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Ray Bradbury – „Der Tod kommt schnell in Mexiko“

Montag, 15. Dezember 2025

(Diogenes, 310 S., Tb.)
Ray Bradbury ist zwar vor allem für Science-Fiction-Klassiker wie „Fahrenheit 451“, „Die Mars-Chroniken“ und „Der illustrierte Mann“ ebenso wie für seine Gruselgeschichten wie „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“, „Geisterfahrt“ und „Halloween“ bekannt, doch hat er seine schriftstellerische Laufbahn in den 1940er Jahren mit Kriminalgeschichten begonnen, die im Geiste seiner populären Vorbilder Dashiell Hammett, Raymond Chandler und James M. Cain begonnen, wobei ihm Leigh Brackett eine wertvolle Mentorin gewesen ist, wie Bradbury in seinem Vorwort zur Geschichtensammlung „Der Tod kommt schnell in Mexiko“ beschreibt. Hier finden sich fünfzehn oft bereits bemerkenswert einfallsreiche Geschichten, die Bradbury in seinen Zwanzigern schrieb, erstmals in einem Band vereint.
In „Ein kleiner Mörder“ wird das Ehepaar Alice und David Leiber mit der Geburt ihres Kindes konfrontiert, mit dem sich Alice nicht anfreunden mag. Tatsächlich glaubt sie, dass der Junge sie umzubringen versucht. Als sie tatsächlich nach einem Sturz von der Treppe tödlich verunglückt, ist auch David beunruhigt…
„Der Tod eines vorsichtigen Mannes“ erzählt von einem Mann namens Rob, der als Bluter besondere Vorkehrungen getroffen hat, um nicht bei kleinsten Unfällen zu verbluten, so wie es seinem Vater ergangen ist, als er nach einem Schnitt in den Finger auf dem Weg ins Krankenhaus verstarb. So trägt er immer ein Röhrchen mit Blutgerinnungstabletten mit sich. Allerdings schreibt er gerade einen biografisch gefärbten Roman, der bei zwei seiner Bekannten gar nicht gut aufgenommen werden würde. Dass er nun Päckchen mit Rasierklingen in einer ausgeklügelt konstruierten Falle erhält, lässt sein Alarmsystem klingeln. Tatsächlich sind Robs Gegner gerissener, als er sich in seinen kühnsten Träumen vorstellen kann…
Die Geschichte „Kleine Flocken grauer Asche“ ist aus der Perspektive eines gerade ermordeten Mannes geschrieben, der das Gewusel der Leichenbeschauer, Reporter und Detektive beschreibt.
Der Detektiv Douser Mulligan ist der Protagonist der beiden Geschichten „Ein Abend für zwei“ und „Begräbnis für vier“.
In „Ein Zirkus voller Leichen“ werden die siamesischen Zwillinge Raoul und Roger getrennt, nachdem Roger ermordet worden ist. Da Raoul nun keine Attraktion mehr für den Zirkus darstellt, muss er sich zunächst mit niederen Arbeiten abgeben. Allerdings steht der Verdacht im Raum, dass er seinen Bruder loswerden wollte, um endlich frei zu sein.
„Eine halbe Stunde in der Hölle“ erzählt die Geschichte eines merkwürdigen Mordes. Lieutenant Chris Priory muss ergründen, warum der ermordete Mr. Caldwell eine halbe Stunde lang um sein Leben kämpfen musste, obwohl er blind war und deshalb ein leichtes Opfer für seinen Mörder gewesen war…
Eigentlich ist die Ehe des Büroangestellten Charlie Guidney und seiner Lydia am Ende. Dennoch hofft er, mit ihr neu anfangen zu können, und erzählt ihr in „Ein langer Weg nach Hause“ davon, wie er seinen Chef Mr. Sternwell umgebracht habe, weil dieser ihn mal wieder so laut angebrüllt hätte. Nun müssten sie fliehen, und Lydia soll die Fahrkarten für die Zugreise in eine glorreichere Zukunft besorgen. Doch ein Schuss aus einer Waffe beendet diese Träume für immer und stürzt Guidney ins Chaos…
In „Totenwache für einen Lebenden“ macht es sich Richard Braling in einem Sarg mit Glasdeckel bequem ist zunächst nicht weiter beunruhigt, dass sich der Deckel nicht wieder öffnen lässt.
Und in „Gestern habe ich noch gelebt“ erinnert sich Cleve Morris an die verstorbene Schauspielerin Diana Coyle, die von allen wegen ihrer Schönheit geliebt oder gehasst worden war.

„Sie war der schönste Mensch, der je gestorben war. Ihr silbernes Abendkleid bildete einen kleinen Teich um sie. Ihre Fingernägel waren fünf feuerrote Käfer, die schimmernd und tot auf jeder Seite ihres hingesunkenen Körpers lagen. All die heißen Scheinwerfer sahen herunter und gaben ihr Bestes, sie warm zu halten; und sie erkaltete doch, rasend schnell. Mein Blut auch, dachte Cleve. Haltet mich warm, Scheinwerfer! Der Schock hielt alle in seinem Bann wie auf einem Szenenfoto.“ (S. 245)

Auch wenn Ray Bradbury zum Beginn seiner Karriere noch nicht seinen ganz speziellen, verzaubernden Ton gefunden hat, beweist die erst 1984 von ihm veröffentlichte Sammlung „A Memory of Murder“, dass sein Talent für ungewöhnliche Geschichten nicht nur Krimi-Fans zu beeindrucken verstand, sondern auch die Atmosphäre der goldenen Hollywood-Ära und ein Faible für freakige Elemente einzufangen vermochte. Insofern stellt „Der Tod kommt schnell in Mexiko“ (mit der stimmungsvoll fesselnden Titelgeschichte zum Schluss) eine wundervolle Zusammenstellung von Bradburys früh gereiften schriftstellerischen Talents dar, das sich in den folgenden Jahren zunehmend der Science-Fiction und dunklen Fantasy zuwenden sollte.

 

Mick Herron – (Jackson Lamb: 8) „Bad Actors“

Samstag, 13. Dezember 2025

(Diogenes, 460 S., Pb.)
Mit seiner Reihe um die in Ungnade gefallenen Geheimdienst-Agenten, die vom Regent’s Park ins sogenannte Slough House abgeschoben worden sind, hat der britische Autor Mick Herron schnell eine äußerst beliebte Nische im Genre des Spionage-Thrillers gefunden, da er jenseits von Blockbuster-affiner Action à la James Bond und Jason Bourne vor allem auf den trockenen britischen Humor setzt, der mittlerweile mit dem Titel „Slow Horses“ auch als Streaming-Serie auf Apple+ für Furore sorgt. Mit „Bad Actors“ ist nun schon der achte Band erschienen.
Doktor Sophie de Greer ist mit einem Schweizer Pass ausgestattet und als sogenannte „Superforecasterin“ unentbehrlich geworden in der Downing Street Nr. 10, wo Anthony Sparrow als gut vernetzter Politikberater die Strippen zieht, für die der (namentlich nicht genannte) Premierminister die Lorbeeren einheimsen darf. Dass de Greer seit drei Tagen spurlos verschwunden zu sein scheint, sorgt für Unruhe im politischen Machtzentrum, denn die junge Dame weiß ziemlich genau vorauszusagen, was für eine Stimmung im Lande gegenüber bestimmten politischen Entscheidungen vorherrscht. Sparrow setzt Oliver Nash auf den Fall an, der als Vorsitzender des Aufsichtskomitees über den Geheimdienst Ihrer Majestät, herausfinden soll, ob de Greer womöglich dem berüchtigten, wenn auch absolut inoffiziellen Waterproof-Protokoll zum Opfer gefallen sein könnte, bei dem unliebsame Personen – „Bad Actors“ nicht wie normale Kriminelle behandelt wurden, sondern im Gewahrsam des Geheimdienstes auf Nimmerwiedersehen in osteuropäischen Gefängnissen verschwanden. Nash nimmt daraufhin Kontakt zu Claude Whelan auf, der als geschasster Ex-Chef des MI5 ein besonderes Interesse daran hat, seine Nachfolgerin und Intimfeindin Diana Taverner hängen zu sehen. Nach einem Treffen in ihrem Büro bekommt er einen USB-Stick mit den Telefondaten der verschwundenen Beraterin ausgehändigt, woraus ersichtlich wird, dass de Greers letzter Anruf direkt zu Jackson Lamb führte. Der ist nach wie vor damit beschäftigt, seine Slow Horses Catherine Standish, Roddy Ho, Louisa Guy, Ashley Khan und Lech Wycinski mit seinen Fürzen zu traktieren, während Shirley Dander in einem teuren Sanatorium ihre Suchtprobleme in den Griff zu bekommen versucht. Als Taverners Amtskollege aus Russland, Rasnokow, überraschend bei einem offiziellen Empfang auftaucht und das San, in dem Shirley untergebracht ist, zu einer Action-Hochburg avanciert, zeigt vor allem der alte Hase Jackson Lamb, was in ihm steckt…

„Wer auch immer Sophie de Greer war, sie bewegte sich in der Welt der Schimpansenpolitik, in der immer der fieseste Affe das Sagen hatte. Anthony Sparrow war, trotz seines Aussehens, derzeit King Kong, was de Greer zur hilflosen weißen Frau machte. Wenn sie Verbindungen zum Kreml hatte, wusste Sparrow entweder nichts davon, oder er wusste es und würde es keinesfalls zulassen, dass sich jemand näher damit beschäftigte. Wahrscheinlich würde er sich sogar auf die Brust trommeln und mit Fäkalien um sich werfen. Aber so war das Leben in Slough House: Man ergriff jede Gelegenheit für etwas Ablenkung und ließ sich unter keinen Umständen davon abhalten.“ (S. 201)

Mick Herrons Einfallsreichtum lässt auch im achten Abenteuer seiner Slow Horses nicht nach. Geschickt lässt er im Großbritannien der Post-Brexit-Katastrophe vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen Europa und Russland eine zunächst harmlos anmutende Suche nach einer verschwundenen Frau aus dem Mitarbeiterstab des Premierministers zu einer wilden Agentenhatz ausarten, bei der Shirley Dander ihre Aggressionen und Nahkampfkünste ebenso ausspielen darf wie Jackson Lamb seine widerlichen Angewohnheiten, sich vor Publikum überall zu kratzen, Kette zu rauchen, zu furzen, zu rülpsen und sich über das Essen anderer Leute herzumachen. Doch wieder einmal trügt der Schein, und der Leiter von Slough House erweist sich vor allem im Duett/Duell mit Diana „Lady Di“ Tavener als blitzgescheiter Agentenführer. Bis zur Auflösung des ganzen Schlamassels bekommt die Leserschaft wie gewohnt pointiert witzige Dialoge, interessante Nebenplots und wilde Action geboten, dass es eine Freude vor allem für Fans der Romanreihe ist, denn die einzelnen Figuren werden nicht mehr in Gänze ausführlich vorgestellt. Wer knifflige Agenten-Plots mit etwas Action und ganz viel britischem Humor sucht, wird auch mit dem achten Jackson-Lamb-Band bestens bedient.

Mick Herron – (Zoë Boehm: 1) „Down Cemetery Road“

Sonntag, 26. Oktober 2025

(Diogenes, 560 S., Pb.)
Mit seinen mittlerweile acht Bänden der „Slough House“-Reihe, die unter dem Titel „Slow Horses“ erfolgreich mit Gary Oldman in der Hauptrolle als Apple+-Serie verfilmt worden ist, ist der Brite Mick Herron längst aus dem Schatten von Genre-Größen wie Ian Fleming, John le Carré oder Robert Ludlum herausgetreten. Doch bevor er im Jahr 2010 mit dieser ebenso spannenden wie humorvollen Thriller-Reihe um in Ungnade gefallene Agenten des britischen Geheimdienstes für Furore sorgte, sind vier Romane um die Ermittlerin Zoë Boehm erschienen, die nun ebenfalls von Apple+ als Serie adaptiert worden ist. Diogenes präsentiert nun den ersten, 2003 veröffentlichten Band „Down Cemetery Road“ als deutsche Erstausgabe.
Die arbeitslose und völlig mit ihrem Leben in Oxford unzufriedene Sarah Trafford ist alles andere als begeistert, als ihr in Finanzgeschäften tätige Mann Mark den ebenso finanzkräftigen wie unsympathischen Unternehmer Gerard Inchon mit seiner Vorzeigefrau zum Essen einlädt, damit dieser mit ihm ins Geschäft kommt. Um das Ganze etwas bekömmlicher zu gestalten, bittet Sarah ihre Freundin Wigwam und ihren Mann Rufus dazu. Gerard reizt Sarah gerade mit dem Begriff „BHS“ (Bored Housewife Syndrome), als das Nachbarhaus in die Luft fliegt. Wie sich herausstellt, ist bei dem Unglück nicht nur die Frau, sondern auch ihr zuvor vom Militär bereits als verstorben gemeldeter Mann Tom Singleton ums Leben gekommen. Nur ihre Tochter Dinah, die Sarah einmal auf dem Spielplatz gesehen hat, scheint mit dem Leben davongekommen zu sein, wird aber nach einem Krankenhausaufenthalt vermisst. Sarah fühlt sich auf unerklärliche Weise für das Schicksal des Mädchens verantwortlich und engagiert den Privatdetektiv Joe Silverman. Als Sarah ihn eines Tages mit durchgeschnittener Kehle in seinem Büro auffindet, ist sie sich sicher, dass hinter Dinahs Verschwinden und dem erneuten Tod ihres Vaters mehr steckt als zunächst angenommen. Sie ahnt nicht, dass sich längst eine Geheimorganisation mit zwei außer Rand und Band geratenen Killern alle aus dem Weg räumt, die ihre Mission gefährden, sie weiß aber, dass Gerard mit diesem Schlamassel zu tun hat.

„In allen Filmen, allen Büchern waren es die Kleinigkeiten, die einen verrieten – die Schreibmaschine mit dem erhöhten T, der Ersatzschlüssel, der immer noch auf der Leiste über der Tür lag. Bei ihr war es dieser verdammte kleine Computer. Sinnlos einen Knopf gedrückt, und Gerard wusste, dass sie herumschnüffelte, dass sie wusste, was er getan hatte. Und jetzt saß sie an einer belebten Straße, auf der die Leute in alle Richtungen drängten, und war allein und verängstigt, weil Gerard Bescheid wusste und bereits zwei Menschen getötet und einen dritten hatte verschwinden lassen. Vielleicht auch mehr, denn wer eine Bombe legt, ist kein Amateur: Amateure benutzen Küchenmesser.“ (S. 166)

Zunächst einmal: Zoë Boehm, die im Untertitel der deutschsprachigen Ausgabe erwähnte Ermittlerin, nimmt als Ehefrau und Partnerin des ermordeten Privatdetektivs Joe Silverman nur eine Nebenrolle ein, die erst im letzten Drittel etwas mehr Präsenz zeigt. Bis dahin besticht Mick Herron in seinem Debütroman mit seiner schwungvollen, literarischen und pointierten Sprache, die später auch die berühmte „Slough House“-Reihe prägen werden. Davon abgesehen versteht es der Autor, einen faszinierenden Plot zu inszenieren, bei dem Samariter auf eigentlich tote Soldaten und psychopathische Killer treffen. Dabei wird die Leserschaft immer wieder von neuen Wendungen überrascht, wenn die Figuren in diesem perfiden Spiel um Menschenleben nicht das sind, was sie zuvor zu sein schienen. Das sorgt bis zum packenden Finale für anhaltende Spannung. Man kann gut verstehen, warum die prominente Schauspielerin Emma Thompson („Was vom Tage übrig blieb“, „Saving Mr. Banks“) so begeistert davon war, die Rolle der Zoë Boehm in der Apple+-Verfilmung zu übernehmen, wie sie in ihrem Vorwort zur deutschen Ausgabe schreibt. 

Ian McEwan – „Was wir wissen können“

Dienstag, 30. September 2025

(Diogenes, 480 S., HC)
Der britische, bereits mit (fast) allen bedeutenden literarischen Würden ausgezeichnete Schriftsteller Ian McEwan („Abbitte“, „Der Zementgarten“, „Kindeswohl“, „Maschinen wie ich“, „Lektionen“) hat seit jeher grandios verstanden, universelle Themen in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu verorten und so seinem Publikum einen vielsagenden Ausblick aus unterschiedlichsten Perspektiven auf das zu gewähren, was uns alle mehr oder weniger bewegt. In seinem neuen Roman „Was wir wissen können“ gelingt McEwan das Kunststück, ein mysteriöses Gedicht in den Fokus einer Geschichte über Literatur, Liebe, Mord und vor allem wilde Spekulationen zu stellen, die in der Zukunft anfängt, tief in die Vergangenheit reicht und schließlich in der Gegenwart mündet.
Der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe ist im Jahr 2119 damit beschäftigt, ein berühmtes, aber verschollenes Gedicht des berühmten Dichters Francis Blundy namens „Ein Sonettenkranz für Vivien“ ausfindig zu machen, das nur einmal bei einer Veranstaltung im Jahr 2014 vorgetragen worden, aber nie veröffentlicht worden ist. Dabei sollen ihm vor allem die Tagebücher seiner Frau Vivien weiterhelfen, die in der Bodleian-Snowdonia-Bibliothek aufbewahrt werden. Doch schon das Reisen innerhalb Englands wird zum Abenteuer. KI war nicht ganz unschuldig daran, dass in der Vergangenheit mehrere Atomkriege, die daraus entstehenden Tsunamis im Zusammenspiel mit dem Klimawandel dafür gesorgt haben, dass große Teile der Erde unter Wasser gesetzt wurden, Städte wie London und Hamburg gänzlich verschwanden, in den USA Warlords und marodierende Banden die Herrschaft übernommen haben und England selbst nur noch ein Archipel aus mehreren kleinen Inseln darstellt. Metcalfe, dessen Spezialgebiet die Literatur der Jahre 1990 bis 2030 ist, hat bereits alle verfügbaren Nachrichten, Aufzeichnungen und Dokumente zu diesem ominösen Gedicht gesichtet, das vielerlei Deutungen erfahren hat. Um seine wahre Bedeutung zu verstehen, sieht Metcalfe keine andere Möglichkeit, das Gedicht aufzufinden.

„Vivien hatte Lyrik zu sehr geliebt, sie hätte dieses Gedicht nie dem Vergessen überlassen. Es war irgendwo, und ich würde es finden. Der Sonettenkranz lag bestimmt in einer Schachtel auf den Regalen einer kleinen Bibliothek fünfhundert Meter hoch im Nordwesten Schottlands. Allein meine Feigheit stand mir im Weg.“ (S. 158)

Im ersten Teil seines – hoffentlich nicht allzu prophetischen – Romans beschreibt McEwan aus der Perspektive des Literaturwissenschaftlers Thomas Metcalfe nicht nur die verschiedenen Deutungen des verschollenen Gedichts, sondern auch die verstörenden Entwicklungen, die vom 21. bis ins 22. Jahrhundert für ein ganz anderes Weltbild gesorgt haben. Dazu gehören die nachhaltig zerstörerischen Naturkatastrophen ebenso wie die Annexion der noch aus dem Wasser ragenden Rest Europas durch Russland und Nigerias Vormachtstellung auf technologischem Gebiet. 
Virtuos verbindet McEwan beängstigende, aber nicht allzu weltfremde Entwicklungen auf der Erde während der kommenden hundert Jahre mit einer detektivischen Suche nach einem Gedicht, das gleichermaßen als Naturverehrung, Liebeserklärung und einen verklausulierten Mord angesehen worden ist. Dabei unterläuft er gekonnt die Illusion, dass eine noch so intensive und gewissenhafte Recherche zu einem (geschichtlichen) Thema irgendeine gesicherte Erkenntnis hervorbringen könnte. 
Das manifestiert sich vor allem im zweiten Teil des Romans, wenn Vivien in der Gegenwart berichtet, wie sich ihre Beziehungen zu Percy, Harry und Francis entwickelt haben und welche Rolle dabei das einmal vorgetragene Gedicht gespielt hat. So lässt sich der vielsagende Titel „Was wir wissen können“ natürlich auch auf unsere durch Social Media, Fake News und Kanäle wie Truth Social und Telegram geprägte Wahrnehmung und Deutung der „Wirklichkeit“ übertragen.  
McEwan hat diese Auseinandersetzung mit der Zeit und überlieferten Schriften – und sei es nur als SMS oder E-Mail – in eine kühne Mischung aus detektivischem Abenteuerroman, beunruhigender Science-Fiction und vielschichtigem Liebesroman gegossen und einen spannenden, nachdenklich stimmenden Pageturner geschaffen.

Ray Bradbury – „Die Mechanismen der Freude“

Montag, 25. August 2025

(Diogenes, 318 S., Tb.)
Ray Bradbury zählt neben Richard Matheson und Robert Bloch zu den großen Fantasy- und Horror-Erzählern vor allem der 1960er Jahre und lieferte die (teilweise berühmten) literarischen Vorlagen zu François Truffauts „Fahrenheit 451“ (1966), Jack Smights „Die Mars-Chroniken“ (1980) und Jack Claytons „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ (1983). Unter Kennern ist Bradbury allerdings für seine Vielzahl an thematisch breit angelegten Kurzgeschichten bekannt, die in unzähligen Sammelbänden erschienen sind, nachdem sie erstmals in Magazinen wie „Playboy“, „Saturday Evening Post“ und vor allem dem „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ veröffentlicht wurden. Eine Zusammenstellung von 21 Geschichten, die Bradbury zwischen 1949 und 1964 für ebendiese Magazine geliefert hat, bietet „Die Mechanismen der Freude“.
In der eröffnenden Titelgeschichte erfahren die beiden irischen Priester Brian und Kelly von ihrem italienischen Kollegen Vittorini, dass Papst Pius XII. sich vor den Delegierten des Internationalen Astronautischen Kongresses wohlwollend zur Eroberung des Weltraums durch den Menschen geäußert habe, damit dieser eine neue Beziehung zu Gott und seinem Universum finden könne, und darüber hinaus auch noch eine Enzyklika über due Raumfahrt verfasst habe. Gemeinsam beobachten sie den Start einer bemannten Rakete von Cape Canaveral – mit durchaus gemischten Gefühlen…
„Ich warte“ thematisiert die Landung einer Raumfahrtmission auf dem Mars, wobei die Astronauten auf einen Brunnen stoßen, der als Seelenbrunnen bezeichnet wird und in dem ehemals Wesen aus Fleisch und Blut warten und warten…
„Tyrannus Rex“ erzählt die Geschichte einer Filmproduktion mit ungewöhnlichen Miniaturen, die John Terwilliger für einen Stop-Motion-Film mit Dinosauriern kreiert hat.
„Der Trommlerjunge von Shiloh“ beleuchtet eine ungewöhnliche Episode aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, während „Jungens! Züchtet Riesenpilze in eurem Keller!“ eine Variante außerirdischer Invasion präsentiert. „Die illustrierte Frau“ und „Die Beste aller möglichen Welten“ beschreiben auf unterschiedliche Weise die Faszination, die Frauen auf das männliche Geschlecht ausüben, „Vielleicht gehen wir fort“ beleuchtet die Perspektive der Indianer bei der Ankunft der europäischen Eroberer.
„Ein Wunder von seltener Kunst“ erzählt die Geschichte zweier Abenteurer, deren Glück stets von einem Dritten getrübt wird, der nur darauf aus ist, ihnen den Ertrag ihrer Entdeckung abzuluchsen.
Zu den schönsten Geschichten zählt „Der Bettler auf der O’Connell-Brücke“ über ein Paar, das in einem Dubliner Hotel residiert und unterschiedliche Erfahrungen mit Bettlern in der Stadt macht:

„Wer macht sich schon die Mühe, sich über die Bettler von Dublin den Kopf zu zerbrechen, zu schauen, zu sehen, zu wissen, zu verstehen? Doch die äußere Schale des Auges sieht, und die innere Schale des Gehirns registriert, und man selbst, gefangen zwischen diesen beiden, ignoriert den kostbaren Dienst, den diese beiden Hälften eines klaren Verstandes dir anbieten. So kümmerte ich mich und kümmerte ich mich nicht um Bettler. Abwechselnd wich ich ihnen aus oder ging ihnen entgegen.“ (S. 226)

Ray Bradbury beweist mit den hier versammelten Geschichten einmal mehr nicht nur seine grenzenlos anmutende Vorstellungskraft, die bis in den Weltraum, ferne Vergangenheit und geträumte Zukunft reicht, sondern vor allem sein vor poetischer Eindringlichkeit strotzendes Sprachvermögen, mit dem er jede Figur und jede Geschichte zu etwas Besonderem macht.  

 

Dennis Lehane – (Kenzie & Gennaro: 6) „Moonlight Mile“

Freitag, 30. Mai 2025

(Diogenes, 384 S., Pb.)
In seinem mit dem Shamus Award für den besten Debütroman ausgezeichneten, 1994 veröffentlichten Krimi „A Drink Before the War“ hat Dennis Lehane bereits seine Klasse als filmreifer Autor mit Gespür für packende Plots, interessante Figuren und pointierte Dialoge unter Beweis gestellt. Sein Ermittlerduo Patrick Kenzie und Angela Gennaro durfte in den folgenden Jahren weitere Fälle aufklären, doch erst als sich Lehane im Jahr 2001 eine Pause von seiner bis dato fünf Bände umfassenden Kenzie-&-Gennaro-Reihe gönnte, um mit „Mystic River“ neues Terrain zu erschließen, wurde er zum Shooting-Star der US-amerikanischen Literaturszene, denn der meisterhafte Filmemacher Clint Eastwood nahm sich der Leinwandadaption an und machte Lehanes Namen international bekannt. 2010 präsentierte Lehane mit „Moonlight Mile“ eine Quasi-Fortsetzung des vierten Bandes „Gone Baby Gone“ (von und mit Ben Affleck verfilmt) und schloss die Reihe damit ab. Ebenso wie die erstmals bei Ullstein und dann in den letzten Jahren von Diogenes wiederveröffentlichten Kenzie-&-Gennaro-Romane erscheint nun auch „Moonlight Mile“ in neuer Übersetzung von Peter Torberg als schickes Paperback bei Diogenes.
Es hat sich einiges geändert im Leben von Patrick Kenzie und Angela Gennaro. Mittlerweile ist das Paar verheiratet und Eltern einer vierjährigen Tochter, Angela steht kurz vor dem Abschluss ihres Studiums, und Patrick wartet auf eine Festanstellung bei der Bostoner Privatdetektei Duhamel-Standiford. Nun wird Patrick mit einem alten Fall konfrontiert. Vor zwölf Jahren wurde die vierjährige Amanda McCready von ihrem Onkel Lionel und ein paar fehlgeleiteten Polizisten entführt worden, um das Mädchen von ihrer alkoholsüchtigen Mutter Helene wegzuholen und sie bei fürsorglicheren Eltern unterzubringen. Nachdem Patrick und Angela das Mädchen damals zu ihrer rechtmäßigen Mutter zurückgebracht hatten, ist die nun fast Siebzehnjährige erneut verschwunden, wie Patrick von Amandas Tante Beatrice erfährt. Patrick nimmt den Fall mit gemischten Gefühlen an, denn natürlich fühlt er sich für Amandas Schicksal verantwortlich. Dass er das Mädchen ihren liebevollen Ersatzeltern entzogen und wieder der zwar rechtmäßigen, aber lieblosen Mutter zurückgeführt hat, bereitet Patrick noch immer Kopfschmerzen, weshalb er sich umso eifriger in die Suche nach ihr stürzt. Allerdings bekommt er es schnell mit russischen Drogen- und Mädchenhändlern zu tun, als er erfährt, dass auch Amandas beste Freundin Sophie verschwunden ist. Einmal mehr wird Patrick bewusst, wie verrückt die Welt um ihn herum geworden war…

„Wenn man in letzter Zeit jemandem eine einfache Frage stellte oder eine unverfängliche Bemerkung machte, traf einen plötzlich ein Aufschrei aus Verlust und Wut. Wir begriffen überhaupt nicht, wie wir da hineingeraten waren. Wir erfassten nicht, was uns widerfahren war. Eines Tages wachten wir auf, und jemand hatte alle Straßenschilder gestohlen und alle Navigationssysteme ausgeschaltet. Im Auto war kein Benzin, im Wohnzimmer standen keine Möbel, der Abdruck im Bett neben uns war glattgestrichen worden.“ (S. 254)

Wie schon in vielen seiner vorangegangenen Romanen erweist sich Dennis Lehane auch in „Moonlight Mile“ als virtuoser Schriftsteller, der weit mehr bietet als nur einen spannenden Krimiplot. Der Roman thematisiert eindrucksvoll, wie systematisch das Gesundheits- und Fürsorgesystem in den USA versagt, wenn sich ein Kind in Verhältnissen befindet, in denen es in jeder Hinsicht zu verwahrlosen droht. In dem Lehane das Schicksal der damals vierjährigen Amanda mit dem des selbstbewussten Teenagers von heute gegenüberstellt, werden die Defizite des Systems umso deutlicher herausgestellt. Das Kindeswohl-Thema gesellt sich in „Moonlight Mile“ aber nahtlos zu anderen Problemfeldern der modernen Zivilisation, Korruption, Gewissenlosigkeit, wachsende Jugendkriminalität, ausufernde Drogen- und Menschenhandel, alles angefeuert von einer Rezession, in der jeder irgendwie nur versucht, über die Runden zu kommen. 
Diese Themen werden bei aller Wichtigkeit jedoch nicht ausschweifend in den Mittelpunkt gestellt, vielmehr fließen sie in die Gedanken des Ich-Erzählers Patrick Kenzie ein, der sich selbst am Scheitelpunkt seiner beruflichen Existenz befindet und sich fragt, ob er für den Job, den er ausübt, überhaupt noch gemacht ist. „Moonlight Mile“ erweist sich als stringent erzählter Krimi, der weniger durch einen spannenden, temporeichen Plot besticht als durch die emotionalen Fahrgewässer, die Patrick und Angie bei der Suche nach Amanda durchqueren müssen. Die bildhafte und doch schnörkellose Sprache und vor allem die vor sarkastischem Humor triefenden Dialoge machen den Abschluss der großartigen Krimi-reihe zu einem perfekten Lesevergnügen.

Robert Bloch – „Der große Kick“

Dienstag, 13. Mai 2025

(Diogenes, 260 S., Tb.)
Ähnlich wie sein gleichermaßen in den Genres Krimi, Horror und Science-Fiction bewanderter Zeitgenosse Ray Bradbury hat „Psycho“-Autor Robert Bloch zwar auch einige Romane geschrieben, doch sein liebstes Betätigungsfeld schien das der Short Story gewesen zu sein, sind doch auch im deutschsprachigen Raum neben seinen ebenfalls allesamt kurzen Romanen etliche Kurzgeschichten-Sammlungen von ihm veröffentlicht worden. Dazu zählt auch „Der große Kick“, eine Zusammenstellung von zwölf Geschichten, die im Original in den Sammelbänden „Such Stuff As Dreams Are Made of“ (1979), „Cold Chills“ (1977) und „Mysteries of the Worm“ (1981) erschienen sind, somit dem Spätwerk des 1994 verstorbenen Autors zuzurechnen sind.
„Der Spiegelfluch“ erzählt zu Beginn die Geschichte von Ron, der als Ansager auf einem Rummelplatz nicht nur „exotische Menschenwesen“ vorstellt, sondern auch das gefürchtete Rummelplatzmonster, das tief unten in einer Grube haust und Hühnern, die dort hinuntergeworfen werden, im Nu den Kopf abbeißt. Tatsächlich handelt es sich bei dem „Monster“ um einen armen Schlucker, der bereit ist, alles für seine tägliche Ration Schnaps zu tun. Als sich Ron mit Cora, der Enkelin der Handlesedame Madame Sylvia, vergnügt und sie schwängert, hat das fatale Auswirkungen auf ihn…
Auch „Die Tierschau“ thematisiert das nicht immer koschere Treiben auf einem Rummelplatz, diesmal sorgt Captain Ryders Hollywood-Dschungelsafari für eine unangenehme Wendung im Leben des Anhalters Dave, der den Fehler macht, Ryder auf einen kränklich wirkenden Gorilla anzusprechen…
Schließlich bleibt „Die Karten lügen nicht“ diesem Gewerbe verhaftet, begleitet den Showstar Danny Jackson dabei, wie er mit der Prophezeiung, dass er auf Sonntag sterben würde, wie es in den Karten zu lesen stand, umgeht. Es ist Mittwochabend, also noch genügend Zeit, den Unsinn, den die alte Frau verzapft hat, zu vergessen. Doch Danny hat noch ein anderes Problem: Er ist hochverschuldet, seine letzten drei Filme waren Flops, nun enden auch die Probeaufnahmen für ein lukratives Fernsehprojekt in einem Fiasko…
Mit „Der Tempel des Schwarzen Pharaos“ und „Das Geheimnis des Sebek“ begibt sich Robert Bloch in die Tiefen der ägyptischen Mystik. Da begibt sich der Protagonist der zuletzt erwähnten Geschichte in Louisiana auf das Kostümfest von Henricus Vanning, wo der Autor von ägyptischen Geschichten auf einen Mann trifft, der wie Priester des alten Ägypten gekleidet ist und der eine schreckliche Entdeckung macht, als er die Krokodilsmaske zu ergreifen versucht…

„Das Ägypten meiner Träume – war es real? Warum hatte der eine Blick auf den rätselhaften Mann mit der Maske solchen Eindruck auf mich gemacht? Die Priester Sebeks hatten Blut vergossen, um sich die göttliche Rache zu sichern – konnten sie einen uralten Fluch Wirklichkeit werden lassen?“ (S. 136)

Diogenes veröffentlichte 1994 mit „Der große Kick“ eine durchaus interessante Kurzgeschichten-Sammlung von Robert Bloch, der ja auch vor allem in seinen produktiven 1960er Jahren Drehbücher zu Horrorfilmen wie „Das Kabinett des Dr. Caligari“, „Der Puppenmörder“, „Der Foltergarten des Dr. Diabolo“ und „Totentanz der Vampire“ geschrieben hatte, wobei einmal mehr die flüssige, leicht verständliche Sprache und die Fähigkeit zu komprimierten Pointen im letzten Satz den Reiz der Geschichten ausmachen. Das Rummelplatz-Thema wird zu Anfang etwas arg ausgereizt, während „Der Dickschädel“ auch Blochs Hang zu schwarzem Humor deutlich macht. Aber diese zwölf Geschichten sind trotz ihres Unterhaltungswerts weit von Blochs besten Erzählungen entfernt, präsentieren sie doch kaum wirklich neue Ideen.


Martin Suter – „Wut und Liebe“

Montag, 28. April 2025

(Diogenes, 294 S., HC)
Martin Suter ist vor allem deshalb ein Bestseller-Autor, weil er mit leichter Hand und simpler Sprache geschickt konstruierte Geschichten über meist bürgerliche Schicksale zu erzählen versteht. Zudem ist er ein Meister der Selbstdarstellung, wie die im Buch auf separaten Karten mit Hinweisen auf Lesungen mit prominenter Unterstützung und auf seine eigene Homepage mit der Möglichkeit zu einem exklusiven, aber kostenpflichten „Member“-Zugang dokumentieren. Mit seinem neuen, nicht mal 300 Seiten umfassenden Roman versucht sich der Schweizer an einer Mischung aus Liebes-, Kriminal- und Enthüllungsroman.
Noah wartet mit seinen dreiunddreißig Jahren noch immer auf seinen Durchbruch als Künstler. Seine einunddreißigjährige Freundin Camilla erwartet allerdings mehr vom Leben, als einen langweiligen Job als Buchhalterin auszuüben und einen mittellosen Künstler durchzufüttern. Also verlässt sie ihn und sucht sich einen wohlhabenderen Mann, der allerdings noch verheiratet ist und Camilla deshalb in eine Mietwohnung abschiebt. Da scheint für Noah die Verlockung groß, das Angebot der wohlhabenden Witwe Betty Hasler anzunehmen, die er in der Kneipe „Die Blaue Tulpe“ kennenlernt, für eine Million Schweizer Franken den ehemaligen Geschäftspartner ihres Mannes zu liquidieren. Peter W. Zaugg soll dafür gesorgt haben, dass ihr Mann Pat vor Überarbeitung drei Herzinfarkte erlitt und mit fünfundsechzig zur ewigen Ruhe gebettet wurde. Nun strebt die Witwe nur noch danach, dass Zaugg vor ihr stirbt. Für Noah wenden sich die Dinge langsam zum Besseren. Sein Triptychon mit drei Akten von Camilla wird in der Galerie für 14.000 CHF gehandelt, und Noah setzt mit diesem Erfolg alles daran, Camilla wieder zurückzugewinnen. Schließlich habe sie ihm versichert, ihn noch zu leben, nur eben nicht das Leben mit ihm unter diesen Umständen. Aus dieser Konstellation entwickelt sich munteres Hin und Her zwischen Liebenden und Hassenden, zwischen Künstlern und skrupellosen Geschäftemachern, zwischen Idealisten und Pragmatikern. Und Noah setzt alles auf eine Karte…

„Und wie er sie so betrachtete, begann etwas ganz anderes vom Gefühl der Liebe abzulenken: der Hass auf Zaugg. Er wollte dieses Ungeziefer vernichten. Aber nicht einfach so, wie man beiläufig eine Mücke totklatscht. Eher so, wie man eine Fliege killt, die einen lange und schlau und absichtlich gereizt hat. Mit Wut und Vergnügen. Und wenn das auch noch fürstlich bezahlt war, umso besser.“ (S. 242)

Suter beginnt seinen neuen Roman „Wut und Liebe“ mit einem kleinen Paukenschlag, die kopflastige Buchhalterin trennt sich aus finanziellen Gründen von ihrem Künstlerfreund, nicht weil sie ihn nicht mehr lieben würde. Bevor sich der Autor aber näher mit seinen beiden Protagonisten näher auseinandersetzt, wird die nächste interessante Konstellation vorbereitet. Noah geht in die Kneipe „Die Blaue Tulpe“, um seinen Liebeskummer zu ertrinken, die Witwe Betty, um ihren Hass auf den „Mörder“ ihres Mannes zu schüren. Aus diesen beiden Beziehungen zaubert Suter souverän einen vertrackten Plot, in dem Camilla ihre Kopfentscheidung zu bereuen beginnt, Noah eine Idee davon bekommt, ein erfolgreicher Künstler zu sein, und Betty ihren ganz persönlichen Rachefeldzug vorantreibt. Die titelgebenden Empfindungen Wut und Liebe spielen in der weiteren Entwicklung der Geschichte natürlich eine tragende Rolle, aber interessanter wird das Spiel mit den Identitäten, hinter denen sich die Figuren verstecken. Was anfangs so wirken mag, als würde Suter die Charakterisierung seiner Figuren vernachlässigen, erweist sich im weiteren Verlauf als geschickter Schachzug, um die klischeehaft gezeichneten Charaktere in einem Wirbelwind von Charaden und Intrigen ganz anders dastehen zu lassen. Allerdings übertreibt es Suter zum Finale hin mit den Zufällen und konstruierten Wendungen, so dass der anfängliche Spaß, das Schicksal eines Thirtysomething-Liebespaars nach der Trennung weiterzuverfolgen, mit der zunehmend abstrusen Krimihandlung deutlich an Unterhaltungswert einbüßt.

Jardine Libaire – „Dein Herz, ein wildes Tier“

Samstag, 26. April 2025

(Diogenes, 322 S., HC)
Hierzulande ist die New York geborene, mittlerweile im texanischen Austin lebende Jardine Libaire mit dem 2018 bei Diogenes erschienenen Liebesroman „Uns gehört die Nacht“ bekannt geworden. Nun legt Libaire, die ehrenamtlich für ein Hilfsprogramm für Frauen im Gefängnis arbeitet, mit „Dein Herz, ein wildes Tier“ einen ebenfalls rasant inszenierten Roman voller wilder Gefühle vor.
Eben noch zählten Staci, Ray, Ernie und Coral zu einer Clique von verkrachten Existenzen, die in einem ehemaligen Pfadfinder-Lager in Oklahoma ihren Lebensunterhalt mit dem Kochen und Verkaufen von Drogen verdienten. Doch nachdem das Quartett aus der Stadt zurückgekehrt ist, um gut 10.000 Dollar für den verkauften Stoff einzusacken, finden die Vier ihr altes Heim nach einer Explosion in Trümmern zerfetzt vor. Bevor die Polizei sie erwischen kann, machen sie sich auf ihren beiden Bikes auf den Weg nach Texas. Unterwegs erfahren sie, dass ihr Anführer Tim und seine Freundin Shayna fliehen konnten, die anderen haben sich in alle Winde verstreut. Nur Lynn wird noch vermisst, Judy liegt im Koma im Krankenhaus. Nach ein paar Wochen sollen sie Chris anrufen, um in Erfahrung zu bringen, wo sie Tim das Geld übergeben sollen. Der über fünfzigjährige Biker Ray und die ehemalige Striptänzerin Staci sind schon seit Ewigkeiten ein Paar, Ernie war mit Anfang dreißig eine Leseratte, die ein dramatisches Leben zwischen manischer Freude und Depressionen führte. Das taube Teenagermädchen Coral hatte im Camp noch Shaynas Baby die Brust gegeben und wurde von den sechzehn anderen Bewohnern heftig umworben worden. Während ihrer Reise nach Texas, aber auch nach ihrer Ankunft in dem Haus mit Schuppen, Scheune und riesigem Garten, das sie mieten, versuchen die drei Erwachsenen, vor allem aber Ernie, irgendeine Beziehung zu ihr aufzubauen.

„Die Wahrhaftigkeit ihrer Existenz war ins Innerste seines Bewusstseins gedrungen. Sie war real. Er spürte die Wärme ihres Blutes, das Pumpen ihrer Herzkammern, den Puls an ihrem Hals, und er erschauderte. Kleeblüten umrahmten ihr Gesicht, und sie kniff die Augen zusammen, als wollte sie fragen: Was ist los mit dir? Er konnte nicht mal ihren Blick erwidern.“ (S. 195)

Coral beweist nicht nur ein geschicktes Händchen im Garten, sondern baut auch eine Beziehung zu einem außergewöhnlichen Haustier auf. Schließlich entscheidet sich die Gemeinschaft, die Beziehung zu Tim abzubrechen und das Geld zu behalten, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Doch dann erhält ihr idyllisches Versteck ungewollte Aufmerksamkeit, und das Leben, das sich die vier verschrobenen Individuen gerade erst aufgebaut haben, droht wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen…
Bereits in ihrem Romandebüt hat Jardine Libaire es überzeugend verstanden, die Geschichte einer Liebe zweier Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten als Drama mit Shakespeare-Touch zu erzählen. Auch in „Dein Herz, ein wildes Tier“ nimmt sich die Autorin ungewöhnlicher Figuren an, die am Rande der Gesellschaft irgendwie zurechtzukommen versuchen, teilweise ihre Träume von Erfolg und Familie und Heimat begraben haben, um in einer zusammengewürfelten Schicksalsgemeinschaft neu anzufangen und dabei ganz eigene Bindungen eingehen. Gerade der Beginn in dem ehemaligen Pfadfinder-Lager mit unübersichtlich eingeführtem Figurenarsenal macht deutlich, wie sich quasi per Zufall eine Gemeinschaft geformt hat, die durch den Drogenhandel zusammengehalten und zerrissen wird, aber die wirklich bedeutenden Beziehungen und die Tiefe der Erzählung entwickelt sich erst mit dem Road Trip der vier Ausreißer auf ihrem Weg nach Texas. Libaire gelingt es, im Verlauf ihrer Geschichte nicht nur die besonderen Eigenschaften ihrer Figuren sehr bildhaft zu beschreiben, sondern auch die ungewöhnlichen Beziehungen zwischen ihnen mit viel Empathie zum Leben zu erwecken. So ist Libaires zweiter Roman eine gelungene Mischung aus literarischem Road Movie, zärtlichem Coming-of-Age-Roman und exzentrischem Abenteuer-Drama gelungen, der Lust auf die weiteren Werke dieser außergewöhnlich talentierten Autorin macht.               
 Leseprobe Jardine Libaire - "Dein Herz, ein wildes Tier"

Tammy Armstrong – „Pearly Everlasting“

Montag, 7. April 2025

(Diogenes, 368 S., HC)
An der University of British Columbia hat die Kanadierin Tammy Armstrong in Literatur und Critical Animal Studies promoviert und so die idealen Voraussetzungen geschaffen, um mit ihrem Roman „Pearly Everlasting“ eine einfühlsame Geschichte über die innige Verbundenheit eines jungen Mädchens und eines Bären in einer unwirtlichen Umgebung zu erzählen.
Im Januar 1918 wird der Bär Bruno im Bau unter einer Tanne geboren, irgendwann im Februar auch ein Mädchen, das nach der weißblühenden Silberimmortelle Pearly Everlasting getauft wird. In diesem „falschen Frühling 1918“ stillt Pearlys Mutter Eula das Kind und den Bären an ihren Brüsten, so dass Pearly von Beginn an Bruno als ihren Bruder betrachtet. Doch das Leben in dem Holzfällercamp 33, in dem Pearlys Vater Edon als Koch arbeitet, ist alles andere als unbeschwert, vor allem mit der Ankunft des neuen Campleiters Heeley O. Swicker, dem die Bosheit schon im Gesicht geschrieben steht und der die Männer drangsaliert, wo er nur kann. Als Pearly eines Tages Swicker leblos mit blutigen Wunden auffindet, dauert es nicht lange, bis Bruno für den Mord an dem Mann verantwortlich gemacht und verschleppt wird. Pearly, mittlerweile fünfzehn Jahre alt, erträgt es nicht, ihren Bruder nicht bei sich zu haben, und macht sich auf die Suche, begibt sich in der rauen Wildnis und unter ihr nicht immer freundlich gesinnten Menschen immer wieder in Gefahr. Als sie ihn endlich findet, hängt Brunos Leben am seidenen Faden. In Bracken findet sie in Amaël einen Tierarzt, der sich rührend um den verletzten Bären kümmert, während Pearly Arbeit in der Pension von Mrs. Prue findet und hofft, dass sie mit Bruno bald wieder nach Hause zurückkehren kann…

„Ich lauschte, wie sich in Bruno Saiten dehnten und kreuzten. Seine Pfade klangen und führten uns in die Wälder und zu den Gerüchen zurück: eine Andeutung von Mäusen in der Ecke eines Schuppens, die gähnen und sich dann im feuchten Stroh umdrehen. Handöl auf einem Türknauf. Tote Asseln, die in Dielenritzen stecken. Wirbelnde, aufsteigende Nachtluft. Essig, der in Gurkenhaut eindringt. Menthol auf Zungenbiss. Ich bin in dir, sagte ich zu Brunos schlafender Gestalt. Sein Gesichtsausdruck jetzt immer derselbe, wenn Bären denn Lebewohl sagen könnten.“ (S. 315)

Wie die Autorin in ihrer Danksagung am Ende ihres Buches erwähnt, hat der Naturfotograf William Lyman Underwood im Winter 1903 tief in den Wäldern von Maine eine Frau fotografiert, die ihre neugeborene Tochter zusammen mit einem verwaisten Bärenjungen stillte. Dieses Foto und ein dazugehöriger Auszug aus Underwoods Memoiren inspirierte Tammy Armstrong zu ihrem rein fiktiven Roman, den sie in New Brunswick angesiedelt ist und eine berührende Geschichte über die innige Verbundenheit erzählt, die ein junges Mädchen seit seiner Geburt mit dem gleichaltrigen Bärenjungen Bruno empfindet. Armstrong versteht es hervorragend, die von harter Arbeit, vielen Entbehrungen und frostigen Temperaturen geprägte Lebensweise der Holzfäller, Flößer und Waldarbeiter während der Großen Depression in bildgewaltiger Sprache zu beschreiben und über die Perspektive der Ich-Erzählerin Pearly Everlasting hinaus nicht nur ein Gespür für die Figuren zu entwickeln, die eine mehr oder weniger wichtige Rolle im Leben des Mädchens und ihres Bruders spielen, sondern auch die mythische Welt, in der die Menschen dort lebten, vor Augen zu führen. 
Die Geschichte der Verbundenheit, Trennung, Suche, Wiedervereinigung und Heimkehr verläuft zwar in vorsehbaren Bahnen und verliert so ab der Hälfte an Spannung, aber dafür wird deutlich, wie die junge Pearly aus Liebe zu ihrem Bären die größten Anstrengungen unternimmt, um wieder mit ihm vereint zu sein, und durch die gefährliche Reise und teilweise gewalttätigen Begegnungen mit skrupellosen, bösartigen und verhärmten Menschen viel zu früh erwachsen wird. „Pearly Everlasting“ stellt eine interessante Mischung aus Coming-of-Age-, Liebes- und historischem Roman dar, überzeugt als Charakter- und Gesellschaftsstudie und vor allem als sprachlich fesselndes Werk - wenn man sich denn für das Thema erwärmen kann.