(Ullstein, 408 S. HC)
Seit Ende der 1990er Jahre hat der norwegische Musiker und
Schriftsteller Jo Nesbø bereits dreizehn Romane um den alkoholkranken,
alleinstehenden Hauptkommissar Harry Hole veröffentlicht, sich aber immer
wieder die Zeit genommen, für sich allein stehende Geschichten zu erzählen. Besonders
gut gelungen ist ihm das mit seinem neuen Roman „Minnesota“.
Der Norweger Holger Rudi reist im September 2022 nach Minneapolis,
um für sein True-Crime-Buch mit dem Arbeitstitel „Der Rächer von Minneapolis“
zu recherchieren. Dabei geht es um eine Reihe von Morden aus dem Jahr 2016, die
mit dem Attentat auf den Waffenhändler Marco Dante begannen, der ironischerweise
mit einem von ihm gekauften Gewehr der Marke M24 angeschossen wurde. Bob Oz vom
MPD, der von seinen Kollegen „One-Night-Bob“ genannt wird, weil er nach auch nach
noch nur so kleinen Erfolgen nahezu immer mit einer Frau an seiner Seite aus
der Bar ging, wo er mit seinen Kollegen abhing, wird von seinem Commander
Walker mit den Ermittlungen betraut, als er in einer Bar in Dinkytown gerade
mit der Bardame Liza anzubändeln versucht. Doch der Täter hat es auf weitere
kriminelle Subjekte abgesehen. Eine Spur führt zu Town Taxidermy, wo der mutmaßliche
Verdächtige Tomas Gomez bei dem Inhaber Mike Lunde die Konservierung eines
Tieres in Auftrag gegeben hatte. Je weiter die Ermittlungen voranschreiten und
Gomez seinen Verfolgern stets nur einen Schritt voraus zu sein scheint, desto
mehr erhärtet sich der Verdacht, dass Bürgermeister Kevin Patterson, der in Kürze
eine Rede eine Rede vor 60.000 Menschen zur Versammlung der NRA (National Rifle
Association) halten soll, das nächste Opfer des Killers sein könnte…
„Die Zeit war vorbei. Jetzt sollten sich die anderen fürchten. Mein schneller Puls verriet mir nur, dass ich lebte, dass ich etwas fühlte… zum ersten Mal seit Langem. Was ich tat, war gefährlich, angenehm gefährlich. Gleichzeitig beunruhigte mich etwas, dass ich das Ganze etwas spannender machte, als es sein musste. Als wollte irgendetwas in mir ihnen eine Chance geben, mich aufzuhalten. Aber wollte ich das? Natürlich nicht.“ (S. 216)
Auch wenn Jo Nesbø seinen neuen Roman in den USA
ansiedelt, hat er selbst doch nichts mit seinen US-amerikanischen Kollegen im
Thriller-Genre gemein. Das wird bereits in den ersten Kapiteln deutlich, die
sich nicht nur durch die Zeitsprünge aus dem Jahr 2022 ins Jahr 2016, sondern
durch die Perspektive des Ich-Erzählers auszeichnen, der jetzt ein
Schriftsteller ist, damals aber der Killer auf einer Rachemission. Dazwischen wird
in der dritten Person von den Ermittlungen der Beamten des Minneapolis Police
Department geschrieben, vor allem von Bob Oz, der den Unfalltod seiner Tochter
vor drei Jahren und die Trennung von seiner Frau Alice, die nun ein Kind von
einem neuen Mann erwartet, noch nicht richtig verarbeitet hat. Er kann sich gut
in den Täter hineinversetzen, der offenbar ein ähnliches Trauma erlitten hat
und nun systematisch gegen die vorgeht, die diese Tragödie seiner Meinung nach
mitverantwortet haben.
Nesbø nimmt sich genügend Zeit, um die Wunden in den
Seelen seiner Figuren zu erkunden, lässt so tatsächlich Mitgefühl für die
Motivation des Täters entstehen, dessen Handeln stets abwechselnd mit den
Ermittlungen von Bob Oz und seinen Kolleg:innen Kay Meyers und Olav Hanson
geschildert wird. Das sorgt für Tempo und Abwechslung, macht die
Katz-und-Maus-Jagd ebenso spannend wie unberechenbar, denn Nesbø führt vor
allem seine Leserschaft am Ende gekonnt in die Irre.
„Minnesota“ ist ein ungewöhnlicher Thriller, der das Zeug
zum Auftakt einer neuen Serie hätte, wobei vor allem die vom Leben gezeichneten
Figuren interessant sind.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen