(Ullstein, 656 S., HC)
Es gibt sie noch, diese unwiderstehlich sogartigen
Familienromane, deren Figuren einem so ans Herz wachsen wie bei einer langjährigen
Lieblingsserie im Fernsehen. Über 650 Seiten und mehrere Jahrzehnte webt der US-amerikanische
Autor Patrick Ryan in seinem Roman „Buckeye“ ein dichtes Netz, in dem
zwei Paare und ihre Kinder auf schicksalhafte Weise miteinander verbunden sind.
Dass Cal Jenkins 1920 mit einem um fünf Zentimeter
verkürzten Bein auf die Welt kam, bedeutete Jahre später, nachdem Japan Pearl
Harbor bombardiert hatte, vor allem eins: Cal wäre bei der Musterung als
dienstuntauglich eingestuft worden. Er lebt wie die als Kind von ihrer Mutter ausgesetzten
Margaret Salt, ihr Mann Felix und Becky Hanover in der 1857 von einer Schar
Händlern und ihren Familien gegründeten Kleinstadt Bonhomie im nordwestlichen Ohio.
Als Truman die Kapitulation der Deutschen im Radio verkündet, arbeitet Cal
gerade im Haushaltsladen seines Schwiegervaters und wird angesichts der frohen
Botschaft aus heiterem Himmel von Margaret geküsst. Seiner Frau Becky hätte das
gar nicht gefallen, aber Cal wiederum kann sich auch schwer damit abfinden,
dass Becky wildfremde Leute zu sich nach Hause einlädt, um für sie durch Séancen,
die sie in der Zeitung inseriert, Kontakt zu Verstorbenen aufzunehmen. Im
Gegensatz zu Cal konnte sein Sohn Skip sehr wohl zur Army. Die Kriege, erst der
Zweite Weltkrieg, dann auch der Vietnam-Krieg erweisen sich als schicksalshaft
für die Bewohner von Bonhomie. Margarets Mann Felix lebt auf dem Kriegsschiff
erstmals seine bislang versteckte Homosexualität mit einem rangniederen
Soldaten namens Augie aus. Als das Schiff zerstört wird und Augie umkommt, ist
Felix nicht mehr derselbe, als er nach Hause zurückkehrt. Und auch Margaret ist
von der Nachricht, dass ihr Mann doch noch lebt, so geschockt, dass sie die zuvor
beendete Affäre mit Cal noch einmal kurz aufleben lässt und bald nach der
Geburt ihres Kindes Tom für Stadt verlässt. Während Skip und Tom bald
unzertrennlich sind, hinterfragen die Erwachsenen die Entscheidungen, die sie
in ihrem Leben getroffen haben…
„Aber die Kinder. Bei all diesem Chaos ging es den Kindern gut? Eltern auf der ganzen Welt – die glücklichen, elenden und alle dazwischen – fragten sich das Tag und Nacht: Geht es den Kindern gut? Fällen sie die richtigen Entscheidungen? Werden sie ein besseres Leben haben als wir? Dann die Frage, auf die all die anderen Fragen hinausliefen: Lieben sie uns?“
Ausgehend von Cals schicksalhaftem Geburtsfehler entfaltet Patrick
Ryan in „Buckeye“ ein detailreiches Familienepos, bei dem er sich
für jede einzelne der begrüßenswert wenigen Figuren sehr viel Zeit nimmt, ihre
persönliche Geschichte zu erzählen, wobei er jeweils in die Vergangenheit
springt, um die Verhältnisse aufzuklären, in denen Cal, Becky, Margaret und
Felix aufgewachsen sind, um dann ebenso ausgiebig die letztlich dramatischen
Verwicklungen zu beschreiben, die außerhalb der beiden Ehen stattfinden. Bei
aller Tragik bleibt der Autor sehr gelassen in seinen Charakterisierungen, neigt
weder zu Übertreibungen noch zu klischeehaften Vereinfachungen. Stattdessen
vermittelt Ryan auf angenehm einfühlsame Weise vor dem Hintergrund der
beiden Kriege und Zäsuren wie die Watergate-Affäre, die Ermordung John F.
Kennedys und Martin Luther Kings die oft bittere Konsequenz
falscher oder zumindest bequemer Entscheidungen, ohne mit seinen Figuren ins
Gericht zu gehen. Trotz einiger verzeihlicher Längen erweist sich „Buckeye“
als grandioser, sprachgewaltiger Familienroman mit lebensecht wirkenden
Figuren.
