht nur einen unabhängigen Staat anstrebt, sondern der jetzigen Regierung einen gehörigen Denkzettel verpassen will. Doch dabei haben sie die Rechnung ohne den hochdekorierten Reacher gemacht …
„Alles hatte sich geändert. Er hatte sich geändert. Er lag da und spürte die kalte Wut in sich, mahlend wie Zahnräder. Kalte, unversöhnliche Wut. Unkontrollierbar. Sie hatten einen Fehler gemacht. Sie hatten ihn vom Zuschauer zu einem Feind verwandelt. Ein schlimmer Fehler. Sie hatten die verbotene Tür aufgestoßen, nicht wissend, was da herausplatzen konnte. Er lag da und fühlte sich wie eine tickende Bombe, die von den Kerlen tief ins Herz ihres Territoriums getragen wurde. Er spürte die Aufwallung von Wut in sich, genoss sie, staute sie in sich auf.“ (S. 158) 
Mit Jack Reacher hat Lee Child, ehemaliger Produzent beim britischen Fernsehen, Mitte der 1990er Jahre einen außergewöhnlichen Helden kreiert, der nach dreizehn erfolgreichen Jahren bei der Militärpolizei den Dienst quittierte und seither eher ziellos sein Heimatland durchstreift.
Wie schon in Lee Childs Debüt „Größenwahn“ gerät Jack Reacher auch in „Ausgeliefert“ per Zufall in eine absolut heikle Situation, die er dank seiner jahrelang geschulten Fähigkeiten gut zu analysieren und schließlich auch zu lösen versteht.
Bis dahin führt der Autor seine Leser durch einen packenden Plot voller Action und akribisch recherchierter Informationen über Waffen und Taktiken. Reacher fühlt sich für die durch eine Knieverletzung gehandicapte Frau verantwortlich und weicht nie freiwillig von ihrer Seite. Sein unbeirrbarer Gerechtigkeitssinn führt dazu, dass Reacher all seine Kräfte und Fähigkeiten einsetzt, um der bestens ausgerüsteten Montana-Miliz das Handwerk zu legen. Dass das FBI ihn zunächst für einen der Entführer hält, macht es Reacher zwar zunächst nicht leichter, aber seinem Durchsetzungswillen haben weder das FBI noch die Soldaten der Miliz viel entgegenzusetzen.  
„Ausgeliefert“ bietet atemlose Spannung in einem dramaturgisch gekonnt inszenierten Thriller, der ebenso von der Action lebt wie von der sympathischen Entschlossenheit seines Helden.
Leseprobe Lee Child - "Ausgeliefert"

Steve Mosby – „Nachtschatten“

Montag, 5. September 2016

(Droemer, 413 S., Pb.)
Detective Inspector Zoe Dolan und ihr Partner Chris Sands haben es gerade mit einem Stalker zu tun, der seinen Opfern - attraktiven Single-Frauen um die Mitte zwanzig – in ihren Wohnungen auflauert und sie vergewaltigt. Gerade als sie sich dem letzten Opfer, Julie Kennedy, befassen, wird Zoe Dolan selbst Opfer eines Einbruchs. Bevor der Täter allerdings fliehen kann, identifiziert ihn Zoe als Drew MacKenzie, den kleinen Bruder eines der Mädchen, mit denen die Polizistin früher in der heruntergekommenen Thornton-Siedlung herumhing. Darum wird sich Zoe allerdings später kümmern müssen, denn noch ist sie fieberhaft damit beschäftigt, dem gefürchteten Stalker auf die Spur zu kommen, der bei seinen Misshandlungen der mittlerweile fünf Frauen immer brutaler vorgegangen ist, sodass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er eines seiner Opfer auch tötet.
Währenddessen arbeitet die nach der Trennung von ihrem Freund Peter alleinlebende Jane ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge Mayday, wo sie eines Tages den Anruf eines Mannes erhält, der behauptet, verantwortlich für diese Taten gewesen zu sein. Obwohl ihr Chef darauf pocht, auch bei solchen Anrufen Vertraulichkeit wahren zu lassen, sucht Jane DI Zoe Dolan auf und berichtet von dem Mann, der mittlerweile immer wieder sein Gewissen bei Jane zu erleichtern versucht. Zoe glaubt nicht, dass es sich bei diesem Mann um den gesuchten Stalker handelt, der nun auch einen Mord auf zu verantworten hat. Doch Jane weiß von einem Detail zu berichten, das bislang nicht an die Öffentlichkeit gelangt ist. Nun könnte auch Jane in Lebensgefahr schweben …
„Mörder halten sich oft an bestimmte Muster. Nicht selten nehmen solche Taten an Häufigkeit und Grausamkeit zu, während der Täter den Bezug zur Realität immer mehr verliert und unvorsichtiger wird. Mörder wie er enden in einer Art Supernova. Wenn das auf diesen Fall zutraf, dann würde es bald noch weitere Opfer geben, und zwar in kürzeren Abständen. Wir kämen ihm zwar schneller auf die Spur, aber nicht, bevor noch andere Frauen ihr Leben ließen.“ (S. 323) 
Mit seinem dritten Roman, dem 2007 auch hierzulande als Hardcover veröffentlichten „Der 50/50- Killer“, feierte der britische Autor Steve Mosby seinen internationalen Durchbruch, wurde gleich für den US-amerikanischen Literaturpreis Barry Award in der Kategorie "Best British Crime Novel" nominiert und erhielt 2012 den „Dagger in the Library“-Preis der britischen Crime Writers’ Association. Doch das Niveau dieses Bestsellers konnte Mosby seither kaum noch aufrechterhalten. Mittlerweile erscheinen die deutschen Erstausgaben seiner Bücher über Droemer Knaur als Paperback.
Mit seinem aktuellen Thriller „Nachtschatten“ bewegt sich Mosby leider weiterhin auf eher mittelmäßigem Niveau. Das liegt nicht nur in dem allzu vertrauten Plot begründet, dem Mosby wenig Neues abgewinnen kann, sondern vor allem in seiner drögen Art, Handlungen und Emotionen zu beschreiben. Statt lebendige Dialoge zu verwenden, begnügt sich der Autor mit langweiligen Schilderungen, die dem Spannungsaufbau einfach abträglich sind. Dafür sorgen auch die von Beginn an kreierten Handlungsnebenstränge, mit denen sich der Leser recht lange im spannungsfreien Raum bewegen muss. Am Ende zaubert Mosby immerhin eine feine Facette zum Täterprofil aus dem Hut, aber das reicht leider nicht aus, um einen stellenweise sogar langweiligen Thriller zu retten. Dabei hätte gerade aus den beiden interessanten Hauptfiguren – DI Zoe Dolan und Mayday-Mitarbeiterin Jane – mehr herausgeholt werden können.
 Leseprobe Steve Mosby - "Nachtschatten"

Linwood Barclay – (Promise Falls: 1) "Lügennest“

Donnerstag, 1. September 2016

(Knaur, 503 S., Pb.)
Nach dem Tod seiner Frau Jan vor fünf Jahren kündigte der Reporter David Harwood seinen Job bei dem Promise Falls Standard und zog mit seinem Sohn Ethan nach Boston, wo er allerdings wegen seiner Arbeitszeiten beim Boston Globe kaum Zeit für seinen Sohn aufbringen konnte. Deshalb ist David mit dem nun neunjährigen Ethan in sein Elternhaus zurückgekehrt und hat wieder bei seiner alten Zeitung zu arbeiten begonnen. Allerdings bekommt er schon am ersten Arbeitstag von der Herausgeberin zu hören, dass der Standard eingestellt wird. Doch das ist nur der Anfang einer Reihe von merkwürdigen bis erschreckenden Ereignissen, die die Kleinstadt heimsuchen. Zunächst muss David beim Besuch seiner Cousine Marla Pickens feststellen, dass sie plötzlich zu einem Kind gekommen ist, das ihr – so ihre Aussage – ein Engel in die Arme gelegt hat.
Vor neun Monaten verlor Marla ihr eigenes Kind bei der Geburt, dann ist sie auffällig geworden, als sie aus dem Krankenhaus, das ihre Tante Agnes leitet, ein fremdes Kind mitnehmen wollte. Als David den Jungen zur eigentlichen Familie zurückbringen will, findet er Mrs. Gaynor tot in ihrem Haus vor. Da ihr Mann in Boston bei einer Konferenz gewesen ist und über ein Alibi verfügt, wird Marla verdächtigt, Rosemary Gaynor getötet und Matthew entführt zu haben.
Doch Detective Barry Duckworth stößt bei seinen Ermittlungen bald auf Ungereimtheiten. Zudem hat er mit Überfällen auf Frauen auf dem Campus des Thackaray Campus zu tun, mit 23 auf einer Schnur aufgehängten toten Eichhörnchen und einem Riesenrad auf dem stillgelegten Ferienpark, das von unbekannter Hand in Gang gesetzt worden ist und in dessen Kabine mit der Nummer 23 drei Puppen platziert wurden. David setzt alles daran, Marlas Unschuld zu beweisen, und macht sich auf die Suche nach dem Kindermädchen der Gaynors, das plötzlich spurlos verschwunden ist.
„Der Mörder hätte einfach verschwinden können. Das Baby wäre zu guter Letzt gefunden worden. Aber nein. Der Mörder – oder sonst jemand – will das Baby in die Obhut von jemandem geben. Warum in die von Marla?
In Promise Falls gab es genügend Menschen, bei denen Matthew hätte abgegeben werden können, warum ausgerechnet bei Marla? Die genau am anderen Ende der Stadt wohnt. Und die bereits – wenn auch nur einmal – als Kindesentführerin auffällig geworden war.“ (S. 231) 
Tatsächlich kommen David und der Detective allmählich einem vertrackten Komplott auf die Spur, in die ganz prominente Persönlichkeiten der Stadt verwickelt sind.
Linwood Barclay, der 2007 mit seinem Debütroman „Ohne ein Wort“ gleich einen internationalen Bestseller veröffentlicht hat, gibt mit „Lügennest“ den Startschuss einer vielversprechend startenden Trilogie. Im Mittelpunkt des dramaturgisch geschickt konstruierten Thrillers steht der sympathische Ich-Erzähler David Harwood, der seiner Familie zuliebe in seine Heimatstadt zurückkehrt und sofort mit einer Reihe von Problemen konfrontiert wird, von denen das Fehlen eines Jobs und einer eigenen Wohnung noch die geringsten sind. Nachdem er ausführlich seine eigene Geschichte geschildert hat, werden auch die weiteren Protagonisten eingeführt, ohne allerdings allzu viel von ihnen preiszugeben. Einzig Marlas bedauerliches Schicksal erhält etwas mehr Raum, schließlich ist sie auch die Hauptverdächtige.
Auch wenn der Mord an Rosemary Gaynor und die Frage, wie Marla an deren Sohn gekommen ist, im Zentrum von „Lügennest“ steht, werden auch die Nebenhandlungen immer wieder aufgegriffen, ohne am Ende aufgelöst zu werden. Schließlich stehen mit „Lügennacht“ (Dezember 2016) und „Lügenfalle“ (April 2017) noch zwei Folgebände an.  
Barclay gelingt es sehr überzeugend, einzelne Facetten der geheimnisvollen Vorgänge in Promise Falls zu enthüllen, aber noch sehr viele offene Fragen, gerade um Figuren wie Bürgermeisterkandidat Randall Finley, ungeklärt zu lassen, so dass man mit Spannung die Fortsetzungen erwartet.
Leseprobe Linwood Barclay - "Promise Falls I: Lügennest"

Dennis Lehane – (Kenzie & Gennaro: 1) „Ein letzter Drink“

Sonntag, 28. August 2016

(Diogenes, 354 S., Pb.)
Patrick Kenzie und Angie Gennaro sind seit Kindesbeinen miteinander befreundet und unterhalten gemeinsam die Detektei Kenzie & Gennaro in Bostons Viertel Dorchester. Als Kenzie ins Ritz-Carlton zu einem Gespräch mit dem Abgeordneten Jim Vurnan, Senator Sterling Mulkern und Senator Brian Paulson gebeten wird, bekommt er den Auftrag, die schwarze 41-jährige Jenna Angeline aufzufinden, eine Angestellte des Bundesparlaments, die seit neun Tagen vermisst wird. Mit ihr sind allerdings auch streng vertrauliche Dokumente verschwunden, die offensichtlich in Zusammenhang mit dem Gesetz gegen Straßenterrorismus stehen, das demnächst im Senat verabschiedet werden soll.
Kenzie und Gennaro finden die Frau tatsächlich bei ihrer Schwester und bekommen von ihr ein Foto zu sehen, auf dem Senator Paulson einen schwarzen Jungen missbraucht. Und schon befinden sich die beiden Privatermittler in einem Kreuzfeuer wieder, das die beiden erbittert verfeindeten Gangs entfachen, die von Socia auf der einen Seite und seinem Sohn Roland auf der anderen Seite angeführt werden. Denn auch die beiden Bandenführer sind in diesen Skandal involviert, der nicht nur in Politikerkreisen hohe Wellen schlagen dürfte, sollte er an die Öffentlichkeit kommen …
„Jenna Angeline war ein Wrack. Sie war verängstigt und erschöpft und wütend, und sie heulte die Welt an wie ein Wolf. Aber anders als die meisten Menschen in ihrer Lage war sie gefährlich, weil sie etwas besaß, das ihr ein Stück von dem verschaffen sollte, was ihr diese Welt bislang vorenthalten hatte. Aber so funktioniert die Welt normalerweise nicht, und Menschen wie Jenna sind Zeitbomben. Sie reißen vielleicht ein paar Menschen mit in den Tod, aber bei dem Inferno gehen sie auf jeden Fall selbst mit drauf.“ (S. 97) 
Als der in Dorchester, Boston, geborene Dennis Lehane 1994 seinen Debütroman „A Drink Before the War“ veröffentlichte, wurde er nicht nur gleich mit dem Shamus Award für den besten Erstlings-Roman ausgezeichnet, sondern startete damit auch eine Serie von bislang sechs Romanen um das charismatische Detektiv-Duo Kenzie & Gennaro.
Der Diogenes-Verlag, der bereits Lehanes Bestseller „Shutter Island“ und „Mystic River“ in neuer Übersetzung und dann auch die nach dem Epos „Im Aufruhr jener Tage“ folgenden Werke als deutsche Erstveröffentlichung herausgebracht hat, macht sich nun daran, mit den zuvor bei Ullstein erschienenen Romane um Kenzie & Gennaro nachzulegen.
Lehane begibt sich mit seinem Debüt auf die Spuren der klassischen Schwarzen Serie, wie sie beispielsweise Humphrey Bogart unvergesslich als Sam Spade verkörpert hat. Lehanes Ermittler, die weit mehr als nur eine freundschaftliche Arbeitsbeziehung miteinander unterhalten, geraten gleich in ihrem ersten Abenteuer in eine von Straßengewalt, Rassismus und Korruption geprägte Welt, der sie auch nur mit Gewalt begegnen können, um nicht selbst unter die Räder zu kommen. Dabei versteht es der Autor, in seinem Debüt vor allem das düstere Lokalkolorit seiner Bostoner Heimat einzufangen und sie gleichermaßen auf seine Figuren zu übertragen. Diese hätten durchaus noch etwas mehr Profil erhalten können, aber davon abgesehen bietet „Ein letzter Drink“ packende Krimi-Unterhaltung, auf deren Fortsetzung bei Diogenes sich Lehane-Fans hoffentlich in den nächsten Jahren noch erfreuen dürfen.
 Leseprobe Dennis Lehane - "Ein letzter Drink"

Leon de Winter – „Geronimo“

Samstag, 27. August 2016

(Diogenes, 446 S., HC)
Im September 2010 hält sich Usama bin Laden, Al-Kaida-Füher und weltweit am meisten gesuchter Terrorist, seit fünf Jahren in seinem Versteck im pakistanischen Abbottabad auf und verlässt es nur nachts, um mit dem Moped das Lebensmittelgeschäft oder eine seiner drei Frauen zu besuchen, die er nur mit Hilfe der blauen Pillen zu befriedigen vermag. Sein größter Schatz besteht allerdings in einem USB-Stick, den sein treuer Kämpfer Abu Ahmed al-Kuweiti besorgt hat und dessen Inhalt zwar nur aus sieben Fotos, einem Word-Dokument und einem Video besteht, dafür aber so brisant sind, dass – so bin Ladens Überzeugung – die Amerikaner das Weiße Haus stürmen und eine Revolution anzetteln würden.
Tom Johnson, ehemals Mitglied der Special Activities Division der CIA, erfährt im Februar 2011 bei einem Treffen mit seinen alten Freunden vom ST6, dass die Special Unit mit dem Aufspüren von Usama bin Laden – kurz UBL - beauftragt worden ist. „Kill or capture“ lautet die Anweisung. Doch statt ihn umzubringen, planen sie, seinen als Ben Laden bekannten Doppelgänger als Bin Ladens Leiche zu präsentieren und UBL in Eigenregie zu kidnappen und alles aus ihm an Informationen rauszuholen.
Die Operation gelingt, der in einem Holzschemel versteckte USB-Stick gelangt in die Hände des in der Nachbarschaft von UBLs Versteck lebenden Jungen Jabbar, der davon träumt, als reicher Mann nach Amerika zu gehen, um dort für das afghanische Mädchen Apana zu sorgen, dem man die Ohrmuscheln abgeschnitten und die Hände abgehackt hat, weil es sich von der Musik aus dem Westen verführen ließ.
„Wenn er das Geheimnis fand, war das der Schlüssel zur Greencard. Er würde Spielberg treffen. Und Apana würde neue Hände bekommen, darum würde er Spielberg als Gegenleistung für das Geheimnis bitten. Spielberg war Jude, okay, das war Jesus auch, als Jude geboren, aber das durfte kein Hinderungsgrund sein. Apana musste Hände und Ohren bekommen, und sie würden auf einer Ranch leben.“ (S. 307) 
Tom lernt die beiden Kinder kennen und setzt alles daran, ihr gefährdetes Leben zu retten. Doch dann sorgt ein dramatisches Ereignis für eine spektakuläre Wende in der Geschichte.
In seinem neuen Roman „Geronimo“, dessen Titel übrigens dem Codewort entspricht, das die Seals Team 6 bei der Entdeckung von Osama bin Laden verwenden sollten, spielt der niederländische Autor Leon de Winter mit der (Verschwörungs-)Theorie, dass Osama – im Roman leicht zu Usama abgewandelt – gar nicht getötet, sondern nur gekidnappt worden ist. Doch „Geronimo“ thematisiert nicht nur die tollkühne Aktion des ST6-Teams, sondern auch die innige Verbindung zwischen den beiden Kindern Jabbar und Apana auf der einen Seite und die zwischen Apana und Tom durch die Goldberg-Variationen von Bach auf der anderen.
Und auch Toms eigene schmerzliche Vergangenheit wird in Telefonaten mit seiner Ex-Frau Vera aufgearbeitet, nachdem die beiden ihre gemeinsame Tochter bei dem Bombenattentat in Madrid verloren hatten. So präsentiert sich „Geronimo“ zwar als packender Agenten-Thriller mit einer mehr als nur interessanten Prämisse, aber es stellt Bin Laden auch als Menschen dar, der für seine Frauen Eis und Schokolade einkaufen geht und seine ehelichen Pflichten nur mit chemischer Unterstützung wahrnehmen kann.
Berührend ist vor allem aber die von Mitleid, Güte und Liebe geprägte Geschichte von Jabbar und Apana, die einen wunderbar warmen Kontrast zu dem Tötungsauftrag der US-amerikanischen Spezialeinheit bildet.
 Leseprobe Leon de Winter - "Geronimo"

Ray Bradbury – „Geisterfahrt“

Dienstag, 23. August 2016

(Diogenes, 265 S., HC)
Seit den 1950er Jahren, als er mit „Die Mars-Chroniken“ (1950) und „Fahrenheit 451“ (1953) Klassiker der Literaturgeschichte und Pflichtlektüre in den Schulen veröffentlichte, zählt der 1920 geborene und 2012 verstorbene amerikanische Schriftsteller Ray Bradbury zu den fantasiebegabtesten und versiertesten Geschichtenerzählern der Welt. Vor allem in unzähligen Story-Sammlungen wie „Der illustrierte Mann“, „Medizin für Melancholie“ und „Die Mechanismen der Freude“ dokumentierte Bradbury seinen schier unerschöpflichen Vorrat an geradezu magischen Geschichten, mit denen er seine Leser ebenso in die Vergangenheit wie in die Zukunft mitnahm.
„Geisterfahrt“ aus dem Jahre 1997 ist leider schon eine der letzten Geschichtensammlungen aus seiner Hand, aber auch im Alter von 77 Jahren sind dem Visionär noch beeindruckende Einfälle aus der Feder gesprudelt. In „Nachtzug nach Babylon“ beobachtet der Zauberlehrling James Cruesoe in einem Zug fasziniert, wie ein Trickspieler die Aufmerksamkeit seines Publikums fesselt, während es in „Wenn es MGM erwischt, wer kriegt dann den Löwen?“ um eine herrlich witzige Spielerei aus dem Zweiten Weltkrieg geht, bei der die fast benachbarten Gelände der MGM-Studios und Howard Hughes‘ Flugzeugfabrik zur Täuschung des Feindes die Beschilderung vertauschten.
„Guten Tag, ich muss fort“ ist die Geschichte des vor vier Jahren verstorbenen Henry Grossbock, der nicht darüber hinwegkommt, dass seine geliebte Frau nicht mehr so oft sein Grab besucht und schon gar keine Tränen mehr verdrückt, weshalb er sich aus seinem Grab heraus auf den Weg zu seinem Freund Steve Ralphs macht, um ihm sein Leid zu klagen. Die vielleicht schönste Geschichte, „Haus zweigeteilt“, dreht sich um das sexuelle Erwachen von Teenagern. Der zwölfjährige Chris kann es kaum fassen, dass sich die drei Jahre ältere Vivian an seiner Hose zu schaffen macht.
„Es war so seltsam. Chris konnte nur daliegen und sich von Vivian alles erklären lassen mit dieser dunklen, unglaublichen Pantomime. Von so etwas wird einem im ganzen Leben nichts gesagt, dachte er. Gar nichts wird einem gesagt. Vielleicht ist es zu gut zum Weitersagen, zu seltsam und wunderbar, um es in Worte zu fassen.“ (S. 45) 
In „Schwerer Diebstahl“ erleben die beiden Schwestern Rose und Emily Wilkes noch einmal den Zauber ihrer ersten Liebe, als eines Nachts die Liebesbriefe an Emily aus den Jahren 1919 bis 1921 gestohlen werden und mit unbekanntem Namen unterschrieben wieder in ihrem Briefkasten landen. „Kennen Sie mich wieder?“ beschreibt das unerwartete Aufeinandertreffen des Fleischers Harry Stadler mit einem seiner Kunden in Florenz, wo sie bei einem gemeinsamen Abendessen feststellen, dass sie gar keine Gemeinsamkeiten haben. Die Titelgeschichte erzählt von einem Jungen, der mit Staunen erlebt, wie ein Fremder mit völlig verdunkelnder Gesichtsmaske in der Stadt auftaucht und versucht, seine Studebakers, die er in Gurney verkauft, an den Mann zu bringen, was ihm durch sein Aufsehen erregendes Auftreten auch gelingt.
Aber im Grunde genommen geht es um die Dinge und Erfahrungen, die Menschen verändern, und vor allem um die Menschen, die andere Menschen verändern. Einen ähnlichen Subtext gibt es in „Es verändert sich nichts“, wo ein Mann in einer Buchhandlung am Meer alte Jahrbücher durchstöbert und dabei erst auf ein Foto seines alten Freundes Charlie Nesbitt stößt, allerdings in einem Jahrbuch von 1912, 26 Jahre vor seinem eigentlichen Schulabschluss und unter anderem Namen. Danach findet er unzählige weitere Beispiele in anderen Jahrbüchern, bis er seinem eigenen, jüngeren Ich im aktuellen Jahrbuch von Roswell High begegnet.
Immer wieder geht es um Erinnerungen, Träume und Identität, um die großen Mysterien des Lebens und des Todes, um Religion, Freundschaft und Liebe. Bradbury gelingt es, diese existentiellen Themenschatz in immer wieder neue, erfrischende, magische und verführerische Geschichten zu weben, dass man immer ein wenig oder meist sogar viel länger bei seinen sympathischen Helden verbleiben möchte.