(Heyne, 348 S., HC)
Mit seinem 2003 erschienenen Romandebüt „Maria, ihm
schmeckt’s nicht“ und den Büchern der „Das Pubertier“ und Krimis rund
um Kommissar Martin Kühn hat sich der einst für das „SZ-Magazin“, „stern“ und „Welt
am Sonntag“ arbeitende Redakteur und Kolumnist Jan Weiler zu einem der erfolgreichsten
deutschen Schriftsteller entwickelt. Nach „Munk“ erscheint nun mit „Das
Vogelhaus“ eine autobiografisch gefärbte Geschichte eines Mannes, der auf
seine Zeit als Zivildienstleistender zurückblickt.
Leonard Beck arbeitet als Theaterregisseur in Berlin, wird
aber von einem Tag auf den anderen vom Intendanten fristlos entlassen. Tags zuvor
hat er den Brief seiner Mutter geöffnet, der bereits drei Tage in seiner Post
gelegen hat und in dem sie ihn auf ein zum Verkauf stehendes Haus aufmerksam
macht, das eine Flut von Erinnerungen in Leonard auslöst, handelt es sich doch
um das sogenannte „Vogelhaus“ von Herrn Schwabe, der zu den weniger beliebten
Mandanten während seiner Zivildienstzeit zählte. Da er ohnehin ohne Arbeit ist
und ihm der Abstand zu Berlin gerade recht kommt, fährt Leonard in seine
niederrheinische Heimat zu seinen Eltern, zu denen er kein besonders inniges
Verhältnis pflegt und die er in der Regel zweimal im Jahr besucht. Bereits
während der Zugfahrt erinnert er sich an das Geschrei der aggressiven Aras in
Schwabes Haus, an den Geruch und die Zimmer, die Leonard und seine Mitstreiter
Patrick und Ari nie betreten durften. Während Leonard Kontakt zum
Immobilienmakler aufnimmt, um mehr über das Haus und den Vorbesitzer zu
erfahren, erinnert sich Leonard an die Begegnungen mit seinen Mandanten, an
SS-Peter, der nach dem Essen stets verbotenerweise einen Korn trinken möchte, an
das Ehepaar Passlack (er beinloser Kettenraucher, sie Dialysepatientin), an die
„geile Gerda“ und die demente Frau Beinhard, die sehnsüchtig auf die Rückkehr
ihres Mannes wartet.
Doch das unheimliche Vogelhaus des wortkargen Schwabe hat
Leonard und seine Kollegen am meisten beeindruckt. Nun muss sich Leonard
darüber klar werden, was ihn in die Heimat zurückgezogen hat, ob es noch unerledigte
Aufgaben zu absolvieren, unbeantwortete Fragen zu lösen gilt…
„Er ist Mitte dreißig, ledig, arbeits-, aber nicht mittellos und überqualifiziert für ein Leben hier. Er hat hier nichts verloren. Oder doch? Hat er am Ende hier etwas zu finden? Ruhe vielleicht? Kann das Vogelhaus ein gutes Schicksal für ihn sein? Er muss vielleicht noch zwei Tage bleiben, um darüber nachzudenken.“ (S. 116)
Mit „Das Vogelhaus“ arbeitet der 1967 in Düsseldorf
geborene Jan Weiler, seine eigene Zivildienstzeit auf, die er kurz vor
dem Ende der allgemeinen Wehrpflicht – und damit auch des Wehrersatzdienstes –
absolvierte. Sein Protagonist Leonard Beck blickt als Erwachsener auf diese
Zeit zurück, hinterfragt aber gleichzeitig seine jetzige Lebenssituation, vor
allem seine Beziehung zu seinen Eltern und zu dem zum Verkauf stehenden
Vogelhaus. Er sucht die Menschen auf, die er damals betreut hat, und seine
Kollegen, wobei ihm vor allem das Schicksal des Griechen Aristeas interessiert.
All diese Gedanken, Beobachtungen und Fragen hat Weiler in eine gewohnt
leichtfüßige Sprache gegossen, sie mit liebevollen Details und leisem Humor
gefüllt, dass keine Längen aufkommen. Es ist aber auch eine Art
Entwicklungsroman, der aufzeigt, wie sich die Beziehungen, die Leonard als
junger Erwachsener zu den älteren, pflegebedürftigen Menschen, aber auch zu
seinen Eltern gepflegt hat, verändert haben. In der Analyse seiner eigenen
Persönlichkeit wechselt die Stimmung in der feinfühligen Erzählung von angsteinflößenden
Momenten im Vogelhaus mit liebevollen in der Betreuung und witzigen im
Zusammensein mit seinen Kollegen im mobilen Pflegedienst.
















