Samstag, 19. Oktober 2019

Raymond Chandler – (Philip Marlowe: 1) „Der große Schlaf“

(Diogenes, 294 S.)
Der in Los Angeles lebende und arbeitende Privatdetektiv Philip Marlowe wird eines Vormittags im Oktober zum vier Millionen Dollar schweren General Sternwood gebeten, der nicht nur an seinen Altersgebrechen leidet, sondern vor allem an den wilden Eskapaden seiner beiden Töchter. Nachdem seine jüngere Tochter Carmen bereits von einem Mann namens James Brody um fünftausend Dollar erpresst worden ist, damit er sie in Ruhe lässt, dreht es sich nun um Schuldscheine, die auf Carmens misslungenen Glücksspiel-Aktivitäten zurückzuführen sind und für die der Buchhändler Arthur Geiger eine Summe von eintausend Dollar verlangt. Während der Unterhaltung kommt die Sprache auch auf Rusty Regan, einen ehemaligen IRA-Offizier, dessen Ehe mit Sternwoods älterer Tochter Vivian sich als Farce entpuppt hat, an dem der alte Mann aber einen Narren gefressen hat. Dass Regan einfach spurlos verschwunden ist, macht Sternwood schwer zu schaffen.
Auch wenn er Marlowe nicht explizit damit beauftragt, auch nach Regan zu suchen, spielt der Vermisste im Verlauf der Ermittlungen immer wieder eine Rolle. Als Marlowe Geigers Buchhandlung aufsucht, stellt er fest, dass sich Geiger auf den Handel mit illegalen pornographischen Werken spezialisiert hat. Schließlich folgt er dem Buchhändler nach Hause, hört Pistolenschüsse, findet Geiger tot und Carmen Sternwood nackt – unter offensichtlich unter Drogeneinfluss – auf einem Sessel vor einer Kamera vor, deren Fotoplatte entfernt worden ist. Nun wird auch Carmen erpresst, will sie die Nacktfotos der vergangenen Nacht zurückhaben. Marlowe stellt Verbindungen zwischen Geiger und Joe Brody her, zwischen Vivian und dem Gangster Eddie Mars, in dessen Spielcasino sie regelmäßig Gast ist, und bekommt zu hören, dass Eddies Frau Mona mit Rusty Regan durchgebrannt sein soll.
Als auch noch Sternwoods Chauffeur tot in seinem Auto aus dem Hafenbecken geborgen wird, scheinen die Dinge immer verworrener zu werden, und Marlowe hat einige Mühe, den Überblick zu behalten, zumal die Frauen in dieser Geschichte ihm immer wieder Avancen machen …
„Ich schaute sie wieder an. Jetzt lag sie still, ihr Gesicht bleich auf dem Kissen, die Augen groß und dunkel und so leer wie Regenfässer bei Dürre. Eine ihrer kleinen fünffingrigen, daumenlosen Hände zupfte ruhelos an der Decke. Irgendwo in ihr erwachte ein schwaches Glimmen des Zweifels. Sie wusste noch nichts davon. Frauen – selbst netten Frauen – fällt es schwer einzusehen, dass ihre Körper nicht unwiderstehlich sind.“ (S. 194) 
Der 1888 in Chicago geborene und in England aufgewachsene Raymond Chandler hatte bereits eine bewegte Karriere (u.a. im britischen Marineministerium, als Journalist, Buchhalter in einer Molkerei, Soldat im Ersten Weltkrieg und Direktor einer kalifornischen Ölgesellschaft) hinter sich, ehe er sich ernsthaft dem Schreiben widmete und erst im Alter von 51 Jahren 1939 mit „The Big Sleep“ seinen ersten Roman veröffentlichte. Der mittlerweile zum Klassiker nicht nur der Kriminalliteratur avancierte Roman stellte nicht nur die später von Humphrey Bogart („Tote schlafen fest“, 1946) und Robert Mitchum („Tote schlafen besser“, 1978) im Kino verkörperte Figur des Privatdetektivs Philip Marlowe vor, sondern wurde Teil der sogenannten „Schwarzen Serie“, in der neben Chandler Autoren wie Dashiell Hammett, James M. Cain und Ross Macdonald ihre hartgesottenen Ermittler in einer Welt agieren ließen, die bis in ihre Grundfesten korrupt und zerrüttet schien.
Donna Leon weist in ihrem Nachwort zu wunderbaren Neuübersetzung des Romans durch Frank Heibert darauf hin, dass Chandler die heile Welt der Agatha-Christie-Romane zur Hölle schickte. Wenn dort ein Verbrechen die Norm verletzte, wurde der Bösewicht festgenommen und bestraft, womit die Ordnung wiederhergestellt worden war. Dass für Chandler die gesellschaftlichen Regeln außer Kraft gesetzt und durch alle Schichten Neid, Missgunst und Gier zu beobachten sind, machen seine Romane, die Diogenes nun nach und nach in überarbeiteten Fassungen wiederveröffentlicht, zu vielschichtigen Milieustudien. Dabei scheint die Handlung fast schon zur Nebensache zu werden. Die fällt bereits in Chandlers Debütroman so komplex aus, dass der Handlung und den Motiven der unzähligen Beteiligten kaum zu folgen ist. So werden bestimmte Vorkommnisse auch gar nicht aufgeklärt und dienen nur dazu, die Verderbtheit der Menschen in einer Welt aufzuzeigen, in der sich niemand an Regeln zu halten scheint.
Marlowe selbst bewegt sich dabei selbstbewusst zwischen den Reichen und den Gangstern auf der Straße, zwischen dem oberflächlichen Glanz und dem Schmutz in den Gassen. Mit seiner ihm eigenen Prinzipientreue scheint er schon eine wohltuende Ausnahme in einer moralisch verkommenen Welt zu bilden. Auch wenn sich die Ereignisse in „Der große Schlaf“ immer wieder überschlagen und unzählige Orte und Figuren ins Spiel kommen, nimmt sich Chandler viel Zeit, die düstere Atmosphäre von Verzweiflung, Sehnsucht und Gier sowie die Charakter seiner Figuren zu beschreiben. Seine phantasievollen Allegorien wirken auch nach achtzig Jahren herrlich erfrischend und machen Marlowes Konfrontationen mit den Bösen und Blondinen so lesenswert.
Leseprobe Raymond Chandler - "Der große Schlaf"

Dienstag, 15. Oktober 2019

Stewart O’Nan – „Henry persönlich“

(Rowohlt, 480 S., HC)
Henry Maxwell, der seinen Namen einem im Ersten Weltkrieg gefallenen Geistlichen verdankt, dem ein Buntglasfenster in der Calvary Episcopal Church gewidmet ist, steht kurz vor seinem 75. Geburtstag und der Goldenen Hochzeit mit seiner fünf Jahre jüngeren Frau Emily. Gemeinsam verbringen sie in ihrem Haus in Pittsburgh ihren gleichförmigen Alltag, zu dem Spaziergänge mit ihrem Hund Rufus und Reparaturarbeiten rund ums Haus gehören. Zum Valentinstag entführt Henry seine Frau gern in ihr Lieblingsrestaurant, freut sich, wenn er Rabattmarken beim Kauf von Spülmittel einlösen kann, ärgert sich aber auch, wenn er glaubt, beim Weihnachtsbaumkauf über den Tisch gezogen worden zu sein, weil er für einen Baum mit weichen Nadeln mehr bezahlen musste als für einen mit harten.
Während Emily die Kontakte zu Nachbarn und Freunden aufrechterhält und so Henry stets mit neuesten Informationen versorgen kann, geht Henry mit seinen alten Freunden aus dem Labor Golfen, engagiert sich im Kirchenvorstand und sieht sich die Spiele seine Lieblings-Football-Mannschaft regelmäßig im Fernsehen an. Da Kinder und Enkel weit weg wohnen, treffen sie sich nur zu den Feiertagen in ihrem Ferienhaus in Chautauqua.
Am meisten Sorgen bereitet ihm die mit dem Alter zunehmenden Gebrechen, die er immer öfter vor Emily geheim hält. Dass sein Arzt Dr. Runco, der in Henrys Alter gewesen ist und ihn am Leben erhalten hat, vor ihm stirbt, macht ihn besorgt, aber auch seine Tochter Margaret, die zu Alkoholexzessen neigt und glaubt, ihr Mann Jeff betrügt sie mit einer Jüngeren, bereitet ihm und seiner Frau immer wieder Kummer.
 „Er brauchte länger als nötig, um sich zu erinnern, was er gerade tat und warum. Ein Leben lang hatte er Zeitpläne und Fristen gehandhabt, da war es nur natürlich, dass er sich als träge empfand und ihm ein konkretes Ziel fehlte. Er hätte gern geglaubt, dass es bloß Tagträume waren, doch die Leere, die sich auf ihn herabsenkte, hatte etwas Zermürbendes.“ (S. 303) 
2011 veröffentlichte der Pittsburgh geborene und lebende Schriftsteller Stewart O’Nan („Abschied von Chautauqua“, „Westlich des Sunset“) mit „Emily, allein“ das einfühlsame Portrait einer achtzigjährigen Frau, die seit Jahren verwitwet ist und nach dem Zusammenbruch ihrer Schwägerin Arlene ihrem Leben eine neue Richtung zu geben versucht. Mit „Henry persönlich“ dreht O’Nan die Zeit um gut zehn Jahre zurück und konzentriert sich in der Ehe von Henry und Emily Maxwell auf den noch lebenden Henry, natürlich mit ständigem Bezug auf Emily, die er immer an seiner Seite weiß. O’Nan beschreibt kurz die Kindheit seines Protagonisten, seine Schwärmerei für seine Klavierlehrerin und seine erste große Liebe zu Sloan, dann – nach dem Krieg – das Kennenlernen von Emily. Der Autor erweist sich wie gewohnt als sorgfältiger Chronist des Lebens ganz gewöhnlicher Mittelschichtsmenschen, die er nie be- und schon gar nicht verurteilt, sondern mit selbstverständlich wirkender Grund-Sympathie charakterisiert, indem er ihre Alltagsverrichtungen, Hobbys und Gedanken wiedergibt.
Wie „Emily, allein“ wartet auch „Henry persönlich“ mit keinen spannenden, dramatischen und wendungsreichen Höhepunkten auf, sondern widmet sich völlig unaufgeregt der Schilderung von Alltagsbetätigungen und familiären Sorgen, wie sie ganz gewöhnliche Menschen teilen. Natürlich bekommen die Gedanken im Alter eine andere Qualität, drehen sich zunehmend um die eigene Sterblichkeit, wobei jede plötzliche Verschlechterung des Allgemeinzustands kritisch beäugt wird. Doch das hält Henry nicht davon ab, sein Leben im Rahmen seiner Möglichkeiten zu genießen, wozu die Einladungen zum Essen zu besonderen Anlässen ebenso zählen wie das Golfspielen und die Familienzusammenkünfte in Chautauqua.
Auch wenn sich die Figuren in „Henry persönlich“ nicht nennenswert entwickeln und größere Dramen ausbleiben, gefällt der Roman als realistisches Portrait eines ganz gewöhnliches Mannes und bietet so enorm großes Identifikationspotenzial für seine Leserschaft.
Leseprobe Stewart O'Nan - "Henry persönlich"

Dienstag, 8. Oktober 2019

Steven Price – „Die Frau in der Themse“

(Diogenes, 916 S., HC)
Mit nicht mal vierzig Jahren hat William Pinkerton, Sohn des berühmten amerikanischen Detektivs Allan Pinkerton, bereits dreiundzwanzig Männer und einen Jungen erschossen. Sein gefürchteter Vater war vor sechs Monaten gestorben, während er selbst vor sechs Wochen die amerikanische Heimat verlassen hat, um 1885 im verhassten London nach Ben Porter, einem Agenten seines Vaters, zu suchen. Porter war jahrelang im Auftrag von Pinkertons Vater hinter dem berüchtigten Dieb Edward Shade her, ohne auch nur die geringste Spur zu finden. Als Pinkerton eine Frau namens Charlotte Reckitt verhören wollte, die vor zehn Jahren Shades Komplizin gewesen war, ist sie nach einer langen Verfolgungsjagd auf der Blackfriars Bridge in den Fluss gesprungen.
Während er mit Scotland-Yard-Chief-Inspector John Shore weiter nach Shade fahndet, ist auch Adam Foole dem Ruf nach London gefolgt, weil ihn Charlotte Reckitt, seine große Liebe, um Hilfe gebeten hatte. Als Kopf, Torso und Beine einer jungen Frau gefunden werden, machen sich Pinkerton und Shore auf der einen Seite, Shade und seine recht Hand Foole auf der anderen Seite auf die Jagd nach ihrem vermeintlichen Mörder. Die Besessenheit, mit der beide Parteien das Geheimnis von Charlotte Rickett zu lösen versuchen, lässt die Wege von Pinkerton und Shade zwangsläufig miteinander kreuzen, aber die Begegnung wartet mit einigen Überraschungen auf, vor allem für Pinkerton, dessen Vater bereits von Edward Shade besessen war.
„Sein Vater wollte Shade nicht presigeben, wollte das köstliche Rätselraten um Shades Existentz geheim und für sich behalten. Als sein Vater gebrechlicher wurde, saß er gern mit wackelndem Kopf inmitten der Blumen im Garten, William schwieg neben ihm und beobachtete, wie die Bienen von Rose zu Rose flogen. Und manchmal kam es ihm vor, als würde noch ein Dritter neben ihnen sitzen, ein Gespenst, auf dem der Blick seines Vaters von Zeit zu Zeit ruhte.“ (S. 340) 
Der kanadische Lyriker und Autor Steven Price feiert mit „Die Frau in der Themse“ sein Debüt in der deutschen Literaturwelt, nachdem sein erster Gedichtband „The Anatomy of Keys“ (2006) mit dem Gerald Lampert Award ausgezeichnet wurde und sein Romandebüt „Into That Darkness“ 2011 erschienen war. Sein zweiter Roman „By Gaslight“, der nun in deutscher Erstübersetzung bei Diogenes vorliegt, präsentiert Price ein über 900 Seiten umfassendes Epos, das im viktorianischen England kurz vor dem mörderischen Treiben von Jack the Ripper angesiedelt ist und vordergründig als Detektivroman angelegt ist. Doch die beharrliche Suche des berühmten Detektivs William Pinkterton nach der schattenhaften Gestalt von Edward Shade bildet nur den Rahmen einer viel komplexeren Geschichte, in der es um Familie, Liebe, Täuschung, Verrat und Identität geht und deren Handlung zwar überwiegend 1885 in London angesiedelt ist, darüber hinaus aber immer wieder zwischen Amerika, Südafrika und Europa, zwischen 1862 und 1917 hin- und herspringt.
Dazu werden die Kapitel abwechselnd aus der Perspektive des Meisterdetektivs und des Meisterdiebes geschrieben, so dass es nicht immer leicht fällt, die Übersicht zu behalten. Zum Glück beschränkt sich der Autor auf ein für die abgedeckten Jahre und Kontinente überraschend überschaubares Figurenensemble und füllt sie Seiten dafür mit den Inneneinsichten und Dialogen seiner Hauptfiguren und mit der anschaulich detaillierten Milieubeschreibung. Wie Adam Foole und William Pinkerton Katz und Maus miteinander spielen, ist geschickt inszeniert, wartet mit unzähligen interessanten Wendungen auf und ist doch etwas ausufernd geraten.
So sehr „Die Frau in der Themse“ durch die ausführlichen Beschreibungen an atmosphärischer Dichte gewinnt, leidet die Dramaturgie ein wenig unter den immerwährenden Zeitsprüngen, Ortswechseln und Perspektivänderungen, aber nichtsdestotrotz bietet das historische Drama fein gesponnene Unterhaltung mit bemerkenswerten Charakteren.
Leseprobe Steven Price - "Die Frau in der Themse"

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Anthony McCarten – „Die zwei Päpste“

(Diogenes, 400 S., HC)
Als Papst Benedikt XVI. am 11. Februar 2013 überraschend verkündete, wegen seines fortgeschrittenen Alters zurückzutreten, sorgte er für ein Novum in der Kirchengeschichte. Erstmals seit 1415 würde die katholische Kirche zwei lebende Päpste an ihrer Spitze haben. Neben dem „Papa emeritus“ würde der wenige Tage später zum neuen Papst Franziskus gewählte Argentinier Jorge Bergoglio dafür sorgen, die Geschicke der vor allem durch weltweit bekannt gewordene Missbrauchsfälle ins Trudeln geratene katholischen Kirche zu lenken.
Der in Neuseeland geborene und in London lebende Autor Anthony McCarten („Englischer Harem“, „Jack“), selbst eingefleischter Katholik, hat sich die spannendste Episode der jüngeren Kirchengeschichte vorgenommen, um ein Sachbuch darüber zu schreiben. Nachdem der zweifach Oscar-nominierte McCarten bereits die Drehbücher für Filme wie „Die Entdeckung der Unendlichkeit“, „Die dunkelste Stunde“ und „Bohemian Rhapsody“ verfasst hatte, dient seine Biografie über die beiden so unterschiedlichen Päpste als Grundlage für den im November anlaufenden Netflix-Film mit Anthony Hopkins und Jonathan Pryce in den Hauptrollen.
Die Gegensätzlichkeit der beiden Figuren arbeitet McCarten in den jeweiligen Biografien von Josef Ratzinger und Jorge Bergoglio auf. Abwechselnd beschreibt der geschulte Autor den Werdegang der beiden Männer. Während sich der Argentinier dabei vor allem als „Sünder“ betrachtete, der zu den Jesuiten ging, um in den Elendsvierteln bei den Menschen zu sein, war Ratzingers Kindheit von der Herrschaft des Hitler-Regimes geprägt, bevor er systematisch die Karriere zum Priester einschlug und sich dabei den intellektuellen Problemen in der Kirche widmete und nicht in der Seelsorge tätig wurde wie sein späterer argentinischer Konkurrent und Nachfolger.
Trotz aller – anhand umfangreicher Sekundärliteratur – herausgearbeiteter Unterschiede waren beide Männer von einer tiefen Skepsis gegenüber ihrem Amt ausgestattet, das ihnen zu schwer auf den Schultern zu liegen schien. Die ausführlich geschilderten Vorgänge in den jeweiligen Konklaven zur Papstwahl machen auch deutlich, in welche Lager die zur Wahl stehenden Kardinäle aufgeteilt waren, wie konservative Kräfte immer wieder versucht haben, revolutionär anmutende Thesen, wie sie gerade Bergoglio vertreten hat, in Schacht zu halten. Bergoglio hing vor allem sein zweifelhaftes Verhalten während der argentinischen Militärdiktatur (1976 – 1983) nach, als er sich nicht vehement genug gegen die unmenschlichen Verhältnisse in seiner Heimat zur Wehr setzte, denn offensichtlich lagen der Kirche stichhaltige Beweise dafür vor, in welchem Ausmaß die Junta ihre Kritiker beseitigte. Auf der anderen Seite machte Ratzinger in seiner Funktion als Erzbischof von München und Freising (1977 – 1981) die Affäre um einen Priester zu schaffen, der trotz verschiedener sexueller Missbrauchstaten weiterhin in der Seelsorge eingesetzt worden war. Aber auch die 2007 auf Druck der Traditionalisten wieder gestattete Missa Tridentina (die ein Karfreitagsgebet enthält, in dem die Juden aufgefordert werden, Jesus Christus anzuerkennen, und die die Blindheit des jüdischen Volkes gegenüber Christi Wahrheit thematisiert) setzte Papst Benedikt zu.
„Nicht umsonst wurde daraufhin spekuliert, ob dieser Papst arrogant, inkompetent, wenig vorausschauend oder einfach nur gleichgültig war. War Benedikt derart selbstbewusst bezüglich theologischer Fragen, dass er ohne Berater agierte? Oder besser: War er so blauäugig, dass er mit nichts anderem als positiven Reaktionen rechnete? Wie dem auch sei, eines war gewiss: Der Papst war unfähig, aus seinen Fehlern zu lernen.“ (S. 207) 
McCarten macht durch solche Kommentare deutlich, wie seine Sympathien zwischen den beiden Päpsten verteilt sind, dennoch beschreibt er die Vorgänge hinter den Kulissen des Vatikans mit sachlicher Distanz, indem er auf eine Menge Quellenmaterial zurückgreift (die Anmerkungen nehmen immerhin volle 40 Seiten des Buches ein). Der Autor beschreibt die Entwicklung der Kirche vor allem seit dem Wirken von Papst Johannes Paul II., dokumentiert die interessante Prozedur der Wahl zum Papst, macht dabei auf das Dilemma der „päpstlichen Unfehlbarkeit“ aufmerksam und legt dar, wie die beiden Päpste mit den Herausforderungen umzugehen pflegten, die durch die Krise der römisch-katholischen Kirche mit ihren 1,28 Milliarden Mitgliedern noch immer zu bewältigen sind. Auch für Nicht-Katholiken und überhaupt Nicht-Gläubige ist die Aufarbeitung der Geschichte, die Anthony McCarten anhand der beiden zwei letzten Päpste erzählt, äußerst aufschlussreich und spannend geschrieben. Auf die Verfilmung von Fernando Mereilles („Der ewige Gärtner“) darf man also gespannt sein!
Leseprobe Anthony McCarten - "Die zwei Päpste"

Samstag, 28. September 2019

Lisa McInerney – „Blutwunder“

(Liebeskind, 334 S., HC)
Mit knapp einundzwanzig Jahren hat der in der irischen Kleinstadt Cork lebende Ryan Cusack zwar keinen Schulabschluss, aber schon eine bemerkenswerte Karriere im Drogengeschäft hingelegt. Nachdem Dan Kane bei einem Ausflug nach Rotterdam beim Abhängen mit einigen Jungs auch Neapel seiner Unzufriedenheit mit seinem Lieferanten Luft gemacht hat, will er die Stadt mit hochwertigem Ecstasy überschwemmen. Da passt es ihm gut in den Kram, dass sein Kumpel Ryan gerade von seinem Sommerurlaub aus Neapel zurückkehrt und von den qualitativ hochwertigen Pillen dort schwärmt.
Doch nachdem Dan im Corker City-Hotel den Deal mit dem Neapolitaner klargemacht hat, wobei Ryan als Übersetzer fungierte und der Rest der Truppe – Shane „Shakespeare“ O’Sullivan, Pender, Cooney und Feehily - einfach abhing, geht gleich die erste Lieferung verloren. Während Kane in Ruhe herauszufinden versucht, wer aus seiner Truppe ihn übers Ohr gehauen haben könnte, wird Ryan zunächst von seiner langjährigen Freundin Karine vor die Tür gesetzt, dann lässt er sich unmittelbar mit Natalie ein, die sich ausgerechnet als Dan Kanes Liebchen entpuppt. Ryan muss sich aber nicht nur vor Dan Kane in Acht nehmen und die Wogen bei Karine glätten, die ihn mit ihrer bereits weit fortgeschrittenen Schwangerschaft konfrontiert, sondern auch Jimmy Phelan beschwichtigen, der als Oberhaupt des organisierten Verbrechens ins Cork gar nicht erfreut über die Aktivitäten ist, die Kane und Cusack an den Tag legen …
„Dan braucht mich treu und unverbrüchlich, und das bin ich nicht. Insgeheim tu ich, was J.P. will, und ich schlafe mit einer, mit der ich nicht schlafen sollte, weil es mir nichts ausmacht, Lügen zu erzählen, um zu kriegen, was mir nicht gehört.“ (S. 198) 
Bereits mit ihrem 2015 erschienenen Debütroman „The Glorious Heresies“ hat die irische Autorin Lisa McInerney den Baileys Women’s Prize for Fiction sowie den Desmond Elliott Prize für Debütromane erhalten. Nachdem ihr preisgekröntes Debüt 2018 bei Liebeskind unter dem Titel „Glorreiche Ketzereien“ veröffentlicht wurde, liegt dort nun auch ihr neuer Roman „Blutwunder“ vor, der sich wie McInerneys frühes Idol Hubert Selby Jr. auf einfühlsame Weise mit den Randexistenzen der Gesellschaft auseinandersetzt.
Mit Ryan Cusack hat McInerney alles andere als eine sympathische Figur geschaffen, und doch kann man dem jungen Kerl kaum böse sein, dass er auf die schiefe Bahn geraten ist. Schließlich hat sich seine Mutter umgebracht, sein Vater ist ein versoffener Schwächling, der den Jungen verprügelte und misshandelte. Allerdings bringt er sich auch immer wieder selbst in Schwierigkeiten. Dass er sich unwissentlich ausgerechnet an Dans Freundin Natalie heranmacht, nachdem Karine ihm den Laufpass gegeben hat, wirkt wie andere Situationen zwar etwas konstruiert, sorgt aber für Spannung und Dramatik in einer Geschichte, in der sich die Ereignisse zunehmend überschlagen. Denn zwischen zwei misstrauischen Gangstern so zu manövrieren, dass man überlebt, und dabei zwei Frauen, die einem etwas bedeuten, bei Laune zu halten, sorgt für einen konstant hohen Adrenalinpegel und etliche Verwicklungen und Wendungen, die einfach Laune machen.
Mit ihrer schnörkellosen, direkten und humorvollen Art wirkt McInerney wie das weibliche Pendant zu Irvine Welsh („Porno“, „Trainspotting“). Mit „Blutwunder“ hat sich die irische Schriftstellerin auf jeden Fall als starke Stimme in der irischen Literaturszene etabliert und dürfte auch hierzulande immer mehr Leser gewinnen und Kritiker begeistern.
Leseprobe Lisa McInerney - "Blutwunder"

Sonntag, 22. September 2019

Jo Nesbø – (Harry Hole: 4) „Fährte“

(Ullstein, 576 S., Tb./eBook)
Harry Hole sucht an einem Freitagnachmittag im Oktober die Bankfiliale an der Osloer Bogstadvei auf, als er Zeuge wird, wie Männer in identischen, dunklen Overalls auf den Schalter von Stine Grette zugehen und auf die Öffnung der Geldautomaten drängen. Doch als der Bankraub schon vorüber war und die Täter mit ihrer Beute nur noch verschwinden müssen, beobachtet Harry, wie einer der Bankräuber Stine Grette etwas ins Ohr flüstert und beobachtet, wie ihr die Bedeutung seiner Worte bewusst werden, bevor er sie erschießt. Dieser brutale Überfall stellt aber nur den Anfang einer ganzen Reihe von Bankrauben dar, die dem sogenannten „Exekutor“ zugeschrieben werden. Während der Fall zunächst an den Leiter des Raubdezernats, Rune Ivarsson, geht, sind Holes Gedanken noch immer bei seiner ermordeten Freundin und Kollegin Ellen Gjelten, deren Tod nach Holes Meinung noch immer nicht aufgeklärt ist. Dafür war ihm sein Kollege Tom Waaler zu schnell am Tatort gewesen, um den des Mordes verdächtigten Neonazi Sverre Olsen im Feuergefecht zu erschießen.
Da der politisch gut vernetzte Ivarsson aber keine Ergebnisse im „Exekutor“-Fall aufweisen kann, stellt Hole mit der Videoanalystin Beate Lønn eigene Ermittlungen an. Er gelangt schließlich zu der Auffassung, dass der Banküberfall an gut getarnter Mord gewesen ist. Doch bevor sich Hole näher mit dem Fall befassen kann, gerät er selbst in den Fokus einer anderen Ermittlung: Während seine Lebensgefährtin Rakel in Moskau vor Gericht versucht, das Sorgerecht für ihren Sohn Oleg zu bekommen, trifft sich Hole mit seiner alten Geliebten Anna. Allerdings erwacht Hole nach einem Filmriss auf der Treppe vor ihrer Wohnung und kann sich nicht erinnern, warum Anna sich in ihrem Bett umgebracht haben sollte. Hole verschweigt den Ermittlern, dass er der Letzte gewesen sei, der Anna vor ihrem Tod lebend gesehen hat, und wird mit geheimnisvollen Emails traktiert, deren Absender genauestens über die Tat Bescheid zu wissen scheint.
„In zwei Tagen sollte Anna beerdigt werden, und niemand zweifelte daran, dass sie durch ihre eigene Hand zu Tode gekommen war. Der Einzige, der dort gewesen war und ihnen hätte widersprechen können, war er selbst, doch er konnte sich an nichts erinnern. Weshalb konnte er es dann nicht einfach auf sich beruhen lassen? Er hatte alles zu verlieren und nichts zu gewinnen. Und eins kam noch hinzu: Warum konnte er die Sache nicht einfach vergessen, um Rakel und seiner selbst willen?“ (Pos. 1533) 
In seinem vierten Harry-Hole-Roman dreht der in Oslo lebende Jo Nesbø groß auf. Norwegens erfolgreichster Autor lässt seinen prominenten, alkoholsüchtigen Antihelden wieder auf eine waschechte Krise zusteuern, denn nachdem bereits drei Frauen aus Holes früheren Leben sich entweder selbst getötet haben oder umgebracht worden sind, setzt ihm auch Annas Tod mächtig zu. Um den „Exekutor“-Fall zu lösen, lässt sich Hole auf ein gefährliches Spiel mit dem Bankräuber Raskol Baxhet ein, der sich überraschenderweise selbst gestellt hat und einige Bedingungen im Gegenzug für seine Hilfe stellt. Um zu seinem Ziel zu gelangen, muss Hole schon ein besserer Spieler sein als Raskol.
Nesbø erweist sich als raffinierter Meister komplexer Handlungsstränge, die er diesmal aber stringenter entwickelt als im vorangegangenen Band „Rotkehlchen“. Indem er den für Harry Hole noch unaufgeklärten Mord an dessen Kollegin Ellen Gjelten aufgreift, nimmt Nesbø nicht nur den Faden des Vorgängers auf, sondern entwickelt für Hole unangenehme Parallelen zum Tod seiner früheren Geliebten Anna. Geschickt verwebt der Autor Harry Holes Bemühungen, sowohl Annas Mörder als auch den „Exekutor“ zu identifizieren, legt eine Fährte, die sowohl nach Afrika als auch nach Brasilien führt, und jongliert so souverän mit überraschenden Wendungen, dass die Spannung auf einem sehr hohen Level gehalten wird. Dadurch, dass Harry Holes derzeitige Lebensgefährtin in Moskau verweilt, konzentriert sich Holes Gefühlsleben eher auf die Beziehung, die er mit Anna geführt hat, aber auch in anderer Hinsicht macht Nesbø immer wieder deutlich, dass Harry Hole zwar ein begnadeter Ermittler ist, aber nach wie vor eine zutiefst gebrochene Persönlichkeit, die sich immer wieder selbst aus dem alkoholindizierten Sumpf ziehen muss. Mit psychologischem Feingefühl und sorgfältiger Figurenzeichnung gelingt Nesbø mit „Fährte“ ein großartiger, vielschichtiger und extrem spannender Krimi, der gekonnt mit immer neuen Überraschungen aufwartet.
Leseprobe Jo Nesbø - "Fährte"

Mittwoch, 18. September 2019

Stephen King – „Das Institut“

(Heyne, 768 S., HC)
Der zwölfjährige Luke Ellis ist so klug, dass an der Broderick-Schule für außergewöhnliche Kinder nichts mehr für ihn getan werden kann. Stattdessen schlägt der Beratungslehrer Jim Greer Lukes Eltern vor, Luke – der bereits zuvor ein entsprechendes Interesse geäußert hatte – am MIT in Cambridge Ingenieurwissenschaften und auf der anderen Flussseite in Bosten Englisch am Emerson College studieren zu lassen. Tatsächlich schafft Luke die Aufnahmeprüfungen mit links, doch bevor er seine akademische Laufbahn verfolgen kann, wird eines Nachts in sein Elternhaus eingebrochen und er selbst entführt, nachdem seine Eltern ermordet worden sind.
Stunden später wacht Luke an einem weit entfernten und abgeschieden im Wald gelegenen Ort auf, einem Institut, das sich der streng geheimen Aufgabe verschrieben hat, die paranormalen Talente der jungen Gäste zu fördern. Die Methoden, die im Vorderbau angewendet werden, um die telekinetischen und telepathischen Fähigkeiten der internierten Kinder anzukurbeln, sind alles andere als angenehm. Luke, dessen schwach ausgeprägte telekinetische Begabung bislang nur ausreichte, um ein leeres Pizzablech oder einen Papierkorb zu verschieben, entwickelt durch die Behandlung sogar telepathische Fähigkeiten, die er vor seinen Peinigern aber geheim hält. Doch als er herausfindet, dass seine Eltern gestorben sind und die Experimente im Hinterbau fortgesetzt werden, von wo die Kinder nicht mehr zurückkehren, reift nicht nur in Lukas der Plan zur Flucht …
„Momentan war Mrs. Sigsby, diese Bitch, hauptsächlich mit Luke beschäftigt. Stackhouse ebenfalls. Genauer gesagt galt das für das gesamte Personal vom Institut, denn alle wussten, dass Luke geflohen war. Dass die alle aufgeschreckt und abgelenkt waren, war ihre Chance. Eine solche Gelegenheit würden sie nie wieder bekommen.“ (S. 539) 
Stephen King, unbestrittener „King of Horror“, hat schon in seinen Frühwerken wie „Carrie“, „The Dead Zone“ und „The Shining“ Figuren mit paranormalen Fähigkeiten ins Zentrum seiner unheimlichen Erzählungen gestellt. In dieser Hinsicht kehrt der bereits 72-Jährige zu seinen schriftstellerischen Wurzeln zurück, die ihm zu Weltruhm verhalfen. Seine Meisterschaft, das geschilderte Grauen in einer ganz alltäglichen, kleinbürgerlichen Umgebung reifen zu lassen, kommt auch in „Das Institut“ zum Tragen. Allerdings neigt King wie selten zuvor zu weitschweifigen Ergüssen, die zwar in diesem Fall den schrecklichen Alltag im Institut vor Augen führen, aber da die Handlung währenddessen nicht wirklich vorankommt, hätte King sich durchaus 200 Seiten sparen können. Zunächst führt King nämlich 50 Seiten lang den in Florida gescheiterten Polizisten Tim Jamieson ein und lässt ihn in der Kleinstadt DuPray, South Carolina, als Nachtklopfer anheuern. Der Leser hat sich gerade mit Jamieson und einigen Figuren in DuPray angefreundet, wird der Plot beiseitegelegt und erst nach 350 weiteren Seiten wieder aufgenommen.
In der Zwischenzeit lernen wie den hochintelligenten Luke und seine Eltern, die Machenschaften im Institut und Lukes Leidgenossen Kalisha, Nick, George, Iris und Avery kennen. Zwar beschreibt King den Alltag und die an den Kindern durchgeführten Tests sehr anschaulich, doch entwickelt sich die Geschichte dabei kaum weiter. Stattdessen folgt die Handlung sehr vorhersehbaren Bahnen, lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass etwas faul ist in den USA unter der Herrschaft von Donald Trump. Zum Glück bekommt der Roman im letzten Viertel wieder die Kurve, wenn sich – natürlich – die Wege von Tim Jamieson und Luke Ellis kreuzen (sonst hätten die ersten 50 Seiten keinen Sinn gemacht) und es – wie vorauszusehen – zum Showdown zwischen den Guten und den Bösen kommt.
Leseprobe Stephen King - "Das Institut"

Sonntag, 15. September 2019

Jo Nesbø – (Harry Hole: 3) „Rotkehlchen“

(Ullstein, 480 S., Tb./eBook)
Als vor kurzem zum Staatsschutz versetzter Beamter ist Harry Hole im November 1999 dafür zuständig, zusammen mit den amerikanischen Kollegen vom Secret Service für die Sicherheit des amerikanischen Präsidenten bei dessen ersten Besuch in Norwegen zu sorgen, wo er an einem Gipfeltreffen mit PLO-Chef Arafat, dem israelischen Ministerpräsidenten Barak und dem russischen Präsidenten Putin teilnimmt. Allerdings schießt Hole während der Streckenüberwachung auf einen Secret-Service-Agenten, der sich nicht als solcher zu erkennen gegeben hat, und wird daraufhin von seinem Chef Bjarne Møller aus der Schusslinie genommen, auch wenn er sich ordnungsgemäß verhalten hat.
Als Bezirksleiter beim polizeilichen Überwachungsdienst erhält er Informationen zum Import eines sündhaft teuren Märklin-Gewehrs aus Südafrika, das besonders bei Attentätern beliebt ist. Die Spuren führen bis in die Zeiten des Zweiten Weltkriegs, als eine Gruppe von norwegischen Soldaten auf der Seite der Nazis kämpften und dafür 1945 als Landesverräter hart bestraft wurden. Einer der Nazi-Kollaborateure will dieses gefühlte Unrecht wiedergutmachen und niemand geringeren als den norwegischen Kronprinzen dafür zur Rechenschaft ziehen. Während Hole und seine ambitionierte Kollegin Ellen Gjelten in der Neonazi-Szene ebenso wie in der Geschichte der norwegischen Beteiligung am Zweiten Weltkrieg fordert forscht, welche Identität der Attentäter angenommen haben könnte, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, der auch unter Holes Kollegen Opfer …
„Wenn eine Person, nach der man sucht, als Leiche in einer vier Monate alten Mordsache auftaucht, kann man nur schwer an einen Zufall glauben. Konnte der Mord irgendwie mit dem Kauf des Märklin-Gewehres zusammenhängen? Es war kaum zehn Uhr und Harry hatte bereits Kopfschmerzen. Er hoffte nur, dass Ellen ihm irgendetwas über diesen Prinzen liefern würde. Irgendetwas. Damit man irgendwo anfangen könnte.“ (Pos. 3700) 
Jo Nesbø hat nach seiner Karriere als Finanzanalytiker und Ökonom erst mit 37 Jahren zum Schreiben gefunden und schon mit seinem Harry-Hole-Debüt „Der Fledermausmann“ auf sich aufmerksam machen können, bevor er mit dem dritten Band „Rotkehlchen“ auch seinen internationalen Durchbruch feiern durfte. Es ist alles andere als leichte Krimikost, die Nesbø in „Rotkehlchen“ präsentiert, widmet er sich doch auch vielschichtige Weise dem dunklen Kapitel, das Norwegens Rolle im Zweiten Weltkrieg thematisiert. Hier sorgen vor allem der Historiker Even Juul und der Kriegsveteran Sindre Fauke für die Darstellung der unterschiedlichen Aspekte. Indem der Autor zwischen den aktuellen Ermittlungen und den Ereignissen im Zweiten Weltkrieg hin- und herspringt, die zu den Morden geführt haben, die Hole untersucht, werden allmählich die persönlichen Beweggründe des Täters offenbart, dessen Identität aber erst im wendungsreichen Finale offenbart wird.
Bis dahin bekommt der Leser nicht nur eine differenzierte Auseinandersetzung mit einem der dunkelsten Kapitel in der norwegischen Geschichte präsentiert, sondern interessanterweise auch zwei Liebesgeschichten, von der eine die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg vorantreibt, die zweite aber ausgerechnet Harry Hole betrifft, der sich sowohl bei seinem Chef Møller als auch seiner liebenswerten Kollegin Ellen bedanken kann, dass sie in der Vergangenheit ihre schützenden Hände über Holes alkoholbedingte Ausfälle gehalten haben. Doch die Beziehung zu seiner alleinerziehenden Kollegin Rakel, auf die auch Staatssekretär Bernt Brandhaug ein Auge geworfen hat, verläuft alles andere als unkompliziert, und das gilt eben auch für den gesamten Plot. Jo Nesbø vermag zwar, hochkomplexe Plots zu entwickeln und dabei den Finger auf die Wunden in der norwegischen Gesellschaft zu legen, doch lässt er allzu viele Figuren mitwirken, die er kaum zu bemerkenswerten Persönlichkeiten entwickelt, denen man interessiert folgen möchte. Dafür springt der Autor zu häufig und abrupt zwischen den Schauplätzen, Zeiten und Figuren hin und her. Nichtsdestotrotz entwickelt „Rotkehlchen“ einen Sog, der das Publikum bis zum Schluss bei der Stange hält.
Leseprobe Jo Nesbo - "Rotkehlchen"

Montag, 9. September 2019

Mick Herron – (Jackson Lamb: 2) „Dead Lions“

(Diogenes, 478 S., HC)
Das Slough House stellt für den britischen Geheimdienst MI5 eine Sammelstelle für die Agenten ein, die sich so schwerer Vergehen schuldig gemacht haben, dass sie – da sie nicht gekündigt werden können – auf ein Abstellgleis verfrachtet werden, wo sie hoffentlich bei der eintönigen Auswertung von Listen und Statistiken vor Langeweile umkommen und von selbst die Kündigung einreichen. Unter Leitung des eigentlich unausstehlichen, aber nach wie vor gewieften Jackson Lamb versuchen seine Leute (die von ihren ehrbaren Kollegen abschätzig als Slow Horses bezeichnet werden) wieder Punkte gutzumachen, um wieder in die Hauptstelle des MI5 in Regent’s Park versetzt zu werden.
Tatsächlich ergibt sich diese Gelegenheit, als mit Dickie Bow ein alter Weggefährte von Lamb aus seiner Zeit in Berlin tot in einem Bus aufgefunden wird. Lamb glaubt nicht an den vom Rechtsmediziner attestierten Herzinfarkt und findet am Tatort ein verstecktes Billig-Handy, wo sich unter den nicht gesendeten Nachrichten der Begriff „Cicades“ befindet. Für Lamb ist das ein Hinweis auf eine Gemeinschaft von russischen Schläfern, die nur darauf warten, für einen Einsatz aktiviert zu werden. In diesem Zusammenhang erfährt River Cartwright von seinem Großvater, der ein hohes Tier beim MI5 gewesen ist und ihn noch immer mit wichtigen Informationen versorgt, dass Bow von dem russischen Agenten Alexander Popow entführt worden sei.
Allerdings soll Popow eine reine Legende gewesen sein, der angebliche Chef eines Spionagerings, der sein eigenes fiktives Netzwerk leitete. Lamb schickt Cartwright nach Upshott, um dort nach dem geheimnisvollen Mr. B zu suchen, den Lamb auf den Überwachungsvideos an der Bushaltestelle in Oxford entdeckt hat, wo er aus dem Bus gestiegen ist, in dem Bow tot aufgefunden wurde. Während er in dem unscheinbaren Kaff nähere Bekanntschaft mit der attraktiven Barbedienung Kelly einlässt, werden die Slow Horses Min Harper und Louisa Guy (die auch noch miteinander liiert sind) von James „Spider“ Webb aus dem Hauptquartier damit beauftragt, den russischen Oligarchen Arkadi Paschkin zu beschützen, wenn er in London seinen Geschäften nachgeht. Doch als einer der beiden Agenten bei dieser vermeintlich simplen Aufgabe zu Tode kommt, ist Jackson Lamb alarmiert. Zudem fördert sein Computer-Nerd Roderick Ho immer brisantere Informationen aus Upshott zutage. Offensichtlich hängen die jüngsten Todesfälle und die Ereignisse in Upshott unmittelbar miteinander in Verbindung …
„Wie hoch waren die Chancen, dass dieses kleine Kaff eine neue Generation von Kalten Kriegern nährte, und wofür würden sie kämpfen, wenn es so wäre? Die Auferstehung der Sowjetunion?“ (S. 358) 
Der in Oxford lebende britische Autor Mick Herron hat mit dem 2010 erschienenen und 2018 auf hierzulande veröffentlichten Roman „Slow Horses“ eine außergewöhnlichste Spionage-Thriller-Reihe ins Leben gerufen, die zurecht mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet worden ist. Allein das Setting um eine ausgemusterte Truppe von MI5-Versagern, die alles dafür tun würden, um wieder im Hauptquartier in Regent’s Park arbeiten zu dürfen, verspricht ungewöhnliche Plots, die zudem von liebevoll skurrilen Figuren getragen werden. Eine Katze, die durch die Zimmer von Slough House streicht, übernimmt die Vorstellung der ausgesonderten Agenten, unter die sich die beiden Neulinge Shirley Dander und Marcus Longridge eingereiht haben.
Was den neuen Band „Dead Lions“ ebenso wie den Erstling „Slow Horses“ von der Masse an Spionage-Thrillern wohltuend abhebt, ist die Mischung aus einem spannenden, komplexen und wendungsreichen Plot, einzigartigen Figuren, der Beziehung zwischen dem Hauptquartier und dem Slough House (in dem MI5-Vizechefin Diana „Lady Di“ Tavener vermutlich auch noch einen Spitzel untergebracht hat) und dem erfrischendem britischen Humor, der der Jackson-Lamb-Reihe ihren besonderen Charme verleiht.
Zwar schleichen sich auf den knapp 500 Seiten auch mal verschiedene Längen ein, aber bei der vergnüglichen Stimmung, die der Autor zu kreieren versteht, den differenziert gezeichneten Figuren und dem intelligent inszenierten Agenten-Plot sieht der Leser gern darüber hinweg. Auf die bislang erschienenen drei weiteren Bücher der Jackson-Lamb-Reihe darf sich der deutschsprachige Leser also mehr als freuen.
Leseprobe Mick Herron - "Dead Lions"

Mittwoch, 4. September 2019

David Lagercrantz (nach Stieg Larsson) – (Millennium: 6) „Vernichtung“

(Heyne, 430 S., HC)
Als ein Obdachloser tot unter einem Baum im Stockholmer Tantolunden aufgefunden wird, nimmt die Rechtmedizinerin Fredrika Nyman Kontakt zum prominenten Journalisten Mikael Blomkvist auf, denn in der Jackentasche des Toten befand sich ein Zettel mit der Telefonnummer des „Millennium“-Autors. Interessanter als diese Tatsache erscheint Nyman allerdings die DNA-Analyse, der zufolge der Verstorbene ein sogenanntes Super-Gen besaß, das in einer bestimmten Ethnie in Nepal vorkommt. Und tatsächlich weisen das Fehlen mehrerer Finger und Zehen und andere Zeichen von Erfrierungen und arg strapazierter Muskelfasern darauf hin, dass der Tote als Sherpa Expeditionen zum Mount Everest begleitet hat. Um an weitere Informationen zu kommen, muss Blomkvist wieder auf die ganz speziellen Fähigkeiten der hochintelligenten Hackerin Lisbeth Salander zurückgreifen. Die hat gerade erst ihre Stockholmer Wohnung verkauft und ist nun in Moskau nicht nur Waldimir Kusnezow auf der Spur, der als Eigentümer mehrerer Trollfabriken, die Fake-News mit oft antisemitischem Unterton verbreiten und Wahlen beeinflussen, sondern auch ihrer verhassten Schwester Camille, mit der sie eine dunkle Vergangenheit teilt und die nun in russischen Gangsterkreisen verkehrt.
Eigentlich hatte Blomkvist vor, etwas Urlaub zu machen, doch als Nyman ihm von der Menge an schmerzstillenden Stoffen im Körper des Toten erzählt, ist sein Interesse geweckt, zumal der Obdachlose offensichtlich kurz vor seinem Tod Kontakt zur erfolgreichen Kolumnistin Catrin Lindås gehabt hat. Von ihr erfährt Blomkvist, dass der Tote den Namen des schwedischen Verteidigungsministers Johannes Forsell erwähnt hat. Der hatte im Mai 2008 an einer Everest-Expedition teilgenommen, bei der Klara Engelman, die glamouröse Frau des legendären Industriemagnaten Stan Engelman, tödlich verunglückt ist. Mit Lisbeths Hilfe nimmt Blomkvist Kontakt zu einem mutmaßlichen Verwandten des Sherpas in den USA auf und kommt allmählich einem komplizierten Drama auf die Spur …
 „War dort oben vielleicht irgendetwas geschehen, was hatte vertuscht werden müssen? Möglich. Es mochte aber auch ganz anders gewesen sein. Dennoch spürte er, wie seine Lebensgeister zurückkehrten. Sein Urlaub war definitiv vorbei, und er würde der Geschichte auf den Grund gehen müssen. Doch zuerst schickte er eine SMS an Lisbeth: Warum musst du immer so verdammt clever sein??“ (S. 237f.) 
Der schwedische Autor und Journalist Stieg Larsson schuf mit der auch mehrfach erfolgreich verfilmten „Millennium“-Trilogie moderne Klassiker der skandinavischen Kriminalliteratur, ehe er 2004 unerwartet einem Herzinfarkt erlag. Stieg Larssons schwedischer Verlag und seine Familie traten schließlich 2013 an David Lagercrantz („Allein auf dem Everest“) heran, der die Reihe um die charismatischen wie unterschiedlichen Ermittler Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander fortsetzen sollte. Nach „Verschwörung“ und „Verfolgung“ legt Lagercrantz mit „Vernichtung“ nun seinen dritten und den insgesamt sechsten und wohl auch letzten Band der „Millennium“-Reihe vor. Allerdings gibt er sich wenig Mühe, der Auflösung des offensichtlichen Mordes an dem exotischen Obdachlosen die psychologische Tiefe zu erreichen, mit der Stieg Larsson das Duo Blomkvist und Salander zu so faszinierenden Figuren hat werden lassen. Stattdessen wird die Beziehung zwischen den beiden auch aufgrund der meist räumlichen Trennung zwischen ihnen nicht weiter vertieft. Blomkvist lässt sich etwas überraschend auf eine Affäre mit Catrin Lindås ein und verfolgt mehr oder weniger zielstrebig seine Nachforschungen, während Salander sich ihre gemeinsame Vergangenheit mit Camilla in Erinnerung ruft.
Durch die stückweise Enthüllung der Ereignisse während der dramatischen Everest-Expedition wird zwar die Spannung aufrechterhalten, doch wirkt der Plot allzu schablonenhaft konstruiert, um wirklich packen zu können. Vor allem das unglaubwürdig zugespitzte actionreiche Finale hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack einer so famos von Stieg Larsson initiierten Krimi-Reihe, die sein Kollege David Lagercrantz nicht auf diesem hohen Niveau fortsetzen konnte. Im Gegensatz zu seinem berühmten Kollegen vermag Lagercrantz seinen Figuren leider nicht die emotionale Tiefe zu verleihen und handelt gesellschaftspolitische Themen wie hier die wachsende Zahl von Obdachlosen oder die Produktion und Verbreitung von Fake-News nur nebenbei ab.
Leseprobe David Lagercrantz - "Vernichtung"

Sonntag, 1. September 2019

Jo Nesbø – (Harry Hole: 12) „Messer“

(Ullstein, 576 S., HC/eBook)
Als Harry Hole am Sonntagmorgen aufwacht, merkt er sofort, dass etwas nicht stimmt. Zunächst versucht er seinen üblichen Traum über einen gemeinsamen Morgen mit Rakel kurz nach ihrem Kennenlernen zu erinnern, doch dann wird ihm schlagartig und schmerzlich bewusst, dass sie ihn verlassen hatte. Schließlich bemerkt er Blut an seinen Fingern, eine leere Whiskyflasche. Er kann sich an nichts erinnern. Von seinem Freund Bjørn Holm erfährt er, dass er mit ihm zusammen in der Jealousy Bar gewesen ist, von wo er den besoffenen Harry gegen 22.30 Uhr nach Hause gefahren habe. Harry ist am absoluten Tiefpunkt seines Lebens angelangt. Nach seiner erfolgreichen Zeit als Kriminalkommissar und seiner Zeit als Dozent an der Polizeihochschule ist sein Plan, durch die Heirat mit Rakel in ruhigere Fahrgewässer in Abstinenz zu gelangen, nicht aufgegangen. Stattdessen hat ihn der Vampiristen-Fall vor anderthalb Jahren wieder aus der Bahn geworfen.
Bjørns Lebensgefährtin Katrine Bratt, mit der Harry auch mal was hatte, und Gunnar Hagen haben Harry quasi aus der Gosse gezogen und ihm einen einfachen Job im Dezernat für Gewaltverbrechen beschaffen können. Doch statt nur Akten zu sortieren, will Harry den Sexualstraftäter und Serienmörder Svein Finne wieder hinter Schloss und Riegel bringen. Harry bringt den Psychopathen mit drei ungelösten Morden in Verbindung, denen noch weitere folgen. Dass auch seine geliebte Rakel erstochen aufgefunden wird, macht Harry besonders fertig und motiviert ihn, die Jagd auf Finne noch besessener voranzutreiben. Wegen seiner persönlichen Beziehung zum Opfer darf Harry allerdings nicht in dem Fall ermitteln und wird sogar vom Dienst suspendiert.
Seinen Stiefsohn Oleg, den er wie seinen eigenen Sohn liebt und der wie Harry Polizist werden will, informiert er telefonisch über die grauenvolle Tat. Dafür schaltet sich das nationale Kriminalamt unter Leitung von Ole Winter ein und zwingt die Osloer Polizei zur Zuarbeit, was gerade dem ambitionierten Ermittler Sung-min Larsen gegen den Strich geht. Harry lässt sich natürlich nicht davon abhalten, auf eigene Faust zu ermitteln, muss aber bald feststellen, dass er selbst zum engen Kreis der Verdächtigen zählt …
„Er würde anfangs natürlich der Hauptverdächtige sein, das war selbstverständlich. Deshalb musste er sie ablenken. Nur so konnte er Oleg vor der Lüge schützen, seinen jungen, reinen Glauben an die Liebe aufrechterhalten und ihn vor der Erkenntnis bewahren, dass er einen Mörder als Vorbild und Erzieher gehabt hatte. Er brauchte einen möglichen anderen Täter. Einen Blitzableiter. Einen anderen Schuldigen, der ans Kreuz genagelt werden konnte und sollte. Keinen Jesus, sondern einen Sünder, schlimmer als er selbst.“ (S. 388) 
In seinem zwölften Fall bekommt es Harry Hole mit einem alten Bekannten zu tun. Doch mehr als um die Jagd nach Svein Finne, mit dem er vor zwanzig Jahren seine Karriere bei der Polizei begonnen hatte, muss Harry sich mit sich selbst auseinandersetzen und herauszufinden versuchen, was in der Nacht, an die er sich beim besten Willen nicht erinnern kann und in der Rakel getötet worden ist, wirklich passiert ist. Auf dem sehr langen Weg bis zur Auflösung kommen wie bei Nesbø üblich etliche Verdächtige ins Spiel, werden viele an sich interessante Nebenplots eröffnet, die die Beziehungen der wichtigsten Beteiligten beleuchten. Vor allem wird aber beschrieben, wie Harry Hole immer mehr ins Abseits gedrängt wird, seine persönlichen Beziehungen neu definiert werden und sein eigenes Verhalten reflektiert, was ihn zu sehr drastischen Lösungen führt. Allerdings zieht sich der Weg bis zum dramatischen Finale immer wieder in die Länge, und der arg konstruierte Showdown auf einem Friedhof überzeugt nicht wirklich.
Jo Nesbø erweist sich in „Messer“ als wortgewandter Stilist, der seinen Figuren – allen voran seinem gebrochenen, aber charismatischen Antihelden Harry Hole – echtes Leben einzuhauchen versteht und seinen komplexen Kriminalplot mit immer wieder eingeschobenen philosophischen Betrachtungen - so zur Natur von Psychologie und Religion, zur Wahrnehmung von Menschen über ihren Besitz und nicht über das, was sie tun, und zur Persönlichkeit von Hipstern – tiefsinniger macht. An dem Elend, das Harry Holes Existenz durchzieht, scheiden sich allerdings ebenso die Geister wie an der zerfasert dargebotenen Geschichte, die nach der Identifizierung von Rakels Mörder nochmals unnötig in die Länge gezogen wird.
Leseprobe Jo Nesbo - "Messer"

Dienstag, 27. August 2019

Stephen King – „Jahreszeiten: Frühling & Sommer“

(Bastei Lübbe, 352 S., Tb.)
Ende August 1947 erfuhr der leitende Bankangestellte Andy Dufresne, dass seine Frau Linda mit dem Golfprofi Glenn Quentin eine Affäre hatte. Nach einem heftigen Streit und Lindas Wunsch nach einer Scheidung in Reno wurde das Liebespaar in Quentins Liebesnest erschossen aufgefunden. Die Jury sah es als erwiesen an, dass Dufresne seine Frau und ihren Liebhaber mit je vier Schüssen niederstreckte, nachdem er sich zwei Tage vorher in der Pfandleihe eine Waffe gekauft und eine hohe Lebensversicherung für sich und seine Frau abgeschlossen hatte, durch die er 50.000 Dollar bei einem Freispruch erhalten würde. Stattdessen wurde Andy, der stets seine Unschuld beteuert hat, im Alter von dreißig Jahren zu einer lebenslangen Haft in Shawshank verurteilt, wo er sich mit Red anfreundet, einem Mann, der wegen Mordes an seiner Frau einsitzt und für die Häftlinge alles Mögliche besorgt, Pralinen, Alkohol, Pornomagazine und Scherzartikel.
Andy fragt Red nach einem Gesteinshammer und Poliertüchern, mit denen er Steine bearbeiten kann, dann nach einem Poster mit Rita Hayworth, die über die Jahre anderen Pin-up-Girls wie Jane Mansfield und Raquel Welch weichen muss. Als Andy 1963 durch einen Mitgefangenen einen Hinweis darauf bekommt, dass seine Unschuld bewiesen werden könnte, macht ihm der Gefängnisdirektor Norton allerdings einen Strich durch die Rechnung, und Andy verfolgt ernsthafte Pläne für einen Ausbruch …
„Er hatte fünfhundert Dollar im Arsch stecken, als er reinkam, aber irgendwie hat der Kerl noch etwas anderes mit reingebracht. Vielleicht ein gesundes Selbstwertgefühl oder die Ahnung, dass er auf lange Sicht gewinnen würde … Vielleicht war es auch ein Gefühl der Freiheit, das ihn innerhalb dieser gottverdammten grauen Mauern nicht verließ. Er trug eine Art inneres Licht mit sich herum.“ (S. 50) 
Mit der vier Novellen umfassenden „Jahreszeiten“-Anthologie hat Stephen King 1982 den eindrucksvollen Beweis angetreten, dass er nicht einfach nur der erfolgreichste Horror-Schriftsteller aller Zeiten, sondern einfach ein guter Geschichtenerzähler ist. „Pin-up“ ist eine wunderbare Geschichte über Hoffnung und Freundschaft, und die 1994 durch Frank Darabont erfolgte Verfilmung unter dem Titel „Die Verurteilten“ zählt bis heute fraglos zu den besten Stephen-King-Verfilmungen überhaupt – ohne auch nur eine Spur von übersinnlichen Elementen in sich zu tragen. Stattdessen gibt sich King viel Mühe, den Gefängnisalltag in Shawshank, die Beziehungen der Insassen untereinander eindrücklich zu beschreiben. Am meisten Raum nehmen die Erinnerungen des Ich-Erzählers Red über Andy Dufresne ein, der sich mit seiner ernsten, unaufdringlichen Art nicht nur gegen die sexuellen Übergriffe der „Schwestern“ zur Wehr gesetzt hat, sondern auch die Bestände der Bibliothek aufgestockt den Wärtern bei ihren Steuererklärungen und Investitionsplänen ausgeholfen hat.
In „Der Musterschüler“ entdeckt der 13-jährige Todd Bowden, dass sein Nachbar Arthur Denker der gesuchte NS-Verbrecher Kurt Dussander ist. Nachdem er ihm eine Zeitlang hinterherspioniert und Fotos von dem ehemaligen Kommandanten des Vernichtungslagers Patin gemacht hat, stellt er ihn zuhause zur Rede und erpresst ihn dazu, ihm alles über die begangenen Verbrechen zu erzählen. Todd ist so fasziniert von den Erzählungen des alten Mannes, dass seine zuvor hervorragenden schulischen Leistungen darunter zu leiden beginnen. Die Beziehung zwischen Todd und Dussander entwickelt eine gefährliche Eigendynamik, denn beide beginnen unabhängig voneinander, Obdachlose zu töten … „Der Musterschüler“, 1998 von Bryan Singer verfilmt, fesselt vor allem durch die psychologische Spannung, die zwischen dem bislang unentdeckten Kriegsverbrecher und dem neugierigen Jungen über die Jahre entsteht, bis aus dem Jungen ein junger Mann wird, der durch die Erzählungen des Alten selbst zum Morden animiert wird. 

Montag, 26. August 2019

Stephen King – „Jahreszeiten: Herbst & Winter“

(Bastei Lübbe, 332 S., Tb.)
Vern Tessio, Teddy Duchamps, Gordie Lachance und Chris Chambers verbringen im Sommer 1960 ihre Ferien überwiegend in einem Baumhaus auf einem unbebauten Grundstück in Castle Rock, wo sie Blackjack mit niedrigen Einsätzen spielen und „Master Detective“-Mordgeschichten lesen. Doch die Ferienroutine wird auf aufregende Weise unterbrochen, als Vern eines Nachmittags völlig aufgelöst am Baumhaus eintrifft und seinen Freunden von dem Gespräche berichtet, die sein Bruder Billy mit dessen Freund Charlie Hogan geführt hat: Offensichtlich haben sie den vor drei Tagen im vierzig Meilen entfernten Chamberlain verschwundenen Junge Ray Brower im Wald bei den Bahngleisen an der Harrow Road gefunden und darüber beraten, wie sie sich nun verhalten sollen. Die vier Freunde wissen jedenfalls, was sie zu tun gedenken: Sie erzählen ihren Eltern, dass sie gemeinsam zelten wollen, und machen sich auf den Weg zu der vermeintlichen Leichenfundstelle. 
„Wir waren alle ganz verrückt danach, die Leiche des toten Jungen zu sehen – einfacher und ehrlicher kann ich es nicht ausdrücken. Ob sie nun ganz harmlos aussehen oder uns mit tausend scheußlichen Träumen den Schlaf rauben würde, war uns gleichgültig. Wir wollten die Leiche sehen. Langsam waren wir so weit, dass wir glaubten, wir hätten es verdient.“ (S. 157) 
Allerdings sind die vier Jungs nicht die einzigen, die nach Browers Leiche suchen, auch Billy und Charlie machen sich mit ihrem Wagen auf den Weg zurück zu ihrem Fund …
Als sich Stephen King nach der erfolgreichen Veröffentlichung seines ersten Romans „Carrie“ mit seinem Redakteur Bill Thompson über ein mögliches zweites Buch sprach, hatte King bereits zwei Manuskripte fertig, von denen „Brennen muss Salem“ als nächster Roman erscheinen sollte – auch wenn Stephen King damit möglicherweise als Horror-Schriftsteller abgestempelt sein würde. Mit seinen nachfolgenden Romanen „Shining“, „Dead Zone – Das Attentat“, „The Stand – Das letzte Gefecht“, „Feuerkind“ und „Cujo“ bewies King schließlich, dass ein Schriftsteller auch nur mit Horrorgeschichten sein Geld verdienen kann, allerdings wollte er auch demonstrieren, dass er nicht nur solche Geschichten schreiben kann.
Mit „Jahreszeiten“ veröffentlichte King 1982 vier Novellen, mit denen der Autor bewies, dass er einfach ein begnadeter Geschichtenerzähler ist, der nicht auf übersinnliche Elemente zurückgreifen muss, um Spannung zu erzeugen. Aus dem ursprünglichen Paperbackband „Frühling, Sommer, Herbst & Tod“ wurden später zwei Taschenbücher, von denen „Die Leiche“ und „Atemtechnik“ im zweiten Band Verwendung fanden. „Die Leiche“ stellt eine wunderbare Coming-of-Age-Geschichte des Ich-Erzählers Gordie Lachance dar, der seine Erinnerungen an den erschreckenden Leichenfund mit zwei Geschichten garniert, die er nicht nur seinen Freunden unterwegs zum Besten gibt, sondern auch Zeugnis von seinen frühen Schriftsteller-Bemühungen ablegen. Vor allem beweist King mit dieser 1986 auch wunderbar von Rob Reiner verfilmten Geschichte, wie einfühlsam er sich in die Befindlichkeiten von Jungen in den 1960er Jahren hineinversetzen kann, um ihre viel zu frühe Begegnung mit dem Tod zu thematisieren.
Etwas drastischer geht es in der nur knapp 100 Seiten umfassenden Geschichte „Atemtechnik“ zu, in der ein New Yorker Anwalt erzählt, wie er in einen Herrenclub aufgenommen wird, in dem Männer sich zu lockeren Gesprächen treffen und vor allem am Donnerstag vor dem Weihnachtsabend unheimliche Geschichten erzählen. In diesem Fall gibt der Ich-Erzähler die Geschichte wieder, in der der Arzt Emlyn McCarron davon erzählt, wie er eine junge Frau auf die Geburt ihres Kindes vorbereitete, wobei er ihr eine besondere Atemtechnik beibringt, die später tatsächlich bei der ihrer Entbindung eine entscheidende Rolle spielen wird …
Auch mit „Atemtechnik“ demonstriert King, wie er sein Publikum im Nu zu fesseln versteht, und das überraschende wie erschreckende Finale bleibt dem Leser lange im Gedächtnis, auch wenn die Story gegenüber den anderen drei hervorragenden Novellen der Gesamt-Anthologie abfällt.

Donnerstag, 22. August 2019

Stephen King/Peter Straub – „Der Talisman“

(Heyne, 714 S., Pb.)
Seit der zwölfjährige Halbwaise Jack Sawyer mit seiner Mutter, der Schauspielerin und „B-Movie-Königin der 1960er Jahre“ Lily Cavanaugh, zunächst aus dem Haus am Rodeo Drive in Los Angeles in eine Mietwohnung nach New York und von dort aus in einen stillen Badeort an der Küste von New Hampshire geflüchtet ist, sind Ordnung und Regelmäßigkeit aus seinem Leben verschwunden. Warum seine Mutter auf der Flucht zu sein scheint, kann Jack nur vermuten. Offensichtlich hat seine sterbenskranke Mutter Probleme mit Morgan Sloat, dem ehemaligen Geschäftspartner seines bei einem Jagdunfall verstorbenen Vaters. Die Zeit im heruntergekommenen Hotel Alhambra Inn and Gardens versucht sich der Junge mit Ausflügen in den nahegelegenen Freizeitpark Arcadia Funworld zu vertreiben, wo sein schwarzer Freund Speedy Parker arbeitet. Durch ihn wird Jack mit der mystischen Welt der Territorien jenseits der uns vertrauten Realität bekannt gemacht und erfährt von den sogenannten Twinnern, Doppelgängern der Menschen aus unserer Welt.
So ist die über die Territorien herrschende Königin Laura DeLoessian die Twinnerin von Jacks Mutter und liegt ebenfalls im Sterben. Jack obliegt es, in den Westen zu reisen, um dort einen Talisman zu finden, mit dem nicht nur verhindert werden kann, dass Morgan von Orris, Twinner von Morgan Sloat, die Macht über die Territorien an sich reißt, sondern der auch das Leben seiner Mutter/der Königin retten soll. Zunächst hilft noch eine Flasche mit einem widerlich schmeckendem Gesöff Jack dabei, zwischen den Welten zu „flippen“, später reichen Gedanken daran aus. Unterwegs hat Jack aber einige Gefahren zu bestehen, denn Morgan von Orris und seine Schergen, vor allem der bösartige Sunlight Gardener, haben längst mitbekommen, dass ausgerechnet Jack Sawyer angetreten ist, seine diabolischen Pläne zu vereiteln. Dabei bekommt er unerwartete Unterstützung von einem friedfertigen, tapferen Wolf und seinem besten Freund Richard, dem realitätsverhafteten Sohn von Morgan Sloat …
„Jack war sich vage bewusst, dass er mehr versucht hatte, als nur seiner Mutter das Leben zu retten; dass er von Anfang an versucht hatte, etwas Größeres zu bewerkstelligen. Er hatte versucht, ein gutes Werk zu tun, und ihm war gleichermaßen vage bewusst, dass ein derart verrücktes Unterfangen immer Zähigkeit erzeugte.“ (S. 560) 
Als die beiden bekannten Horror-Autoren Stephen King und Peter Straub Ende der 1970er Jahre den Plan entwickelten, gemeinsam einen Roman zu schreiben, hatte sich King durch seine Bestseller „Carrie“, „Brennen muss Salem“, „Shining“ und „The Stand“ bereits den Titel „King of Horror“ erworben, Peter Straub begann sich mit „Geisterstunde“ und „Schattenland“ einen Namen im Genre zu machen. Allerdings verzögerte sich das Projekt bis in die frühen 1980er Jahre. Die beiden Autoren wechselten sich beim Verfassen der einzelnen Kapitel ab, schrieben an den jeweiligen Anfängen und Enden aber gemeinsam, überarbeiteten die Kapitel des jeweils anderen und waren so bemüht, einen einheitlichen, neuen Stil zu kreieren.
Wie die einleitenden und abschließenden Zitate bereits nahelegen, ist das Fantasy-Epos vor allem von Mark Twains „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ beeinflusst, fraglos aber auch von klassischen Heldenepen, in denen Jungen durch eine abenteuerliche Mission zum Mann heranreifen. Die Geschichte von Freundschaft, Mut, Verrat, Angst und Tod ist weder neu noch originell, bis zum Ende sogar erschreckend vorhersehbar. Nervig ist vor allem die ausufernde Episode, in der Jack von Wolf begleitet wird, und auch sonst wartet „Der Talisman“ mit einigen unnötigen Längen auf.
Für Fantasy-Freunde ist „Der Talisman“ eine nicht unbedingt zwingende Empfehlung, Stephen Kings Zyklus um den „Dunklen Turm“ ist da weit packender und interessanter gelungen. Nichtsdestotrotz hat sich Steven Spielberg frühzeitig die Filmrechte gesichert, und nachdem das Projekt schon fast abgehakt zu sein schien, soll nach dem Erfolg von „Es“ nun Fernsehserien-Regisseur Mike Barker („The Handmaid’s Tale“, „Broadchurch“, „Fargo“) die längst überfällige Adaption von „Der Talisman“ übernehmen, dem King und Straub übrigens mit „Das schwarze Haus“ noch eine Fortsetzung angedeihen ließen.
Leseprobe Stephen King & Peter Straub - "Der Talisman"

Sonntag, 18. August 2019

Grégoire Delacourt – „Das Leuchten in mir“

(Atlantik, 266 S., Tb.)
Emma ist noch nicht ganz vierzig und seit achtzehn Jahren glücklich mit Olivier verheiratet, mit dem sie die drei wunderbaren Kinder Louis, Léa und Manon aufgezogen hat. Dass ihr trotzdem etwas in ihrem wohlgeordneten Leben in dem großen weißen Haus am Golfplatz von Bondues nahe Lille zu fehlen scheint, merkt sie erst beim Besuch in der Brasserie André, wo sie die Kulisse während des Hochbetriebs zur Mittagszeit an die Filme des von ihr so geschätzten Claude Sautet erinnert. Hier verliert sich ihr Blick auf dem Gesicht eines Mannes, der nicht merkt, dass er von einer Frau angesehen, augenblicklich sogar begehrt wird.
Als sie beobachtet, wie das nackte, ehrliche Gesicht des Mannes hinter einer weißen Baumwollserviette hervorkommt, ist es vorbei mit der Ruhe und dem Glück ihres bisherigen Lebens, ist ihr Dasein urplötzlich vom Feuer des Verlangens erfüllt.
An diesem ersten Tag hat er sie nicht mal bemerkt, später finden sich ihre Blicke, doch es vergehen ganze drei Wochen, bis sich Emma an den gerade freigewordenen Nachbartisch des Mannes setzt und sie sich einander vorstellen. Emma erfährt, dass das Objekt ihrer Begierde Alexandre heißt, ebenfalls verheiratet ist, aber keine Kinder hat – und seit drei Wochen an sie denkt. Beide sind sich sicher, ihr bisheriges Leben aufzugeben, zusammen wegzugehen, miteinander etwas Neues zu beginnen. Emmas beste Freundin Sophie, aber auch ihre Mutter sind entsetzt, doch Emma ist sich im Klaren, dass sie keine andere Wahl hat …
„Ich glaube, dass man wegen einer kleinen inneren Leere in die Liebe stolpert. Wegen eines kaum wahrnehmbaren Freiraums. Eines nie befriedigten Hungers. Das zufällige, mal charmante, mal brutale Auftauchen der Verheißung macht diese Kluft spürbar, lässt unsere Sehnsucht aufscheinen und stellt die als sicher und endgültig angesehenen Dinge wie Heirat, Treue, Mutterschaft in Frage; dieses unerwartete, geradezu mystische Auftauchen offenbart uns sogleich uns selbst, erschreckt uns auch, verleiht uns Flügel, schürt unseren Appetit, unseren Lebenshunger.“ (S. 21f.) 
Grégoire Delacourt („Der Dichter der Familie“, „Die Frau, die nicht alterte“) erzählt aus der Ich-Perspektive seiner Protagonistin eine ebenso leidenschaftliche und sinnliche wie dramatische und tragische Liebesgeschichte. Den Vernünftigen – die hier durch die Stimmen von Emmas Freundin Sophie, vor allem aber durch die ihrer Mutter vertreten sind – scheint Emmas Verhalten unmöglich und sogar schändlich. Wie kann eine erwachsene Frau mit einem – auch noch schwerkranken - Mann und drei jungen Kindern aus einer Laune heraus alles hinter sich lassen, ihren Liebsten solche Schmerzen bereiten?
Delacourt gelingt es, dieses gemeinhin unverständliche und unverzeihliche Gebaren seiner Anti-Heldin jedoch nachvollziehbar zu beschreiben. Emma ist durchaus bewusst, was sie ihrer Familie antut, doch ebenso deutlich ist ihr auch, dass es zu ihrer Entscheidung keine Alternative gibt, dass sie die plötzliche Leere, die sie entdeckt, mit einer neuen Liebe füllen muss. Interessant wird der Roman durch die unerwartete Wendung der Geschichte zur Mitte hin und die Auseinandersetzung mit Emmas Erinnerungen sowohl an ihren Mann als auch an den Geliebten, aber nun wirkt der Plot doch sehr dramatisch zugespitzt und konstruiert.
Auf der anderen Seite betonen die dramatischen Umstände, denen sich Emma auf einmal ausgesetzt sieht, das ganze Spektrum menschlicher Empfindungen, die Zärtlichkeit, Leidenschaft, Trauer, Wut, das große Unbehagen angesichts einer so weitreichenden Entscheidung. Es geht schließlich um das Verlassen und Verlassenwerden, Krankheit, Einsamkeit, Angst und Tod, die Kraft der Erinnerung. All das vereint Delacourt in seinem recht kurzen Roman, der weniger von den Handlungen als Empfindungen getragen wird und auf unvergleichlich poetische Weise die wilde Achterbahnfahrt der Gefühle beschreibt, die Emma durchlebt. Das ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack, zeigt aber eindringlich auf, wie unvorhersehbar sich das Leben entwickeln kann.

Samstag, 10. August 2019

Lee Child – (Jack Reacher: 10) „Way Out“

(Blanvalet, 448 S., HC)
Jack Reacher, ehemals hochdekorierter Ermittler bei der Militärpolizei ohne festen Wohnsitz, fahrbaren Untersatz und mit gerade soviel Kleidung ausgestattet, wie er am Leib tragen kann, weiß guten Kaffee zu schätzen. Aus diesem Grund bricht er mit seiner eigenen Regel, sich innerhalb von 24 Stunden niemals am selben Ort blicken zu lassen, und genießt an zwei aufeinanderfolgenden Abenden einen wunderbaren Espresso in einem Café auf der Westseite der Sixth Avenue in New York City. Am ersten Abend bemerkt er einen Mann, der zielstrebig auf eine viertürige Mercedes-Limousine im Parkverbot zugeht, in den Wagen hineinsteigt und davonfährt. Als am darauffolgenden Abend ein Ex-SAS-Agent namens John Gregory auf ihn zukommt und sich nach Reachers Beobachtungen erkundigt, lernt Reacher wenig später Edward Lane kennen, Geschäftsführer von Operational Security Consultants. Von ihm erfährt Reacher, dass seine Frau Kate und ihre Tochter Jade vor über 24 Stunden entführt worden ist und Reacher die Abholung des Lösegeldes in Höhe von einer Million Dollar beobachtet habe.
Lane ist von Reachers Beobachtungsgabe und offensichtlichen Ermittler-Qualitäten beeindruckt und engagiert ihn, vor allem die Entführten und natürlich die Entführer aufzuspüren. Wie Reacher erfährt, ist bereits Lanes erste Frau Anne vor fünf Jahren entführt und getötet worden. Reacher soll eine Million Dollar als Erfolgsprämie erhalten, doch nimmt er den Job weniger wegen Lane oder der Belohnung an, sondern wegen der wunderschönen Frau und dem Mädchen, die er auf einem eindrucksvollen Portrait gesehen hat. Als Reacher mit seiner Arbeit beginnt, lernt er die Schwester der verstorbenen Anne Lane kennen, Patti Joseph, die Reacher gegenüber behauptet, dass Lane Anne ermorden ließ, dafür aber keine Beweise habe, weshalb sie mit dem Polizisten Brewer und der Privatdetektivin Laura Pauling Lane beobachtet.
Pauling war als FBI-Agentin damals mit der Entführung Anne Lanes befasst und gibt sich nach wie vor die Schuld für den Tod der Frau. Als Reacher mit Pauling die Suche nach Kate Lane und ihrer Tochter beginnt, kommen sie sehr schnell dahinter, dass es sich bei den Entführern um einen Insider handeln muss. Doch Reacher und Pauling sind sich unsicher, ob Lane nicht auch diesmal eine Entführung vortäuscht, um seine Frau ermorden zu lassen …
„Er mochte Termine. Er mochte es, ein Problem kurzfristig lösen zu müssen. Er mochte es, in ruhiger Umgebung arbeiten zu können. Und er mochte es, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der wie er dachte. Deshalb bezweifelte er anfangs nicht im Geringsten, dass Pauling und er es schaffen würden, den Fall bis zum nächsten Morgen zu lösen.
Dieses Gefühl hielt ungefähr eine halbe Stunde lang an.“ (S. 261) 
Es ist ein längst bewährtes Konzept, mit Lee Child seinen Helden Jack Reacher quasi zufällig in brisante Situationen manövriert, in die kein normal Sterblicher geraten würde. Seit dem Ende seiner Militärzeit vor sieben Jahren lässt sich Reacher einfach durch die USA treiben, und der Leser erfährt weder, wie Reacher zu Beginn einer Romanhandlung da gelandet ist, wo die Probleme, die nur Reacher lösen kann, ihren Anfang nehmen, noch wohin er nach Erledigung seiner Mission verschwindet. Der Autor, der während seiner langjährigen Zeit beim Fernsehen gelernt hat, kurz und prägnant zu schreiben, lässt Reacher und der Leserschaft nicht viel Zeit für eine Einführung. Stattdessen wird der hochintelligente Ex-Militärcop gleich in einen Entführungsfall verwickelt, der durch seine Verbindung zum Söldner-Milieu schnell eine eigene Dynamik entwickelt und bei dem nichts so zu sein scheint, wie Entführungen normalerweise verlaufen. Schließlich lernt Reacher während seiner Ermittlungen einige Leute kennen, die ihn auf die besonderen Umstände hinweisen, die bei der Entführung von Lanes erster Frau zu deren Tod geführt haben, so dass Reacher die berechtigte Sorge umtreibt, dass auch Kate und Jade ein solches Schicksal beschieden sein könnte. Lee Child gelingt es, den Plot von Beginn an packenden Plot mit genügend Wendungen auszustatten, dass lange Zeit unklar bleibt, wohin die Reise geht, und selbst Reacher gelangt zu fatalen Fehlschlüssen, die er erst in einem dann doch wieder vorhersehbaren Showdown geradebiegen kann. Mit Laura Pauling bekommt Reacher auch noch eine attraktive Weggefährtin zur Seite gestellt, mit der natürlich auch ins Bett steigt und die ihm als Stichwortgeber für die weitere Vorgehensweise bei dem Fall dienen darf. Außerdem wird einerseits die Praxis thematisiert, wie das Pentagon private Sicherheitsorganisationen wie hier die OSC engagiert, um weltweit in Krisengebieten zu den gewünschten Ergebnissen zu kommen, wobei für die Söldner nur das Geld zählt, nicht die moralische Rechtfertigkeit für die Mission.
Dagegen wird Reacher nach wie vor von einem starken Gerechtigkeitsbedürfnis geleitet, weshalb es ihm hier nicht schwerfällt, die Seiten zu wechseln, sobald er erkennt, auf welcher Seite die Bösen stehen. Er macht schließlich ganz zu Anfang schon klar, dass es ihm um Kate und Jade geht, nicht um seinen Auftraggeber oder die Belohnung.
„Way Out“ zählt vielleicht nicht zu den stärksten Romanen der Reacher-Reihe, sorgt mit interessanten Wendungen und knallharter Action aber für den gewohnt kurzweiligen Spannungs-Faktor und Lesegenuss.
Leseprobe Lee Child - "Way Out"

Donnerstag, 1. August 2019

Ian McEwan – „Solar“

(Diogenes, 405 S., HC)
Bereits in seinen frühen akademischen Jahren wurde Michael Beard für seine Arbeit zum besseren Verständnis der komplexen Interaktionen zwischen Materie und elektromagnetischer Strahlung der Nobelpreis für Physik verliehen. Mittlerweile ist der Naturwissenschaftler bereits 53 Jahre alt und mit seiner kleinen und dicken Statur keine wirklich attraktive Erscheinung. Dennoch hat er fünfmal geheiratet und es innerhalb der fünf Ehen mit Maisie, Ruth, Eleanor, Karen und Patrice auf elf Affären gebracht.
Momentan zahlt es ihm Patrice heim, indem sie eine Affäre mit dem im Vergleich zu Beard zwanzig Zentimeter größeren und zwanzig Jahre jüngeren Bauhandwerker Rodney Tarpin unterhält. Während er noch immer von seinem akademischen Ruhm zehrt, hat Beard seit seiner Auszeichnung mit dem Nobelpreis kaum Nennenswertes hervorgebracht. Immerhin schmückt sein Name Briefbögen, eine Vortragsreihe über Quantenfeldtheorie in der Royal Geographic Society und Diskussionsrunden im Radio und Fernsehen. Schließlich leitet er ein Institut für die Erforschung erneuerbarer Energien. Doch erst als er einen weiteren von Patrice Geliebten, ausgerechnet seinen eigenen Mitarbeiter Tom Aldous, im eigenen Haus tötet und den Mord Tarpin anhängen kann, der dafür in den Knast wandert, scheint Beards Karriere wieder an Schwung zu gewinnen. Denn bevor Aldous unglücklich mit dem Kopf an die Ecke des Wohnzimmertisches stößt, hat er seinen Mentor auf eine Mappe mit seinen Arbeiten zur Quantenkohärenz in der Photosynthese hingewiesen. Da niemand sonst von diesen Arbeiten weiß, macht sich Beard die Erkenntnisse des Toten zunutze …
„Er fand, er sei ein Durchschnittstyp, nicht grausamer, nicht besser oder schlechter als die meisten. Gewiss war er manchmal, wenn er sich anders nicht zu helfen wusste, gierig, egoistisch, berechnend und verlogen, aber das waren alle anderen auch.“ (S. 244) 
Mit seinem 2010 veröffentlichten Roman „Solar“ hat sich der britische Bestseller-Autor Ian McEwan („Am Strand“, „Abbitte“) vordergründig des globalen Klimawandels und der Suche nach erneuerbaren Energien gewidmet, im Grunde genommen zeichnet er aber das umfassende Portrait eines ganz und gar unsympathischen Mannes, der seinen in den Endzwanzigern erworbenen akademischen Ruhm ausnutzt, um seine Pfründe zu stopfen.
Wie skrupellos er seine eigenen Interessen verfolgt, lässt sich nicht nur an der Vielzahl der Ehen und Affären ablesen, die er ohne jede Verpflichtungen eingeht, sondern auch im Berufsleben. Dabei wird leider nicht deutlich, was die Frauen und die Wissenschaftswelt an Beard eigentlich so attraktiv finden. So scheint es McEwan gar nicht so sehr darum zu gehen, einen Gedankenanstoß zum Kampf gegen die Erderwärmung zu vermitteln oder das psychologisch tiefgründige Portrait eines außergewöhnlichen Menschen zu präsentieren.
Die lakonische und schelmenhaft Art, wie er Beard beschreibt, legt eher nahe, dass Beard als Synonym für das Problem der Menschheit an sich steht, der sich selbst im Wege steht, weil er nur an sich denkt und nicht das große Ganze im Sinn hat. Das ist vor allem im ersten der drei Teile durchaus unterhaltsam geschrieben, verliert aber zum Ende hin mit seinem vorhersehbaren Clou an Überzeugungskraft. Dafür ist „Solar“ fraglos das bislang witzigste Werk im Schaffen des Briten geworden.
Leseprobe Ian McEwan - "Solar"

Sonntag, 28. Juli 2019

Dan Simmons – „Kinder der Nacht“

(Heyne, 442 S., Jumbo)
Eigentlich ist die amerikanische Wissenschaftlerin und Ärztin Dr. Kate Neuman nur im Rahmen einer „kurzen Unterrichtsreise“ nach Bukarest gereist, doch mittlerweile hat sie schon sechs nahezu schlaflose Wochen in der Kinderstation eines Krankenhauses verbracht und mit wachsender Wut und Frustration feststellen müssen, dass aufgrund von Fahrlässigkeit immer wieder Babys sterben und andere, die überleben, an amerikanische Paare verkauft werden.
Nach einem besonders niederschmetternden Tag wird die Spezialistin vom Centers for Disease Control aus Boulder von Pater O’Rourke nach Hause begleitet. Der Kriegs-Veteran, der bei einer Bombenfalle in einem der Tunnel in Vietnam einen Unterschenkel verloren hat, zeigt ihr auf dem Weg, wie Amerikaner nicht mal eines der offiziellen Waisenkinder adoptieren, sondern ein Baby von einem rumänischen Paar zu kaufen versuchen.
Das Schicksal eines der Waisenkinder in der Isolierstation des Krankenhauses rührt die Ärztin besonders an. Ein ausgesetzter, namenloser und völlig ausgezehrter Junge spricht zwar auf Transfusionen an, wird aber immer wieder von einem Defekt des Immunsystems verzehrt, den Neuman weder als AIDS noch Anämie, Hepatitis oder eine andere blutbedingte Immunstörung identifizieren kann. Sie beschließt, den sieben Monate alten Jungen zu adoptieren, nennt ihn Joshua und nimmt ihn mit in ihre Heimat. Dort wird während einer gründlichen Untersuchung in Joshuas Magen ein Gebilde entdeckt, das offensichtlich in der Lage ist, Blut zu absorbieren.
Tatsächlich regeneriert sich Joshuas Gesundheit jeweils sehr schnell nach Bluttransfusionen. Doch als Neuman mit einem Team von weiteren Spezialisten forscht, ob Joshuas einzigartiger Organismus Hoffnung gibt, ein Heilmittel gegen AIDS, Krebs und andere Immunkrankheiten zu finden, wird Joshua entführt, ihr Ex-Mann Tom und die Mitbewohnerin Julie getötet, das Labor zerstört und ihre Kollegin Chandra ebenfalls ermordet. Zusammen mit Pater O’Rourke macht sie sich in Rumänien auf die Suche nach Joshua und kommt der Planung einer seltsamen Zeremonie auf die Spur, bei der Joshua offensichtlich eine zentrale Rolle spielt …
„Sie war eine illegal Eingereiste in einem feindlichen Land, wo fast unvorstellbare Mittel gegen sie ins Feld geworfen wurden, und die Chancen, Joshua zu finden, waren fast auf Null geschrumpft. Und selbst wenn sie das Kind gefunden hätte, so hatte sie keinen Plan gemacht, abgesehen davon, mit ihm zur Grenze oder zur amerikanischen Botschaft zu fliehen. Vorerst aber war sie von ihren beiden einzigen Freunden im ganzen Land getrennt worden, einem amerikanischen Priester und einem rumänischen Medizinstudenten, und bei keinem war sie sicher, ob es sich tatsächlich um einen Freund handelte.“ (S. 291f.) 
Nach „Göttin des Todes“, „Kraft des Bösen“ und „Sommer der Nacht“ war „Kinder der Nacht“ 1993 der vierte Horror-Roman des amerikanischen Autors Dan Simmons, der sowohl für seine Fantasy- als Science-Fiction-Werke mit Auszeichnungen wie dem World Fantasy Award, Bram Stoker Award und Locus Award geehrt worden ist – eben auch für „Kinder der Nacht“.
Hier nähert sich Simmons auf ungewöhnliche Weise dem Mythos um die Vampire und Graf Dracula aka Vlad Tepes an, indem er nicht auf schaurig-romantische Vorstellungen zurückgreift, die sich seit Bram Stokers berühmten und vielfach verfilmten Roman „Dracula“ ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, sondern geht das Thema aus einer wissenschaftlichen Perspektive an, indem er mit Dr. Kate Neuman eine Protagonistin einsetzt, die durch ihre ebenso empathische wie aufgeklärte Art eine starke Identifikationsfigur darstellt.
Simmons gelingt es zunächst sehr gut, die politische und gesellschaftliche Situation in Rumänien seit dem Sturz von Ceaușescu und der Revolution im Jahre 1989 zu beschreiben, ebenso die desolaten Zustände in den Krankenhäusern. Dem Blutdurst der Vampire nähert sich der Autor extrem wissenschaftlich und auch etwas zu ausschweifend an, so dass wirklich jede romantische Vorstellung vom ewigen Leben und den damit einhergehenden erotischen Konnotationen im Nu verfliegt. In einer Nebenhandlung darf Vlad Tepes seine „Träume von Blut und Eisen“ wiedergeben, die einen Einblick in das Leben der historischen Figur geben, die das Vorbild für Graf Dracula abgeben durfte.
 So interessant der ungewöhnliche Ansatz von „Kinder der Nacht“ ausfällt, wirkt die Dramaturgie des Romans oft holperig, der Wechsel zwischen Exkursen in die Geschichte Rumäniens und des blutdürstenden Grafen, der allzu detaillierten wissenschaftlichen Aufarbeitung des Vampir-Mythos und der zunehmend actionreichen Suche nach Joshua nicht immer elegant. Zwar bietet der Roman durchaus spannende Horror-Thriller-Unterhaltung, erreicht aber nicht die Intensität von Simmons‘ früheren Genre-Beiträgen.
Leseprobe Dan Simmons - "Kinder der Nacht"