(Knaur, 544 S., Tb.)
Eigentlich ist Robert McCammon mit Romanen wie „Blutdurstig“,
„Wandernde Seelen“, „Nach dem Ende der Welt“ und „Das Haus Usher“ bekannt
geworden und zumindest in zweiter Reihe nach den Stars der Horror-Szene wie Stephen
King, Clive Barker, Peter Straub und Dean Koontz auch hierzulande
geschätzt worden. Und irgendwann kam ihm – wie King, Barker und Straub
– auch die Idee, sich im komprimierten Format der Kurzgeschichte
auszuprobieren. „Stadt des Untergangs“ wartet mit insgesamt dreizehn
Geschichten auf, von der die eröffnende, in der Originalausgabe titelgebende
Story „Blue World“ mit gut 240 Seiten schon einem Kurzroman nahekommt und fast
die Hälfte des Buches einnimmt. Darin macht der dreiunddreißigjährige Pfarrer
John Lancaster im Beichtstuhl die Bekanntschaft der Porno-Darstellerin Debra
Rocks, die ihre Trauer über den Mord an ihrer Freundin und Kollegin Janey alias
Easee Breeze zum Ausdruck bringt. Der Pfarrer ist ebenso erregt wie verstört
über dieses Bekenntnis und versucht, mehr über diese attraktive Frau mit der
sinnlichen Stimme zu erfahren, leiht sich einige Filme mit Debra Rocks aus und
ist fortan wie besessen von der Idee, diese Frau näher kennenzulernen. Als er
in einem Supermarkt mit ihr zusammenstößt, begleitet er sie nach Hause und stellt
sich ihr als Lucky vor. Er hat ihr nicht nur zu einem Gewinn in dem Supermarkt
verholfen, sondern soll sie nun auch als Glücksbringer nach Hollywood
begleiten, wo sie als seriöse Schauspielerin Fuß fassen will. Doch Lucky/John
ist nicht der Einzige, der einen Narren an Debra gefressen hat, auch Janeys
Mörder hat die Witterung aufgenommen…
In der sehr kurzen Titelgeschichte der deutschen Ausgabe wacht
Brad nach einem Albtraum am Samstagmorgen auf und findet erst im Bett seiner
Frau ein Skelett, dann die Stadt verlassen vor. „Des Teufels Wunschzettel“ stellt
eine klassische Pakt-mit-dem-Teufel-Story dar, mit „Maske“ taucht McCammon
in die klassische Universal-Horror-Ära der 1930er Jahre ein, um dann mit „Nacht
ruft grünen Falken“ einen alternden Fernsehstar neuen Mut fassen lässt, als er
sein altes Superhelden-Kostüm überstreift, um einen Serienkiller zu stoppen. Mit
„Schattenjäger“ werden die Albträume eines Kriegsveteranen real, in „Das rote
Haus“ kämpft der Ich-Erzähler gegen die Durchschnittlichkeit eines gewöhnlichen
Lebens an…
„Und in diesem Moment dachte ich an Zahnräder. Millionen und Abermillionen von Zahnrädern, die auf diesem Fließband entlangliefen, alle haargenau gleich. Ich dachte an die Betonmauern in der Fabrik. Ich dachte an die Maschinen und ihren unablässigen, pochenden, verdammenden Rhythmus. Ich dachte an den Käfig aus grauen Schalbrettern, betrachtete das verängstigte Gesicht meines Dads in dem orangefarbenen Licht und erkannte, dass er Angst vor dem hatte, was außerhalb der grauen Schalbretter lag – Möglichkeiten, Alternativen, Leben. Er hatte eine Todesangst, und in diesem Moment wusste ich, dass ich nicht der Sohn meines Vaters sein konnte.“ (S. 468)
Mit der Geschichtensammlung „Stadt des Untergangs“
beweist Robert McCammon, dass er nicht nur fesselnde Horrorromane schreiben
kann, sondern das Grauen auch in kürzeren Formaten einzufangen versteht, von
der klassisch knackigen Short Story bis zur atmosphärisch dichten Novelle. Die
Ideen in dieser Sammlung mögen nicht alle besonders originell sein, dafür hat McCammon
die sprachliche Virtuosität, um auch vertrautere Stoffe unterhaltsam zu
vermitteln.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen