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Jan Weiler – „Das Vogelhaus“

Sonntag, 4. Oktober 2026

(Heyne, 348 S., HC)
Mit seinem 2003 erschienenen Romandebüt „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ und den Büchern der „Das Pubertier“ und Krimis rund um Kommissar Martin Kühn hat sich der einst für das „SZ-Magazin“, „stern“ und „Welt am Sonntag“ arbeitende Redakteur und Kolumnist Jan Weiler zu einem der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller entwickelt. Nach „Munk“ erscheint nun mit „Das Vogelhaus“ eine autobiografisch gefärbte Geschichte eines Mannes, der auf seine Zeit als Zivildienstleistender zurückblickt.
Leonard Beck arbeitet als Theaterregisseur in Berlin, wird aber von einem Tag auf den anderen vom Intendanten fristlos entlassen. Tags zuvor hat er den Brief seiner Mutter geöffnet, der bereits drei Tage in seiner Post gelegen hat und in dem sie ihn auf ein zum Verkauf stehendes Haus aufmerksam macht, das eine Flut von Erinnerungen in Leonard auslöst, handelt es sich doch um das sogenannte „Vogelhaus“ von Herrn Schwabe, der zu den weniger beliebten Mandanten während seiner Zivildienstzeit zählte. Da er ohnehin ohne Arbeit ist und ihm der Abstand zu Berlin gerade recht kommt, fährt Leonard in seine niederrheinische Heimat zu seinen Eltern, zu denen er kein besonders inniges Verhältnis pflegt und die er in der Regel zweimal im Jahr besucht. Bereits während der Zugfahrt erinnert er sich an das Geschrei der aggressiven Aras in Schwabes Haus, an den Geruch und die Zimmer, die Leonard und seine Mitstreiter Patrick und Ari nie betreten durften. Während Leonard Kontakt zum Immobilienmakler aufnimmt, um mehr über das Haus und den Vorbesitzer zu erfahren, erinnert sich Leonard an die Begegnungen mit seinen Mandanten, an SS-Peter, der nach dem Essen stets verbotenerweise einen Korn trinken möchte, an das Ehepaar Passlack (er beinloser Kettenraucher, sie Dialysepatientin), an die „geile Gerda“ und die demente Frau Beinhard, die sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Mannes wartet.
Doch das unheimliche Vogelhaus des wortkargen Schwabe hat Leonard und seine Kollegen am meisten beeindruckt. Nun muss sich Leonard darüber klar werden, was ihn in die Heimat zurückgezogen hat, ob es noch unerledigte Aufgaben zu absolvieren, unbeantwortete Fragen zu lösen gilt…

„Er ist Mitte dreißig, ledig, arbeits-, aber nicht mittellos und überqualifiziert für ein Leben hier. Er hat hier nichts verloren. Oder doch? Hat er am Ende hier etwas zu finden? Ruhe vielleicht? Kann das Vogelhaus ein gutes Schicksal für ihn sein? Er muss vielleicht noch zwei Tage bleiben, um darüber nachzudenken.“ (S. 116)

Mit „Das Vogelhaus“ arbeitet der 1967 in Düsseldorf geborene Jan Weiler, seine eigene Zivildienstzeit auf, die er kurz vor dem Ende der allgemeinen Wehrpflicht – und damit auch des Wehrersatzdienstes – absolvierte. Sein Protagonist Leonard Beck blickt als Erwachsener auf diese Zeit zurück, hinterfragt aber gleichzeitig seine jetzige Lebenssituation, vor allem seine Beziehung zu seinen Eltern und zu dem zum Verkauf stehenden Vogelhaus. Er sucht die Menschen auf, die er damals betreut hat, und seine Kollegen, wobei ihm vor allem das Schicksal des Griechen Aristeas interessiert. All diese Gedanken, Beobachtungen und Fragen hat Weiler in eine gewohnt leichtfüßige Sprache gegossen, sie mit liebevollen Details und leisem Humor gefüllt, dass keine Längen aufkommen. Es ist aber auch eine Art Entwicklungsroman, der aufzeigt, wie sich die Beziehungen, die Leonard als junger Erwachsener zu den älteren, pflegebedürftigen Menschen, aber auch zu seinen Eltern gepflegt hat, verändert haben. In der Analyse seiner eigenen Persönlichkeit wechselt die Stimmung in der feinfühligen Erzählung von angsteinflößenden Momenten im Vogelhaus mit liebevollen in der Betreuung und witzigen im Zusammensein mit seinen Kollegen im mobilen Pflegedienst.

Joe Hill – „King Sorrow II“

Samstag, 3. Oktober 2026

(Heyne, 640 S., HC)
Wie Joe Hill in seiner Danksagung am Ende von „King Sorrow II“ erwähnt, hat er das Manuskript ein Jahr nach Fertigstellung liegen gelassen, er hat sowohl seine Eltern Tabitha und Stephen King als auch seinen Bruder Owen (der mit seinem Vater das Epos „Sleeping Beauties“ geschrieben hat) draufschauen lassen und einige ihrer gewinnbringenden Änderungsvorschläge übernommen. Es scheint sich also zu lohnen, Schriftsteller-Sohn berühmter Schriftsteller-Autoren zu sein, denn zehn lange Jahre nach seinem letzten Roman „Fireman“ hat Joe Hill mit „King Sorrow“ ein 1200-seitiges Fantasy-Horror-Epos vorgelegt, das es in sich hat und den besten Werken seines in epischen Ausmaßen ebenfalls bestens bewanderten Vaters (siehe u.a. „Es“, „The Stand – Das letzte Gefecht“ und „Die Arena“) in nichts nachsteht. Vorhang auf für den zweiten Teil von „King Sorrow“!
Arthur Oakes und seine Freunde Colin, Donna, Van, Allie und Gwen waren noch College-Kids, als sie mehr als nur berauscht in einer Silvesternacht aus einem geheimnisumwitterten, in Menschenhaut gebundenen Journal die Formel zur Beschwörung eines Drachens namens King Sorrow aus der Großen Dunkelheit zitierten, um sich gegen ihre Peiniger zur Wehr zu setzen - und sich auf einmal mit einer alles verschlingenden Kreatur konfrontiert sahen, die von ihnen jedes Jahr zu Ostern ein neues Opfer forderte.
Mittlerweile sind die Freunde erwachsen geworden und leben jeweils ihr eigenes Leben. Donavan „Van“ McBride hat über seine Begegnung mit King Sorrow hoch über den Wolken ein Buch – „Höllenflug: Die unglaubliche Geschichte von BA 238“ - geschrieben – Colin avancierte zum Start-up-Unternehmer, der zunächst sein Geld mit Überwachungstechnologie und Sicherheitssoftware verdiente, um dann in das Geschäft mit Risikokapitalfonds einzusteigen. Gwen versucht ihre Schuld an der Tatsache, dass King Sorrow über die Jahre immer drastischere Opfer verlangte, zu denen auch Unschuldige zählten, als Rettungssanitäterin abzuarbeiten, während Arthur nach England gegangen ist, um Englische Literatur zu lehren und an einem Buch über das Drachentöten zu schreiben. Als Donna und Van von einer geheimnisvollen Organisation gekidnappt werden, damit sie das Geheimnis um das mysteriöse Wesen offenbaren, das sie durch die Berührung eines verborgenen Zeichens auf ihrer Haut beschwören, entfachen sie ein Inferno, das nicht nur unzählige Opfer fordert, sondern Arthur und seinen Freunden auch bewusst macht, dass sie King Sorrow zerstören müssen, um wieder in Frieden leben zu können. Vor allem Arthur hat sich in seiner Forschung damit beschäftigt, wie selbst mächtige Drachen erlegt werden können:

„Ihr Schwachpunkt lag in ihrer Unersättlichkeit, in ihrer blinden Gier nach Blut und Unglück. Auch wenn sie gerissene Kreaturen waren, brachte sie dieser Hunger nach dem Kummer und dem Leid ihrer Opfer oft in tödliche Gefahr. In vielen Erzählungen gelang es dem Helden, sich dem schrecklichen Lindwurm zu nähern, indem er sich unsichtbar machte (siehe beispielsweise Beutlin, Bilbo). In den Geschichten wimmelte es nur so von Zauberringen und -tränken, die unsichtbar machten – ein Hinweis darauf, dass auch das Böse seine Schwachstellen hatte.“ (S. 435)

Im ersten Teil gelang es Joe Hill hervorragend, die Umstände, unter denen Arthur und seine Freunde King Sorrow beschworen haben, einleuchtend zu schildern und die Erscheinung des Drachen wie eine natürliche Folge der Ereignisse wirken zu lassen. Aus den damals unbedarften Studenten, die nur ihre Peiniger in die Schranken weisen wollten, sind nun Erwachsene geworden, die in mehr oder weniger verantwortungsvollen Jobs in der Wirtschaft, Bildung oder Verwaltung tätig sind, sich aber der zunehmenden Verantwortung bewusstwerden, die sie nach dem Entfesseln des Drachen für ihre Mitmenschen tragen. Zum einen sind unter King Sorrows jährlichen Opfern zunehmend Unschuldige zu beklagen, zum anderen sind sich viele der Clique nicht mehr sicher, ob die Opfer, die vor allem Colin ausgesucht hat, wirklich so böse sind, dass sie den Tod verdienen. „King Sorrow II“ entwickelt sich in dieser Hinsicht mehr zu einer Charakterstudie, zu einem Entwicklungsroman, der sich ebenso sehr der Bedrohung durch den Drachen als auch dem Schicksal der einst so eingeschworenen Clique widmet. Dabei wird schnell deutlich, dass nicht mehr alle an einem Strang ziehen, was den Umgang mit King Sorrow angeht. Indem den Beteiligten auf schmerzliche Weise bewusstwird, dass es einen Verräter unter ihnen gibt, schraubt Joe Hill die Spannungsschraube wieder an uns sorgt mit ebenso drastischen wie überraschenden Wendepunkten für eine fesselnde Dynamik, die sich in einem fulminanten Finale entlädt. Trotz einiger Längen durch Nebenschauplätze und Zeitsprünge entwickelt sich „King Sorrow II“ zu einem würdigen Abschluss eines dunklen Fantasy-Epos, das mit seinen märchenhaften Elementen ebenso überzeugt wie mit der Charakterisierung der Figuren.

Joe Hill – „King Sorrow I“

Donnerstag, 24. September 2026

(Heyne, 592 S., HC)
Auch wenn Joe Hill längst in die Fußstapfen seines berühmten Vaters Stephen King getreten ist, hat er längst nicht dessen Produktivität erreicht. Sein letzter Roman „Fireman“ liegt immerhin schon zehn Jahre zurück. Dafür meldet sich Hill („Christmasland“, „Teufelszeug“, „Blind“) mit seinem Epos „King Sorrow“ umso eindrucksvoller zurück. Hierzulande erscheint das Werk „aus satztechnischen Gründen“, wie es von Seiten des Verlags heißt, in zwei dann doch insgesamt sehr kostspieligen Hardcover-Ausgaben. Dafür wird man mit einem thematisch ungewöhnlichen Fantasy-Roman belohnt, der beweist, dass der Autor längst aus dem Schatten seines übermächtig wirkenden Vaters herausgetreten ist.
Als Arthur Oakes, engagierter und mit einem Stipendium ausgestatteter Student am Rackham College, eines Tages seine Mutter, die selbsternannte Predigerin Dr. Erin Oakes, in der Black-Cricket-Frauenbesserungsanstalt in Vermont besucht, hilft er einer jungen Frau, die mit ihrem Band-Shirt nicht eingelassen wird, weil dort Waffen abgebildet sind, mit seinem Hoodie aus – mit fatalen Folgen: Tana Nighswanders Schwester Jayne und ihre Clique erpressen Arthur nämlich damit, dass er wertvolle Bücher aus der Universitätsbibliothek stehlen soll – ansonsten wird seine Mutter keine ruhige Minute mehr in Black Cricket verbringen. Das wertvollste Buch sind die in seiner eigenen Haut eingebundenen Memoiren von Enoch Crane, der sich nicht nur selbst ein Brandmal in Kreuzform beigebracht hat, um die Stimme des Teufels zum Verstummen zu bringen, sondern auch den Drachen King Sorrow aus der Großen Dunkelheit heraufbeschwor. Als Arthur und seine Freunde Colin, Donna, Van, Allie und Gwen in einer Silvesternacht die Formel aus dem Journal zitieren, taucht der Drache tatsächlich auf und verlangt fortan regelmäßig ein neues Opfer von ihnen, wollen sie selbst nicht in die Fänge des äußerst gewitzten Drachen geraten. Auch wenn sich die Clique auf einige wirklich scheußliche Exemplare der menschlichen Gattung einigen kann, entwickelt sich eine bedrohliche Eigendynamik, die nicht mehr aufzuhalten ist…

„Der Drache jagte seit 1990 ihre Todeskandidaten, also seit mindestens fünf Jahren. Und sie alle hatten Stoßgebete gesprochen. Sei alle hatten gelitten, geblutet und Angst gehabt, wären mit Jesus, Allah oder den Sternen einen Pakt eingegangen. Aber immer hatte es im Feuer geendet. Allie hatte keine Vorstellung davon, welche Kraft nötig war, um King Sorrows Schuppen zu durchstoßen, aber sie war sich ziemlich sicher, dass auch jedes noch so gottesfürchtige Gebet davon abprallte.“ (S. 450)

Wenn Joe Hill eines von seinem Vater gelernt hat, dann übernatürliche Dinge wie selbstverständlich in die Wirklichkeit ganz normaler Menschen eindringen zu lassen. Dabei braucht die epische Geschichte gar keinen langen Anlauf. Zwar nimmt sich der Autor die nötige Zeit, um vor allem Arthur, seine in der Frauenbesserungsanstalt sitzende und als Predigerin agierende Mutter vorzustellen und die Verquickung mit den Nighswander-Schwestern in Gang zu bringen, aber aus der Erpressung, die Arthur dazu zwingt, wertvolle Bücher aus der Rackham-Bibliothek zu stehlen, entwickelt sich ganz natürlich eine mit okkulten Elementen durchsetzte Dark-Fantasy-Story, die es in sich hat. Joe Hill ist erfahren genug, um die Spannungsschraube sukzessive und gekonnt anzuziehen, seine im Mittelpunkt des Geschehens stehende Clique mit immer neuen Herausforderungen zu konfrontieren. Der Drache King Sorrow kommt dabei ungewöhnlich realistisch daher, und dem Autor gelingt es trotzdem, bei all dem körperlich erfahrbaren Horror immer wieder herrlich schwarzen Humor durchklingen zu lassen, bei dem einem zwar das Lachen im Halse stecken bleibt, der aber den Plot mit einer besonderen Note versieht, die auf die Fortsetzung und das Schicksal der College-Clique neugierig macht.

Dean R. Koontz – „Die Kälte des Feuers“

Donnerstag, 23. April 2026

(Heyne, 393 S., Jumbo)
Bevor Stephen King überhaupt ans Schreiben von Horror-Literatur denken konnte, hatte sein später ebenfalls sehr prominent gewordener Kollege Dean R. Koontz vor allem im Science-Fiction-Bereich eine Vielzahl von Romanen veröffentlicht, nämlich seit Ende der 1960er Jahre, auch unter vielerlei Pseudonymen. Seit er 1989 mit seinem Roman „Midnight“ (dt. „Mitternacht“) erstmals auf Platz 1 der Bestsellerliste der New York Times landete, avancierte Koontz auch hierzulande zu einem der bekanntesten Vertreter der modernen Horror-Literatur. Allerdings sind die qualitativen Schwankungen in seinem Werk bemerkenswert, wie auch sein nicht so geglückter Roman „Die Kälte des Feuers“ aus dem Jahr 1991 dokumentiert.
Einst war Jim Ironheart ein engagierter, bei Kollegen wie Schülern gleichermaßen beliebter Lehrer. Seit dem Selbstmord einer seiner Schüler hat sich Jim allerdings aus dem Berufsleben zurückgezogen, ist durch einen Lotteriegewinn zum Glück finanziell unabhängig, plagt sich aber auch mit Schuldgefühlen, die tiefer zurückreichen als bis zum Schicksal des unglücklichen Jungen. Jim Ironheart verfügt aber auch über eine besondere Gabe, erfährt er doch aus heiterem Himmel immer wieder von Personen, die er in letzter Sekunde retten kann. Als er in Portland vor der Schule einen Jungen davor bewahrt, von einem Auto überfahren zu werden, ist auch die Reporterin Holly Thorne vor Ort, die in dem Vorfall sofort eine Sensationsstory wittert. Dass sich der Lebensretter so wortkarg gibt, spornt Holly nur noch mehr an, Jim Ironheart näher kennenzulernen. Bei ihren Recherchen zu dem Mann findet sie heraus, dass Jim Ironheart im Laufe der letzten Monate schon sechsmal im ganzen Land als Lebensretter in letzter Sekunde aufgetaucht ist. Als sie ihm folgt und dasselbe Flugzeug wie Jim besteigt, offenbart er ihr, dass das Flugzeug durch einen technischen Defekt abstürzen wird und eine Vielzahl von Toten zu beklagen sein werden. Zwar informiert Jim den Flugkapitän, doch kann dieser das Unglück nicht mehr verhindern. Jim und Holly kommen im vorderen Teil der Maschine wie erwartet mit dem Leben davon und verlieben sich ineinander. Doch Holly muss schnell feststellen, dass Jim immer wieder von Stimmen und Ereignissen verfolgt wird, die sich mal als Freund, mal als Feind zu erkennen geben. Sie begleitet Jim zu der Farm, auf der er nach dem Tod seiner Eltern aufgewachsen ist und wo auch der weithin vergessene Film „Die schwarze Windmühle“ gedreht wurde. Hier wird nicht nur Holly das Fürchten gelehrt…

„Jim gewann den Eindruck, auf einem schmalen Landstreifen zwischen zwei tiefen Schluchten zu stehen. Nirgends gab es Sicherheit. Auf der einen Seite befand sich sein bisheriges Leben, gefüllt mit inneren Qualen und Verzweiflung – die Gefühle, die er zu verdrängen versuchte, die ihn manchmal überwältigt hatten, so wie während seiner spirituellen Reise mit der Harley durch die Mohavewüste, als er nach einem Ausweg gesucht hatte, und sei es der Tod. Auf der anderen Seite lag eine ungewisse Zukunft, die Holly zu beschreiben versuchte, eine Zukunft, in der ihn angeblich Hoffnung erwartete, obgleich er fürchtete, dass sie nur Chaos und Wahnsinn für ihn bereithielt. Und der schmale Boden unter ihm gab allmählich nach.“ (S. 333)

Dass Dean R. Koontz ein glänzender Erzähler ist, beweist er gleich zu Anfang mit der Einführung seiner beiden Hauptfiguren. Während er die 33-jährige Holly Thorne als Journalistin vorstellt, die gern mit erfolgreichen Leuten spricht, weil diese sie von ihrer eigenen langweiligen Arbeit ablenken, und sich gerade selbst bei einem Interview mit einer Lehrerin, die sich als Dichterin versucht, tödlich langweilt, begleiten wir Jim Ironheart gleich bei seiner aktuellen Rettungsmission. Seine geheimnisvolle Vergangenheit bildet das dramaturgische Zentrum von „Die Kälte des Feuers“, denn wie auch Holly Thorne sind natürlich auch wir Leser daran interessiert, woher Jim Ironheart seine Eingebungen bekommt, bestimmte Menschen retten zu müssen. Doch gerade bei dieser Schicht für Schicht entblätterten Erkenntnisvermittlung übertreibt der Autor so stark, dass man ab Mitte des Romans das Interesse am weiteren Verlauf der Geschichte verliert. Der drohende Flugzeugabsturz und das beschriebene Dilemma, nicht alle Passagiere retten zu können, sind an Spannung kaum zu überbieten, doch danach flacht die Story merklich ab und verliert sich in einer kruden Mischung aus einer plakativ beschriebenen Seance, Poltergeistphänomenen, außerirdischen Wesenheiten, die im Teich schlummern, Amnesie und anderen psychischen Ursachen für Jims unerklärliches Verhalten und und und… Ab Mitte des Buches scheint Koontz den Faden verloren zu haben, wie er Jim Ironhearts Verhalten und Geschichte erklären soll, denn die dargebotenen Phänomene passen einfach nicht zusammen und lassen nicht nur das titelgebende Feuer erkalten, sondern auch das Lesevergnügen.

 

John Grisham – „Das Vermächtnis“

Dienstag, 31. März 2026

(Heyne, 476 S., HC)
Mit seinen ersten – allesamt meist sogar sehr erfolgreich verfilmten - Thrillern wie „Die Jury“, „Die Firma“, „Die Akte“, „Der Klient“ und „Die Kammer“ definierte der ehemalige Rechtsanwalt John Grisham Anfang der 1990er Jahre das Genre des Justizthrillers gänzlich neu und schiebt seitdem nahezu jährlich ein Buch nach, gelegentlich versucht er sich dabei auch in anderen Genres wie dem Sportler-Roman und Jugendbuch. Dass nach über dreißig Jahren gewisse Abnutzungserscheinungen zu erwarten sind, dürfte nicht verwundern, dennoch versteht es der in Virginia lebende Bestseller-Autor nach wie vor, sein Publikum bestens zu unterhalten. Das trifft auch auf seinen neuen Roman „Das Vermächtnis“ zu.
Seit achtzehn Jahren praktiziert Simon F. Latch als Anwalt mit Schwerpunkt auf Erbschaftsangelegenheiten und Insolvenzen in der Kleinstadt Braxton, Virginia. Doch unter der Tretmühle anspruchsloser, unkomplizierter Vorgänge, die er mit einem Stundenhonorar von 250 Dollar in Rechnung stellte, ging nicht nur seine Ehe mit Paula in die Brüche, sondern er selbst steht mit einigen tausend Dollar Wettschulden beim örtlichen Buchmacher Chub in der Kreide und vor dem Burn-out. Doch dann betritt die fünfundachtzigjährige Witwe Eleanor Barnett die Kanzlei und will ein neues Testament aufsetzen lassen. Ihr Mann Harry, der zwei nichtsnutzige Söhne in die Ehe gebracht hatte, ist mittlerweile verstorben und hat offensichtlich durch Mitarbeiter-Aktien von Coca-Cola und von Walmart ein Vermögen angehäuft, von denen die beiden Stiefsöhne, zu denen sie keinen Kontakt pflegt, nichts sehen sollen. Mit ihrem bei Simons Kollegen Walter J. Thackerman aufgegebenen Testament ist die alte Dame nicht zufrieden, was Simon sehr schnell nachvollziehen kann, hat Thackerman im Kleingedruckten doch alle Möglichkeiten eingebaut, selbst einen Großteil des Erbes für sich abzuzweigen. Aber auch Simon packt die Habgier, sieht er hier doch die Möglichkeit, nicht nur höhere Stundensätze zu kassieren, sondern ebenfalls einen kleinen Batzen aus dem Vermögen für sich herauszuholen und so seine finanzielle Misere zu beenden. Da die alte Dame kaum Freundschaften pflegt und keine weiteren Verwandten hat, kümmert sich Simon rührend um sie, geht mit ihr ständig essen und quartiert sie sogar zwischenzeitlich in einem Hotel außerhalb der Stadt ein. Doch als Eleanor im betrunkenen Zustand einen Autounfall verursacht, bei dem auch ihre Freundin Doris verletzt wird, ändert sich alles, denn kurz nach ihrer Einlieferung verstirbt die alte Dame. Auf einen anonymen Hinweis bei der örtlichen Polizei hin wird die geplante Einäscherung gestoppt und eine Obduktion angeordnet, bei der festgestellt wird, dass die alte Dame mit dem verbotenen Gift Thallium vergiftet worden ist, das den Ingwerkeksen beigefügt worden ist, die Simon seiner Mandantin durch seine Sekretärin ins Krankenhaus liefern ließ. Nun muss sich Simon vor einem Geschworenengericht verantworten. Derweil haben Eleanors Stiefsöhne mit Teddy Hammer ebenfalls einen Anwalt engagiert…
Mit „Das Vermächtnis“ legt Grisham einen ganz klassischen Justiz-Thriller vor, dessen Plot stringent nach Lehrbuch inszeniert ist. Mit Simon Latch wird ein unauffälliger Kleinstadtanwalt mit einigen persönlichen Problemen – Scheidung, Wettschulden – eingeführt, der durch das Testament für eine vermeintlich sehr, sehr wohlhabende alte Dame die Chance sieht, seinen Lebensstandard erheblich aufzubessern und einige, vor allem finanzielle Probleme zu lösen. So verständlich das Vorgehen des Protagonisten ist, wird der Berufsstand des Anwalts nicht gerade wohlwollend gezeichnet, und Sympathien mag man als Leser:in für den habgierigen Mann auch schwerlich empfinden. Es dauert dann auch einige Zeit, bis die Handlung in die Gänge kommt. Sobald der Umstand bekannt wird, dass seine Mandantin vergiftet worden ist, spult Grisham routiniert sein Prozess-Schema ab, bringt zur rechten Zeit neue Spuren ins Spiel und macht damit vor allem deutlich, wie anfällig das Justizsystem für Fehlentscheidungen ist. Grisham verleiht seinen Figuren nur die nötigsten Charaktereigenschaften, doch ist „Das Vermächtnis“ viel zu handlungsorientiert, um mit den Menschen vertraut zu werden. Einzig die Episode um das Sammeln billiger Taschenbuchausgaben von John D. MacDonald während Simons Studienzeit sorgt für etwas Leben in dem ansonsten recht lieblos geschriebenen, nach wie vor aber unterhaltsamen Thriller.

Stephen King – „Desperation“

Dienstag, 10. März 2026

(Heyne, 668 S., HC)
In seiner langjährigen Karriere hat Stephen King immer mal was Neues ausprobiert, sei es in Charles Dickens‘ Tradition mit „The Green Mile“ einen sechsteiligen Fortsetzungsroman zu schreiben, Drehbücher zu den Verfilmungen seiner Werke beizusteuern („Friedhof der Kuscheltiere“, „Rhea M. – Es begann ohne Warnung“) oder eine Geschichte aus zwei Perspektiven zu erzählen. So geschehen bei „Desperation“, wozu King das Pendant „Regulator“ unter seinem eigentlich schon begrabenen, wiederbelebten Pseudonym Richard Bachman veröffentlicht hat. Während selbst gestandene Fans des „King of Horror“ sich nur schwer mit „Regulator“ anfreunden konnten, bietet „Desperation“ einmal mehr Horror vom Feinsten.
Peter Jackson befindet sich mit seiner Frau Mary im Acura von Peters Schwester Deidre gerade auf dem US 50 in Nevada, der gemeinhin als der „einsamste Highway Amerikas“ genannt wird, als sie von einem Cop des Desperation Police Department angehalten werden, weil dem Wagen ein Nummernschild fehlt, das ihnen offensichtlich beim Tanken abgeschraubt worden ist. Leider findet der Cop auch einen Beutel mit Drogen im Kofferraum, so dass er Peter und Mary auffordert, auf der Rückbank seines Wagens Platz zu nehmen. Es ist der Anfang eines Horror-Trips, in den noch weitere Opfer von Deputy Entragian verwickelt sind: Ralph Carver und sein Sohn David, der Schriftsteller John Marinville, der auf seiner Harley Amerika auf der Suche nach Inspirationen für sein neues Buch durchqueren wollte, sein ihm im Auto hinterherfahrender Aufpasser Steve Ames, die Anhalterin Cynthia Smith und der ortsansässige Tierarzt Tom Billingsley. Sie werden nicht nur Zeuge von Entragians gelegentlich seltsamer Sprache und seinem brutalen Verhalten, sondern auch von seiner zunehmenden körperlichen Zersetzung. Nachdem sich Entragians Opfer aus dem Zellentrakt des Polizeireviers befreien konnten, kommen vor allem der strenggläubige David und dem Schriftsteller Marinville Verbindungen der fast menschenleeren Stadt zu der nahegelegenen Mine in den Sinn, in der einst Bergleute auf ein uraltes Wesen namens Tak stießen, das sich nun in immer neue menschliche Körper einnistet, um zu überleben, und Kojoten, Wölfe, Geier, Schlangen und Adler für seine Zwecke einspannt, um neue Nahrung nach Desperation zu locken…

„Der Cop sah zu dem von Geiern gesäumten Dachrand des Rathauses und fing an zu lachen. Sie schrien ihre schrillen, gellenden Schreie herab, und Johnny konnte den Gedanken, der ihm dabei kam, nicht unterdrücken. Es war ein schrecklicher Gedanke, weil er so überzeugend war. Sie rufen nicht. Sie kreischen nicht. Sie lachen. Sie lachen mit ihm. Weil es nicht sein Witz ist, sondern ihrer. Wind peitschte über dem Parkplatz, so dass Johnny taumelte, und wehte den abgerissenen Geierflügel über den Asphalt wie einen Staubwedel. Das Licht schwand aus dem Tag – schwand viel zu schnell. Johnny sah nach Westen und stellte fest, dass Staubwolken die Berge einhüllten und sie in Kürze völlig den Blicken entziehen würden. Die Sonne stand noch über ihnen, aber nicht mehr lange. Es war ein Sturm, der in ihre Richtung zog.“ (S. 211)

Wieder einmal führt Stephen King eine Schicksalsgemeinschaft zusammen, die sich aus einer prekären Situation nur durch gemeinsame Anstrengungen befreien kann. Nach und nach stellt der Autor die einzelnen Figuren in diesem diabolischen Szenario vor, ehe sie in die Fänge des äußerst brutalen, von einer uralten Macht gelenkten Deputys geraten, der zwar mit einigen widerspenstigen Bürgern kurzen Prozess macht, aber natürlich auch lebende Wirte für Tak benötigt. Mit diesem Wesen beschwört King das Lovecraft’sche Grauen aus dem All herauf, das King ebenso beeinflusst hat wie viele seiner Weggefährten. Um ihm Paroli zu bieten, es am Ende auszurotten, spielen hier Davids Glaube an einen offensichtlich sehr grausamen Gott ebenso eine Rolle wie die Tatkraft eines abgehalfterten Schriftstellers, der die zunehmend dezimierte Truppe zu retten versucht. Das geht brutal und blutig zu, verkommt aber nie zum bloßen Selbstzweck. Auch wenn „Desperation“ innerhalb des King-Kosmos nicht besonders originell erscheint, sorgen gerade die Rückblicke auf den Einsatz chinesischer Minenarbeiter und Davids religiöse Erweckung sowie die temporeich inszenierte Spannung für gruseligen Lesespaß.

Richard Bachman – „Regulator“

Donnerstag, 26. Februar 2026

(Heyne, 520 S., HC)
Kaum hatte Stephen King seit Mitte der 1970er Jahre seinen Durchbruch als Schriftsteller mit den Romanen „Carrie“ (1974), „Brennen muss Salem“ (1975) und „The Shining“ (1977), da überarbeitete er seine vorangegangenen, von den Verlagen abgelehnten Bücher und veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Richard Bachman – nicht nur, um den Markt nicht mit den Büchern des „King of Horror“ zu überschwemmen, sondern auch um zu sehen, ob sich die Bücher auch verkaufen, wenn nicht Stephen King drauf steht. Zwar waren auch die Bachman-Romane „Amok“ (1977), „Todesmarsch“ (1979), „Sprengstoff“ (1981), „Menschenjagd“ (1982) und „Der Fluch“ (1984) an sich erfolgreich, doch vervielfachten sich natürlich die Verkaufszahlen, als bekannt wurde, dass Stephen King hinter dem Pseudonym stand. 1986 ließen King und sein Verleger Bachman einen „Pseudonymkrebs“ sterben, doch wie durch ein Wunder fand man in seinen Hinterlassenschaften 1994 einen Karton mit mehr oder weniger fortgeschrittenen Manuskripten. Bei „Regulator“ handelt es sich um eine Art Zwillingsroman zu „Desperation“ von Stephen King, doch erreicht der sechste Bachman längst nicht die Qualität weder von „Desperation“ noch der unzählig anderen Romane von Stephen King.
Niemand ahnt etwas Böses an diesem ruhigen Sommertag in der Poplar Street der Kleinstadt Wenthworth in Ohio, als der vierzehnjährige Cary Ripton wie jeden Montag den Wentworth Shopper zustellt. Mrs. Carver versagt kläglich, die ihr zugeworfene Zeitung zu fangen, während ihr bei der Post arbeitende Mann David den Wagen in der Einfahrt wäscht. Außerdem leben noch der Schriftsteller John Merinville, die Witwe Audrey Wyler und ihr autistischer Neffe Seth Garin, die beiden allseits beliebten Schwarzen Brad und Belinda Josephson, die Bohemians Gary und Marielle Soderson und der an der Ohio State lehrende Peter Jackson mit seiner Frau Mary, Cammy Reed mit den Zwillingen Jim und Dave sowie der Ex-Cop Collie Entragian. Cary hat seine Runde in der Poplar Street noch nicht beendet, da taucht ein grellroter Lieferwagen in der Straße auf. Eine doppelläufige Flinte, die aus dem Seitenfenster des Wagens hinausgestreckt wird, erledigt den Jungen. Doch das ist erst der Anfang eines Massakers, das seinen Ursprung in dem übernatürlichen Wesen Tak hat, das sich Seth während des Besuchs einer Silbermine in Desperation bemächtigte. Fortan spielen sich in der Poplar Street unheimliche Ereignisse statt, die auf einer anderen Realitätsebene Momente des Western „Die Regulatoren“ von 1958 und der Science-Fiction-Serie „MotoKops 2200“ miteinander verbindet…

„Einen Augenblick glaubte es tatsächlich, Seth könnte fort sein … aber das war unmöglich. Sie waren inzwischen vollständig miteinander verschmolzen, Partner in einer Beziehung, die so symbiotisch war wie von an der Wirbelsäule zusammengewachsenen siamesischen Zwillingen. Wenn Seth diesen Körper verließ, würden alle gemeinschaftlichen Systeme – Herz, Lungen, Ausscheidung, Zellbildung, Hirnwellenfunktionen – zusammenbrechen. Tak könnte sie ebenso wenig aufrechterhalten wie ein Astronaut die Tausende komplizierter Systeme, die ihn zunächst ins All katapultierten und ihn dann dort in einer stabilen Umgebung hielten. Seth war der Computer, und ohne ihn würde der Anwender sterben.“ (S. 361)

Stephen Kings Romane leben vor allem davon, dass der Autor normalerweise viel Zeit dafür aufbringt, seine Figuren ausgiebig in ihrem Alltag einzuführen, so dass das Grauen, mit dem sie recht bald konfrontiert werden, tatsächlich glaubwürdig ist. Diese Prämisse hat King alias Bachman in „Regulator“ außen vorgelassen. Wenn der Zeitungsjunge seine Runde durch die Poplar Street fährt, werden zwar die Bewohner der Straße kurz vorgestellt, doch dann wird durch den roten Lieferwagen und die Schüsse, die erst Cary, dann auch andere in der Straße niederstrecken, ein heilloses, blutiges und schreckliches Chaos angerichtet. Leider versäumt es der Autor, im weiteren Verlauf die überlebenden Figuren ausführlicher vorzustellen, weshalb das Geschehen mit der surrealen Vermischung von Science-Fiction, Western-Motiven und der fiktiven Kinderserie nur noch lächerlich wirkt. Seine stärksten und eindringlichsten Momente hat „Regulator“ in den ausführlichen Tagebuchaufzeichnungen von Audrey Wyler und dem langen Brief, den der Bergbauingenieur Allen Symes über die Begegnung mit Seth‘ Familie und den Ereignissen beim Besuch der China-Grube in Desperation hinterließ. Doch das ist zu wenig, um das Interesse an dem wenig strukturierten, sehr wirren Plot wachzuhalten. 

Stephen King – „Schlaflos – Insomnia“

Samstag, 10. Januar 2026

(Heyne, 814 S., HC)
Am bekanntesten ist die fiktive Kleinstadt Derry im US-Staat Maine durch Stephen Kings Horror-Epos „Es“ bekannt geworden, aber auch Teile von „Der Anschlag“, „Sara“, „Duddits“ und „Das Monstrum“ spielen sich in Derry ab oder beziehen sich darauf. Mit seinem 1994 veröffentlichten Epos „Schlaflos – Insomnia“ kehrt der „King of Horror“ allerdings nicht nur vollständig nach Derry zurück, sondern bezieht auch die epische Saga um den „Dunklen Turm“ mit ein.
Seit dem Tod seiner geliebten Frau Carolyn leidet der 70-jährige Rentner Ralph Roberts unter stetig zunehmender Schlaflosigkeit. Seine Zeit verbringt der zusammen mit Bill McGovern in einem Haus in der Harris Avenue lebende Witwer vor allem mit Spaziergängen zum Picknickplatz in der Nähe des Flughafeneingangs, wo sich Roberts mit seinen Freunden zum Schachspielen, Romméspielen oder Quatschen trifft. Bei einem dieser Spaziergänge wird er Zeuge, wie sich sein Nachbar Ed Deepneau fürchterlich mit einem LKW-Fahrer anlegt. Wenig später trifft er Eds Ehefrau Helen mit ihrer Tochter Natalie auf dem Parkplatz des Supermarktplatzes. Als er erkennt, dass Helen von ihrem Mann krankenhausreif geschlagen worden ist, weil sie eine Petition für die Feministin Susan Day unterschrieben hatte, sorgt er dafür, dass sie nach der Behandlung im Krankenhaus von einer Frauenrechtlergruppe aufgenommen wird. Diese wollen Susan Day zu einem Vortrag einladen, was die Abtreibungsgegner, denen sich Helens Mann angeschlossen hat, um jeden Preis verhindern, was immer wieder zu gewalttätigen Konfrontationen vor der Abtreibungsklinik sorgt.
Während Roberts während seiner nächtlichen Wachphasen in seinem Ohrensessel über die Straße schaut, bemerkt er vor dem Haus einer Nachbarin zwei kleine, kahlköpfige, weiße Wesen, die ihn an Ärzte erinnern und eine Schere mit sich führen. Roberts alarmiert die Polizei, die die Nachbarin tot in ihrem Bett auffindet, und ist sich sicher, dass die seltsamen Wesen ihr den Lebensfaden abgeschnitten haben. Durch seinen ermüdeten Verstand scheint Roberts in der Lage zu sein, Auren in verschiedenen Farben um die Menschen herum zu sehen. Roberts zweifelt bereits an seinem Verstand, als er erfährt, dass auch die verwitwete Lois Chasse in der Lage ist, diese Auren zu sehen.
Bei einem gemeinsamen Krankenhausbesuch lernen sie tatsächlich die beiden kahlköpfigen „Ärzte“ kennen, die Roberts Lachesis und Klotho nennt, die die beiden „Kurzfristigen“ auf eine andere Ebene führen, um ihnen zu erklären, dass ein dritter Arzt, Atropos, auf Befehl des Scharlachroten Königs tausende von Menschen bei der bevorstehenden Kundgebung töten will. Roberts erklärt sich bereit, ein großes Opfer auf sich zu nehmen, um die Katastrophe zu verhindern…

„Er verspürte ein beängstigendes Gefühl von Schwerelosigkeit und Schwindel, und einen Augenblick war er sicher, dass er sich übergeben müsste. Es wurde von einem Gefühl der Schwächung begleitet, als würde der Großteil der Energie, die er Lois abgenommen hatte, abgesaugt werden. Vermutlich entsprach das den Tatsachen. Immerhin handelte es sich hier um eine Form der Teleportation, richtiger Science-Fiction-Kram, und so etwas musste eine Menge Energie verbrauchen. Das Schwindelgefühl verging, aber es wurde von einer Wahrnehmung ersetzt, die noch schlimmer war – einem Gefühl, als wäre ihm irgendwie der Hals durchtrennt worden. Er stellte fest, dass er einen ungehinderten Ausblick auf einen weiten Teil der Welt hatte.“ (S. 726)

Stephen King nimmt sich wie gewohnt viel Zeit, um die Bühne vorzustellen, auf der sich das Science-Fiction-Action-Abenteuer in der Folge entfaltet, vor allem sein Protagonist Ralph Roberts wird ausführlich vorgestellt, wobei die zunehmende Schlaflosigkeit zunächst eine vernünftige Erklärung für die Wahrnehmung mysteriöser Wesen in der Nacht und verschiedenfarbiger Auren bieten würde. Dass hinter den Vorgängen allerdings eine fremdartige Macht steht, die mit dem Scharlachroten König aus Stephen Kings Universum des Dunklen Turms in Verbindung gebracht wird, schadet der Glaubwürdigkeit der Geschichte mehr, als dass sie nützt, denn kohärent wirkt die Zusammensetzung beider Welten nicht. Die ausufernde Erzählweise tut ein Übriges, dass „Schlaflos – Insomnia“ wie ein missglücktes Flickwerk wirkt, in dem allein die Beziehung zwischen Ralph Roberts und Lois Chasse unter Beweis stellt, welch großartiger Erzähler Stephen King sein kann, wenn er nicht auf Teufel komm raus das Übernatürliche und Grauen ins Spiel bringt. 

Stephen King – „Das Spiel“

Sonntag, 24. August 2025

(Heyne, 346 S., Jumbo)
Es muss kein mörderischer Clown in der Kanalisation von Derry („Es“), ein verwunschener „Friedhof der Kuscheltiere“ oder ein mit durchaus menschlichen Gefühlen versehenes Auto („Christine“) sein, das bei dem „King of Horror“ für gruselige Stimmung sorgt. Bereits mit „Sie“ hat Stephen King eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass Horror auch ohne übernatürliche Elemente funktionieren kann. Mit dem 1992 veröffentlichten Roman „Das Spiel“ treibt der US-amerikanische Bestseller-Autor seine Kunst auf die Spitze.
Nach siebzehn Ehejahren ist bei Gerald und Jessie Burlingame die Lauft aus dem Liebesleben raus. Doch der erfolgreiche Anwalt Gerald hat sich etwas einfallen lassen, dass wieder für etwas Pepp beim Sex sorgt. Sie verbringen ein Wochenende in ihrem abgeschiedenen Sommerhaus am Lake Kashwakamak im Westen Maines, wo Gerald nach ersten Versuchen mit Schals mittlerweile dazu übergegangen ist, die Hände seiner Frau mit Handschellen ans Bett zu fesseln, bevor er so richtig in Fahrt kommt. Doch Jessie hat längst die Lust an diesen für sie öden und erniedrigenden Spielen verloren, doch will Gerald natürlich nichts davon hören. Selbst als sie diesmal ihrem Abscheu lautstark Ausdruck verleiht, will Gerald nicht von ihr ablassen, bis sie ihm mit ihren Füßen einen kräftigen Tritt in die Eier verpasst. Doch ihr Mann klappt nicht nur mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammen, sondern erleidet auch einen tödlichen Herzinfarkt. Da hängt sie nun, nahezu nackt, mit nur einem hauchdünnen Höschen bekleidet, ans massive Holzbett gefesselt, ohne Chance, sich selbst daraus zu befreien, mitten im Nirgendwo. Ein streunender Hund macht sich an Gerald zu schaffen, der Durst und die Krämpfe machen Jessie zu schaffen. Verzweifelt versucht sie, an das Glas Wasser am Kopfende des Bettes zu gelangen, und während sie immer wieder in die Bewusstlosigkeit abdriftet, denkt sie an die Sonnenfinsternis in ihrer Kindheit zurück, die sie mit ihrem Vater beobachtete, und während sie auf seinem Schoß saß, ergoss er seinen Samen auf ihr Unterhöschen. Doch mehr noch als diese schmerzlichen Erinnerungen an den Missbrauch macht ihr der Besuch eines nächtlichen Eindringlings zu schaffen…

„Sie konnte den Wind wehen und den Hund bellen hören, war wach, aber nicht wissend, hörte, aber verstand nicht, verlor alles im Grauen des halb erblickten Schemens, des grässlichen Besuchers, des ungebetenen Gasts. Sie konnte nicht aufhören, über den schmalen, missgestalteten Kopf nachzudenken, die weißen Wangen, die hängenden Schultern … aber ihre Augen wurden immer häufiger zu den Händen der Kreatur gezogen: den baumelnden, langfingrigen Händen, die weiter an den Beinen hinabreichten als es normale Hände eigentlich dürften.“ (S. 140)

Mit „Das Spiel“ hat es Stephen King tatsächlich geschafft, ein Ein-Personen-Stück mit wenigen weiteren Nebenfiguren zu einem Schreckensszenario der besonders intensiven Art zu inszenieren, das 2017 sogar als Netflix-Film adaptiert worden ist. Die Qualen, die die tapfere, bereits in ihrer Kindheit missbrauchte Jessie in der Einsamkeit eines idyllisch gelegenen Landhauses erleben muss, beschreibt Stephen King so intensiv, als erlebe man selbst diese Schmerzen, den quälenden Durst, die Muskelkrämpfe, die Erinnerungen und Halluzinationen (?) und die verzweifelten Befreiungsversuche und ungehörten Hilfeschreie. Der Roman zeigt mit viel Empathie für die weibliche Protagonistin auf, wie die Macht und Gewalt, die Männer gegenüber Frauen ohne Rücksicht auf deren Gefühle ausüben, zu langanhaltenden Traumata führt, die die Opfer nur schwer verarbeiten.
Vor allem in den Selbstgesprächen mit ihren „Freundinnen“, aber auch mit den einfühlsam geschilderten Erinnerungen an den Missbrauch durch Jessies Vater bringt uns King die Figur näher, macht sie zu einem Menschen, mit dem wir mitfühlen und dem wir wünschen, sich aus der tödlichen Notlage befreien zu können. Allerdings kommt „Das Spiel“ nicht ganz ohne Längen aus und verliert zum Ende hin an Überzeugungskraft. Doch der psychische Horror, den King so eindringlich beschreibt, hallt lange nach.

Austin Taylor – „Das Gefühl von Unendlichkeit“

Mittwoch, 2. Juli 2025

(Heyne, 398 S., HC)
Mit gerade mal 26 Jahren legt die in Maine geborene und lebende Austin Taylor ihr Romandebüt vor. Sie hat in Harvard Chemie und Englisch studiert und ihre dort gemachten Erfahrungen in ihren Erstling einfließen lassen, was dem Roman „Das Gefühl von Unendlichkeit“ von Beginn an einen authentischen Charakter verleiht.
Als Tochter eines renommierten MIT-Physikers ist Zoe Kyriakidis seit Kindertagen mit Studierenden aufgewachsen, die ihr Vater regelmäßig zum Abendessen mit nach Hause brachte und zwischen denen sie eingequetscht mühelos den anregenden Diskussionen folgte. Doch als sie im Alter von elf oder zwölf Jahren verstand, woran er forschte (Quantenfeldtheorie), erlahmte ihr Interesse, bis es einer Art von Rebellion wich. Der Wissenschaft blieb sie allerdings treu. Mit Bestnoten wurde sie in Harvard angenommen, studiert dort nun Chemie. Als sie während der Vorlesungen den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Jack Leah kennenlernt, bekommt sie durch ihn eine der begehrten Assistenzstellen bei Professor David Li und arbeitet mit Jack zusammen an einer Gentherapie im Anti-Aging-Bereich. Während Jack fleißig im Labor experimentiert, arbeitet Zoe vor allem an der Theorie, die sie gemeinsam bei dem legendären Professor Brenna weiterverfolgen. Schon bald zeigen sich Investoren interessiert, was auch die Beziehungen zwischen Zoe, Jack und dessen Mitbewohner Carter verändert, der in das Start-up einsteigt. Zwar schafft es Zoe trotz des immensen Interesses der Medien und der Welt der Wissenschaft noch immer nicht, sich aus dem Schatten ihres größeren Bruders Alex zu lösen und die verdiente Anerkennung ihres Vaters zu erhalten, doch das Anti-Aging-Konzept macht so viele Schlagzeilen, dass Zoe mittlerweile viel Zeit damit verbringt, die Theorie zu vermarkten, Interviews zu geben und Reden zu halten – und sich in eine Beziehung mit Jack zu stürzen…

„Vermutlich würde der Professor sagen, dass es ihr um Ruhm ginge. Aber es hatte mehr mit Respekt zu tun. Oder damit, ernst genommen zu werden. Vielleicht auch mit Macht. Bei Jack war es wahrscheinlich das Geld. In gewisser Weise vielleicht auch Macht. Bestimmt nicht Ruhm – selbst wenn Journalisten ihn um ein Interview anflehten – alle waren von seinem verschlossenen Wesen fasziniert -, ließ er sie abblitzen. Zu viel Arbeit im Labor, sagte er. Bevor sie ein Paar wurden, hätte Zoe bei keinem der Götzenbilder an Lust gedacht, aber jetzt schon.“ (S. 234)

Doch wo Milliarden Dollar Umsatz gemacht werden, sind die Neider nicht weit und beginnen, in den Medien die Arbeit im Start-up schlechtzureden. Dass da weit mehr als nur ein Körnchen Wahrheit dran ist, entdeckt Zoe viel zu spät…
Will man Austin Taylors Debütroman „Das Gefühl von Unendlichkeit“ in wenigen Worten beschreiben, dürfte dabei eine Mischung aus Wissenschafts- und Liebesroman herauskommen, eine etwas vereinfachte Variante vielleicht von Sylvia Nasars Biografie über den genialen Mathematiker John F. Nash, die Ron Howard mit Russell Crowe und Jennifer Connelly in den Hauptrollen unter dem Titel „A Beautiful Mind“ erfolgreich verfilmt hat. Taylor nimmt sich die nötige, aber nicht übermäßige Zeit, Zoe Kyriakidis‘ Kindheit und Jugend im wissenschaftlichen Umfeld ihres Vaters zu beschreiben, untermauert ihr eigenes Wissen aus dem Chemie-Studium mit einer Vielzahl von Fachbegriffen, die die Idee von der Regeneration der Zellen bis zur Unsterblichkeit mehr oder weniger verständlich vor Augen führt. Das verleiht dem Thema einen hohen Grad an Authentizität, ist allerdings auch mit der Gefahr verbunden, hier bereits einen Teil der Leserschaft zu vergraulen. Dieses Risiko wird dadurch erhöht, dass wir Zoe noch nicht wirklich ins Herz geschlossen haben, weil wir noch zu wenig von ihr wissen. Es folgt die vertraute Geschichte vom Aufstieg und Fall eines vielversprechenden Start-up-Unternehmens, wobei wir mitverfolgen, wie Zoe eine Art Ménage à trois mit Jack und Carter führt, ohne dass die Motivationen der Beteiligten auch nur ansatzweise herausgearbeitet werden. Jacks Geschichte wird sogar erst im letzten Viertel aufgearbeitet.
Am Ende hat die Autorin versucht, recht viele Themen auf den 400 Seiten unterzubringen, wobei die wissenschaftliche Seite gefühlt am meisten Aufmerksamkeit erhalten hat. Die Liebesbeziehung zwischen Zoe und Jack sorgt für das emotionale Auf und Ab, das untrennbar mit der Geschichte des Start-ups verbunden ist. Das ist trotz der vielen Fachbegriffe angenehm flüssig zu lesen, voller Dramatik, die allerdings subtiler aufgebaut hätte werden können, ebenso die Charakterisierungen der Figuren, die abgesehen von Zoe und Jack nahezu nur als Statisten fungieren.

Stephen King – „Kein Zurück“

Montag, 23. Juni 2025

(Heyne, 640 S., HC)
Über die Jahre hat sich Stephen King offensichtlich etwas in seine Figur Holly Gibney verliebt. Als Privatermittlerin in der von Bill Hodges geleiteten Agentur Finders Keepers spielte sie zunächst in der Bill-Hodges-Trilogie (bestehend aus „Mr. Mercedes“, „Finderlohn“ und „Mind Control“) zunächst eine sympathische Nebenrolle, ehe sie eine prominentere Rolle in „Der Outsider“ und in der Titelgeschichte der Kurzgeschichtensammlung „Blutige Nachrichten“ einnehmen durfte. 2023 nahm die hochbegabte Ermittlerin in „Holly“ die ungeteilte Hauptrolle ein. Nun hat Holly Gibney in Stephen Kings neuen Roman „Kein Zurück“ die nicht leichte Aufgabe, als Bodyguard für eine feministische Rampensau zu fungieren, während ein Serienkiller ihre Freundin Izzy auf Trab hält.
Als Detective Isabelle „Izzy“ James zu ihrem Vorgesetzten gebeten wird, überreicht dieser ihr einen Brief, in dem ein gewisser Bill Wilson ankündigt, für den Tod eines unschuldig Verurteilten 13 Unschuldige und einen Schuldigen zu töten. Offenbar ist mit dem Unschuldigen Alan Duffrey gemeint, den zwölf Geschworene der Kinderpornographie für schuldig befanden, worauf Duffrey im Knast niedergestochen wurde. Später gestand sein an Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium leidender Arbeitskollege, Duffrey die belastenden Pornomagazine untergeschoben zu haben, um sich dafür zu rächen, dass Duffrey statt seiner befördert worden war. Dass der Briefeschreiber keinen Scherz gemacht hat, beweist er mit dem Mord an einer unbescholtenen Frau - in ihrer Hand fand die Polizei einen Zettel mit dem Namen einer Geschworenen, die an der Verurteilung eines Unschuldigen beteiligt war. Izzy zieht ihre Freundin Holly Gibney zurate, die den Fall höchst interessant findet, aber selbst alle Hände voll zu tun hat. Die Feministin Kate McKay, die von Bundesstaat zu Bundesstaat zieht, um in großen Hallen gegen Abtreibungsgegner zu wettern, ist zur Zielscheibe radikaler Kirchengruppierungen geworden, und nachdem ihre Assistentin Corrie Anderson bereits Opfer zweier Attacken geworden ist, nimmt Holly die Stelle als Bodyguard für den egozentrischen Medienstar an. Als McKay in der Halle auftreten soll, in der auch die Soulsängerin Sista Bessie ihr Comeback feiert, bahnt sich eine Katastrophe an…

„Sie muss daran denken, wie ein Irrer namens Brady Hartsfield versucht hat, genau diesen Saal in die Luft zu sprengen. Dem alten Spruch, dass der Blitz nie zweimal an derselben Stelle einschlägt, traut sie absolut nicht, aber was kann sie machen? Nicht zum ersten Mal hat sie den Eindruck, von den Ereignissen einfach mitgerissen zu werden.“ (S. 424)

Obwohl er vor allem als Meister des übernatürlichen Horrors gilt, was er Werken wie „Carrie“, „The Stand“, „Es“, „Friedhof der Kuscheltiere“ und „Brennen muss Salem“ zu verdanken hat, wird Stephen King längst einfach als glänzender Erzähler geschätzt, der gerade in den Romanen mit Holly Gibney auch auf klassische Horrorelemente verzichtet. Schließlich bietet der Alltag in dieser Zeit so viel Grauen, dass ein Autor wie Stephen King, der stets das Zeitgeschehen im Blick hat und dieses mit seinen Romanen auch reflektiert, keine übernatürlichen Gruselszenarien beschwören muss, um seine Leserschaft zu fesseln. „Kein Zurück“ präsentiert sich als klassische Kriminalgeschichte mit zwei zunächst parallellaufenden Plots und zwei weiteren Nebenschauplätzen. Im Mittelpunkt stehen die sogenannten „Stellvertretermorde“ eines Mannes, der durch die harte Erziehung seines Vaters auf Abwege geraten ist, und die religiös motivierten Taten eines Mannes, der den Verlust seiner Schwester auf ganz eigene Art zu verarbeiten versucht. Unnötig aufgebläht wird das Ganze durch einen Sportwettkampf zwischen der Feuerwehr und der Polizei und dem Auftritt von Sista Bessie, was „Kein Zurück“ auf stolze 640 Seiten anschwellen lässt. Es braucht nicht viel, um „Kein Zurück“ als Kommentar auf sowohl religiöse Fanatiker als auch engstirnige Populisten zu verstehen, die momentan auf der ganzen Welt für politischen und gesellschaftlichen Zündstoff und blutige Kriege sorgen. Das ist durchaus spannend zu verfolgen, bleibt aber zu sehr an der Oberfläche, um nachhaltig überzeugen zu können. Die Charakterisierungen sind - für King ungewöhnlich – nämlich recht klischeehaft ausgefallen. King selbst führt seine Hüftoperation im September 2023 an, dass er den Roman mehrmals umschreiben musste.

David Baldacci – (Amos Decker: 7) „Long Shadows“

Montag, 5. Mai 2025

(Heyne, 510 S., HC)
Der ehemalige Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist David Baldacci hat sich seit seinem von und mit Clint Eastwood verfilmten Romandebüt „Absolute Power“ (dt. „Der Präsident“) zu einem der meistgelesenen Thriller-Autoren weltweit entwickelt und vor allem in den 2000er und 2010er Jahren eine beeindruckende Anzahl an Romanreihen um charismatische Protagonist:innen entwickelt. Mit „Long Shadows“, dem siebten Band um den mit einem fotografischen Gedächtnis gesegneten FBI-Berater Amos Decker, führt der sogenannte „Memory Man“ nun allein die Spitze hinsichtlich der Anzahl der in einer Reihe veröffentlichten Romane an. Und auch qualitativ bewegt sich die Reihe nach wie vor auf hohem Niveau.
Als hätte Amos Decker nicht schon genug daran zu leiden, dass er während seiner Laufbahn als Detective seine Tochter Cassie, seine Frau Molly und deren Mann in seinem Heim bestialisch ermordet vorfand, verfügt er als ehemaliger Footballspieler nach einem Zusammenstoß mit einem gegnerischen Spieler über ein fast perfektes autobiografisches Gedächtnis und über die Fähigkeit der Synästhesie, die sich bei Decker u.a. in der Fähigkeit manifestiert, Zahlen, Personen und Empfindungen in Farben zu sehen. Für seine jetzige Tätigkeit als Berater für das FBI sind diese Fähigkeiten Gold wert, verfügt Decker doch über eine Aufklärungsquote von hundert Prozent. Dennoch ist die unorthodoxe Art, mit der Decker auftritt und arbeitet, bei seinen Vorgesetzten ein Dorn im Auge. 
Nun muss Decker einen weiteren Verlust verkraften. Seine ehemalige, an Demenz leidende Partnerin beim Burlington Police Department in Ohio, Mary Lancaster, ruft Decker mitten in der Nacht an, um ihm zu berichten, dass sie ihre eigene Tochter vergessen habe. Dann wird Decker Zeuge, wie sich Mary mit ihrer Pistole das Leben nimmt. 
Für Trauerarbeit bleibt jedoch keine Zeit. Mit seiner neuen Partnerin Frederica White wird Decker nach Florida geschickt, um den Doppelmord an einer Bundesrichterin und ihrem Bodyguard aufzuklären, wobei sie von dem dort zuständigen Beamten Doug Andrews unterstützt werden. Interessant ist nicht nur, dass der Bodyguard mit zwei Schüssen niedergestreckt worden ist, während die Richterin mit mehreren Messerstichen getötet wurde, sondern auch, dass die Richterin eine durchlöcherte Augenbinde umgebunden bekam, dem Bodyguard dagegen alte slowakische Geldscheine in den Hals geschoben wurden. Zu den Verdächtigen zählt natürlich der Ex-Mann der Richterin, der sich offenbar mit der Trennung nicht abfinden konnte, aber auch die Firma, bei der der Bodyguard angestellt war, scheint etwas zu verbergen zu haben. Jedenfalls verschwinden nach und nach wichtige Zeugen, und die wenigen, mit denen Decker und White sprechen können, sind nicht so auskunftsfreudig wie erhofft…

„Was wirst du jetzt tun, Decker? Du hast einen Fall aufzuklären, aber kaum Spuren, nur einen großen Haufen Sand, in dem du nach irgendeinem Körnchen suchst, das dir weiterhelfen könnte. Du wirst mit einem Wust an Informationen konfrontiert, von denen viele keinen erkennbaren Sinn ergeben, und sollst irgendeinen Zusammenhang herausfiltern, ein Muster erkennen. Er seufzte tief. Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ob ich es überhaupt will.“ (S. 143)

Mit den letzten „Memory Man“-Romanen drohte sich der versierte Autor an dem komplexen Arrangement an Figuren, Action und Zusammenhängen zu verheben, doch hat Baldacci mit „Long Shadows“ nun wieder etwas mehr die Kurve gekriegt. Nach dem erschütternden Auftakt mit dem Selbstmord seiner früheren Partnerin und der Tatsache, dass sich Decker nun an eine neue Partnerin gewöhnen muss, kommt Baldacci mit einem interessanten Doppelmord schnell zur Sache, wobei er nicht auf einen handlungsgetriebenen Plot setzt, sondern auf hartnäckige Ermittlungsarbeit, die sich in vielen, zuweilen etwas ermüdenden Dialogen Ausdruck verschafft. Auf die neue Arbeitsbeziehung zwischen Decker und White hätte dabei etwas tiefer eingegangen werden können, um dem Thriller auch eine emotionale Gewichtung zu verleihen. Meist beschränken sich die persönlichen Themen nämlich auf Erinnerungen an die Familienangehörigen, die sowohl Decker als auch White verloren haben. Dafür beweist Baldacci mit wiederholten Verhören, die sein neues Ermittler-Duo durchführt, echte Steher-Qualitäten, mit denen Stück für Stück die wahren Motive für den Doppelmord herausgearbeitet werden. Und das Ende macht Hoffnung, dass die Reihe um den „Memory Man“ weiterhin fortgesetzt wird, zumal noch die Frage im Raum steht, wie sehr sich Deckers Persönlichkeit mit der vorhergesagten Veränderung seiner Gehirnstruktur entwickeln mag.

Robert Bloch – „Boten des Grauens“

Samstag, 26. April 2025

(Heyne, 158 S., Tb.)
Robert Bloch (1917-1994) wird vor allem durch seine 1959 veröffentlichte Romanvorlage für Alfred Hitchcocks „Psycho“ in Erinnerung bleiben, doch hat der u.a. mit dem World Fantasy Award und dem Bram Stoker Award für sein Lebenswerk ausgezeichnete Schriftsteller im Verlauf seiner langjährigen Karriere ein umfassendes Werk an Romanen und Geschichten hinterlassen, die anfänglich von H.P. Lovecraft und dem „Cthulhu-Mythos“ inspiriert waren und dann in eine breite Palette von Krimi-, Horror- und Science-Fiction-Stories übergingen. 1967 erschien mit „The Living Demons“ eine Sammlung von elf Kurzgeschichten, die zwischen 1941 und 1967 vorwiegend in „Weird Tales“ erstmals veröffentlicht worden waren und 1970 als „Boten des Grauens“ in einem schmalen Bändchen bei Heyne in deutscher Erstausgabe erschienen.
In „Harrys Zeitkapsel“ lässt Professor Dr. Dr. Harrison Cramer eine Zeitkapsel vor allem mit Dingen füllen, die ihm überwiegend seine fünfzehn Jahre jüngere Frau vorschlägt, und die dann im neuen Haus des Humanismus ins Fundament eingemauert werden soll. Schließlich würde seine Frau, die übrigens eine Affäre mit dem Anwalt Rick unterhält, den sie nach einer schnellen Scheidung von Harry zu heiraten beabsichtigt, Harrys Meinung nach die Mehrheit repräsentieren. Also lässt er Plattenalben, Filmkopien der Fernsehreihe „Irgendwo, USA“ und Abenteuerromane zusammentragen und hebt sich das interessanteste Stück bis zum Schluss auf…
„Von einem Geist skalpiert“ erzählt die Geschichte von einem Mann namens Orlando Crown, der betrügerische Amateurokkultisten und berufsmäßige Geisteraustreiber entlarvt. Vor allem die weit verbreitete Praxis, indianische Geister als Mittler zwischen der Welt der Lebenden und der Toten zu verwenden, stößt bei Crown auf Ablehnung. Als er jedoch die Bekanntschaft von Mrs. Prinn macht, wird Crown eines Besseren belehrt…
In „Tod eines Vampirs“ spielt Graf Barsac die Rolle des Vampirs so gut, dass er die bereits auf der Bühne des Grand Guignol in Paris erprobte Hauptrolle auch im realen Leben zu verkörpern beabsichtigt, mit unvorhersehbaren Folgen…
„Die Bestien von Barsac“ stellt wiederum eine Variante des Sujets um einen verrückten Wissenschaftler dar. Hier wird Dr. Jerome in die Burg des exzentrischen Sebastian Barsac eingeladen, mit der an der Sorbonne studiert hatte. Barsac habe seit Verlassen der Universität einzig an einer Veränderung der Zellstruktur des Gehirns gearbeitet, um ein Bindeglied zwischen Mensch und Tier zu entdecken. Ihm sei es gelungen, mittels mechanischer Hypnose menschliche Charakteristiken auf Tiere zu übertragen. Dr. Jerome muss sehr schnell feststellen, dass hinter dem wahnwitzig wirkenden Gefasel seines alten Kommilitonen mehr steckt, als er ahnt…
In „Der Pakt mit dem Schatten“ hadert ein Drugstore-Betreiber, der Pharmazie studiert hatte, mit seinem Schicksal, jeden Tag zehn bis fünfzehn Stunden auf den Füßen zu sein, um seinen Kunden Coca-Cola und Schokoladensodas auszuschenken. Da ist es eine willkommene Abwechslung für ihn, als ein Mann, der sich als Chemiker ausgibt, der Experimente durchführt, ungewöhnliche Dinge wie Eisenhuttinktur, Belladonna, Phosphor und ein Dutzend Kerzen nachfragt. Allerdings bittet er, den fälligen Betrag für drei Tage zu stunden. Zwar hält der Mann sein Versprechen, wird aber fortan von einem geheimnisvollen Schatten begleitet…

„Als ich an diesem Abend nach Hause ging, sah ich die dunkle Straße mit neuem Interesse. Die schwarzen Häuser standen wie eine Barriere, hinter der phantastische Geheimnisse lauerten. Reihe auf Reihe, keine Häuser mehr, sondern dunkle Kerker von Träumen. In welchem Haus verbarg sich mein Fremder? In welchem Raum beschwor er welche seltsamen Götter? Wieder einmal fühlte ich die Gegenwart von Wundern in der Welt, von versteckten Seltsamkeiten hinter der Szene von Drugstore und technischer Zivilisation. Noch immer wurden schwarze Bücher gelesen, und wildäugige Fremde gingen und murmelten, Kerzen brannten in der Nacht, und eine vermisste Katze mochte ein Tieropfer bedeuten.“ (S. 99)

Robert Bloch erweist sich in einer seiner besseren Kurzgeschichten-Sammlungen als Meister des Schreckens, erzählt – natürlich – von den obligatorischen Vampiren, Okkultisten und experimentierfreudigen Wissenschaftlern, von leichtgläubigen und skeptischen Menschen, die mehr als dicht davor sind, die Schwelle zum Wahnsinn zu überschreiten, die aber auch oft genug eine böse Überraschung erleben. Vor allem ist Robert Bloch, der auch Drehbücher zu Filmen wie „Das Kabinett des Dr. Caligari“, „Der Puppenmörder“, „Der Foltergarten des Dr. Diabolo“ und „Totentanz der Vampire“ schrieb, ein Meister der kurzen, knackigen Pointe.


Stephen King – „Nachts“

Sonntag, 20. April 2025

(Heyne, 418 S., Jumbo)
Mit „Langoliers“ hatte Stephen King bzw. sein deutscher Verlag Heyne die ersten beiden Novellen aus der vier Geschichten umfassenden Sammlung „Four Past Midnight“ veröffentlicht, die später in der Taschenbuchversion als „Vier nach Mitternacht“ dann tatsächlich auch alle vier Horror-Stories vereinte. Nach der Titelgeschichte und der später mit Johnny Depp verfilmten Story „Das heimliche Fenster, der heimliche Garten“ in „Langoliers“ präsentierte „Nachts“ im Jahr 1991 zwei weitere haarsträubende Horror-Geschichten, wie sie sich nur Stephen King ausdenken kann.
„Der Bibliothekspolizist“ erzählt die Geschichte des Immobilien- und Versicherungsmaklers Sam Peebles, der in seiner Heimatstadt Junction City bei der kommenden Speaker’s Night der Rotarier für den verletzten Akrobaten Amazing Joe einspringen und die monatliche Rede halten soll. Von Craig Jones bekommt er sogar ein Thema vorgeschlagen, nämlich die Bedeutung unabhängiger Unternehmen für das Kleinstadtleben. Als er seiner Sekretärin Naomi seinen ersten Entwurf vorträgt, schlägt sie vor Begeisterung nicht gerade Purzelbäume, verweist stattdessen auf zwei Bücher, darunter „Best Loved Poems of the American People“, mit deren Hilfe er seine Rede aufpeppen könnte. Doch als Sam die örtliche Bibliothek aufsucht, ist er von der bedrückenden Atmosphäre und den beängstigenden Postern mit Sprüchen wie „Fahre NIEMALS mit Fremden!“ und „Vermeidet die Bibliothekspolizei! Brave Jungs und Mädchen bringen ihre Bücher PÜNKTLICH zurück!“ mehr als nur leicht verunsichert. Der Eindruck verstärkt sich, als er die Bibliothekarin Ardelia Lortz kennenlernt, die ihm die gesuchten Bücher raussucht und ihm einen Bibliotheksausweis ausstellt, aber bei aller Zuvorkommenheit und Hilfsbereitschaft überhaupt keine freundliche Ausstrahlung besitzt. Die mit Hilfe der Bücher verfeinerte Rede wird ein voller Erfolg, doch es kommt, wie es kommen muss: Die beiden Bücher verschwinden im Altpapier, das regelmäßig durch den Alkoholiker Dave Duncan abgeholt und entsorgt wird. Als Sam erneut die Bibliothek aufsucht, findet er sie nicht nur völlig verändert vor, auch von Ardelia Lotz findet sich keine Spur. Je mehr sich Sam mit der Geschichte der Frau befasst, wird er an ein längst verdrängtes Ereignis in seinem eigenen Leben erinnert, was dem Bibliothekspolizisten einen ganz neuen Schrecken verleiht…
Stephen King gelingt es auch in Geschichten, die nicht die übliche, oft epische Länge seiner Romane aufweisen, interessante Figuren zu schaffen und diese so überzeugend in übernatürliche Geschehnisse zu verwickeln, dass es ganz natürlich erscheint. Allerdings will der „King of Horror“ in dieser Geschichte zu viel. Statt sich nur auf die Vorstellung eines aus dem Rahmen gefallenen Bibliothekspolizisten zu beschränken, lässt der Autor seinen Protagonisten nicht nur dessen Vergewaltigung als Kind aufarbeiten, sondern befasst sich auch ausführlich mit der tragischen Geschichte, wie Dave Duncan durch seine Liebe zu Ardelia Lortz zum Alkoholiker wurde, und macht aus der Bibliothekarin ein Monster, das leider die Glaubwürdigkeit der Geschichte vollkommen untergräbt.
Nach diesem doch etwas verpatzten Auftakt macht es King mit „Zeitraffer“ etwas besser, einer Geschichte, die in Kings fiktiver Stadt Castle Rock und zwischen den beiden dort spielenden Romanen „Stark – The Dark Half“ und „Needful Things“ angesiedelt ist. Hier feiert Kevin Delevan seinen 15. Geburtstag, zu dem er u.a. eine Polaroid Sun 660 geschenkt bekommt. So glücklich er über dieses Wunschgeschenk ist, so erstaunt ist er über die Fotos, die die Sofortbildkamera ausspuckt, denn die Bilder scheinen nicht nur mit der Zeit etwas zu machen, sondern zeigen auch einen grässlichen Hund, der von Aufnahme zu Aufnahme immer mehr auf den Fotografen zuzukommen und schließlich fast aus dem Bild zu springen scheint. Statt die Kamera umzutauschen, bringen Kevin und sein Vater die Kamera ins Emporium Galorium zu Reginald „Pop“ Merrill, der sich der Kamera annimmt und ebenso von den Bildern fasziniert ist wie John Delevan und dessen Sohn. Der wittert ein gutes Geschäft, vertauscht die Kamera mit einer modellgleichen Kamera und macht sich auf die Socken, um die mysteriöse Kamera seinen besten Kunden zum Kauf anzubieten. Doch die sind nur entsetzt über den schrecklichen Hund, den die Kamera aus welchen Gründen auch immer ablichtet und der immer bedrohlichere Züge annimmt…

„Das Auge hielt ihn im Bann. Es war mörderisch. Diese Promenadenmischung sprühte geradezu vor Mordlust. Und der Hund hatte keinen Namen; das wusste er ebenso gewiss. Er wusste ohne den Schatten eines Zweifels, dass kein Polaroidmann, keine Polaroidfrau und kein Polaroidkind diesem Polaroidhund je einen Namen gegeben hatte; es war ein Streuner, als Streuner geboren, als Streuner groß und alt und böse geworden, die Inkarnation aller Hunde, die je über das Antlitz der Erde gestreunt waren, namenlos und heimatlos, Hühner töteten und Abfall aus Mülltonnen fraßen, die umzuwerfen sie schon lange gelernt hatten, und in Abwasserrohren und unter den Veranden verlassener Häuser schliefen. Sein Verstand würde verkümmert sein, aber seine Instinkte scharf und rot.“ (S. 304)

Auch wenn „Zeitraffer“ vor allem aus der Perspektive des 15-jährigen Kevin Delevan geschrieben ist, gewinnt dieser längst nicht so viel Kontur wie der von allen in der Kleinstadt verhasste Pop Merrill, der mit seinen siebzig Jahren schon einige unlautere Geschäfte abgewickelt hat – u.a. auch mit Kevins Dad – und deshalb wenig Ansehen in Castle Rock genießt. Vor allem die Art und Weise, wie er Kevins mysteriöse Kamera an gutgläubige, wenn auch vollkommen schrullige Interessenten verkaufen will, demonstriert die Abgründe seiner Persönlichkeit, aber auch die gut gebaute Drug-Store-Verkäuferin Molly Durham weiß ein Lied davon zu singen, wie widerlich der alte Mann ist. Zum Ende hin nimmt die Geschichte zwar an Fahrt auf, doch übertreibt es King einmal mehr mit der Darstellung vermeintlich schockierender Splatter-Effekte, so dass eine zunächst interessant eingefädelte Story über das Ziel hinausschießt. Schade.

John Grisham – (Bruce Cable: 3) „Die Legende“

Dienstag, 8. April 2025

(Heyne, 384 S., HC)
Mit Justiz-Thrillern wie „Die Firma“, „Der Klient“ und „Die Kammer“ ist der ehemalige Anwalt John Grisham zum Genre-Meister avanciert und zieht mit seinen in schöner Regelmäßigkeit erscheinenden Büchern ebenso regelmäßig in die Bestseller-Listen ein. Während seiner mittlerweile über 35-jährigen Schriftstellerkarriere hat Grisham aber auch immer wieder Genres jenseits seiner Erfolgsdomäne erkundet, so mit der Jugendbuchreihe um den jungen Hobby-Detektiv Theo Boone oder Romane rund um Amerikas beliebteste Sportarten. Mit „Das Original“ und „Das Manuskript“ hat der in Virginia lebende Autor eine weitere ungewöhnliche Reihe ins Leben gerufen, die sich vor allem um den Literaturbetrieb und weniger um juristische Spitzfindigkeiten kümmert. Im nun erschienenen dritten Band „Die Legende“ gehen diese beiden Themengebiete aber eine vielversprechende Verbindung ein.
Als sich die nach zwei gut verkauften Romanen und einer veröffentlichten Kurzgeschichtensammlung aufstrebende Dozentin und Teilzeit-Schriftstellerin Mercer Mann auf die Suche nach einer Idee für ihren dritten Roman macht, auf den ihre Lektorin bei Viking Press schon etwas länger wartet, macht ihr Ex-Lover Bruce Cable, der die Buchhandlung Bay Books auf Camino Island führt, auf die Geschichte aufmerksam, die sich um das Jahr 1750 auf der kleinen Insel Dark Isle zwischen Florida und Georgia begab. Die unscheinbare Insel wurde zum sicheren Zufluchtsort für entflohene Sklaven aus Georgia, wo sie zweihundert Jahre lebten, bis alle gestorben oder weggezogen waren. Welche Tragödien sich dabei abgespielt haben, hat die mittlerweile 84 Jahre alte Lovely Jackson in ihrem Buch „Die dunkle Geschichte von Dark Isle“ niedergeschrieben. Demnach sei sie die letzte lebende Erbin der Insel, die sie 1950 mit ihrer Mutter verlassen hat. Nun will das Bauunternehmen Tidal Breeze die Genehmigung vom Staat Florida, auf der unbewohnten Insel ein Casino zu bauen, um Dark Isle so touristisch zu erschließen. Die weißen Unternehmer lassen sich nicht vom angeblichen Fluch beeindrucken, nach dem jeder Weiße, der die Insel betritt, dem Tod geweiht ist, doch Lovely Jackson ist nicht gewillt, ihre Insel den Immobilienhaien zu überlassen. Zusammen mit dem bestens vernetzten Buchhändler Bruce Cable, dem engagierten und erfahrenen Anwalt Steven Mahon und der umtriebigen Praktikantin Diane nimmt die elegante alte Dame den Kampf gegen Tidal Breeze auf und liefert so den Stoff für Mercers neuen Roman, der die Geschichte von Lovely Jackson weitererzählen soll. Bei der Frage, wem die Insel letztlich gehört, stehen Steven & Co. vor allem vor dem Problem, dass keine schriftlichen Unterlagen über den Eigentumsnachweis existieren…
Dass John Grisham ein glänzender Erzähler ist, der sein Publikum auf der ganzen Welt mit packenden Geschichten zu fesseln vermag, steht schon seit seinen auch erfolgreich verfilmten Frühwerken außer Frage, auch wenn man über seine literarischen Fähigkeiten vortrefflich streiten kann. In „Die Legende“, dem dritten Band um den auf Camino Island lebenden Buchhändler Bruce Cable, mag es in erster Linie um die Frage gehen, wem die seit jeher nur von schwarzen Sklaven bevölkerte, seit 1955 aber verlassene Insel nun gehört. Doch das eigentliche Thema ist der Umgang mit der Sklaverei und ihrer Aufarbeitung in der heutigen Zeit. Die liebenswerte Protagonistin Lovely Jackson hat – mangels entsprechender Bildung und schriftlicher Unterlagen - aus den Erzählungen ihrer Leute die Geschichte von Dark Isle niedergeschrieben und so dokumentiert, unter welchen Bedingungen die ehemaligen Sklaven gearbeitet und gelebt haben, wie sie gestorben und begraben worden sind. Die Frage nach dem Eigentum behandelt eben auch die Frage nach dem Umgang mit diesem dunklen Kapitel der amerikanischen Geschichte. Grisham begnügt sich allerdings nicht mit diesem Themenkomplex, sondern führt bereits zu Beginn eine Vielzahl von Figuren ein – wie die bereits aus „Das Original“ bekannte Schriftstellerin Mercer Mann und ihren frisch angeheirateten Mann Thomas -, die zwar die Handlung vorantreiben, aber eine tiefergehende Charakterzeichnung unterlaufen. Dafür wiederholt sich das Format des Duells einer profitgierigen Firma gegen vermeintlich schwache Opfer aus „Das Manuskript“, und der Ausgang ist natürlich sehr vorhersehbar. Am Ende hat Grisham zu viel in den flott geschriebenen Roman gepackt und zu sehr die Erwartungen seines Publikums goutiert, um mehr als nur einen kurzweiligen, aber oberflächlichen Spannungsroman abzuliefern.