(Heyne, 520 S., HC)
Kaum hatte Stephen King seit Mitte der 1970er Jahre seinen
Durchbruch als Schriftsteller mit den Romanen „Carrie“ (1974), „Brennen
muss Salem“ (1975) und „The Shining“ (1977), da überarbeitete
er seine vorangegangenen, von den Verlagen abgelehnten Bücher und
veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Richard Bachman – nicht nur, um den
Markt nicht mit den Büchern des „King of Horror“ zu überschwemmen, sondern auch
um zu sehen, ob sich die Bücher auch verkaufen, wenn nicht Stephen King
drauf steht. Zwar waren auch die Bachman-Romane „Amok“ (1977),
„Todesmarsch“ (1979), „Sprengstoff“ (1981), „Menschenjagd“
(1982) und „Der Fluch“ (1984) an sich erfolgreich, doch vervielfachten
sich natürlich die Verkaufszahlen, als bekannt wurde, dass Stephen King hinter
dem Pseudonym stand. 1986 ließen King und sein Verleger Bachman
einen „Pseudonymkrebs“ sterben, doch wie durch ein Wunder fand man in seinen
Hinterlassenschaften 1994 einen Karton mit mehr oder weniger fortgeschrittenen
Manuskripten. Bei „Regulator“ handelt es sich um eine Art Zwillingsroman
zu „Desperation“ von Stephen King, doch erreicht der sechste Bachman
längst nicht die Qualität weder von „Desperation“ noch der unzählig
anderen Romane von Stephen King.
Niemand ahnt etwas Böses an diesem ruhigen Sommertag in der
Poplar Street der Kleinstadt Wenthworth in Ohio, als der vierzehnjährige Cary
Ripton wie jeden Montag den Wentworth Shopper zustellt. Mrs. Carver
versagt kläglich, die ihr zugeworfene Zeitung zu fangen, während ihr bei der
Post arbeitende Mann David den Wagen in der Einfahrt wäscht. Außerdem leben noch
der Schriftsteller John Merinville, die Witwe Audrey Wyler und ihr autistischer
Neffe Seth Garin, die beiden allseits beliebten Schwarzen Brad und Belinda
Josephson, die Bohemians Gary und Marielle Soderson und der an der Ohio State lehrende
Peter Jackson mit seiner Frau Mary, Cammy Reed mit den Zwillingen Jim und Dave
sowie der Ex-Cop Collie Entragian. Cary hat seine Runde in der Poplar Street noch
nicht beendet, da taucht ein grellroter Lieferwagen in der Straße auf. Eine
doppelläufige Flinte, die aus dem Seitenfenster des Wagens hinausgestreckt wird,
erledigt den Jungen. Doch das ist erst der Anfang eines Massakers, das seinen Ursprung
in dem übernatürlichen Wesen Tak hat, das sich Seth während des Besuchs einer
Silbermine in Desperation bemächtigte. Fortan spielen sich in der Poplar Street
unheimliche Ereignisse statt, die auf einer anderen Realitätsebene Momente des Western
„Die Regulatoren“ von 1958 und der Science-Fiction-Serie „MotoKops 2200“ miteinander
verbindet…
„Einen Augenblick glaubte es tatsächlich, Seth könnte fort sein … aber das war unmöglich. Sie waren inzwischen vollständig miteinander verschmolzen, Partner in einer Beziehung, die so symbiotisch war wie von an der Wirbelsäule zusammengewachsenen siamesischen Zwillingen. Wenn Seth diesen Körper verließ, würden alle gemeinschaftlichen Systeme – Herz, Lungen, Ausscheidung, Zellbildung, Hirnwellenfunktionen – zusammenbrechen. Tak könnte sie ebenso wenig aufrechterhalten wie ein Astronaut die Tausende komplizierter Systeme, die ihn zunächst ins All katapultierten und ihn dann dort in einer stabilen Umgebung hielten. Seth war der Computer, und ohne ihn würde der Anwender sterben.“ (S. 361)
Stephen Kings Romane leben vor allem davon, dass der
Autor normalerweise viel Zeit dafür aufbringt, seine Figuren ausgiebig in ihrem
Alltag einzuführen, so dass das Grauen, mit dem sie recht bald konfrontiert
werden, tatsächlich glaubwürdig ist. Diese Prämisse hat King alias Bachman
in „Regulator“ außen vorgelassen. Wenn der Zeitungsjunge seine Runde durch
die Poplar Street fährt, werden zwar die Bewohner der Straße kurz vorgestellt,
doch dann wird durch den roten Lieferwagen und die Schüsse, die erst Cary, dann
auch andere in der Straße niederstrecken, ein heilloses, blutiges und schreckliches
Chaos angerichtet. Leider versäumt es der Autor, im weiteren Verlauf die überlebenden
Figuren ausführlicher vorzustellen, weshalb das Geschehen mit der surrealen
Vermischung von Science-Fiction, Western-Motiven und der fiktiven Kinderserie nur
noch lächerlich wirkt. Seine stärksten und eindringlichsten Momente hat „Regulator“
in den ausführlichen Tagebuchaufzeichnungen von Audrey Wyler und dem langen
Brief, den der Bergbauingenieur Allen Symes über die Begegnung mit Seth‘
Familie und den Ereignissen beim Besuch der China-Grube in Desperation hinterließ.
Doch das ist zu wenig, um das Interesse an dem wenig strukturierten, sehr
wirren Plot wachzuhalten.












