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Buddy Giovinazzo – „Cracktown“

Dienstag, 12. Mai 2026

(Pulp Master, 206 S., Tb.)
1993 erschien mit „Life Is Hot In Cracktown“ das schriftstellerische Debüt des 1960 in New York City geborenen Autors und Filmemachers Buddy Giovinazzo, der seit 1999 in Berlin lebt und als Regisseur nicht nur mehrere Folgen „Polizeiruf 110“ und „Tatort“ gedreht, sondern 2008 in Los Angeles auch sein erstes Buch verfilmt hat. Nach der deutschen Erstveröffentlichung von „Cracktown“ im Maas Verlag folgte 2011 eine Neuübersetzung bei Pulp Master, wo später auch Giovinazzos nachfolgenden Bücher „Poesie der Hölle“, „Piss in den Wind“, „Potsdamer Platz“, „Keiner lebt hier“ und „Broken Street“ erschienen sind. 
Das Leben ist cool in Cracktown. Schwaden vom Parfüm der Straße, eine Duftmischung aus Pisse und Blut, liegen in der dampfenden Luft über glühenden Bürgersteigen. Hier überlebt man nur durch Überfälle auf Geschäfte, um sich den nächsten Schuss setzen, die nächste Bazooka abfeuern zu können. Hier lebt Londa mit einem Baby im Bauch, das ihr – vermutlich - Daddy gemacht hat, der auch noch für ihre scharfkantig abgebrochenen Zähne verantwortlich ist und sie windelweich schlägt, als er sie beim Drogenkonsum erwischt.
Da haben wir Manny und Concetta, die mit Ramon ein behindertes Kind durchbringen müssen, wofür sich Manny in zwei Jobs als Wachmann in einem Hotel und an der Kasse einer Bodega abrackert, wo es zu einem tragischen Zwischenfall kommt, der das fragile Glück des Paars endgültig zerschmettert.
Miss Lonely schafft seit Jahren für Caesar an, um ihren Heroinkonsum finanzieren zu können, und träumt an diesem Abend davon, nur ein Date zu haben, ein ganz besonderes. Dafür muss sie sich zwar ordentlich ins Zeug legen und alles tun, was von ihr verlangt wird, aber das ist immer noch besser als die üblichen Fließband-Ficks im Alltag.

„Miss Lonely ist immer noch am Schweben und nimmt ihn pur; seine Hand auf ihrem Nacken, fühlt sie sich wie angeschnallt, ohne Zufluchtsort, wo man reden oder schreien oder weinen kann. Allein. Sie fühlt sich so allein, wenn sie arbeitet, hohl, ohne Herz und ohne Seele, fühlt sich wie ein Werkzeug, das sich allmählich abnutzt, aber immer noch im Gebrauch ist, weil es noch einen gewissen Wert besitzt. Sie versucht, an andere Sachen zu denken, doch ihr Verstand holt sie immer wieder zurück.“ (S. 48)

Währenddessen träumt der zehnjährige Willy von einem gemeinsamen Leben mit der zwei Jahre älteren Melody, die schon für das Crack ihrer Mutter anschaffen muss. Und dann ist da noch Marybeth, die für einen Mann ungewöhnlich viel vor der Hütte aufweisen kann und seit drei Jahren mit Benny zusammen ist, doch niemand traut sich, sie zu vermählen, nicht mal der schwule Priester von St. Elizabeth. Mit dem Geld, das sie durch Sexdienstleistungen und er durch Diebstähle verdient, stehen sie ganz gut da, doch dann nehmen sie schlechten Stoff und werden mit einem ernüchternden Test konfrontiert…
Mit seinem gerade mal 200-seitigen Debüt „Cracktown“ entführt uns Buddy Giovinazzo in die dunklen Ecken großstädtischer Slums, in denen es von Crackhuren, gescheiterten Existenzen und Brutalos nur so wimmelt. Episodenhaft reiht der Autor eine Vielzahl von Figuren ein, die er für eine Weile begleitet, um uns an ihrem von Verzweiflung, körperlichen und seelischen Demütigungen geprägten Alltag teilhaben zu lassen, der vor allem aus erniedrigenden, brutalen sexuellen Dienstleistungen, enthemmter Gewalt und exzessivem Drogenkonsum besteht. Hier ist kein Platz für hehre Träume vom großen Glück, von der erfüllenden Liebe, von einem guten Auskommen und dem beschaulichen Leben in einem trauten Heim. Giovinazzos Protagonisten erleben durch die Bank die Hölle auf Erden, Gewalt in allen nur erdenklichen Formen, brutalen Sex. Das wirkt nach einer Weile recht beliebig und auf vordergründige Gewalt-Pornografie ausgerichtet, zumal der Autor kein echtes Interesse an seinen Figuren zu haben scheint, sondern nur an den perversen, oft genug krass sexualisierten Gewaltfantasien, die diese durchleben müssen. Auf Dauer ist das einfach ermüdend und abschreckend.

 

Buddy Giovinazzo – „Piss in den Wind“

Sonntag, 3. April 2022

(Pulp Master, 256 S., Tb.) 
Buddy Giovinazzo ist zwar in Staten Island, New York City, geboren und aufgewachsen, lebt aber zu großen Teilen in Berlin und hat vor allem als Filmemacher Karriere gemacht, bevor er auch als Schriftsteller bekannt geworden ist. So drehte er hierzulande diverse Folgen für „Tatort“, „Polizeiruf 110“, „SOKO Leipzig“ und „Der Kriminalist“, legte 1993 mit „Life is Hot in Cracktown“ („Cracktown“) sein Debüt als Schriftsteller vor. Mit „Poesie der Hölle“, „Broken Street“ und „Potsdamer Platz“ gewann Giovinazzo eine treue Lesergemeinde. 2009 folgte mit „Caution to the Winds“ sein bisher letzter Roman, der zwei Jahre später hierzulande unter dem kuriosen, saloppen Titel „Piss in den Wind“ bei Pulp Master veröffentlicht wurde. 
Der Mittdreißiger James Gianelli verdient sich seinen Lebensunterhalt als College-Dozent für Fotografie und hofft, dass ihm die ersehnte Festanstellung ermöglicht, etwas mehr Stabilität in sein Leben zu bekommen. Doch als sich seine Freundin Karen nach zwei Jahren von ihm trennt und zu ihrem Bruder ziehen will, bekommt er einen psychotischen Anfall. Als er aus der Bewusstlosigkeit erwacht, liegt Karen mit Würgemalen am Hals tot neben ihm. Überzeugt, sie umgebracht zu haben, wickelt er sie in einen Teppich und verstaut ihn mit der unerwünschten Hilfe seines Nachbarn John Connor in Karens 82er Chevy. Den Wagen samt Leiche versenkt James nachts am Pier. Zwar fragen zunächst Karens beste Freundin Debbie und später auch die Cops bei ihm nach Karen Verbleiben, da sie nie bei ihrem Bruder angekommen ist, doch wird James offiziell nicht als Verdächtiger behandelt. 
„Solange sie bleibt, wo sie ist, dachte ich, steht mein Wort gegen das der anderen. Ich bin unschuldig, bis meine Schuld bewiesen ist. Doch als ich über die Bucht blickte und ihren desolaten Zustand einfing, die weggeworfenen Zeitungen, das Holz, Flaschen und Autoreifen, all den leblosen, an die Küste gespülten Müll, der sie prägte wie Fingerabdrücke eine Tatwaffe, wurde mir klar, dass es nur eine Frage der Zeit war. Die See weiß, wann es noch eine Aufgabe zu erledigen gilt. Und als jede neue Welle zu einer Warnung wurde, jede Ladung Gischt zu einer Anklage, wusste ich, dass sie zurückkommen würde.“ (S. 169) 
Karens Leiche taucht jedoch nicht auf. Da James das Alleinsein aber zusetzt, versucht er es zunächst mit Telefon-Sex, doch die Dame am anderen Ende will sich nicht auf ein persönliches Treffen einlassen. Und auch die Prostituierte Annabelle lehnt es ab, die ganze Nacht bei James zu verbringen. Als James eines Morgens Zeuge wird, wie die mit mehreren Messerstichen verschandelte Leiche einer jungen Frau ans Ufer gespielt wird, macht er einige Fotos von ihr, die er überall in seiner Wohnung platziert, auch in seinem Büro an der Universität. 
Aus der Zeitung erfährt er, dass es sich um die 23-jährige Dominique handelt, von der er immer stärker besessen wird. Sie nimmt einen für ihn sehr real wirkenden Teil seines Lebens ein, doch als sich James für ihre jüngere Schwester Susan zu interessieren beginnt, entwickelt sich sein Leben zum kompletten Chaos … 
Es ist kein Sympathieträger noch taugt er als Identifikationsfigur. Giovinazzos Ich-Erzähler James Gianelli hat durch seine traumatische Kindheit, die nach und nach in Rückblenden aufgefächert wird, ein mehr als gestörtes Verhältnis zu Frauen. Ihm ist spätestens durch die Trennung von Karen, die er wie viele andere Mädchen zuvor während seines Seminars kennengelernt hat, durchaus bewusst, dass er immer wieder die gleichen Fehler macht und zu sehr die Kontrolle über das Leben seiner Freundinnen gewinnen will. Auf der einen Seite bietet ihm die Beziehung zu Dominique eine erfrischende Abwechslung. Sie ist nicht nur willig, sondern fragt ihn regelmäßig, wie er sie sich wünscht, als hätte sie keinen eigenen Willen. Doch auch dieses Verhalten wird James bald lästig, und als er sich in ihre Schwester zu verlieben beginnt, entwickelt sich Dominique gar zur Bedrohung. 
Hier bewegt sich der Autor auf den vertrauten Pfaden von Stephen King, aber auch Filmemacher wie Alfred Hitchcock und Brian de Palma kommen einem bei diesem Szenario in den Sinn. Was zunächst einen übernatürlichen Charakter aufweist, erweist sich aber bald als psychotische Störung des Protagonisten, doch entwickelt der Autor diese Gratwanderung nicht besonders überzeugend. Auch die Beziehung zu Susan wird nicht besonders gut herausgearbeitet, und so schwankt „Piss in den Wind“ etwas unentschlossen zwischen Psycho-Drama und Krimi, ohne den Figuren oder dem Plot die entsprechenden Konturen zu verleihen.