Dienstag, 17. Juli 2018

Lee Child – (Jack Reacher: 6) „Tödliche Absicht“

(Blanvalet, 480 S., Tb.)
Seit er als hochdekorierter Spitzenermittler der US-Militärpolizei vor Jahren freiwillig aus dem Dienst ausgeschieden ist, verfügt Jack Reacher weder über einen festen Wohnsitz noch einen Job, ist meist per Fuß oder per Anhalter unterwegs und eigentlich unauffindbar. Doch der aufgeweckten Leiterin des Personenschutzes beim Secret Service, M. E. Froelich, die mit Jacks mittlerweile verstorbenen Bruder Joe liiert gewesen ist, gelingt es trotzdem, den erfahrenen Ermittler durch eine Western-Union-Überweisung in Atlantic City aufzuspüren und ihn für einen außergewöhnlichen Job anzuheuern: Um Sicherheitslücken im Schutz des designierten Vizepräsidenten Brook Armstrong aufzudecken, soll Reacher einen Anschlag auf Armstrong vorbereiten.
Allerdings braucht Reacher nicht lange, um festzustellen, dass mehr hinter der heiklen Aufgabe steckt, die ihm die ebenso engagierte wie attraktive Froelich zugedacht hat, denn der Secret Service hat mit einer echten Bedrohung zu kämpfen, wie verschiedene Nachrichten, die abgefangen wurden, immer deutlicher machen. Als die Täter schließlich zwei beliebige Männer mit Namen Armstrong töten, wissen Reacher und Froelich, dass das Attentat auf die eigentliche Zielperson kurz bevorsteht.
„,Hier geht’s um Armstrong persönlich‘, fuhr Reacher fort. ,Es gibt keine andere Möglichkeit. Denken Sie an den Zeitrahmen, an Ursache und Wirkung. Armstrong ist erst diesen Sommer als Mitkandidat aufgetreten. Vorher war er praktisch unbekannt. Das hat Froelich mir selbst erzählt. Jetzt gehen Morddrohungen gegen ihn ein. Warum? Weil er im Wahlkampf irgendetwas getan hat, behaupte ich.‘“ (S. 339) 
Selbst wenn man noch keinen der vorherigen Jack-Reacher-Romane gelesen hat, macht es Lee Child den Lesern leicht, seinen charismatisch coolen Protagonisten kennenzulernen. Dazu gehört ein kurzer Abriss seiner imponierenden Laufbahn bei der Militärpolizei ebenso wie eine eindrucksvolle Demonstration seiner Nahkampffähigkeiten, bis er durch außergewöhnliche Umstände in einen verzwickten Fall hineingezogen wird, der seine ausgezeichneten Ermittler-Fähigkeiten erfordert.
In „Tödliche Absicht“ hat es Reacher nicht nur mit der Identifizierung der mutmaßlichen Attentäter und der Vereitelung des geplanten Anschlags auf den zukünftigen Vizepräsidenten zu tun, sondern auch mit einer überaus fähigen Secret-Service-Agentin, die die Trennung von Reachers Bruder Joe noch immer nicht verwunden hat.
Lee Child entwickelt den Plot mit langsam steigender Spannung, beschreibt dezidiert die Vorbereitungen, die der Secret Service und Reacher treffen, um die Attentäter aufzuspüren, die vor allem das mittlerweile involvierte FBI für Insider aus dem Secret Service hält. Reacher macht seinem hervorragenden Ruf wieder alle Ehre, ist bei seinen Schlussfolgerungen und Aktionen seinen Mitstreitern immer einen Schritt voraus und führt seinen Auftrag – überwiegend – erfolgreich zu Ende. Durch die Beziehung zwischen Froelich und Reachers Bruder erfahren wir weitere Details aus Reachers Vergangenheit. Interessanter als das Tête à tête zwischen Reacher und der Secret-Service-Agentin ist allerdings das Verhältnis zwischen Reacher und seiner unnahbaren Kollegin Neagley, der im Finale eine Schlüsselstellung zukommt.
Durch die sehr ausführlichen Schilderungen von Reachers Vorgehen und Analysen entstehen schon einige Längen, bis die Handlung in der zweiten Hälfte an Fahrt aufnimmt, aber dann erlebt der Leser einen REacher in Bestform. Das ist nicht mehr und nicht weniger, als man von einem Thriller dieser Reihe erwartet. 
Leseprobe Lee Child - "Tödliche Absicht"

Dienstag, 26. Juni 2018

Lisa McInerney – „Glorreiche Ketzereien“

(Liebeskind, 446 S., HC)
In ihren jungen Jahren hat Maureen Phelan einen unehelichen Sohn gezeugt, ihn bei ihren Eltern aufwachsen lassen und sich selbst nach London abgesetzt, um der familiären Schmach zu entfliehen. Mittlerweile ist ihr Jimmy der Gangsterboss in der irischen Kleinstadt Cork und hat seine Mutter zurück nach Cork geholt und sie in einem Haus untergebracht, das vorher als Bordell gedient hat. Als Maureen eines Tages einen vermeintlichen Einbrecher mit einer steinernen Devotionalie erschlägt, beauftragt sie Jimmy mit der Entsorgung der Leiche, der sich aber damit nicht selbst die Hände schmutzig macht, sondern dafür seinen alten Kumpel Tony Cusack einspannt.
Wie sich herausstellt, handelt es sich bei dem Toten um Robbie O’Donovan, der für seine Freundin, die Prostituierte Georgie Fitzimons, eben jenen Skapulier besorgen sollte, der ihm zum tödlichen Verhängnis wurde. Tony Cusack hat allerdings auch selbst genügend Probleme. Der alkoholsüchtige Vater von sechs Kindern muss miterleben, wie sein 16-jähriger Sohn Ryan erst von der Schule fliegt und dann für seinen Kumpel Dan wegen Drogenhandels in den Knast wandert. So verpasst Ryan den Abschlussball und wird später mit der bitteren Erkenntnis konfrontiert, dass seine Freundin Karine bei diesem Ball fremdgegangen ist. Allerdings hat es auch Ryan bislang mit der Treue nicht so genau genommen. Da Jimmy zunehmend genervt davon ist, dass Georgie wegen Robbie unangenehme Fragen stellt, sollen die Cusacks für eine nachhaltige Lösung sorgen …
„Was war aus ihm geworden auf seiner Reise durch die Unterwelt? Nichts weiter als ein weiteres betrügerisches Arschloch in einer Stadt voller betrügerischer Arschlöcher. Mit fünfzehn hatte er angefangen und war dumm genug gewesen zu denken, er könnte wieder damit aufhören. Die Vorhersehbarkeit seiner Wandlung schmerzte fürchterlich.“ (S. 346) 
Die aus der irischen Provinz Connacht stammende Lisa McInerney war zunächst als Bloggerin unterwegs, ehe sie von dem Schriftsteller Kevin Barry dazu ermuntert wurde, Kurzgeschichten zu schreiben, die dann auch in verschiedenen Literaturzeitschriften erschienen sind.
Ihr Debütroman „Glorreiche Ketzereien“ wurde 2016 gleich für den Irish Book Award und den Dylan Thomas Award nominiert, erhielt den Bailey’s Women’s Prize for Fiction und Desmond Elliott Prize. Man fühlt sich ein wenig an Douglas Couplands „Alle Familien sind verkorkst“ erinnert, wenn der Leser Bekanntschaft mit all den verzweifelten Typen macht, die in Cork ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen, weil sie dem Alkohol, den Drogen oder dem Sex verfallen sind und vor Betrug, Verrat und Mord nicht zurückschrecken, um ihre kaputten Familien zu schützen.
Vor diesem Hintergrund entwickelt die Autorin einen vielschichtigen Plot, in der irgendwie alle familiären und frei gewählten Beziehungen auf dem Prüfstein stehen. Dabei treffen die vortrefflich gezeichneten Figuren am laufenden Band die falschen Entscheidungen und bringen sich und ihre Liebsten noch mehr in die Bredouille, wobei der Gangster Jimmy Phelan keine Gnade mit den Menschen kennt, die ihm auch nur ansatzweise in die Quere kommen könnten.
Es fällt nicht immer leicht, den ständig wechselnden Figuren und ihren verzwickten Situationen zu folgen, in die sie sich manövrieren, aber der Roman lebt vor allem von seinem schwarzen Humor und der drastischen Sprache, die Lisa McInerney für all die Verfehlungen ihrer verkorksten Charaktere verwendet, die ihr Heil mal in einer Sekte, oft genug aber einfach im Drogenrausch suchen.
Es ist ein tristes, düsteres und unheilvolles Schicksal, das Corks Bewohner teilen, aber McInerney schafft es, die verhängnisvollen Verwicklungen so temporeich, humorvoll und sprachgewandt zu schildern, dass der Lesefluss und die Neugier auf den weiteren Verlauf der Handlung gesichert ist. Zum Glück hat die Autorin mit „The Blood Miracles“ schon eine Fortsetzung veröffentlicht, die hoffentlich auch bald ins Deutsche übersetzt wird. 
Leseprobe Lisa McInerney "Glorreiche Ketzereien"

Freitag, 22. Juni 2018

Bill Clinton & James Patterson – „The President Is Missing“

(Droemer, 477 S., HC)
US-Präsident Jonathan Duncan muss sich vor einem Sonderausschuss des Repräsentantenhauses unter der Leitung von dessen Sprecher Lester Rhodes Rechenschaft darüber ablegen, ob er vor kurzem Kontakt zu Suliman Cindoruk, dem meistgesuchten Terroristen der Welt, aufgenommen hat und sogar dafür verantwortlich ist, seine Liquidierung in Algerien vereitelt zu haben. Sollte dem Präsidenten ein Vergehen nachgewiesen werden, muss er mit einem Amtsenthebungsverfahren rechnen. Doch bevor die Anhörung am Montag auf dem Programm steht, wird dem ehemaligen Staatsanwalt und Gouverneur von North Carolina durch eine junge Frau ein Passwort übermittelt, das nur dem innersten Kreis des Präsidenten-Stabes bekannt sein sollte.
Dass „Dark Ages“ in die Hände von Cyber-Terroristen gelangt ist, bedeutet nichts Gutes, denn das betreffende Computer-Virus droht weltweit alle computergestützten Systeme lahmzulegen. Erste Zwischenfälle bei der Wasseraufbereitung und auf ein medizinisches Labor demonstrieren dem Irakkrieg-Veteran, dass es die „Söhne des Dschihad“ ernst meinen.
Da Duncan davon ausgehen muss, dass einer seiner acht engsten Mitarbeiter der Verräter sein muss, zieht er sich mit dem mysteriösen Informanten Augie und einer Handvoll Vertrauter auf eine abgelegene Farm und bestellt die Regierungschefs aus Deutschland, Russland und Israel ein, um die Krise zu bewältigen, denn der Countdown bis zur Aktivierung des Virus tickt erbarmungslos runter. Doch während er die größte Krise zu bewältigen hat, die man sich vorstellen kann, wird Duncan immer wieder durch Erinnerungen an seine durch Krebs getötete Frau, eine lebensbedrohliche Autoimmunkrankheit und die politischen Spielchen seiner Verbündeten/Feinde aus dem Konzept gebracht.
„Falls uns das Virus weiterhin standhält, wird mir nichts anderes übrig bleiben, als die drakonischsten Maßnahmen zu ergreifen, um die Menschen davon abzuhalten, sich im Kampf um Nahrung, sauberes Wasser und Obdach gegenseitig umzubringen.
Wenn es so weit kommt, sind wir nicht mehr wiederzuerkennen. Dann sind wir nicht länger die Vereinigten Staaten von Amerika oder das, was die Welt jemals darunter verstanden hat.“ (S. 348) 
Bestseller-Autor James Patterson und der von 1993 bis 2001 als US-Präsident regierende Bill Clinton haben mit „The President Is Missing“ einen gemeinsamen Thriller vorgelegt, wie ihn „nur ein US-Präsident schreiben kann“ – so die Verlagswerbung. Tatsächlich hat James Patterson, der ein halbes Dutzend Auftragsschreiber beschäftigt, die aus seinen Exposés Romane formen, auch hier ein Treatment vorgelegt, das Bill Clinton mit seiner langjährigen Erfahrung im Weißen Haus zu einem durchaus temporeichen Thriller verarbeitet hat.
Dabei dient die Angst vor dem erschreckenden Worst-Case-Szenario mit seinen apokalyptischen Auswirkungen als treibender Motor für die dramaturgische Spannung, die durch einen aus der Türkei stammenden, aber nicht muslimischen Terroristen, einen Countdown, den unvermeidlichen Verräter, politische Machtspielchen und diverse überraschende Wendungen auf die Spitze getrieben wird. Besonders glaubwürdig ist das nicht. Der als Ich-Erzähler auftretende US-Präsident Jonathan Duncan tritt hier als von den Tragödien des Lebens und des Krieges sowie den gesundheitlichen Schäden gehandicapter, aber willensstarker Präsident auf, der bei allen auftretenden Problemen sehr souverän wirkt – im Gegensatz zu Bill Clinton, der während seiner Amtszeit vor allem fast über die Lewinsky-Affäre gestolpert wäre und offenbar mehrmals die Möglichkeit besaß, Osama bin Laden zu töten. Insofern wirkt „The President Is Missing“ wie ein verzweifelter Versuch Clintons, auf literarische Weise seine eigene Geschichte aufzuwerten, was besonders sauer in der abschließenden Rede aufstößt, die Duncan nach der natürlich überstandenen Krise ans Volk hält und sich darin für die „ständige Erweiterung von Bildungs- und Berufschancen, ein vertieftes Verständnis von Freiheit und einen gestärkten Gemeinsinn“ stark macht. Damit bezieht er natürlich auch Stellung gegen den amtierenden US-Präsidenten Trump, ohne ihn namentlich zu erwähnen.
Die Charakterisierung des Präsidenten fällt dabei schon sehr selbstgefällig aus. Dass er auch noch maßgeblich beteiligt an der Lösung des viralen Problems ist, wirkt fast schon lächerlich. Von den Einsichten eines ehemaligen US-Präsidenten abgesehen bietet „The President Is Missing“ auch nur leidlich intelligente Spannung, bei der jedes Mittel genutzt wird, um die Dramatik zu erhöhen, doch schießt sie damit voll über das Ziel hinaus. Patterson-Fans sollten bei den standardisierten Thrillern der Alex-Cross-Reihe bleiben, da werden die Erwartungen nach über zwanzig Bänden ohnehin nicht mehr so hoch gesetzt. 
Leseprobe Bill Clinton & James Patterson - "The President Is Missing"

Montag, 18. Juni 2018

James Lee Burke – (Dave Robicheaux: 8) „Im Dunkel des Deltas“

(Pendragon, 505 S., Pb./Edel:eBooks, 378 S., eBook)
Nachdem sich Sonny Boy Marsallus mit der mächtigen Giacano-Familie in New Orleans angelegt hatte, verzog er sich in den Süden, wo er die US-amerikanischen Manöver in El Salvador und Guatemala aus erster Hand miterlebte. Als er nach New Orleans zurückkehrt, hat er noch eine Rechnung mit dem Bordellbetreiber Sweet Pea Chaisson zu begleichen und übergibt Detective Dave Robicheaux ein brisantes Notizbuch mit Anspielungen auf Waffenlager und Drogenschmuggler, hinter dem bald einige zwielichtige Typen her sind. In einer anderen Sache hat Robicheaux mit der Schwarzen Bertha Fontenot zu tun, die sich darüber beschwert, dass der Anwalt Moleen Bertrand hinter dem Land her ist, auf dem sie seit Jahrzehnten mit ihrer und fünf anderen Familien lebt. Und schließlich gesteht Roland Broussard, der wegen einer Geschwindigkeitsübertretung in dem Wagen von Sweet Peas Freundin Della Landry angehalten und festgenommen worden ist, dass er beobachtet hat, wie einige Männer Della in ihrem Haus ermordet haben.
Die Ermittlungen machen kaum Fortschritte, und Robicheaux legt sich öffentlich mit John Giacano an, was ihn selbst zur Zielscheibe der Killer macht. Als Robicheaux wegen seines ungebührlichen Verhaltens suspendiert wird und mit seinem alten Kumpel Cletus Purcel eine Zweigstelle von Purcels Detektei in Iberia aufmacht, spitzen sich die Ereignisse allmählich zu, tauchen immer weitere finstere Figuren auf und sorgen für weitere Tote …
„Was das Morden angeht, ist die Mafia unerreicht. Ihr Wissen und ihre Erfahrung reichen zurück bis in die Zeit der napoleonischen Kriege; das Ausmaß an Brutalität und physischer Gewalt, die sie an ihren Opfern auslassen, ist geradezu bizarr und übersteigt jedes normale Maß; die Urteilsquote ihrer Auftragskiller ist ein Witz.“ (S. 389) 
Im achten Buch der großartigen Reihe um den ehemaligen Detective der Mordkommission in New Orleans geht es ziemlich drunter und drüber. Das trifft nicht nur auf die Ereignisse zu, die von Grabschändungen, Landraub, mutmaßlich verborgenen Schätzen, gefährlichen Affären und Auftragsmorden reichen, sondern vor allem auch auf die unüberschaubare Palette an Figuren, die die ohnehin verwirrenden und am Ende nicht wirklich aufgeklärten Ereignisse ordentlich durcheinanderwirbeln.
Spannung kommt hier nur selten auf, weil sich die Erzählstränge immer wieder überschneiden und die losen Enden kaum aufgelöst werden. Aus Dave Robicheaux‘ persönlichen Umfeld wird in „Im Dunkel des Deltas“ ausnahmsweise wenig erzählt. Hier muss der Verweis auf den früheren Mann seiner Frau Bootsie genügen, der die Bücher für die Familie Giacano geführt hat und zur Hälfte an einer Automatenfirma von ihr beteiligt gewesen ist. Auch zu seiner Adoptivtochter Alafair und seinem schwarzen Angestellten Batist gibt es wenig Neues zu erfahren. Robicheaux selbst wirkt recht desorientiert und weiß sich oft nur mit Gewalt zu helfen, wobei sein sonst viel weniger zimperlicher Kumpel Cletus ihn immer wieder zur Räson bringen muss.
Was James Lee Burke nach wie vor hervorragend gelingt, sind seine Beschreibungen der Landschaft und des Milieus, in dem er sich auskennt wie kein zweiter zeitgenössischer Schriftsteller. Wenn er seinen Protagonisten über die Geschichte Louisianas, die Mafia, die Drogen- und Waffengeschäfte und den unsinnigen Vietnamkrieg sinnieren lässt, entschädigt dies auch diesmal für den schleppenden Spannungsaufbau und die verqueren Erzählstränge.
 Leseprobe James Lee Burke - "Im Dunkel des Deltas"

Donnerstag, 14. Juni 2018

Antoine Laurain – „Das Bild aus meinem Traum“

(Atlantik, 191 S., Tb.)
Der angesehene Pariser Anwalt Maître Pierre-François Chaumont hat ein Faible für schöne Dinge und gibt auch mal tausende von Euro für Kristallkugeln aus Baccarat, Saint-Louis-Briefbeschwerer oder Vasen von Gallé aus, die in seiner Kunstsammlung im Arbeitszimmer untergebracht werden, weil seine Frau Charlotte die wertvollen Dinge nicht in den gewöhnlichen Wohnräumen stehen haben möchte. Eines Tages entdeckt Chaumont im Auktionshaus Drouot ein Pastellbild aus dem 18. Jahrhundert und ist erstaunt über die frappierende Ähnlichkeit zwischen dem portraitierten Mann mit gepuderter Perücke und blauem Anzug und sich selbst. Einzig ein unentzifferbares Wappen oben rechts in der Ecke könnte Auskunft über die Herkunft des Mannes geben.
Tatsächlich ersteht der Sammler das Bild für 11.760 Euro, doch Charlotte kann seine Begeisterung überhaupt nicht teilen, entdeckt sie ebenso wie die gemeinsamen Freunde doch nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen dem Mann auf dem Bild und Chaumont.
Zunächst frustriert macht er sich auf die Spurensuche und landet auf einem Weingut in Rivaille. Dort wird Chaumont sogleich als Aimé-Charles de Rivaille, Graf von Mandragore erkannt, der vor vier Jahren nach Paris zu einem Weinhändler gefahren war, aber dort nicht ankam. Chaumont nutzt die Gunst der Stunde, tischt Mandragores Frau Mélaine eine irrwitzige Geschichte über sein Verschwinden auf und beginnt ein neues Leben …
„Ich war nicht zufällig hier, ich glich nicht zufällig diesem anderen Mann. Nichts, was seit meiner Entdeckung des Portraits geschehen war, war dem Zufall zuzuschreiben. Ich folgte meinem Schicksal. Jeder Versuch, diese Leute über ihren Irrtum aufzuklären, würde meinem Schicksal zuwiderlaufen. Vor mir öffnete sich eine Tür, und ich konnte entweder hindurchgehen oder meinen Weg wie bisher fortsetzen.“ (S. 116f.) 
„Das Bild aus meinem Traum“ ist das Debüt des ehemaligen Pariser Antiquitätenhändlers und Drehbuchautors Antoine Laurain aus dem Jahre 2007 und erschien 2016 erstmals in deutscher Sprache. Nachdem Laurain mit „Liebe mit zwei Unbekannten“, „Der Hut des Präsidenten“ und „Die Melodie meines Lebens“ auch das deutsche Publikum erobert hat, bietet die nun veröffentlichte Taschenbuchausgabe noch einmal die Möglichkeit, Laurains erste literarische Gehversuche zu erkunden. Dabei bringt er nicht nur seine Erfahrungen als Antiquitätenhändler in die Geschichte ein und thematisiert die Seele, die alte Dinge in sich tragen, sondern erzählt vor allem auf luftig-leichte Art, wie ein Mann mit Frau und angesehenem Beruf auf einmal die Möglichkeit wahrnimmt, ein ganz neues Leben zu beginnen, sich dabei aber auch fragt, was er dafür aufgeben muss.
Besonders tief durchdringt Laurain seinen Protagonisten allerdings nicht. Vielmehr geht es dem französischen Autor um das Spiel der Möglichkeiten. Das ist sicherlich charmant, stellt letztlich aber nur eine erste Fingerübung für die späteren, weitaus gelungeneren Werke dar.

Mittwoch, 6. Juni 2018

Jérôme Colin – „Ich warte auf dich am Ende der Straße“

(Atlantik, 174 S., Pb.)
Eigentlich wollte er bei Rot über Ampeln rauschen, durchgezogene Linien überfahren, gegen Gesetze verstoßen und existieren, stattdessen hat er sich nach seinem Journalismus-Studium ein Leben mit Léa und den drei gemeinsamen Kindern in einem kleinen Häuschen eingerichtet, verdient seinen Lebensunterhalt als Taxifahrer in Brüssel. Dabei führt der 38-jährige Hypochonder, dessen beiden Großväter ebenso wie sein Vater an Krebs gestorben sind, teils interessante, manchmal auch amüsante Unterhaltungen mit seinen Fahrgästen, spielt dabei seine Lieblingsmusik von Beck, Richard Hawley, Tom Waits, Jeff Buckley, Elliot Smith und Jacques Brel, erinnert sich daran, wie er Léa vor sechzehn Jahren begegnet ist.
Dann begegnet er Henry, einem Mann, den er jeden Freitag, Samstag und Sonntag gegen halb neun abends von zuhause abholen in eine Kneipe fahren soll.
Doch besonders angetan ist er von Marie, die er bei einem Kneipenbesuch mit seinem Freund Benjamin kennenlernt und mit der er eine Affäre beginnt. Léa und er trennen sich zunächst auf Zeit, die sie dafür verwenden wollen, um über sich und ihre Beziehung nachzudenken. In Gedanken ist der Taxifahrer aber immer bei Marie, kaum bei Léa …
„Wir können nicht anders als lieben. Wir müssen jemanden finden, der uns durch den Sturm begleitet. Wir müssen uns mit wenig zufriedengeben, um nicht allein zu verrecken. Wir müssen uns selbst weismachen, dass wir verliebt sind in Menschen, die wir nie ertragen würden, wenn wir das Glück gehabt hätten, der großen Liebe zu begegnen.“ (S. 156) 
In seinem Debütroman „Ich warte auf dich am Ende der Straße“ erkundet der in Brüssel lebende Journalist und Fernsehmoderator Jérôme Colin auf leicht eingängige Weise das Leben eines namenlosen Taxifahrers, der als Ich-Erzähler seine Gedanken und Erinnerungen zum Leben und zur Liebe von sich gibt. Begleitet von dem dazugehörigen Soundtrack aus Lieblingssongs, mit denen er bestimmte Ereignisse wie den ersten Kuss mit Léa verbindet, regen ihn zuweilen die Gespräche mit seinen Fahrgästen, die er aus ihrer Einsamkeit heraus ins pulsierende Leben kutschieren soll, zu diesen Erörterungen an.
Statt darüber betrübt zu sein, dass er aus seinem Studium nicht mehr gemacht hat, suggerieren die sympathischen Überlegungen gerade zur Liebe, dass der Taxifahrer sehr wohl zufrieden mit seinem Schicksal ist und einfach glücklich damit ist, auch neuen Empfindungen und Leidenschaften Raum zu geben. Darüber hinaus legt er Zeugnis von der Einsamkeit in der Großstadt und der Sehnsucht der Menschen nach einem aufregenden, anderen Leben ab.

Dienstag, 5. Juni 2018

Peter Straub – „Mystery“

(Heyne, 525 S., Jumbo)
Mitte der fünfziger Jahre wächst der zehnjährige Tom Pasmore auf der karibischen Insel Mill Walk auf. Nachdem er sich, ohne eine Erinnerung daran zu haben, wie er dort hingekommen ist, eines Nachmittags in einem ihm völlig unbekannten Viertel wiederfindet, wird er von einem Auto angefahren und wacht im Krankenhaus wieder auf, wo ihm nicht nur seine besorgten Eltern, sondern auch sein Großvater Glendenning Upshaw und seine Schulfreundin Sarah Spence Besuche abstatten. Das nachfolgende Jahr verbringt Tom zuhause im Bett, im Rollstuhl und schließlich auf Krücken und liest alles an Büchern, was ihm sein Vater und sein Nachbar Lamont von Heilitz vorbeibringen.
Sieben Jahre später beginnt Tom ein Interesse für die wenigen Morde in Mill Walk zu entwickeln, über die im Eyewitness berichtet wurde, und freundet sich mit Lamont an, der sich seinen Spitznamen Shadow als prominenter Hobby-Detektiv verdient hat. Besondere Aufmerksamkeit widmet er dem Fall der im Juni am Eagle Lake ermordeten Millionärin Jeanine Thielman. Zwar legte ein Mann namens Anton Goetz damals ein Geständnis ab, aber der Shadow verfolgte damals die Laufbahnen aller, die irgendwie mit dem Mord an Jeanine Thielman zu tun hatten.
Tom erhält die Möglichkeit, vor seinem im Herbst beginnenden Studium, das ihm sein Großvater nahegelegt hat, den Sommer mit Sarah Spence und der einflussreichen Redwing-Familie in Eagle Lake zu verbringen. Für Lamont soll er dort nach Hinweisen suchen, die zur Lösung des unzureichend aufgeklärten Verbrechens beitragen. Tatsächlich erweist sich Tom als so geschickt, dass ihn seine Nachforschungen selbst in Lebensgefahr bringen …
„Tom spielte die Ereignisse und Umstände von Jeanine Thielmans Ermordung tagelang durch. Er schrieb in der dritten und in der ersten Person darüber, stellte sich vor, er wäre Arthur Thielman, Jeanine Thielman, Anton Goetz und sein eigener Großvater; er versuchte sogar, das Ereignis durch die Augen des verschüchterten Kindes zu sehen, das sein Mutter war. Er spielte mit Daten und Zeitpunkten; er beschloss, alles über Bord zu werfen, was man ihm über die Motive der Beteiligten gesagt hatte, und mit neuen zu experimentieren.“ (S. 354) 
Nachdem sich Peter Straub mit seinen Mystery-Thrillern „Ghost Story“ (1979) und „Schattenland“ (1980) einen Namen machen konnte und schließlich durch die Zusammenarbeit mit Stephen King an „Der Talisman“ (1984) weltberühmt wurde, hat er sein Magnum Opus mit der Trilogie um die „Blaue Rose“ veröffentlicht, deren erster Teil „Koko“ 1989 mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet wurde, während der abschließende Part „Der Schlund“ 1993 den Bram Stoker Award gewann. Dazwischen erschien 1990 mit „Mystery“ ein Roman, der eher an die klassischen Detektivromane von Raymond Chandler und Dashiell Hammett angelehnt ist und nichts mit dem Horror zu tun hat, der Straubs schriftstellerische Meisterschaft begründete.
Der Autor verwendet viel Mühe darauf, die Atmosphäre und die gesellschaftlichen Verhältnisse auf Mill Walk zu beschreiben, wobei Toms Familiengeschichte, aber auch die phänomenalen Erfolge des „Amateurs des Verbrechens“ einen besonderen Schwerpunkt bilden. Ganz allmählich wird dabei das Geflecht aus Lügen, Korruption und Gewaltverbrechen ausgebreitet, das sich bis in das elitäre Erholungsgebiet von Eagle Lake erstreckt und in das Tom bei seinem Aufenthalt dort immer tiefer eindringt.
Neben dem faszinierenden, aber auch sehr komplexen Kriminalfall darf der Leser aber auch Toms Liebschaft mit Sarah verfolgen, die eigentlich einem Redwing-Sprössling „versprochen“ ist. Es ist nicht immer leicht, Straubs ausschweifenden und vielschichtigen Ausführungen zu folgen. Gerade der Beginn macht es dem Leser schwer, überhaupt einen Draht zu Tom Pasmore zu finden, der sich im Laufe des epischen Romans selbst zu einem veritablen Hobby-Detektiv mausert. Darüber hinaus überzeugt der Roman durch die feinen Charakterisierungen der oft schillernden Figuren, den dramaturgisch geschickten Spannungsaufbau und die stimmungsvolle Atmosphäre, die den Leser in das außergewöhnliche Leben auf der erfundenen Karibikinsel eintauchen lässt.

Mittwoch, 30. Mai 2018

James Patterson – (Alex Cross: 12) „Blood“

(Blanvalet, 379 S., Tb.)
Der erfolgreiche Profiler Alex Cross kommt über den Tod seiner Frau Maria selbst nach über zehn Jahren nicht so recht hinweg. Damals, im Herbst 1993, war er Detective bei der Mordkommission in Washington, D.C., und musste mit eigenen Augen sehen, wie Maria erschossen wurde und in seinen Armen verstarb. Währenddessen hat die Mafia ihren Kokain- und Heroinhandel auch auf Washington, Baltimore und Teile Virginias ausgeweitet und den chinesischen Drogenbaron Jiang An-Lo exekutiert, wofür der Profikiller Michael „der Schlachter“ Sullivan verantwortlich gewesen sein soll, der sich stets mit einer Verbeugung vom Tatort verabschiedet hat.
Mittlerweile arbeitet Cross für das FBI und bringt nach wie vor sein Leben in Gefahr, was sogar dazu führt, dass seine Großmutter Nana die Erziehung von Alex‘ Kinder abgibt und aus dem Haus zieht, damit ihr Ziehsohn endlich zur Besinnung kommt. Tatsächlich kündigt Alex seinen Job beim FBI und eröffnet eine Praxis als Psychiater. Doch als sein ehemaliger Partner und bester Freund John Sampson den Mafia-Schergen Gino Giametti einbuchtet, behauptet dieser, den Mörder von Alex‘ Frau zu kennen. Bevor dieser mit der Wahrheit herauskommt, wird er allerdings in seiner Zelle umgebracht.
Alex Cross entdeckt zunächst wider Willen seine alten Fähigkeiten als „Drachentöter“ und macht sich erneut auf die Jagd in einem Fall, der ihn nie in Ruhe gelassen hat. Es scheinen sogar Parallelen zu einer Serie von brutalen Vergewaltigungsfällen vorhanden zu sein. Währenddessen entkommt der nach wie vor umtriebige Schlachter einem Anschlag des Mafiabosses John Maggione Junior, für dessen Vater Sullivan tätig gewesen war, und führt einen blutigen Rachefeldzug gegen den Don. So gerät er auch in den Fokus der neuen Ermittlungen von Alex Cross:
„Sullivan war möglicherweise zum Informanten eines Mitarbeiters geworden. Gut möglich, dass das FBI oder die New Yorker Polizei ihn deckte. Vielleicht war Sullivan sogar in einem Zeugenschutzprogramm. War es das, was mit Marias Mörder geschehen war? War er ein Schnüffler? War der Schlachter ein Protegé des FBI?“ (S. 286) 
In seinem zwölften Fall wird Alex Cross einmal mehr von den Dämonen seiner Vergangenheit heimgesucht. Jetzt wie auch vor zehn Jahren hat es der prominente Ermittler mit dem irischen Auftragskiller Michael Sullivan zu tun, dessen Vater tatsächlich Schlachter gewesen ist und sich an dem Jungen vergangen hat. Damit wären also recht einfach die abartigen Triebe des Schlachters erklärt.
Überhaupt nimmt sich Bestseller-Autor James Patterson wie gewöhnlich wenig Zeit, um die Motivationen und Charakterzüge seiner Figuren zu beschreiben. Stattdessen reißt er den Plot wie ein Action-Film herunter. In kurzen, meist nur zwei- oder dreiseitigen Kapiteln werden kurz die Stationen von Sullivans Gewaltverbrechen einerseits und Alex Cross‘ Sorgen um seine Familie, die auf lange Sicht scheiternden Dates mit anderen Frauen und die unermüdliche Jagd nach Marias Mörder andererseits abgerissen, so dass die schnell wechselnden Geschehnisse und Handlungsorte keine Zeit zum Nachsinnen lassen. Da leider auch die Glaubwürdigkeit des Plots gerade zum Finale hin und die Tiefgründigkeit der Figuren stark zu wünschen übriglassen, zählt „Blood“ definitiv zu den schwächeren Werken des Autors.
Leseprobe James Patterson - "Blood"

Dienstag, 29. Mai 2018

Jonathan Franzen – „Unschuld“

(Rowohlt, 830 S., HC)
Die junge Purity „Pip“ Tyler fühlt sich von ihren Studienschulden erdrückt, lebt in einem besetzten Haus in Oakland und hasst ihren Job bei Renewable Solutions, wo sie seit fast zwei als Telefonverkäuferin regelmäßig die wenigsten Kontaktpunkte erzielt und ebenso regelmäßig von dort aus mit ihrer Mutter Anabel telefoniert, die ihr partout nicht verraten will, wer Pips Vater ist.
Als ihre deutsche Mitbewohnerin Annagret ihr ein Praktikum bei der renommierten Enthüllungsplattform Sunlight Project des charismatischen Dissidenten Andreas Wolf vermittelt, reist sie tatsächlich nach Bolivien, weil sie hofft, durch die technischen Möglichkeiten des Projekts die Identität ihres Vaters herauszufinden.
Zwar grenzt sich Andreas Wolf mit dem Sunlight Project von Wikileaks ab, weil er bei seinen Enthüllungen einen moralischen Maßstab verwende, doch seine eigene Vita ist auch nicht frei von Verfehlungen: Der 1960 in der DDR geborene Sohn eines Politbüromitglieds hat nämlich mitgeholfen, den Stiefvater der damals 15-jährigen Annagret zu ermorden, und wird die Erinnerung an diese Tat nie los. Er schickt Pip schließlich zu seinem alten Freund Tom Aberant, dem Gründer und Chefredakteur des Denver Independent, wo sie ein Recherchepraktikum absolviert und eine Zeitlang auch in dem Haus ihres Chefs lebt.
Aberant war einer der ersten Journalisten, der den prominenten DDR-Dissidenten und Systemkritiker Andreas Wolf in Berlin interviewen durfte und sein Vertrauen soweit gewann, dass dieser ihm von seiner unrühmlichen Tat erzählte. Nachdem sich ihre Wege damals getrennt hatten, findet Andreas nun heraus, dass Puritys Mutter eine millionenschwere Erbin des Unternehmers McCaskill ist, aber nichts von dem Geld wissen will und auch ihrer Tochter nichts davon erzählt.
„Das Geld interessierte Andreas nur in dem Maße, als es ihm das Leben erleichtert hätte, etwas davon in die Hände zu bekommen. Aber es war nicht der Grund, warum er weiter durch die Fotos klickte, die er von Purity Tyler fand. Auch ihr Aussehen, obwohl ansprechend genug, erklärte nicht, warum er ein so mörderisches Verlangen nach ihr verspürte.“ (S. 737) 
Jonathan Franzen hat nach seinem Weltbestseller „Die Korrekturen“, der 2001 mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde, auch mit den nachfolgenden Schwergewichten „Die 27ste Stadt“, „Schweres Beben“ und „Freiheit“ vor allem vielschichtige Familienromane abgeliefert. Mit seinem neuen, wiederum mehr als 800 Seiten umfassenden Roman „Unschuld“ zelebriert der gefeierte amerikanische Romancier dagegen die Zersetzung von familiären Strukturen.
In gewohnt meisterhafter Manier portraitiert Franzen akribisch die schillernden Biografien seiner Figuren, führt über mehr als fünf Jahrzehnte die Fäden zwischen den Personen zusammen, springt zwischen den Zeiten ebenso hin und her wie zwischen Berlin, Bolivien, Texas, Kalifornien und New York, wobei viel von Reinheit – im amerikanischen Original heißt der Roman auch entsprechend wie seine sympathische Heldin „Purity“ – geschrieben wird, aber irgendwie jeder seine moralischen Unzulänglichkeiten mit sich herumschleppt.
Sex und Affären spielen dabei die offensichtlich wesentlichste Rolle, aber auch Spionage-Tätigkeiten, Verrat und Manipulation zählen zu den großen Themen, mit denen sich Franzens Figuren auseinandersetzen müssen. Der Autor nimmt sich viel Zeit für all die komplexen Charaktere, die früher oder später aufeinandertreffen, und beschreibt eindringlich, was das Leben in der DDR oder in den Zeiten der digitalen Revolution mit ihnen gemacht hat, wie die Beziehungen zu ihren Eltern und Geliebten sie geprägt und letztlich die gelegentlich verwerflichen Taten mitverantwortet haben. Trotz einiger Längen ist dieses Psychogramm des modernen gehetzten Menschen so spannend wie ein Thriller zu lesen, die Dialoge einfach filmreif gelungen. Zwar wirkt die harte Abrechnung mit dem DDR-Regime etwas überzogen und die Konstellation der Figuren zueinander etwas sehr konstruiert, aber Franzen erweist sich als brillanter Schöpfer glaubwürdig komplexer Charaktere, die jeweils ihren eigenen, schwierigen Weg finden, ihr Leben zu meistern.
 Leseprobe Jonathan Franzen - "Unschuld"

Samstag, 26. Mai 2018

Marlon James – „Der Kult“

(Heyne, 286 S., HC)
Hector Bligh ist seit 1951 Pastor der Heilig-Grab-und-Evangeliumskirche in dem kleinen jamaikanischen Dorf Gibbeah und wegen seines berüchtigten Alkoholkonsums vor allem als Rumprediger bekannt, und zwar nicht erst seit dem Vorfall mit der vom Teufel besessenen Lillamae Perkins, die ihrem Vater vor zwei Jahren in seinem Bett den Penis abgeschnitten hatte, das mit ihm gezeugte Kind durch den Verzehrt von grünen Papayas loswerden wollte und nicht mal von fünf Diakonen gebändigt werden konnte. Zwei Tage später wurde ihre Leiche im Two Virgin River gefunden.
Gerade als Pastor Bligh am Tiefpunkt seines Lebens zu sein scheint und mit entblößten Geschlechtsteilen bewusstlos am Straßenrand aufgefunden wird, trifft ein schwarz gekleideter Fremder auf seinem Motorrad in der Gemeinde ein. In der Sonntagsmorgenmesse fliegt ein John-Crow-Geier – der gemeinhin als Vorbote des Teufels betrachtet wird - durch das Buntglasfenster und landet tot auf der Kanzel. Wenige Minuten später konfrontiert der Fremde, der sich Apostel York nennt, Bligh mit dessen Sündhaftigkeit und übernimmt kurzerhand die Kontrolle über die Gemeinde und verspricht ihr den Beginn einer neuen Ära.
Tatsächlich sind Gibbeahs Bewohner ganz fasziniert von dem neuen Mann Gottes, der Wunder wirkt, aber auch Rache und Verdammnis predigt. Doch Pastor Bligh, der hinter dem Dorf und jenseits des Flusses bei der Witwe Greenfield Unterschlupf findet, lässt sich auf einen Glaubenskampf mit dem Apostel ein. Nach einem Monat kehrt Bligh in die Stadt zurück und macht die Menschen neugierig …
„Die Leute finden’s komisch, dass nach und nach immer mehr rausgegangen sind und dem Rumprediger zugehört haben. Er hat eigentlich nicht wirklich zu ihnen gepredigt. Er hat für die Straße und den Himmel und für Gott gepredigt. Jemand von denen, die gegangen sind, eine Frau, hat gesagt, wenn er mit ihr spricht, ist das, als würd er glatt durch sie hindurchsprechen. Die Leute sagen, dass der Apostel Hector Bligh nie und nimmer die Kirche überlässt, ganz gleich, wie weiß dessen Anzug zurzeit ist.“ (S. 119) 
Als erster Jamaikaner wurde der mittlerweile in Minneapolis, Minnesota, lebende Schriftsteller Marlon James 2015 für seinen epischen Roman „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ mit dem renommierten Man Booker Prize ausgezeichnet, woraufhin Heyne Hardcore das Buch auf für den deutschen Markt veröffentlichte. Zuvor war sein 2005 erschienenes Debüt „John Crow’s Devil“ vom Verlag F. Stülten unter dem Titel „Tod und Teufel in Gibbeah“ als einziges von James‘ Werken auf Deutsch erhältlich gewesen und erfährt nach dem Erfolg des Romans über die geplanten Anschläge auf Bob Marley – unter dem neuen Titel „Der Kult“ - seine zweite Chance darauf, von der hiesigen literarischen Welt gewürdigt zu werden.
James entwirft in seinem ersten Roman das leider nach wie vor hochaktuelle Szenario des Kampfes von selbst ernannten Stellvertretern Gottes auf Erden, die den vermeintlich Ungläubigen die Worte der Bibel predigen, aber deren Bedeutung natürlich nach sehr persönlichen Vorlieben auslegen. Natürlich werden dabei die verschiedensten Dämonen und Hexen beschworen, Sünder werden verstümmelt und getötet, die Biografien der wichtigsten Protagonisten aufbereitet, worunter nicht nur der Pastor und der Apostel fallen, sondern auch die Witwe Greenfield und die Apostel-Gehilfin Lucinda, so dass deutlich wird, aus welchen Gründen die Menschen in Gibbeah der einen oder anderen Stimme Gottes folgen.
Der Autor bedient sich dabei ganz bewusst der furchteinflößenden Bilder und Geschichten aus der Bibel, spielt mit der Angst vor Dämonen, Hexen und schwarzer Magie, vor allem aber mit den ständigen Versuchungen des Fleisches, die Lucinda beispielsweise nur durch heftigste Selbstgeißelung zu bändigen hofft. „Der Kult“ ist ein wirklich packendes Buch, das mit alttestamentarischer Wucht die Verführungskünste des Teufels und die Vielfalt der göttlichen Strafen thematisiert, wobei Marlon James gerade die Fleischeslust in expliziten Bildern beschreibt.
Sein kraftvolles Debüt ist definitiv nichts für zarte Gemüter, macht so aber umso eindrucksvoller deutlich, wie leicht sich Menschen durch charismatische Führer mit verheerenden Folgen auf spirituelle Abwege begeben können. 
Leseprobe Marlon James - "Der Kult"

Samstag, 19. Mai 2018

Stephen King – „Christine“

(Bastei Lübbe/Heyne/Weltbild, 703 S., HC)
Arnie Cunningham und Dennis Guilder wuchsen im gleichen Wohnblock in Libertyville auf und sind seit der Grundschule miteinander befreundet. Während Dennis als Kapitän der Football- und Baseballmannschaft und Ass der Schulschwimmstaffel auch auf der Highschool immer eine gute Figur machte, musste er seinen pickelgesichtigen, zu kurz geratenen und schmächtigen Freund davor bewahren, als geborener Verlierer ständig verprügelt zu werden. Nur als Mechaniker hatte Arnie wirklich Talent, doch konnten seine Eltern, die beide an der Universität in Horlicks lehrten, sich nicht vorstellen, ihren einzigen Sohn in einer Autowerkstatt arbeiten zu lassen. Die Freundschaft zwischen Arnie und Dennis wird im Jahr 1978 allerdings einer harten Bewährungsprobe unterzogen, als sich der 17-jährige Arnie in einen 1958er Plymouth Fury verliebt, der zwar in einem erbärmlichen Zustand ist, den er aber mit Begeisterung für 250 Dollar dem pensionierten Berufssoldaten Roland D. LeBay abkauft, den Namen „Christine“ vom Vorbesitzer übernimmt und ihn in dem Garagen- und Werkstattbetrieb von Will Darnell zu restaurieren beginnt.
Dennis bekommt seinen Freund kaum noch zu sehen. Die Fortschritte, die Christines Restaurierung macht, sind allerdings bemerkenswert, und mit ihr macht auch Arnie eine erstaunliche Veränderung durch. Aus dem ehemaligen Verlierer wird ein überraschend gutaussehender junger Mann mit glattem Teint und kräftiger Statur, der sogar den Highschoolschwarm Leigh Cabot als Freundin gewinnt. Arnie zieht nicht nur den Neid und Zorn der Gang von Buddy Repperton auf sich, die eines Nachts Christine auf dem Parkplatz am Flughafen schrottreif demolieren, sondern auch die Sorgen seiner Eltern, Leigh und Dennis.
Als nach und nach Buddy Repperton und seine Jungs brutal auf der Straße ermordet werden, geraten Arnie und seine Christine zwar in den Fokus der Ermittlungen von Detective Rudolph Junkins, doch Arnie kann für jede Tat ein stichfestes Alibi aufweisen, und an Christine in nicht der kleinste verdächtige Kratzer zu entdecken. Die unheimlichen Vorfälle, an denen der Plymouth Fury beteiligt zu sein schien, häufen sich allerdings, und nachdem Leigh beinahe an einem Stückchen Hamburger in dem Wagen erstickt wäre, machen sich Dennis und Leigh daran, das Geheimnis von Christine aufzudecken. Doch dafür begeben sich die beiden in höchste Gefahr.
„Es gibt keine Möglichkeit zu unterscheiden, was wirklich war und was meine Fantasie hinzugedichtet haben könnte; es gibt keine Trennungslinie zwischen objektiver Wahrheit und subjektiver Sicht, zwischen Realität und grausiger Halluzination. Aber es war nicht Trunkenheit; das kann ich Ihnen versichern. Sollte ich etwas angesäuselt sein, so verflüchtigte sich dieser Zustand sofort. Was folgte, war ein stocknüchterner Trip durch das Land der Verdammten.“ (S. 580) 
Als Stephen King „Christine“ 1983 veröffentlichte, war er schon längst ein gefeierter Bestseller-Autor, dessen Bücher „Carrie“, „Shining“, „Brennen muss Salem“, „Dead Zone“ und eine Sammlung von Kurzgeschichten unter dem Titel „Die unheimlich verrückte Geisterstunde“ bereits von renommierten Regisseuren wie Stanley Kubrick, Brian De Palma, David Cronenberg und George A. Romero verfilmt worden waren. So nahm sich John Carpenter noch vor Veröffentlichung von „Christine“ der Geschichte an, stellte seine Verfilmung ebenfalls 1983 fertig und verhalf so dem Roman zu zusätzlicher Popularität. Das 700-Seiten-Werk hat es auch wieder in sich.
Wie schon in früheren Werken lässt King auch hier das übernatürliche Grauen in Form ganz gewöhnlicher Menschen und Dinge in einer an sich unauffälligen Kleinstadt auftreten. Dabei lässt er den größten Teil des Romans aus der Perspektive von Arnies bestem Freund Dennis erzählen, der seine Erinnerungen aus einer zeitlichen Distanz von fünf Jahren dokumentiert. King nimmt sich viel Zeit, die Atmosphäre der ausgehenden 1970er Jahre und das feste Band der Freundschaft zwischen Arnie und Dennis zu schildern, vor allem aber die Veränderungen, die sowohl Christine als auch ihr Fahrzeughalter Arnie durchmachen. Zwar weist der Roman durchaus Längen auf, aber wie der „King of Horror“ ganz langsam die Spannungsschraube anzieht und den Fokus auf die Verbindung zwischen LeBay, Arnie, Dennis und Leigh legt, ist einmal mehr einfach nur meisterhaft. 
Leseprobe Stephen King - "Christine"

Samstag, 12. Mai 2018

John Grisham – „Die Akte“

(Heyne, 478 S., Tb.)
Als Abe Rosenberg und Glenn Jensen, zwei Richter am Obersten Gerichtshof, innerhalb kürzester Zeit ermordet aufgefunden werden, tappen sowohl FBI als auch CIA im Dunkeln, denn zwischen dem erzkonservativen einundneunzigjährigen Rosenberg und dem wankelmütigen Homosexuellen Jensen scheint es keine Verbindung zu geben. Einzig die aufgeweckte und ebenso attraktive Jurastudentin Darby Shaw, die seit einem Jahr mit ihrem Professor für Verfassungsrecht, Thomas Callahan, liiert ist, hat eine eigene Theorie zu den Morden, die offensichtlich von einem Profikiller ausgeführt worden sind, und fasst sie in einem Dossier zusammen, das über Callahan zu seinem Freund Gavin Verheek, beratener Anwalt des FBI-Direktors Voyles, gelangt und von dort seine Kreise bis zum Präsidenten zieht.
In den obersten Regierungskreisen sorgt das Dossier für einiges Aufsehen, denn darin wird der skrupellose Öl-Milliardär Victor Mattiece, der mit einigen Millionen den Wahlkampf des Präsidenten unterstützt hat, für die Morde verantwortlich gemacht. In der „Pelikan-Akte“ führt Darby aus, wie Mattiece über verschiedene Unterfirmen systematisch Land im Süden von Louisiana aufkauft, die von Umweltschützern als bedroht eingestufte Fauna und Flora zerstört, um die riesigen dort verborgenen Ölvorräte fördern zu können. Als ihr trinkfreudiger Freund Callahan durch eine Autobombe getötet wird, ist auch Darbys Leben in Gefahr. Sie sucht den Kontakt zum „Washington Post“-Journalisten Gray Grantham und versucht mit ihm zusammen, Beweise und Zeugen für ihre Theorie zu finden.
„Sie wusste mehr als irgend jemand sonst. Die Fibbies waren nahe daran gewesen, dann hatten sie sich zurückgezogen und jagten jetzt hinter Werweißwem her. Verheek hatte nichts erreicht, dabei stand er dem Direktor nahe. Sie würde das Puzzle selbst zusammensetzen müssen. Ihr kleines Dossier hatte Thomas das Leben gekostet, und jetzt waren sie hinter ihr her.“ (S. 215) 
Ein Jahr nach dem Welterfolg von „Die Firma“ legte der ehemalige Anwalt John Grisham 1992 mit „Die Akte“ einen weiteren Bestseller nach, der ebenso erfolgreich von Alan J. Pakula mit Julia Roberts und Denzel Washington in den Hauptrollen verfilmt worden ist.
Nachdem Grisham in „Die Firma“ die Verstrickungen einer renommierten Kanzlei in die Geschäfte der Mafia thematisierte, zieht sich der Spannungsfaden in „Die Akte“ bis in die höchsten Regierungskreise, bindet CIA, FBI und die Presse mit ein, beschreibt aber vor allem die verzweifelte Flucht der Jurastudentin Darby Shaw, die niemandem mehr trauen kann. Dabei kommt der Inhalt des kompromittierenden Dossiers und die Verstrickung des Öl-Milliardärs erst in der zweiten Romanhälfte zur Sprache. Bis dahin wird vielleicht etwas zu ausführlich um die Machtspiele im Weißen Haus, die komplizierten Beziehungen zwischen dem Weißen Haus, FBI-Direktor Voyles und CIA-Direktor Gminski sowie die Optionen zur Nachbesetzung der beiden ermordeten Richter geschrieben, worunter zwar die Dramaturgie leidet, aber immerhin ein Gespür dafür anregt, wie es hinter den Kulissen im Oval Office zugehen mag.
Für Spannung sorgt natürlich der Überlebenskampf der cleveren Jurastudentin Darby Shaw, bei dem sie scheinbar nur zum Journalisten Gray Grantham Vertrauen fassen kann. John Grisham versucht in „Die Akte“ etliche Handlungsstränge und -orte, Verbindungen und Personen ins Spiel zu bringen, was gelegentlich zu unnötig komplexen Zusammenhängen und rasant wechselnden Schauplätzen mit neuen Figuren führt. Doch davon abgesehen bietet „Die Akte“ raffiniert konstruierte Thriller-Spannung mit einer sympathischen Heldin und vor allem einem faszinierenden Fall.

Sonntag, 6. Mai 2018

Stephen King – „The Green Mile“

(Bastei Lübbe/Heyne/Bertelsmann, 479 S., HC)
Der schwarze Hüne John Coffey wird im Jahre 1932 wird eines Tages mit den blutüberströmten Leichen der beiden minderjährigen Detterick-Zwillingen in den Armen von seinen Verfolgern aufgefunden und nach kurzer Verhandlung zum Tode verurteilt. Als er in Block E, den Todestrakt des Gefängnisses in Cold Mountain eintrifft, wo Oberwärter Paul Edgecombe den Trupp von meist vier oder fünf Wärtern anführt, muss er sich ebenso wie die anderen Kandidaten darauf gefasst machen, irgendwann die nach dem grünen Linoleumfußboden benannte Green Mile entlangzuschreiten, auf Old Sparky Platz zu nehmen und dann wie ein Truthahn geröstet zu werden.
Doch während der einfältig wirkende Coffey – wie das Getränk, nur anders geschrieben – ganz harmlos zu sein scheint, müssen sich Edgecombe und seine Kollegen Dean Stanton, Harry Terwilliger, Brutus „Brutal“ Howell vor allem mit dem böswilligen, mit dem Gouverneur verwandten Wärter Percy Wetmore und dem ebenso bösartigen Gefangenen William „Billy the Kid“ Wharton herumschlagen, der keine Gelegenheit auslässt, die Wärter zu schikanieren. Für launige Abwechslung sorgt immerhin Dr. Jingles, die kleine Maus des französischen Mörders Eduard Delacroix, der ganz aus dem Häuschen ist wegen der Kunststücke, die er dem niedlichen Nagetier beigebracht zu haben glaubt. Doch dann geraten die Dinge außer Kontrolle: Erst versaut Percy Wetmore die Hinrichtung des Franzosen, dann zerquetscht er auch noch die gewiefte Maus unter seinen Schuhen. Doch wie schon zuvor, als Coffey die hartnäckige und schmerzhafte Blasenentzündung von Paul Edgecombe in sich aufgesogen hatte und dann wie schwarze Insekten ausspie, heilt er nun auch Mr. Jingles auf unerklärliche Weise.
Edgecombe ist von den mysteriösen Kräften des schwarzen Riesenbabys so fasziniert, dass er hofft, auch Melinda, die todkranke Frau von Gefängnisdirektor Hal Moores, heilen zu können. Doch dazu muss er seine Kollegen zu einem riskanten Unterfangen überreden …
„Ich kannte Melinda besser, als sie sie kannten, aber letzten Endes vielleicht nicht gut genug, um die Jungs zu bitten, ihre Jobs für sie aufs Spiel zu setzen. Ich hatte zwei erwachsene Kinder, und ich wollte natürlich nicht, dass meine Frau ihnen schreiben musste, dass ihrem Vater der Prozess gemacht und er verurteilt wurde als … nun, was würde es sein? Ich wusste es nicht mit Sicherheit. Anstiftung und Beihilfe zu einem Fluchtversuch war das Wahrscheinlichste.“ (S. 297) 
Stephen King war fasziniert von der Idee, sich ähnlich wie einst Charles Dickens an einem Fortsetzungsroman zu versuchen, der 1996 in einem Abstand von jeweils einem Monat zunächst in sechs Einzelbänden erschien und 1999 schließlich als Roman in einem Band veröffentlicht wurde. Die Geschichte von „The Green Mile“ wird aus der Perspektive des Oberwärters Paul Edgecombe erzählt, der seine Erinnerungen in einem Altenheim zusammenträgt und dabei ebenso von einem widerwärtigen Pfleger drangsaliert wird wie er und seine Kollegen damals von Percy Wetmore. Stephen King hat mit „The Green Mile“ sicher eines seiner eindringlichsten Werke verfasst, das 1999 auf kongeniale Weise von Frank Darabont verfilmt wurde, nachdem dieser bereits fünf Jahre zuvor Stephen Kings Kurzgeschichte „The Shawshank Redemption“ ebenfalls meisterhaft für die große Leinwand adaptiert hatte. Auf unnachahmlich lebendige Weise beschreiben King bzw. sein Ich-Erzähler die Umstände von John Coffeys Verhaftung und den Lebensumständen im Todestrakt des Gefängnisses von Cold Mountain, wobei sich humorvolle Momente immer wieder in die Schreckensszenarien der Hinrichtungen einfügen. Einfühlsam ist vor allem die Beziehung zwischen Edgecombe und Coffey beschrieben, nervenaufreibend die Durchführung der Exekutionen und aufwühlend die Bemühungen der Wärter, das Leben der unauffälligen Gefangenen so angenehm wie möglich zu gestalten. Geschickt hält King die Spannung über die sechs Einzelbände aufrecht, wartet mit einem feinen Cliffhanger auf, der bei der Lektüre des vollständigen Romans natürlich nicht mehr ganz seinen ursprünglichen Zweck erfüllt, aber so immer wieder dramaturgische Höhepunkte setzt.
Leseprobe Stephen King - "The Green Mile"

Dienstag, 1. Mai 2018

Douglas Coupland – „Generation A“

(Tropen, 333 S., HC)
In einer Zeit, die unserer Gegenwart nur wenig voraus zu sein scheint, leben die Menschen ohne Bienen und Liebe, verfetten angesichts hochdosierter Fruktosesirupe, die aus Mais gewonnen werden, und befinden sich im seligen Entschleunigungsrausch, den ihnen die Droge Solon verschafft. Doch dann werden plötzlich fünf Menschen an ganz unterschiedlichen Orten der Welt jeweils von einer Biene gestochen: der auf Sri Lanka für Abercrombie & Fitch arbeitende Call-Center-Agent Harj, der im Mahaska County, Iowa, lebende Nacktmähdrescher-Fahrer Zack, der einen vier Hektar großen Schwanz mit Eiern in ein Maisfeld mäht, die Neuseeländerin Samantha, deren Eltern ihr gerade verkünden, dass sie an nichts mehr glauben, der in Paris lebende Julien, der den Verlust seiner World-Of-Warcraft-Identität betrauert, und die vierunddreißigjährige, am Tourette-Syndrom leidende kanadische Zahnhygienikerin Diana.
Natürlich entwickeln sich die Opfer der Bienenstiche zu einer viralen Attraktion. Um herauszufinden, warum nach fünf Jahren, in denen keine Biene mehr gesichtet worden ist, ausgerechnet diese fünf Menschen von Bienen gestochen wurden, werden Harj, Zack, Samantha, Julien und Diana in den Research Triangle Park nach North Carolina verfrachtet und in absoluter Abgeschiedenheit gründlich untersucht. Nach ihrer Entlassung beginnen die plötzlich berühmten Bienenstichopfer sich füreinander zu interessieren, um herauszufinden, ob sie etwas gemeinsam hatten, das den Wissenschaftlern entgangen war.
„Ich sah, dass jeder von uns auf seine Weise ein völlig isoliertes Leben führte. Ich glaube, dass die moderne Welt die Menschen voneinander trennt – dazu ist sie da -, aber es gibt zahllose Möglichkeiten, aus der Gesellschaft herauszufallen, das Leben jedes Einzelnen von uns jedoch wies im Moment des Gestochenwerdens eines auffällige Gemeinsamkeit mit dem der anderen auf: Es war ein Augenblick, in dem wir mit dem gesamten Planeten in Beziehung traten.“ (S. 150) 
Vor über fünfundzwanzig Jahren schrieb der in Vancouver lebende Douglas Coupland Geschichten über die Generation der 20- bis 30-Jährigen und ihrem Wunsch, ein interessantes Leben jenseits der Arbeitswelt zu führen, wobei sie für die ökologischen und ökonomischen Sünden ihrer Eltern büßen müssen, und nannte sie „Generation X“. Als Kurt Vonnegut 1994 bei einer Rede vor Absolventen der Syracruse University die Generation A als Anfang einer Reihe von spektakulären Errungenschaften und Reinfälle bezeichnete, fühlte sich Coupland inspiriert, einen Neuanfang zu wagen, aber auch mit dem Thema der Generationenbildung abzuschließen.
Am Anfang seines Romans „Generation A“ steht allerdings das große Bienensterben, mit dem ein ökologischer Kollaps einhergeht, dem die Weltbevölkerung nur mit Eskapismus begegnen kann. Die mit hohem Suchtpotenzial ausgestattete Droge Solon nimmt den Konsumenten die Angst und lässt Einsamkeit als Ideal erscheinen. Auf einer einsamen kanadischen Insel kommen die fünf Bienenstichopfer schließlich zusammen, um sich selbst erdachte Geschichten zu erzählen, in denen Außerirdische Menschen züchten, die umso schmackhafter sind, je mehr Bücher sie gelesen haben, aber es geht vor allem um den Verlust von Sprache, um Menschen, die ihre Seelen, Geschichten und das Gefühl der Liebe verlieren.
Gerade durch das Erzählen ihrer Geschichten einer merkwürdigen Welt bilden die fünf unterschiedlichen Individuen eine neue Gemeinschaft und so den Hoffnungsschimmer für eine neue Welt. Coupland erweist sich in „Generation A“ einmal mehr als visionärer Erzähler mit soziologischem Gespür und beißendem Humor. Bei allem Pessimismus, den Coupland einer Welt entgegenbringt, die sich eher in virtuellen Welten als in der richtigen bewegt, verliert er aber nicht die Hoffnung, dass die Menschen sich auf ihre ureigenen Qualitäten besinnen. 
Leseprobe Douglas Coupland - "Generation A"

Montag, 30. April 2018

Richard Laymon – „Das Ende“

(Heyne, 304 S., Tb.)
Eigentlich würde Bass Paxton lieber mit Pac losziehen, aber da seine Traumfrau mit seinem besten Freund verheiratet ist, muss er sich vorerst mit Faye Everett begnügen. Bei einem Kanuausflug mit Picknick am Silver River stoßen sie auf ein Pärchen, das nur auf den ersten Blick verliebt am Ufer beieinanderliegt. Als sich der Mann erhebt, hat der den Kopf der fast nackten Frau unter dem Arm und flüchtet mit ihm ins Wasser. Rusty Hodges, Waffennarr und Sheriff von Sierra County, trommelt seine Leute zusammen, wobei seine Schwiegertochter Mary „Pac“ Hodges, als Erste am Tatort auftaucht.
Die Leiche wird als Alison Parkington identifiziert, Frau des Gastprofessors Grant Parkington am Sierra College, der sich die Schuld am Tod seiner Frau gibt und Selbstmord begeht. Der Professor wiederum soll wie wild hinter seinen Studentinnen her gewesen sein.
Als Faye nach der ersten Befragung durch die Cops spurlos verschwindet, sieht ihre Mitbewohnerin Ina sieht nun die Möglichkeit, endlich ihrem Schwarm Bass näherzukommen, der sich die Chance nicht nehmen lässt, eine weitere Eroberung zu machen.
„Ina beugte sich vor, um ihm das Glas zu reichen, und sah, wie seine Augen nach unten wanderten. Er sah in den Ausschnitt ihres Tops. Nachdem er das Glas genommen hatte, verharrte sie noch einen Moment in der Position und ließ ihn in Ruhe ihre Brüste ansehen, bevor sie sich neben ihn auf das Sofa setzte.“ (S. 170) 
Mit „Das Ende“ erscheint nun einer der letzten bislang noch nicht ins Deutsche übersetzten Titel aus dem umfangreichen Oeuvre des mittlerweile auch hierzulande äußerst populären Horror-Schriftstellers Ruichard Laymon, der auch von seinen Kollegen Stephen King und Jack Ketchum sehr geschätzt worden ist. Allerdings stellt sich Laymons Werk in seiner Qualität als sehr durchwachsen dar. Nach den ersten deutschen Veröffentlichungen wie „Rache“, „Das Spiel“, „Die Jagd“, „Das Treffen“ und „Die Insel“, die den Autor hierzulande populär gemacht haben, markieren vor allem die zuletzt erschienen Titel wie „Das Auge“, „Die Tür“ und „Das Ufer“ erschreckende Defizite in der Figurenzeichnung und Dramaturgie.
Auch in „Das Ende“ begnügt sich Laymon mit einigen bizarren Slasher-Szenen, die aber längst nicht so explizit wie in seinen früheren Werken ausgefallen sind, und übertrieben häufigen sexuellen Anspielungen, die alles andere als originell sind.
Dramaturgisch hat sich der Autor zwar einen interessanten Kniff einfallen lassen, dieser verpufft allerdings bei den eindimensionalen Figuren, von denen allein Pac annähernd eine Charakterisierung erfährt. Die sehr einfache Sprache, das flotte Erzähltempo und der dialoglastige Schreibstil sorgen zwar für rasante, aber leider auch sehr oberflächliche Unterhaltung. 
Leseprobe Richard Laymon - "Das Ende"

Samstag, 28. April 2018

Natalio Grueso – „Der Wörterschmuggler“

(Atlantik, 254 S., Tb.)
Bruno Labastide hält sich für den einsamsten Menschen der Welt. Den sympathischen Abenteurer mit Sinn für kuriose Geschichten zieht es nach Venedig, der seiner Meinung nach melancholischsten und einsamsten Stadt der Welt. Doch in dem kleinen Apartment im gar nicht so touristischen Stadtviertel Dorsoduro hofft er die schreckliche Last der Einsamkeit lindern zu können, als er die geheimnisvolle wie wunderschöne Japanerin Keiko kennenlernt, die auf ihre eigene Weise mit der Einsamkeit umgeht: Ihre Liebhaber sucht sie sich nur für eine Nacht und nach der Schönheit der Verse aus, die ihr ihre Verehrer zukommen lassen.
Bruno hat es sich zur Aufgabe gemacht, Keiko mit immer neuen außergewöhnlichen Geschichten zu betören, beispielsweise mit der über den Argentinier Horacio Ricott, der Bücher statt Medikamente verschreibt, über den argentinischen Fußball-Moderator Ricardo Kublait und den Jungen namens Lucas, der in einer Zeit, als der für jedes gesprochene oder geschriebene Wort bezahlt werden muss, Wörter schmuggelt, um der wunderschönen Clara seine Liebe zu gestehen.
In einer weiteren Geschichte heuert Bruno in einem Genfer Hotel als Barkeeper an, wo er vor allem dafür sorgen muss, dass der Pianist, der nie auch nur eine Note falsch spielt, immer genügend Whisky in seinem Glas hat, und eine wohlhabende Dame kennenlernt, die eine besondere Vorliebe für Champagner hegt.
Und dann ist Bruno der mysteriösen Figur des Traumjägers auf der Spur, von dem er erstmals durch einen alten Mann am Ufer des Atitlán-Sees gehört hat. Der Legende nach soll der Traumjäger sich unvermittelt einem Menschen vorstellen, ihn nach seinen Träumen fragen, um dann den Berg hinaufzusteigen und einem den Traum zu verwirklichen.
„Die Geschichte des alten Mannes und der Traumjäger faszinierte mich. Allein der Gedanke an die Existenz einer magischen Figur, die durch die Dörfer und Berge streifte und Gutes tat, traurige oder müde Menschen suchte, arme Menschen, denen das Leben übel mitgespielt hatte, um ihnen dann einen ihrer Träume zu erfüllen, wenigstens einen, erschien mir wie eine wundersame poetische Gerechtigkeit. Und wenn es diese Persönlichkeit wirklich gab, wollte ich sie kennenlernen.“ (S. 198) 
Natalio Grueso ist Regisseur sowohl am Teatro Español als auch am Institut für Performing Arts of the City of Madrid und liefert mit „Der Wörterschmuggler“ seinen ersten Roman ab, der durch seine ungewöhnliche Form überrascht. Zwar bildet der Ich-Erzähler Bruno Labastide den Mittelpunkt in dem kurzweiligen Werk, doch geht es dem Autor eher darum, Gefühle von Einsamkeit, Melancholie und der Sehnsucht nach Liebe zu vermitteln, statt eine zusammenhängende Geschichte mit ausgefeilten Charakteren zu erzählen.
Schon der Ausgangspunkt der Erzählung in Venedig mit der wunderschönen Japanerin, die ihre Geliebten allein nach poetischen Gesichtspunkten und nicht nach Aussehen oder Status auswählt, macht deutlich, wie sehr die Liebe und Erotik den Takt für die nachfolgenden Geschichten vorgibt. Die Figuren bewegen sich an illustren Orten wie Paris, Bueno Aires, Shanghai und Sankt Petersburg, sind Pianisten, Traumjäger, Kaviarschmuggler, Radiomoderation oder Auslandskorrespondenten, kleine Jungen und alte Männer oder Frauen, die einfach nur gern Champagner trinken.  
Grueso demonstriert eine feine poetische Ader, die die einzelnen Geschichten auszeichnet und der allgegenwärtigen Sehnsucht nach Liebe und der Erfüllung von Träumen melancholischen Ausdruck verleiht, aber zum Glück auch immer wieder Hoffnung.
Schön wäre es gewesen, mehr als nur kurze Momentaufnahmen aus dem Leben der skizzierten Figuren präsentiert zu bekommen. Jede einzelne Geschichte hätte wahrscheinlich das Potenzial für einen Roman gehabt. So flüchtig die einzelnen Eindrücke auch bleiben, brilliert Grueso mit magischer Sprache und außergewöhnlichen Ideen, die sich um die ganz großen menschlichen Gefühle drehen.

Mittwoch, 25. April 2018

James Patterson – (Alex Cross: 11) „Ave Maria“

(Blanvalet, 381 S., Tb.)
Der für das FBI tätige Polizeipsychologe Alex Cross genießt es, seit langer Zeit endlich mal wieder Urlaub mit seinen Kindern zu machen. Den Trip nach Disneyland nutzt er auch, um seine Geliebte Jamilla Hughes vom San Francisco Police Department im Hotel zu treffen, doch dann erfordert der Mord an der Hollywood-Schauspielerin Antonia Schifman Alex‘ Anwesenheit in Los Angeles, dem bald weitere Morde an prominenten Filmschaffenden folgen. Dazu schreibt der Täter stets eine Mail an den „Los Angeles Times“-Kolumnisten Arnold Griner, die mit dem Namen Mary Smith unterzeichnet sind.
Bei den Ermittlungen geraten nicht nur das LAPD und das FBI aneinander, Alex muss auch noch im unerwarteten Sorgerechtsstreit um Klein Alex mit seiner Ex-Frau Christine vor Gericht aussagen und hat alle Mühe, den aufdringlichen Journalisten James Truscott auf Distanz zu halten.
„Die am meisten verwendete Formel in meinem Beruf lautet: Wie plus warum ist gleich wer. Wenn ich Mary Smith kennen lernen wollte, musste ich die Unterschiede und Ähnlichkeiten bedenken – die Kombination aus beidem -, und das für jeden Tatort dieser Morde. (…) Wie groß war die Überschneidung der Persönlichkeit des Killers und der Person, die die E-Mails verschickte? Wie ehrlich – ein besseres Wort fiel mir im Moment nicht ein – waren Mary Smiths Schreiben?“ (S. 143) 
In seinem bereits elften Fall hat der 41-jährige Alex Cross wieder mal alle Hände voll zu tun, sein turbulentes Familienleben mit seinem aufreibenden und wieder mal lebensgefährlichen Beruf unter einen Hut zu bringen. Bestseller-Autor James Patterson ist sicher ein Meister des rasanten und leicht zu lesenden Thrillers und führt sein Publikum auch in „Ave Maria“ durch 120 (!) sehr kurze Kapitel, in denen stets nur kurze Momentaufnahmen des Plots abgebildet werden. Ein tiefer Blick in die Ermittlungsarbeit oder in die Psyche der Figuren wird so nicht gewährt.
Die Spannung bezieht die Story tatsächlich aus der Frage, ob sich hinter dem Täter tatsächlich eine Frau verbirgt oder doch eher ein Mann eine falsche Fährte zu legen versucht. Abgesehen von den skrupellos ausgeführten Morden, bei denen auch noch meist die Gesichter der Opfer bis zur Unkenntlichkeit zerschnitten worden sind, bietet „Ave Maria“ aber auch eher konventionell konstruierte Thriller-Unterhaltung, bei der die familiären Ereignisse beinahe interessanter sind als die Aufklärung der Mary-Smith-Morde.
Vor allem beim hastig hingerotzten Finale werden die Schwächen des Thrillers offensichtlich, weil die überraschenden Wendungen wenig glaubwürdig wirken. 
Leseprobe James Patterson - "Ave Maria"

Montag, 23. April 2018

James Lee Burke – (Dave Robicheaux: 6) „Im Schatten der Mangroven“

(Pendragon, 542 S., Pb.)
Hollywood-Produzent Mike Goldberg produziert in New Iberia mit Star-Schauspieler Elrod Sykes einen Film und lässt die Geschäftsleute in der Gegend von einem Geldregen träumen. Dass auch der berüchtigte Mafioso Julie Balboni dabei seine Finger im Spiel hat, stört zunächst niemanden, doch dann muss Dave Robicheaux den Mord an der 19-jährigen Prostituierten Cherry LeBlanc aufklären, die offensichtlich zu einem ihr bekannten Mann ins Auto gestiegen ist und deren fürchterlich zugerichteter Körper im Wald aufgefunden ist. Von Balbonis Handlanger Cholo Manelli erfährt der Vietnam-Veteran, dass dieser sich mit Balboni über den Tod des Mädchens unterhalten hatte, während dieser behauptete, nichts darüber gehört oder gelesen zu haben.
Während seiner Ermittlungen wird Robicheaux aber auch noch an ein Erlebnis von vor 35 Jahren erinnert, als er in den Atchafalaya-Sümpfen Zeuge eines kaltblütigen Mordes an einem Schwarzen gewesen war. Allerdings konnte die Leiche nie gefunden, der Täter nicht gefasst werden. Ausgerechnet der alkoholsüchtige Sykes behauptet nun, die Überreste der Leiche entdeckt zu haben. Während Robicheaux einmal mehr mit den Dämonen seiner Vergangenheit konfrontiert wird, legt er sich mit einigen mächtigen Männern in Iberia Parish an und gerät so selbst ins Visier eines raffinierten Killers, der keine Skrupel hat, auch unbeteiligte Menschen zu opfern …
„Meine Erfahrungen mit Mitgliedern der Mafia und Soziopathen im Allgemeinen zeigten, dass sie ganz selbstverständlich und ohne Weiteres lügen. Sie lügen so überzeugend, weil sie es oft tun, auch wenn keinerlei Bedarf dazu besteht. Man könnte jetzt tief in die Kiste der forensischen Psychologie greifen, um zumindest ansatzweise zu verstehen, wie die Gedankenprozesse solcher Menschen ablaufen, aber genauso gut könnte man seinen Kopf in den Mikrowellenherd stecken, um tiefere Erkenntnisse über die Elektrizität zu gewinnen.“ (S. 58) 
In schöner Regelmäßigkeit beglückt uns der Bielefelder Pendragon-Verlag seit Jahren mit Neuauflagen und Erstausgaben der zurecht gefeierten Krimi-Serie um den charismatischen Südstaaten-Cop Dave Robicheaux, der nach seiner Rückkehr aus Vietnam dem Alkohol verfallen war und noch immer Probleme hat, sein Temperament zu zügeln, wenn er der Ungerechtigkeit und Gewalt in seiner Welt ohnmächtig gegenübersteht. Doch da er das Herz am rechten Fleck trägt und einen wunderbaren Ehemann für seine Jugendliebe Bootsie und Adoptivvater für Alafair abgibt, kann man dem Staatsdiener kaum böse sein. Auch in seinem sechsten Fall, der 2009 von Bertrand Tavernier mit Tommy Lee Jones und John Goodman unter dem Titel „In The Electric Mist – Mord in Louisiana“ verfilmt worden ist, schlägt Robicheaux immer wieder mal über die Stränge, schließlich entwickelt sich Julie Balboni, mit dem er aufgewachsen ist, mit seiner Filmproduktion zu einer echten Plage. Burke gelingt es meisterhaft, die komplexen Beziehungsgeflechte zwischen den Protagonisten seines Romans auf höchst stimmungsvolle Weise nachzuzeichnen, den Rassismus und das organisierte Verbrechen, Hollywood und das große Geld, Prostitution und Korruption in einen Plot zu gießen, in dem auch die FBI-Agentin Rosa Gomez eine wichtige Rolle spielt. Zusammen mit den unnachahmlichen Landschaftsbeschreibungen und dem trockenen Humor bietet „Im Schatten der Mangroven“ abgründige Krimi-Unterhaltung vom Feinsten.

Sonntag, 22. April 2018

Andrea De Carlo – „Macno“

(Diogenes, 280 S., HC)
Gerade als Macno, charismatischer Diktator eines fiktiven südamerikanischen Staates, eine weitere Version der Rede zum Dritten Jahrestag aufgenommen hat, die in einigen Wochen ausgestrahlt werden soll, nehmen die Palastwachen zwei Eindringlinge fest, die zunächst für Terroristen gehalten werden. Doch die aus München stammende, nun in New York lebende Journalistin Liza Förster und Kameramann Ted Wesley wollen nur ein Interview mit dem Präsidenten, das ihnen Macno überraschenderweise auch gewähren will. Doch einen Termin zu finden, erweist sich als äußerst schwierig.
Macno lädt die beiden Journalisten ein, in seinem Palast zu wohnen. Während sich Liza und Macno vor allem persönlich näherkommen, rückt das angestrebte Interview zunehmend in die Ferne. Stattdessen unterhält sie sich mit dem Botaniker und Schriftsteller Henry Dunnell und Macnos rechter Hand, Ottavio Larici, der offensichtlich eigene Pläne mit Liza verfolgt. Er zeigt ihr alte Videos von Macnos legendär gewordener Talk-Show „Kollisionen“, in denen er vom abgesprochenen Konzept vorher abgesprochener Fragen abwich und so dem damaligen Ministerpräsidenten vom Thron stürzte.
Doch die populistische Kritik an Korruption und Unehrlichkeit der politischen Elite scheint Macno keine lange eigene politische Karriere zu bescheren. An eigenen konkreten Ideen und Konzepten zur Verbesserung des gesellschaftlichen Klimas hat es ihm schon immer gemangelt, aber nun scheint ihm auch sein medienwirksames Charisma verloren zu gehen …
„Ottavio sagt: ‚Macno war nie ein Politiker. Er hatte weder ein politisches Programm noch ein politisches Bezugssystem, noch die Fähigkeit zur politischen Analyse – so unglaublich es klingen mag. Ihn interessierte die Welt und das Leben, wie er selbst sagte. Er hatte diese utopische und wenn du willst kindliche Vision, wie die Dinge sein könnten, wie schön das Leben sein könnte, wenn wir alle anders wären und die Umwelt anders wäre, die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Rollen und so weiter.“ (S. 224) 
Mit seinem dritten Roman nach „cream train“ und „Vögel in Käfigen und Volieren“ kreierte der Mailänder Schriftsteller Andrea De Carlo eine Mediensatire, die über dreißig Jahre danach leider nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Dabei vermeidet De Carlo konkrete Hinweise auf den politischen Führungsstil seines fiktiven Diktators. Vielmehr geht es dem Autor darum, die Scheinheiligkeit politischer Führer und Parteien zu entblößen, die kollektive Heuchelei, das strikte Verfolgen eigener Interessen, während die Menschen im Land Opfer von Plünderungen, Gewalt und Betrug wurden.
Der Plot beschränkt sich dabei fast nur auf den einen Monat, den Liza und Ted im präsidialen Palast verbringen, ohne ihrem Interview näher zu kommen, was die Ohnmacht der Medien in quasi diktatorisch geführten Staaten veranschaulicht. Letztlich gelingt es Liza nicht, ein persönliches Portrait von Macno zu zeichnen. De Carlo überzeichnet das Leben in Macnos Palast auf fast comichafte Weise, wenn Macno von all den berühmten Künstlern, Schauspielern und Prominenten, die sich auf den Festen und Empfängen vergnügen, nur angewidert ist, doch einen Ausweg bietet der Autor auch nicht an. Ähnlich wie sein titelgebender Protagonist beschränkt sich De Carlo auf die wenig schmeichelhafte Beschreibung des Ist-Zustandes und sorgt mit der eingestreuten Affäre für noch mehr triviale Ablenkung, als es Macno und sein Gefolge im Palast für die Massen besorgen.

Samstag, 21. April 2018

Douglas Coupland – „Spieler Eins. Roman in 5 Stunden“

(Tropen, 246 S., HC)
Die fast vierzigjährige Karen fliegt nach Toronto, um sich in der Cocktail-Lounge des Camelot-Hotels am Flughafen mit ihrem Blinddate Warren zu treffen. Dort wartet der als Barkeeper arbeitende trockene Alkoholiker Rick darauf, den Motivations-Guru Leslie Freemont zu treffen, ihm achttausendfünfhundert Dollar in bar in die Hand zu drücken, damit der 37-jährige, etwas niedergeschlagene Rick an dessen Power Dynamics Seminar teilnehmen kann. Luke wiederum, Pfarrer der Kirche des Neuen Glaubens, brütet bei einigen Whiskeys über seine Zukunft nach, nachdem er mit den 20.000 Dollar aus der Spendenkasse seiner Kirche das Weite gesucht hat.
Die autistische Rachel leidet darunter, dass sie zu keinen menschlichen Regungen fähig ist, keine Kunst und keinen Humor versteht. Sie ist auf der Suche nach einem Mann, der sie schwängert, weil sie hofft, als Mutter von ihrem Vater als vollwertiger Mensch akzeptiert zu werden.
Doch dann wird Karens Blinddate Warren vor der Bar von einem religiös motivierten Heckenschützen getötet, dann sorgt eine Giftgaswolke für Katastrophenstimmung, und ausgerechnet der Todesschütze Bertis verlangt Einlass in die nun hermetisch abgeriegelte Bar, in der die Besucher auf dem Fernsehbildschirm beobachten, wie der Ölpreis in die Höhe schnellt. Eingeschlossen in einer Bar, in der eigentlich niemand mehr sein möchte, beginnen Karen, Rachel, Luke, Rick und Bertis Allianzen zu schmieden und über den Sinn des Lebens zu philosophieren. So kommt der ehemaliger Pfarrer Luke zum Schluss:
„,Mit zwanzig weiß man, dass kein Rockstar mehr aus einem wird. Mit fünfundzwanzig weiß man, dass man es weder zum Zahnarzt noch zu sonst etwas Anständigem bringen wird. Und mit dreißig beginnt sich die Dunkelheit auf einen herabzusenken – man fragt sich, ob einem je ein erfülltes Leben beschieden sein wird, von Wohlstand und Erfolg ganz zu schweigen. Mit fünfunddreißig weiß man im Grunde, was man für den Rest des Lebens zu erwarten hat, und ergibt sich in sein Schicksal.“ (S. 105f.) 
Gleich mit seinem Romandebüt „Generation X“ avancierte Douglas Coupland Anfang der 1990er Jahre zum Sprachrohr für eine ganze Generation. In späteren Werken wie „Shampoo Planet“ und „Generation A“ hat es der kanadische Autor und Künstler immer wieder verstanden, das Lebensgefühl spezifischer Bevölkerungsgruppen und Generationen einzufangen, wobei er immer wieder religiöse, sexuelle, popkulturelle und virtuelle Thematiken verarbeitet.
In seinem 2010 veröffentlichten und zwei Jahre später bei Tropen/Klett-Cotta in deutscher Sprache erschienenen Roman „Spieler Eins. Roman in 5 Stunden“ entwirft Coupland einmal mehr ein postapokalyptisches Szenario, dessen Handlung einen recht überschaubaren Rahmen von fünf Stunden abdeckt und an sich wenig spektakulär erscheint.
Viel spannender als der für das Genre eher konventionelle Plot sind die ganz unterschiedlichen Figuren, die der Autor in einer Flughafenbar aufeinandertreffen lässt und ihnen eine je eigene Stimme verleiht – ergänzt durch Rachels Avatar „Spieler Eins“, der einen Blick auf die zukünftigen Ereignisse wirft und sie im weiteren Verlauf in einen Zusammenhang bringt.
Die Gespräche, die vor allem die autistische Rachel mit Fragen in Gang bringt, die sie auf ihrem Kompetenz-Seminar erlernt hat, geht die bunt zusammengewürfelte Truppe der Bedeutung des Lebens auf den Grund, wobei vor allem diskutiert wird, welche Rolle Gott darin spielt. Dabei gelingen Coupland immer wieder bemerkenswerte Aussagen, die den Leser mehr als nur inspirieren, sein eigenes Leben und das, was er daraus macht, zu reflektieren.
Leseprobe Douglas Coupland - "Spieler Eins"