(Diogenes, 441 S., Pb.)
Mittlerweile neun Bände (der letzte Roman „Clown Town“
wartet noch auf seine deutsche Übersetzung) umfasst die wunderbar skurrile Spionage-Reihe
rund um die von Jackson Lamb geleitete MI5-Abteilung der ausgemusterten „Slow
Horses“, doch deren Schöpfer Mick Herron bewies bereits mit seinem 20089
veröffentlichten Debütroman „Down Cemetery Road“ sein Gespür für eine
unterhaltsame Mischung aus Thriller-Spannung und britischem Humor, wobei sich der
Start der in Oxford ermittelnden Zoë Boehm weitaus bodenständiger präsentierter
als die grandiose Spionage-Reihe. Mit „Die letzte Stimme“ ist nun
endlich der zweite Band rund um die sympathische Privatdetektivin erschienen.
Die mittelalte Kettenraucherin Zoë Boehm ist gerade mit
dem Zug nach London unterwegs, um sich mit Amory Grayling zu treffen, der den
Tod seiner 40-jährigen Sekretärin Caroline Daniels untersuchen lassen will, die
ihm 22 Jahre lang treu gedient hat und in die Gleise vor eine einfahrende U-Bahn
gestürzt war. Zoë hängen aber nicht nur die tragischen Ereignisse nach, in
deren Verlauf ihr ehemaliger Kollege und Lebenspartner Joe Silverman brutal
ermordet wurde und sie selbst ebenfalls nur knapp dem Tod entkommen war, sondern
sie beschäftigt auch die Nachricht ihres Arztes, der einen Knoten in ihrer
Brust festgestellt hat und sie um die Vereinbarung eines Termins bat. Die
Arbeit lenkt sie hoffentlich etwas ab, auch wenn sie den Fall gar nicht
übernehmen will, weil sie in Todesfällen generell nicht ermittelte. Im Radio
hört sie zudem von dem Selbstmord eines zwölfjährigen Jungen, der von einem
Hochhaus gesprungen sein soll und den Zoë kennengelernt hatte, als dieser mit
einem anderen Jungen sie auszurauben versuchte. Noch ahnt Zoë nicht, dass ihr
der Tod dieses Jungen sie selbst in Lebensgefahr bringt. Die tüchtige Ermittlerin
stößt bald auf eine interessante Spur: Caroline ist nämlich nicht das einzige
Unfall-/Selbstmord-Opfer, auch die alleinstehende Victoria Ingalls ist unter
mysteriösen Umständen gestorben. Beide hatten sich offenbar in einen Mann verliebt,
der spurlos verschwunden ist…
„Es gab keinen Grund, davon auszugehen, dass Caroline Daniels‘ Tod kein Unfall gewesen war, ebenso wenig wie der von Victoria Ingalls. Verdächtig waren die Todesfälle nur, falls es eine Verbindung zwischen ihnen gab, und die existierte wiederum nur, wenn derselbe Typ dabei eine Rolle spielte. Bisher war der einzige Mann in Victorias Leben jedoch nichts als ein Schatten, der eines frühen Morgens ihre Wohnung verlassen hatte; ein Schatten, den nur eine junge Frau gesehen hatte, die Victoria ein glückliches Leben wünschte und deren Definition von Glück zweifellos auf ihren eigenen Wünschen beruhte. Die tote Frau selbst hatte zu diesem Thema geschwiegen.“ (S. 168)
Was wie eine normale Ermittlung mit der Suche nach den unbekannten
Männern im Leben der beiden verstorbenen Frauen beginnt, entwickelt sich im
weiteren Verlauf zu einer zunehmend komplexeren Geschichte, in der auch drei
wenig vertrauenserweckende Cops eine wesentliche Rolle einnehmen und Zoës
Freundin Sarah in unmittelbare Mitleidenschaft gezogen wird. Mick Herron
erweist sich dabei nicht nur als versierter Spannungsautor, sondern er schafft
es, dem dramaturgisch geschickt gesteigerten Suspense stets eine Prise gewitzten
Humors beizumengen, wenn auch nicht so vehement wie in seiner späteren „Slow
Horses“-Reihe. Dazu verlagern sich Plot und Stimmung im letzten Drittel von
einer amüsanten Ermittlung zu einem packenden Survival-Thriller auf dem Land. Hier
strapaziert Herron zwar gelegentlich die Glaubwürdigkeit seiner Story,
doch die psychologisch feinsinnig gezeichneten Figuren bringen „Die letzte
Stimme“ am Ende zu einem starken Abschluss. Immerhin dürfen wir uns noch
auf zwei weitere Zoë-Boehm-Romane freuen!
















