John Niven – „O Brother“

Samstag, 25. Juli 2026

(btb, 394 S., Tb.)
Dass das Leben die besten Geschichten schreibt, durfte der schottische Bestseller-Autor John Niven („Coma“, „Kill Your Friends“, „Old School“) bereits früh in eigener Sache feststellen, hat er in seinem Debütroman „Music From Big Pink“ doch seine eigenen Erfahrungen als A&R-Manager in einer Plattenfirma in die fiktive Story über das Entstehen des gleichnamigen Debütalbums von The Band im Jahre 1967 einfließen zu lassen. Weitaus persönlicher geht es in Nivens Buch „O Brother“ zu, verarbeitet er darin doch den Selbstmord seines geliebten, zwei Jahre älteren Bruders Gary.
Ende August 2010 erhält John Niven von seiner Schwiegermutter, einer im Ruhestand befindlichen Ärztin, den eigentlich seit langer Zeit schon erwarteten Anruf, mit dem sie ihn darüber informiert, dass sein Bruder Gary auf der Intensivstation im Krankenhaus in der Nähe von Kilmarnock liegt. Offenbar habe er in der Nacht den Notruf angerufen und erklärt, er sei depressiv und habe versucht, sich umzubringen. Den Transport mit den Sanitätern ins Krankenhaus übersteht Gary noch unbeschadet, doch in einem unbeaufsichtigten Moment versucht er sich, mit seinem Pullover zu erhängen. Während sein größerer Bruder zusammen mit seiner Mutter darauf warten, dass Gary aus dem künstlichen Koma erwacht, erinnert sich John daran, wie bereits der fünfjährige Gray mit gefletschten Zähnen, angeschwollenen Halsschlagadern und Schweißperlen auf der Stirn seinen Unmut verkündete. In der Erinnerung an das Leben mit seinem Bruder kommt der Autor nicht umhin, auch seinen eigenen Lebensweg zu beschreiben und dabei zu konstatieren, wie unterschiedlich Gary und sein älterer Bruder John gewesen sind. Obwohl zwei Jahre jünger, war Gary stets der Coolere von beiden, hat aber nie irgendetwas zu Ende gemacht. Während John in der Schule glänzt und sich für die

„Ich habe keine Ahnung, warum manche Menschen einfach nicht in der Lage sind, ein selbstständiges Leben zu führen. Warum sie die tägliche Tretmühle aus Gas- und Stromrechnungen, Steuererklärungen, Lebens-, Gebäude- und Hausratversicherungen, Hypotheken, Lebensmitteleinkäufen, Überziehungsrahmen, Zahlungszielen und dem Rausstellen der Mülltonnen hoffnungslos überfordert. Sie können nicht einfach die Zähne zusammenbeißen und weitermachen. Später, wenn mir dieses Wissen nichts mehr nützt, werde ich sehr viel schlauer sein, aber damals habe ich keine Ahnung, was es tatsächlich bedeutet, depressiv und suizidal zu sein.“ (S. 337)

Seiner Erzählung hat John Niven ein Zitat von George Orwell vorangestellt: „Einer Autobiografie ist nur zu trauen, wenn sie auch etwas Beschämendes enthüllt.“
Nach seinen wunderbar humorvollen, mit durchgedrehten Plots versehenen Romanen überrascht John Niven mit einer einfühlsamen Erzählung, die ihm in dieser schonungslosen Offenheit, mit diesem schmerzhaften Realismus wohl niemand zugetraut hätte. Ausgehend vom Zeitpunkt von Garys finalen Selbstmordversuch rekapituliert John Niven – in nicht chronologischer Reihenfolge - die wichtigsten Stationen im Leben der beiden Brüder, wobei das schwierige Verhältnis zwischen Gary und seinem ebenfalls früh verstorbenen Vater ebenso beleuchtet wird wie John Nivens eigener Werdegang. Das verleiht dem Buch eine frische andere Perspektive und einen humorvolleren Ton, als wenn sich der Autor allein auf die tragische Lebensgeschichte seines Bruders konzentriert hätte. Dabei bekommt man als Leser einen wunderbaren Einblick in das Lebensgefühl in den ausgehenden 1970er Jahren in Schottland und England, vom Leben im Musikbusiness, aber auch vom Leben mit den stets verfügbaren Partydrogen. John Niven findet in „O Brother“ die richtige Balance zwischen Trauerbewältigung und popkultureller Leichtigkeit, hinterfragt dabei immer wieder kritisch seinen eigenen Umgang mit der Tragödie, ohne sich selbst in der Hölle schmoren zu lassen. Das Beschämende in Orwells Sinne trifft hier auf die buntesten Facetten des Lebens.

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