(btb, 394 S., Tb.)
Dass das Leben die besten Geschichten schreibt, durfte der
schottische Bestseller-Autor John Niven („Coma“, „Kill Your Friends“,
„Old School“) bereits früh in eigener Sache feststellen, hat er in seinem
Debütroman „Music From Big Pink“ doch seine eigenen Erfahrungen als
A&R-Manager in einer Plattenfirma in die fiktive Story über das Entstehen
des gleichnamigen Debütalbums von The Band im Jahre 1967 einfließen zu
lassen. Weitaus persönlicher geht es in Nivens Buch „O Brother“
zu, verarbeitet er darin doch den Selbstmord seines geliebten, zwei Jahre
älteren Bruders Gary.
Ende August 2010 erhält John Niven von seiner Schwiegermutter,
einer im Ruhestand befindlichen Ärztin, den eigentlich seit langer Zeit schon
erwarteten Anruf, mit dem sie ihn darüber informiert, dass sein Bruder Gary auf
der Intensivstation im Krankenhaus in der Nähe von Kilmarnock liegt. Offenbar
habe er in der Nacht den Notruf angerufen und erklärt, er sei depressiv und
habe versucht, sich umzubringen. Den Transport mit den Sanitätern ins Krankenhaus
übersteht Gary noch unbeschadet, doch in einem unbeaufsichtigten Moment
versucht er sich, mit seinem Pullover zu erhängen. Während sein größerer Bruder
zusammen mit seiner Mutter darauf warten, dass Gary aus dem künstlichen Koma
erwacht, erinnert sich John daran, wie bereits der fünfjährige Gray mit
gefletschten Zähnen, angeschwollenen Halsschlagadern und Schweißperlen auf der
Stirn seinen Unmut verkündete. In der Erinnerung an das Leben mit seinem Bruder
kommt der Autor nicht umhin, auch seinen eigenen Lebensweg zu beschreiben und
dabei zu konstatieren, wie unterschiedlich Gary und sein älterer Bruder John
gewesen sind. Obwohl zwei Jahre jünger, war Gary stets der Coolere von beiden,
hat aber nie irgendetwas zu Ende gemacht. Während John in der Schule glänzt und
sich für die
„Ich habe keine Ahnung, warum manche Menschen einfach nicht in der Lage sind, ein selbstständiges Leben zu führen. Warum sie die tägliche Tretmühle aus Gas- und Stromrechnungen, Steuererklärungen, Lebens-, Gebäude- und Hausratversicherungen, Hypotheken, Lebensmitteleinkäufen, Überziehungsrahmen, Zahlungszielen und dem Rausstellen der Mülltonnen hoffnungslos überfordert. Sie können nicht einfach die Zähne zusammenbeißen und weitermachen. Später, wenn mir dieses Wissen nichts mehr nützt, werde ich sehr viel schlauer sein, aber damals habe ich keine Ahnung, was es tatsächlich bedeutet, depressiv und suizidal zu sein.“ (S. 337)
Seiner Erzählung hat John Niven ein Zitat von George
Orwell vorangestellt: „Einer Autobiografie ist nur zu trauen, wenn sie auch
etwas Beschämendes enthüllt.“
Nach seinen wunderbar humorvollen, mit durchgedrehten Plots
versehenen Romanen überrascht John Niven mit einer einfühlsamen
Erzählung, die ihm in dieser schonungslosen Offenheit, mit diesem schmerzhaften
Realismus wohl niemand zugetraut hätte. Ausgehend vom Zeitpunkt von Garys
finalen Selbstmordversuch rekapituliert John Niven – in nicht
chronologischer Reihenfolge - die wichtigsten Stationen im Leben der beiden
Brüder, wobei das schwierige Verhältnis zwischen Gary und seinem ebenfalls früh
verstorbenen Vater ebenso beleuchtet wird wie John Nivens eigener
Werdegang. Das verleiht dem Buch eine frische andere Perspektive und einen
humorvolleren Ton, als wenn sich der Autor allein auf die tragische
Lebensgeschichte seines Bruders konzentriert hätte. Dabei bekommt man als Leser
einen wunderbaren Einblick in das Lebensgefühl in den ausgehenden 1970er Jahren
in Schottland und England, vom Leben im Musikbusiness, aber auch vom Leben mit
den stets verfügbaren Partydrogen. John Niven findet in „O Brother“
die richtige Balance zwischen Trauerbewältigung und popkultureller Leichtigkeit,
hinterfragt dabei immer wieder kritisch seinen eigenen Umgang mit der Tragödie,
ohne sich selbst in der Hölle schmoren zu lassen. Das Beschämende in Orwells
Sinne trifft hier auf die buntesten Facetten des Lebens.

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