Heinz Strunk – „Memories of Heidelberg“

Freitag, 17. Juli 2026

(Rowohlt, 176 S., HC)
Seit der – wie ich – im jetzigen Kurort Bad Bevensen geborene Musiker, Satiriker und Schriftsteller Heinz Strunk in seinem 2004 veröffentlichten Romandebüt „Fleisch ist mein Gemüse“ seine Erfahrungen als Musiker in einer Tanzkapelle verarbeitete, leben seine Bücher vor allem von erstaunlich gut beobachteten Niedergängen ganz gewöhnlicher Typen. Nach „Ein Sommer in Niendorf“ präsentiert auch Strunks nicht mal 180 Seiten langer Kurzroman „Memories of Heidelberg“ die ebenso humorvolle wie erschreckende Geschichte einer unaufhaltsamen Katastrophe im Urlaub.
Bertram und Isolde aus Oldenburg wollen ihre in vielerlei Hinsicht über siebzehn Jahre abgeschliffene Ehe mit einem Urlaub im romantischen Heidelberg wieder in Schwung bringen. Dafür steigen sie nicht wie sonst im Fünf-Sterne-Grandhotel Europäischer Hof ab, sondern gönnen sich auf eine Freundesempfehlung hin die 500 Euro teure Deluxe-Suite in einem direkt am Neckar gelegenen Boutique-Hotel. Eigentlich war die Reise anlässlich des 80. Geburtstags von Isoldes Mutter angetreten worden, doch da diese im Krankenhaus auf der Intensivstation verweilt, muss sich das in die Jahre gekommene Ehepaar mit sich selbst begnügen. Nach der sechsstündigen Autofahrt ist die Rezeption des Hotels allerdings nicht mehr besetzt, Bertram und Isolde müssen ihren Schlüssel auf dem nahegelegenen Schiffsrestaurant abholen. Die Suite im überteuerten Boutique-Hotel enttäuscht auf ganzer Linie, dafür freunden sich die Gäste aus Oldenburg gleich mit dem Restaurant-Chef Enrico an, der sie zunächst noch zu einem Getränk aufs Haus einlädt, im Verlauf der weiteren Urlaubswoche aber immer absurdere Preise verlangt, unfreundlich wird und die Dauerschleife allzu bekannter Schlager schließlich auf

„Er sehnt sich so sehr danach, dass zwischen ihnen wieder alles in Ordnung kommt. Sie müssten sich mal aussprechen, den in vielen Jahren gewachsenen Berg aus Streit, Enttäuschungen und Missverständnissen abtragen. Aber er hat keine Ahnung, wo er anfangen soll. Es steht so viel Unausgesprochenes zwischen ihnen, eine Chinesische Mauer aus Worten, die droht, irgendwann auf sie niederzustürzen und sie unter sich zu begraben.“

Mit dem Glück, das Peggy March in ihrem fast schon vergessenen Schlager-Hit „Memories of Heidelberg“ heraufbeschwört, hat so gar nichts mit der an sich sehr deprimierenden Erzählung zu tun, die uns Heinz Strunk („Der goldene Handschuh“, „Jürgen“) hier präsentiert. Stattdessen stellt er uns ein Horrorszenario allzu vertrauter Eheleute vor, die sich nach fast zwei Jahrzehnten kaum noch etwas zu sagen haben – von Sex ganz zu schweigen. Genüsslich seziert der Autor mit gewohnter sprachlicher Finesse die Tücken und Fallstricke ehelichen Alltags, wenn man sich über die harmlosesten Dinge zu streiten beginnt und den Partner/die Partnerin nur noch erwürgen möchte. So sehr man sich wünscht, in der eigenen Beziehung souverän diese gefährlichen Klippen umschiffen zu können, lässt Strunk sein Paar frontal und ungehemmt in die Katastrophe schlittern, was allerdings auch gerade Bertrams fehlender Selbstbeherrschung und Courage geschuldet ist. „Memories of Heidelberg“ ist ein typischer Strunk, bei aller Kürze zwar auch tatsächlich überwiegend kurzweilig und witzig, aber nicht besonders originell in der sehr überschaubaren Handlung und allzu vorhersehbar. Zudem gönnt man dem alternden Paar fast schon sein Unglück, so unsympathisch und kleinkariert präsentieren sich die Vorzeige-Spießer in der bildschönen Kurpfalz.

Dave Eggers – „Contrapposto“

Donnerstag, 9. Juli 2026

(Kiepenheuer & Witsch, 496 S., HC)
Bereits mit seinem Debütroman „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität: eine wahre Geschichte“ präsentierte der studierte Journalist Dave Eggers eine autobiografisch gefärbte Geschichte. Stand in dem 2000 veröffentlichten Erstling noch das Schicksal des im Roman 22-jährigen Autors nach dem Krebstod seiner Eltern im Mittelpunkt der Geschichte, widmet sich der American Book Award-Preisträger, der auch Drehbücher zu Filmen wie „Away We Go – Auf nach Irgendwo“, „Wo die wilden Kerle wohnen“ und „The Circle“ schrieb, in seinem neuen Roman „Contrapposto“ einer langjährigen Freundschaft in Kunstkreisen.
Während der weißen Winter des Mittleren Westens wird der junge Robert von seinem Großvater Silas zum Malen animiert und durch ein Buch mit der Kunst von Manet vertraut gemacht. Das Klicken, das Rob als Vorbote einer Entscheidung von sich gibt, trägt ihm den Spitznamen Cricket ein, weil dieses Geräusch wie die Grillen klingt, meint sein Großvater. Für den neunjährigen Cricket, der sich durch seinen neuen Namen auch von dem gewalttätigen Freund seiner Mutter, der ebenfalls Robert heißt, unterscheiden kann, erschließt sich durch das Malen und Zeichnen eine neue Welt, vor allem nach dem Tod seines Großvaters. Seine Mutter schickt ihn zu zwei rumänischen Schwestern, die drei Straßen weiter in einem Backsteinhaus wohnen. Während Madelena Klavierunterricht gibt, lernt Cricket bei der stilleren Oana mit Zeichenkohle und Leinwandkarton umzugehen und Stillleben von Obst zu zeichnen. Als Teenager gewinnt Cricket bereits einen Kunstwettbewerb. Doch für seine Karriere als Künstler erweist sich vor allem die Freundschaft+ mit der temperamentvollen Olympia als Katalysator. Von Kindheit an verbindet die beiden kunstbegeisterten Menschen eine intensive Beziehung, die auch nach jahrelanger Trennung beim Wiedersehen sofort an Fahrt aufnimmt. Seit Olympia bei Cricket bereits im Teenageralter eine Sauerei angerichtet hat, als sie ihre Hand nur auf die Hose des Jungen im Schrittbereich legte, vergnügen sich die beiden trotz bestehender Beziehungen miteinander, wobei sich ihre Wege mal in Thailand, mal in Paris kreuzen, über 65 Jahre lang. Doch mehr noch als durch Sex ist ihre Freundschaft durch die Liebe zur Kunst geprägt…

„Wir haben unförmige Ideen in eine erkennbare Form gezwungen, wir haben Fleisch auf Leinwand schöngemalt – sogar glorifiziert, etwas geschaffen, das über uns hinausweist. Wenn wir versagen, sind wir ungeschickte Möchtegernkünstler. (…) Was ihm in diesem Moment und jahrelang danach verborgen bleiben sollte: Nur das zählte. Diese Stunden. Die Stunden der Schöpfung und die Stunden, in denen er sich am Feuer seiner Schöpfung wärmte. Allein, dass er Ekstase spüren konnte, aus sich selbst heraus, aus dem Nichts.“

„Contrapposto“ bezeichnet die dynamische, asymmetrische Gewichtsverlagerung in der Kunst und bringt die wechselhafte Beziehung der beiden Protagonisten in Eggers‘ neuen Roman perfekt auf den Punkt. Über knapp 500 Seiten verfolgen wir episodenhaft die wichtigsten Stationen vor allem in Crickets Leben, vom prägenden Einfluss seines Großvaters in der Kindheit über die erste Auftragsarbeit für pornografische Banner als Teenager bis zu den einzelnen Etappen seiner künstlerischen Karriere. Was Olympia in der Zwischenzeit widerfahren ist, erfahren wir rückblickend kurz und knapp beim Wiedersehen nach jahrelanger Trennung. 
Die unorthodoxen Begegnungen und Dialoge über Kunst und ihre Beziehungen (ihre eigene und diejenigen, die sie mit anderen Partnern führen) machen „Contrapposto“ zu einem feinsinnigen, humorvollen und kenntnisreichen Lesegenuss, wobei die konstitutionelle Kunstszene auch mit amüsanten Seitenheben belegt wird. Dabei kann Eggers, der das Buch mit eigenen Illustrationen versehen hat, einmal auf seine eigenen Erfahrungen im Kunstbereich verweisen, belegte er doch schon an University of Illinois Kunstkurse und hatte eigene Ausstellungen.

 

Philippe Djian – „Offene Rechnung“

Mittwoch, 24. Juni 2026

(Diogenes, 256 S., HC)
Mit Romanen wie „Blau wie die Hölle“, „Erogene Zone“ und vor allem dem erfolgreich verfilmten „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“ avancierte der französische Schriftsteller Philippe Djian mit seinem flüssigem Schreibstil und erotisch geprägten Plots in den 1980er Jahren zum Kultautor einer ganzen Generation. Produktiv ist der mittlerweile 77-jährige Franzose nach wie vor, fast jährlich schiebt er einen neuen Roman nach. Seinem Stil ist er treu geblieben, nur der Sex scheint nicht mehr ganz so wichtig zu sein, wie das Schicksal des Protagonisten in seinem neuen, im Original bereits 2023 veröffentlichten Roman „Offene Rechnung“ nahelegt, oder vielleicht doch?
Seit der Chefredakteur Rodolphe vor einem halben Jahr verkündete, dass die Redaktion der Lokalzeitung Der Morgen verkleinert werden müsse, befindet sich nicht nur Nathans Journalistenlaufbahn am Tiefpunkt. Zwar lebt er noch mit seiner Frau Sylvia zusammen, doch seit der missglückten Vasektomie bekommt Nathan keine Erektion mehr, was die Beziehung ebenso belastete wie die ständigen Streitereien zwischen seiner Frau und ihrer Mutter Gaby, der auch noch die Zeitung gehört, für die Nathan nur noch gelegentlich schreiben darf. Gaby, die auch noch eine renommierte Dichterin ist, lebt im Gartenhaus auf dem Grundstück und hat vor allem damit zu kämpfen, dass die Investorengruppe um den machthungrigen, skrupellosen Senator Brunevigne alles daransetzt, Gaby die Zeitung abzukaufen. Während Nathan an einer Reportage über eine Frau arbeitet, die sich im Wald verlaufen hat und sich an nichts mehr erinnern konnte, seit sie aufgefunden wurde. Pikanterweise arbeitet diese Wanderin, Nicole, seit Jahren für die Brunevignes. Während Nathan an der Geschichte arbeitet, wird nicht nur Nicole zudringlich, auch ihre Arbeitgeberin Barbara, die sich von ihrem Mann längst entfremdet hat, interessiert sich für Nathan, entblößt ihre schönen Brüste vor ihm und würde sich gern auf mehr einlassen. Als wäre es nicht schon kompliziert genug, sorgen dramatische Ereignisse für eine Zuspitzung der Verhältnisse, die Nathan zu den Frauen in seinem Leben unterhält…

„Barbara gehört zu den Frauen, nach denen man sich umdreht, und das ist auch jetzt noch so. Ich habe dennoch fast den Impuls zurückzuweichen. Wie wenn ich meine Lippen in schales Bier tauche. Sie spürt das und schaut mich an. Ich habe das Gefühl, mit ihr noch nicht fertig zu sein. Ich sollte es mir mit ihr nicht verderben. Das käme meinem Todesurteil gleich, schätze ich.“ (S. 188)

Djian hält sich auch bei „Offene Rechnung“ nicht lange mit einer Einleitung auf. Wir sind sofort mittendrin im Geschehen. Der Ich-Erzähler Nathan umreißt kurz seine berufliche Misslage, dann das schwierige Verhältnis zu seiner Frau und seiner Schwiegermutter, wenig später greifen auch Nicole und Barbara in das turbulente Beziehungskarussell ein, das ironischerweise davon geprägt ist, dass Nathan – zunächst – überhaupt keine sexuellen Bedürfnisse verspürt bzw. diese ansprechend befriedigen könnte. Allerdings geben gut 250 Seiten nicht genügend Raum, um sowohl die unheilvollen Übernahmeversuche der Zeitung durch den Senator und die Geschichte der erinnerungslosen Wanderin Nicole als auch die nachfolgenden tragischen Ereignisse und die zunehmend komplizierten amourösen Abenteuer unter einen Hut zu bringen. Djian begnügt sich hier mit einer fast episodenhaften Erzählstruktur. Und da wir stets die Geschichte nur aus Nathans Sicht präsentiert bekommen, bleibt zwangsläufig viel von den äußeren Ereignissen ausgespart und geheimnisvoll. So sind es vor allem der unvergleichliche, nach wie vor spritzige Stil des Autors und sein ausgeprägter Sinn für fast schon groteske Beziehungen, die „Offene Rechnung“ unterhaltsam machen. Es ist sicher nicht Djians bestes Werk, knüpft aber an die unbeschwerten Exzesse früherer Zeiten an.

Jim Nisbet – „Welt ohne Skrupel“

Sonntag, 21. Juni 2026

(Pulp Master, 234 S., Tb.)
Der US-Amerikaner Jim Nisbet (1947-2022) war zwar ein äußerst produktiver Autor von Sachbüchern, Lyrik, Theaterstücken, Artikeln, Essays und Kurzgeschichten, aber selbst für seine fünfzehn Romane schien es ein interessiertes Publikum kaum zu geben. Ein paar seiner Romane sind immerhin von Pulp Master ins Deutsche übersetzt worden, neben „Tödliche Injektion“, „Dunkler Gefährte“ und „Der Krake auf meinem Kopf“ ist auch einer von Nisbets letzten Romanen – „Welt ohne Skrupel“ – hierzulande verlegt worden.
Der in San Francisco lebende und wirkende Kleinganove Klinger verdient sich seinen Lebensunterhalt durch Überfälle auf Minimärkte und das Abziehen betrunkener Fremder auf der Straße, so dass er sich nicht nur seine tägliche Ration an Kaffee, Zigaretten und ein paar Drinks in der Bar leisten kann, sondern wenn möglich auch eine Unterkunft für die Nacht. Wenn er gleich für eine ganze Woche die Bleibe mieten kann, umso besser. Ansonsten hilft auch seine Ex Mary Fiducione aus, die sehr erfolgreich im App-Entwicklungs-Geschäft tätig ist. Dank ihrer Großzügigkeit kann sich Klinger in seiner Stammkneipe Hawse Hole mit einhundertzwanzig Dollar in der Tasche ein paar chinesische Wodkas mit fünfzig Volumenprozent gönnen. Als er auf der Straße zufällig seinem alten Kumpel Frankie Geeze begegnet, der gerade aus dem Knast entlassen worden ist, tauschen sie bei ein paar Drinks im Hawse Hole ihre Geschichten aus, dann zocken sie auf der Straße den App-Designer Phillip Wong ab, doch bei der anschließenden körperlichen Auseinandersetzung geht Frankie k.o., an Wongs Telefon, das sich nun in Klingers Besitz befindet, meldet sich Wongs Partnerin Marci. Sie bietet ihm eine Belohnung von tausend Dollar ein, wenn er das Passwort für Wongs Telefon besorgt. Für Klinger beginnt damit eine abenteuerliche Odyssee…

„Klinger kam ins Grübeln. Auf der einen Seite hatte er womöglich die Chance fahren lassen, mehr Kapital aus der Aktion von vergangener Nacht zu schlagen. Etwas Simples wie eine Belohnung, möglicherweise. Auf der anderen Seite konnte er so wohl einer drohenden Anklage entgehen. Totschlag in Zusammenhang mit einer begangenen Straftat, zum Beispiel, sofern es sich um Totschlag gehandelt hatte. Allerdings schien die Schwere von Letzterem mehr zu wiegen als die vom Ersteren. Waren diese Person und das verfluchte Telefon erst mal über alle Berge, würde er sich in einem anderen Domizil für Flöhe wieder den sorgenvollen Gedanken über seine Existenz hingeben und wäre, zumindest was diese Frau betraf, quasi für immer verschwunden. Was ihn betraf, würde diese Person nur ein weiteres lebendes Geschoss sein, dem er auf dem Hindernislauf des Lebens hatte ausweichen müssen.“ (S. 133)

Der 2013 veröffentlichte Roman „Snitch World“ – so der Originaltitel – führt sehr anschaulich vor Augen, warum Jim Nisbet kein Autor für das konventionelle Thriller-Publikum ist. Zwar bekommt Nisbets Publikum eine Episode aus Klingers verkorkstem Leben als Kleinkrimineller präsentiert, aber keinen Whoduinit-Plot oder etwas ähnlich Spannendes. Das im Mittelpunkt stehende Telefon eines überaus versierten App-Programmierers dient eher als MacGuffin, um überhaupt eine Geschichte in Gang zu bringen, die alles andere als spannend ist. Vielmehr stellt „Welt ohne Skrupel“ einen modernen Noir-Antihelden dar, der sich am Bodensatz der Gesellschaft bewegt und einer skrupellosen New-Economy-Managerin hilflos ausgeliefert wird. Das bietet Raum für wunderbar atmosphärische Beschreibungen des Nachtlebens in den finstereren Gegenden von San Francisco und vor allem für herrlich schwarzhumorige Dialoge und existentialistischen Gedanken, mit denen sich der Protagonist durch das Leben schlägt, immer im Angesicht der nächsten Niederlage.

Paul Freeman – „Laster und Tugend“

Mittwoch, 17. Juni 2026

(Pulp Master, 340 S., Tb.)
Der Brite Paul Freeman hat als Korrespondent für britische Magazine in Saudi-Arabien gearbeitet, war vorher aber auch Englischlehrer im Sudan, Kuwait, Ägypten und in Simbabwe, so dass er eine große Expertise über das Leben in Afrika und Saudi-Arabien erworben hat. Die kommt auch in seinem 2008 veröffentlichten Roman „Vice & Virtue“ zum Tragen, der zwei Jahre später beim Berliner Pulp Master Verlag unter dem Titel „Laster und Tugend“ aufgelegt wurde und das Leben abseits der touristischen Attraktionen in Saudi-Arabien beschreibt.
Als auf dem Parkplatz eines Shopping-Centers im saudi-arabischen Al-Khobar eine Autobombe detoniert, wird nicht nur der zerfetzte Körper des amerikanischen Ingenieurs Duncan McCready sichergestellt, sondern auch Hochprozentiges und Zuckersäcke, die den Toten mit der florierenden Schwarzbrennerei in Verbindung bringen. Alkohol ist in dem Land mit 5000 „Prinzen“ nämlich ebenso verboten wie Pornografie, Drogen, nicht-islamische religiöse Traktate und Druckerzeugnisse, die den Islam oder Saudi-Arabien verunglimpfen. Der britische Reporter Peter Maddox vom Arabian Chronicle taucht am Tatort ebenso auf wie sein Konkurrent Bentley Gorman von der Kingdom Tribune. Im Gegensatz zu Maddox hat Gorman eine tiefe Abneigung gegen den Lebensstil der Westler in Saudi-Arabien entwickelt, die er für Rassisten hält. Maddox schaut sich in der Siedlung um, in der sich nur wohlhabende Ausländer die unverschämt hohen Mieten leisten konnten und die bei den konservativeren Saudis als wahres Sodom und Gomorrha betrachtet wurden. Für Maddox geht es nun darum herauszufinden, ob der Mord an McCreary auf das Konto eines anderen westlichen Alkoholschmugglers ging oder von Fundamentalisten ging. Sein wohlmeinender Chefredakteur Sanju stellt Maddox den ebenfalls aus England kommenden zugereisten Redakteur Barry Kennedy zur Seite, dem der altgediente Redakteur erst einmal die gesellschaftlichen Regeln erklären muss. Doch dann geraten sie bei ihren Recherchen in ein Hornissennest aus Korruption, Verrat und Gier…

„Khalid wollte, dass er tief schürfte. Jede hergestellte Verbindung zwischen McCreadys Tod und islamistischen Fundamentalisten würde die Regierung jedoch in eine peinliche Lage bringen. Schlimmer noch: Eine nachgewiesene Verbindung würde das bereits angespannte Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und seinen westlichen Verbündeten zusätzlich belasten. Maddox verweigerte sich dem Gedanken, dass man ihm den Schwarzen Peter dafür zuschieben könnte.“ (S. 58)

Paul Freeman („Die Legenden von Ophir“) erweist sich in „Laster und Tugend“ als kundiger Kenner Saudi-Arabiens, und zwar gerade auch der Lebenswelten, die den westlichen Touristen in der Regel verschlossen bleiben. Sein britischer Protagonist Peter Maddox kennt beide Welten und macht seinem neuen Kollegen bei einer Rundtour – und damit auch den wahrscheinlich ebenso unkundigen Lesern – die Regeln und Gesetze in dem fremden Land dar, in dem die Religionspolizei darüber wacht, dass gerade die aus vielen Nationen kommenden Beduinen und Zugereisten die Regeln des Koran einhalten, dass vor allem die Westler nicht über die Stränge schlagen. Es ist ein Szenario, das Thriller-Plots à la Hollywood gar nicht so unähnlich ist, außer dass die Maske des Glaubens alles zu verschleiern droht. Mit Peter Maddox hat Freeman dazu einen herrlich subversiven, nicht unbedingt sympathischen, aber authentisch wirkenden Protagonisten geschaffen, der sich zwar mit den örtlichen Gegebenheiten arrangiert hat und auch ironische Spitzen gegen Juroren der „Saudi Press Awards“ ablässt, aber auch unter Trennung von seiner aus Simbabwe stammenden Frau Martina und der gemeinsamen Tochter Kerry zu leiden hat. Der Roman spielt zwar im fernen Saudi-Arabien, verhandelt aber vor exotischer Kulisse ganz ähnliche Themen wie in der westlichen Hemisphäre spielenden Thriller. Das ist unterhaltsam und spannend geschrieben und eröffnet dem Publikum eine erfrischend andere Perspektive auf Verbrechen und Korruption.

 

Robert McCammon – (Matthew Corbett: 3) – „Die Jagd nach Mister Slaughter“

Samstag, 13. Juni 2026

(Luzifer Verlag, 542 S., HC)
Nachdem sich Robert R. McCammon in den 1980er Jahren noch als Horror-Schriftsteller eine erfolgreiche Nische zwischen den Genre-Größen Stephen King, Peter Straub, Dean Koontz und Clive Barker besetzt hatte, sich aber auch in anderen Genres beweisen wollte, zog er sich zunächst für einige Jahre aus dem Schriftsteller-Betrieb zurück, um sich dann mit einem Paukenschlag im Jahr 2002 mit der historischen Krimi-Reihe um den ehemaligen Gerichtsdiener Matthew Corbett zurückzumelden. Nachdem der Luzifer Verlag die ersten beiden opulenten Bände „Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal“ und „Matthew Corbett und die Königin der Verdammten“ noch gesplittet hatte, erschien das dritte Abenteuer „Matthew Corbett und die Jagd nach Mister Slaughter“ des mittlerweile berühmten New Yorker Ermittlers in einem Band.
New York im Jahr 1702. Nachdem Matthew Corbett die Machenschaften auf dem Chapel-Landsitz enthüllt hatte, ist er in zu einer lokalen Berühmtheit avanciert – nicht zuletzt durch eine Reihe von reißerischen Artikeln im „Ohrenkneifer“. Um die New Yorker Vertretung der in London gegründeten Herrald-Vertretung noch schlagkräftiger zu machen, plant Matthews Partners Hudson Greathouse den Kauf des schlagkräftigen Sklaven Zed. Dafür brauchen sie allerdings die Erlaubnis von Lord Cornbury, aus Zed einen freien Mann machen zu dürfen, und zweiunddreißig Pfund, um Zed seinem Besitzer McCaggers abzukaufen. Matthew verrät seinem Freund nicht, dass er bei der Erforschung von Chapels Landsitz neben einigen wertvollen Büchern auch eine Schatulle mit achtzig Pfund gefunden hatte. Doch bevor sich die beiden Ermittler weiter darüber den Kopf zerbrechen können, wie sie Zed aus der Sklaverei befreien können, erhalten sie den offiziellen Auftrag, den berüchtigten Massenmörder Tyranthus Slaughter vom Hospital für geistig Unzulängliche in der Nähe von Westerwicke in der New-Jersey-Kolonie zum New Yorker Gefängnis zu überführen, wo er von einem Wachtmeister der Krone in Empfang genommen wird. Von dort soll er dann mit dem nächstbesten Schiff zurück nach England gebracht werden, wo sich Slaughter für die ihm zur Last gelegten Morde, Raubüberfälle und andere Verbrechen verantworten soll. Doch nachdem Hudson und Matthew den Gefangenen in ihre Obhut genommen haben, dauert es nicht lange, bis Slaughter ihnen ein überaus reizvolles Angebot macht: Am Ende einer Abzweigung, die sie bald erreichen würden, warte eine Schatulle mit mehr als fünfzig Pfund auf sie, wenn sie ihn dort freisetzen würden. Die beiden Ermittler sind gierig genug, um sich auf den Handel einzulassen, der tragische Konsequenzen nach sich zieht: Die Schatulle explodiert beim Versuch, sie zu öffnen, Hudson wird schwer verletzt, Slaughter kann fliehen. Während Matthew alle Hebel in Bewegung setzt, Slaughter wieder einzufangen, richtet dieser weiteres Unheil auf seiner Flucht an…

„Er verfluchte seine Dummheit und seine Geldgier; er verfluchte seine Kleinlichkeit und seine Eitelkeit. Er verfluchte den schwarzen Lederbeutel mit dem roten Krakensiegel, und er verfluchte das Gold, das ihm an jenem Tag auf Chapels Landsitz so hell in die Augen geleuchtet hatte. Er hatte das Gefühl, in eine Falle getreten zu sein, die ihm mit solcher Sicherheit gestellt worden war, als hätte Professor Fell persönlich sie geplant. In solche Fallen, dachte er, tappte man leicht hinein. Aber man bezahlte die Hölle, um sich daraus zu befreien.“ (S. 236)

Bereits mit den vorangegangenen Bänden hat Robert R. McCammon bewiesen, dass er ein gutes Gespür dafür besitzt, die Zeit, in der New York noch eine junge, aber florierende Stadt war, auf atmosphärisch dichte und stimmige Weise zu beschreiben, sie mit charismatischen Figuren zu füllen und schreckliche Verbrechen von einem ambitionierten Ermittler aufklären zu lassen. Professor Fell, dem Matthew in „Matthew Corbett und die Königin der Verdammten“ mit der Zerschlagung von Chapels Landsitz eine empfindliche Schlappe beigefügt, aber eben nicht vernichtet hatte, schwebt wie ein dunkler Schatten über den Ereignissen des neuen Abenteuers, das etwas geradliniger und straffer inszeniert worden ist. Der Großteil der Handlung fokussiert sich auf Slaughters gar nicht so spektakuläre Flucht und Matthews verzweifelte Versuche, die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Natürlich grämt sich der 23-Jährige umso mehr, je mehr Menschen Slaughter auf seiner Flucht Schaden zufügt, sie verprügelt, vergewaltigt, tötet. Nach dem vorhersehbaren Finale schlägt McCammon aber einige Kapriolen zu viel und zieht die Geschichte so unnötig in die Länge, um eine raffinierte Auflösung bieten zu können. Dennoch zählt „Matthew Corbett und die Jagd nach Mister Slaughter“ fraglos zu den besten Romanen der Reihe und macht neugierig auf die Fortsetzungen.

 

Joey Goebel – „Sunset Flip“

Mittwoch, 27. Mai 2026

(Diogenes, 376 S., HC)
Seit Darren Aronofskys Meisterwerk „The Wrestler“ (2008) mit Mickey Rourke in einer Oscar-würdigen Hauptrolle als abgewrackter Wrestler haben nicht nur Fans des spektakulären Ring-Sports eine Ahnung davon bekommen, wie es hinter den Kulissen dieses Sports aussieht. Nun hat sich der verlässliche US-amerikanische Schriftsteller Joey Goebel („Ich gegen Osborne“, „Vincent“) mit seinem neuen Roman „Sunset Flip“ auf literarische Weise an eine ungewöhnliche Geschichtsschreibung gemacht.
Auggie „The Aug“ Schnuck steht im Juli 1989 kurz davor, zum Wrestling-Champion gekürt zu werden und sich mit seiner Frau Nadine den Traum von einem eigenen Haus zu erfüllen. Immerhin gibt es bereits eine Action-Figur von The Aug. Zu seinem Traum gehört aber auch, das Wrestling nur als Sprungbrett für die geplante Schauspielkarriere zu nutzen, die er mit seinem Manager Stan MacGowan bereits ausgehandelt hat. Doch Auggie ist ständig von Selbstzweifeln geplagt, oft kann er die Rollen als Lord Augustine oder The Aug, die er im Ring verkörpert, nicht mehr von seinem realen Leben unterscheiden, weshalb er umso dankbarer dafür ist, dass Nadine ihm zur Seite steht.

„Sie leuchtete, dachte er. Sie war das Leben. In diesen ersten Monaten mit Nadine fühlte Auggie sich auf einmal ganz leicht. Wie neu geboren. Als hätte er übermenschliche Kräfte. Er beschloss, weiter zu Castings zu gehen, und nahm von nun an jedes Mal ein Taschentuch mit ihrem berauschenden Duft mit. Er bat sie, sich damit überall abzureiben, zog es dann, bevor er das Gebäude betrat, heraus, atmete sie ein und dachte: Wenn ich diese Frau dazu bringen kann, mich zu lieben, dann kann ich so ziemlich alles erreichen.“ (S. 308)

Nadine, die weiterhin als Sozialarbeiterin beschäftigt ist, stand auch schon als The Augs Valet mit ihrem Mann im Ring und weiß genau, wie sich ihr Mann fühlt, und doch entfremden sich die beiden voneinander, je weiter sich Auggies Traum von einer Schauspielkarriere in Luft aufzulösen droht.
In seiner Danksagung am Ende des Buches erwähnt Goebel auch die Männer und Frauen vom WWE Wrestling, die es ihm seit seinem neunten Lebensjahr ermöglicht haben, der Realität zu entfliehen. Darum geht es auch vor allem in „Sunset Flip“ (der Titel bezieht sich übrigens auf eine klassische Wrestling-Technik, bei der Konter und Einroller oft eingesetzt werden, um einen Angriff des Gegners in einen sofortigen Pinfall umzuwandeln). Auggie, der aus schwierigen familiären Verhältnissen stammt – wie wir erst im letzten Kapitel ausführlich erfahren -, lebt mit seiner wunderschönen Frau Nadine den amerikanischen Traum, schlüpft theaterreif im Ring in verschiedene Rollen und bringt das Publikum zum Toben. Doch Goebel interessiert weniger, was im Ring geschieht, von dem jeder weiß, dass sich die Wrestler nicht wirklich wehtun, dass auch die Ergebnisse gefakt sind. Der Autor bleibt stets dicht bei seinen Figuren, vor allem bei Auggie, leuchtet aus, was die Erwartungen des Publikums und des Managers mit dem Mann machen, der einfach nur zum Film und sich nicht länger vorschreiben lassen will, wann er einen Kampf gewinnt und wann nicht. „Sunset Flip“ ist vor allem das Psychogramm eines Mannes, der Traum und Realität, Rolle und Identität kaum noch voneinander unterscheiden kann. Das beschreibt Joey Goebel in gewohnt flüssiger, eleganter Sprache, mit lebendigen Dialogen und stark gezeichneten Figuren, so dass auch Nicht-Wrestling-Fans voll auf ihre Kosten kommen.

Debra Curtis – „Die Gesetze von Logik und Liebe“

Dienstag, 19. Mai 2026

(Ullstein, 352 S., HC)
Wenn man bedenkt, dass Debra Curtis nach ihrer Anstellung als Forschungsassistentin im Fachbereich Psychiatrie an der Stanford University eine Lernschwäche diagnostiziert bekam, um dann nicht nur 25 Jahre einen Lehrstuhl für Anthropologie an der Salve Regina University zu besetzen, sondern nun auch ihren Debütroman vorlegt, kann man nur staunen angesichts des Willens, sich trotz der Legasthenie nicht unterkriegen zu lassen und seinen Weg zu machen. Mit „Die Gesetze von Logik und Liebe“ hat sie einen Liebesroman geschrieben, der ohne aufgesetzten Kitsch auskommt und die komplizierte Liebe zweier Menschen über einen Zeitraum von fünf Jahrzehnten schildert.
Anfang der 1970er, in ihrem ersten Jahr in der Oberstufe, kommen Lily und der namenlose Junge zusammen. Er gehört als Quarterback der Mannschaft von Portsmouth zu den Hoffnungsträgern im Football auf Rhode Island. Lily und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Jane müssen 1972 den Tod ihrer geliebten Mutter verdauen, während ihr Vater Martin Webb an dem Priory Internat Naturwissenschaften lehrt und Segelstunden anbietet. Der Junge verkündet bereits seine Absicht, Lily zu heiraten, als die Dinge nach einer Party am Strand aus dem Ruder laufen. David McCarren, der Sohn eines Anwalts, macht den Jungen auf Lily aufmerksam, die mit bis zum Bauch hochgeschobenen Kleid in den Dünen liegt, an ihrem Kinn Erbrochenes klebend. Der Junge schlägt McCarren bewusstlos, weil er meint, er hätte Lily vergewaltigt. Schließlich hat er damit geprahlt, Sex mit ihr gehabt zu haben. Durch den Schädelbasisbruch bleibt McCarren dauerhaft behindert, der Junge muss für drei Jahre wegen schwerer Körperverletzung ins Gefängnis. Mit dem älteren Ornithologen Marshall findet Lily eine neue Liebe, doch die Heirat kann nicht verhindern, dass Lily immer wieder an den Jungen denken muss. Das Wiedersehen führt zu einer weiteren schicksalhaften Nacht und für Lily zu der Frage, wie sie mit ihren Schuldgefühlen umgehen soll.

„Lily und der Junge waren zu jung, um etwas über die Unwägbarkeiten der Liebe, die unerwarteten Wendungen und die falschen Versprechungen für die Zukunft zu wissen. Als es um die Liebe ging, hatte ihre Unschuld sie beschützt – bis dieser Schutz nicht mehr taugte. Jahrzehnte später, als Lily sich an diese Zeit ihrer Jugend erinnerte, dachte sie unwillkürlich an das Gedicht von Longfellow: Die Flut steigt, die Flut geht zurück. Ihr Unvermögen, in jenem Moment zu verstehen, dass Veränderungen unvermeidbar waren, würde ihr noch großen Kummer bereiten.“

Debra Curtis nimmt sich viel Zeit, die wichtigsten Figuren ihres Romanerstlings einzuführen, die Webbs mit den aufgeschlossenen Schwestern Lily und Jane auf der einen Seite, den Jungen und Lilys späteren Mann Marshall auf der anderen Seite. In lockerer chronologischer Reihenfolge werden vor allem die Stationen in Lilys Leben beschrieben. Im Gegensatz zu der mathematisch begabten, aber vor allem unverbindlichen Beziehungen und Drogen zugewandten Jane scheint Lilys Leben etwas stringenter und geplanter zu verlaufen, aber schon die frühe Schwangerschaft zeigt auf, wie wenig verlässlich ihre Planungen letztlich sind. Der gewalttätige Zwischenfall am Strand zerstört dann auch gleich mehrere Leben, das des schwerverletzten David McCarren am nachhaltigsten, aber durch die Gefängnisstrafe verlieren sich der Junge und Lily für fünfzehn Jahre aus den Augen. Während wir über das Schicksal des Jungen in dieser Zeit zunächst nichts erfahren, bleibt die Autorin bei ihrer Protagonistin, die sich in den Ornithologen Marshall verliebt, aber auch immer sehr verbunden und vertraut mit ihrer unsteten Schwester bleibt. Die Beschreibungen dieser Beziehungen sind wunderbar lebhaft, die Dialoge streifen dabei Naturwissenschaftliches ebenso wie Literarisches und Mystisches. Spannend wird es natürlich durch das wiederholte Wiedersehen von Lily und dem Jungen, durch die Frage, wieviel Chancen ihre frühere Liebe noch hat, aufgefrischt und fortgesetzt zu werden. Das ist einfühlsam erzählt, wirkt aber oft so intellektualisiert, dass zu den Gefühlen und den Figuren immer etwas mehr Distanz aufgebaut wird, als es für eine mitreißende Liebesgeschichte sein sollte. 

 

Robert Seethaler – „Die Straße“

Donnerstag, 14. Mai 2026

(Claassen, 240 S., HC)
Bereits für seinen 2006 erschienenen Romanerstling „Die Biene und der Kurt“ erhielt der 1966 in Wien geborene Schriftsteller, Drehbuchautor und Schauspieler Robert Seethaler den Debütpreis des Buddenbrookhauses in Lübeck und avancierte mit seinen nachfolgenden Werken „Die weiteren Aussichten“, „Jetzt wird's ernst“ und „Der Trafikant“ zu einem der wichtigsten deutschsprachigen Autoren. Mit seinem 2014 veröffentlichten Roman „Ein ganzes Leben“ fand sich Seethaler sogar auf der Shortlist für den International Booker Prize wieder. Nun erscheint mit „Die Straße“ ein weiteres bemerkenswertes Buch des international bekannten Autors.
Fernab des städtischen Trubels liegt die Heidestraße. Das einstige Arbeiterquartier, dessen günstigen und schnell errichteten Wohnblocks zur Zielscheibe von Immobilienspekulanten geworden sind, ist Schauplatz unterschiedlichster Biografien und Begegnungen und Träume. Ein Junge im Pyjamahemd geht mit dem gespannten Gummiband zwischen seinen Fingern auf Taubenjagd. Nach dem Tod von Greta Bläulein zählt das Seniorenheim noch siebenundneunzig Bewohner, das von einer einsamen Frau geleitet wird, die sich in der Bäckerei mit süßen Leckereien von der Einsamkeit und dem Elend abzulenken versucht. Zwischen der Bäckerei und dem Magistrat versucht ein Mann, aus einer ehemaligen Kohlenhandlung ein Antiquariat zu machen, doch die Verkäufe gehen schlecht, Ungeziefer verderben seine Ware. Die führenden Geschäftsleute in der Gegend haben ein Komitee gebildet, um das alljährliche Straßenfest zu organisieren. Das unterbesetzte Kommissariat ersucht beim Landespolizeidirektor für personelle Unterstützung für das Heidefest, weil sonst nicht für Sicherheit und Ordnung gesorgt werden könne. Eine Blumenhändlerin verliebt sich in einen ihrer Kunden und malt sich aus, wem er die Blumen wohl schenken mag, die er bei ihr kauft…

„Ich hab mal gehört, Liebeskummer fühlt sich an wie eine verlorene Schlacht. Das könnte stimmen. Ich hab nicht gewusst, dass es so wehtut. Manchmal fällt mir etwas ein, ein paar Worte von ihr oder eine kurze Berührung, und dann möchte ich am liebsten ein Loch in die Wand schlagen, weil doch alles so schön war. Aber das Schlimmste ist: Ich muss ständig an die Dinge denken, die wir nie miteinander hatten.“

Ein Roman lässt sich „Die Straße“ eigentlich nicht nennen. Auf gerade mal 240 Seiten setzt Robert Seethaler Bewohner und Geschäftsleute mit ihren jeweils eigenen Gedanken auseinander. Selten erfahren wir ihre Namen oder ihre Geschichte. Stets wirft uns der Autor nur einen Happen, einen Gedankenfetzen, einen kurzen Dialog vor, aber auch Protokolle und Baupläne. Aus diesen manchmal etwas befremdlich erscheinenden, sprachlich untereinander völlig verschiedenen Mosaiksteinchen entsteht nicht nur das grob geäderte und gemusterte Bild der Heidestraße, sondern ein Abbild menschlichen Zusammenlebens und dem Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Interessen, Gedanken und Sehnsüchten, wie sie quasi in jeder Straße zwischen Berlin und Wien, Hamburg und München ausgesprochen oder angedacht werden könnten. Mit den einzelnen, oft namenlosen Figuren wird man nicht vertraut, und doch rühren sie manchmal mit ihrem angedeuteten Schicksal seltsam an, entdeckt man in ihnen eben jene Ängste, Träume und Erlebnisse, die auch wir mehr oder weniger zu teilen in der Lage sind. Es ist vor allem Seethalers eindringlicher Sprache und individueller Beschreibungskunst zu verdanken, dass diese Mosaikteilchen nicht zu unauffälligen Scherben zerfallen, sondern tief im Innern zu berühren vermögen.

 

Buddy Giovinazzo – „Cracktown“

Dienstag, 12. Mai 2026

(Pulp Master, 206 S., Tb.)
1993 erschien mit „Life Is Hot In Cracktown“ das schriftstellerische Debüt des 1960 in New York City geborenen Autors und Filmemachers Buddy Giovinazzo, der seit 1999 in Berlin lebt und als Regisseur nicht nur mehrere Folgen „Polizeiruf 110“ und „Tatort“ gedreht, sondern 2008 in Los Angeles auch sein erstes Buch verfilmt hat. Nach der deutschen Erstveröffentlichung von „Cracktown“ im Maas Verlag folgte 2011 eine Neuübersetzung bei Pulp Master, wo später auch Giovinazzos nachfolgenden Bücher „Poesie der Hölle“, „Piss in den Wind“, „Potsdamer Platz“, „Keiner lebt hier“ und „Broken Street“ erschienen sind. 
Das Leben ist cool in Cracktown. Schwaden vom Parfüm der Straße, eine Duftmischung aus Pisse und Blut, liegen in der dampfenden Luft über glühenden Bürgersteigen. Hier überlebt man nur durch Überfälle auf Geschäfte, um sich den nächsten Schuss setzen, die nächste Bazooka abfeuern zu können. Hier lebt Londa mit einem Baby im Bauch, das ihr – vermutlich - Daddy gemacht hat, der auch noch für ihre scharfkantig abgebrochenen Zähne verantwortlich ist und sie windelweich schlägt, als er sie beim Drogenkonsum erwischt.
Da haben wir Manny und Concetta, die mit Ramon ein behindertes Kind durchbringen müssen, wofür sich Manny in zwei Jobs als Wachmann in einem Hotel und an der Kasse einer Bodega abrackert, wo es zu einem tragischen Zwischenfall kommt, der das fragile Glück des Paars endgültig zerschmettert.
Miss Lonely schafft seit Jahren für Caesar an, um ihren Heroinkonsum finanzieren zu können, und träumt an diesem Abend davon, nur ein Date zu haben, ein ganz besonderes. Dafür muss sie sich zwar ordentlich ins Zeug legen und alles tun, was von ihr verlangt wird, aber das ist immer noch besser als die üblichen Fließband-Ficks im Alltag.

„Miss Lonely ist immer noch am Schweben und nimmt ihn pur; seine Hand auf ihrem Nacken, fühlt sie sich wie angeschnallt, ohne Zufluchtsort, wo man reden oder schreien oder weinen kann. Allein. Sie fühlt sich so allein, wenn sie arbeitet, hohl, ohne Herz und ohne Seele, fühlt sich wie ein Werkzeug, das sich allmählich abnutzt, aber immer noch im Gebrauch ist, weil es noch einen gewissen Wert besitzt. Sie versucht, an andere Sachen zu denken, doch ihr Verstand holt sie immer wieder zurück.“ (S. 48)

Währenddessen träumt der zehnjährige Willy von einem gemeinsamen Leben mit der zwei Jahre älteren Melody, die schon für das Crack ihrer Mutter anschaffen muss. Und dann ist da noch Marybeth, die für einen Mann ungewöhnlich viel vor der Hütte aufweisen kann und seit drei Jahren mit Benny zusammen ist, doch niemand traut sich, sie zu vermählen, nicht mal der schwule Priester von St. Elizabeth. Mit dem Geld, das sie durch Sexdienstleistungen und er durch Diebstähle verdient, stehen sie ganz gut da, doch dann nehmen sie schlechten Stoff und werden mit einem ernüchternden Test konfrontiert…
Mit seinem gerade mal 200-seitigen Debüt „Cracktown“ entführt uns Buddy Giovinazzo in die dunklen Ecken großstädtischer Slums, in denen es von Crackhuren, gescheiterten Existenzen und Brutalos nur so wimmelt. Episodenhaft reiht der Autor eine Vielzahl von Figuren ein, die er für eine Weile begleitet, um uns an ihrem von Verzweiflung, körperlichen und seelischen Demütigungen geprägten Alltag teilhaben zu lassen, der vor allem aus erniedrigenden, brutalen sexuellen Dienstleistungen, enthemmter Gewalt und exzessivem Drogenkonsum besteht. Hier ist kein Platz für hehre Träume vom großen Glück, von der erfüllenden Liebe, von einem guten Auskommen und dem beschaulichen Leben in einem trauten Heim. Giovinazzos Protagonisten erleben durch die Bank die Hölle auf Erden, Gewalt in allen nur erdenklichen Formen, brutalen Sex. Das wirkt nach einer Weile recht beliebig und auf vordergründige Gewalt-Pornografie ausgerichtet, zumal der Autor kein echtes Interesse an seinen Figuren zu haben scheint, sondern nur an den perversen, oft genug krass sexualisierten Gewaltfantasien, die diese durchleben müssen. Auf Dauer ist das einfach ermüdend und abschreckend.

 

Walter Moers – (Zamonien: 1) „Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär“

Freitag, 8. Mai 2026

(Eichborn, 704 S., HC)
Vor allem Kinder kennen Walter Moers‘ Figur des Käpt’n Blaubär aus der Puppentrickserie „Käpt’n Blaubärs Seemannsgarn“, die von 1991 bis 2012 Teil der ARD-Serie „Sendung mit der Maus“ gewesen ist. Während der Blaubär dort aber vor allem seinen Enkeln Seemannsgarn über seine zahlreichen Schiffsreisen zu erzählen hatte, nahm Moers seine populäre Figur als Aufhänger für seinen ersten Roman über den fantastischen Kontinent Zamonien und seine mannigfaltigen Wesen. „Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär“ erschien 1999 und bildet den ebenso epischen wie episodenhaften Auftakt einer einzigartigen, bis heute erfolgreichen Fantasy-Romanreihe, die mit der Figur aus der Puppentrickserie so gut wie nichts gemein hat und eher an Jugendliche und Erwachsene gerichtet ist.
Die Titelfigur beginnt seine Lebensgeschichte mit der Erinnerung, als Findelkind auf einem Ozean ausgesetzt worden zu sein, um dann von Zwergpiraten, den Herrschern des Zamonischen Ozeans, aufgegriffen zu werden, die sich vor allem durch ihre raubeinige Art und Aufschneidereien hervorgetan haben. Von ihnen lernte der Blaubär aber auch eine Vielzahl von Knoten und die verschiedenen Arten von Wellen. Da der Blaubär aber rasch größer wurde, setzten ihn die Zwergpiraten eines Tages auf einer Insel aus, die von Klabautergeistern bevölkert wurde. Nach seiner Flucht von der Insel lernte Blaubär von den Tratschwellen das Sprechen. Nach weiteren Abenteuern mit dem Tyrannowalfisch Rex und dem fliegenden Rettungssaurier namens „Deus X. Machina“ besucht Blaubär die Nachtschule von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller, wo er die beiden Freunde Qwert Zuiopü, einen Gallertprinzen aus der 2364. Dimension, und die Berghutze Fredda kennenlernt, die sich unsterblich in Blaubär verliebt. Kurz bevor Blaubär die Schule durch die Finsterberge verlassen muss, wird er von Nachtigaller mit Intelligenzbakterien infiziert, von nun an weiß er die unglaublichsten Dinge und hat eine Art Lexikon im Kopf, was ihm für seine weitere Reise durch Zamonien bis in die Stadt Atlantis und dem Leben auf dem riesigen Sklavenschiff von unschätzbarer Hilfe ist. Zu den besonderen Höhepunkten im Verlauf der ersten 13½ Leben des Blaubären zählen die Wettkämpfe der Lügengladiatoren und die Arbeit mit der Traumorgel:

„Im Gehirn des Bolloggs waren unglaubliche Eindrücke aus vorsintflutlicher Zeit abgespeichert. Bewegte Bilder von riesigen Echsen, die sich bekämpften, von Zyklopen, die mit Bergen Fußball spielten, von Vulkanausbrüchen, Erdbeben, Überschwemmungen, Meteoritenschauern, Urzeitgewittern, Sturmfluten, ausgestorbenen Ungeheuern und Kriegen mit anderen Riesenclans. Der Bollogg muss so groß gewesen sein, dass sein Kopf fast bis ins Weltall ragte, er konnte jeden einzelnen Krater auf dem Mond unterscheiden, den Mars und den Saturn sehen, ja unser ganzes Sonnensystem überblicken.“ (S. 424)

Kannte man als Erwachsener Walter Moers zuvor nur als Comic-Künstler („Schweinewelt“, „Kleines Arschloch“), präsentiert er sich in seinem Debüt als Romancier als überaus fantasiebegabter und vor allem auch sprachgewaltiger Autor, dessen Ideen rund um die fiktive Welt von Zamonien kaum zu zügeln sind. Was Moers in den 13½ Kapiteln abfackelt, würde Stoff für eine epische Fantasy-Filmreihe bieten. Als Leser bekommt man eine wilde Achterbahnfahrt durch Inseln, Wüsten, Dimensionslöcher und Städte präsentiert, dass einem schwindlig werden kann. Dass Moers Blaubärs Abenteuer in Kapiteln strukturiert und mit großartigen Illustrationen versehen hat, erhöht den Unterhaltungsfaktor des liebevoll gestalteten Buches umso mehr. 

Garry Disher – (Wyatt: 9) „Moder“

Dienstag, 5. Mai 2026

(Pulp Master, 302 S., Tb.)
Der Australier Garry Disher hat sich seit Ende der 1980er Jahre als einer der prominentesten Autoren nicht nur von Prosa- und Kriminalromanen, sondern auch Kinder-, Jugend- und Sachbüchern etabliert. Zu seinen bekanntesten Figuren zählt der Meisterdieb Wyatt, der 1991 in „Kickback“ (dt. „Gier“) seinen ersten Auftritt hinlegte und in dem 2018 veröffentlichten „Kill Shot“ (dt. „Moder“) bereits zum neunten Mal zuschlägt.
Wyatt, seit einem Jahr in Sydney ansässig, überlässt bei seinen Raubzügen, die ihm in der Regel über Sam Kraner vermittelt werden, nichts dem Zufall. Immer behält er seine Umgebung nach verdächtigen Personen und Umständen im Blick. Gute Vorbereitung und eine gewöhnliche Strategie reichen bei Wyatt aus, um seine Jobs erfolgreich durchzuziehen. Kramer sitzt zwar gerade im Knast von Watervale, verfügt aber nach wie vor über ein gut geöltes Netzwerk aus Anwälten, Polizisten, Kriminellen und Informanten, die ihn über lohnende Objekte in Kenntnis setzen. Seine Provision, die sich bislang auf 90.000 Dollar summiert hat, würde er am Ende des Jahres bei seiner Entlassung erhalten. Wyatt kümmert sich nicht nur um das Aufbewahren, sondern auch darauf, dass Kramers Frau und Kinder über die Runden kommen. Als sich Kramers Sohn Joshua bei dem Ex-Soldaten Nick Lazar verquatscht, will Lazar sich das angesammelte und von Wyatt verwaltete Geld holen. Wyatt wiederum hat bereits den nächsten Auftrag von Kramer in der Tasche. Er soll sich die vermutete Million sichern, die der Anlagebetrüger Tremayne für seine Flucht zur Seite geschafft haben soll. Doch auch Tremaynes Frau Lynx hat es auf die Kohle ihres Mannes abgesehen, die sie mit ihrem Liebhaber, dem Tremaynes Freund und Anwalt DeLacey, sicherstellen will. Und mit dem auf eigene Faust agierenden Cop Greg Muecke von der Abteilung Eigentumsdelikte im Polizeipräsidium von Sydney, Parramutta, sitzt Wyatt noch ein weiterer Akteur im Nacken…

„Er fühlte sich unausgeglichen. Sein Handeln fußte immer auf der Überzeugung, dass seine Pläne bestmöglich ausgearbeitet seien, geeignet, den bestmöglichen Ausgang zu gewährleisten; zugleich jedoch war er auf das Ärgste vorbereitet, sodass er bislang niemals kalt erwischt worden war. Dieses Mal hatte sich sein Plan um das Auffinden von Tremaynes gebunkerter Fluchtkasse gedreht, mit der Einschränkung, dass sie möglicherweise nicht existierte oder er zu spät kommen könnte.“ (S. 244)

Wyatt ist ein Antiheld, wie er im Buche steht: Unauffällig, vorsichtig, fast sogar unsichtbar, auf jeden Fall schwer zu fassen und aus der Ruhe zu bringen. Sinnlose Gewalt lehnt er kategorisch ab, schreckt im Falle eines Falles aber auch nicht davor zurück. Doch bei aller Vorausschau und Vorsicht drohen ihm dieses Mal die Zügel zu entgleiten. Disher erweist sich als Meister darin, ein durch und durch verdorbenes, gieriges Figurenarsenal einzuführen, dem man ebenso wenig Sympathie entgegenbringen kann, wie man hofft, dass ihre Pläne von Erfolg gekrönt sind. Von allen Beteiligten scheint Wyatt hier noch der „netteste“, loyalste und moralischste zu sein. Disher schert sich wenig um die Gefühle seiner Protagonisten, spielen diese ohnehin kaum eine Rolle. Aber immerhin hinterfragt Wyatt an einer Stelle, ob er Kramer nicht auch als Freund betrachten sollte. „Moder“ ist stattdessen ganz von der vertrackten Handlung, einer wendungsreichen Jagd getrieben, die furiose Sprünge vollzieht und deshalb nicht immer einfach zu verfolgen ist. Und Wyatt kommt letztlich nicht ganz ungeschoren davon. Langeweile kommt in diesem turbulent inszenierten Heist-Thriller-Drama jedenfalls nie auf.

 

Dean R. Koontz – „Die Kälte des Feuers“

Donnerstag, 23. April 2026

(Heyne, 393 S., Jumbo)
Bevor Stephen King überhaupt ans Schreiben von Horror-Literatur denken konnte, hatte sein später ebenfalls sehr prominent gewordener Kollege Dean R. Koontz vor allem im Science-Fiction-Bereich eine Vielzahl von Romanen veröffentlicht, nämlich seit Ende der 1960er Jahre, auch unter vielerlei Pseudonymen. Seit er 1989 mit seinem Roman „Midnight“ (dt. „Mitternacht“) erstmals auf Platz 1 der Bestsellerliste der New York Times landete, avancierte Koontz auch hierzulande zu einem der bekanntesten Vertreter der modernen Horror-Literatur. Allerdings sind die qualitativen Schwankungen in seinem Werk bemerkenswert, wie auch sein nicht so geglückter Roman „Die Kälte des Feuers“ aus dem Jahr 1991 dokumentiert.
Einst war Jim Ironheart ein engagierter, bei Kollegen wie Schülern gleichermaßen beliebter Lehrer. Seit dem Selbstmord einer seiner Schüler hat sich Jim allerdings aus dem Berufsleben zurückgezogen, ist durch einen Lotteriegewinn zum Glück finanziell unabhängig, plagt sich aber auch mit Schuldgefühlen, die tiefer zurückreichen als bis zum Schicksal des unglücklichen Jungen. Jim Ironheart verfügt aber auch über eine besondere Gabe, erfährt er doch aus heiterem Himmel immer wieder von Personen, die er in letzter Sekunde retten kann. Als er in Portland vor der Schule einen Jungen davor bewahrt, von einem Auto überfahren zu werden, ist auch die Reporterin Holly Thorne vor Ort, die in dem Vorfall sofort eine Sensationsstory wittert. Dass sich der Lebensretter so wortkarg gibt, spornt Holly nur noch mehr an, Jim Ironheart näher kennenzulernen. Bei ihren Recherchen zu dem Mann findet sie heraus, dass Jim Ironheart im Laufe der letzten Monate schon sechsmal im ganzen Land als Lebensretter in letzter Sekunde aufgetaucht ist. Als sie ihm folgt und dasselbe Flugzeug wie Jim besteigt, offenbart er ihr, dass das Flugzeug durch einen technischen Defekt abstürzen wird und eine Vielzahl von Toten zu beklagen sein werden. Zwar informiert Jim den Flugkapitän, doch kann dieser das Unglück nicht mehr verhindern. Jim und Holly kommen im vorderen Teil der Maschine wie erwartet mit dem Leben davon und verlieben sich ineinander. Doch Holly muss schnell feststellen, dass Jim immer wieder von Stimmen und Ereignissen verfolgt wird, die sich mal als Freund, mal als Feind zu erkennen geben. Sie begleitet Jim zu der Farm, auf der er nach dem Tod seiner Eltern aufgewachsen ist und wo auch der weithin vergessene Film „Die schwarze Windmühle“ gedreht wurde. Hier wird nicht nur Holly das Fürchten gelehrt…

„Jim gewann den Eindruck, auf einem schmalen Landstreifen zwischen zwei tiefen Schluchten zu stehen. Nirgends gab es Sicherheit. Auf der einen Seite befand sich sein bisheriges Leben, gefüllt mit inneren Qualen und Verzweiflung – die Gefühle, die er zu verdrängen versuchte, die ihn manchmal überwältigt hatten, so wie während seiner spirituellen Reise mit der Harley durch die Mohavewüste, als er nach einem Ausweg gesucht hatte, und sei es der Tod. Auf der anderen Seite lag eine ungewisse Zukunft, die Holly zu beschreiben versuchte, eine Zukunft, in der ihn angeblich Hoffnung erwartete, obgleich er fürchtete, dass sie nur Chaos und Wahnsinn für ihn bereithielt. Und der schmale Boden unter ihm gab allmählich nach.“ (S. 333)

Dass Dean R. Koontz ein glänzender Erzähler ist, beweist er gleich zu Anfang mit der Einführung seiner beiden Hauptfiguren. Während er die 33-jährige Holly Thorne als Journalistin vorstellt, die gern mit erfolgreichen Leuten spricht, weil diese sie von ihrer eigenen langweiligen Arbeit ablenken, und sich gerade selbst bei einem Interview mit einer Lehrerin, die sich als Dichterin versucht, tödlich langweilt, begleiten wir Jim Ironheart gleich bei seiner aktuellen Rettungsmission. Seine geheimnisvolle Vergangenheit bildet das dramaturgische Zentrum von „Die Kälte des Feuers“, denn wie auch Holly Thorne sind natürlich auch wir Leser daran interessiert, woher Jim Ironheart seine Eingebungen bekommt, bestimmte Menschen retten zu müssen. Doch gerade bei dieser Schicht für Schicht entblätterten Erkenntnisvermittlung übertreibt der Autor so stark, dass man ab Mitte des Romans das Interesse am weiteren Verlauf der Geschichte verliert. Der drohende Flugzeugabsturz und das beschriebene Dilemma, nicht alle Passagiere retten zu können, sind an Spannung kaum zu überbieten, doch danach flacht die Story merklich ab und verliert sich in einer kruden Mischung aus einer plakativ beschriebenen Seance, Poltergeistphänomenen, außerirdischen Wesenheiten, die im Teich schlummern, Amnesie und anderen psychischen Ursachen für Jims unerklärliches Verhalten und und und… Ab Mitte des Buches scheint Koontz den Faden verloren zu haben, wie er Jim Ironhearts Verhalten und Geschichte erklären soll, denn die dargebotenen Phänomene passen einfach nicht zusammen und lassen nicht nur das titelgebende Feuer erkalten, sondern auch das Lesevergnügen.

 

Walter Moers – (Zamonien: 12) „Qwert“

Sonntag, 12. April 2026

(Penguin, 582 S., HC)
Wer bereits mit „Die 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär“ in die frisch von Comic-Künstler Walter Moers („Kleines Arschloch“, „Schweinewelt“) geschaffene Märchenwelt von Zamonien eingetaucht ist, wird sich vielleicht noch an den Gallertprinzen Qwert Zuiopü erinnern, der neben Fredda zu den Klassenkameraden in der von Professor Nachtigaller geführten Nachtschule zählte und quasi schon Herrscher der 2364. Dimension war, bevor er in eines der vielen Dimensionslöcher fiel und in Zamonien landete. In Moers‘ neuestem, bereits 12. rund um Zamonien spielenden Roman „Qwert“ steht der Gallertprinz auf einmal im Mittelpunkt einer abenteuerlichen Geschichte.
Eben noch war der Gallertprinz noch eine amorphe, durchsichtige Gallertmasse, aber da hielt er sich noch in seiner Heimat der 2364. Dimension auf. Nach einem erneuten Sturz durch ein Dimensionsloch wacht der Gallertprinz jedoch nicht nur in der Parallelwelt Orméa auf, sondern befindet sich auch im Körper eines anderen Wesens, nämlich in der Rüstung des attraktiven Ritters Prinz Kaltbluth – mit für Qwert ungewohntem Oberkörper und Beinen! Der klassische Held in einer ganzen Reihe von Abenteuerromanen aus der Feder von Graf Klanthu zu Kainomaz befreit kurz nach seiner Ankunft in der fremden Welt eine milchweißhäutige Jungfrau namens Jamusa, erschlägt mit dem legendären, unsichtbaren Schwert Tarnmeister den Medusenwächter und erlebt fortan über vierzig „Aventiuren“ mit schrulligen und furchteinflößenden Kreaturen wie den Riesengletscherzwergen, Rostigen Gnomen und verschiedener Ritter, die allesamt eine Rechnung mit Prinz Kaltbluth zu begleichen haben. Dazu gesellen sich Kristallskorpione, Flederfrösche, eine Ruinenraupe und das Dornige Tentakel, Kamelianer und der Einsame Denker. Zum Glück weiß Qwert alias Prinz Kaltbluth sowohl den tapferen Knappen Oyo Pagenherz als auch das unerschrockene Reitwürmchen Schneesturm an seiner Seite. Und auch das geheimnisvolle Mädchen, das Qwert anfangs befreit hat, rettet ihn aus besonders brenzligen Situationen. Als das Leben seiner geliebten Jamusa auf dem Spiel steht, steht Qwert vor einer schwierigen Entscheidung:

„Qwert ließ das alles wie in Trance über sich ergehen, denn mit den Gedanken war er ganz woanders. Er hatte das entmutigende Gefühl, seit seiner Ankunft in dieser Welt im Kreis gelaufen zu sein. Jetzt befand er sich wieder genau da, wo alles angefangen hatte, und eigentlich war es seither nur immer schlimmer geworden. Viel schlimmer! Seit sie die Lichtung betreten hatten, grübelte er darüber nach, wie er sich in der Janusmedusenfrage verhalten sollte. Obwohl er wusste, wie vollkommen wahnsinnig und aussichtslos sein Vorhaben war: Er wollte sie befreien. Aber ihm waren nun mal Dinge über sie bekannt, die er mit niemandem teilen konnte.“ (S. 342)

Seit Walter Moers 1999 mit „Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär“ den Beginn für seine literarische Spielwiese Zamonien einläutete, ist sein märchenhaftes Universum über mittlerweile ein Vierteljahrhundert um unzählige Figuren und Abenteuer angewachsen. Insofern ist es ein kluger Schachzug, mit dem zwölften Zamonien-Buch „Qwert“ nicht nur eine neue (Parallelwelt-)Welt einzuführen, sondern mit Qwert eine klitzekleine Nebenfigur aus dem ersten Zamonien-Abenteuer ins Zentrum der Geschichte zu setzen. Das hat nicht nur zur Folge, dass sich „Qwert“ auch gut unabhängig von den vorangegangenen Büchern lesen lässt – auch wenn es durchaus Sinn macht, zuvor sowohl „Die 13 ½ Leben des Käpt‘n Blaubär“ als auch „Die Stadt der träumenden Bücher“ und „Die Insel der tausend Leuchttürme“ gelesen zu haben, da auf diese immer wieder in Fußnoten Bezug genommen wird -, sondern dass der Fokus etwas außerhalb der vertrauten Zamonien-Welt gelegt wird. Mit der Verwandlung des Gallertprinzen in einen gefürchteten wie verehrten Ritter verschiebt sich zudem die Perspektive der Hauptfigur, die sich in neuer Gestalt und mit ungewöhnlichen Gefährten an der Seite an furchterregende Herausforderungen wagen muss. Fortan schickt der öffentlichkeitsscheue Autor seine Figuren durch eine wahre Flut an Abenteuern, die er mit gewohnt ausuferndem Wortwitz, vielen literarischen Anspielungen und fantasievollen Einfällen beschreibt, dass bis zum Finale nie Langeweile aufkommt. Zudem ist das Buch wieder wunderschön mit vielen Illustrationen des Autors ausgestattet und verzaubert so in jeder Hinsicht die Sinne alter wie neuer Zamonien-Fans.

John Grisham – „Das Vermächtnis“

Dienstag, 31. März 2026

(Heyne, 476 S., HC)
Mit seinen ersten – allesamt meist sogar sehr erfolgreich verfilmten - Thrillern wie „Die Jury“, „Die Firma“, „Die Akte“, „Der Klient“ und „Die Kammer“ definierte der ehemalige Rechtsanwalt John Grisham Anfang der 1990er Jahre das Genre des Justizthrillers gänzlich neu und schiebt seitdem nahezu jährlich ein Buch nach, gelegentlich versucht er sich dabei auch in anderen Genres wie dem Sportler-Roman und Jugendbuch. Dass nach über dreißig Jahren gewisse Abnutzungserscheinungen zu erwarten sind, dürfte nicht verwundern, dennoch versteht es der in Virginia lebende Bestseller-Autor nach wie vor, sein Publikum bestens zu unterhalten. Das trifft auch auf seinen neuen Roman „Das Vermächtnis“ zu.
Seit achtzehn Jahren praktiziert Simon F. Latch als Anwalt mit Schwerpunkt auf Erbschaftsangelegenheiten und Insolvenzen in der Kleinstadt Braxton, Virginia. Doch unter der Tretmühle anspruchsloser, unkomplizierter Vorgänge, die er mit einem Stundenhonorar von 250 Dollar in Rechnung stellte, ging nicht nur seine Ehe mit Paula in die Brüche, sondern er selbst steht mit einigen tausend Dollar Wettschulden beim örtlichen Buchmacher Chub in der Kreide und vor dem Burn-out. Doch dann betritt die fünfundachtzigjährige Witwe Eleanor Barnett die Kanzlei und will ein neues Testament aufsetzen lassen. Ihr Mann Harry, der zwei nichtsnutzige Söhne in die Ehe gebracht hatte, ist mittlerweile verstorben und hat offensichtlich durch Mitarbeiter-Aktien von Coca-Cola und von Walmart ein Vermögen angehäuft, von denen die beiden Stiefsöhne, zu denen sie keinen Kontakt pflegt, nichts sehen sollen. Mit ihrem bei Simons Kollegen Walter J. Thackerman aufgegebenen Testament ist die alte Dame nicht zufrieden, was Simon sehr schnell nachvollziehen kann, hat Thackerman im Kleingedruckten doch alle Möglichkeiten eingebaut, selbst einen Großteil des Erbes für sich abzuzweigen. Aber auch Simon packt die Habgier, sieht er hier doch die Möglichkeit, nicht nur höhere Stundensätze zu kassieren, sondern ebenfalls einen kleinen Batzen aus dem Vermögen für sich herauszuholen und so seine finanzielle Misere zu beenden. Da die alte Dame kaum Freundschaften pflegt und keine weiteren Verwandten hat, kümmert sich Simon rührend um sie, geht mit ihr ständig essen und quartiert sie sogar zwischenzeitlich in einem Hotel außerhalb der Stadt ein. Doch als Eleanor im betrunkenen Zustand einen Autounfall verursacht, bei dem auch ihre Freundin Doris verletzt wird, ändert sich alles, denn kurz nach ihrer Einlieferung verstirbt die alte Dame. Auf einen anonymen Hinweis bei der örtlichen Polizei hin wird die geplante Einäscherung gestoppt und eine Obduktion angeordnet, bei der festgestellt wird, dass die alte Dame mit dem verbotenen Gift Thallium vergiftet worden ist, das den Ingwerkeksen beigefügt worden ist, die Simon seiner Mandantin durch seine Sekretärin ins Krankenhaus liefern ließ. Nun muss sich Simon vor einem Geschworenengericht verantworten. Derweil haben Eleanors Stiefsöhne mit Teddy Hammer ebenfalls einen Anwalt engagiert…
Mit „Das Vermächtnis“ legt Grisham einen ganz klassischen Justiz-Thriller vor, dessen Plot stringent nach Lehrbuch inszeniert ist. Mit Simon Latch wird ein unauffälliger Kleinstadtanwalt mit einigen persönlichen Problemen – Scheidung, Wettschulden – eingeführt, der durch das Testament für eine vermeintlich sehr, sehr wohlhabende alte Dame die Chance sieht, seinen Lebensstandard erheblich aufzubessern und einige, vor allem finanzielle Probleme zu lösen. So verständlich das Vorgehen des Protagonisten ist, wird der Berufsstand des Anwalts nicht gerade wohlwollend gezeichnet, und Sympathien mag man als Leser:in für den habgierigen Mann auch schwerlich empfinden. Es dauert dann auch einige Zeit, bis die Handlung in die Gänge kommt. Sobald der Umstand bekannt wird, dass seine Mandantin vergiftet worden ist, spult Grisham routiniert sein Prozess-Schema ab, bringt zur rechten Zeit neue Spuren ins Spiel und macht damit vor allem deutlich, wie anfällig das Justizsystem für Fehlentscheidungen ist. Grisham verleiht seinen Figuren nur die nötigsten Charaktereigenschaften, doch ist „Das Vermächtnis“ viel zu handlungsorientiert, um mit den Menschen vertraut zu werden. Einzig die Episode um das Sammeln billiger Taschenbuchausgaben von John D. MacDonald während Simons Studienzeit sorgt für etwas Leben in dem ansonsten recht lieblos geschriebenen, nach wie vor aber unterhaltsamen Thriller.

Charles Lewinsky – „Eine andere Geschichte“

Samstag, 28. März 2026

(Diogenes, 414 S., HC)
Im Gegensatz zu Fritz Lang, Max Ophüls, Ernst Lubitsch, Robert Siodmak und Wilhelm Dieterle, die nach ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland groß in Hollywood herauskamen und beispielsweise das Film-noir-Genre maßgeblich mitgeprägt haben, dürfte nur den wenigsten Cineasten der Name Curtis Melnitz ein Begriff sein. Er kam allerdings auch schon 1905 in die USA, wurde dort 1911 eingebürgert und arbeitete zunächst als Zeitungsreporter in New York, bevor er als Pressebetreuer für Charlie Chaplin arbeitete und später als Filmproduzent in den frühen 1930er Jahren tätig war. Charles Lewinsky („Täuschend echt“, „Rauch und Schall“) legt mit seinem neuen Roman „Eine andere Geschichte“ eine stilistisch ungewöhnliche (fiktive) Biografie des Mannes vor, der 1930 seine eigene Curtis Melnitz Film-Produktion GmbH gründete und einen Filmvertrag mit Max Reinhardt abschloss, den er allerdings nicht erfüllen konnte.
Los Angeles. Der über 80-jährige Curtis Melnitz leidet unter Schlafproblemen, weil er sich vor den Träumen fürchtet. Sein Hausarzt Dr. Goldsteen will ihm allerdings keine weiteren Rezepte für die lindernden Pillen ausstellen und überweist ihn 1959 an den Psychiater Dr. Cowan. Diesem erzählt er in wiederkehrenden Sitzungen von seinem Leben, wobei er sich langsam an die Ursache seiner schlimmen Träume herantastet. Geboren wurde er als Kurt Chmelnitzki, wuchs nach dem Tod seiner Eltern bei Onkel Meyer und Tante Effie in Leipzig auf, wo sie eine Speisewirtschaft betrieben und in der der junge Kurt viel Zeit verbrachte. Er lernt den Ganef kennen, einen Mann, der Geschäfte mit seinem unter dem Pelzmantel versteckten pornografischen Karten und Fotografien machte. Als er im Alter von sechzehn Jahren im Bett mit seiner Nichte Selma erwischt worden ist, setzte ihn sein Onkel auf die Straße, wo er nach einem anstrengenden Job als Karrenschieber für Pelze dem Ganef begegnete, der mittlerweile Bücher mit erotischen Fotografien produzierte und vertrieb, wofür er Kurt als Assistenten einstellte. Als der Ganef sein Geschäftsfeld auf bewegte Bilder erweiterte, bedeutete das für Kurt den Sprung ins Filmgeschäft, dem er vor allem nach seiner Ankunft in New York im Jahr 1930 treu blieb. Melnitz erzählt betroffen von dem verarmten Jungen Basil, dem er einen Job für 50 Cent täglich anbot und der schließlich wegen seiner verhältnismäßigen Reichtümer, die er so angesammelt hatte, ermordet wurde. In seine Erzählungen fließen die tragischen Frauengeschichten ebenso ein wie verschiedene Anekdoten aus Hollywood und seine Erfahrungen mit der Verfolgung und Tötung von Juden…

„Wenn man sich an schöne Dinge erinnert, erinnert man sich immer auch daran, dass sie zu Ende gegangen sind. Dass nichts davon übrig geblieben ist. Die Zeit mit Basil. Die Ehe mit Millicent. Die Arbeit als Produzent. Als ich damals in meine Wohnung eingezogen bin, waren da lauter hellere Vierecke auf der Tapete. Da, wo bei meinem Vorgänger die Bilder gehangen hatten. Mit den Erinnerungen ist es dasselbe. Es bleibt einem nichts als ein leerer Fleck.“ (S. 381f.)

Wenn Curtis Melnitz als Ich-Erzähler in Lewinskys neuen Roman eingeführt wird, mag man an „Melnitz“ denken, einen Familienroman, in dem der Schweizer Schriftsteller vom jüdischen Leben in der Schweiz schreibt, doch „Eine andere Geschichte“ ist genau das – eine andere Geschichte, wie nicht nur der Autor in seiner Einleitung betont, sondern auch sein Protagonist. Dass aus dessen Leben recht wenig bekannt ist, vor allem nach seinem Scheitern als Filmproduzent, spielt Lewinsky in die Hände, denn das erlaubt ihm, die Lücken von Melnitz‘ Vita mit allerlei Anekdoten zu füllen. An den Stil, die Lebensgeschichte des alternden Mannes in Form einer fortlaufenden Therapiesitzung nacherzählen zu lassen, muss man sich zwar erst gewöhnen, doch die Mischung aus kleinen Fun Facts der Filmgeschichte, verschiedenen, stets unglücklich verlaufenden Liebesgeschichten und Spinnereien, die Melnitz im Nachhinein selbst als Lügen entlarvt, machen „Eine andere Geschichte“ zu einer interessanten fiktiven biografischen Erzählung, die auch vor eindringlichen Beschreibungen der Nazi-Gräuel nicht zurückschreckt. So entsteht ein faszinierender Sog, der durch die Vielzahl der zwischen den Zeiten wild hin und herpendelnden Anekdoten allerdings nicht immer die psychologische Tiefe aufweist, die manchen der zentralen Episoden innewohnt.