Raymond Chandler – (Philip Marlowe: 2) „Lebwohl, mein Liebling“

Donnerstag, 29. Januar 2026

(Diogenes, 368 S., HC)
Neben Dashiell Hammett zählte Raymond Chandler (1888-1959) zu den großen Wegbereitern und Stimmen des Harboiled-Detektiv-Krimis, was umso bemerkenswerter ist, als er nur sieben Romane um seinen Protagonisten Philip Marlowe veröffentlichte, die allerdings mehrmals verfilmt worden sind und heute – wie „Murder, My Sweet“, „Tote schlafen fest“ und „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ – früh zu Klassikern des Film Noir bzw. Neo Noir avancierten. Mit der Neuübersetzung von Chandlers zweiten, 1940 veröffentlichten Roman „Farewell, My Lovely“, setzt Diogenes seine Reihe von Wiederveröffentlichungen dieses einflussreichen Autors fort.
Der Privatdetektiv Philip Marlowe ist gerade in einem noch nicht gänzlich von Schwarzen bewohnten Block an der Central Avenue in Los Angeles unterwegs, um einen gewissen Dimitrios Aleidis ausfindig zu machen, der von seiner Frau gesucht wird, als er einen Speise- und Spielsalon namens „Florian’s“ aufsucht, wo er die Bekanntschaft mit dem gut zwei Meter großen Schwarzen Moose Malloy kennenlernt, der nach acht Jahren im Gefängnis seine Freundin Velma Valento sucht, die hier als Nachtclubsängerin gearbeitet hat. Marlowe findet den Mann sympathisch und überreicht ihm seine Karte, doch dann knallt der Ex-Knacki den neuen Besitzer des Ladens über den Haufen und kratzt die Kurve. Doch damit ist Marlowes ereignisreicher Tag noch längst nicht zu Ende. Nachdem er Kriminalkommissar Nulty Bericht erstattet hat, erhält Marlowe wenig später einen Anruf von Mr. Marriott aus Montemar Vista, der den Detektiv als Bodyguard engagieren möchte, wenn er das Jadecollier einer Freundin bei Juwelendieben am vereinbarten Treffpunkt für achttausend Dollar zurückzukaufen beabsichtigt. Marlowe nimmt den Job an, schließlich sind da hundert Dollar für ihn drin, doch auch dieser Auftrag nimmt ein böses Ende. Marlowe wird bei dem Treffen am Purissima Canyon in der Nähe von Bay City nämlich niedergeschlagen, Marriott erschossen. Als er wieder zur Besinnung kommt, ist eine rothaarige Frau bei ihm, die sich als Anne Riordan vorstellt und sich Marlowe zunächst als Hobby-Detektivin zur Seite stellt. Diesmal bekommt es Marlowe mit Polizeileutnant Randall zu tun. Bei seinen Ermittlungen stellt Marlowe schließlich fest, dass der tote Marriott die Witwe des ehemaligen Nachtclubbesitzers Mr. Florian mit Bargeld versorgt, was einen Zusammenhang mit der wie die Kette verschwundenen Velma nahelegt. Zudem führt ihn eine Visitenkarte in Marriotts Marihuana-Zigaretten zu Jules Amthor, einen hellseherischen Berater…

„Es wurde dunkler. Ich dachte nach; das Denken tastete sich in meinem Kopf vorsichtig vorwärts, wie unter einem verbitterten, sadistischen Blick. Ich dachte an tote Augen, die in einen mondlosen Himmel starrten, an den Mundwinkeln darunter schwarzes Blut. Ich dachte an garstige alte Frauen, denen man den Kopf am Pfosten ihrer schmutzigen Betten eingeschlagen hatte. Ich dachte an einen Mann mit hellblonden Haaren, der verängstigt war, ohne genau zu wissen, wovor er sich fürchtete, der spürte, dass etwas nicht stimmte, aber zu eitel war oder zu dumm, um zu errate, was.“ (S. 289f.)

Dass Raymond Chandlers Romane so gut gealtert sind und schon zur Zeit ihrer Veröffentlichung in den 1940er und 1950er Jahren Stoff für packende Filme lieferten, liegt nicht allein an den komplexen Fällen, die der sympathische, fast schon liebenswerte, auf jeden Fall richtig coole Privatdetektiv Philip Marlowe zu lösen hat, sondern an der stimmigen Mischung aus lebendigen Milieubeschreibungen, ungewöhnlichen, oft auch skurril anmutenden Figuren und natürlich der großartigen Sprache, mit der der Autor sein Publikum direkt ins Geschehen zieht. Hier sind es vor allem die vortrefflichsten Vergleiche, mit der beispielsweise das unermüdliche Umherirren eines Käfers mit dem eines Menschen in Beziehung gesetzt wird. Der Plot hat es wirklich in sich und nimmt einige interessante Wendungen. Kein Wunder, dass Chandlers Klassiker bislang gleich dreimal verfilmt worden ist. An „Lebwohl, mein Liebling“ kommt kein Krimiliebhaber und Film-Noir-Fan vorbei
Leseprobe Raymond Chandler - "Lebwohl, mein Liebling"

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