„Es war erst ein paar Wochen her, dass er diesem Kerl an der Bar vom Boden aufgeholfen hatte. Und jeden, der ihm damals prophezeit hätte, dass Dan hier zum Stammgast werden, sich unter die Jungs mischen, mit ihnen quatschen, rauchen und trinken würde, hätte Jada für geisteskrank erklärt. Genau wie Dan, wenn man ihm gesagt hätte, dass er um fünf Uhr nachmittags betrunken in einer der übelsten Spelunken von Glasgow – und damit mehr oder weniger zwangsläufig der ganzen Welt – sitzen und sich über einen gescheiterten Einbruch in ein Haus amüsieren würde, das seinem eigenen sehr ähnlich war. Andererseits war Dan in jüngster Zeit vieles widerfahren, das er nicht geglaubt hätte.“ (S. 270f.)
John Niven – „Zwei Väter“
Donnerstag, 30. Juli 2026
John Niven – „O Brother“
Samstag, 25. Juli 2026
„Ich habe keine Ahnung, warum manche Menschen einfach nicht in der Lage sind, ein selbstständiges Leben zu führen. Warum sie die tägliche Tretmühle aus Gas- und Stromrechnungen, Steuererklärungen, Lebens-, Gebäude- und Hausratversicherungen, Hypotheken, Lebensmitteleinkäufen, Überziehungsrahmen, Zahlungszielen und dem Rausstellen der Mülltonnen hoffnungslos überfordert. Sie können nicht einfach die Zähne zusammenbeißen und weitermachen. Später, wenn mir dieses Wissen nichts mehr nützt, werde ich sehr viel schlauer sein, aber damals habe ich keine Ahnung, was es tatsächlich bedeutet, depressiv und suizidal zu sein.“ (S. 337)
John Niven – „Die F*ck-It-Liste“
Dienstag, 13. Oktober 2020
„Ihm war übel von dieser endlosen Gülleflut, die er sich zeit seines Lebens auf amerikanischen Golfplätzen anhören musste. Von all dem Dreck, den er dort selbst zum Besten gegeben hatte. America first … beschissene UNO … schaut euch doch an, was Putin für sein Land getan hat, die wischten sich die Ärsche mit der nackten Hand ab … verdammte Demokraten … ein bisschen globale Erwärmung tut uns ganz gut … was diese Menschen wollen, ist ein Holocaust am ungeborenen Leben.“ (S. 224)
John Niven – „Kill 'em all“
Sonntag, 3. Februar 2019
Seit Steven Stelfox 1994 seine Karriere als A&R-Scout bei Unigram begonnen hat und als ausführender Produzent der Talent-Show „American Pop Star“ seinen Reichtum vervielfachen konnte, genießt der 47-Jährige den beruhigenden Wohlstand, der mit einem 300-Millionen-Dollar-Vermögen einhergeht, und stellt sich nur noch sporadisch für fürstliche Honorare als Berater zur Verfügung. Gerade als Unigrams Aktien weiter zu fallen drohen, muss Stelfox seinem alten Freund James Trellick, mittlerweile CEO bei Unigram, aus der Patsche helfen. Sein erfolgreichster Künstler Lucius Du Pre, der gerade einen Marathon von zwanzig Konzerten im New Yorker Madison Square Garden und ebenso vielen in der Londoner O2-Arena vorbereitet, um seine immensen Schulden wieder einzuspielen, hat eine Vorliebe für kleine Jungs. Mit denen tobt er nicht nur in seinem Vergnügungspark herum und guckt mit ihnen seine Lieblings-DVD „Fantasia“, sondern stellt mit ihnen Sachen an, die besser nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Das denken sich auch die Eltern von Connor, als sie eine blutbefleckte Unterhose unter dem Bett ihres Sohnes finden, denn statt mit ihrem Verdacht zur Polizei zu gehen, verstecken sie eine Kamera in Connors Mütze und filmen so den nächsten sexuellen Übergriff des drogenverseuchten und abgehalfterten Pop-Stars.
Natürlich denken Stelfox und die Leute bei Unigram nicht daran, auf die absurd hohen Forderungen von Connors Eltern und ihrem Anwalt einzugehen. Stattdessen entwickelt Stelfox einen teuflischen Plan, bei dem zumindest er selbst am Ende als der große Gewinner dastehen wird. Aber da droht ihm ausgerechnet Du Prez einen Strich durch die Rechnung zu machen …
„Bis jetzt hatte ich nie wirklich verstanden, was es heißt, ,die Medikamente abgesetzt‘ zu haben. Fraglos erfüllten die atemberaubenden Mengen pharmazeutischer Aufputsch- und Beruhigungsmittel, die Lucius über Jahre genommen hat, die Funktion einer Art Sicherungsschraube … oder von einem Sperrkreis zur Unterdrückung störender Frequenzen. Von ihnen befreit, ist der Wichser durchgeknallter geworden als ein Plattenbau voller Scheißhausratten.“ (S. 311f.)Nach „Kill Your Friends“ und „Gott bewahre“ hält uns der schottische Schriftsteller John Niven einmal mehr in Gestalt des großkotzigen Selfmade-Arschlochs Steven Stelfox der Welt das ungetrübte Spiegelbild vor Augen, in dem Donald Trump wie eine Karikatur die Geschicke des mächtigsten Landes der Welt lenkt und junge Frauen, die sich für ihren Traum von einer Karriere in Hollywood als menschliche Toilette missbrauchen lassen, wie ein Hohn auf die #MeToo-Debatte wirken. Wer in diesem Roman eine sympathische Identifikationsfigur sucht, wird bitterlich enttäuscht, denn der Großteil von „Kill ´em all“ ist aus der Perspektive von Steven Stelfox geschrieben, der von Beginn keinen Hehl daraus macht, was er von den „Losern“ hält, die es in ihrem Leben zu nichts bringen. Aus der gesicherten Position seines Reichtums heraus hält es Stelfox wie Präsident Trump: Er versucht gar nicht erst, bei den Minderheiten zu punkten, sondern nur seine ureigenen Interessen durchzusetzen – weil er es kann, ohne für seine Rücksichtslosigkeit belangt werden zu können. Wer sich auf den sehr zynischen Blick auf eine Welt, in der Musikfans selbst den billigst produzierten Scheiß zu Hits machen, einlassen kann, wird auf höchst unterhaltsame Weise auch mit den Schattenseiten des Reichtums vertraut, wenn es immer nur noch darum geht, mehr Geld zu scheffeln, größere Yachten zu besitzen als David Geffen und seinen Fuhrpark um imposantere Luxus-Karossen zu erweitern. Das wirkt auf der einen Seite extrem oberflächlich und klischeebeladen, aber hinter den großkotzigen Sprüchen und Gedanken, die Stelfox hier reihenweise vom Stapel lässt, liegt immer mehr als nur ein Körnchen Wahrheit.
Leseprobe John Niven - "Kill 'em all"
John Niven – „Alte Freunde“
Samstag, 11. November 2017
Der renommierte Restaurantkritiker und Buchautor Alan Grainger ist am Nachmittag gerade auf der Suche nach einer ruhigen Ecke im Soho House oder Groucho, wo er die Rezension über den Pop-up-Store, den er gerade besucht hat, zu schreiben plant, als ihm an einer Straßenkreuzung ein Penner mit schottischem Akzent anspricht. Wie sich nach einem kurzen Wortwechsel herausstellt, sitzt da ausgerechnet sein alter Schulfreund Craig Carmichael auf einem Stück Pappkarton. Bei einem Bierchen in einem nicht so noblen Laden tauschen sie Erinnerungen und Lebensgeschichten aus. Zuletzt hatten sich Alan und Craig bei einem Konzert von Craigs Band The Rakes im Jahre 1993 gesehen, nachdem die Band von einer erfolgreichen Tour durch Amerika zurückgekehrt war, und als Headliner im QM in Glasgow den Start ihrer UK-Tour absolvierte.
Alan hatte zu Jugendzeiten immer zu dem teuflisch talentierten Gitarristen Craig aufgesehen, durfte in der Anfangszeit der Band auch mal den Bass zupfen, doch als Craig ein echter Star im Rockzirkus wurde, hatte er ihn aus den Augen verloren. In der Zwischenzeit ist Craig allerdings fürchterlich abgestürzt: schon das zweite Album floppte, Craig ging pleite und verfing sich im Drogensumpf und kehrte nach London zurück.
Währenddessen lernte Alan die aus wohlhabendem Hause stammende Katie kennen, mit der er zwei Töchter und einen Sohn hat und in einem großen Haus außerhalb Londons lebt. Alan quartiert seinen alten Freund zunächst im Gästezimmer ein, will ihm wieder auf die Beine helfen. Tatsächlich erreicht er, dass Craig noch 32.000 Pfund an Tantiemen ausgezahlt bekommt, sich eine eigene Wohnung und neue Zähne leisten kann, ja sogar seine musikalische Karriere wieder in Schwung bringt. Dagegen häufen sich bei Alan die Unglücksfälle. Zunächst erhält Katie ein Handyvideo, auf dem zu sehen ist, wie Alan von einer Unbekannten im eigenen Haus einen Blowjob genießt, so dass er ausziehen muss, dann sitzt ihm das Finanzamt mit einer Untersuchung im Nacken und sperrt ihm die Konten und Kreditkarten. In wenigen Wochen befindet sich Alan genau dort, wo er Craig vor einigen Monaten gefunden hatte …
„Was war passiert? Eben noch hatte er eine wundervolle Frau, eine wundervolle Familie und ein wundervolles Zuhause, und nur eine Minute später war er mittellos und hauste in einem beschissenen Billighotel. Sein Leben war wie eines dieser GIFs auf Hold My Beer. Er war der Typ, der im Lagerhaus einen Gabelstapler wendet. Erst ist alles bestens, aber dann stößt er gegen ein Regal, und zwei Sekunden später sieht es aus, als hätte jemand eine Bombe gezündet. Wie Ground Zero.“ (S. 296)Der schottische Bestsellerautor John Niven („Old School“, „Gott bewahre“) erweist sich auch in seinem neuen Werk als feiner Kenner der Materie, über die er schreibt. Als ehemaliger A&R-Manager bei einer Plattenfirma fällt es ihm nicht schwer, den rasanten Auf- und ebenso schnellen Abstieg von Alans Freund Craig authentisch zu skizzieren. Humorvoll ist aber vor allem Alans Alltag und Lebensumfeld beschrieben. Dabei gelingt es ihm, Alan zwar nicht als Supersympathisant zu zeichnen, aber eben als aufrechten Mann, der seine Berufung in dem Schreiben von Kochbüchern mit ausgefallenen Themen und Restaurantkritiken gefunden hat und durch seine wohlhabende Frau keine finanziellen Sorgen kennt, ohne aber auf dicke Hose zu machen.
Niven hat sichtlich Spaß daran, den Hype um neue Restaurants mit überteuerten Gerichten und langen Wartezeiten durch den Kakao zu ziehen, aber auch die Kolumnentätigkeit seiner Frau wird in einer herrlichen Persiflage auf den Wohlfühl- und Gesundheitswahn wunderbar kommentiert. So richtig derben Humor präsentiert Niven seinen Fans in einer seitenlang beschriebenen Episode darüber, wie Alan mit seinem problematischen Stuhlgang der Sanitäranlage in dem uralten Landsitz von Katies Eltern den Rest gibt und damit die feine Gesellschaft im Speisesaal in die Flucht schlägt. Überhaupt zählen die Szenen, in denen die High Society auf das Elend trifft, das zunächst Craig, dann auch Alain verkörpern, zu den gelungensten in „Alte Freunde“, weil Niven auf ebenso humorvolle wie pointiert treffsichere Weise die dem Roman vorangestellten Sprichwort „Keine gute Tat bleibt ungesühnt“ und F. Scott Fitzgeralds Zitat „Nichts ist widerwärtiger als das Glück anderer Leute“ auf literarische Weise zum Leben erweckt. Dabei berührt er auch Fragen nach dem Ursprung und dem Wesen von (Männer-)Freundschaften, nach Glück, Dankbarkeit und Neid sowie der Bedeutung von materiellem Reichtum. Selten wurde eine Achterbahnfahrt durch das Leben so leichtfüßig, gut beobachtet und dabei so unglaublich witzig beschrieben.
Leseprobe John Niven - "Alte Freunde"
John Niven – „Gott bewahre“
Sonntag, 20. Dezember 2015
Ein Tag im Himmel entspricht 57 Erdenjahren. Als Gott nach einem einwöchigen Angelurlaub an seinen Schreibtisch im Himmel zurückkehrt, bekommt er in seinem Büro eine endlos lange Trolley-Schlange mit einer Rückschau der letzten vierhundert Jahre auf Erden präsentiert. Bei der Durchsicht der Berge von Akten, CDs und DVDs muss er leider feststellen, dass es die Menschheit verbockt hat. Als Gott in den Urlaub ging, wurde in London gerade „King Lear“ uraufgeführt, El Greco malte an „Das fünfte Siegel der Apokalypse“, Galileo erblickte durch den Prototyp seines Teleskops erstmals die vier Mondtrabanten des Jupiter und Monteverdi hatte gerade die Komposition von „L’Orfeo“ vollendet. Nach seiner Rückkehr muss sich Gott durch Ordner wühlen, die mit Überschriften wie „18. Jahrhundert: Sklavenhandel“, „Katholische Kirche: Neuzeit“ und „Islamischer Fundamentalismus: Überzeugungen und Bräuche“ betitelt sind.
Also ruft er seinen aus Petrus, Matthäus, Andreas und Johannes bestehenden Krisenstab zusammen, lässt sich über die katastrophalen Entwicklungen der letzten vier Jahrhunderte Bericht erstatten und nimmt mit seinem Sohn Jesus den Fahrstuhl zur Hölle, um Satan zu besuchen. Der ist ganz zufrieden, dass es „da oben“ gar nicht besser für ihn laufen könnte, mit all den Reality-Shows im Fernsehen, mit den aufgeblasenen Egos, die nichts mehr lernen, sondern nur noch berühmt werden wollen. Gott sieht nur noch eine Möglichkeit, die Dinge wieder in den Griff zu bekommen: Er schickt seinen Sohn Jesus Christus wieder auf die Erde, wo er 1979 von einer ahnungslosen Jungfrau zur Welt gebracht wird und 31 Jahre später in New York City landet, wo er alles dafür tut, Obdachlosen und Bettlern zu helfen.
Allerdings muss er bald feststellen, dass das christliche Motto „Seid lieb“ hier unten nicht mehr viel zählt. Die einzige Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen, sehen JC und seine Mitstreiter in der Casting-Show „American Pop Star“. JC erweist sich als charismatischer Gitarrist und Sänger, schließlich hat er im Himmel lange genug mit Jimi Hendrix gejammt. Doch kaum hat JC die erste Casting-Hürde und damit auch die Auseinandersetzung mit Programm-Chef Steven Stelfox hinter sich, ist er sich überhaupt nicht mehr sicher, ob das so ein guter Plan ist, seine Botschaft auf diese Weise zu erneuern.
„Es sah ganz so aus, als ob sich Amerika zwar grundsätzlich für Talent interessierte, sich jedoch eigentlich viel mehr für sabbernde, total aus dem wahren Leben gegriffene, absolut durchgeknallte Oberirre der Kategorie Schließt-sie-weg-und-pumpt-sie-mit-Chlorpromazin-voll begeisterte. Je mehr davon, desto besser.“ (S. 116)
John Niven – „Old School“
Sonntag, 13. Dezember 2015
Als Frau eines gut verdienenden Wirtschaftsprüfers ist es der fast sechzigjährigen Susan Frobisher im südenglischen Dorf Dorset vergönnt, sich ganz ihrem Hobby zu widmen. Bei der Laien-Schauspieltruppe Wroxham Players ist sie seit drei Jahren mit Leidenschaft für die Kostüme und die Requisiten zuständig. Ihr Mann Barry, mit dem sie dieses Jahr ihren fünfunddreißigsten Hochzeitstag feiert, hat für die Experimente, die Susan in der Küche bei der Herstellung von Kunstblut anstellt, ebenso wenig Verständnis wie für ihre Leidenschaft für Horrorfilme.
Susans Schulfreundin Julie Wickham hat ihre besten Zeiten längst hinter sich. Nachdem sie in ihrer Jugend in Europa, Australien und Amerika gelebt hatte, nach ihrer Heimkehr erst einen Friseursalon und dann zwei Boutiquen eröffnete, verschwand ihr damaliger Liebhaber Tom mit dem Firmenscheckbuch. Steuerprobleme und Umsatzeinbrüche haben dazu geführt, dass Julie in einer Sozialwohnung lebt und als Aushilfe in einem Pflegeheim arbeitet, wo sie unter anderem die 87-jährige Ethel Merriman betreut, eine ehemalige Revue-Tänzerin, die jetzt zwar an den Rollstuhl gefesselt ist, aber nichts von ihrem derben Humor eingebüßt hat.
Ganz andere Probleme hat die 67-jährige Jill Worth. Ihr fünfjähriger Enkel Jamie leidet unter dem De-Havilland-Syndrom, das das Lungengewebe des Jungen rasend schnell zersetzt. Für eine lebensrettende Operation am St. Michael’s in Chicago müsste die Witwe 60.000 Pfund auftreiben. Der eintönige wie beschwerliche Alltag der vier Freundinnen wird auf den Kopf gestellt, als Susans Ehemann in einer unbekannten Wohnung tot aufgefunden wird. Offensichtlich erlitt er einen Herzinfarkt, als ihm ein übergroßer Dildo in den Hintern gerammt wurde. Auf einmal sieht sich Susan mit dem geheimen Doppelleben ihres Mannes und einem riesengroßen Schuldenberg konfrontiert. Die Lösung all ihrer Probleme sehen die Damen in einem Banküberfall.
Obwohl der Coup glückt und die Ladys einen Kontakt in Marseille haben, der ihnen gefälschte Pässe besorgen kann, sind den Neumillionärinnen der übereifrige Detective Sergeant Hugh Boscombe und sein junger Kollege Detective Constable Alan Wesley dicht auf den Fersen. Doch die Frauen genießen ihr neues Abenteuer zunächst in vollen Zügen.
„Es war etwas, was sie tun konnten. Etwas, das in ihrer Macht lag. Etwas, wozu mehr gehörte, als bloß auf seinem Altenteil zu hocken, während das Leben einen Kübel Gülle nach dem anderen über einen ausleerte. Weil Sechzig das neue Vierzig war und all dieser Mist. Denn wie Susan schon gesagt hatte: Ein halbwegs vernünftiger Rechtsanwalt, um zu belegen, dass sie unzurechnungsfähig waren, und sie würden höchstens ein paar Jahre im offenen Strafvollzug bekommen. Es wäre fast wie Urlaub.“ (S. 105)
John Niven – „Kill Your Friends“
Sonntag, 18. Januar 2015
Steven Stelfox steht als A&R-Manager einer großen Plattenfirma stark unter Druck. Im England der ausgehenden 90er Jahre ist es noch immer leicht, bei geringen CD-Produktionskosten eine Menge Geld selbst mit völlig untalentierten Acts zu verdienen. Allerdings hat sich Stelfox im Laufe der Jahre so alle Laster der Welt zugelegt und dabei weit mehr Geld ausgegeben, als selbst sein fürstliches Gehalt abdecken könnte. Zynisch macht er sich über seine Kollegen, seine Angestellten und vor allem über die Musiker lustig, während er sich Unmengen an Koks reinzieht, Massen an Alkohol vernichtet und jede Frau besteigt, die es darauf ankommen lässt. Doch als der „Head of A&R“-Posten frei wird und sein verhasster Kollege Waters die Stelle bekommt, dreht Stelfox durch und erschlägt seinen Kontrahenten in dessen Wohnung.
Auch der ehrgeizige Parker-Hall, der bei der EMI den angesagten Newcomer Ellie Crush unter Vertrag genommen hat, ist Stelfox ein Dorn im Auge. Stelfax muss nicht nur den Detective und Freizeit-Musiker Woodham bei Laune halten, der Stelfox immer wieder zu den Umständen von Waters‘ Ableben befragt und hofft, mit seiner Musik mal einen Verlagsdeal zu bekommen, sondern auch seinen eigenen Act Songbirds zum Laufen bringen.
„Der Dex & Del Mar-Remix liegt uns inzwischen vor und es wird Zeit, ihn ‚an die Clubs rauszugeben‘. Aber taugt er überhaupt was? Ich habe nicht den leisesten Schimmer. Ich sollte es wohl wissen, nehme ich an. Man bezahlt mich immerhin dafür, diese Dinge zu wissen. Aber ich bin müde. Es ist dermaßen ermüdend, immerzu alles wissen zu müssen. Ständig wird von einem erwartet, dass man auf sein ‚Bauchgefühl‘ hört. ‚Hör einfach auf dein ‚Bauchgefühl‘‘, sagen sie zu dir. Aber ich weiß es nicht. Alles, was ich von meinem Bauch höre, ist ein unbestimmtes Rumpeln, das mir sagt, ich sollte mehr Geld verdienen, mehr und hübschere Tussen vögeln, in besseren Restaurants essen und mehr Respekt von Dumpfbacken wie Dunn entgegengebracht bekommen.“ (S. 304f.)
John Niven – „Music From Big Pink“
Samstag, 1. November 2014
Als der ehemalige Drogendealer Greg an einem Märznachmittag 1986 in einem Mini-Markt in Toronto auf der Titelseite des „Star“ vom Selbstmord des The-Band-Sängers Richard erfährt, überkommt ihn eine Welle der Erinnerung. Zurück in der Bruchbude, die er von seinen Eltern geerbt hat, legt Greg „Music From Big Pink“ auf, das Debütalbum von The Band, setzt sich einen Schuss und kehrt mit seinen Gedanken zwanzig Jahre zurück, als er Toronto verlassen hatte, um in New York Jura zu studieren. Doch statt sich um seinen Abschluss zu kümmern, verkaufte Greg in ganz Manhattan Speed und Gras, bis er sich Ärger mit seinem Boss einhandelte und bei seinem Freund Alex in Woodstock unterkam.
„Ich hatte ein bisschen was von der Musik aufgeschnappt, die sie mit Dylan den Sommer über in ihrem Keller aufgenommen hatten. Vor der Revox neben Garths Orgel stapelten sich die Bänder, größtenteils Coverversionen oder Sessions mit klassischem Zwölf-Takt-Blues, über die Dylan Songs von Johnny Cash, Hank Williams oder Elmore James näselte, ausnahmslos beschissen aufgenommen, mit einem Haufen mieser Mikrofone. Das meiste von dem, was ich gehört hatte, klang wie echtes Kifferzeug. Wie Comedy-Musik. Der Scheiß eben, den sich Typen mit ihren Gitarren zusammendengeln, wenn sie völlig breit vor sich hinkichern.“ (S. 68f.)
John Niven – „Coma“
Dienstag, 2. September 2014
Unterschiedlicher können zwei Brüder kaum sein wie Gary und Lee Irvine. Sie sind beide nie aus dem beschaulichen Ardgirvan an der schottischen Westküste herausgekommen, doch da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Gary schlug sich in der Verwaltung von Hendersons Gabelstaplerwerk durch und unterminierte konsequent die höher gesteckten Erwartungen seiner Frau Pauline, die sich damals nur auf Gary einließ, weil er der einzige in der Stadt mit einem Job und Auto gewesen war. Garys große Leidenschaft gilt aber dem Golfsport, die er von seinem vor Jahren verstorbenen Vater geerbt hat, der im Gegensatz zu seinem Sohn aber ein guter Spieler war. Wenn sich Gary auf das Grün wagt, endet sein Auftritt meist in peinlichen Fiaskos. Seinem Bruder Lee ergeht es ganz ähnlich. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und ist sich nicht zu schade, das Darth-Vader-Sparschein seines Sohnes zu plündern, um sich das nächste Pint in der Kneipe leisten zu können. Als er einen Drogendeal vermasselt, sieht es um seine Zukunft noch schwärzer aus. Das Leben der beiden Brüder ändert sich schlagartig, als Gary von einem fehlerhaften Golfball direkt an der rechten Schläfe so schwer getroffen wird, dass er ins Koma fällt, nachdem er gerade den besten Schlag seines Lebens absolviert hat. Als Gary aus dem Koma erwacht, leidet er unter einer außergewöhnlichen Art des Tourette-Syndroms.
„Robertson hatte Cathy und Pauline erklärt, dass all das unfreiwillig geschah, dass es sich dabei um eine spastische Reaktion handelte, die sich unwesentlich von einem Schluckauf unterschied, und dass Gary häufig gar nicht wahrnahm, was er da tat. Dennoch fiel ihnen auf, dass er den Kraftausdrücken manchmal eine hastige Entschuldigung oder einen durchaus bewussten Fluch aus Frustration über seinen Zustand folgen ließ. Ein solcher Satz hörte sich dann folgendermaßen an: ‚Hi, Mum, ich war bloß – O MANN! Du geile Sau, ficken – `tschuldigung! – blöde Kuh, lutsch meinen – SCHEISSE! – lutsch meinen Schwanz. SCHEISSE! SORRY! Grrr!‘“ (S. 154).
John Niven – „Straight White Male“
Samstag, 31. Mai 2014
Der gefeierte irische Roman- und Drehbuchautor Kennedy Marr bekommt immer wieder Schwierigkeiten, weil der in Hollywood zwischen den Reichen und Schönen lebende Mittvierziger seinen Schwanz nicht in der Hose lassen kann. Das hat ihn bereits zwei Ehen gekostet und ihm nun ein paar Therapiesitzungen bei Dr. Brendle eingebrockt, weil er sich im Powerhouse mit dem Freund seinem gerade auserkorenen Opfer prügeln musste. Auch sonst sieht es bei dem erfolgsverwöhnten Schwerenöter nicht besonders rosig aus, weil er mehr Geld ausgibt, als durch seine Drehbücher und Überarbeitungen hereinkommt.
Als die Bundessteuerbehörde auf die Zahlung von 1,4 Millionen Dollar pocht, hecken Kennedys Agenten einen Plan aus, der nicht nur auf die Reduzierung seiner immensen Ausgaben abzielt, sondern auch die Erledigung etlicher Aufträge vorsieht, mit denen Kennedy arg im Verzug ist. Da kommt die Nachricht, dass Kennedy in London für den F. W. Bingham Award nominiert ist, wie ein Segen. Allerdings erhält er die steuerfreien 500.000 Pfund nur, wenn er ein Semester lang einen Kurs in „Kreatives Schreiben“ unterrichtet, was der Universität von Deeping wiederum eine bessere Reputation verschaffen soll. Allerdings unterrichtet dort auch Kennedys Ex-Frau Millie, die dort mit der gemeinsamen Tochter Robin lebt. Doch schon auf dem Flug nach England verwickelt sich Kennedy in eine schlagzeilenträchtige Schlägerei und jagt an seiner neuen Wirkungsstätte weiterhin jedem Rock nach, strapaziert über Gebühr seine Leber und legt sich mit der Crew an, die gerade Teile des Films in England dreht, zu dem Kennedy das Drehbuch verfasst hat. Gerade von Millie wird er auf seinen unsteten Lebenswandel angesprochen, der ihn von seiner ganzen Familie entfremdet hat.
„Auf dem Papier, dachte er zum zigsten Mal, sollte doch eigentlich alles gut sein. Eigentlich müsste doch alles prima für ihn laufen. Viel Geld, ein interessanter, glamouröser Job und haufenweise begehrenswerte Frauen, die sich zu ihm hingezogen fühlten. Und dennoch schien er in einer sehr überzeugenden Reproduktion der Hölle gelandet zu sein. Offenbar hatte er ein ausgeprägtes Interesse daran, ja, er befand sich auf einer regelrecht fanatischen Mission, sein Leben so schwierig wie irgend möglich zu gestalten. Ist dir jemals der Gedanke gekommen, dass man zu Sex auch Nein sagen kann? Kennedy dachte ernsthaft über diese Frage nach. Hatte er tatsächlich jemals einen Fick abgelehnt? Irgendwann musste er das doch sicher mal getan haben? O ja, damals … obwohl … eine Chance verstreichen zu lassen, weil sich dadurch eine bessere ergab, zählte vermutlich nicht.“ (S. 274f.)
Als gelegentlicher Drehbuchautor (u.a. zur Verfilmung seines eigenen Bestsellers „Kill Your Friends“) hat der britische Autor John Niven sicher eine mehr als ungefähre Vorstellung davon, wie es im Filmbusiness läuft. In seinem neuen Roman „Straight White Male“ lässt Niven seinen Protagonisten alle Höhen und Tiefen des Starruhms durchleben.
Kennedy Marr ist mit wenigen Bestsellern und Drehbüchern ein schwerreicher Mann geworden, der nicht nur sein Geld für teure Klamotten, exklusives Essen und Partys herausschleudert, sondern auch Verachtung für fast jeden empfindet, der meint, seine Drehbücher bedürfen einer Überarbeitung. Wie Kennedy sich durch die aufgeblasene Hollywood-Szene flucht, säuft und bumst, macht einfach höllisch Spaß. Er teilt mächtig aus, muss aber wenig einstecken. Erst als sein ruinöser finanzieller Zustand einen längeren Aufenthalt in seiner alten Heimat erfordert, muss sich der gefeierte Autor den Dämonen seiner Vergangenheit stellen und sich mit seiner Familie aussöhnen, die ganz alltägliche Probleme zu bewältigen hat.
John Niven – “Das Gebot der Rache”
Sonntag, 10. Februar 2013
Donald R. Miller hat es gut getroffen. Als Mann der wohlhabenden Tochter noch wohlhabenderer Eltern fristet der Mittvierziger ein beschauliches Leben in der idyllischen Einöde von Saskatchewan in Kanada, indem er gelegentlich wohlwollende Filmkritiken für das Anzeigenblättchen verfasst, das seine Frau Sammy herausgibt, und auf den gemeinsamen Sohn Walt aufpasst. Doch das Familienglück gerät arg ins Wanken, als eines Tages der Labrador Herby verschwindet und Donald das ausgeweidete Tier unweit der Bushaltestelle im Schnee auffindet.
Sofort werden Donalds Erinnerungen an seine wenig glorreiche Kindheit in Schottland wachgerufen, die die dunklen Vorahnungen größeren Unglücks heraufbeschwören.
„Zum ersten Mal, seit wir hier lebten, wurde unser Glück bedroht. Und das wirklich Beunruhigende daran war, dass ich das dumpfe Gefühl hatte, als hätte ich so etwas … erwartet. Nicht genau das, was geschehen war, aber etwas in der Art. Als hätte ich unterschwellig ständig mit dem Schlimmsten gerechnet, weil ich wusste: Mein Glück war nur erschlichen, und früher oder später musste der Schwindel auffliegen. Du hast das große Los gezogen. Den Sechser im Lotto. Hast du wirklich geglaubt, das würde immer so weitergehen? Dass das Karma so etwas zulassen würde? Aber du glaubst ja nicht an Karma. Greise Nazi-Kriegsverbrecher liegen in Südamerika an ihren Swimming Pools, während anderswo Babys von Lastwagen überrollt werden. Nichts als wirre nächtliche Gedanken, allein der Übermüdung geschuldet. Eine totale Überreaktion auf den Tod eines Haustiers, das von einem Wolf gerissen wurde. Was hast du denn erwartet, als du hier raus in die Wildnis gezogen bist?“ (S. 62)
Doch die eigenen, nicht wirklich überzeugenden Beschwichtigungen werden bald in ihre Einzelteile zerlegt, als auch Sammy nach einem außerplanmäßigen Meeting nicht nach Hause kommt, und die Polizei mit einem Hubschrauber auf dem verschneiten, zwei Hektar großen Grundstück landet …











