Joe R. Lansdale – „Hap & Leonard: Die Storys“

Samstag, 27. Oktober 2018

(Golkonda, 270 S., Pb.)
Bevor mit „Savage Season“ 1990 der Debütroman um die beiden unvergleichlichen Privatermittler Hap Collins und Leonard Pine erschien (der unter dem Titel „Wilder Winter“ in Deutschland erstmals 2006 veröffentlicht wurde), hat der literarisch vielseitig begabte amerikanische Schriftsteller Joe R. Lansdale vor allem Horrorwerke wie „Akt der Liebe“, die Western-Horror-Anthologie „Straße der Toten“, „Nightrunners“ und die „Drive-In“-Trilogie veröffentlicht.
Im Laufe seiner ständig aufstrebenden Karriere ist Lansdale vor allem durch seine atmosphärisch dichten Südstaaten-Thriller „Kahlschlag“ und „Gauklersommer“ bekannt geworden, aber das sympathische Ermittler-Duo Hap & Leonard begleitet Lansdale und seine begeisterten Leser bis heute.
Neben mittlerweile zwölf Romanen sind über die Jahre immer wieder Kurzgeschichten erschienen, die nun in der Sammlung „Hap & Leonard: Die Storys“ zusammengefasst und um ein Vorwort von Bestseller-Autor Michael Koryta, ein kurzes Interview, das der Autor mit seinen beiden Protagonisten geführt hat, und ein Nachwort des Autors über seine besondere Beziehung zu seinen Helden ergänzt worden sind.
Die Geschichten sind nicht nur eine coole Einführung in das Leben, das der ehemals politisch engagierte „White Trash“-Kerl Hap und der schwarze schwule Vietnam-Veteran und Republikaner Leonard miteinander führen, sondern auch in die amüsante Weise, wie sie ihre Aufträge erledigen. In „Hyänen“ sollen Hap & Leonard dem Bruder ihres Auftraggebers aus der Patsche helfen. Der Einundzwanzigjährige hat sich offenbar mit Typen eingelassen, die einen Geldtransporter überfallen wollen. Nachdem Hap, Leonard ihr alter Freund Marvin damit begonnen haben, im Dreischichtsystem das Haus von Kelly und seinem auf die schiefe Bahn geratenen Bruder Donny zu überwachen, stößt Marvin nicht nur auf das Versteck der von Smokey geführten Bande, von dem aus wahrscheinlich der Überfall geplant werden soll, sondern auch auf den Umstand, dass vor einiger Zeit der Fahrer eines Fluchtwagens mit einer Kugel im Kopf im Wald aufgefunden wurde. Um Donny ein ähnliches Schicksal zu ersparen, legen sich Hap und Leonard mit Smokey und seinen Jungs an.
In der mit Andrew Vachss zusammen geschriebenen Geschichte „Veils Besuch“ wird Leonard mit einer Begebenheit aus Haps Vergangenheit vor zwanzig Jahren konfrontiert, als Hap Veils Bekanntschaft und die seiner Pistole gemacht hat und mit ihm zusammen den nicht ganz koscheren Umtrieben eines Fotografen auf die Spur kommen wollte. Die kurze Story „Mordsgutes Chili“ war als Werbegag zum Hap-&-Leonard-Roman „Schlechtes Chili“ gedacht und wird durch ein ganz persönliches Chili-Rezept von Joe R. Lansdale abgerundet. Und in „Todsicher“ werden Hap & Leonard von einer Frau beauftragt, ihrem von ihr getrenntlebenden Mann ins Gewissen zu reden und wenn nötig auch etwas aufzumischen, damit er sich nicht länger in ihre Angelegenheiten mischt. Doch je mehr sich die beiden Ermittler mit der Sache beschäftigen, umso mehr Ungereimtheiten tun sich auf. All die Geschichten fügen sich nahtlos in den Kosmos ein, den auch die Romane um Hap und Leonard ausmachen.
Wie Lansdale selbst in seiner Art Nachwort mit dem Titel „Wie ich Hap und Leonard hegte und pflegte, fütterte und großzog“ erwähnt, sind die Abenteuer, die die beiden an sich so verschiedenen, doch wie Brüder miteinander verbundene Männer erleben, eher nebensächlich, dafür sind es die Typen selbst, an denen die Leserschaft einen Narren gefressen hat.
„Da schrieb ich also diesen Roman, Leonard tauchte plötzlich auf, er und Hap waren die besten Freunde, obwohl sie durchaus verschiedene Ansichten hatten, so wie auch viele meiner Freunde anders sind als ich, doch im Kern stimmen Hap und Leonard überein. Sie sind anständige Menschen, sie sind nicht auf den Kopf gefallen, haben aber irgendwann im Leben den falschen Dampfer genommen und sind dann irgendwie am äußersten Rand des Amerikanischen Traums gestrandet.“ (S. 264) 
Lansdale verweist darauf, dass die Lebenssituation von Hap und Leonard seiner eigenen damals sehr ähnlich war, und ebenso wie sich das Leben des Autors veränderte, machen auch Hap und Leonard im Laufe all der Romane, in deren Zentrum sie stehen, eine Entwicklung durch. Bei all dem erfrischend anderen Humor und der unterhaltsamen Action, in die die beiden immer wieder verwickelt werden, sind die Geschichten von Hap und Leonard aber vor allem ein Zeugnis ihrer tiefen Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft. Wenn sie das Gefühl haben, einen sinnvollen Auftrag anzunehmen, der Gutes bewirkt, spielt die Bezahlung eigentlich keine Rolle. Dann lassen sie sich weder von ihrer Angst einschüchtern noch von ihrem Ziel abbringen. Dafür sind die sieben hier vereinten Geschichten ein wunderbares Beispiel, und davon profitieren nicht nur Einsteiger in das liebenswerte Universum von Hap & Leonard, sondern auch langjährige Fans.

Jens Henrik Jensen – (Oxen: 3) „Gefrorene Flammen“

Dienstag, 23. Oktober 2018

(dtv, 592 S., Pb.)
Nachdem er sich von dem versuchten Attentat auf ihn bei einer Ärztin auf den Schären erholt hat, sinnt der ehemalige Elite-Soldat Niels Oxen auf Rache, denn er will nicht weiter auf der Flucht vor seinen Verfolgern sein, die der mächtige Danehof auf ihn angesetzt haben, will von den Verleumdungen freigesprochen werden und vor allem seinen Sohn Magnus wieder in die Arme schließen können. Doch dazu ist er auf Hilfe angewiesen.
Als er Margrethe Franck aufsucht, die ihm als Mitarbeiterin des dänischen Geheimdienstes PET im Kampf gegen den Danehof zur Seite stand, erfährt er allerdings, dass sie nicht mehr beim PET angestellt ist, sondern schlecht bezahlten Jobs bei einer Reinigungsfirma und als Kassiererin bei Netto nachgeht. Offenbar haben die weitreichenden Beziehungen des Danehof dafür gesorgt, dass die ehemalige Agentin keinen vernünftigen Job mehr bekommt.
Ähnlich ergeht es dem ehemaligen Polizisten Christian Sonne, Neffe des ehemaligen PET-Chefs Axel Mossman, der offiziell aus Gesundheitsgründen frühzeitig in Rente gehen musste. Doch im Keller seines Hauses arbeitet Mossman weiterhin akribisch an der Aufdeckung der kriminellen Verschwörung, die hinter dem Danehof steckt. Doch dafür muss er erst einmal die Schlüsselfiguren identifizieren, die aus den wichtigsten Vertretern der dänischen Wirtschaft und Politik stammen. Während Oxen die Leiter von Danehof Süd und Nord, Villum Grund-Löwenberg und Kajsa Corfitzen, abhören lässt, die offenbar daran arbeiten, dem von Danehof Ost geführten Unternehmen neue Strukturen zu verleihen, geht Franck einer Spur in Spanien nach, die sich dank Francks längst nicht eingerosteter Ermittler-Fähigkeiten als sehr ergiebig erweist. Doch bis alle losen Enden zusammengeführt werden können, muss auch die dänische Justizministerin Helene Kiss Hassing ins Boot geholt werden …
„Es war wie ein Hürdenlauf. An Hindernisse waren sie gewöhnt. Doch jetzt kam es ihnen vor, als wären sie mitten im Sprung eingefroren, in der Bewegung erstarrt. So hingen sie jetzt in der Luft. Sie waren nicht gescheitert. Aber sie hatten die Hürde nicht genommen. Der Film stand ganz einfach still.
Keiner wusste, wie sie jetzt weiter vorgehen sollten. Die Handlungen und Motive deuteten in unterschiedliche Richtungen.“ (S. 468) 
Obwohl der langjährige dänische Journalist Jens Henrik Jensen bereits 1997 seinen Debütroman und seither eine Vielzahl weiterer Spannungsromane veröffentlicht hat, ist er hierzulande erst durch die in den Jahren 2012 bis 2016 entstandene Oxen-Trilogie bekannt geworden, deren letzten Band der nun mit „Gefrorene Flammen“ vorliegt. Während sich die ersten beiden Bänden vor allem um den von seinen Kriegserlebnissen traumatisierten Elite-Soldaten Niels Oxen gedreht haben, der per Zufall in ein Mordkomplott verwickelt wird und deshalb von der Bildfläche verschwinden muss, hat sich im dritten Band der Fokus auf den ehemaligen PET-Chef Axel Mossman verschoben, der die Operation zur Aufdeckung der Danehof-Machenschaften anführt und dabei seinen Mitstreitern Oxen, Franck und Sonne auch mal die eine oder andere Information vorenthält.
Jensen lässt auf den ersten Seiten noch einmal die wesentlichen Ereignisse Revue passieren, die Oxen überhaupt auf die Spur des Danehofs gebracht haben, aber auch im weiteren Verlauf des Romans werden immer wieder wichtige Informationen über die Geschichte des mächtigen Netzwerks und seiner meist geschickt getarnten Verbrechen eingestreut. Minutiös beschreibt Jensen die einzelnen Operationen, mit denen Mossman seine Team-Kollegen betraut, der Autor gibt sich aber auch viel Mühe mit der Charakterisierung seiner charismatischen Figuren, die jeweils eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht haben.
Während Oxen bereits zu Beginn des ersten Bandes („Das erste Opfer“) als gestrauchelter Kriegsheld eingeführt worden war, der vor allem seinem Hund Mr. White verbunden ist, verfügten Mossman und Franck noch über eine erfolgreiche berufliche Karriere beim Geheimdienst, Sonne bei der Polizei. Am Ende des zweiten Bandes („Der dunkle Mann“) konnte Oxen gerade so einem Attentat entkommen, während Mossman, Franck und Sonne Abschied von ihren Jobs nehmen mussten. Wie sich dieses Quartett im nun vorliegenden Band zusammenrauft und voller Tatendrang gegen den Danehof ermittelt, um auch den eigenen Ruf wieder herstellen zu können, zählt zu den großen Stärken von „Gefrorene Flammen“.
In leicht verständlicher Sprache thematisiert Jensen die Gier nach Macht und die kriminellen Energien, mit denen diese gewonnen und verteidigt wird. Aber die Trilogie ist auch ein Plädoyer für Loyalität, Mut und dem unbändigen Willen, für die gerechte Sache zu kämpfen. Für diesen Kampf hat Jensen mit Niels Oxen, Axel Mossman und Margrethe Franck drei außergewöhnliche Charaktere geschaffen, die uns sicher auch nach Abschluss dieser Trilogie noch begleiten werden, denn Jensen ist Oxen so sehr ans Herz gewachsen, dass er bereits einen vierten Band in Aussicht gestellt hat.
Leseprobe Jens Henrik Jensen - "Oxen: Gefrorene Flammen"

Håkan Nesser – „Intrigo“

Mittwoch, 17. Oktober 2018

(btb, 606 S., Pb.)
Vom schwedischen Bestseller-Autor Håkan Nesser sind seit dem Jahre 2000 etliche seiner Romane und Geschichten als Fernseh-Mini-Serie, Kino- oder Fernsehfilm adaptiert worden, u.a. „Das grobmaschige Netz“, „Das falsche Urteil“, „Münsters Fall“, Der unglückliche Mörder“ und „Mensch ohne Hund“. Nun hat sich der schwedische Filmemacher Daniel Alfredson (der sich bereits der beiden Stieg-Larsson-Bestseller „Verdammnis“ und „Vergebung“ angenommen hatte) an die Verfilmung dreier weiterer Geschichten von Håkan Nesser gemacht, die – beginnend mit „Tod eines Autors“ – nacheinander im Kino zu sehen sein werden.
Grund genug für den btb-Verlag, in dem bisher alle deutschen Übersetzungen von Nessers Werken erschienen sind, die drei zugrundeliegenden Storys „Tod eines Autors“, „In Liebe, Agnes“ und „Die Wildorchidee aus Samaria“ als Sammelband unter dem Namen „Intrigo“ neu herauszubringen und sie um eine neue und eine ältere zu ergänzen.
Eröffnet wird die Sammlung mit der neuen Geschichte „Tom“, in der die Endfünfzigerin Judith Bendler eines Nachts im Jahre 1995 vom Telefon geweckt wird, bei dem sich der Anrufer als Tom vorstellt, was unmöglich sein kann. Denn Tom, der Sohn ihres Mannes Robert aus erster Ehe, ist vor über zweiundzwanzig Jahren spurlos verschwunden … Zunächst bespricht sie den merkwürdigen Anruf mit ihrer Therapeutin Maria Rosenberg, mit der sie noch einmal die Umstände von Toms Verschwinden rekapituliert, die allerdings ebenso wenig mit der Drogengeschichte des damals siebzehnjährigen zu tun haben wie mit der Geschichte, die ihr Robert nach einem dramatischen Vorfall erzählt hat, der zu Toms Verschwinden geführt hat …
In „Rein (Tod eines Autors)“ kehrt ein renommierte Übersetzer nach A. zurück, um einer Spur seiner vor Jahren verschwundenen Ehefrau Ewa zu folgen, deren Husten er auf einer Konzertaufnahme gehört haben will, die im Radio übertragen wurde. Darüber hinaus wird er von seinem Verleger mit der Übersetzung des letzten Manuskripts des gerade verstorbenen Neomystikers Germund Rein beauftragt, der in einem begleitenden Brief darum bat, dass das Buch auf keinen Fall in seiner Muttersprache erscheinen darf. Je mehr der Übersetzer in das Manuskript eintaucht, umso stärker wächst ihn ihm der Verdacht, dass Rein ermordet wurde und in seinem letzten Text Hinweise zur Aufklärung des Verbrechens versteckt hat. Derweil sorgen auch die Ermittlungen bei der Suche nach Ewa für einige Überraschungen …
„Vielleicht war das eine Engagement auch notwendig zur Entlastung des anderen. Wenn ich zurückdenke, dann überrascht mich, wie oft ich damals voll und ganz dem einen oder dem anderen gewidmet haben muss. Entweder ich befand mich tief in Germund Reins Text, oder aber ich suchte mit Feuereifer nach meiner verschwundenen Ehefrau. Doch ich vermischte beides nie. Ich hielt meine Aufträge wie Öl und Wasser getrennt, und ich glaube auch, dass das genau die richtige Methode war.“ (S. 182) 
„In Liebe, Agnes“ stellt fast eine Art Briefroman dar, in der sich die beiden Jugendfreundinnen Agnes und Henny auf der Beerdigung von Agnes‘ Mann nur kurz wiedersehen, bis Henny per Brief den Kontakt zu ihrer einst besten Freundin wieder aufnimmt und sie darum bittet, ihren eigenen Mann David, der offensichtlich seit längerer Zeit eine Affäre unterhält, umzubringen. Da sie selbst die erste Tatverdächtige sein würde, soll Agnes ihn à la Hitchcocks „Der Fremde im Zug“ während einer Konferenz in Amsterdam umbringen, während Henny durch die Teilnahme an einem Übersetzer-Seminar in Berlin ein wasserdichtes Alibi haben wird. Während Agnes und Henny in ihrem Briefwechsel alte Erinnerungen austauschen und den Plan zu Davids Ermordung austüfteln, rekapituliert Agnes ihre eigenen Erinnerungen an die Jugendfreundschaft mit Henny …
Ähnlich wie in „Tom“ und „Tod eines Autors“ geht es auch in „Die Wildorchidee aus Samaria“ um einen verschwundenen Menschen, diesmal um die siebzehnjährige Vera Kall, die nach der Abiturfeier vor dreißig Jahren spurlos verschwand und vermutlich einem Triebtäter zum Opfer gefallen ist. Als der 49-jährige Sprachlehrer Henry Maartens von seiner Frau Clara erfährt, dass sie sich scheiden lassen will, erhält er kurz danach einen Anruf seines Schulkameraden Urban Kleerwot, der Henry darum bittet, einen Blick auf sein Krimi-Manuskript zu werfen. Sie verabreden sich in ihrer alten Heimatstadt K., wo Henry zwei Tage vorher in einem Hotel absteigt und eine Nachricht von Vera vorfindet, die um ein Treffen bittet. Doch warum sollte sich Vera nach über dreißig Jahren wieder bei Henry melden?
In der abschließenden, ebenso wie die „Samaria“-Geschichte zuvor in „Aus Doktor Klimkes Perspektive“ veröffentlichten Story „Sämtliche Informationen in der Sache“ versucht ein Lehrer, das Zeugnis einer kürzlich verstorbenen Schülerin fertigzustellen, und besucht dessen Eltern, die noch im Besitz des letzten Aufsatzes sind, den der Lehrer noch zur Benotung heranziehen möchte.
Vor allem in den der „Intrigo“-Film-Trilogie zugrundeliegenden Geschichten, aber auch in dem neuen Kurzroman „Tom“ erweist sich Håkan Nesser als großartiger Erzähler außergewöhnlicher Schicksale, die in mehr oder weniger geheimnisvollem Abtauchen und Verschwinden, Lügen, Intrigen und Morden gipfelt, wobei Nesser immer wieder geschickt falsche Fährten legt, indem die Glaubwürdigkeit der Ich-Erzähler und Erwartungen des Publikums nach und nach erschüttert werden und Nesser die Geschichten zu oft überraschenden Auflösungen führt.
Leseprobe Håkan Nesser - "Intrigo"

James Lee Burke – (Dave Robicheaux: 14) „Flucht nach Mexiko“

Sonntag, 14. Oktober 2018

(Pendragon, 478 S., Pb.)
Im Sommer 1958 schufteten Dave Robicheaux und sein Halbbruder Jimmie täglich zehn Stunden lang für eine Seismografen-Crew und verbrachten ihre freie Zeit auf Galveston Island. Als sie eines Abends zu weit nach draußen schwammen, wurden sie von einer mutigen jungen Frau namens Ida Durbin vor einem Hai gerettet. Jimmie verliebte sich in das außergewöhnliche Mädchen, musste aber feststellen, dass sie für den Zuhälter Lou Kale anschaffen ging. Um sie aus seinen Fängen zu befreien, plante er, mit ihr nach Mexiko durchzubrechen, doch auf einmal war sie verschwunden und tauchte nicht mehr auf.
Erst Jahrzehnte später, als Dave Robicheaux für das Sheriff’s Department in New Iberia arbeitet, beichtet ihm sein früherer rassistischer College-Bekannter Troy Bordelon auf dem Sterbebett, dass sich damals sein Onkel und ein paar Cops Ida geschnappt hätten. Der Fall lässt Dave nicht mehr los, auch wenn seine Aufmerksamkeit vor allem den sogenannten Baton-Rouge-Morden gilt. Der Killer hatte in den letzten sechs Monaten zwei schwarze Frauen entführt und ihre Leichen in den Sumpfgebieten entsorgt. Mit seinem Geständnis wirbelt Bordelon allerdings viel Staub auf: Da seine Familie kleine Gefälligkeiten für die Chalons im St. Mary Parish erledigt hatte und die Chalons wiederum in Geschäfte mit der Mafia verwickelt sind, sollen zwei korrupte Cops dafür sorgen, dass Bordelons Anschuldigungen keine weiteren Kreise ziehen.
Zusammen mit seinem besten Freund, dem Privatdetektiv Clete Purcel, stochert Robicheaux in der Geschichte der Chalons herum und bringt vor allem den Fernsehproduzenten Val Chalons gegen sich auf, den er schließlich windelweich prügelt.
„Ich wollte nicht glauben, dass ich ein Bote von Gewalt und Tod war, ein Mann, der in Totenstädten verweilte und den Gestank eines großen Friedhofs hinter sich herzog, wo immer er ging.
Aber ich teilte bereits die Überzeugung, dass die menschliche Persönlichkeit kein Geheimnis umgibt. Menschen sind, was sie tun. Meine eigene Vorgeschichte mochte ich gar nicht näher ansehen.“ (S. 157)
Je tiefer Robicheaux und Purcel in die familiären Strukturen der Chalons eintauchen, umso mehr häufen sich nicht nur Todesfälle, die dem Baton-Rouge-Mörder zugeschrieben werden, sondern immer näher an Robicheaux selbst heranreichen.
Mit Band 14 der gleichermaßen von der Kritik und den Lesern gefeierten Reihe um den charismatischen Vietnam-Veteran, mehr oder weniger trockenen Alkoholiker und Cop Dave Robicheaux liegt nun der elfte von insgesamt 21 Bänden in deutscher Übersetzung im Pendragon-Verlag vor. Wie gewohnt wird der von seinem starken Gerechtigkeitssinn angetriebene Robicheaux auch in „Flucht nach Mexiko“ nicht müde, mächtigen Leuten ans Bein zu pinkeln und ihre moralisch verwerflichen Aktivitäten aufzuspüren. Das bringt nicht nur ihn selbst, sondern auch seine resolute Chefin Helen immer wieder in Schwierigkeiten, weil er sich einfach nicht an die Regeln halten will und das Gesetz in die eigene Hand nimmt, gern auch mit Ausübung von Gewalt.
Die Moral hat Robicheaux allerdings ganz auf seiner Seite, denn in dem Morast aus Korruption, Mord, Drogen und Zuhälterei sehen sich Robicheaux und Purcel immer wieder gezwungen, mit den gleichen einschüchternden Methoden zu arbeiten, wie die Mächtigen ihre Besitzstände verteidigen. Bei all dieser Trostlosigkeit tut es aber auch gut zu lesen, dass der Witwer Robicheaux mit der unorthodoxen Nonne Molly wieder eine Frau an seine Seite bekommt und dass den übermächtig erscheinenden Bösen am Ende doch das Handwerk gelegt wird.
James Lee Burke erweist sich auch in seinem 14. Robicheaux-Krimi als wichtiger moralischer Wächter, der konsequent die Finger in die Wunden legt, die der Vietnam-Krieg, der Rassismus und der nie enden wollende Kampf gegen Drogenmissbrauch und Prostitution in der Seele Amerikas hinterlassen haben. Davon abgesehen bietet „Flucht nach Mexiko“ aber auch grandios komponierte Krimi-Unterhaltung, in denen sich die Suche nach Ida Durbin und die Aufklärung der Baton-Rouge-Morde geschickt ineinander verweben.

Abi Andrews – „Wildnis ist ein weibliches Wort“

Freitag, 12. Oktober 2018

(Tempo, 400 S., HC)
Die 19-jährige Engländerin Erin packt die Abenteuerlust. Zwar sind ihr auch die Namen von einigen wenigen Frauen wie dem Cowgirl Calamity Jane, der Weltreisenden Nellie Bly und der Forschungsreisenden Mary Kingsley bekannt, aber allzu schmerzlich bewusst ist ihr die Tatsache, dass das Abenteuer fest in der Hand von Männern wie Chris McCandless, Jack London, Henry David Thoreau oder Jack Kerouac zu sein scheint.
Nach dem Abitur hat sie das durch verschiedene Jobs verdiente Geld gespart, um damit die Reisekosten abzudecken, die für ihre Route über Island, Grönland, Kanada bis nach Alaska und wieder zurück anfallen. Sie ist zu Fuß, per Schiff und Anhalter, auf Hundeschlitten und Fischerbooten unterwegs und lernt die verschiedensten Menschen kennen, bringt sich als allein reisende Frau natürlich auch in Gefahr.
Ihre Erlebnisse hält sie mit der Kamera fest, um einen Dokumentarfilm zu drehen, vor allem sinniert sie über Weltraumabenteuer, die Kommunikation zwischen Delfinen, Zeitkapseln, spirituelle Wesen, Seelenwanderung und den Unabomber Ted Kaczynski. Die Begegnung mit einem Grizzly-Bär ist eine der vielen Momente, die einen tiefen Eindruck bei Erin hinterlassen.
„Noch nie hatte ich so unmittelbar und instinktiv gespürt, was es heißen würde, nicht lebendig zu sein. In dem Augenblick wurde mir klar, dass alle Nostalgie, die Der Ruf der Wildnis in uns hervorruft, der Verlustschmerz über das ist, woran wir uns erinnern und was uns fehlt, dort wo wir sind, bevor wir uns auf die Suche danach begeben.“ (S. 264)
Die in London lebende Autorin Abi Andrews bricht in ihrem Debütroman „Wildnis ist ein weibliches Wort“ eine Lanze für den Feminismus. Der Trip in die Wildnis von Alaska, den ihre gerade mal 19-jährige Protagonistin Erin unternimmt, dient dabei als Plot-bildendes Gerüst, an dem sich Erin mit ihren philosophischen Betrachtungen entlanghangelt. Gleich zu Beginn stellt Erin fest, dass Wildheit nicht wie bei Männern Autonomie und Freiheit bedeutet, sondern als „irrationales Fieber“ betrachtet wird. Dem setzt die Abenteuerin einen konkreten Fünf-Punkte-Plan entgegen, zu dem das Lesen vieler aufschlussreicher Bücher, das Eintauchen in die Geschichte und Kultur jedes Ortes, das Lernen wichtiger Sätze in jeder Sprache und das tagtägliche Schreiben gehören.
So erfährt sie von ihrer ersten Reisegefährtin Urla, dass Island in Europa eine Vorreiterrolle für die Durchsetzung der geschlechtlichen Gleichberechtigung einnimmt, die sich vor allem in der Lohngleichheit manifestiert, aber auch in der Tatsache, dass Island 1980 als erstes europäisches Land eine Frau zur Präsidentin gewählt hat und eine Bischöfin das Oberhaupt ihrer Staatskirche ist. Erin will die Natur und die Landstriche, die sie bereist, nicht erobern, was die Männer im imperialistischen Zeitalter angetrieben hat, die koloniale Ausbeutung voranzutreiben und überall ihre Fähnchen reinzustecken. Sie will nur unaufdringlich die Natur erforschen, ohne ihr einen Stempel aufzudrücken, im Augenblick präsent und Dinge vermitteln, die sonst niemand verstehen würde.
In Kanada stellt Erin schließlich fest, dass Naturparks das implizite Eingeständnis darstellen, dass die Natur zerfällt, und ein vergeblicher Versuch, sie zu konservieren. Diese Art von Beobachtungen und Gedankengängen ziehen sich wie ein roter Faden durch die 400 Seiten eines Trips, der allerdings nur in selten erscheinenden Momenten als körperlich anstrengende Reise geschildert wird, sondern vielmehr als Inspiration zur Verbreitung nicht nur feministischer Überzeugungen dient und vor allem als eindringlicher Appell zum Schutz natürlicher Ressourcen gedacht ist.
Wer nur ein weibliches Gegenstück zu Jon Krakauers „Into The Wild“ erwartet, wird sicherlich enttäuscht, denn die in ihrer verdichteten Masse schon recht penetranten Gedanken, Aufklärungen und Belehrungen schießen als Ganzes doch etwas über das Ziel hinaus.

Kathleen Collins – „Nur einmal“

Samstag, 6. Oktober 2018

(Kampa, 188 S., HC)
Die Entstehungsgeschichte bzw. – viel eher – die Entdeckung von Kathleen Collins‘ Storys-Sammlung „Nur einmal“ liest sich selbst schon wie ein filmreifes Märchen. Die 1942 in New Jersey geborene Collins hat sich vor allem einen Namen als politische Aktivistin einen Namen gemacht, die sich 1962 für das Wahlrecht der Schwarzen in Georgia einsetzte, und wird heute als Pionierin des afroamerikanischen Films gefeiert. Was allerdings niemand außer ihrer Tochter Nina zu wissen schien: Kathleen Collins schrieb auch druckreife Geschichten, die sie allerdings in einem Karton verstaute.
Nachdem Collins 1988 an den Folgen ihrer Brustkrebserkrankung verstorben war und der Karton in den Besitz ihrer Tochter überging, wanderte die ungeöffnete Kiste vom Couchtisch zum Bett und in den Keller, bis sich Nina nach fast zwei Jahrzehnten endlich traute, in den Karton zu schauen. Was sie dort neben Drehbüchern, Briefen, Theaterstücken und einem Tagebuchfand, zählt zu den großen literarischen Entdeckungen der letzten Jahre.
In ihren sehr persönlichen Geschichten erzählt Collins nämlich von den schwierigen Kämpfen der Bürgerrechtsbewegung, von den gemeinsamen Bemühungen, schwarzer und weißer Menschen, die Rassentrennung aufzuheben und den Schwarzen ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Liebe zu führen. So erzählen in „Innen“ ein Mann und eine Frau jeweils von ihren Träumen. Er braucht Raum zum Improvisieren, weil es schon genügend Tage ohne Musik im Leben gibt; sie lässt eine kleine Blockhütte, in die sie sich zurückgezogen hatte, nachdem sie das erste Mal von ihrem Mann verlassen worden war, in Flammen aufgehen, illustriert Kinderbücher, widmet sich ihrem Kräutergarten und wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind.
In „Wie sagt man“ besucht eine junge schwarze Frau aus New Jersey die Summer School in Maine, um Französisch zu sprechen – mit einer Frisur, die ihren Vater wütend machte, weil sie damit so aussah wie „alle farbigen Mädchen“. Besonders eindringlich ist die Geschichte „Was ist nur aus der Liebe zwischen den Rassen geworden?“, in der Collins von zwei Bewohnerinnen unterschiedlicher Hautfarbe erzählt, die 1963 in einer Wohnung in der Upper West Side leben. Die zweiundzwanzigjährige Weiße hat gerade das College absolviert und arbeitet als Community Organizer, die einundzwanzigjährige Schwarze kommt frisch aus dem Gefängnis und ist einen weißen, unbeugsamen Freedom Rider verliebt.
„In jenem Sommer war sie völlig unerwartet zu einer verblüffenden Erkenntnis gelangt: Sie konnte jeden heiraten, nicht nur einen farbigen Arzt /Anwalt / Lehrer / Professor, sondern jeden. Einen mexikanischen Lastwagenfahrer. Einen japanischen Psychiater. Einen südafrikanischen Journalisten. Jeden. Sogar einen Weißen.“ (S. 43f.)
Doch von der Erkenntnis zum glücklichen Erleben ist es ein weiter, steiniger Weg. Immer wieder stoßen die jungen Frauen in Collins‘ Geschichten an die Grenzen der Wirklichkeit. Wenn schon in der eigenen Familie Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, wie schwierig ist es erst, Andersfarbige / Andersdenkende mit auf den Weg zu nehmen? Was „Nur einmal“ so lesenswert macht, ist nicht nur die sehr persönliche Note, die das unermüdliche Anrennen gegen die kleinbürgerlichen Moralvorstellungen so nahbar und authentisch machen, sowie der trotz allem humorvolle Ton, die erotischen Wunschvorstellungen und die Sehnsucht nach Liebe, die meist unerfüllt bleibt.

Robert B. Parker – (Spenser: 36) „Raues Wetter“

Donnerstag, 4. Oktober 2018

(Pendragon, 214 S., Tb.)
Durch ihre Ehen mit den wohlhabenden Männern Peter Van Meer und Harden Bradshaw hat sich Heidi Bradshaw in die bessere Gesellschaft eingeheiratet. Für die Hochzeitsfeier ihrer Tochter Adelaide auf Tashtego Island engagiert sie – über das normale Sicherheitspersonal hinaus - den Privatdetektiv Spenser zu ihrer persönlichen Unterstützung. Kaum haben sich Spenser und seine attraktive Lebensgefährtin Susan in ihrer exklusiven Suite eingerichtet, begegnen sie dem Killer Rugar, mit dem Spenser zuletzt in Marshport eine fast tödliche Konfrontation hatten.
Dass der stets in grau gekleidete Mann nicht zum Feiern gekommen ist, erfährt die prominente Hochzeitsgesellschaft kurz nach der Trauung, denn dann eröffnen Rugar und seine Männer das Feuer, erschießen den Priester und den Ehemann, bevor sie die Braut als Geisel nehmen. Spenser kann zum Glück fliehen und nimmt zusammen mit Captain Healy vom Morddezernat die Ermittlungen, die bis ins Jahr 1984 zurückreichen, als Heidi zur gleichen Zeit in Bukarest gewesen war wie Rugar …
„Ich war verärgert. Ich wusste absolut nichts, und je mehr ich herumschnüffelte, umso weniger wusste ich. Ich hatte keine Ahnung, was Heidi vorhatte. Ich war belogen worden. Das mochte ich nicht. Ich mochte den wachsenden Verdacht nicht, in einer bestimmten Funktion benutzt worden zu sein, ohne die geringste Ahnung, worum es dabei ging.“ (S. 70) 
Auch im 36. Band der bereits 1973 von Robert B. Parker begonnenen Serie um den ehemaligen Schwergewichts-Profiboxer und Ex-Cop Spenser ist der in Boston lebende und arbeitende Privatdetektiv weder um markige Sprüche noch hartnäckige Methoden verlegen, um seinen Auftrag ordentlich zu Ende zu führen. In diesem Fall geht es für Spenser allerdings eher um die Rückgewinnung seiner Ehre, nachdem er während der Hochzeitszeremonie nichts tun konnte, um Rugars Attentat zu verhindern.
Wie gewohnt kommt der 2010 verstorbene Parker in „Raues Wetter“ schnell zur Sache, wobei er Spenser und Susan gar nicht mehr groß einführt, sondern die Art ihrer Beziehung mit pointiert witzigen Dialogen und erotischen Episoden umreißt. Interessant wird der Plot durch die Aufklärung der Frage, was hinter der vordergründigen Entführung von Heidis offenbar psychisch labiler Tochter steckt und welche Rolle Spensers Auftraggeberin selbst dabei spielt.
Bis zur Aufklärung des Falles und einem denkwürdigen Wiedersehen mit Rugar gönnt Parker seinem Publikum keine Atempause. Zwischen coolen Sprüchen mit sexuellen Anspielungen und rauer Action erleben wir einen tatkräftigen Privatermittler in bester Tradition von Philip Marlowe, Sam Spade und Lew Archer. 
Leseprobe Robert B. Parker - "Raues Wetter"

Don Winslow – „Frankie Machine“

Mittwoch, 3. Oktober 2018

(Droemer, 382 S., Tb.)
Mit 62 Jahren zählt sich Frank Macchianno noch längst nicht zum alten Eisen. Er unterhält nicht nur einen gutgehenden Angelladen am Ocean Beach Pier, sondern stellt eine gesellschaftliche Stütze des Strandlebens von San Diego dar, sponsert eine Junior-Baseballmannschaft, kauft Werbeflächen bei jeder Aufführung des Schülertheaters und hat die Basketballringe im Stadtpark bezahlt. Frank, der seine Ex-Frau Patty ebenso wie ihre gemeinsame Tochter Jill finanziell unterstützt und mit seiner Freundin Donna eine leidenschaftliche Beziehung führt, beliefert die Restaurants der Stadt mit frischem Fisch und versorgt sie mit frischer Wäsche. Und er lässt es sich nicht nehmen, mit seiner Herrenrunde entspannt auf den Wellen zu surfen und in Erinnerungen zu schwelgen.
Zu seinen Freunden zählt auch der FBI-Mann Dave Hansen, der mit seiner Truppe gerade dabei ist, im Rahmen der Operation G-String die letzten Überbleibsel des Organisierten Verbrechens in San Diego auszumerzen. Eines Tages wird Frank von seiner Vergangenheit als gefürchteter Mafiakiller Frankie Machine eingeholt: Weil sich Mouse junior mit seinen Porno-Geschäften mit den Leuten in Detroit angelegt hat, soll Frankie die Dinge richten und mit Vince Vena sprechen. Das Treffen erweist sich allerdings als eine Falle für Frank, der gerade noch rechtzeitig seinen Hals aus der sprichwörtlichen Schlinge ziehen kann. Doch nun befindet sich Frankie auf der Flucht, bis er herausgefunden hat, wer ihn tot sehen will. Das Problem ist nur, dass sich Frankie im Verlauf seiner langjährigen Karriere als Auftragskiller eine Menge Feinde gemacht hat.
„Also, zu wem kannst du gehen? Wem kannst du trauen?
Du konntest immer auf dich selbst vertrauen. Aber traust du dir zu, die Armee niederzumähen, mit der sie anrücken werden, und das, ohne Jill zu gefährden? In deinen besten Zeiten vielleicht hättest du das geschafft, aber die liegen zwanzig Jahre zurück. Du bist alt, du bist müde, und du bist angeschlagen.“ (S. 370) 
Als Don Winslow 2006 „The Winter of Frankie Machine“ veröffentlichte, hatte er bereits die fünf Romane der Neal-Carey-Reihe sowie Titel wie „Bobby Z“ und dann 2005 den Thriller „Tage der Toten“ veröffentlicht, mit dem er 2011 in Deutschland populär wurde.
„Frankie Machine“, hierzulande 2009 erstmals im Suhrkamp Verlag veröffentlicht und nun bei Droemer, wo seine letzten vier Romane erschienen sind, neu aufgelegt, bietet packenden Mafia-Thrill, der vor allem von dem Charisma des sympathischen Protagonisten genährt wird.  
Winslow nimmt sich viel Zeit, Frank Macchianno als überaus beliebten und sozial engagierten Unternehmer einzuführen, bevor erst nach fünfzig Seiten seine Mafia-Vergangenheit thematisiert wird. Wie Frank in diese lebensbedrohliche Situation gekommen ist, dass er eine alte Rechnung begleichen muss, wird geschickt in Rückblenden aufgeschlüsselt, in denen Frank rekapituliert, wie er 1963 als Fahrer für den Gangsterboss Momo Anselmo angefangen hat, wie er seinen Geschäftspartner und Freund Mike Pella kennengelernt hat, wie 1985 bei einer Party von Donnie Garth einiges aus dem Ruder lief. So werden nach und nach unzählige Mafia-Größen eingeführt und etliche verwirrende Fährten gelegt, von denen letztlich vielleicht eine zu dem Problem führt, das Frank nun aus der Welt schaffen muss.
Weil Frank ein ehrenwerter Mann mit strengem moralischem Kompass ist, fiebert der Leser mit ihm im Kampf ums Überleben Seite für Seite mit, bis er zum erlösenden Finale kommt, mit dem Winslow seine Geschichte meisterhaft zum Ende führt. 
Leseprobe Don Winslow - "Frankie Machine"