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Paul Freeman – „Laster und Tugend“

Mittwoch, 17. Juni 2026

(Pulp Master, 340 S., Tb.)
Der Brite Paul Freeman hat als Korrespondent für britische Magazine in Saudi-Arabien gearbeitet, war vorher aber auch Englischlehrer im Sudan, Kuwait, Ägypten und in Simbabwe, so dass er eine große Expertise über das Leben in Afrika und Saudi-Arabien erworben hat. Die kommt auch in seinem 2008 veröffentlichten Roman „Vice & Virtue“ zum Tragen, der zwei Jahre später beim Berliner Pulp Master Verlag unter dem Titel „Laster und Tugend“ aufgelegt wurde und das Leben abseits der touristischen Attraktionen in Saudi-Arabien beschreibt.
Als auf dem Parkplatz eines Shopping-Centers im saudi-arabischen Al-Khobar eine Autobombe detoniert, wird nicht nur der zerfetzte Körper des amerikanischen Ingenieurs Duncan McCready sichergestellt, sondern auch Hochprozentiges und Zuckersäcke, die den Toten mit der florierenden Schwarzbrennerei in Verbindung bringen. Alkohol ist in dem Land mit 5000 „Prinzen“ nämlich ebenso verboten wie Pornografie, Drogen, nicht-islamische religiöse Traktate und Druckerzeugnisse, die den Islam oder Saudi-Arabien verunglimpfen. Der britische Reporter Peter Maddox vom Arabian Chronicle taucht am Tatort ebenso auf wie sein Konkurrent Bentley Gorman von der Kingdom Tribune. Im Gegensatz zu Maddox hat Gorman eine tiefe Abneigung gegen den Lebensstil der Westler in Saudi-Arabien entwickelt, die er für Rassisten hält. Maddox schaut sich in der Siedlung um, in der sich nur wohlhabende Ausländer die unverschämt hohen Mieten leisten konnten und die bei den konservativeren Saudis als wahres Sodom und Gomorrha betrachtet wurden. Für Maddox geht es nun darum herauszufinden, ob der Mord an McCreary auf das Konto eines anderen westlichen Alkoholschmugglers ging oder von Fundamentalisten ging. Sein wohlmeinender Chefredakteur Sanju stellt Maddox den ebenfalls aus England kommenden zugereisten Redakteur Barry Kennedy zur Seite, dem der altgediente Redakteur erst einmal die gesellschaftlichen Regeln erklären muss. Doch dann geraten sie bei ihren Recherchen in ein Hornissennest aus Korruption, Verrat und Gier…

„Khalid wollte, dass er tief schürfte. Jede hergestellte Verbindung zwischen McCreadys Tod und islamistischen Fundamentalisten würde die Regierung jedoch in eine peinliche Lage bringen. Schlimmer noch: Eine nachgewiesene Verbindung würde das bereits angespannte Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und seinen westlichen Verbündeten zusätzlich belasten. Maddox verweigerte sich dem Gedanken, dass man ihm den Schwarzen Peter dafür zuschieben könnte.“ (S. 58)

Paul Freeman („Die Legenden von Ophir“) erweist sich in „Laster und Tugend“ als kundiger Kenner Saudi-Arabiens, und zwar gerade auch der Lebenswelten, die den westlichen Touristen in der Regel verschlossen bleiben. Sein britischer Protagonist Peter Maddox kennt beide Welten und macht seinem neuen Kollegen bei einer Rundtour – und damit auch den wahrscheinlich ebenso unkundigen Lesern – die Regeln und Gesetze in dem fremden Land dar, in dem die Religionspolizei darüber wacht, dass gerade die aus vielen Nationen kommenden Beduinen und Zugereisten die Regeln des Koran einhalten, dass vor allem die Westler nicht über die Stränge schlagen. Es ist ein Szenario, das Thriller-Plots à la Hollywood gar nicht so unähnlich ist, außer dass die Maske des Glaubens alles zu verschleiern droht. Mit Peter Maddox hat Freeman dazu einen herrlich subversiven, nicht unbedingt sympathischen, aber authentisch wirkenden Protagonisten geschaffen, der sich zwar mit den örtlichen Gegebenheiten arrangiert hat und auch ironische Spitzen gegen Juroren der „Saudi Press Awards“ ablässt, aber auch unter Trennung von seiner aus Simbabwe stammenden Frau Martina und der gemeinsamen Tochter Kerry zu leiden hat. Der Roman spielt zwar im fernen Saudi-Arabien, verhandelt aber vor exotischer Kulisse ganz ähnliche Themen wie in der westlichen Hemisphäre spielenden Thriller. Das ist unterhaltsam und spannend geschrieben und eröffnet dem Publikum eine erfrischend andere Perspektive auf Verbrechen und Korruption.