(Goldmann, 286 S., Tb.)
Als Frontmann, Gitarrist und Trompeter der 1985 gegründeten
Rockband Element of Crime hat der aus Bremen stammende Sven Regener bereits
auf unzähligen Konzerten die Befindlichkeiten in Deutschland wahrnehmen können.
2001 veröffentlichte Regener mit „Herr Lehmann“ seinen ersten
Roman, der sich nach der Vorstellung in Marcel Reich-Ranickis „Das
Literarische Quartett“ zu einem imponierenden Verkaufsschlager entwickelte und
2003 von Leander Haußmann mit dem ehemaligen MTV-Moderator Christian
Ulmen in der Hauptrolle auch erfolgreich verfilmt wurde.
Der fast dreißigjährige Frank Lehmann, der von Freunden und
Bekannten nur mehr „Herr Lehmann“ genannt wird, geht gerade nach seiner Schicht
in der Bar „Einfall“ über den Lausitzer Platz nach Hause, als er einem offensichtlich
gerade herrenlosen, ebenso großen wie sabbernden, hässlichen und knurrenden
Hund begegnet und diesen mit Whiskey gefügig zu machen versucht, als er von
einer Polizeistreife bemerkt wird. Bevor er aber wegen Tierquälerei
festgenommen wird, darf Herr Lehmann seiner Wege ziehen. Noch mehr Unmut
entwickelt Herr Lehmann, als ihn seine Mutter aus Bremen anruft und einen
Besuch ankündigt, den ersten, seit ihr Sohn nach Berlin gezogen ist. Um diesen
Schrecken zu verdauen, zieht es Herrn Lehmann in die „Markthalle“, wo er nicht
nur seinen besten Kumpel Karl trifft, sondern auch die Köchin Katrin kennenlernt,
mit der er sich zunächst über den morgendlichen Verzehr von Schweinebraten
streitet, sich dabei aber in sie verliebt.
Als Frank Lehmanns Eltern in Berlin ankommen, holt er diese
in ihrem Hotel ab und da er ihnen zuvor fälschlicherweise erzählt hatte,
Geschäftsführer der „Markthalle“ zu sein, bestehen sie darauf, dort gemeinsam
zu Abend zu essen. Frank gelingt es, die Illusion aufrechtzuerhalten, und wird
am Ende des Abends von seinen Eltern gebeten, nach Ost-Berlin zu fahren, um
einer Cousine Geld zu überbringen, doch wird er von den Zollbeamten wegen
Schmuggelverdachts in den Westen zurückgeschickt, wo er die nächste böse
Überraschung erlebt…
„So viele Dinge liefen falsch in letzter Zeit, und er war sich nicht sicher, ob die Geschichte mit Katrin, so wie sie sich entwickelte, ein Lichtblick war, der den anderen Kram vergessen machen konnte. Alles ist halb, dachte er, die Prügeleien, Detlev, Luke Skywalker, der Scheiß von Erwin, Kristall-Rainer, die Kunst von Karl, die Ausstellung in Charlottenburg, das geplante Design-Studium von Katrin, die Hauptstadt der DDR, die auf seinen Besuch verzichtete, seine Arbeit im Einfall, das Publikum dort, da ist irgendwie das Feuer raus, dachte er und grübelte den Rest des Weges darüber nach, ob tatsächlich alles anders war oder ob es ihm nur so erschien, weil er sich selbst verändert hatte.“ (S. 225)
Mit „Herr Lehmann“ ist Sven Regener ein
wunderbar unkompliziertes, unprätentiöses kleines Buch gelungen, das sich ganz
auf den sehr eingeschränkten Mikrokosmos von Herrn Lehmann und seinem Bezirk
Kreuzberg beschränkt, wo er lebt und arbeitet. Genügsam wie er ist, hat er
weder besondere berufliche Ambitionen, noch erwartet er von einer Beziehung
allzu viel. Regener bleibt dabei stets bei seiner Figur, begleitet sie
durch die Arbeit im „Einfall“, bei den kauzigen Versuchen, Katrin näherzukommen,
durch die kleinen Stolpersteine, die das Leben für ihn bereithält. Der Plot ist
dabei so überschaubar wie der Aktionsradius von Herrn Lehmann. Seinen
besonderen Charme gewinnt das Buch durch die humorvollen Dialoge und die feinsinnigen
Beschreibungen des Milieus. Interessant ist auch der Umstand, dass die Wende, das
Öffnen der Mauer, wie nebenbei abgehandelt wird und die östliche Perspektive
komplett außen vorgelassen wird. Dafür ist Regener mit Herrn Lehmann eine Kultfigur
gelungen, die man nicht mehr so schnell vergisst.















