(Heyne, 592 S., HC)
Auch wenn Joe Hill längst in die Fußstapfen seines
berühmten Vaters Stephen King getreten ist, hat er längst nicht dessen
Produktivität erreicht. Sein letzter Roman „Fireman“ liegt immerhin
schon zehn Jahre zurück. Dafür meldet sich Hill („Christmasland“, „Teufelszeug“,
„Blind“) mit seinem Epos „King Sorrow“ umso eindrucksvoller zurück.
Hierzulande erscheint das Werk „aus satztechnischen Gründen“, wie es von Seiten
des Verlags heißt, in zwei dann doch insgesamt sehr kostspieligen
Hardcover-Ausgaben. Dafür wird man mit einem thematisch ungewöhnlichen
Fantasy-Roman belohnt, der beweist, dass der Autor längst aus dem Schatten
seines übermächtig wirkenden Vaters herausgetreten ist.
Als Arthur Oakes, engagierter und mit einem Stipendium
ausgestatteter Student am Rackham College, eines Tages seine Mutter, die
selbsternannte Predigerin Dr. Erin Oakes, in der Black-Cricket-Frauenbesserungsanstalt
in Vermont besucht, hilft er einer jungen Frau, die mit ihrem Band-Shirt nicht
eingelassen wird, weil dort Waffen abgebildet sind, mit seinem Hoodie aus – mit
fatalen Folgen: Tana Nighswanders Schwester Jayne und ihre Clique erpressen
Arthur nämlich damit, dass er wertvolle Bücher aus der Universitätsbibliothek
stehlen soll – ansonsten wird seine Mutter keine ruhige Minute mehr in Black
Cricket verbringen. Das wertvollste Buch sind die in seiner eigenen Haut eingebundenen
Memoiren von Enoch Crane, der sich nicht nur selbst ein Brandmal in Kreuzform
beigebracht hat, um die Stimme des Teufels zum Verstummen zu bringen, sondern
auch den Drachen King Sorrow aus der Großen Dunkelheit heraufbeschwor. Als Arthur
und seine Freunde Colin, Donna, Van, Allie und Gwen in einer Silvesternacht die
Formel aus dem Journal zitieren, taucht der Drache tatsächlich auf und verlangt
fortan regelmäßig ein neues Opfer von ihnen, wollen sie selbst nicht in die
Fänge des äußerst gewitzten Drachen geraten. Auch wenn sich die Clique auf
einige wirklich scheußliche Exemplare der menschlichen Gattung einigen kann,
entwickelt sich eine bedrohliche Eigendynamik, die nicht mehr aufzuhalten ist…
„Der Drache jagte seit 1990 ihre Todeskandidaten, also seit mindestens fünf Jahren. Und sie alle hatten Stoßgebete gesprochen. Sei alle hatten gelitten, geblutet und Angst gehabt, wären mit Jesus, Allah oder den Sternen einen Pakt eingegangen. Aber immer hatte es im Feuer geendet. Allie hatte keine Vorstellung davon, welche Kraft nötig war, um King Sorrows Schuppen zu durchstoßen, aber sie war sich ziemlich sicher, dass auch jedes noch so gottesfürchtige Gebet davon abprallte.“ (S. 450)
Wenn Joe Hill eines von seinem Vater gelernt hat,
dann übernatürliche Dinge wie selbstverständlich in die Wirklichkeit ganz normaler
Menschen eindringen zu lassen. Dabei braucht die epische Geschichte gar keinen
langen Anlauf. Zwar nimmt sich der Autor die nötige Zeit, um vor allem Arthur,
seine in der Frauenbesserungsanstalt sitzende und als Predigerin agierende Mutter
vorzustellen und die Verquickung mit den Nighswander-Schwestern in Gang zu
bringen, aber aus der Erpressung, die Arthur dazu zwingt, wertvolle Bücher aus
der Rackham-Bibliothek zu stehlen, entwickelt sich ganz natürlich eine mit
okkulten Elementen durchsetzte Dark-Fantasy-Story, die es in sich hat. Joe
Hill ist erfahren genug, um die Spannungsschraube sukzessive und gekonnt
anzuziehen, seine im Mittelpunkt des Geschehens stehende Clique mit immer neuen
Herausforderungen zu konfrontieren. Der Drache King Sorrow kommt dabei ungewöhnlich
realistisch daher, und dem Autor gelingt es trotzdem, bei all dem körperlich
erfahrbaren Horror immer wieder herrlich schwarzen Humor durchklingen zu
lassen, bei dem einem zwar das Lachen im Halse stecken bleibt, der aber den
Plot mit einer besonderen Note versieht, die auf die Fortsetzung und das
Schicksal der College-Clique neugierig macht.
















