(Rowohlt, 176 S., HC)
Seit der – wie ich – im jetzigen Kurort Bad Bevensen geborene
Musiker, Satiriker und Schriftsteller Heinz Strunk in seinem 2004
veröffentlichten Romandebüt „Fleisch ist mein Gemüse“ seine Erfahrungen
als Musiker in einer Tanzkapelle verarbeitete, leben seine Bücher vor allem von
erstaunlich gut beobachteten Niedergängen ganz gewöhnlicher Typen. Nach „Ein
Sommer in Niendorf“ präsentiert auch Strunks nicht mal 180 Seiten langer
Kurzroman „Memories of Heidelberg“ die ebenso humorvolle wie
erschreckende Geschichte einer unaufhaltsamen Katastrophe im Urlaub.
Bertram und Isolde aus Oldenburg wollen ihre in vielerlei
Hinsicht über siebzehn Jahre abgeschliffene Ehe mit einem Urlaub im
romantischen Heidelberg wieder in Schwung bringen. Dafür steigen sie nicht wie
sonst im Fünf-Sterne-Grandhotel Europäischer Hof ab, sondern gönnen sich auf
eine Freundesempfehlung hin die 500 Euro teure Deluxe-Suite in einem direkt am
Neckar gelegenen Boutique-Hotel. Eigentlich war die Reise anlässlich des 80.
Geburtstags von Isoldes Mutter angetreten worden, doch da diese im Krankenhaus
auf der Intensivstation verweilt, muss sich das in die Jahre gekommene Ehepaar
mit sich selbst begnügen. Nach der sechsstündigen Autofahrt ist die Rezeption
des Hotels allerdings nicht mehr besetzt, Bertram und Isolde müssen ihren
Schlüssel auf dem nahegelegenen Schiffsrestaurant abholen. Die Suite im
überteuerten Boutique-Hotel enttäuscht auf ganzer Linie, dafür freunden sich
die Gäste aus Oldenburg gleich mit dem Restaurant-Chef Enrico an, der sie zunächst
noch zu einem Getränk aufs Haus einlädt, im Verlauf der weiteren Urlaubswoche
aber immer absurdere Preise verlangt, unfreundlich wird und die Dauerschleife
allzu bekannter Schlager schließlich auf
„Er sehnt sich so sehr danach, dass zwischen ihnen wieder alles in Ordnung kommt. Sie müssten sich mal aussprechen, den in vielen Jahren gewachsenen Berg aus Streit, Enttäuschungen und Missverständnissen abtragen. Aber er hat keine Ahnung, wo er anfangen soll. Es steht so viel Unausgesprochenes zwischen ihnen, eine Chinesische Mauer aus Worten, die droht, irgendwann auf sie niederzustürzen und sie unter sich zu begraben.“
Mit dem Glück, das Peggy March in ihrem fast schon vergessenen
Schlager-Hit „Memories of Heidelberg“ heraufbeschwört, hat so gar nichts mit
der an sich sehr deprimierenden Erzählung zu tun, die uns Heinz Strunk („Der
goldene Handschuh“, „Jürgen“) hier präsentiert. Stattdessen stellt er uns
ein Horrorszenario allzu vertrauter Eheleute vor, die sich nach fast zwei
Jahrzehnten kaum noch etwas zu sagen haben – von Sex ganz zu schweigen. Genüsslich
seziert der Autor mit gewohnter sprachlicher Finesse die Tücken und Fallstricke
ehelichen Alltags, wenn man sich über die harmlosesten Dinge zu streiten beginnt
und den Partner/die Partnerin nur noch erwürgen möchte. So sehr man sich wünscht,
in der eigenen Beziehung souverän diese gefährlichen Klippen umschiffen zu
können, lässt Strunk sein Paar frontal und ungehemmt in die Katastrophe
schlittern, was allerdings auch gerade Bertrams fehlender Selbstbeherrschung
und Courage geschuldet ist. „Memories of Heidelberg“ ist ein typischer Strunk,
bei aller Kürze zwar auch tatsächlich überwiegend kurzweilig und witzig, aber
nicht besonders originell in der sehr überschaubaren Handlung und allzu
vorhersehbar. Zudem gönnt man dem alternden Paar fast schon sein Unglück, so
unsympathisch und kleinkariert präsentieren sich die Vorzeige-Spießer in der
bildschönen Kurpfalz.















