Freitag, 21. September 2018

James M. Cain - „Der Postbote klingelt immer zweimal“

(Kampa, 190 S., HC)
Der mehrfach vorbestrafte Herumtreiber Frank Chambers landet in den 1930er Jahren während seiner Reise von Tijuana im Diner Twin Oaks Tavern, wo er sich ein ordentliches Mittagessen erschleicht. Der griechische Tankstellen- und Restaurantbesitzer Nick Papadakis bietet Frank daraufhin einen Job als Mechaniker an, doch erst als er Nicks attraktive Frau Cora erblickt, beschließt er zu bleiben. Cora findet ebenfalls Gefallen an dem Fremden und lässt sich auf eine Affäre mit Frank ein, als Nick zu Besorgungen aufbricht. Da Cora aber keine Möglichkeit sieht, wie sie aus dem Gefängnis ihrer Ehe ausbrechen kann, schmieden die beiden Frischverliebten einen Mordplan.
Selbst nach einem missglückten Versuch lassen Cora und Frank nicht von ihrem Vorhaben ab, unternehmen einen Ausflug mit dem bald volltrunkenen Nick, erschlagen ihn während der Rast an einer Böschung und lassen den Wagen mit der Leiche den Steilhang hinunterstürzen. Doch der angezeigte Unfall ruft nicht nur den Staatsanwalt auf den Plan, sondern auch die Versicherung, die alles daransetzt, die Lebensversicherung über zehntausend Dollar nicht an die Witwe auszahlen zu müssen. Der windige Verteidiger Katz wiederum heckt einen eigenen Plan aus, wie er die Frank und Cora aus der Angelegenheit herauspaukt …
„,Da Sie nun gegen die Frau aussagen, kann keine Macht auf Erden verhindern, dass umgekehrt die Frau gegen Sie aussagt. Das ist also der Stand der Dinge, als ich mich mit ihm zum Abendessen hinsetze. Er macht sich lustig über mich. Er bemitleidet mich. Er wettet um hundert Dollar mit mir. Und ich sitze die ganze Zeit mit einem Blatt da, mit dem ich ihn schlagen kann, wenn ich nur richtig spiele.‘“ (S. 120) 
Gleich mit seinem Debütroman „The Postman Always Rings Twice“ avancierte der amerikanische Journalist und Schriftsteller James M. Cain 1934 neben Dashiell Hammett und Raymond Chandler zu einem der Gründerväter des Roman noir. Zwar wurden von Cain auch spätere, weniger populäre Werke verfilmt (u.a. „Mildred Pierce“), aber Cains Debüt brachte es seit 1939 auf bislang sieben Leinwand-Adaptionen, die berühmteste von Bob Rafelson (1981) mit Jack Nicholson und Jessica Lange in den Hauptrollen.
In der Neuübersetzung von Alex Capus, der das Büchlein auch mit einem informativen Nachwort versehen hat,  ist aus dem bisherigen „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ das wortwörtliche „Der Postbote klingelt immer zweimal“ geworden, wobei der Titel eher metaphorisch auf eine zweite Chance anspielt. Für die desillusionierten Antihelden der vorliegenden Geschichte besteht diese Chance in dem wiederholten Mordversuch an Coras Ehemann. Zwar setzen die beiden Ehebrecher den Plan im zweiten Versuch erfolgreich um, doch glücklich können sie nach diesem Mord aus Gier und Leidenschaft nicht werden.
Cain lässt seine Geschichte aus der Ich-Perspektive Frank Chambers erzählen und hält sich nicht groß mit gefühlsduseligen Beschreibungen auf. Auf nüchterne, schmucklose Art beschreibt Chambers sein Vagabundieren, das Ausschöpfen günstiger Möglichkeiten, ob beim Prellen der Zeche, beim Glücksspiel oder in der Liebe. Alles scheint erlaubt, solange es seinem eigenen Wohlbefinden, für wie flüchtig auch immer, dienlich ist. Wenn Frank etwas gefällt, nimmt er es sich ohne Rücksicht auf Verluste. Sex, Geld und Gewalt sind die Triebfedern in einem existentialistischen Stück, das in der Großen Depression angesiedelt ist und an keiner Stelle Sympathien für das Liebes- und Mörderpaar aufkommen lässt. Doch die flotte Action, die ungeschminkte Grausamkeit, der harte Sex, die Tricksereien zum Gerichtsprozess und die unerwarteten Wendungen machen „Der Postbote klingelt immer zweimal“ zu einem düsteren, aber eindringlichen Lesevergnügen.

Sonntag, 16. September 2018

Colin Harrison – „Die Zügellosen“

(Droemer, 416 S., Pb.)
Paul Reeves ist nicht nur ein New Yorker Anwalt für Einwanderungsrecht, sondern auch ein Sammler von seltenen New Yorker Stadtplänen. Mit seiner schönen Nachbarin Jennifer Mehraz besucht er eine Auktion bei Christie’s, wo er einen ungefähr hundertfünfzig Jahre alten Stadtplan von Manhattan zu ersteigern hofft. Doch Jennifers Aufmerksamkeit gilt einem jungen Mann im sandfarbenen Tarnanzug, mit dem sie kurzerhand verschwindet. Wenig später beobachtet Paul, wie sich die beiden im Bett der Nachbarwohnung miteinander vergnügen, während Jennifers Ehemann, der schwerreiche Exil-Iraker Ahmed, in der Weltgeschichte unterwegs ist, auf der Jagd nach dem nächsten großen Deal.
Allerdings hat der eifersüchtige Geschäftsmann durch seine Verwandtschaft Jennifer stets unter Beobachtung, so dass ihm das Verhältnis zwischen Jenifer und dem Mann namens Bill Wilkerson nicht lange vorenthalten bleibt. Während Jennifer Paul bittet, ihren Lover in seinem unbewohnten Elternhaus vorübergehend unterzubringen, lässt Ahmed durch seinen Onkel Hassan bereits Killer auf seinen Nebenbuhler ansetzen. Doch der erste Versuch scheitert kläglich. Billy taucht unter, und auf einmal ist das Leben von Jennifer, Paul und Ahmed ein reines Chaos.
„Für die Presse wäre die Geschichte ein gefundenes Fressen, und binnen weniger Tage wäre seine Karriere – sein Leben! – gelaufen. Ein amerikanischer Soldat im Auftrag eines gelackten, stinkreichen iranischen Geschäftsmanns wegen einer Affäre seiner blonden Frau von zwei lybischen Schlägern attackiert. Es würde den Anschein erwecken, als seien die Männer in Ahmeds Auftrag über Wilkerson hergefallen und er habe sie heldenhaft abgewehrt.“ (S. 133) 
Colin Harrison ist nicht nur Cheflektor des New Yorker Verlags Scribner, sondern selbst Autor mehrerer Spannungsromane und kennt New York wie seine Westentasche. Mit seinem neuen Roman „Die Zügellosen“ zeichnet er ein ungewöhnliches Bild der Metropole, denn durch die Sammelleidenschaft seines Protagonisten Paul Reeves erfährt der Leser viel darüber, wie sich New York über die Jahrhunderte entwickelt hat. Harrison nimmt sich in der Einleitung viel Zeit, die Natur von Paul Reeves‘ Faszination zu dokumentieren, indem er ausführlich die zur Versteigerung stehende Privatsammlung eines alten britischen Kapitäns zur See beschreibt.
Auch im weiteren Verlauf gelingt es Harrison immer wieder, seltene Karten dem Leser so eindrücklich vor Augen zu führen, dass dieser einen Sinn dafür bekommt, wie besonders und wertvoll diese Zeugnisse für die Geschichte einer Stadt sind. In diese Sammelleidenschaft eingebettet ist ein geschickt konstruierter Thriller-Plot, der gerade zum Ende hin den Touch eines John-Grisham-Justizthrillers bekommt, vor allem aber die Beziehungen zwischen Jennifer, Paul, Billy und Ahmed stets neu austariert.
Trotz einiger Längen bietet „Die Zügellosen“ stilistisch fein inszenierte Spannung, bei der die Beteiligten sorgfältig charakterisiert werden und immer wieder für eine Überraschung gut sind.
Leseprobe Colin Harrison - "Die Zügellosen"

Samstag, 15. September 2018

Ned Beauman – „Warum der Wahnsinn einer Niederlage vorzuziehen ist“

(Tempo, 476 S., HC)
Ende der 1930er Jahre bekommt der sechsundzwanzigjährige Elias Coehorn jr. von seinem übermächtigen Vater den Auftrag, für die Coehorn Missionsstiftung eine Expedition zu einem bislang unentdeckten Maya-Tempel im Nordosten von Spanisch-Honduras zu organisieren, der sich in seiner Architektur von allen bisher bekannten Maya-Tempeln unterscheidet. Die Tempelruine soll von einheimischen Arbeitern demontiert und Stein für Stein nach New York gebracht, ausgebessert und in Braeswood wieder aufgebaut werden.
Coehorn jr. nimmt den Auftrag nur deshalb an, weil er sonst befürchten muss, keine finanzielle Unterstützung mehr zu erhalten. Zur gleichen Zeit engagiert der mächtige Hollywood-Studioboss Arnold Spindler den bislang eher auf dem Bildungssektor tätigen Regisseur Jervis Whelt damit, Q. Bertram Lees Roman „Herzen in der Finsternis“ für Kingdom Pictures zu verfilmen.
Da die Geschichte größtenteils im Dschungel spielt, schickt ihn Spindler ebenfalls zu dem gerade entdeckten Maya-Tempel, weil dieser keinen Pfennig kostet. Als beide Expeditionen im Dschungel aufeinandertreffen, entsteht eine über fast zwanzig Jahre andauernde Patt-Situation, in der die Journalisten Meredith Vansaska, Leland Trimble und Zonulet (der auch noch für die CIA tätig ist) vom „New York Evening Mirror“ ebenso beteiligt sind wie die Naturkundlerin Joan Burlingame und die Assistenzgarderobiere Gracie Calix, die ihrer in einer Nervenheilanstalt untergebrachten Nichte und Geliebten Emmy Briefe schreibt, die sie nie abschickt.
Der Film wird nie fertiggestellt, von allen Expeditionsteilnehmern fehlt jede Spur, so dass die Familie der Hauptdarstellerin Adela Thoisy zwei Jahre nach Drehbeginn einen Suchtrupp losschickt, der jedoch nie sein Ziel erreicht. Dafür hat Burlingame im Coehorn-Lager die Führung übernommen und steuert auf eine blutige Schlacht zu.
„Burlingame dachte an jenen Tag vor elf Jahren, als sie mit dem Megafon in der Hand hier oben auf diesen Stufen gestanden und zu Trimbles Verbannung aufgerufen hatte. Sie hatte den Tempel vor ihm gerettet und in der Nacht darauf zum ersten Mal Liebe erfahren. Jetzt war ihr die Liebe entglitten, war vielleicht die ganze Zeit nur ein Trick gewesen, aber der Tempel stand so unumstößlich wie eh und je, und wieder einmal war es an der Zeit, ihn zu retten, die Verantwortung auf sich zu nehmen, alles zu verteidigen, wofür sie gearbeitet hatten.“ (S. 449) 
Der 1985 in London geborene Schriftsteller Ned Beauman legt nach „Der Boxer“ (2010), „Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort“ (2013) und „Glow“ (2014) im Tempo Verlag sein viertes Werk in deutscher Übersetzung vor und erweist sich als vor absurd-genialen Ideen übersprudelnder, sprachgewandter Erzähler, der in „Warum der Wahnsinn einer Niederlage vorzuziehen ist“ virtuos Abenteuer-Roman, Spionage-Thriller, Film-Dokumentation und Kriegs-Drama miteinander verbindet.
Wie er die beiden Expeditionen mit ihren konträr ausgeprägten Missionen im abgeschiedenen Mikrokosmos des Dschungels aufeinandertreffen lässt, sprüht vor intelligentem Witz, feinsinnigen Dialogen und ausgefeilten Charakterisierungen der außergewöhnlichen Figuren. Allerdings wird das Lesevergnügen durch die vielen Zeitsprünge, Erzählperspektiven, komplexen Strategien in den jeweiligen Lagern und all die involvierten Figuren auch beeinträchtigt.  
Beauman ist fraglos ein begnadeter Geschichten-Erzähler, verliert sich in seinem neuen Werk aber auch in seiner absolut entfesselten Vorstellungskraft, unter der die Stringenz der Dramaturgie leidet.

Freitag, 14. September 2018

Benedict Wells – „Die Wahrheit über das Lügen“

(Diogenes, 244 S., HC)
Um mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen, hat sich der erfolgreiche Geschäftsmann Henry M. ein Ferienhaus in den Bergen gekauft, weitab vom Stress der Stadt, doch auch in der Naturidylle hängt der Familienvater mit den Gedanken beim gerade abgeschlossenen Zurbriggen-Deal und feiert den Erfolg lieber mit einer einsamen Wanderung zur Bergspitze und schafft es nicht rechtzeitig zur Geburtstagsfeier seines achtjährigen, migränekranken Sohnes zurück. Tatsächlich findet der Mann in nach seiner Rückkehr ein anderes Leben vor. „Die Wanderung“ ist eine von insgesamt zehn Geschichten, die Bestseller-Autor Benedict Wells nach den vier Romanen „Becks letzter Sommer“, „Spinner“, „Fast genial“ und „Vom Ende der Einsamkeit“ in „Die Wahrheit über das Lügen“ versammelt.
Die Geschichten haben etwas Märchenhaftes, Verträumtes und Phantastisches. So muss die verzweifelte neunundzwanzigjährige Schriftstellerin Margo Brodie zwischen der Liebe zu ihrer männlichen Muse und dem Abschließen ihres erfolgsversprechenden Romans entscheiden, spielen zwei unter ungeklärten Umständen in einem Raum eingesperrte Männer beim Tischtennis um ihr Leben, trauert eine einsame Frau um ihren Kater Richard.
Das Herzstück der Sammlung bildet allerdings die 70-seitige Titelgeschichte, in der der Filmemacher Adrian Brooks seinem Interviewer die abenteuerliche Geschichte erzählt, wie er als Pizzabote einst in den Fahrstuhl einer Krawattenfabrik stieg und sich per Knopfdruck ins Jahr 1973 katapultierte, wo er den waghalsigen Plan fasste, George Lucas die Idee zu „Star Wars“ zu stehlen.
„Jeder Kreative, nicht nur George Lucas, braucht Inspiration und stiehlt hier und da bei anderen. Das ist völlig okay, denn für den wahren Künstler steht seine eigene Schöpfung im Zentrum. Ich dagegen stahl Schöpfungen. Ich war nur ein gerissener, mieser Dieb, nichts weiter.“ (S. 176) 
In dieser gut recherchierten, wendungsreichen und atmosphärisch dichten Story führt Wells dem Leser das Kino des New Hollywood äußerst lebendig vor Augen und lässt das Schaffen von Steven Spielberg, George Lucas und Francis Ford Coppola den Rahmen für seine eigene wunderbare Geschichte bilden.
Abgerundet wird die Story-Sammlung durch zwei Geschichten, die aus dem Umfeld von Wells‘ letzten Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ stammen, wobei „Die Nacht der Bücher“ auch losgelöst von der Romanhandlung auf märchenhafte Weise unterhält, „Die Entstehung der Angst“ aber einen ganz konkreten Bezug zum Roman aufweist.
Abgerundet wird „Die Wahrheit über das Lügen“ von der nostalgieschwangeren Geschichte „Das Grundschulheim“, Wells‘ Beitrag zur Anthologie „Unbehauste“, deren Erlöse an die Flüchtlingshilfe gingen, und den einfühlsamen Storys „Die Fliege“ und „Hunderttausend“, mit denen der Autor eindrucksvoll unterstreicht, warum er zu den wichtigsten jungen Autoren der deutschen Gegenwartskultur zählt.
Leseprobe Benedict Wells - "Die Wahrheit über das Lügen"

Donnerstag, 13. September 2018

Philippe Djian – „Marlène“

(Diogenes, 280 S., HC)
Seit die beiden Kindheitsfreunde Dan und Richard nach verschiedenen Kriegseinsätzen in die französische Provinz zurückgekehrt sind, haben sie Probleme, wieder ins reale Leben zurückzufinden. Während Dan immerhin einen Aushilfsjob in der Bowlingbahn hat und sich um strukturierte Tagesabläufe bemüht, landet der draufgängerische Richard mit seinen kleinkriminellen Aktivitäten und Gewaltausbrüchen immer wieder im Knast.
So hat er nicht nur seine 18-jährige Tochter Mona aus dem Haus und zu Dan getrieben, sondern auch seine Frau Nath, die einen Friseursalon für Hunde und Katzen unterhält, in die Arme des gutaussehenden Vincent getrieben, der ihr nicht mehr von der Pelle rücken will. Noch komplizierter wird es, als Naths schwangere Schwester Marlène vorbeikommt, die auch schon was mit Richard hatte, nun aber Dans Leben durcheinanderwirbelt, der sonst wenig Umgang mit Frauen pflegt. Richard und Nath sind gar nicht davon begeistert, wie sehr Dan von Marlène eingenommen wird, aber auch Mona bleibt von den Ereignissen nicht unberührt …
„Marlène. Du musst durchgedreht sein. Wenn Richard davon erfährt. Nein, Dan, ich fasse es nicht. Das ist ein Witz. Er trat einen Schritt zurück und sah sie erwartungsvoll lächelnd an. Oh, oh, ich date deine Schwester, was es nicht alles gibt. Ich will sie ja nicht heiraten, beruhig dich, was hast du denn. Dan, bevor sie da war, waren wir eine Familie, und sie wird alles zerstören, was davon noch übrig ist, das habe ich.“ (S. 260f.) 
Philippe Djian („Erogene Zone“, „Die Leichtfertigen“, „Oh …“) braucht scheinbar immer weniger Worte, um die Katastrophen heraufzubeschwören, in die seine oft zum Scheitern verurteilten Figuren ohne großes eigenes Zutun schlittern. Auch in seinem neuen Roman „Marlène“ nimmt das Unheil recht schnell seinen Lauf. Djian hält sich nicht lange damit auf, sein reduziertes Figurenensemble vorzustellen. Wenige Sätze reichen aus, um die desolaten Seelenzustände von Dan, Nath, Mona und Richard zu beschreiben. Durch die mysteriöse Marlène wird das ohnehin empfindliche Gleichgewicht zum Kippen gebracht.
Dabei erfährt der Leser recht wenig über die fast vierzigjährige Frau, die vor allem in Dans Leben so unvermittelt auftaucht und für emotionale Ausnahmezustände sorgt. Während sie selbst immer mal wieder einfach so zusammensackt und tollpatschig Bier über ihr Kleid schüttet, Dans Motorrad zu Schrott fährt und Gläser zerdeppert, reagieren vor allem Richard und Nath mit Wut, Eifersucht und Gewalt auf Marlènes Gegenwart. Djian beschränkt sich bei der Inszenierung der Gefühlsausbrüche ganz auf die scharfzüngigen Dialoge und unüberlegt wirkenden Handlungen, statt seine Figuren zu charakterisieren. Durch die Intensität seiner Worte zieht der Autor den Leser mitten in die Handlung hinein, versperrt ihm aber den Blick auf die inneren Kämpfe, die vor allem Dan, Nath und Richard ausfechten, so dass die folgenschweren Handlungen, zu denen sie sich hinreißen lassen, einfach nur beschrieben werden. Besonders glaubwürdig wirkt das Szenario der ganzen amourösen Verflechtungen mit ihren brutalen Konsequenzen allerdings nicht. Dafür springt Djian zu sehr von einer kurzen Episode zur nächsten und überspannt den Bogen der Effekthascherei dann doch zu oft.
Leseprobe Philippe Djian - "Marlène"

Mittwoch, 12. September 2018

Mick Herron – (Jackson Lamb: 1) „Slow Horses“

(Diogenes, 472 S., HC)
Nachdem der junge MI5-Agent River Cartwright bei einem Übungseinsatz eine folgenschwere Verwechslung unterlief, bei der im Ernstfall einhundertzwanzig Menschen getötet oder verletzt worden wären, ist er zu dem von Jackson Lamb geleiteten Slough House versetzt worden, jenem Sammelbecken von MI5-Versagern, die wegen ihrer mangelnden Agenten-Eignung von ihren Kollegen im Regent’s Park spöttisch „Slow Horses“ – lahme Pferde – tituliert werden.
Während Jackson Lamb aber wenigstens auf eine Karriere zurückblicken kann, haben Cartwrights LeidensgenossInnen nur wenig Hoffnung, jemals von diesem unrühmlichen Abstellgleis zurück den Weg in die Zentrale zu finden. Das ist schließlich noch nie vorgekommen. Doch während sich die Slow Horses insgeheim danach sehnen, wieder einen richtigen Auftrag zu erhalten, verbringen sie ihre eintönigen Tage damit, die Mülltüten anderer Leute zu durchwühlen und die Aufzeichnungen alter Telefongespräche auszuwerten.
Als in einem BBC-Blog ein Video läuft, in dem einem maskierten Pakistani angedroht wird, innerhalb von 48 Stunden geköpft zu werden, sehen sie ihre Chance auf Wiedergutmachung. Bei ihren eigenmächtigen Ermittlungen stoßen Lambs Leute aber auf Hinweise, dass die Entführung vom MI5 nur inszeniert worden ist, worauf sich ein vertracktes Katz- und Maus-Spiel zwischen den beiden Lagern entwickelt. Denn aus der inszenierten Entführung ist eine echte geworden, und Diana „Lady Di“ Tavener, Vizechefin des MI5, sucht nach einem Sündenbock.
„Wenn Moskauer Regeln bedeuteten, dass man für Rückendeckung sorgen musste, bedeuteten Londoner Regeln, dass man seinen Arsch retten musste. Die Moskauer Regeln waren auf den Straßen geschrieben, doch Londoner Regeln in den Korridoren von Westminster ausgetüftelt worden, und die Kurzversion besagte: Irgendjemand muss immer bezahlen. Schau zu, dass nicht du es bist. Niemand wusste das besser als Lamb. Und niemand beherrschte das Spiel besser als Lady Di.“ (S. 366) 
Der rasante Prolog in Mick Herrons bereits 2010 begonnenen Reihe um den Slough-House-Leiter Jackson Lamb liest sich wie ein typischer Agentenroman à la John Le Carré, Frederic Forsyth oder Robert Ludlum, nur steht erst einmal der junge River Cartwright im Zentrum der Geschichte, wie er seinen Einsatz vermasselt und nur aufgrund seines einflussreichen Großvaters, der einst eine große Nummer beim MI5 gewesen ist, überhaupt noch einen Job hat – wenn auch nur bei den wenig glorreichen Slow Horses. Nach der kurzweiligen Einführung nimmt sich Herron viel Zeit, um auch die anderen Versager in Lambs Truppe vorzustellen, bevor durch die Entführung des Pakistani, der sich als Neffe eines hochrangigen Vertreters des pakistanischen Geheimdienstes entpuppt, etwas Schwung in den resignierten Haufen im Slough House kommt.
Wie sich Cartwrights KollegInnen in den Job reinhängen und wie sich Lamb und seine Widersacherin beim MI5 einander auszuspielen versuchen, ist nicht nur unterhaltsam und spannend geschrieben, sondern auch mit herrlich sarkastischem Humor gespickt. Darüber hinaus sind Figuren toll gezeichnet und die Dialoge wunderbar spritzig gelungen. Auf die weiteren Bänder der preisgekrönten Agenten-Thriller-Reihe darf man sich nun auch hierzulande freuen! 
Leseprobe Mick Herron - "Slow Horses"

Montag, 10. September 2018

David Baldacci – (John Puller: 4) „No Man’s Land“

(Heyne, 526 S., HC)
Chief Warrant Officer John Puller, Ermittler beim CID, der Militärstrafverfolgungsbehörde der United States Army, besucht nach einem Einsatz in Deutschland gerade seinen an Demenz erkrankten Vater, den Drei-Sterne-General John Puller senior, als er von zwei Militärermittlern informiert wird, dass es neue Hinweise zum Verschwinden von Pullers Mutter vor dreißig Jahren gibt. Eine sterbenskranke Freundin der Puller-Familie beschuldigt Pullers Vater, seine Frau damals umgebracht zu haben.
Tatsächlich war Puller senior einen Tag früher als erwartet von einem Militäreinsatz nach Fort Monroe zurückgekommen. Da sich ihr dementer Vater zu den Vorwürfen nicht äußern kann, ermitteln John und sein älterer Bruder Bobby auf eigene Faust. Bobby, der erst vom Vorwurf des Hochverrats freigesprochen und aus dem Militärgefängnis in Leavenworth entlassen worden ist, nutzt seine Kontakte ebenso wie Johns mit Geheimdienstverbindungen gesegnete Freundin Veronica Knox, die wie aus dem Nichts wieder in Pullers Leben auftaucht.
Puller kann es sich nicht erklären, warum seine Mutter damals an einem gewöhnlichen Samstagabend in Sonntagskleidung noch einmal das Haus verlassen hatte. Was das CID und das ebenfalls hinzugezogene FBI damals aber nicht in Betracht zogen, waren vier Morde an jungen Frauen, die jeweils in irgendeiner Weise für das Verteidigungsministerium gearbeitet hatten.
„Er hatte ein ungutes Gefühl. Der ganze Fall roch verdächtig nach Vertuschung. Und er wusste immer noch nicht, ob das Verschwinden seiner Mutter mit der Mordserie in Zusammenhang stand. Möglicherweise verschwendete er seine Zeit an einen Fall, der rein gar nichts mit seinem eigenen Anliegen zu tun hatte.“ (S. 218) 
Doch bevor Puller tiefer in die Materie einsteigen kann, wird ihm von höchster Stelle befohlen, die Finger vom Fall zu lassen. Puller will schon seinen Abschied vom Militärdienst einreichen, als er an einer Bar den Türsteher Paul Rodgers kennenlernt. Rodgers ist mit übermenschlichen Kräften ausgestattet und sinnt nach zehn Jahren im Gefängnis auf Rache an der Person, die ihn zu einer Killermaschine gemacht hat. Wie sich zeigt, führt die Suche von Puller und Rodgers zu denselben Personen …
Mit dem CID-Ermittler John Puller hat Bestseller-Autor David Baldacci eine Figur geschaffen, die sehr stark an Lee Childs Kinohelden Jack Reacher angelehnt ist, doch bleibt Puller im Vergleich zu Reacher auch in seinem vierten Abenteuer recht blass. Zwar punktet der neue Roman mit neuen Hintergründen zur faszinierenden Familiengeschichte der Pullers, doch der Plot wirkt sehr konstruiert, von der zufälligen Begegnung zwischen Puller und Rodgers an den Schauplätzen der Frauenmorde über die Geschäfts- und persönlichen Verbindungen der im Zentrum der Ermittlungen stehenden Atalanta Corporation bis zu den plumpen Vertuschungsversuchen der Militäroberen, die Entwicklungen des Plots nichts schlüssig. Zwar vermag Baldacci ähnlich wie James Patterson in schlicht gehaltener Sprache und ohne große Investition in die Charakterzeichnung seiner Figuren flotte Spannung zu erzeugen, aber die Mischung aus Jack Reacher und Jason Bourne in „No Man’s Land“ will nach wirklich interessantem Beginn einfach nicht zünden. 
Leseprobe David Baldacci - "No Man's Land"

Sonntag, 9. September 2018

James Lee Burke – „Dunkler Sommer“

(Heyne, 556 S., Pb.)
Aaron Holland Broussard steht im Frühling 1952 am Ende seines Junior-Jahrs an der Highschool in Houston, als er an einem Frühlingssamstag im fünfzig Kilometer entfernten Galveston mit seinen Freunden am Strand abhängt. Wenig später lernt er vor einem Drive-in die siebzehnjährige Valerie Epstein kennen und verliebt sich augenblicklich in sie.
Grady Harrelson, mit dem sie vor Aarons Augen gerade Schluss gemacht hat, ist von Aarons Benehmen alles andere als begeistert und setzt seinem Kontrahenten ordentlich zu. Schließlich ist sein Vater nicht nur fett im Ölgeschäft, sondern unterhält auch Beziehungen zur Mafia in Galveston.
Doch weder Aaron noch sein unbesonnener Freund Saber Bledsoe lassen sich von Grady, seinem Kumpel Vick Atlas und dessen Vater zur Raison bringen. Als erst eine mexikanische Prostituierte mit gebrochenem Genick aufgefunden wird und dann Gradys pinkfarbener Cadillac gestohlen wird, in dem sich fast eine Million Dollar Mafia-Kohle befindet, ist das erst der Anfang einer Reihe von gewalttätigen Auseinandersetzungen, Morddrohungen und Todesfällen.
Aaron lässt allerdings nicht locker, um die Hintergründe der Gräueltaten in Erfahrung zu bringen, muss aber auch um das Leben seiner Liebsten fürchten …
„Ich hatte geglaubt, dass die Menschen, die so viel Leid über uns gebracht hatten, irgendwann dafür zur Verantwortung gezogen würden. Tatsache war aber, dass Valerie beinahe bei lebendigem Leib verbrannt worden war, aber niemand deswegen im Gefängnis saß. Ich bezweifelte sogar, dass die Polizei die richtigen Personen befragt hatte, um die Tat aufklären zu können.“ (S. 330) 
Mit seinen Reihen um Dave Robicheaux, Hackberry Holland und Billy Bob Holland hat sich der aus Louisiana stammende Schriftsteller James Lee Burke in die Herzen anspruchsvoller Krimifans geschrieben. Mit seinem neuen Roman bewegt sich Burke weiterhin im Terrain des Holland-Clans, denn der mittlerweile verstorbene Hackberry Holland war der Vater von Aarons Mutter und hatte als Texas Ranger immerhin John Wesley Hardin hinter Schloss und Riegel gebracht.
Das familiäre Erbe aus dem gewalttätigen Potenzial und Bekanntschaften mit der Mafia ist auch an dem jungen Aaron nicht spurlos vorübergegangen. Mit dem rechten Herz am Fleck, viel Mut und jugendlichem Übermut begibt er sich immer wieder in Situationen, von dem ihm nicht nur seine Eltern und der krebskranke Detective Merton Jerks abraten, sondern auch die Leute, mit denen sich Aaron lieber nicht anlegen sollte.
Burke beschreibt dieses eindringliche, gewalttätige Coming-of-Drama vor dem Hintergrund des Koreakrieges und lässt in seinen Plot immer wieder die militärische Vergangenheit einiger Protagonisten einfließen, thematisiert aber vor allem die weiter aufklaffende Schere zwischen Arm und Reich, den anhaltenden Rassismus und die undurchsichtigen Mafia-Geschäfte, die die Auflösung vor allem der jüngsten Morde so knifflig machen.
„Dunkler Sommer“ ist aber auch ein wunderbarer Roman über die Liebe und den unerschütterlichen Willen, das Richtige zu tun – auch wenn die Mittel dazu nicht immer christlicher Nächstenliebe entspringen. Dazu sorgen die atmosphärisch stimmige Gesellschaftsstudie und die fein gezeichneten Charakterisierungen auch der weiblichen Figuren dafür, dass „Dunkler Sommer“ zweifellos zu den besten Werken des preisgekrönten Autors zählt.

Leseprobe James Lee Burke - "Dunkler Sommer"

Jo Nesbø – „Macbeth“

(Penguin, 624 S., HC)
In der zweitgrößten und wichtigsten Industriestadt des Landes hat Chief Commissioner Kenneth fünfundzwanzig Jahre lang mit eiserner Hand ohne Rücksicht auf die Regierung in Capitol geschickt die Strippen gezogen und seine Macht auf Kosten von Fabrikschließungen, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Chaos zementiert. Seinen Posten übernahm überraschend der Bischofssohn Duncan, der zuvor in der Hauptstadt das Dezernat für Organisierte Kriminalität geleitet hatte und sich nun anschickte, die heruntergekommene Stadt von dem Morast aus Korruption, Drogen und Gewalt zu befreien. Dagegen haben nicht nur die beiden rivalisierenden, von Sweno und Hecate geführten Gangsterbanden etwas, sondern auch die durch die Korruption begünstigten Cops.
Macbeth, allseits geachteter Kommandant des SWAT-Teams, sieht plötzlich die Möglichkeit, in der Hierarchie des Polizeiapparats aufzusteigen und selbst die Geschicke der Stadt zu leiten. Dabei wird er von seiner Geliebten Lady, einer ehemaligen Prostituierten und nun Geschäftsführerin des noblen Casinos Inverness, angetrieben, bei seinem Weg nach oben auch über Leichen zu gehen. Nachdem er seinen Boss Duncan heimtückisch ermordet hat, verschont er nicht mal seine engsten Vertrauten. Doch während sein heimlicher Unterstützer Hecate ihn mit immer härterem Stoff versorgt, verliert Macbeth zunehmend die Kontrolle über sein Leben.
„Sie waren von ihrem Weg abgekommen, aber es musste einen Rückweg geben, zurück dorthin, von wo sie aufgebrochen waren. Ja, natürlich gab es ihn, er konnte ihn nur gerade nicht sehen. Er musste mit ihr reden, sie musste ihm den Weg weisen, wie sie es immer getan hatte.“ (S. 570) 
Der norwegische Bestseller-Autor Jo Nesbø hat bereits mit seiner „Blood on Snow“-Reihe und „Der Sohn“ bewiesen, dass er außer seinem Ermittler-Star Harry Hole auch andere starke Figuren erschaffen kann. Im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projekts, das internationalen Autoren die Möglichkeit bietet, ihre ganz eigene Neuerzählung eines Shakespeare-Werkes zu präsentieren, hat sich Nesbø des ebenso kurzen wie blutigen Dramas „Macbeth“ angenommen, das den Aufstieg des Heerführers Macbeth zum schottischen König schildert.
In seiner Version des bekannten Shakespeare-Stückes zeichnet Nesbø ein sehr stimmiges Bild einer von Drogen- und Bandenkriminalität, sozialer Verwahrlosung, Korruption und Verfall gezeichneten Industriestadt, in der nur die gewissenlosen Machtmenschen ein angenehmes Leben führen können. Eindringlich beschreibt der Autor, wie auch der bislang (nahezu) unbescholtene Macbeth von einem zuverlässigen Team-Kommandanten zu einem skrupellosen Killer mutiert, der von seiner ebenso machthungrigen wie psychotischen Geliebten angetrieben wird.
Schon das Cover lässt Vergleiche zu Frank Millers Graphic Novel „Sin City“ aufkommen, und der dunkle Morast aus Drogen, Lügen, Verrat und Mord ist auch das tödliche Elixier, das in Nesbøs düsterer Industriestadt den Treibstoff für den packenden Plot bildet, mit dem Nesbø seine Leser in Atem hält. Die Charakterisierungen vieler Figuren bleiben zwar recht vage, aber irgendwie scheint jeder der Beteiligten Leichen im Keller zu haben, die zwar schon mal für schlechte Träume sorgen, aber letztlich nur den Anfang einer weiteren Reihe von Gräueltaten darstellen.  
Nesbø liegt nicht daran, dem Leser eine Identifikationsfigur oder Sympathieträger zu präsentieren. Stattdessen liefert er eine überaus packende, düstere und leider immer noch hochaktuelle Neuerzählung des klassischen Shakespeare-Dramas, das erst zum Ende hin auch einen Hoffnungsschimmer gegen die moralische Verrohung präsentiert. 
Leseprobe Jo Nesbo - "Macbeth"

Samstag, 8. September 2018

Daniel Woodrell – „Zum Leben verdammt“

(Liebeskind, 256 S., HC)
Der deutschstämmige Jake Roedel schließt sich im Alter von 19 Jahren der Bushwhacker-Truppe First Kansas Irregulars unter Führung von Black John Ambrose an, Rebellen, die im Jahr 1861 im Grenzland zwischen Missouri und Kansas auf Seiten der Konföderierten kämpfen und mit brutaler Gewalt gegen Unionstruppen und ihre Sympathisanten vorgehen.
Im Kreise seiner Kameraden Black John, Pitt Mackeson, Coleman Younger, Jack Bull Chiles, George Clyde und dessen treuen schwarzen Gefährten Holt wird Roedel immer wieder kritisch beäugt, doch als Roedel einen deutschen Jungen hinterrücks erschießt, der seinen am Baum aufgeknüpften Vater retten will, hat er sich den Respekt seiner Mitstreiter verdient, zumal er mit seiner Schönschrift dazu auserwählt war, Briefe für seine Kameraden zu verfassen.
In den blutigen Auseinandersetzungen mit den Föderalisten stirbt schließlich Roedels Kumpel Jack Bull Chiles, der mit Sue Lee gerade erst ein Kind gezeugt hat. Als Roedel nahegelegt wird, die Stelle seines toten Kameraden einzunehmen und Sue Lee zur Frau zu nehmen, beginnt er die zunehmend willkürlichen Gräueltaten der Rebellen zu hinterfragen.
„Viele Qualen fanden ohrenbetäubenden Ausdruck. Die Frauen klagten. Kinder schrien. Weit und breit war keine Armee in Sicht. Die Bürger gaben nicht mal einen Schuss ab, um sich zu wehren. Viele von ihnen standen auf den Straßen und gafften uns sprachlos an, als könnten sie nicht glauben, dass wir genau das waren, wonach wir aussahen.“ (S. 199) 
Nach seinem 1986 veröffentlichten Debüt „Under the Bright Lights“ (das 1994 unter dem Titel „Cajun Blues“ in deutscher Übersetzung erschien) legte der 1953 in Springfield, Missouri, geborene Schriftsteller Daniel Woodrell ein Jahr später mit „Woe to Live On“ an und präsentierte damit die literarische Vorlage für den Ang-Lee-Western „Ride With the Devil“ aus dem Jahre 1999, an dessen Drehbuchfassung der Autor ebenfalls mitwirkte. Gleich zu Beginn des nun durch den Liebeskind Verlag neu aufgelegten Titels beschreibt Woodrell, wie erbarmungslos brutal die Rebellen während des amerikanischen Bürgerkriegs unterwegs waren, wobei der junge Ich-Erzähler Jake Roedel recht nüchtern über das Aufknüpfen eines unbescholtenen Deutschen, der mit seiner Familie nach Utah unterwegs ist, und seinen eigenen Mord an dem zur Rettung seines Vaters eilenden Sohn berichtet. Schließlich ist Roedel eher per Zufall zu den Freischärlern gekommen und versucht, sich als einer der ihren zu etablieren. Doch je brutaler Black John und seine Gefolgsleute gegen die andere Seite vorgehen, desto mehr beginnt sich Roedel von dem zweckentfremdeten brutalen Vorgehen seiner Truppe zu distanzieren.
Woodrell beschreibt Jake Roedels Teilnahme an den entsetzlichen Massakern der Rebellen zunächst recht nüchtern, so dass es dem Leser gar nicht in den Sinn kommt, dessen Aktivitäten besonders verwerflich zu finden. So waren eben die Zeiten damals. Doch Woodrell lässt auch immer wieder trockenen Humor in die pointierten Dialoge und Beschreibungen einfließen, vor allem, als die kecke Sue Lee eine immer größere Rolle in Roedels Leben einzunehmen beginnt. Der zuweilen lakonische Ton lockert die Geschichte immer wieder auf, täuscht aber eben nicht darüber hinweg, dass Woodrell hier ein ganz düsteres Kapitel der US-amerikanischen Geschichte thematisiert.  Die Geschehnisse aus der Sicht eines unbedarften 19-Jährigen zu schreiben, erweist sich als geschickter Schachzug, denn so erhält auch der Leser einen ganz unverfälschten persönlichen Blick auf die schrecklichen Ereignisse und muss sich nicht mit den möglichen Motivationen der Rebellen herumschlagen, die auch Roedel nicht so ganz begreifen kann.
Leseprobe Daniel Woodrell - "Zum Leben verdammt"

Freitag, 7. September 2018

Michael Connelly – (Harry Bosch: 21) „Die Verlorene“

(Droemer, 444 S., HC)
Seit Harry Bosch das LAPD verklagt hatte, weil es ihn seiner Meinung nach unrechtmäßig aus der Einheit für kalte Fälle entlassen hatte, arbeitet er in Teilzeit in der Reserveeinheit des San Fernando Police Department, wo er sich gerade mit dem Screen-Cutter-Fall befasst, einem Serientäter, der nach einem bestimmten Schema in die Wohnung von jungen Frauen eindringt, sie vergewaltigt und schließlich tötet.
Nebenbei bietet Bosch seine Dienste allerdings auch als Privatermittler an. Als er von dem milliardenschweren Unternehmer Whitney Vance damit beauftragt wird, einen möglichen Erben für sein Vermögen ausfindig zu machen, wird Bosch schnell fündig: Aus der Verbindung mit einer jungen Mexikanerin, die der junge Vance als Student kennengelernt hat und die sich mittlerweile erhängt hat, ist ein Junge namens Dominick hervorgegangen, der von einer Familie in Oxnard adoptiert worden ist.
Doch als Bosch seinen Auftraggeber über seine Fortschritte informieren will, erfährt er, dass der alte Mann plötzlich verstorben ist. Bosch glaubt allerdings nicht an einen natürlichen Tod. Offenbar versuchen die mächtigen Teilhaber des Vance-Imperiums, mit allen Mitteln ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Damit befindet sich auch der mögliche Erbe des Vance-Vermögens in Lebensgefahr. Zusammen mit seinem Halbbruder Mickey Haller versucht Bosch, den letzten Willen des Verstorbenen durchzusetzen.
„Er hielt hier ein Dokument in den Händen, das mehrere Milliarden Dollar wert war, ein Dokument, das die weitere Entwicklung eines riesigen Unternehmens und einer Industrie verändern konnte, nicht zu reden vom Leben und der Familie einer nichts ahnenden Frau, die vor sechsundvierzig Jahren geboren worden war und ihren Vater nie kennengelernt hatte.
Vorausgesetzt, sie lebte noch und Bosch konnte sie ausfindig machen.“ (S. 228) 
Egal, in welcher Funktion Harry Bosch ermittelt, ob nun beim LAPD oder als Teilzeit-Reservist für das SFPD – immer wieder hat er einen schweren Stand bei seinen Vorgesetzten, aber eben auch den richtigen Riecher bei den ihm anvertrauten Fällen. In seinem 21. Fall steht zunächst sein privater Auftrag für den schon sehr gebrechlich wirkenden Milliardär Whitney Vance im Vordergrund, der als junger Mann auf Druck seiner Familie seine große Liebe verlassen musste und nie erfahren sollte, ob aus der kurzen Liaison eventuell ein Nachkomme hervorgegangen ist. Akribisch beschreibt Connelly die Spurensuche, die Harry Bosch über verschiedene Ämter, Heime und natürlich die Instrumente führt, die ihm als (Reserve-)Polizist zur Verfügung stehen. Spannend wird es allerdings erst mit dem Tod von Boschs Auftraggeber auf der einen Seite, mit dem Verschwinden seiner SFPD-Kollegin Bella Lourdes beim Screen-Cutter-Fall auf der anderen Seite.  
Connelly schreibt wie gewohnt flott, wechselt geschickt zwischen den beiden Fällen hin und her und hält so die Spannung gekonnt aufrecht. Besonders sympathisch ist natürlich die erneute Zusammenarbeit mit dem Lincoln Lawyer, Boschs Halbbruder Mickey Haller, während die Kontakte mit seiner Tochter Maddie sehr kurz ausfallen.
Am Ende bietet „Die Verlorene“ souverän, aber eben auch konventionell strukturierte und spannungsreiche Thriller-Kost mit einem charismatischen Ermittler, den man einfach mögen muss.
Leseprobe Michael Connelly - "Die Verlorene"

Donnerstag, 6. September 2018

Astrid Rosenfeld – „Kinder des Zufalls“

(Kampa, 270 S., HC)
Seit sie mit einem Schiff aus Deutschland nach Amerika kam, ist Charlotte Foreman auf der Suche nach dem ultimativen Abenteuer, denn sie will, dass ihr Herz „schnell schlägt“. Sie landet in dem texanischen 1300-Seelen-Dorf Myrthel Spring und kommt zunächst auf der Farm von Terry Finsher unter, der dort mit seiner Frau Diana und den beiden einjährigen Zwillingen Sullivan und Allan lebt. Zuvor lernte sie Collin Goodwin kennen, der in Long Beach aufwuchs, nach Los Angeles gezogen war und in den Küchen unzähliger Diners gearbeitet hatte.
Nachdem er bislang bei fremden Menschen untergekommen war und zuletzt bei der verzweifelten, großen und dicken Mary gewohnt hatte, empfand er den Umzug zu Ozzy geradezu als Aufstieg, durfte er doch allein in dessen Garage wohnen und ein Auto sein Eigen nennen. Außerdem verschaffte ihm Ozzy einen Job als Nachtportier in einem Hotel in Downtown, wo sich Collin schließlich in Charlotte verliebte.
Seine polnische Mutter Agnieszka kam wie Charlotte einst mit dem Schiff nach Amerika. Nach einer Kneipenschlägerei drohte Collin eine Gefängnisstrafe, die er allerdings gegen den Militärdienst in Vietnam eintauschte. Die schwangere Charlotte kam dann bei Collins Anwalt unter und brachte ihren Sohn Maxwell auf der Finsher-Ranch zur Welt, unterhielt mit Terry eine heimliche Affäre.
Auf der anderen Seite des Atlantiks, bringt die in Stuttgart lebende 43-jährige Annegret Büttner am 11. März 1977 ihre Tochter Elisabeth zur Welt, die wie Maxwells Mutter nach Amerika geht und eine Karriere als Tänzerin macht, bis ein kaputtes Knie diesem Teil ihres Lebens ein Ende setzt. In Myrthel Spring lernt sie schließlich Maxwell kennen, der durch seine Darstellung des Cowboys Jill in einer Fernsehserie bekannt geworden ist, nach Absetzung der Serie aber keine anderen Rollen mehr angeboten bekam. Zusammen versuchen sie, mit einem Saloon gemeinsam glücklich zu werden …
„Sie wollte ihm sagen, dass sie ihn liebte. Dass sie, seit sie nicht mehr tanzen konnte, nicht wusste, wer sie war. Tanzen war ihr Leben gewesen. Und in ihr, in diesem Körper mit dem kaputten Knie und den etwas zu dicken Schenkeln, lebte die Ballerina weiter. Versuchte es zumindest. Sie war nur noch ein Schatten. Aller Abschied ist grausam.“ (S. 235) 
Nach ihren drei bei Diogenes erschienenen Romanen „Adams Erbe“, „Elsa ungeheuer“ und „Zwölf Mal Juli“ legt die 1977 in Köln geborene, nun im texanischen Marfa lebende Astrid Rosenfeld ihr neues Werk im neu gegründeten Kampa Verlag vor. In „Kinder des Zufalls“ erzählt sie nicht nur von Maxwell und Elisabeth, die beide um ein Haar am 11. März 1977 gestorben wären – der Junge im Alter von zehn Jahren an einem Baum im texanischen Myrthel Spring, das noch ungeborene Mädchen im Bauch ihrer in Stuttgart lebenden Mutter. Virtuos beschreibt die Autorin auch die Biografien ihrer Eltern, vor allem ihrer Mütter. Deren Streben nach Liebe und Glück stellt auch die Antriebskraft für den Lebenslauf ihrer Kinder dar, die sich eines Tages in Myrthel Spring begegnen, nachdem sie sich ebenso wie ihre Mütter durch ein Leben gekämpft haben, das von Höhenflügen und Entbehrungen geprägt gewesen ist.
Obwohl Rosenfeld sehr anekdotisch vorgeht und sprunghaft zwischen Zeiten und Orten wechselt, taucht der Leser durch die einfühlsam vorgetragenen, zwischen lakonischem Humor und tragischem Ernst pendelnden Episoden sehr schnell in die Gefühlswelt der jeweiligen Figuren ein, von denen man am Ende gern mehr erfahren hätte.

Sonntag, 2. September 2018

Stephen King – „Der Outsider“

(Heyne, 752 S., HC)
Als die Polizei von Flint City im Mordfall des elfjährigen Frank Peterson ermittelt, der furchtbar geschändet im Stadtpark aufgefunden wurde, meinen nicht nur verschiedene Zeugen ausgerechnet den beliebten Englischlehrer und Trainer der Jugendbaseballmannschaft Terry Maitland in der Nähe des Tatorts gesehen zu haben, auch die forensischen Beweise weisen auf Maitland als Täter hin. Detective Ralph Anderson ordnet eine öffentlichkeits- und medienwirksame Verhaftung mitten in einem Spiel an. Zwar kann Maitland ein glaubwürdiges Alibi für den fraglichen Tatzeitpunkt vorweisen, weil er mit seinen Englischlehrer-Kollegen auf einer Sommertagung in Cap City gewesen und bei einem Vortrag des Gastredners Harlan Coben sogar gefilmt worden ist.
Die Bevölkerung hat den bislang unbescholtenen Mann längst als Kindermörder abgestempelt. Als auch noch Frank Petersons Mutter an einem Herzinfarkt stirbt, sein Bruder Ollie Terry Maitland auf dem Weg zum Gericht erschießt und dabei selbst von Detective Anderson niedergestreckt wird, befindet sich die Stadt im Ausnahmezustand. Maitlands Anwalt Howie Gold engagiert Alec Pelley, einen Reservisten der Highway Patrol, um herauszufinden, wie Terry Maitland offenbar an zwei Orten gleichzeitig gewesen sein kann. Dazu holt er sich die Unterstützung der Ermittlerin Holly Gibney, die einst mit ihrem inzwischen verstorbenen Partner Bill Hodges bei „Finders Keepers“ einige außergewöhnliche Fälle gelöst hatte.
Offenbar gab es in der Vergangenheit ähnliche Fälle, bei denen Männer scheußliche Verbrechen begangen hatten und zu den Tatzeiten auch an anderen Orten gesehen worden waren. Die Verweise auf eine mythische, mexikanische Gestalt namens el Cuco, einen Outsider, bringen Detective Anderson fast um den Verstand.
„Ralph konnte an keine Erklärung glauben, die gegen die Gesetze der Natur verstieß, nicht nur als Detective, sondern auch als Mensch. Frank Peterson war von einer echten Person getötet worden, nicht von einer Schauergestalt aus einem Comicheft. Was blieb dann übrig, egal, wie unwahrscheinlich es war?“ (S. 276) 
Stephen Kings neuer Roman kommt gleich zur Sache: Ein grausamer Mord an einem elfjährigen Jungen führt schnell zu einem scheinbaren Ermittlungserfolg, wird aber durch ein ebenso stichhaltig wirkendes Alibi des vermeintlichen Täters zu einer sehr komplizierten Angelegenheit, die leider weitere Todesfälle nach sich zieht. Bis zur Hälfte des Romans findet sich der Leser in einem nahezu klassischen Krimi wieder, der durch immer wieder eingestreute Niederschriften von Vernehmungsprotokollen an Form gewinnt, aber erst mit dem Verweis auf Edgar Allan Poes Geschichte von William Wilson und seinem Doppelgänger beginnt eine übernatürliche Komponente in die Ermittlungsarbeit einzufließen und diese immer mehr zu bestimmen. Daran hat vor allem Holly Gibney einen großen Anteil, die zuletzt in dem dritten und abschließenden Bill-Hodges-Abenteuer „Mind Control“ einen Fall mit übersinnlichen Fähigkeiten lösen konnte. Die gemeinsame Zusammenarbeit zwischen der weltoffenen Ermittlerin und dem skeptischen Detective zählt zu den Höhepunkten eines meisterhaft erzählten Thrillers, wie er nur aus der Feder des „King of Horror“ stammen kann, der in den Plot immer wieder Verweise auf ein durch Donald Trump zunehmend verunsichertes Land einstreut. Während der streitbare amerikanische Präsident sein Land immer mehr in die Isolation treibt und die Grenzen nach außen abschottet, können die US-amerikanischen Bürger nicht mehr sicher sein, welchen Nachrichten und welchen Nachbarn sie noch vertrauen können …
Vielleicht ist mit „Der Outsider“ der Grundstein zu einer neuen Mini-Reihe gelegt, in der die sympathische Holly Gibney eine Hauptrolle spielt. Mit Ralph Anderson gibt sie nämlich ein ebenso interessantes wie effektives Gespann ab. 
Leseprobe Stephen King - "Der Outsider"

Mittwoch, 29. August 2018

Dennis Lehane – „Der Abgrund in dir“

(Diogenes, 527 S., HC)
Rachel war drei Jahre alt, als ihr Vater aus dem Leben ihrer Mutter Elizabeth und ihrem eigenen verschwand. Vier Jahre später schrieb ihre Mutter, die selbst nie verheiratet gewesen war, mit „Die Treppe“ einen Bestseller-Ratgeber darüber, wie man erfolgreich verheiratet blieb, worauf sie zwei zunehmend weniger erfolgreiche Fortsetzungen nachlegte und bei aller Popularität selbst einen unglücklichen, ja verbitterten Eindruck machte.
Nachdem ihre Mutter bei einem Autounfall getötet wurde, hat Rachel damit begonnen, ihren Vater zu suchen, von dem sie nur den Namen James und die Information besaß, dass er in Connecticut unterrichtet hat.
Während ihres ersten Collegejahrs in Boston lernt Rachel den sympathischen Detektiv Brian Delacroix kennen, der bei der Suche nach ihrem Vater zwar keine Erfolge erzielt, aber über die Jahre mit Rachel in Verbindung bleibt, als sie Karriere erst bei der Zeitung, dann beim Fernsehen macht, wo sie ihren Sebastian kennenlernt, der sie allerdings fallen lässt, als Rachel in Haiti über die Naturkatastrophe berichtet und vor laufender Kamera einen Nervenzusammenbruch erleidet.
Ihre Panikattacken führen dazu, dass sie sich kaum aus der Wohnung traut, die sie schließlich mit Brian teilt, der seine Tätigkeit als Detektiv aufgegeben hat, um im internationalen Holzhandel zu arbeiten, den seine Familie betreibt. Doch als sie Brian eines Tages in Boston sieht, obwohl er eigentlich in London sein sollte, beginnt Rachel an ihrer Ehe zu zweifeln. Tatsächlich scheint Brian ein Doppelleben zu führen, das Rachel zunehmend den Boden unter den Füßen wegzieht.
„Sie nahm ein Bild von sich und Brian von der Kommode. Ihr inoffizielles Hochzeitsfoto. Sie sah seine verlogenen Augen und sein verlogenes Lächeln, und sie wusste, dass sie ebenso verlogen war wie er. An fast jedem Tag ihres Lebens, von der Grundschule an, über High-School, College, Uni und dann im Job, hatte sie eine Rolle gespielt. Sobald diese Rolle dem Publikum nicht mehr gefiel, hatte sie sie abgelegt und war in eine neue geschlüpft.“ (S. 400) 
Dennis Lehane, gefeierter Autor von erfolgreich verfilmten Bestsellern wie „Mystic River“ und „Shutter Island“, legt mit „Der Abgrund in dir“ sowohl einen packenden Psychothriller als auch eine vertrackte Liebesgeschichte vor, deren komplexe Facetten sich erst nach und nach auf immer wieder überraschende Weise entfalten.
Dabei zieht der Autor den Leser von Beginn an in ein verwirrendes Geflecht ausgefeilter Inszenierungen und falscher Identitäten. Der Roman beginnt mit einer Szene, in der Rachel ihren Mann Brian auf seinem Boot erschießt, worauf rückblickend Rachels Kindheit und die verzweifelte Sehnsucht nach einem Vater aufgerollt wird, deren Identität ihre Mutter nie preisgeben wollte. Immerhin führt ihre Suche zu einem Mann, den sie – leider irrtümlich - für ihren Vater gehalten hat, der aber immerhin zu einem guten Freund wird.
Und so begegnet Rachel in ihrem Leben scheinbar nur Männern, die eine mehr oder weniger raffiniert angelegte Rolle spielen. Während Sebastian seine Karrieresucht auf längere Sicht nur ungeschickt hinter seiner Sympathie für Rachel verbergen konnte, begegnen ihr mit Brian und seinem Geschäftspartner Caleb schon ganz andere Kaliber, die Rachel in ein letztlich tödliches Betrugsszenario involvieren, das ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellt.
Lehane erweist sich einmal mehr als grandioser Erzähler, der vor allem seine Protagonistin Rachel Childs ausgezeichnet charakterisiert und Brian Delacroix so geheimnisvoll anlegt, dass die Entwicklung in der Beziehung zwischen den beiden Figuren glaubwürdig genug wirkt, um die Thriller-Komponente und das seltsam versöhnliche Finale erklären zu können. Neben dem spannungs- und wendungsreichen Plot gefällt aber vor allem das Spiel mit den Identitäten und Rollen, die Menschen im Lauf ihres Lebens annehmen, um Beziehungen und Jobs erfolgreich auszufüllen. In „Der Abgrund in dir“ beschreibt Lehane auf überzeugende Weise das erschreckende Szenario des Scheiterns eines scheinbar ausgeklügelten Rollenspiels.

Sonntag, 26. August 2018

Alessandro Baricco – „Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur“

(Hoffmann und Campe, 224 S., HC)
Der 1958 in Turin geborene Alessandro Baricco ist vor allem durch seinen verfilmten Roman „Seide“ zu einem international bekannten Schriftsteller geworden, der zuletzt im Verlag Hoffmann und Campe die beiden Romane „Die junge Braut“ (2017) und „So sprach Achill“ (2018) veröffentlicht hat. Aber der studierte Philosoph und Musikwissenschaftler hat auch zahlreiche Essays, Erzählungen und Theaterstücke verfasst und als Redakteur der linksliberalen italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ zwischen Mai und Oktober 2006 eine Reihe von insgesamt dreißig Kolumnen zum Thema der Mutation der Kultur durch „die Barbaren“ geschrieben, die nun gesammelt in Buchform erschienen sind.
Baricco versucht hier aufzuzeigen, wie sich „die Barbaren“ aufgemacht haben, das Erbe der klassischen Kultur zu plündern, was ihnen durch die technologischen Entwicklungen vor allem des Fernsehens und des Internets erleichtert wird. Anhand einiger durchaus interessanter Beispiele - wie der kritischen Auseinandersetzung mit Beethovens Neunter Symphonie zur Zeit ihrer Erstaufführung im Mai 1824 und heute; Walter Benjamins Bemühen, die Welt zu beschreiben, wie sie bald sein würde, nicht wie sie war; die Art und Weise, wie sich die Barbaren die Welt des Weins, des Fußballs und der Bücher angenommen haben – beschreibt Baricco im kumpelhaften Ton als Verlust der Seele, als Versuch, die Welt mit Gefälligkeit, Oberflächlichkeit, Effekthascherei und triebhaftem Kommerz zu durchdringen.
„Es gibt keine Grenze, glaubt mir, es gibt nicht die Kultur auf der einen und die Barbaren auf der anderen Seite. Es gibt nur den Saum der Mutation, der vordringt und schon in uns verläuft. Wir sind Mutanten, alle miteinander, manche weiter entwickelt, andere weniger.“ (S. 216) 
Der Autor sieht die Unterschiede innerhalb der Mutanten vor allem in der Tiefe, mit der kulturelle Errungenschaften durchdrungen werden. Während die Barbaren sich damit begnügen, auf Google nur die relevantesten Ergebnisse zu verfolgen, geht es dem Kulturbürgertum um das tiefe Verständnis eines Werkes. Immer wieder bemüht Baricco seinen eigenen philosophischen und musikwissenschaftlichen Hintergrund, um mit der Demonstration seines eigenen Wissens seine intellektuelle Güte festzuschreiben, doch letztlich betreibt er mit seinen durchaus unterhaltsamen Kolumnen genau jene Jagd nach Spektakularität und Differenzierung, die er bei den Barbaren zu beobachten glaubt.

Samstag, 11. August 2018

Lee Child – (Jack Reacher: 19) „Im Visier“

(Blanvalet, 414 S., HC)
Als Jack Reacher, ehemaliger Eliteermittler der Militärpolizei, im Bus nach Seattle sitzt, stößt er in der Army Times auf eine an ihn gerichtete Kleinanzeige, dass er Rick Shoemaker anrufen solle. „Man kann die Army verlassen, aber sie verlässt einen nie“, weiß der hochdekorierte Ex-Soldat, der wegen seiner Rastlosigkeit auch „Sherlock Homeless“ genannt wird. Da Reacher Shoemaker einen Gefallen schuldig ist, ruft er zurück und erfährt von General Tom O’Day die Hintergründe des versuchten Attentats, das vor zwei Tagen auf den französischen Präsidenten in Paris verübt worden war, dank des schusssicheren Panzerglases aber nicht von Erfolg gekrönt wurde.
Der mögliche Täterkreis ist allerdings überschaubar klein: Wer sich aus dreizehnhundert Metern vornimmt, ein panzerbrechendes Geschoss Kaliber .50 auf ein kopfgroßes Ziel abzufeuern, muss ein extrem gut ausgebildeter Scharfschütze sein, von denen es weltweit nur eine Handvoll gibt, darunter John Knott, den Reacher vor sechzehn Jahren festgenommen hat, der sich aber wieder auf freiem Fuß befindet.
Reacher soll mit der CIA-Agentin Casey Nice in Paris herausfinden, ob sich Knott und sein möglicher Komplize noch immer vor Ort aufhält und die nächste Möglichkeit plant, sein Ziel zu erwischen – beim G8-Gipfel in London. Dort geraten Reacher und Nice gleich in einen Bandenkrieg zwischen den Serben und den Romford Boys, die von dem bärengroßen Gangster Littley Joey angeführt werden und von dem Reacher vermutet, dass er Knott Unterschlupf gewährt. Um an Knott heranzukommen, sichert sich Reacher die Unterstützung des SAS-Agenten Bennett, doch all die brauchbaren Informationen können nicht vermeiden, dass Reacher das riesige Haus des Gangsterbosses betreten muss …
„Ich mochte Joey Green nicht. Teils aus den richtigen Gründen wie die Teenager aus Estland und Litauen und die Familienväter, die Wucherzinsen zahlen mussten. Aber auch aus anderen, primitiveren Gründen, denn bevor der Mensch zivilisiert worden war, hatte er siebenmal länger als Wilder gelebt, was Spuren hinterließ. Unterdessen gab der primitive Teil meines Gehirns den Ton an: Meine Stammesversammlung will, dass du beseitigst wirst, Kumpel. Noch dazu bist du hässlich. Und du bist ein Waschlappen.“ (S. 370f.)
Auch in seinem neunzehnten Abenteuer – von denen bereits zwei mit Tom Cruise in der Hauptrolle erfolgreich verfilmt wurden – bleiben sich Jack Reacher und vor allem sein geistiger Schöpfer Lee Child treu: Ohne festen Wohnsitz und eigenes Auto zieht der hochdekorierte Ex-Militärermittler Jack Reacher durch die Lande und gerät durch einen „vorhersehbaren“ Zufall an einen ebenso lebensgefährlichen wie lebenswichtigen Auftrag. Wie so oft erhält er dabei eine attraktive weibliche Begleitung, mit der Reacher aber ausnahmsweise mal nichts anfängt und die überhaupt erschreckend blass bleibt. Das intellektuelle Geplänkel spielt sich diesmal zwischen Reacher und seinem Kontaktmann in London ab, den undurchsichtigen, aber bestens informierten Bennett, die Action wird aber allein von Reacher entfacht.
Der Plot von „Im Visier“ folgt dabei vertrauten Mustern. Reacher macht sich detailliert mit den Umständen des versuchten Anschlags in Paris vertraut, stellt komplizierte Berechnungen und Überlegungen über den Tathergang und die Täter an, um dann seinerseits einen Plan zu entwickeln, in dessen Details er weder Nice noch Bennett einweiht. Bis es zum Showdown kommt, muss der Leser einige von Reachers wie immer erstaunlichen Analysen und somit auch einige Längen über sich ergehen lassen, denn so sehr die faszinierenden Beschreibungen Jack Reacher als grandiosen Ermittler und überlegten Kämpfer erscheinen lassen, so unrealistisch wirken manche Rückschlüsse. Da sich „Im Visier“ an der Struktur früherer Reacher-Bände orientiert, erwartet den Leser wenig Überraschendes, dafür aber gewohnt kurzweilige, knackige Unterhaltung mit pointierten Dialogen und effizienter Action. 
Leseprobe Lee Child - "Im Visier"

Montag, 6. August 2018

Jardine Libaire – „Uns gehört die Nacht“

(Diogenes, 457 S., Pb.)
Elise Perez ist froh, endlich dem Sozialwohnungskomplex in der South Bronx entkommen zu sein und in New Haven in der Wohnung von Robbie, der am South Central Community College Flugzeugtechnik studiert und nebenbei im Red Lobster kellnert, ein neues Zuhause gefunden zu haben. Elise, Anfang Zwanzig, halb Puerto-Ricanerin, halb Amerikanerin, findet einen Job in einer Zoohandlung und lernt nach drei Monaten im Januar 1986 ihre Nachbarn James und Matt kennen, die aus einer ganz anderen Welt stammen.
Während Elise ohne Vater und ohne Schulabschluss aufgewachsen ist, stammt James aus der schwerreichen Investmentbankerfamilie Hyde, Moore & Kent, seine Mutter Tory ist eine berühmte Schauspielerin. Trotzdem lädt James Elise zum Abendessen ein, lässt sich zum Abschied zu einem Blow Job verführen und ist ganz hin und weg von Elise. James‘ Familie ist von dem nicht standesgemäßen Umgang natürlich alles andere als begeistert, doch davon lässt sich der Yale-Student nicht irritieren. Stattdessen will er sogar sein Erbe ausschlagen, die Uni abbrechen und mit Elise zusammenziehen.
„Vielleicht sind Elise und Jamey ihr eigenes Volk, vielleicht gehören sie zu niemandem sonst, zu nichts Größerem als zueinander. Können wir so leben? Darüber denkt Elise nach, als sie sich müde die schwarzen Turnschuhe aufschnürt, an deren Sohlen Gold klebt.“ (S. 329) 
Doch über dem jungen Glück schwebt eine dunkle Bedrohung, die nicht nur von dem Groll des Hyde-Clans herrührt …
Nachdem die in New York geborene und in Austin, Texas, lebende Jardine Libaire Kurzgeschichten im New York Magazine, in der Los Angeles Review of Books und in Elle veröffentlicht hat, legt sie mit „Uns gehört die Nacht“ ihr Romandebüt vor, das passenderweise durch ein Zitat aus Shakespeares „Romeo und Julia“ eingeleitet wird. Ihre außergewöhnliche Liebesgeschichte, die aus einer Affäre entsteht und über anfängliche Neugier und wachsendem Interesse ganz kompromisslose Wege einschlägt, wirkt wie eine moderne Variante von Shakespeares Tragödie, und auch James und Elise scheint ein ähnliches Schicksal zu drohen wie ihren berühmten „Vorbildern“.
Der Autorin gelingt es erstaunlich gut, die ausgetretenen Pfade einer Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Kreisen zu umschiffen, indem sie vor allem mit wunderbaren Vergleichen und einer eigenen Sprache arbeitet, die den unterschiedlichen Gefühlen der Liebenden eine sehr individuelle Note verleiht – bis zum Shakespeare-würdigen Finale.
Leseprobe Jardine Libaire - "Uns gehört die Nacht"

Mittwoch, 1. August 2018

Karin Slaughter – „Ein Teil von ihr“

(HarperCollins, 544 S., eBook)
Eigentlich war es immer Andys Traum gewesen, in New York zu leben und zu arbeiten, doch nach sechs Jahren muss sie deprimiert feststellen, dass sie nicht vom Fleck gekommen ist. Aus ihrem Wunsch, sich einen Platz im Umfeld der Stars zu sichern, ist nur ein Assistenz-Job bei einem Bühnenbildner für eine Off-Broadway-Produktion und eine Affäre mit ihrem Professor am College für Kunst und Design herausgesprungen. Zwei Semester vor dem Abschluss ihres Theater-Studiums packt sie die Koffer und kehrt zu ihrer an Brustkrebs erkrankten Mutter Laura Oliver nach Belle Isle zurück, wo sie in einem Diner im Einkaufszentrum auf ihren 31. Geburtstag anstoßen wollen. Doch als sich die Frau eines von Lauras Patienten mit ihrer Tochter für die Wunder bedanken will, die sie an ihrem Mann bewirkt hat, stürmt ein Mann das Restaurant und erschießt die beiden zu Laura und Andy gestoßenen Frauen.
Als der Mann auch Laura und Andy mit einem Jagdmesser bedroht, geht Andy in Deckung, ihre Mutter reagiert dagegen ausgesprochen überlegt und bringt den Täter durch einen Schnitt über seine Kehle kurzerhand um. Nicht nur die Medien fragen sich nach Sichtung des Videomaterials von der spektakulären Aktion, warum Laura den Mann nicht einfach überwältigt hat, sondern ihn töten musste. Auch Andy erkennt ihre eigene Mutter nicht mehr wieder, zumal Laura von ihr verlangt, sofort auszuziehen und nichts zu dem Vorfall auszusagen.
Tatsächlich reicht die Vorgeschichte bis ins Jahr 1986 zurück, als sich die aufstrebende Pianistin Jane in einen charismatischen jungen Mann verliebt hat, der es auf das Imperium von Martin Queller abgesehen hat, der das Wohlfahrtssystem mit seinen Krankenhäusern und Pflegeheimen um ein Vermögen betrogen hat. Bei einer Podiumsdiskussion in Oslo erschoss Jane den Queller-Patriarchen und ist seither mit ihrem falschen Namen auf der Flucht gewesen …
„Erst in der sicheren Abgeschiedenheit Berlins hatte Jane erkannt, dass Angst sie ihr ganzes Leben lang begleitet hatte. Jahrelang hatte sie sich eingeredet, Neurosen seien der Fluch einer erfolgreichen Solokünstlerin, aber was sie in Wahrheit vorsichtig auftreten, ihre eigenen Worte zensieren, ihre Emotionen anpassen ließ, war die erdrückende Präsenz der beiden Männer in ihrem Leben.“ (Pos. 4991) 
Mit ihren Grant-County-, Atlanta- und Georgia-Krimireihen um die Gerichtsmedizinerin Sara Linton und Will Trent, Special Agent beim Georgia Bureau of Investigation, hat sich Karin Slaughter in kürzester Zeit zu einer internationalen Bestseller-Autorin entwickelt. Allerdings haben diese Reihen in den letzten Jahren stark an Qualität eingebüßt, was für Slaughter Anlass gewesen sein könnte, seit 2013 vermehrt eigenständige Romane wie „Cop Town“, „Pretty Girls“ und „Die gute Tochter“ zu schreiben.
Mit ihrem neuen Thriller „Ein Teil von ihr“ setzt die US-amerikanische Schriftstellerin diesen Trend fort und knüpft thematisch an „Die gute Tochter“ an, wo Slaughter versucht hat, einen Thriller-Plot mit einem Familiendrama zu verknüpfen.
„Ein Teil von ihr“ erzählt eigentlich zwei Geschichten, die ihren Anfang jeweils mit einem Mord nehmen und immer wieder zwischen 1986 und 2018 hin und herspringen, so dass die mühsam aufgebaute Spannung ebenso oft wieder abfällt. Das größte Problem besteht aber in den zwar sehr bemühten, aber absolut nicht überzeugenden Charakterisierungen der Hauptfiguren, von denen keine auch nur annähernd ein Identifikationspotenzial für den Leser besitzt.
So wirkt Lauras erwachsene, in New York kläglich gescheiterte Tochter Andy einfach nur naiv und unbeholfen, entwickelt im Verlauf der Geschichte aber auf einmal einen ausgeprägten detektivischen Spürsinn, mit dem sie zuletzt die wahre Identität ihrer Mutter aufdeckt. Trotz vieler Hintergründe und Unterhaltungen zwischen Andy und ihrer Mutter bleibt Laura eine verschlossene, geheimnisvolle Persönlichkeit, zu der der Leser ebenfalls keine Beziehung aufbauen kann.
Weitaus komplexer ist die Geschichte angelegt, die 1986 in Oslo ihren Anfang nimmt und vor allem die familiären Strukturen des Queller-Imperiums thematisiert sowie die unterschiedlichen Rollen, die die Sprösslinge des Familienoberhaupts bei dem Attentat spielen. Die Konstellation der Figuren und ihre Motivationen wirkt zunächst sehr interessant, doch sorgen allzu viele Abschweifungen dafür, dass das Interesse an der weiteren Entwicklung der Story schnell nachlässt.
Für Karin Slaughter und ihre Fans ist zu wünschen, dass sich die Autorin wieder auf ihre ursprünglichen Qualitäten in der Erzählung spannender Plots mit glaubwürdigen, gut gezeichneten Charakteren besinnt. 
Leseprobe Karin Slaughter - "Ein Teil von ihr"

Dienstag, 24. Juli 2018

Andrea De Carlo – „Arcodamore“

(Diogenes, 349 S., HC)
Nachdem sich der in Mailand lebende Fotograf Leo Cernitori vor drei Jahren von seiner Frau getrennt hat, ist er oft bei seinem Cousin und seiner Frau Tiziana zu Gast. Auf dessen Geburtstagsüberraschungs-Party, die seine Frau organisiert hat, bittet er Leo, ihm ein Alibi zu verschaffen, da er noch eine Verabredung habe – mit der attraktiven Harfenistin Manuela Duini. Leo kommt mit ihr bei dem gemeinsamen Treffen ins Gespräch und trifft seinerseits Verabredungen mit ihr. Im Gegensatz zu seinem Cousin führt Leo nämlich ein ganz ungebundenes Leben, zu dem seine beiden Kinder und eine Freundin in Venedig gehören, aber bislang haben seine Beziehungen stets einen ganz unverbindlichen Charakter.
 
Als er jedoch Manuela mit Haut und Haaren verfällt, lernt Leo eine ganz neue Seite an sich kennen: Auf den Einbruch in Manuelas Wohnung reagiert er mit Wut und Eifersucht. Er entdeckt nämlich Tagebücher von ihr, in denen sie von einer immerhin zwei Jahre andauernden Mann berichtet, der sie gedemütigt, verletzt und erpresst hat. Als Leo Manuela daraufhin zur Rede stellt, reagiert die Musikerin ebenso wütend, das Band zwischen ihnen scheint für immer zerrissen. Und doch nähern sie sich wieder an, vorsichtig, dann leidenschaftlich, voller Ungewissheit über ihr Schicksal.
„Mit großer Willensanstrengung ging ich auf Manuela zu, als müsse ich gegen ein umgekehrtes Magnetfeld ankämpfen. Wir sahen uns aus einem halben Meter Abstand mit leicht geöffneten Lippen an, in unserem Blick vermischten sich Anziehung und Misstrauen, Eifersucht und Ungewissheit, Bitterkeit und Süße.“ (S. 208) 
In seinem siebten Roman (nach Werken wie „creamtrain“, „Macno“, „Techniken der Verführung“ und „Zwei von zwei“) geht der Mailänder Schriftsteller Andrea De Carlo einmal mehr den komplexen Mechanismen der Liebe und Leidenschaft nach. Die erste Romanhälfte ist dabei noch ganz interessant, wenn er Leo, den er aus die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählen lässt, und die Stationen seines Lebens ebenso kurz skizziert wie seine Arbeit als Fotograf von unbewegten Objekten wie Möbeln, wobei sich aus der Beziehung zu seinem verheirateten Cousin und zu Manuela, die er ihm schließlich vor der Nase wegschnappt, die eigentlich interessante Story entwickelt. Doch sobald es nur noch darum geht, wie sich Leo und Manuela ineinander verlieben, leidenschaftlich lieben und begehren, dann wütend anschreien, Besitzansprüche stellen und nicht verstehen wollen, was der andere überhaupt für ein Problem hat, wirkt die ja leider nur aus einer Perspektive erzählten Geschichte zunehmend konstruierter.
Dabei bemüht De Carlo auch noch die aktuellen Korruptionsskandale in Italien, in die auch Manuelas Ex-Geliebter als Leiter eines Therapiezentrums verwickelt zu sein scheint. Allerdings wird diese Komponente so nebensächlich behandelt, dass sie auch weggelassen hätte werden können.
Wie sich Leo und Manuela begehren, bekriegen und wieder die Kurve zu kriegen scheinen und somit den im Romantitel angedeuteten „Liebesbogen“ durchleben, ist zwar voller knisternder Erotik und interessanter Gespräche über die Natur der Liebe, wirkt aber nicht wie die überzeugende Auseinandersetzung eines Paares, sondern wie eine theoretische Diskussion darüber, ob der Liebesbogen nach Erreichen des Höhepunkt sich nicht zu einer Gerade entwickeln kann.
Dennoch lässt sich „Arcodamore“ wunderbar schnell und leicht lesen, verführt mit sprachlicher Finesse und purer sexueller Leidenschaft, die allerdings wie aus dem Nichts auch ins andere Extrem umkippt.

Sonntag, 22. Juli 2018

Dan Simmons – „Kraft des Bösen“

(Heyne, 793 S., Jumbo)
Die drei „Gedankenvampire“ William Borden, Nina Drayton und Melanie Fuller haben einen Wettkampf daraus gemacht, sich beim Manipulieren und Benutzen anderer Menschen zu überbieten, oftmals um aufsehenerregende Attentate zu verüben. Als nach einem ihrer alljährlichen Treffen in Melanies Haus in Charleston im Dezember 1980 die Nachricht die Runde macht, dass Will bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist, verdächtigt Melanie die plötzlich wie vom Erdboden verschwundene Nina, für den Unglücksfall verantwortlich gewesen zu sein, macht sie in einem Hotel ausfindig und erschießt sie nach kurzem Gedanken-Wettstreit.
Sheriff Bobby Joe Gentry übernimmt mit Unterstützung von FBI Special Agent Richard M. Haines die Ermittlungen bei den insgesamt neun Todesfällen, wobei Saul Laski, der Psychiater der getöteten Nina Drayton, Licht ins Dunkel des sogenannten Charleston-Massakers bringen soll. Laski wiederum hatte 1942 im Konzentrationslager von Chelmno bereits Kontakt zu Gedankenvampiren gehabt.
Laski begegnet der Kunststudentin Natalie Preston, deren Vater eines der Opfer des Massakers gewesen war, und macht sich mit ihm und Gentry auf die Suche nach den mysteriösen Manipulatoren. Offensichtlich sind sie nicht die einzigen, die mit dieser Fähigkeit ausgestattet sind. Laski ist der Überzeugung, dass der angeblich getötete Will Borden jener Standartenführer Wilhelm von Borchert ist, der ihm im SS-Konzentrationslager vor fast vierzig Jahren so zugesetzt hat. Zusammen mit Natalie macht sich Laski auf die Suche nach Borchert und kommt dabei einer mächtigen Gruppe von Männern auf die Spur, die sich jedes Jahr für eine Woche auf der unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen abgeschirmten Dolmann Island treffen, um ihre Macht über ihre sogenannten Surrogate zu demonstrieren, über Menschen, die sie durch ihre manipulativen Fähigkeiten zu willenlosen Werkzeugen ihrer zerstörerischen Triebe machen.
Mit Hilfe von Freunden beim israelischen Geheimdienst gelingt es den beiden, die Sicherheitsbarrieren zu durchbrechen, doch ihr Plan, Borchert und seine mächtigen Freunde auszuschalten, birgt etliche Risiken, zumal nach wie vor Melanie Fuller ihre Fühler nach Natalie ausstreckt.
„Natalie wusste, die Gerechtigkeit verlangte, dass sie blieb und den Plan bis zum Ende ausführte, aber Gerechtigkeit nahm augenblicklich in ihrem Herzen die zweite Stelle ein, an erster kam der zunehmende Wunsch, Saul zu retten, wenn es überhaupt eine Chance gab.“ (S. 710) 
Seit seinem mit dem World Fantasy Award ausgezeichneten Debütroman „Göttin des Todes“ (1985) hat der amerikanische Schriftsteller Dan Simmons vor allem seine Spuren im Science-Fiction-Genre hinterlassen, aber immer wieder auch Horror-Romane geschrieben, die regelmäßig mit dem Locus Award prämiert worden sind. Sein zweiter Roman, „Kraft des Bösen“, wurde 1989 sogar zusätzlich mit dem Bram Stoker Award ausgezeichnet und zählt zu den großen epischen Horror-Romanen des 20. Jahrhunderts. Auf fast 800 großformatigen Seiten (die entsprechende Taschenbuchausgabe bringt es sogar auf 1200!) entfaltet Simmons ein beängstigendes Szenario, in denen Gedankenvampire ihre Lebensenergie dadurch auf einem stets hohen Level halten, indem sie die Kontrolle über nahezu beliebige Menschen gewinnen, ihren Verstand anzapfen und sie die Dinge tun lassen, die sie ihnen so auftragen.  
Simmons nimmt sich dabei sehr viel Zeit, die jeweilige Biografie seiner Figuren zu schildern, die besondere Freundschaft und den ebenso spielerischen wie für die Beteiligten todernsten Wettkampf zwischen William Borden, Nina Drayton und Melanie Fuller auf der einen Seite und auf der anderen Seite die perfiden Sommerlager, die der mächtige C. Arnold Barent in seinem illustren Island Club veranstaltet, zu dem der prominente Fernsehprediger Jimmy Wayne Sutter und der Joseph Kepler zählen und zu dem nun auch der Filmproduzent Tony Harod stößt. Immer wieder werden dabei Bezüge zu realen Ereignissen – wie den Attentaten auf Kennedy und Reagan – hergestellt, was dem fiktiven Stoff eine zunehmend reale Dimension verleiht.
Dass sich bei einer so episch angelegten Geschichte auch verschiedene Längen einschleichen, liegt fast in der Natur der Sache, aber Simmons verfügt über einen so packenden Schreibstil, dass dies gerade zum turbulenten Finale hin kaum noch ins Gewicht fällt.

Trotz der extrem ausführlichen Schilderungen hätten die Charakterisierungen der Figuren etwas differenzierter ausfällen können. Allein Saul Laski gewinnt durch seine eindringlich geschilderten Erinnerungen an seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg ein tieferes Profil, und auch Melanie Fuller darf als Einzige aus der Ich-Perspektive ihre Konturen schärfen.