Dienstag, 13. November 2018

Stephen King – „Erhebung“

(Heyne, 144 S., HC)
Eigentlich sollte der Webseitenentwickler Scott Carey mit seinem Gardemaß von über 1,90 Meter und der Wohlstandswampe locker über hundert Kilo auf die Waage bringen, doch in den letzten Wochen hat er auf unerklärliche Weise dreizehn Kilo abgenommen, ohne dass es ihm anzusehen wäre. Als er seinem Freund, dem pensionierten Hausarzt Bob Ellis, davon berichtet, muss dieser erstaunt feststellen, dass Scott sowohl mit Klamotten als auch nackt genauso viel wiegt.
Da Bob von so einem Fall noch nie gehört hat, kann er seinem Freund auch nicht helfen, aber er versteht, dass Scott keinen regulären Arzt aufsuchen will, um nicht zu einem medizinischen Versuchskaninchen Zudem hat er auch noch Probleme mit dem lesbischen Nachbarehepaar Deidre McComb und Missy Donaldson, das seine Hunde beim Joggen regelmäßig auf seinem Rasen ihre Geschäfte verrichten lässt. Seine Bemühungen, die beiden Damen für das Problem zu sensibilisieren, schlägt allerdings fehl.
Auf der anderen Seite kann Scott es aber auch nicht ertragen, wie die übrige Bevölkerung von Castle Rock über die beiden Restaurantbetreiberinnen herzieht. Der jährliche Stadtlauf trägt allerdings viel dazu bei, das weithin geächtete Paar doch in die Gemeinschaft zu integrieren. Und Scott hat damit begonnen, seinen Frieden mit dem unaufhaltbaren Prozess seines Gewichtsverlustes zu machen.
„Scott hatte Angst – alles andere wäre töricht gewesen -, war jedoch auch neugierig. Und noch etwas. Glücklich? War es das? Ja. Wahrscheinlich war das irrsinnig, aber es traf eindeutig zu. Auf jeden Fall fühlte er sich irgendwie auserwählt. Doctor Bob hätte das wohl für verrückt gehalten, aber Scott war da anderer Ansicht. Wieso sollte er sich schlecht fühlen, was er doch nicht ändern konnte?“ (S. 75) 
Ob nun als Autor unzähliger Kurzgeschichten oder von (selten) kürzeren und (in der Regel) umfangreichen Romanen, Stephen King hat sich seit seinem Durchbruch Mitte der 1970er Jahre zu einem vielseitigen Erzähler, der seine Leser in jeder Hinsicht zu packen versteht. Das gelingt ihm auch mit der Novelle „Erhebung“ auf Anhieb. Sein sympathischer Protagonist Scott weckt beim Leser sofort Neugier für sein außergewöhnliches Problem und Mitgefühl für das Schicksal, das ihm offensichtlich droht. Doch „Erhebung“ – der Titel deutet es bereits an – drückt überhaupt nicht auf die Tränendrüse, sondern versteht sich als Plädoyer für Toleranz und Offenheit, was gerade in Zeiten von Trumps Präsidentschaft ebenso wie weltweit populistischer Umtriebe ein wohltuendes Zeichen setzt. Wie sich Scott und die beiden zunächst etwas feindselig wirkenden Damen anfreunden und damit die ganze Stadt zu einem lebensfreundlicheren Ort machen, ist einfach bezaubernd geschrieben.
Leseprobe Stephen King - "Erhebung"

Sonntag, 11. November 2018

Larry Brown – „Joe“

(Heyne, 346 S., HC)
Ohne Ziel laufen der nichtsnutzige, alkoholabhängige Wade Jones, seine Frau, ihr ungefähr fünfzehnjähriger Sohn Gary und dessen beiden Schwestern Dorothy und die hochschwangere Fay eine wenig befahrene Straße entlang. Die drei verbeulten Dosen Budweiser, die der Vater im Graben findet, sind im Nu geleert, übernachtet wird an tristen Orten irgendwo in Mississippi, bis sie eine seit Jahren verlassene Blockhütte beziehen. Im Gegensatz zu seinem Vater will der für sein Alter etwas zu klein geratene Gary aus seinem Leben etwas machen und arbeiten. Für den ehemaligen Zuchthaus-Insassen Joe Ransom fängt Gary im Mai an, flächendeckend Bäume zu vergiften, damit dort Babykiefern gepflanzt werden können, doch sein Vater ist stets hinter dem Lohn her, den er nach Hause bringt, um Lebensmittel und vor allem Alkohol kaufen zu können.
Als Gary aber angeboten bekommt, Joes alten Pick-up für zweihundert Dollar zu kaufen, versteckt der Junge das Geld vor seinem Vater, der seine Wut auf Joe kaum noch zurückhalten kann. Aber ebenso wie Wade ist auch Joe von gewalttätiger Persönlichkeit, verfügt im Gegensatz zu dem Alten aber über ein gutes Herz. Er hängt mit Connie zusammen, die mit seiner Tochter zusammen zur Schule gegangen ist, und bemüht sich um ein gutes Verhältnis zu seiner Ex-Frau Charlotte, aber in Beziehungssachen lässt sich Joe einfach treiben.
Gary hängt immer öfter mit seinem Chef zusammen und hofft so, seinen Traum von einem besseren Leben verwirklichen zu können.
„Er hatte schon festgestellt, wie gut das kühle Bier schmeckte. Er begriff jetzt, worauf der Alte in all den Nächten, an den Wochenenden und manchmal auch wochentags aus war, worauf es ihm ankam und was er spüren wollte. Nichts spielte jetzt eine Rolle, das wusste er beim ersten Mal, als er damit Bekanntschaft machte.“ (S. 256) 
Der in Oxford, Mississippi, geborene Larry Brown (1951-2004) hat erst spät angefangen zu schreiben, wollte seinem Vorbild Stephen King nacheifern, kam aber zunächst über einige kaum beachtete Kurzgeschichten nicht hinaus. Erst mit seiner ersten Kurzgeschichten-Sammlung „Facing The Music“ (1988) konnte der Feuerwehrmann anfangen, von seiner Schreiberei zu leben, und veröffentlichte bis zu seinem plötzlichen Tod im Jahre 2004 leider nur fünf Romane, die nun endlich sukzessive ins Deutsche übersetzt werden.
Nachdem der Heyne Verlag im vergangenen Jahr Larry Browns vierten und erfolgreichsten Roman „Fay“ als deutsche Erstveröffentlichung präsentierte, folgt mit „Joe“ nun dessen zweites Werk, das vor allem von den beiden eindringlich charakterisierten Figuren Gary und Joe geprägt wird, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch so eng miteinander verbandelt sind.
Joe ist als kleiner Unternehmer zwar sein eigener Herr und weiß sich gegen seine Arbeiter souverän zu behaupten, dabei hilft ihm aber auch sein Ruf als trinksüchtiger Raufbold, was ihm bereits eine längere Gefängnisstrafe eingebrockt hat. Davon abgesehen ist er eigentlich ein liebevoller Kerl, der sich um eine Annäherung zu seiner Ex-Frau und seiner Tochter bemüht, dem Geld so unwichtig ist, dass er es gern mal verspielt, und der auch sehr lockere Beziehungen zu den Frauen unterhält, denen er begegnet. Dagegen muss sich Gary erst einmal wie seine ältere Schwester Fay, der Larry Brown später seinen erfolgreichsten Roman widmet, von der völlig verkorksten Familie lösen, die unter der Fuchtel des ebenso brutalen wie alkoholsüchtigen Wade steht, der auch die einzige durch und durch unsympathische Figur im Roman verkörpert.
Dem Jungen ist durchaus bewusst, dass er nur durch harte Arbeit zu Anerkennung kommen kann, und so legt er sich nicht nur bei Joe, sondern später auch bei einem Farmer mächtig ins Zeug. In der Ausgestaltung der Beziehung zwischen Joe und Gary demonstriert der Autor seine wahre Meisterschaft, authentische Figuren am äußersten Rand der Gesellschaft im Süden der Vereinigten Staaten zu zeichnen und ihren schweren Kampf um einen Platz im Leben zu beschreiben. Nach fast 340 Seiten sind Gary und Joe dem Leser so ans Herz gewachsen, dass man das Ende der Geschichte nur noch hinauszögern möchte.
Leseprobe Larry Brown - "Joe"

Samstag, 10. November 2018

Robert B. Parker – (Jesse Stone: 1) „Das dunkle Paradies“

(Pendragon, 352 S., Tb./eBook)
Jesse Stone hat nicht nur mit einem Alkoholproblem zu kämpfen, sondern auch mit der Scheidung von seiner Frau Jenn(ifer), die zum Ankurbeln ihrer Karriere als Schauspielerin auch mal mit anderen Männern ins Bett geht. Um möglichst viel Abstand von beiden Ursachen seiner Sorgen zu gewinnen, kündigt Jesse seinen Job bei der Mordkommission in Los Angeles und übernimmt den Posten des Polizeichefs im 3000 Kilometer entfernten 25.000-Seelen-Kaff Paradise, wo der Stadtrat gerade seinen Vorgänger Tom Carson in die Wüste geschickt und der offenbar kein Problem damit hat, dass sein potentieller Nachfolger beim Vorstellungsgespräch angetrunken erschienen ist.
Doch die Kleinstadtidylle trügt, wie Jesse bald feststellen muss. Zunächst muss er den Muskelprotz Jo Jo Genest mit einem beherzten Tritt in die Weichteile zur Räson bringen, weil er die einstweilige Verfügung, die seine Ex-Frau Carole gegen ihn erwirkt hat, nicht ernst nimmt. Diese Demütigung scheint Jo Jo dem neuen Polizeichef dadurch zu vergelten, dass er nicht nur die Katze des Reviers tötet, sondern auch an anderer Stelle immer wieder für Ärger sorgt.
Was Jesse aber gar nicht schmeckt, sind die Einmischungen von Stadtrat Hasty Hathaway in seine Art, die Polizeigeschäfte zu führen. Hathaway hat nämlich überhaupt kein Interesse daran, dass Jesse hinter die Pläne der von ihm geführten Bürgermiliz kommt, die mit einem berüchtigten Mafioso an einem Waffengeschäft interessiert ist. Jesse muss sich nicht nur mit der Explosion eines Autos befassen, in dem sein Vorgänger ums Leben gekommen ist und die Staatspolizei auf den Plan ruft, sondern auch mit dem Mord an Tammy Portugal, bei dem Jo Jo für Jesse der Hauptverdächtige ist. Doch als er herausfindet, dass Jo Jo eine Affäre mit Hastys Frau Cissy unterhält, kommt Jesse den Vorfällen in Paradise endlich auf die Spur.
„Jesse schwieg einen Moment und streichelte sanft ihre Schulter. Endlich hatte er das Tier in der Falle, das er so lange gejagt hatte. Und er musste die bösartige, fauchende Bestie nun langsam aus dem Loch ziehen. Er wusste noch nicht, wie groß diese Bestie sein würde.“ (Pos. 7316) 
Mit seinem 1997 veröffentlichten Roman „Night Passage“ stellte Robert B. Parker, der mit seinen Spenser-Romanen seit den 1970ern zu den prominentesten Hardboiled-Autoren in der Tradition der Schwarzen Serie zählt, einen neuen charismatischen Typen vor: Der Mittdreißiger Jesse Stone verliert nicht viele Worte, unterhält ein sehr kompliziertes Verhältnis zu seiner Ex-Frau, die ihn nach wie vor zu lieben scheint, lässt sich auf eine Affäre mit der Staatsanwältin Abby Taylor ein und macht sich in der neuen Gemeinde nicht gerade beliebt. Er hat aber das Herz am rechten Fleck und sorgt auch mit unorthodoxen Mitteln für Gerechtigkeit, kämpft gegen Fremdenhass und Vorurteile an. „Das dunkle Paradies“ ist ein vielversprechender Auftakt einer Serie, die erfolgreich mit Tom Selleck in der Hauptrolle als Fernsehfilm-Serie adaptiert wurde und mit einem psychisch durchaus labilen, moralisch aber meist integren Helden überzeugt, der in seinem ersten Fall in Paradise ordentlich für Unruhe sorgt.

Mittwoch, 7. November 2018

Robert B. Parker – (Jesse Stone: 2) „Terror auf Stiles Island“

(Pendragon, 312 S., Tb./eBook)
Seit der ehemals beim Morddezernat in Los Angeles angestellte und sogar als einer der besten Polizisten ausgezeichnete Jesse Stone möglichst weit weg von seiner Ex-Frau Jenn und seinem Alkoholproblem nach Paradise in Massachusetts gezogen ist, um dort die Stelle des vom Stadtrat geschassten Polizeichefs zu übernehmen, hat sich seine Situation nicht unbedingt verbessert. Obwohl Jenn ihren Mann betrogen hat, um ihre Karriere als Schauspielerin in Gang zu bringen, kommt sie von Jesse nicht los und ist ihm nach Paradise nachgezogen, um als Wetterfee für einen lokalen Fernsehsender zu arbeiten.
Während Jesse mit einem Fall von Brandstiftung beschäftigt ist, bei der drei stadtbekannte Jugendliche das Haus eines schwulen Pärchens abgefackelt haben, plant der Gangster Jimmy Macklin mit seiner Freundin Faye und einem Team von Spezialisten einen raffinierten Coup auf dem exklusiven Boden von Stiles Island. Um die Gegebenheiten vor Ort abzuchecken, macht Jimmy unter dem Namen Harry Smith einen Termin mit der attraktiven Immobilienmaklerin Marcy Campbell aus, um angeblich die Möglichkeiten abzuwägen, in Wohneigentum zu investieren. Auch ein Besuch beim Polizeichef vom zuständigen Revier in Paradise gehört ebenso zu den Vorbereitungen wie das Auskundschaften möglicher Fluchtwege nach dem Überfall auf die örtliche Bank.
Während sich Jesse mit seiner zupackenden Art immer unbeliebter beim Stadtrat macht und die drei immer wieder straffälligen Jugendlichen diesmal nicht wie gewohnt davonkommen lassen will, sorgen seine mehr oder weniger lockeren Beziehungen zu seiner ihn immer noch liebenden Ex-Frau Jenn, zur Staatsanwältin Abby Taylor und schließlich auch zur Immobilienmaklerin für emotionale Turbulenzen, bei dem auch immer wieder der Alkohol eine Rolle spielt – ein Problem, das Jesse allerdings im Griff zu haben glaubt.
Doch mehr Kopfzerbrechen bereitet ihm das undurchsichtige Treiben von Macklin und seinen Gefährten auf der Insel, nachdem er in Erfahrung gebracht hat, mit welchen harten Kalibern er es da zu tun bekommt.
„Jess lehnte sich zurück und musste unwillkürlich an Wilson Cromartie denken, der lieber Crow genannt wurde. Und an James Macklin aus Dorchester, der erst vor Kurzem so demonstrativ mit ihm geflirtet hatte. Er starrte auf die Trümmer, die vom Meer ans Ufer gespült worden waren. Und er wusste, dass sich Macklin und Crow auf Stiles Island befanden – so klar, als könne er sie mit seinen eigenen Augen sehen. Wie er auf diese Erkenntnis reagieren sollte, war ihm allerdings noch nicht so recht klar.“ (Pos. 2845) 
Seit sich Robert B. Parker mit seiner 1973 begonnenen und auf 40 Romane angewachsene Reihe um den Privatdetektiv Spenser in die Tradition von Philip Marlowe, Sam Spade und Lew Archer begeben hatte, wurde er zum Aushängeschild des Hardboiled-Krimis und setzte den lakonischen Ton der Schwarzen Serie fort, über die er an der Universität Boston seine Dissertation geschrieben hatte. Darüber fiel 1997 mit dem Roman „Das dunkle Paradies“ der Startschuss für eine neue Reihe um den Polizeichef Jesse Stone, der nach der Scheidung von seiner Frau von Los Angeles ins beschauliche Paradise zog und dort für Recht und Ordnung sorgt.
Wie gewissenhaft er dabei vorgeht, demonstriert er in dem Nachfolgeband „Terror auf Stiles Island“ nicht nur anhand der drei Jugendlichen, die er geschickt gegeneinander ausspielt, um ihnen eine Lektion zu erteilen, sondern auch im schwerer wiegenden Raubüberfall, den der berüchtigte Jimmy Macklin und der Auftragskiller Crow auf Stiles Island planen. Etwas komplizierter erweisen sich einmal mehr allerdings die Frauengeschichten. Vor allem seine Beziehung zu Jenn gestaltet sich schwierig, weil die beiden ehemaligen Eheleute irgendwie nicht mit-, auf jeden Fall aber nicht ohne einander auskommen.
Parker lässt es in seinem zweiten Jesse-Stone-Roman recht gemächlich angehen, lässt sich viel Zeit, Jimmy Macklins kriminelle Planungen ebenso ausführlich zu schildern wie Jesses erotische Eskapaden, die aber nie darüber hinwegtäuschen können, dass er sich vor allem an Jenn gebunden fühlt. Zwar weist „Terror auf Stiles Island“ auch die einige oder andere verzeihliche Länge auf, aber Parker verfügt über einen so pointierten Schreibstil, trockenen Humor und fließenden Rhythmus, dass die Spannung auf einem hohen Niveau bleibt.

Montag, 5. November 2018

Lawrence Block (Hrsg.) – „Das Mädchen mit dem Fächer“

(Droemer, 352 S., HC)
Vor zwei Jahren veröffentlichte der US-amerikanische Krimi-Autor Lawrence Block mit „Nighthawks“ eine international erfolgreiche Sammlung mit Kurzgeschichten, die Bestseller-Autoren wie Lee Child, Michael Connelly, Stephen King, Jeffery Deaver, Joyce Carol Oates und Joe R. Lansdale zu Gemälden von Edward Hopper geschrieben haben. Eine Fortsetzung des bemerkenswerten Konzepts schien da nur folgerichtig. Allerdings schien ein Band mit Stories, die von Edward Hoppers Kunst inspiriert worden sind, genug, andere Künstler drängten sich dem Herausgeber nicht auf, also weitete Block das Konzept aus und ließ die eingeladenen Autoren ihre Geschichten zu einem Kunstwerk ihrer Wahl schreiben.
So begegnen dem Leser in „Das Mädchen mit dem Fächer“ zwar eine Vielzahl der Autoren wieder, die bereits in „Nighthawks“ vertreten gewesen sind, aber dafür eine breitere Palette nicht nur an Kunstrichtungen der Malerei, sondern auch die berühmten Skulpturen „Der Denker“ von Auguste Rodin und Michelangelos „David“. Dass zwei der siebzehn hier versammelten Stories bereits in anderen Kontexten bereits früher veröffentlicht wurden, dürfte gerade der deutschsprachigen Leserschaft nicht viel ausmachen, Hauptsache, sie passen ins Konzept!
Der Auftakt liest sich vielversprechend: Jill D. Block hat sich von Art Frahms „Sicherheitsregeln“ zu einer Story inspirieren lassen, in der die Ich-Erzählerin in einem Geschworenenprozess die Möglichkeit sieht, das Unrecht wiedergutzumachen, das ihrer besten Freundin Micheline widerfahren ist, als das kleine Mädchen aus dem Bett entführt, ermordet und in den See geworfen und erst nach drei Tagen dort herausgefischt worden war. Die Geschichte beginnt gerade an Fahrt aufzunehmen, als sie leider viel zu abrupt endet. Lee Child hat Renoirs „Vase mit Chrysanthemen“ als Ausgangspunkt für die Geschichte eines Mannes genommen, der nach einem knapp überlebten Herzanfall im Jahre 1928 auf eine Bekanntschaft zurückblickt, die er Ende 1919 gemacht hatte, kurz nachdem Renoir verstorben war. Für den reichen Sprössling eines Stahl-Tycoons aus Pittsburgh sollte er nach Paris reisen, um möglichst günstig noch verfügbare Renoir-Gemälde zu erstehen, wo er mit Lucien Mignon einen Künstler kennenlernte, der nicht nur mit Renoir befreundet war, sondern auch genauso malte.
Jeffery Deaver ließ sich für seinen Beitrag „Ein bedeutender Fund“ von den Höhlenmalereien von Lascaux zu einer Geschichte über Ehrgeiz und Missgunst unter Archäologen inspirieren, während Joe R. Lansdale auf Norman Rockwells „Der Haarschnitt“ basierend eine packende Story über den Überfall auf den Friseursalon von Charlie Richards und seiner hübschen Tochter Millie verfasst hat. Die Kunsthistorikerin Gail Levin schreibt in „Georgia O’Keeffes Blumen“ über den Versuch einer Journalistin, ein Interview mit O’Keeffe zu bekommen und sich ihr über eine feministische Perspektive zu nähern. Besonders gelungen ist vor allem Sarah Weinmans Geschichte „Die große Stadt“, in der eine junge Frau ein Portrait ihrer nackten Mutter Clothilde entdeckt und die Geschichte seiner Entstehung nachspürt.
„Die Portraits der Frau machten sie nervös. Sie übermittelten Eindrücke, von denen sie nicht sicher war, ob sie ihr gefielen. Eine scharfe Sicht auf die Welt. Ungebeten enthüllte Geheimnisse. Clothilde hatte das Gefühl, ihre Geheimnisse würden verraten werden, wenn die Frau sie malte.“ (S. 320) 
Aber auch die Geschichten, die Michael Connelly (zum rechten Innenflügel von Hieronymus Boschs „Der Garten der Lüste“), David Morrell (zu van Goghs „Zypressen“) und S. J. Rozan (zu Hokusais „Die große Welle von Kanagawa“) zur Sammlung beigesteuert haben, demonstrieren eindrucksvoll, wie die Wirkung einzelner Kunstwerke ganz eigenständige Geschichten hervorbringen können. Ich hoffe sehr, dass Lawrence Block mit diesem einzigartigen Konzept auch in Zukunft noch den einen oder anderen wunderbar hochwertig gestalteten Band mit auf Kunstwerken basierenden Erzählungen herausbringt.

Donnerstag, 1. November 2018

Joe R. Lansdale – (Hap & Leonard: 10) „Bissige Biester“

(Golkonda, 269 S., Pb.)
Kaum ist Hap Collins halbwegs davon genesen, zweimal niedergestochen worden zu sein, sitzt er auch schon wieder im Büro von Brett Sawyer Investigations, der Detektei seiner Freundin Brett, während sein schwarzer schwuler Partner Leonard in Houston bei einem Online-Sex-Date verweilt. Eigentlich wollte Louise Elton, die ältere schwarze Dame von gegenüber Leonard damit beauftragen, ihrem Verdacht nachzugehen, dass ihr Sohn ermordet worden ist – von Polizisten in Camp Rapture.
Erste Anlaufstelle soll Timpson Weed sein, der den Mord beobachtet haben soll. Wie Hap erfährt, hat die Sache ihren Anfang genommen, als Louises Tochter Charm, nachdem sie mit ihrer Kamera am entlegenen Sägewerk gewesen war, ohne ersichtlichen Grund von Officer Coldpoint festgenommen und erniedrigt worden ist. Als die Polizistin Manuela Martinez das junge Mädchen aus dieser misslichen Lage befreit hat, wurde Martinez vom Dienst suspendiert, Charm aber weiterhin von Coldpoint verfolgt. Charms älterer Bruder Jamar begann, die Stalking-Aktivitäten des Cops zu filmen, doch nachdem er festgenommen worden war, fand man ihn in den Projects tot auf. Hap und der aus Houston zurückgekehrte Leonard treffen sich mit dem Zeugen in einer Bar, wo Timpson ihnen von drei Cops berichtet, die Jamar vor der Kneipe mit Schlagstöcken bearbeitet hatten. Und von Martinez erfahren die beiden Ermittler, dass Coldpoint im stillgelegten Sägewerk illegale Hundekämpfe und Boxkämpfe organisiert.
Doch als sich Hap und Leonard mit Coldpoint und seinem Handlanger Sheerpoint auseinanderzusetzen beginnen, wird erst Timpson ermordet, dann bringen sich auch Hap und Leonard in die Schusslinie der korrupten Cops.
„Ich hatte schon mehrmals Schlimmeres erlebt als diese beiden Kleinganoven, aber nun erdrückte mich nicht nur dieser Brocken, sondern eine ganze Lawine aus allem, was ich jemals getan hatte und nicht hätte tun sollen.
Ich fragte mich, wie Leonard wohl damit umging. Die Antwort war mir klar. Er kam damit klar. Und wenn nicht, dann würde er mich das womöglich niemals wissen lassen, so eng wir auch befreundet waren. Manche Brücken überschritt er noch nicht mal mit mir gemeinsam. Bislang jedenfalls nicht.“ (S. 216) 
Seit Joe R. Lansdale 1990 mit „Wilder Winter“ die Serie um den republikanischen schwarzen schwulen Vietnam-Veteranen Leonard Pine und den weißen Kriegsdienstverweigerer Hap Collins ins Leben gerufen hat, sind nicht nur mittlerweile neun weitere Romane, sondern verschiedene Kurzgeschichten erschienen und zwei Staffeln als Fernsehserie von Sundance TV mit James Purefoy und Michael Kenneth Williams in den Hauptrollen produziert worden.
Auch der zehnte Roman um Hap & Leonard ist nicht nur wegen des zwar voraussehbaren, aber nichtsdestotrotz packenden Plots lesenswert, sondern natürlich auch wegen des kumpelhaft harten, doch herzlich humorvollen Umgangs der beiden Freunde miteinander. Gerade in den pointierten Dialogen erweist sich die erzählerische Meisterschaft des amerikanischen Schriftstellers, der sich zum Glück nicht auf ein Genre festlegen lässt und sowohl im Horror- als auch Krimi- und Thriller-Genre deutlich seine Spuren hinterlassen hat. Zu den Höhepunkten von „Bissige Biester“ zählt vor allem der Kampf, den Hap und Leonard glaubhaft miteinander ausfechten müssen, um Zeit bis zum Eintreffen der Kavallerie zu gewinnen, aber auch die herzenswarme Art, wie sich die beiden Freunde um die Erfüllung des zunehmend gefährlicheren Auftrags annehmen und dabei ohne Rücksicht auf ihr eigenes Wohlbefinden der Gerechtigkeit zu ihrem Sieg verhelfen wollen.
Das gelingt ihnen auch diesmal mit ihrem unvergleichlichen Humor!

Samstag, 27. Oktober 2018

Joe R. Lansdale – „Hap & Leonard: Die Storys“

(Golkonda, 270 S., Pb.)
Bevor mit „Savage Season“ 1990 der Debütroman um die beiden unvergleichlichen Privatermittler Hap Collins und Leonard Pine erschien (der unter dem Titel „Wilder Winter“ in Deutschland erstmals 2006 veröffentlicht wurde), hat der literarisch vielseitig begabte amerikanische Schriftsteller Joe R. Lansdale vor allem Horrorwerke wie „Akt der Liebe“, die Western-Horror-Anthologie „Straße der Toten“, „Nightrunners“ und die „Drive-In“-Trilogie veröffentlicht.
Im Laufe seiner ständig aufstrebenden Karriere ist Lansdale vor allem durch seine atmosphärisch dichten Südstaaten-Thriller „Kahlschlag“ und „Gauklersommer“ bekannt geworden, aber das sympathische Ermittler-Duo Hap & Leonard begleitet Lansdale und seine begeisterten Leser bis heute.
Neben mittlerweile zwölf Romanen sind über die Jahre immer wieder Kurzgeschichten erschienen, die nun in der Sammlung „Hap & Leonard: Die Storys“ zusammengefasst und um ein Vorwort von Bestseller-Autor Michael Koryta, ein kurzes Interview, das der Autor mit seinen beiden Protagonisten geführt hat, und ein Nachwort des Autors über seine besondere Beziehung zu seinen Helden ergänzt worden sind.
Die Geschichten sind nicht nur eine coole Einführung in das Leben, das der ehemals politisch engagierte „White Trash“-Kerl Hap und der schwarze schwule Vietnam-Veteran und Republikaner Leonard miteinander führen, sondern auch in die amüsante Weise, wie sie ihre Aufträge erledigen. In „Hyänen“ sollen Hap & Leonard dem Bruder ihres Auftraggebers aus der Patsche helfen. Der Einundzwanzigjährige hat sich offenbar mit Typen eingelassen, die einen Geldtransporter überfallen wollen. Nachdem Hap, Leonard ihr alter Freund Marvin damit begonnen haben, im Dreischichtsystem das Haus von Kelly und seinem auf die schiefe Bahn geratenen Bruder Donny zu überwachen, stößt Marvin nicht nur auf das Versteck der von Smokey geführten Bande, von dem aus wahrscheinlich der Überfall geplant werden soll, sondern auch auf den Umstand, dass vor einiger Zeit der Fahrer eines Fluchtwagens mit einer Kugel im Kopf im Wald aufgefunden wurde. Um Donny ein ähnliches Schicksal zu ersparen, legen sich Hap und Leonard mit Smokey und seinen Jungs an.
In der mit Andrew Vachss zusammen geschriebenen Geschichte „Veils Besuch“ wird Leonard mit einer Begebenheit aus Haps Vergangenheit vor zwanzig Jahren konfrontiert, als Hap Veils Bekanntschaft und die seiner Pistole gemacht hat und mit ihm zusammen den nicht ganz koscheren Umtrieben eines Fotografen auf die Spur kommen wollte. Die kurze Story „Mordsgutes Chili“ war als Werbegag zum Hap-&-Leonard-Roman „Schlechtes Chili“ gedacht und wird durch ein ganz persönliches Chili-Rezept von Joe R. Lansdale abgerundet. Und in „Todsicher“ werden Hap & Leonard von einer Frau beauftragt, ihrem von ihr getrenntlebenden Mann ins Gewissen zu reden und wenn nötig auch etwas aufzumischen, damit er sich nicht länger in ihre Angelegenheiten mischt. Doch je mehr sich die beiden Ermittler mit der Sache beschäftigen, umso mehr Ungereimtheiten tun sich auf. All die Geschichten fügen sich nahtlos in den Kosmos ein, den auch die Romane um Hap und Leonard ausmachen.
Wie Lansdale selbst in seiner Art Nachwort mit dem Titel „Wie ich Hap und Leonard hegte und pflegte, fütterte und großzog“ erwähnt, sind die Abenteuer, die die beiden an sich so verschiedenen, doch wie Brüder miteinander verbundene Männer erleben, eher nebensächlich, dafür sind es die Typen selbst, an denen die Leserschaft einen Narren gefressen hat.
„Da schrieb ich also diesen Roman, Leonard tauchte plötzlich auf, er und Hap waren die besten Freunde, obwohl sie durchaus verschiedene Ansichten hatten, so wie auch viele meiner Freunde anders sind als ich, doch im Kern stimmen Hap und Leonard überein. Sie sind anständige Menschen, sie sind nicht auf den Kopf gefallen, haben aber irgendwann im Leben den falschen Dampfer genommen und sind dann irgendwie am äußersten Rand des Amerikanischen Traums gestrandet.“ (S. 264) 
Lansdale verweist darauf, dass die Lebenssituation von Hap und Leonard seiner eigenen damals sehr ähnlich war, und ebenso wie sich das Leben des Autors veränderte, machen auch Hap und Leonard im Laufe all der Romane, in deren Zentrum sie stehen, eine Entwicklung durch. Bei all dem erfrischend anderen Humor und der unterhaltsamen Action, in die die beiden immer wieder verwickelt werden, sind die Geschichten von Hap und Leonard aber vor allem ein Zeugnis ihrer tiefen Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft. Wenn sie das Gefühl haben, einen sinnvollen Auftrag anzunehmen, der Gutes bewirkt, spielt die Bezahlung eigentlich keine Rolle. Dann lassen sie sich weder von ihrer Angst einschüchtern noch von ihrem Ziel abbringen. Dafür sind die sieben hier vereinten Geschichten ein wunderbares Beispiel, und davon profitieren nicht nur Einsteiger in das liebenswerte Universum von Hap & Leonard, sondern auch langjährige Fans.

Dienstag, 23. Oktober 2018

Jens Henrik Jensen – (Oxen: 3) „Gefrorene Flammen“

(dtv, 592 S., Pb.)
Nachdem er sich von dem versuchten Attentat auf ihn bei einer Ärztin auf den Schären erholt hat, sinnt der ehemalige Elite-Soldat Niels Oxen auf Rache, denn er will nicht weiter auf der Flucht vor seinen Verfolgern sein, die der mächtige Danehof auf ihn angesetzt haben, will von den Verleumdungen freigesprochen werden und vor allem seinen Sohn Magnus wieder in die Arme schließen können. Doch dazu ist er auf Hilfe angewiesen.
Als er Margrethe Franck aufsucht, die ihm als Mitarbeiterin des dänischen Geheimdienstes PET im Kampf gegen den Danehof zur Seite stand, erfährt er allerdings, dass sie nicht mehr beim PET angestellt ist, sondern schlecht bezahlten Jobs bei einer Reinigungsfirma und als Kassiererin bei Netto nachgeht. Offenbar haben die weitreichenden Beziehungen des Danehof dafür gesorgt, dass die ehemalige Agentin keinen vernünftigen Job mehr bekommt.
Ähnlich ergeht es dem ehemaligen Polizisten Christian Sonne, Neffe des ehemaligen PET-Chefs Axel Mossman, der offiziell aus Gesundheitsgründen frühzeitig in Rente gehen musste. Doch im Keller seines Hauses arbeitet Mossman weiterhin akribisch an der Aufdeckung der kriminellen Verschwörung, die hinter dem Danehof steckt. Doch dafür muss er erst einmal die Schlüsselfiguren identifizieren, die aus den wichtigsten Vertretern der dänischen Wirtschaft und Politik stammen. Während Oxen die Leiter von Danehof Süd und Nord, Villum Grund-Löwenberg und Kajsa Corfitzen, abhören lässt, die offenbar daran arbeiten, dem von Danehof Ost geführten Unternehmen neue Strukturen zu verleihen, geht Franck einer Spur in Spanien nach, die sich dank Francks längst nicht eingerosteter Ermittler-Fähigkeiten als sehr ergiebig erweist. Doch bis alle losen Enden zusammengeführt werden können, muss auch die dänische Justizministerin Helene Kiss Hassing ins Boot geholt werden …
„Es war wie ein Hürdenlauf. An Hindernisse waren sie gewöhnt. Doch jetzt kam es ihnen vor, als wären sie mitten im Sprung eingefroren, in der Bewegung erstarrt. So hingen sie jetzt in der Luft. Sie waren nicht gescheitert. Aber sie hatten die Hürde nicht genommen. Der Film stand ganz einfach still.
Keiner wusste, wie sie jetzt weiter vorgehen sollten. Die Handlungen und Motive deuteten in unterschiedliche Richtungen.“ (S. 468) 
Obwohl der langjährige dänische Journalist Jens Henrik Jensen bereits 1997 seinen Debütroman und seither eine Vielzahl weiterer Spannungsromane veröffentlicht hat, ist er hierzulande erst durch die in den Jahren 2012 bis 2016 entstandene Oxen-Trilogie bekannt geworden, deren letzten Band der nun mit „Gefrorene Flammen“ vorliegt. Während sich die ersten beiden Bänden vor allem um den von seinen Kriegserlebnissen traumatisierten Elite-Soldaten Niels Oxen gedreht haben, der per Zufall in ein Mordkomplott verwickelt wird und deshalb von der Bildfläche verschwinden muss, hat sich im dritten Band der Fokus auf den ehemaligen PET-Chef Axel Mossman verschoben, der die Operation zur Aufdeckung der Danehof-Machenschaften anführt und dabei seinen Mitstreitern Oxen, Franck und Sonne auch mal die eine oder andere Information vorenthält.
Jensen lässt auf den ersten Seiten noch einmal die wesentlichen Ereignisse Revue passieren, die Oxen überhaupt auf die Spur des Danehofs gebracht haben, aber auch im weiteren Verlauf des Romans werden immer wieder wichtige Informationen über die Geschichte des mächtigen Netzwerks und seiner meist geschickt getarnten Verbrechen eingestreut. Minutiös beschreibt Jensen die einzelnen Operationen, mit denen Mossman seine Team-Kollegen betraut, der Autor gibt sich aber auch viel Mühe mit der Charakterisierung seiner charismatischen Figuren, die jeweils eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht haben.
Während Oxen bereits zu Beginn des ersten Bandes („Das erste Opfer“) als gestrauchelter Kriegsheld eingeführt worden war, der vor allem seinem Hund Mr. White verbunden ist, verfügten Mossman und Franck noch über eine erfolgreiche berufliche Karriere beim Geheimdienst, Sonne bei der Polizei. Am Ende des zweiten Bandes („Der dunkle Mann“) konnte Oxen gerade so einem Attentat entkommen, während Mossman, Franck und Sonne Abschied von ihren Jobs nehmen mussten. Wie sich dieses Quartett im nun vorliegenden Band zusammenrauft und voller Tatendrang gegen den Danehof ermittelt, um auch den eigenen Ruf wieder herstellen zu können, zählt zu den großen Stärken von „Gefrorene Flammen“.
In leicht verständlicher Sprache thematisiert Jensen die Gier nach Macht und die kriminellen Energien, mit denen diese gewonnen und verteidigt wird. Aber die Trilogie ist auch ein Plädoyer für Loyalität, Mut und dem unbändigen Willen, für die gerechte Sache zu kämpfen. Für diesen Kampf hat Jensen mit Niels Oxen, Axel Mossman und Margrethe Franck drei außergewöhnliche Charaktere geschaffen, die uns sicher auch nach Abschluss dieser Trilogie noch begleiten werden, denn Jensen ist Oxen so sehr ans Herz gewachsen, dass er bereits einen vierten Band in Aussicht gestellt hat.
Leseprobe Jens Henrik Jensen - "Oxen: Gefrorene Flammen"

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Håkan Nesser – „Intrigo“

(btb, 606 S., Pb.)
Vom schwedischen Bestseller-Autor Håkan Nesser sind seit dem Jahre 2000 etliche seiner Romane und Geschichten als Fernseh-Mini-Serie, Kino- oder Fernsehfilm adaptiert worden, u.a. „Das grobmaschige Netz“, „Das falsche Urteil“, „Münsters Fall“, Der unglückliche Mörder“ und „Mensch ohne Hund“. Nun hat sich der schwedische Filmemacher Daniel Alfredson (der sich bereits der beiden Stieg-Larsson-Bestseller „Verdammnis“ und „Vergebung“ angenommen hatte) an die Verfilmung dreier weiterer Geschichten von Håkan Nesser gemacht, die – beginnend mit „Tod eines Autors“ – nacheinander im Kino zu sehen sein werden.
Grund genug für den btb-Verlag, in dem bisher alle deutschen Übersetzungen von Nessers Werken erschienen sind, die drei zugrundeliegenden Storys „Tod eines Autors“, „In Liebe, Agnes“ und „Die Wildorchidee aus Samaria“ als Sammelband unter dem Namen „Intrigo“ neu herauszubringen und sie um eine neue und eine ältere zu ergänzen.
Eröffnet wird die Sammlung mit der neuen Geschichte „Tom“, in der die Endfünfzigerin Judith Bendler eines Nachts im Jahre 1995 vom Telefon geweckt wird, bei dem sich der Anrufer als Tom vorstellt, was unmöglich sein kann. Denn Tom, der Sohn ihres Mannes Robert aus erster Ehe, ist vor über zweiundzwanzig Jahren spurlos verschwunden … Zunächst bespricht sie den merkwürdigen Anruf mit ihrer Therapeutin Maria Rosenberg, mit der sie noch einmal die Umstände von Toms Verschwinden rekapituliert, die allerdings ebenso wenig mit der Drogengeschichte des damals siebzehnjährigen zu tun haben wie mit der Geschichte, die ihr Robert nach einem dramatischen Vorfall erzählt hat, der zu Toms Verschwinden geführt hat …
In „Rein (Tod eines Autors)“ kehrt ein renommierte Übersetzer nach A. zurück, um einer Spur seiner vor Jahren verschwundenen Ehefrau Ewa zu folgen, deren Husten er auf einer Konzertaufnahme gehört haben will, die im Radio übertragen wurde. Darüber hinaus wird er von seinem Verleger mit der Übersetzung des letzten Manuskripts des gerade verstorbenen Neomystikers Germund Rein beauftragt, der in einem begleitenden Brief darum bat, dass das Buch auf keinen Fall in seiner Muttersprache erscheinen darf. Je mehr der Übersetzer in das Manuskript eintaucht, umso stärker wächst ihn ihm der Verdacht, dass Rein ermordet wurde und in seinem letzten Text Hinweise zur Aufklärung des Verbrechens versteckt hat. Derweil sorgen auch die Ermittlungen bei der Suche nach Ewa für einige Überraschungen …
„Vielleicht war das eine Engagement auch notwendig zur Entlastung des anderen. Wenn ich zurückdenke, dann überrascht mich, wie oft ich damals voll und ganz dem einen oder dem anderen gewidmet haben muss. Entweder ich befand mich tief in Germund Reins Text, oder aber ich suchte mit Feuereifer nach meiner verschwundenen Ehefrau. Doch ich vermischte beides nie. Ich hielt meine Aufträge wie Öl und Wasser getrennt, und ich glaube auch, dass das genau die richtige Methode war.“ (S. 182) 
„In Liebe, Agnes“ stellt fast eine Art Briefroman dar, in der sich die beiden Jugendfreundinnen Agnes und Henny auf der Beerdigung von Agnes‘ Mann nur kurz wiedersehen, bis Henny per Brief den Kontakt zu ihrer einst besten Freundin wieder aufnimmt und sie darum bittet, ihren eigenen Mann David, der offensichtlich seit längerer Zeit eine Affäre unterhält, umzubringen. Da sie selbst die erste Tatverdächtige sein würde, soll Agnes ihn à la Hitchcocks „Der Fremde im Zug“ während einer Konferenz in Amsterdam umbringen, während Henny durch die Teilnahme an einem Übersetzer-Seminar in Berlin ein wasserdichtes Alibi haben wird. Während Agnes und Henny in ihrem Briefwechsel alte Erinnerungen austauschen und den Plan zu Davids Ermordung austüfteln, rekapituliert Agnes ihre eigenen Erinnerungen an die Jugendfreundschaft mit Henny …
Ähnlich wie in „Tom“ und „Tod eines Autors“ geht es auch in „Die Wildorchidee aus Samaria“ um einen verschwundenen Menschen, diesmal um die siebzehnjährige Vera Kall, die nach der Abiturfeier vor dreißig Jahren spurlos verschwand und vermutlich einem Triebtäter zum Opfer gefallen ist. Als der 49-jährige Sprachlehrer Henry Maartens von seiner Frau Clara erfährt, dass sie sich scheiden lassen will, erhält er kurz danach einen Anruf seines Schulkameraden Urban Kleerwot, der Henry darum bittet, einen Blick auf sein Krimi-Manuskript zu werfen. Sie verabreden sich in ihrer alten Heimatstadt K., wo Henry zwei Tage vorher in einem Hotel absteigt und eine Nachricht von Vera vorfindet, die um ein Treffen bittet. Doch warum sollte sich Vera nach über dreißig Jahren wieder bei Henry melden?
In der abschließenden, ebenso wie die „Samaria“-Geschichte zuvor in „Aus Doktor Klimkes Perspektive“ veröffentlichten Story „Sämtliche Informationen in der Sache“ versucht ein Lehrer, das Zeugnis einer kürzlich verstorbenen Schülerin fertigzustellen, und besucht dessen Eltern, die noch im Besitz des letzten Aufsatzes sind, den der Lehrer noch zur Benotung heranziehen möchte.
Vor allem in den der „Intrigo“-Film-Trilogie zugrundeliegenden Geschichten, aber auch in dem neuen Kurzroman „Tom“ erweist sich Håkan Nesser als großartiger Erzähler außergewöhnlicher Schicksale, die in mehr oder weniger geheimnisvollem Abtauchen und Verschwinden, Lügen, Intrigen und Morden gipfelt, wobei Nesser immer wieder geschickt falsche Fährten legt, indem die Glaubwürdigkeit der Ich-Erzähler und Erwartungen des Publikums nach und nach erschüttert werden und Nesser die Geschichten zu oft überraschenden Auflösungen führt.
Leseprobe Håkan Nesser - "Intrigo"

Sonntag, 14. Oktober 2018

James Lee Burke – (Dave Robicheaux: 14) „Flucht nach Mexiko“

(Pendragon, 478 S., Pb.)
Im Sommer 1958 schufteten Dave Robicheaux und sein Halbbruder Jimmie täglich zehn Stunden lang für eine Seismografen-Crew und verbrachten ihre freie Zeit auf Galveston Island. Als sie eines Abends zu weit nach draußen schwammen, wurden sie von einer mutigen jungen Frau namens Ida Durbin vor einem Hai gerettet. Jimmie verliebte sich in das außergewöhnliche Mädchen, musste aber feststellen, dass sie für den Zuhälter Lou Kale anschaffen ging. Um sie aus seinen Fängen zu befreien, plante er, mit ihr nach Mexiko durchzubrechen, doch auf einmal war sie verschwunden und tauchte nicht mehr auf.
Erst Jahrzehnte später, als Dave Robicheaux für das Sheriff’s Department in New Iberia arbeitet, beichtet ihm sein früherer rassistischer College-Bekannter Troy Bordelon auf dem Sterbebett, dass sich damals sein Onkel und ein paar Cops Ida geschnappt hätten. Der Fall lässt Dave nicht mehr los, auch wenn seine Aufmerksamkeit vor allem den sogenannten Baton-Rouge-Morden gilt. Der Killer hatte in den letzten sechs Monaten zwei schwarze Frauen entführt und ihre Leichen in den Sumpfgebieten entsorgt. Mit seinem Geständnis wirbelt Bordelon allerdings viel Staub auf: Da seine Familie kleine Gefälligkeiten für die Chalons im St. Mary Parish erledigt hatte und die Chalons wiederum in Geschäfte mit der Mafia verwickelt sind, sollen zwei korrupte Cops dafür sorgen, dass Bordelons Anschuldigungen keine weiteren Kreise ziehen.
Zusammen mit seinem besten Freund, dem Privatdetektiv Clete Purcel, stochert Robicheaux in der Geschichte der Chalons herum und bringt vor allem den Fernsehproduzenten Val Chalons gegen sich auf, den er schließlich windelweich prügelt.
„Ich wollte nicht glauben, dass ich ein Bote von Gewalt und Tod war, ein Mann, der in Totenstädten verweilte und den Gestank eines großen Friedhofs hinter sich herzog, wo immer er ging.
Aber ich teilte bereits die Überzeugung, dass die menschliche Persönlichkeit kein Geheimnis umgibt. Menschen sind, was sie tun. Meine eigene Vorgeschichte mochte ich gar nicht näher ansehen.“ (S. 157)
Je tiefer Robicheaux und Purcel in die familiären Strukturen der Chalons eintauchen, umso mehr häufen sich nicht nur Todesfälle, die dem Baton-Rouge-Mörder zugeschrieben werden, sondern immer näher an Robicheaux selbst heranreichen.
Mit Band 14 der gleichermaßen von der Kritik und den Lesern gefeierten Reihe um den charismatischen Vietnam-Veteran, mehr oder weniger trockenen Alkoholiker und Cop Dave Robicheaux liegt nun der elfte von insgesamt 21 Bänden in deutscher Übersetzung im Pendragon-Verlag vor. Wie gewohnt wird der von seinem starken Gerechtigkeitssinn angetriebene Robicheaux auch in „Flucht nach Mexiko“ nicht müde, mächtigen Leuten ans Bein zu pinkeln und ihre moralisch verwerflichen Aktivitäten aufzuspüren. Das bringt nicht nur ihn selbst, sondern auch seine resolute Chefin Helen immer wieder in Schwierigkeiten, weil er sich einfach nicht an die Regeln halten will und das Gesetz in die eigene Hand nimmt, gern auch mit Ausübung von Gewalt.
Die Moral hat Robicheaux allerdings ganz auf seiner Seite, denn in dem Morast aus Korruption, Mord, Drogen und Zuhälterei sehen sich Robicheaux und Purcel immer wieder gezwungen, mit den gleichen einschüchternden Methoden zu arbeiten, wie die Mächtigen ihre Besitzstände verteidigen. Bei all dieser Trostlosigkeit tut es aber auch gut zu lesen, dass der Witwer Robicheaux mit der unorthodoxen Nonne Molly wieder eine Frau an seine Seite bekommt und dass den übermächtig erscheinenden Bösen am Ende doch das Handwerk gelegt wird.
James Lee Burke erweist sich auch in seinem 14. Robicheaux-Krimi als wichtiger moralischer Wächter, der konsequent die Finger in die Wunden legt, die der Vietnam-Krieg, der Rassismus und der nie enden wollende Kampf gegen Drogenmissbrauch und Prostitution in der Seele Amerikas hinterlassen haben. Davon abgesehen bietet „Flucht nach Mexiko“ aber auch grandios komponierte Krimi-Unterhaltung, in denen sich die Suche nach Ida Durbin und die Aufklärung der Baton-Rouge-Morde geschickt ineinander verweben.

Freitag, 12. Oktober 2018

Abi Andrews – „Wildnis ist ein weibliches Wort“

(Tempo, 400 S., HC)
Die 19-jährige Engländerin Erin packt die Abenteuerlust. Zwar sind ihr auch die Namen von einigen wenigen Frauen wie dem Cowgirl Calamity Jane, der Weltreisenden Nellie Bly und der Forschungsreisenden Mary Kingsley bekannt, aber allzu schmerzlich bewusst ist ihr die Tatsache, dass das Abenteuer fest in der Hand von Männern wie Chris McCandless, Jack London, Henry David Thoreau oder Jack Kerouac zu sein scheint.
Nach dem Abitur hat sie das durch verschiedene Jobs verdiente Geld gespart, um damit die Reisekosten abzudecken, die für ihre Route über Island, Grönland, Kanada bis nach Alaska und wieder zurück anfallen. Sie ist zu Fuß, per Schiff und Anhalter, auf Hundeschlitten und Fischerbooten unterwegs und lernt die verschiedensten Menschen kennen, bringt sich als allein reisende Frau natürlich auch in Gefahr.
Ihre Erlebnisse hält sie mit der Kamera fest, um einen Dokumentarfilm zu drehen, vor allem sinniert sie über Weltraumabenteuer, die Kommunikation zwischen Delfinen, Zeitkapseln, spirituelle Wesen, Seelenwanderung und den Unabomber Ted Kaczynski. Die Begegnung mit einem Grizzly-Bär ist eine der vielen Momente, die einen tiefen Eindruck bei Erin hinterlassen.
„Noch nie hatte ich so unmittelbar und instinktiv gespürt, was es heißen würde, nicht lebendig zu sein. In dem Augenblick wurde mir klar, dass alle Nostalgie, die Der Ruf der Wildnis in uns hervorruft, der Verlustschmerz über das ist, woran wir uns erinnern und was uns fehlt, dort wo wir sind, bevor wir uns auf die Suche danach begeben.“ (S. 264)
Die in London lebende Autorin Abi Andrews bricht in ihrem Debütroman „Wildnis ist ein weibliches Wort“ eine Lanze für den Feminismus. Der Trip in die Wildnis von Alaska, den ihre gerade mal 19-jährige Protagonistin Erin unternimmt, dient dabei als Plot-bildendes Gerüst, an dem sich Erin mit ihren philosophischen Betrachtungen entlanghangelt. Gleich zu Beginn stellt Erin fest, dass Wildheit nicht wie bei Männern Autonomie und Freiheit bedeutet, sondern als „irrationales Fieber“ betrachtet wird. Dem setzt die Abenteuerin einen konkreten Fünf-Punkte-Plan entgegen, zu dem das Lesen vieler aufschlussreicher Bücher, das Eintauchen in die Geschichte und Kultur jedes Ortes, das Lernen wichtiger Sätze in jeder Sprache und das tagtägliche Schreiben gehören.
So erfährt sie von ihrer ersten Reisegefährtin Urla, dass Island in Europa eine Vorreiterrolle für die Durchsetzung der geschlechtlichen Gleichberechtigung einnimmt, die sich vor allem in der Lohngleichheit manifestiert, aber auch in der Tatsache, dass Island 1980 als erstes europäisches Land eine Frau zur Präsidentin gewählt hat und eine Bischöfin das Oberhaupt ihrer Staatskirche ist. Erin will die Natur und die Landstriche, die sie bereist, nicht erobern, was die Männer im imperialistischen Zeitalter angetrieben hat, die koloniale Ausbeutung voranzutreiben und überall ihre Fähnchen reinzustecken. Sie will nur unaufdringlich die Natur erforschen, ohne ihr einen Stempel aufzudrücken, im Augenblick präsent und Dinge vermitteln, die sonst niemand verstehen würde.
In Kanada stellt Erin schließlich fest, dass Naturparks das implizite Eingeständnis darstellen, dass die Natur zerfällt, und ein vergeblicher Versuch, sie zu konservieren. Diese Art von Beobachtungen und Gedankengängen ziehen sich wie ein roter Faden durch die 400 Seiten eines Trips, der allerdings nur in selten erscheinenden Momenten als körperlich anstrengende Reise geschildert wird, sondern vielmehr als Inspiration zur Verbreitung nicht nur feministischer Überzeugungen dient und vor allem als eindringlicher Appell zum Schutz natürlicher Ressourcen gedacht ist.
Wer nur ein weibliches Gegenstück zu Jon Krakauers „Into The Wild“ erwartet, wird sicherlich enttäuscht, denn die in ihrer verdichteten Masse schon recht penetranten Gedanken, Aufklärungen und Belehrungen schießen als Ganzes doch etwas über das Ziel hinaus.

Samstag, 6. Oktober 2018

Kathleen Collins – „Nur einmal“

(Kampa, 188 S., HC)
Die Entstehungsgeschichte bzw. – viel eher – die Entdeckung von Kathleen Collins‘ Storys-Sammlung „Nur einmal“ liest sich selbst schon wie ein filmreifes Märchen. Die 1942 in New Jersey geborene Collins hat sich vor allem einen Namen als politische Aktivistin einen Namen gemacht, die sich 1962 für das Wahlrecht der Schwarzen in Georgia einsetzte, und wird heute als Pionierin des afroamerikanischen Films gefeiert. Was allerdings niemand außer ihrer Tochter Nina zu wissen schien: Kathleen Collins schrieb auch druckreife Geschichten, die sie allerdings in einem Karton verstaute.
Nachdem Collins 1988 an den Folgen ihrer Brustkrebserkrankung verstorben war und der Karton in den Besitz ihrer Tochter überging, wanderte die ungeöffnete Kiste vom Couchtisch zum Bett und in den Keller, bis sich Nina nach fast zwei Jahrzehnten endlich traute, in den Karton zu schauen. Was sie dort neben Drehbüchern, Briefen, Theaterstücken und einem Tagebuchfand, zählt zu den großen literarischen Entdeckungen der letzten Jahre.
In ihren sehr persönlichen Geschichten erzählt Collins nämlich von den schwierigen Kämpfen der Bürgerrechtsbewegung, von den gemeinsamen Bemühungen, schwarzer und weißer Menschen, die Rassentrennung aufzuheben und den Schwarzen ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Liebe zu führen. So erzählen in „Innen“ ein Mann und eine Frau jeweils von ihren Träumen. Er braucht Raum zum Improvisieren, weil es schon genügend Tage ohne Musik im Leben gibt; sie lässt eine kleine Blockhütte, in die sie sich zurückgezogen hatte, nachdem sie das erste Mal von ihrem Mann verlassen worden war, in Flammen aufgehen, illustriert Kinderbücher, widmet sich ihrem Kräutergarten und wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind.
In „Wie sagt man“ besucht eine junge schwarze Frau aus New Jersey die Summer School in Maine, um Französisch zu sprechen – mit einer Frisur, die ihren Vater wütend machte, weil sie damit so aussah wie „alle farbigen Mädchen“. Besonders eindringlich ist die Geschichte „Was ist nur aus der Liebe zwischen den Rassen geworden?“, in der Collins von zwei Bewohnerinnen unterschiedlicher Hautfarbe erzählt, die 1963 in einer Wohnung in der Upper West Side leben. Die zweiundzwanzigjährige Weiße hat gerade das College absolviert und arbeitet als Community Organizer, die einundzwanzigjährige Schwarze kommt frisch aus dem Gefängnis und ist einen weißen, unbeugsamen Freedom Rider verliebt.
„In jenem Sommer war sie völlig unerwartet zu einer verblüffenden Erkenntnis gelangt: Sie konnte jeden heiraten, nicht nur einen farbigen Arzt /Anwalt / Lehrer / Professor, sondern jeden. Einen mexikanischen Lastwagenfahrer. Einen japanischen Psychiater. Einen südafrikanischen Journalisten. Jeden. Sogar einen Weißen.“ (S. 43f.)
Doch von der Erkenntnis zum glücklichen Erleben ist es ein weiter, steiniger Weg. Immer wieder stoßen die jungen Frauen in Collins‘ Geschichten an die Grenzen der Wirklichkeit. Wenn schon in der eigenen Familie Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, wie schwierig ist es erst, Andersfarbige / Andersdenkende mit auf den Weg zu nehmen? Was „Nur einmal“ so lesenswert macht, ist nicht nur die sehr persönliche Note, die das unermüdliche Anrennen gegen die kleinbürgerlichen Moralvorstellungen so nahbar und authentisch machen, sowie der trotz allem humorvolle Ton, die erotischen Wunschvorstellungen und die Sehnsucht nach Liebe, die meist unerfüllt bleibt.

Donnerstag, 4. Oktober 2018

Robert B. Parker – (Spenser: 36) „Raues Wetter“

(Pendragon, 214 S., Tb.)
Durch ihre Ehen mit den wohlhabenden Männern Peter Van Meer und Harden Bradshaw hat sich Heidi Bradshaw in die bessere Gesellschaft eingeheiratet. Für die Hochzeitsfeier ihrer Tochter Adelaide auf Tashtego Island engagiert sie – über das normale Sicherheitspersonal hinaus - den Privatdetektiv Spenser zu ihrer persönlichen Unterstützung. Kaum haben sich Spenser und seine attraktive Lebensgefährtin Susan in ihrer exklusiven Suite eingerichtet, begegnen sie dem Killer Rugar, mit dem Spenser zuletzt in Marshport eine fast tödliche Konfrontation hatten.
Dass der stets in grau gekleidete Mann nicht zum Feiern gekommen ist, erfährt die prominente Hochzeitsgesellschaft kurz nach der Trauung, denn dann eröffnen Rugar und seine Männer das Feuer, erschießen den Priester und den Ehemann, bevor sie die Braut als Geisel nehmen. Spenser kann zum Glück fliehen und nimmt zusammen mit Captain Healy vom Morddezernat die Ermittlungen, die bis ins Jahr 1984 zurückreichen, als Heidi zur gleichen Zeit in Bukarest gewesen war wie Rugar …
„Ich war verärgert. Ich wusste absolut nichts, und je mehr ich herumschnüffelte, umso weniger wusste ich. Ich hatte keine Ahnung, was Heidi vorhatte. Ich war belogen worden. Das mochte ich nicht. Ich mochte den wachsenden Verdacht nicht, in einer bestimmten Funktion benutzt worden zu sein, ohne die geringste Ahnung, worum es dabei ging.“ (S. 70) 
Auch im 36. Band der bereits 1973 von Robert B. Parker begonnenen Serie um den ehemaligen Schwergewichts-Profiboxer und Ex-Cop Spenser ist der in Boston lebende und arbeitende Privatdetektiv weder um markige Sprüche noch hartnäckige Methoden verlegen, um seinen Auftrag ordentlich zu Ende zu führen. In diesem Fall geht es für Spenser allerdings eher um die Rückgewinnung seiner Ehre, nachdem er während der Hochzeitszeremonie nichts tun konnte, um Rugars Attentat zu verhindern.
Wie gewohnt kommt der 2010 verstorbene Parker in „Raues Wetter“ schnell zur Sache, wobei er Spenser und Susan gar nicht mehr groß einführt, sondern die Art ihrer Beziehung mit pointiert witzigen Dialogen und erotischen Episoden umreißt. Interessant wird der Plot durch die Aufklärung der Frage, was hinter der vordergründigen Entführung von Heidis offenbar psychisch labiler Tochter steckt und welche Rolle Spensers Auftraggeberin selbst dabei spielt.
Bis zur Aufklärung des Falles und einem denkwürdigen Wiedersehen mit Rugar gönnt Parker seinem Publikum keine Atempause. Zwischen coolen Sprüchen mit sexuellen Anspielungen und rauer Action erleben wir einen tatkräftigen Privatermittler in bester Tradition von Philip Marlowe, Sam Spade und Lew Archer. 
Leseprobe Robert B. Parker - "Raues Wetter"

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Don Winslow – „Frankie Machine“

(Droemer, 382 S., Tb.)
Mit 62 Jahren zählt sich Frank Macchianno noch längst nicht zum alten Eisen. Er unterhält nicht nur einen gutgehenden Angelladen am Ocean Beach Pier, sondern stellt eine gesellschaftliche Stütze des Strandlebens von San Diego dar, sponsert eine Junior-Baseballmannschaft, kauft Werbeflächen bei jeder Aufführung des Schülertheaters und hat die Basketballringe im Stadtpark bezahlt. Frank, der seine Ex-Frau Patty ebenso wie ihre gemeinsame Tochter Jill finanziell unterstützt und mit seiner Freundin Donna eine leidenschaftliche Beziehung führt, beliefert die Restaurants der Stadt mit frischem Fisch und versorgt sie mit frischer Wäsche. Und er lässt es sich nicht nehmen, mit seiner Herrenrunde entspannt auf den Wellen zu surfen und in Erinnerungen zu schwelgen.
Zu seinen Freunden zählt auch der FBI-Mann Dave Hansen, der mit seiner Truppe gerade dabei ist, im Rahmen der Operation G-String die letzten Überbleibsel des Organisierten Verbrechens in San Diego auszumerzen. Eines Tages wird Frank von seiner Vergangenheit als gefürchteter Mafiakiller Frankie Machine eingeholt: Weil sich Mouse junior mit seinen Porno-Geschäften mit den Leuten in Detroit angelegt hat, soll Frankie die Dinge richten und mit Vince Vena sprechen. Das Treffen erweist sich allerdings als eine Falle für Frank, der gerade noch rechtzeitig seinen Hals aus der sprichwörtlichen Schlinge ziehen kann. Doch nun befindet sich Frankie auf der Flucht, bis er herausgefunden hat, wer ihn tot sehen will. Das Problem ist nur, dass sich Frankie im Verlauf seiner langjährigen Karriere als Auftragskiller eine Menge Feinde gemacht hat.
„Also, zu wem kannst du gehen? Wem kannst du trauen?
Du konntest immer auf dich selbst vertrauen. Aber traust du dir zu, die Armee niederzumähen, mit der sie anrücken werden, und das, ohne Jill zu gefährden? In deinen besten Zeiten vielleicht hättest du das geschafft, aber die liegen zwanzig Jahre zurück. Du bist alt, du bist müde, und du bist angeschlagen.“ (S. 370) 
Als Don Winslow 2006 „The Winter of Frankie Machine“ veröffentlichte, hatte er bereits die fünf Romane der Neal-Carey-Reihe sowie Titel wie „Bobby Z“ und dann 2005 den Thriller „Tage der Toten“ veröffentlicht, mit dem er 2011 in Deutschland populär wurde.
„Frankie Machine“, hierzulande 2009 erstmals im Suhrkamp Verlag veröffentlicht und nun bei Droemer, wo seine letzten vier Romane erschienen sind, neu aufgelegt, bietet packenden Mafia-Thrill, der vor allem von dem Charisma des sympathischen Protagonisten genährt wird.  
Winslow nimmt sich viel Zeit, Frank Macchianno als überaus beliebten und sozial engagierten Unternehmer einzuführen, bevor erst nach fünfzig Seiten seine Mafia-Vergangenheit thematisiert wird. Wie Frank in diese lebensbedrohliche Situation gekommen ist, dass er eine alte Rechnung begleichen muss, wird geschickt in Rückblenden aufgeschlüsselt, in denen Frank rekapituliert, wie er 1963 als Fahrer für den Gangsterboss Momo Anselmo angefangen hat, wie er seinen Geschäftspartner und Freund Mike Pella kennengelernt hat, wie 1985 bei einer Party von Donnie Garth einiges aus dem Ruder lief. So werden nach und nach unzählige Mafia-Größen eingeführt und etliche verwirrende Fährten gelegt, von denen letztlich vielleicht eine zu dem Problem führt, das Frank nun aus der Welt schaffen muss.
Weil Frank ein ehrenwerter Mann mit strengem moralischem Kompass ist, fiebert der Leser mit ihm im Kampf ums Überleben Seite für Seite mit, bis er zum erlösenden Finale kommt, mit dem Winslow seine Geschichte meisterhaft zum Ende führt. 
Leseprobe Don Winslow - "Frankie Machine"

Sonntag, 30. September 2018

Gerhard Henschel – (Martin Schlosser: 8) „Erfolgsroman“

(Hoffmann und Campe, 602 S., HC)
Nachdem sich Martin Schlosser vier Jahre als Hilfsarbeiter in einer Spedition durchgeschlagen hat und erste Erfolge als Autor für das Stadtmagazin „Diabolo“ und die Literaturzeitschrift „Der Alltag“ feiern durfte, ist er friesischen Schortens-Stadtteil Heidmühle sesshaft geworden, wo er sich eine Vierzimmerwohnung mit zwei tamilischen Flüchtlingen teilt.
Zwar hilft er nach wie vor in einer Kneipe aus, versucht sich aber mit seinen Aufsätzen, Glossen und Reportagen als freier Autor zu etablieren. Seine Reportage „Wer kennt eigentlich Meppen?“ in dem Satire-Magazin „Kowalski“ lässt seine in Oldenburg lebende Ex-Freundin Andrea wieder Kontakt zu ihm aufnehmen, aber wirklich erfüllend gestaltet sich Martin Schlossers Liebesleben Anfang der 1990er noch nicht. Ab und zu besucht er seinen verwitweten Vater in Meppen, um sich Vorhaltungen über seine verpfuschte Karriere anzuhören, Briefe an Ämter und öffentliche Anstalten diktieren zu lassen oder diverse Besorgungen für ihn zu machen.
Bei einem Tantra-Workshop lernt er die Gartenarchitektin Bettina kennen, doch die Beziehung ist nicht von Dauer. Interessanter gestaltet sich da schon das Verhältnis zur gerade mal zwanzigjährigen, wortgewandten und humorvollen Studentin Kathrin Passig aus Regensburg.
Schlossers Aufträge für „Kowalski“, „konkret“, „Der Alltag“ häufen sich und sorgen zunehmend für schwarze Zahlen auf seinem Girokonto.
„Ich trug den Scheck zur Sparkasse. Endlich wieder Filterzigaretten, Bier und Futter: Heringe und Pellkartoffeln mit Gurken und Dill. Und als Lektüre wieder die Zeit. Die Damenröcke, behauptet darin die Essayistin Silvia Bovenschen, würden immer kürzer:
Der Trend zur Verkleinerung dieser Textilie ist nicht aufzuhalten, ihre Verkürzung bis knapp unters Schambein ist unübersehbar. 
Aber nicht in Heidmühle. Wo lebte denn diese Autorin? An der Reeperbahn?“ (S. 254) 
Schlosser freundet sich mit dem Illustrator Eugen Egner und Max Goldt an, zieht nach Berlin und beginnt dort, auch für das Stadtmagazin „Tip“ zu schreiben. Selbst ein Buchvertrag scheint in Aussicht …
Seit Gerhard Henschel 2004 mit „Kindheitsroman“ den Grundstein für die autobiografische Chronik seines Alter Egos Martin Schlosser gelegt hat, erfreut uns der ehemaliger Autor für Magazine und Zeitschriften wie „Der Alltag“, „Kowalksi“, „konkret“, „Titanic“ und „Merkur“ alljährlich mit einem neuen Band der außergewöhnlichen Lebensgeschichte eines Mannes, der am Ende des mittlerweile achten Romans in Berlin gelandet ist und 1992 seinen 30. Geburtstag feiert.
Bis dahin werden wir nicht nur Zeuge von Schlossers familiären Bindungen, sondern auch seiner amourösen Abenteuer und zunehmend erfolgreicherer Abnahmen seiner Artikel und Reportagen. Was die Schlosser-Romane und so auch den „Erfolgsroman“ aber besonders auszeichnet, sind die ebenso lose wie konsequent eingeschobenen Kommentare zum gesellschaftspolitischen und soziokulturellen Geschehen jener Zeit, die Henschel gerade in der Biografie seines Protagonisten abhandelt. So erleben wir aus Schlossers Perspektive den Streik der Bankangestellten, Saddam Husseins Massaker, Bob Dylans Bootleg-Serien, Monty Python’s Flying Circus, Twin Peaks, The Singing Detective, Stephen-King-Romane und die Aufarbeitung der Stasi-Akten, um nur einige Anekdoten zu nennen, die Henschel auf gewohnt knackige, lakonisch humorvolle Art kommentiert. Wir dürfen gespannt sein, wie es nächstes Jahr mit Martin Schlosser weitergeht!

Samstag, 29. September 2018

William Boyd – „All die Wege, die wir nicht gegangen sind“

(Kampa: Edition Gatsby, 174 S., HC)
Während ihr derzeitiger Freund Sholto den ganzen Tag lang zwischen irgendwelchen Nachrichtensendungen mit abgeschaltetem Ton hin- und herschaltet und dabei im Hintergrund Bob Dylan laufen lässt (was er für eine neue Kunstform erklärt), geht Bethany Mellmoth wie jeden Tag eines Jahres in ihre Stamm-Sushi-Bar. Ihren Wunsch, Sushi-Köchin zu werden und eine Sushi-Bar in London zu eröffnen, gibt sie jedoch sofort auf, als sie erfährt, dass dazu eine zweijährige Lehrzeit notwendig ist, in der man nichts anderes tut, als dem Sushi-Meister bei der Arbeit zuzusehen, ehe man selbst ein Messer in die Hand nehmen darf.
Mit ihrer beruflichen Karriere verhält es sich bei der 22-Jährigen wie im Liebesleben: Sie hat ihr Literaturstudium abgebrochen, nach sechs erfolglosen Vorsprechterminen ihre Ambitionen, Schauspielerin zu werden, abgeschrieben und will nun Schriftstellerin werden. Bis sie ihren ersten Roman bei einem Verlag untergebracht hat, jobbt sie in einem kleinen Laden, wo es antike Füllfederhalter und erlesene Papiersorten zu kaufen gibt.
Zwar hat sie schon einen Titel, aber mit ihrem Plot kommt sie nicht recht voran – bis sie im Green Park den Schriftsteller Yves Hill kennenlernt, der ihr ein paar gute Tipps gibt – auch dazu, wie sie am besten über die Trennung von Sholto hinwegkommt. Doch in der Folge hat Bethany weder Glück mit ihrer Statistenrolle bei einem Film über John Milton, noch bei den verschiedenen Männerbekanntschaften.
„Warum, fragt sie sich, ist es bloß so schwierig, sein Leben so hinzubekommen, dass alles läuft, wie man es sich wünscht? Immerzu Überraschungen, immerzu Sachen, die einem unerwartet in die Quere kommen. Sie wünscht sich nur eins, ein Leben ohne Überraschungen, zumindest mal einen Monat lang.“ (S. 88) 
In Anlehnung an F. Scott Fitzgeralds Klassiker „Der große Gatsby“ hat der gerade neu gegründete Schweizer Kampa Verlag mit der Edition „Der kleine Gatsby“ eine Reihe für leichtere Erzählungen ins Leben gerufen, für die William Boyds („Ruhelos“, „Die Fotografin“) Geschichte „All die Wege, die wir nicht gegangen sind“ einen wunderbaren Einstieg bildet.
In der humorvollen, mit leichter Hand geschriebenen Story begleitet der Leser die junge Protagonistin Bethany bei ungewöhnlich vielen Stolpersteinen ins Erwachsenendasein. Ohne ihre Rast- und Ziellosigkeit zu kritisieren, schildert der routinierte Autor, wie schnell sich Bethany in neue Beziehungen stürzt (und dabei immer sofort überlegt, wie sich der Nachname des potentiell Auserwählten mit ihrem Vornamen verträgt), ohne dabei auch nur im Ansatz glücklich zu werden. Aber auch in beruflicher Hinsicht schwebt der jungen Frau nichts Konkretes vor, außer etwas irgendwie Künstlerisches wie Malerei, Fotografie oder Schauspielerei, doch sobald die ersten Hürden auftreten, nimmt sie schon wieder Abstand davon.
Das ist einfach flott und mit sarkastischen Untertönen geschrieben und wartet mit humorvollen Wendungen auf, die Bethany nach all den Rückschlägen zum Glück immer wieder aufstehen lassen.

Freitag, 21. September 2018

James M. Cain - „Der Postbote klingelt immer zweimal“

(Kampa, 190 S., HC)
Der mehrfach vorbestrafte Herumtreiber Frank Chambers landet in den 1930er Jahren während seiner Reise von Tijuana im Diner Twin Oaks Tavern, wo er sich ein ordentliches Mittagessen erschleicht. Der griechische Tankstellen- und Restaurantbesitzer Nick Papadakis bietet Frank daraufhin einen Job als Mechaniker an, doch erst als er Nicks attraktive Frau Cora erblickt, beschließt er zu bleiben. Cora findet ebenfalls Gefallen an dem Fremden und lässt sich auf eine Affäre mit Frank ein, als Nick zu Besorgungen aufbricht. Da Cora aber keine Möglichkeit sieht, wie sie aus dem Gefängnis ihrer Ehe ausbrechen kann, schmieden die beiden Frischverliebten einen Mordplan.
Selbst nach einem missglückten Versuch lassen Cora und Frank nicht von ihrem Vorhaben ab, unternehmen einen Ausflug mit dem bald volltrunkenen Nick, erschlagen ihn während der Rast an einer Böschung und lassen den Wagen mit der Leiche den Steilhang hinunterstürzen. Doch der angezeigte Unfall ruft nicht nur den Staatsanwalt auf den Plan, sondern auch die Versicherung, die alles daransetzt, die Lebensversicherung über zehntausend Dollar nicht an die Witwe auszahlen zu müssen. Der windige Verteidiger Katz wiederum heckt einen eigenen Plan aus, wie er die Frank und Cora aus der Angelegenheit herauspaukt …
„,Da Sie nun gegen die Frau aussagen, kann keine Macht auf Erden verhindern, dass umgekehrt die Frau gegen Sie aussagt. Das ist also der Stand der Dinge, als ich mich mit ihm zum Abendessen hinsetze. Er macht sich lustig über mich. Er bemitleidet mich. Er wettet um hundert Dollar mit mir. Und ich sitze die ganze Zeit mit einem Blatt da, mit dem ich ihn schlagen kann, wenn ich nur richtig spiele.‘“ (S. 120) 
Gleich mit seinem Debütroman „The Postman Always Rings Twice“ avancierte der amerikanische Journalist und Schriftsteller James M. Cain 1934 neben Dashiell Hammett und Raymond Chandler zu einem der Gründerväter des Roman noir. Zwar wurden von Cain auch spätere, weniger populäre Werke verfilmt (u.a. „Mildred Pierce“), aber Cains Debüt brachte es seit 1939 auf bislang sieben Leinwand-Adaptionen, die berühmteste von Bob Rafelson (1981) mit Jack Nicholson und Jessica Lange in den Hauptrollen.
In der Neuübersetzung von Alex Capus, der das Büchlein auch mit einem informativen Nachwort versehen hat,  ist aus dem bisherigen „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ das wortwörtliche „Der Postbote klingelt immer zweimal“ geworden, wobei der Titel eher metaphorisch auf eine zweite Chance anspielt. Für die desillusionierten Antihelden der vorliegenden Geschichte besteht diese Chance in dem wiederholten Mordversuch an Coras Ehemann. Zwar setzen die beiden Ehebrecher den Plan im zweiten Versuch erfolgreich um, doch glücklich können sie nach diesem Mord aus Gier und Leidenschaft nicht werden.
Cain lässt seine Geschichte aus der Ich-Perspektive Frank Chambers erzählen und hält sich nicht groß mit gefühlsduseligen Beschreibungen auf. Auf nüchterne, schmucklose Art beschreibt Chambers sein Vagabundieren, das Ausschöpfen günstiger Möglichkeiten, ob beim Prellen der Zeche, beim Glücksspiel oder in der Liebe. Alles scheint erlaubt, solange es seinem eigenen Wohlbefinden, für wie flüchtig auch immer, dienlich ist. Wenn Frank etwas gefällt, nimmt er es sich ohne Rücksicht auf Verluste. Sex, Geld und Gewalt sind die Triebfedern in einem existentialistischen Stück, das in der Großen Depression angesiedelt ist und an keiner Stelle Sympathien für das Liebes- und Mörderpaar aufkommen lässt. Doch die flotte Action, die ungeschminkte Grausamkeit, der harte Sex, die Tricksereien zum Gerichtsprozess und die unerwarteten Wendungen machen „Der Postbote klingelt immer zweimal“ zu einem düsteren, aber eindringlichen Lesevergnügen.

Sonntag, 16. September 2018

Colin Harrison – „Die Zügellosen“

(Droemer, 416 S., Pb.)
Paul Reeves ist nicht nur ein New Yorker Anwalt für Einwanderungsrecht, sondern auch ein Sammler von seltenen New Yorker Stadtplänen. Mit seiner schönen Nachbarin Jennifer Mehraz besucht er eine Auktion bei Christie’s, wo er einen ungefähr hundertfünfzig Jahre alten Stadtplan von Manhattan zu ersteigern hofft. Doch Jennifers Aufmerksamkeit gilt einem jungen Mann im sandfarbenen Tarnanzug, mit dem sie kurzerhand verschwindet. Wenig später beobachtet Paul, wie sich die beiden im Bett der Nachbarwohnung miteinander vergnügen, während Jennifers Ehemann, der schwerreiche Exil-Iraker Ahmed, in der Weltgeschichte unterwegs ist, auf der Jagd nach dem nächsten großen Deal.
Allerdings hat der eifersüchtige Geschäftsmann durch seine Verwandtschaft Jennifer stets unter Beobachtung, so dass ihm das Verhältnis zwischen Jenifer und dem Mann namens Bill Wilkerson nicht lange vorenthalten bleibt. Während Jennifer Paul bittet, ihren Lover in seinem unbewohnten Elternhaus vorübergehend unterzubringen, lässt Ahmed durch seinen Onkel Hassan bereits Killer auf seinen Nebenbuhler ansetzen. Doch der erste Versuch scheitert kläglich. Billy taucht unter, und auf einmal ist das Leben von Jennifer, Paul und Ahmed ein reines Chaos.
„Für die Presse wäre die Geschichte ein gefundenes Fressen, und binnen weniger Tage wäre seine Karriere – sein Leben! – gelaufen. Ein amerikanischer Soldat im Auftrag eines gelackten, stinkreichen iranischen Geschäftsmanns wegen einer Affäre seiner blonden Frau von zwei lybischen Schlägern attackiert. Es würde den Anschein erwecken, als seien die Männer in Ahmeds Auftrag über Wilkerson hergefallen und er habe sie heldenhaft abgewehrt.“ (S. 133) 
Colin Harrison ist nicht nur Cheflektor des New Yorker Verlags Scribner, sondern selbst Autor mehrerer Spannungsromane und kennt New York wie seine Westentasche. Mit seinem neuen Roman „Die Zügellosen“ zeichnet er ein ungewöhnliches Bild der Metropole, denn durch die Sammelleidenschaft seines Protagonisten Paul Reeves erfährt der Leser viel darüber, wie sich New York über die Jahrhunderte entwickelt hat. Harrison nimmt sich in der Einleitung viel Zeit, die Natur von Paul Reeves‘ Faszination zu dokumentieren, indem er ausführlich die zur Versteigerung stehende Privatsammlung eines alten britischen Kapitäns zur See beschreibt.
Auch im weiteren Verlauf gelingt es Harrison immer wieder, seltene Karten dem Leser so eindrücklich vor Augen zu führen, dass dieser einen Sinn dafür bekommt, wie besonders und wertvoll diese Zeugnisse für die Geschichte einer Stadt sind. In diese Sammelleidenschaft eingebettet ist ein geschickt konstruierter Thriller-Plot, der gerade zum Ende hin den Touch eines John-Grisham-Justizthrillers bekommt, vor allem aber die Beziehungen zwischen Jennifer, Paul, Billy und Ahmed stets neu austariert.
Trotz einiger Längen bietet „Die Zügellosen“ stilistisch fein inszenierte Spannung, bei der die Beteiligten sorgfältig charakterisiert werden und immer wieder für eine Überraschung gut sind.
Leseprobe Colin Harrison - "Die Zügellosen"

Samstag, 15. September 2018

Ned Beauman – „Warum der Wahnsinn einer Niederlage vorzuziehen ist“

(Tempo, 476 S., HC)
Ende der 1930er Jahre bekommt der sechsundzwanzigjährige Elias Coehorn jr. von seinem übermächtigen Vater den Auftrag, für die Coehorn Missionsstiftung eine Expedition zu einem bislang unentdeckten Maya-Tempel im Nordosten von Spanisch-Honduras zu organisieren, der sich in seiner Architektur von allen bisher bekannten Maya-Tempeln unterscheidet. Die Tempelruine soll von einheimischen Arbeitern demontiert und Stein für Stein nach New York gebracht, ausgebessert und in Braeswood wieder aufgebaut werden.
Coehorn jr. nimmt den Auftrag nur deshalb an, weil er sonst befürchten muss, keine finanzielle Unterstützung mehr zu erhalten. Zur gleichen Zeit engagiert der mächtige Hollywood-Studioboss Arnold Spindler den bislang eher auf dem Bildungssektor tätigen Regisseur Jervis Whelt damit, Q. Bertram Lees Roman „Herzen in der Finsternis“ für Kingdom Pictures zu verfilmen.
Da die Geschichte größtenteils im Dschungel spielt, schickt ihn Spindler ebenfalls zu dem gerade entdeckten Maya-Tempel, weil dieser keinen Pfennig kostet. Als beide Expeditionen im Dschungel aufeinandertreffen, entsteht eine über fast zwanzig Jahre andauernde Patt-Situation, in der die Journalisten Meredith Vansaska, Leland Trimble und Zonulet (der auch noch für die CIA tätig ist) vom „New York Evening Mirror“ ebenso beteiligt sind wie die Naturkundlerin Joan Burlingame und die Assistenzgarderobiere Gracie Calix, die ihrer in einer Nervenheilanstalt untergebrachten Nichte und Geliebten Emmy Briefe schreibt, die sie nie abschickt.
Der Film wird nie fertiggestellt, von allen Expeditionsteilnehmern fehlt jede Spur, so dass die Familie der Hauptdarstellerin Adela Thoisy zwei Jahre nach Drehbeginn einen Suchtrupp losschickt, der jedoch nie sein Ziel erreicht. Dafür hat Burlingame im Coehorn-Lager die Führung übernommen und steuert auf eine blutige Schlacht zu.
„Burlingame dachte an jenen Tag vor elf Jahren, als sie mit dem Megafon in der Hand hier oben auf diesen Stufen gestanden und zu Trimbles Verbannung aufgerufen hatte. Sie hatte den Tempel vor ihm gerettet und in der Nacht darauf zum ersten Mal Liebe erfahren. Jetzt war ihr die Liebe entglitten, war vielleicht die ganze Zeit nur ein Trick gewesen, aber der Tempel stand so unumstößlich wie eh und je, und wieder einmal war es an der Zeit, ihn zu retten, die Verantwortung auf sich zu nehmen, alles zu verteidigen, wofür sie gearbeitet hatten.“ (S. 449) 
Der 1985 in London geborene Schriftsteller Ned Beauman legt nach „Der Boxer“ (2010), „Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort“ (2013) und „Glow“ (2014) im Tempo Verlag sein viertes Werk in deutscher Übersetzung vor und erweist sich als vor absurd-genialen Ideen übersprudelnder, sprachgewandter Erzähler, der in „Warum der Wahnsinn einer Niederlage vorzuziehen ist“ virtuos Abenteuer-Roman, Spionage-Thriller, Film-Dokumentation und Kriegs-Drama miteinander verbindet.
Wie er die beiden Expeditionen mit ihren konträr ausgeprägten Missionen im abgeschiedenen Mikrokosmos des Dschungels aufeinandertreffen lässt, sprüht vor intelligentem Witz, feinsinnigen Dialogen und ausgefeilten Charakterisierungen der außergewöhnlichen Figuren. Allerdings wird das Lesevergnügen durch die vielen Zeitsprünge, Erzählperspektiven, komplexen Strategien in den jeweiligen Lagern und all die involvierten Figuren auch beeinträchtigt.  
Beauman ist fraglos ein begnadeter Geschichten-Erzähler, verliert sich in seinem neuen Werk aber auch in seiner absolut entfesselten Vorstellungskraft, unter der die Stringenz der Dramaturgie leidet.

Freitag, 14. September 2018

Benedict Wells – „Die Wahrheit über das Lügen“

(Diogenes, 244 S., HC)
Um mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen, hat sich der erfolgreiche Geschäftsmann Henry M. ein Ferienhaus in den Bergen gekauft, weitab vom Stress der Stadt, doch auch in der Naturidylle hängt der Familienvater mit den Gedanken beim gerade abgeschlossenen Zurbriggen-Deal und feiert den Erfolg lieber mit einer einsamen Wanderung zur Bergspitze und schafft es nicht rechtzeitig zur Geburtstagsfeier seines achtjährigen, migränekranken Sohnes zurück. Tatsächlich findet der Mann in nach seiner Rückkehr ein anderes Leben vor. „Die Wanderung“ ist eine von insgesamt zehn Geschichten, die Bestseller-Autor Benedict Wells nach den vier Romanen „Becks letzter Sommer“, „Spinner“, „Fast genial“ und „Vom Ende der Einsamkeit“ in „Die Wahrheit über das Lügen“ versammelt.
Die Geschichten haben etwas Märchenhaftes, Verträumtes und Phantastisches. So muss die verzweifelte neunundzwanzigjährige Schriftstellerin Margo Brodie zwischen der Liebe zu ihrer männlichen Muse und dem Abschließen ihres erfolgsversprechenden Romans entscheiden, spielen zwei unter ungeklärten Umständen in einem Raum eingesperrte Männer beim Tischtennis um ihr Leben, trauert eine einsame Frau um ihren Kater Richard.
Das Herzstück der Sammlung bildet allerdings die 70-seitige Titelgeschichte, in der der Filmemacher Adrian Brooks seinem Interviewer die abenteuerliche Geschichte erzählt, wie er als Pizzabote einst in den Fahrstuhl einer Krawattenfabrik stieg und sich per Knopfdruck ins Jahr 1973 katapultierte, wo er den waghalsigen Plan fasste, George Lucas die Idee zu „Star Wars“ zu stehlen.
„Jeder Kreative, nicht nur George Lucas, braucht Inspiration und stiehlt hier und da bei anderen. Das ist völlig okay, denn für den wahren Künstler steht seine eigene Schöpfung im Zentrum. Ich dagegen stahl Schöpfungen. Ich war nur ein gerissener, mieser Dieb, nichts weiter.“ (S. 176) 
In dieser gut recherchierten, wendungsreichen und atmosphärisch dichten Story führt Wells dem Leser das Kino des New Hollywood äußerst lebendig vor Augen und lässt das Schaffen von Steven Spielberg, George Lucas und Francis Ford Coppola den Rahmen für seine eigene wunderbare Geschichte bilden.
Abgerundet wird die Story-Sammlung durch zwei Geschichten, die aus dem Umfeld von Wells‘ letzten Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ stammen, wobei „Die Nacht der Bücher“ auch losgelöst von der Romanhandlung auf märchenhafte Weise unterhält, „Die Entstehung der Angst“ aber einen ganz konkreten Bezug zum Roman aufweist.
Abgerundet wird „Die Wahrheit über das Lügen“ von der nostalgieschwangeren Geschichte „Das Grundschulheim“, Wells‘ Beitrag zur Anthologie „Unbehauste“, deren Erlöse an die Flüchtlingshilfe gingen, und den einfühlsamen Storys „Die Fliege“ und „Hunderttausend“, mit denen der Autor eindrucksvoll unterstreicht, warum er zu den wichtigsten jungen Autoren der deutschen Gegenwartskultur zählt.
Leseprobe Benedict Wells - "Die Wahrheit über das Lügen"