(Kiepenheuer & Witsch, 248 S., HC)
Frank Goosen ist nicht nur in Bochum geboren und hat
dort Geschichte, Germanistik und Politik studiert, sondern lebt und wirkt noch
immer dort, zunächst zusammen mit Jochen Malmsheimer als Kabarett-Duo Tresenlesen,
seit seinem erfolgreich verfilmten Debütroman „Liegen lernen“ (2000)
auch als Romanautor. Wie verbunden er sich seiner Heimatstadt fühlt, wird
einmal mehr in seinem neuen Roman „Lovely Rita“ deutlich. Was auf den
ersten Blick wie eine Liebeserklärung an eine besondere Frau erscheint,
entpuppt sich schnell als einfühlsamer, gut beobachteter Abgesang auf die traditionelle
Kneipenkultur.
Es ist der letzte Abend in der Kneipe „Haus Himmelreich“,
dann macht die Wirtin Rita Urbaniak zu. Da sie selbst aber mal wieder abwesend
ist, schmeißt Gisela den Laden, die vom Autor, der einen Artikel über die
Schließung schreiben soll, aber schon ahnt, dass es wieder ein Roman wird, wegen
ihrer weißen Bluse sofort „White Blues Woman“ genannt wird. Ehrfürchtig schaut
er ihr dabei zu, wie sie kunstfertig neun Gläser Bier zapft, ohne den Hahn
zwischendurch zu schließen, anschließend wiederholt sie das mit den neun
Klaren, immer exakt bis zum roten Strich gefüllt. Am Abend vor der geplanten
Schließung versucht sich der Autor ein Bild zu machen, lernt die Stammgäste „der
Lange“, „der Käpt’n“ und Willi Trommer kennen. Um die Leute zum Reden zu
bringen, ist zum Einstand erst mal ein Gedeck fällig, das erste Bier muss erst
mal „geerdet“ werden. Nach und nach erschließt sich dem Ich-Erzähler die
Geschichte der Kneipe, vor allem die Geschichte, wie die gerade volljährig
gewordene Rita im Juli 1971 nicht nur die Kneipe übernahm, sondern auch Verena,
die Tochter ihrer älteren Schwester Christa, aufzog, während „Chris“ die Welt
erkunden musste. Er lernt die vornehme Gräfin kennen, dann auch die Wacholder-Anni,
den Comedian Farsi und bekommt mit, wie nebenan eine Beerdigungsgesellschaft
bedient wird und später der SPD-Ortsverband seine letzte Sitzung im
Hinterzimmer abhält. Eine Ära geht zu Ende…
„Die Kneipe ist irgendwann brechend voll und sehr laut, immer wieder gehen Menschen raus zum Rauchen und treffen auf welche, die wieder reinwollen. Ich frage mich, wo die Rita bleibt, die muss sich doch zeigen, heute am letzten Abend. Verena hat die Begegnung mit ihrer Mutter einigermaßen weggesteckt, ist aber immer noch ein bisschen sauer auf Rita, weil die sie nicht vorgewarnt hat. Die Information, dass ich über die Kneipe schreiben will, hat sich schnell verbreitet. Ständig werde ich angesprochen, man habe da Geschichten zu erzählen, die würde ich nicht glauben, von der Rita und vom Carlo und von den beiden Schutzgelderpressern, die Rita einfach nach Hause geschickt hat, und den Nazis, die sich hier breitmachen wollten, dem einen habe die Rita die Nase gebrochen, dem anderen zwei Rippen, habe man jedenfalls gehört…“
Auch wenn im Mittelpunkt von Frank Goosens neuen
Roman die Schicksale und so unterschiedlichen Lebenswege der drei Frauen Rita,
Chris und Verena im Mittelpunkt stehen, fesselt „Lovely Rita“ vor allem
durch die humorvollen Dialoge, wie sie nur von miteinander sehr vertrauten
Stammgästen in einer typischen Eckkneipe gesprochen werden. Goosens
Ich-Erzähler nimmt nicht nur die gegenwärtige Atmosphäre der Kneipe an ihrem
letzten Abend auf, sondern nimmt sich viel Zeit für die ganz normalen Menschen,
die sich hier immer wieder einfinden und sich bereits ihr Leben lang zu kennen
scheinen. Wenn der Erzähler in die Einzelgespräche geht, wird auch die
Geschichte aufgerollt, vor allem der „Kriech“, mit dem alles begann, und
Kommentare zum politischen Geschehen, vor allem Schröders Wandlung während
seiner Kanzlerschaft vom Genossen zum Bonzenfreund, und zum Werdegang der drei
Frauen, lassen die Geschichte der Kneipe äußerst lebendig werden. „Lovely Rita“
stellt eine herzerwärmende Hommage an die aussterbende (Eck-)Kneipenkultur nicht
nur im Pott dar und überzeugt durch die sympathische Zeichnung all der Figuren,
die im „Haus Himmelreich“ eine Art von Zuhause gefunden haben.











