Jo Nesbø – „Insel der Ratten“

Donnerstag, 13. August 2026

(Ullstein, 208 S., HC)
Jenseits seiner erfolgreichen, erst kürzlich für Netflix verfilmten Romanserie um den Kriminalkommissar Harry Hole hat der norwegische Bestseller-Autor Jo Nesbø immer wieder auch eigenständige, die Genres wechselnde, qualitativ aber auch sehr wechselhafte Romane veröffentlicht. Mit „Insel der Ratten“ veröffentlicht Ullstein nun Nesbøs bereits 2021 veröffentlichten Beitrag zu einer norwegischen Story-Sammlung als eigenständigen Titel. An die vom Verlag als Vergleich zitierten Klassiker wie William Goldings „Herr der Fliegen“ oder George Orwells „Farm der Tiere“ kommt Nesbøs Kurzroman nicht heran, präsentiert sich aber als dystopische Weiterentwicklung der Erfahrungen, die wir alle während der Corona-Pandemie machen mussten.
Nachdem eine Pandemie (wohl nicht nur) in den USA den Ausnahmezustand hervorgerufen hat, in dem nur noch das Gesetz des Stärkeren gilt und sich die Reichen noch etwas besser mit dem versorgen können, was jeder braucht – Lebensmittel, Waffen, Benzin, ein Dach über dem Kopf, Kleidung und Drogen, aber auch Frauen, um die Gene des Mannes weitergeben zu können -, warten der schwerreiche Unternehmer Colin Lowe mit seiner Frau Liza, seiner Tochter Beth und seinem Jugendfreund und Justiziar Will Adams auf dem Dach eines von Sicherheitsleuten streng abgeschirmten Wolkenkratzers darauf, mit dem Helikopter auf das Schiff New Frontier gebracht zu werden, das 3500 gut betuchten und gesponserten Menschen die Chance bietet, Monate zu überleben, ohne einen Hafen anlaufen zu müssen. Colins Sohn Brad ist allerdings nicht dabei. Er zieht es vor, als Chef einer Bande, die sich „Chaos“ nennt, das Land zu plündern. Leider macht er dabei nicht mal vor Wills Tochter Amy Halt, die er – vermeintlich aus Liebe – entführt. Als Will sich auf die Suche nach Brad macht und ihn schließlich festsetzt, zieht er natürlich den Zorn seines Freundes und Chefs auf sich, der sich nach wie vor über dem Gesetz sieht und die Polizei hinter sich weiß…

„Ich selbst war dafür, gar keine Strafe auszusprechen, solange wir den Angeklagten keinen fairen Prozess machen konnten. Denn genau darin bestand ja der Unterschied zwischen ihnen und uns, in unserem Verzicht auf Rache, in unserer Treue gegenüber dem Rechtsverständnis, auf dessen Grundlage unsere Vorväter das Land aufgebaut hatten. Wir wollten doch als gutes Beispiel vorangehen und diesen jungen Menschen zeigen, dass es möglich ist, selbst in chaotischen Zeiten zivilisiert zu handeln. Es gibt immer einen Weg zurück.“

Nesbø kommt in seinem Kurzroman ohne Einleitung aus und beginnt seine dystopische Story am späteren Wendepunkt, wenn die Entscheidung ansteht, wie Will und Colin mit dem kriminellen Verhalten von Brads rebellischen Sohn umgehen, ob Rache oder Vernunft obsiegen. Der handlungsgetriebene Roman wird überwiegend aus Wills Perspektive erzählt, aber auch aus Brads oder seiner Gefährtin Yvonne, was es oft schwer macht, der Handlung zu folgen, denn mehr als die Psychologie der Protagonisten steht die Handlung im Vordergrund, die oft genug gewaltverherrlichend wirken mag, letztlich aber nur die Verrohung der menschlichen Gesellschaft veranschaulicht, wenn die moralischen und gesetzlichen Korrektive ausgesetzt sind. Insofern stellt „Insel der Ratten“ tatsächlich einen Pageturner dar, der Colin, Will, Brad, Yvonne und weitere Figuren wie den Kleinwüchsigen Dumbo, Kevin und Maria aus Brads Bandenumfeld in immer neuen Situationen vorstellt, ohne dass man ihnen nahekommt oder gar Sympathien entgegenbringt.   
Nesbø hatte während der Covid-Pandemie das Gefühl, dass der Weltuntergang bevorstehe, weshalb seine Geschichte genau diese Einstellung zum Ausdruck bringt. Das ist nicht besonders originell ausgefallen, aber durch die flüssige Sprache und das actionreiche Setting spannend und unterhaltsam.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen