(Aufbau, 255 S., HC)
Oft genug sind es Erstlingsromane, die einen vom Thema und
Titel her ansprechen, die aber auch durch ihre ungewöhnliche Sprache zu
faszinieren vermögen. So erging es mir mit dem Debüt der 1980 in Berlin geborenen,
nun in Leipzig lebenden Lilli Tollkien.
Lale erinnert sich an das warme Gefühl im Bauch ihrer Mutter,
weiß von Erzählungen, dass sie auch dort war, als ihre Mutter und ihr Vater in ihrem
alten Mercedes Benz nach Spanien unterwegs gewesen war, um dort einen – leider gescheiterten
– Entzug zu machen. Als die Wehen einsetzten, besorgte ihr Vater der Schwangeren
Heroin, damit sie die Entbindung übersteht. Diese frühkindliche Erfahrung ging
an Lale nicht spurlos vorbei. Sie erlebt hautnah mit, wie ihre Mutter sich immer
wieder einen Schuss setzte und in einen Dämmerschlaf fiel. Ihr Vater wanderte
nach einem gescheiterten Banküberfall in den Tegeler Knast, Lale geriet erst in
die Obhut des Jugendamtes, dann in die eines Freundes ihres Vaters. Fortan
wuchs Lale als Pflegekind in der Wohngemeinschaft von Karlheinz und seinen drei
Mitbewohnern Wolfgang, Ansgar und Frank auf, durfte Süßigkeiten essen und bis
in die Puppen fernsehen, doch ihre Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit blieben
unerfüllt. Tatsächlich wurde sie sogar Opfer eines sexuellen Übergriffs und selbst
auffällig. Die Beziehungen zu Männern gestalteten sich ebenso schwierig wie zu
ihren Freundinnen und die vielen verschiedenen Versuche, eine sinnstiftende
Tätigkeit zu finden…
„Ich sehnte mich nach einer Sinnlichkeit in Bezug zu den Dingen, wollte glänzende Oberflächen, nichts sollte mehr kleben. Ich hatte begonnen, Design zu studieren, aber ich wurde keine Designerin. Weil ich Angst hatte. Ich wurde keine Ausstatterin, wurde keine Kamerafrau, keine Regisseurin. Ich hätte mich hinter einer Leinwand verstecken und eine Geschichte erzählen wollen. Ich hatte Teil einer rund um die Uhr arbeitenden Filmfamilie sein und dazugehören wollen. Ich machte Praktika beim Film, begann Regie zu studieren, aber ich wurde keine Regisseurin. Weil ich Angst hatte, erkannt zu werden. Ich wollte Talente haben, künstlerischen Erfolg, der meinen Schmerz rechtfertigte. Es sollte nicht mehr umsonst gewesen sein.“
„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ erweist sich
als retrospektiv erzählte Coming-of-Age-Geschichte. Aus der sicheren Distanz zum
Zurückgelassenen, zu Gewesenen, zu den erlittenen Enttäuschungen und Schmerzen berichtet
die Ich-Erzählerin Lale von ihrem ereignisreichen Leben eines Kindes, das schon
als Ungeborenes die Drogensucht ihrer Mutter miterleben musste und fortan mit
den Folgen eines unsteten Lebens zu kämpfen hatte. Davon zeugen die unterschiedlichsten
Versuche, Bindungen zu Männern aufzubauen und eine berufliche Identität zu
finden, doch stand sie sich ihr Leben lang selbst im Weg – wen kann das bei diesem
Werdegang auch verwundern? Tollkiens kurze Erzählung fasziniert weniger
durch die eigentliche Geschichte, die in der Grundkonstellation sicher kein
Einzelfall ist, aber durch die direkte, ungekünstelte Sprache, die das Erzählte
so authentisch und lebendig werden lässt. Die Autorin vermeidet geschickt Klischees
in der Beschreibung ihres Lebens als Opfer und Suchende, findet immer einen
sehr eindringlichen Ton, der das Innerste ihrer Figur nach außen kehrt, ohne
Mitleid erregen zu wollen. Stattdessen führt der Weg über viele Stolpersteine
zu einigen wichtigen Selbsterkenntnissen und einer mutmachenden Änderung ihres
Lebens.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen