Joe Hill – „King Sorrow I“

Donnerstag, 24. September 2026

(Heyne, 592 S., HC)
Auch wenn Joe Hill längst in die Fußstapfen seines berühmten Vaters Stephen King getreten ist, hat er längst nicht dessen Produktivität erreicht. Sein letzter Roman „Fireman“ liegt immerhin schon zehn Jahre zurück. Dafür meldet sich Hill („Christmasland“, „Teufelszeug“, „Blind“) mit seinem Epos „King Sorrow“ umso eindrucksvoller zurück. Hierzulande erscheint das Werk „aus satztechnischen Gründen“, wie es von Seiten des Verlags heißt, in zwei dann doch insgesamt sehr kostspieligen Hardcover-Ausgaben. Dafür wird man mit einem thematisch ungewöhnlichen Fantasy-Roman belohnt, der beweist, dass der Autor längst aus dem Schatten seines übermächtig wirkenden Vaters herausgetreten ist.
Als Arthur Oakes, engagierter und mit einem Stipendium ausgestatteter Student am Rackham College, eines Tages seine Mutter, die selbsternannte Predigerin Dr. Erin Oakes, in der Black-Cricket-Frauenbesserungsanstalt in Vermont besucht, hilft er einer jungen Frau, die mit ihrem Band-Shirt nicht eingelassen wird, weil dort Waffen abgebildet sind, mit seinem Hoodie aus – mit fatalen Folgen: Tana Nighswanders Schwester Jayne und ihre Clique erpressen Arthur nämlich damit, dass er wertvolle Bücher aus der Universitätsbibliothek stehlen soll – ansonsten wird seine Mutter keine ruhige Minute mehr in Black Cricket verbringen. Das wertvollste Buch sind die in seiner eigenen Haut eingebundenen Memoiren von Enoch Crane, der sich nicht nur selbst ein Brandmal in Kreuzform beigebracht hat, um die Stimme des Teufels zum Verstummen zu bringen, sondern auch den Drachen King Sorrow aus der Großen Dunkelheit heraufbeschwor. Als Arthur und seine Freunde Colin, Donna, Van, Allie und Gwen in einer Silvesternacht die Formel aus dem Journal zitieren, taucht der Drache tatsächlich auf und verlangt fortan regelmäßig ein neues Opfer von ihnen, wollen sie selbst nicht in die Fänge des äußerst gewitzten Drachen geraten. Auch wenn sich die Clique auf einige wirklich scheußliche Exemplare der menschlichen Gattung einigen kann, entwickelt sich eine bedrohliche Eigendynamik, die nicht mehr aufzuhalten ist…

„Der Drache jagte seit 1990 ihre Todeskandidaten, also seit mindestens fünf Jahren. Und sie alle hatten Stoßgebete gesprochen. Sei alle hatten gelitten, geblutet und Angst gehabt, wären mit Jesus, Allah oder den Sternen einen Pakt eingegangen. Aber immer hatte es im Feuer geendet. Allie hatte keine Vorstellung davon, welche Kraft nötig war, um King Sorrows Schuppen zu durchstoßen, aber sie war sich ziemlich sicher, dass auch jedes noch so gottesfürchtige Gebet davon abprallte.“ (S. 450)

Wenn Joe Hill eines von seinem Vater gelernt hat, dann übernatürliche Dinge wie selbstverständlich in die Wirklichkeit ganz normaler Menschen eindringen zu lassen. Dabei braucht die epische Geschichte gar keinen langen Anlauf. Zwar nimmt sich der Autor die nötige Zeit, um vor allem Arthur, seine in der Frauenbesserungsanstalt sitzende und als Predigerin agierende Mutter vorzustellen und die Verquickung mit den Nighswander-Schwestern in Gang zu bringen, aber aus der Erpressung, die Arthur dazu zwingt, wertvolle Bücher aus der Rackham-Bibliothek zu stehlen, entwickelt sich ganz natürlich eine mit okkulten Elementen durchsetzte Dark-Fantasy-Story, die es in sich hat. Joe Hill ist erfahren genug, um die Spannungsschraube sukzessive und gekonnt anzuziehen, seine im Mittelpunkt des Geschehens stehende Clique mit immer neuen Herausforderungen zu konfrontieren. Der Drache King Sorrow kommt dabei ungewöhnlich realistisch daher, und dem Autor gelingt es trotzdem, bei all dem körperlich erfahrbaren Horror immer wieder herrlich schwarzen Humor durchklingen zu lassen, bei dem einem zwar das Lachen im Halse stecken bleibt, der aber den Plot mit einer besonderen Note versieht, die auf die Fortsetzung und das Schicksal der College-Clique neugierig macht.

Irvine Welsh – „Men in Love“

Sonntag, 13. September 2026

(Kunstmann, 560 S., HC)
Mit seinem 1993 veröffentlichten Debütroman „Trainspotting“ avancierte der Schotte Irvine Welsh zum Shooting-Star der britischen Literaturszene, zumal das Buch drei Jahre später durch Danny Boyles kongeniale Verfilmung weltweit durch die Decke ging. Seither sind mit „Skagboys“ ein Prequel und mit „Porno“ und „Die Hosen der Toten“ zwei Sequels erschienen, die die Geschichte der aus Edinburgh stammenden Clique um Mark „Rent Boy“ Renton, Simon „Sick Boy“ Williamson, Daniel „Spud“ Murphy, Robert „Second Prize“ McLaughlin und Francis „Franco“ Begbie weitererzählten. Nun erscheint mit „Men in Love“ ein weiteres Buch um die frühere Drogen-Clique.
Während Mark Renton sich nach Amsterdam abgesetzt hat, nachdem er seine Kumpels bei einem Heroindeal abgezockt hatte, versuchen seine früheren Weggefährten sich in der Heimat ein neues Leben aufzubauen. Sick Boy verfolgt eine Karriere als Pornofilmer und besucht Entzugssitzungen, um seine räuberischen Machenschaften voranzutreiben. Dabei verliebt er sich in Amanda Genevieve Coningsby, die rebellische Tochter einer vornehmen Familie mit einem prächtigen Anwesen an der Themse. Amanda lässt sich nicht nur auf eine Liaison mit dem bekennenden Schürzenjäger ein, sondern schockiert ihre Eltern auch noch mit der Ankündigung, den aus einfachen Verhältnissen stammenden jungen Mann zu ehelichen. Schließlich ist ein gemeinsames Kind unterwegs. Bis zur Hochzeit, die auf dem herrschaftlichen Coningsby-Anwesen stattfinden soll, unternimmt Sick Boy einen Abstecher nach Paris, um mit ein paar therapeutischen Seitensprüngen auszutesten, ob er für eine romantische Verbindung gewappnet ist. Vor allem reizt es ihn aber auch, seinen gesellschaftlichen Ambitionen näherzukommen und Amandas snobistischen Eltern die Stirn zu bieten.

„Ihre Welt besteht aus prachtvollen Häusern, vornehmen Internaten, Pferden, Ställen und teuren Auslandsreisen. Meine aus schachtelartigen Sozialwohnungen, Fußballgeschwätz, Drogen, Diebstahl, Betrug und Zuhälterei. Was auch immer die Zukunft bringen mag, wir haben jemanden gezeugt, der für immer Teil unserer beiden Leben sein und uns stets verbinden wird. Wenn es mir über den Kopf wächst, male ich mir die zahlreichen Möglichkeiten aus, wie alles den Bach runtergehen könnte.“

Die Handlung kommt aber vor allem durch den psychopathisch veranlagten, an krankhafter Selbstüberschätzung leidenden Begbie und den gutmütigen Verlierer Spud ins Rollen. Als sich Sick Boy und Begbie zufällig in ihrem alten Viertel Leith über den Weg laufen, sieht sich Sick Boy gezwungen, Begbie als Trauzeuge zu seiner Hochzeit einzuladen, nachdem er sich den dummen Scherz erlaubt hatte, dem homophoben Begbie in dessen Haftzeit Schwulenpornos zu schicken. Mit der Einladung will Sick Boy vor allem den Verdacht von sich ablenken, dass er hinter der Aktion gesteckt hat. So verläuft die Hochzeit nicht nur für Amandas schockierte Eltern anders als erwartet, die alte Leith-Clique lässt die Feier zu einer gewalttätigen Farce werden…
Wer „Trainspotting“ und die nachfolgenden Romane um die verkorkste Leith-Bande verschlungen hat, wird auch an „Men in Love“ seine Freude haben, denn auch wenn die Jungs mittlerweile die Finger vom Heroin lassen, sind sie doch nach wie vor süchtig – nach Ecstasy, Sex und Gewalt. Welsh gelingt es wie kein Zweiter, den besonderen Slang der schottischen Arbeiterklasse Ende der 1980er Jahre einzufangen und den Plot weniger durch die Handlung als durch die lebendigen Dialoge voranzutreiben. Mark Rentons Flucht ins Amsterdamer Exil und sein Bemühen, dort einen Rave-Club aufzubauen, wird eher am Rande weitergesponnen, im Zentrum stehen vor allem Sick Boys überraschende Liaison mit der aus feinem Hause stammenden Amanda und die kleinkriminellen Machenschaften von Begbie & Co. Die Konfrontation zwischen dem Pornofilmer/Ficker Sick Boy mit Amandas piekfeinen Eltern dient dem Autor natürlich für einige Seitenhiebe auf die sogenannte bessere Gesellschaft, doch spürbar viel mehr Freude bereitet es Welsh, seine Figuren mit frauenverachtenden Sprüchen und sexuellen Eskapaden durch die Geschichte galoppieren zu lassen. Das ist immer wieder mal sehr witzig und herrlich unanständig, verliert über die lange Distanz aber an Reiz. Vielleicht ist die Geschichte von Renton & Co. auch einfach mal auserzählt.

Sven Regener – „Frankie und Freddie“

Freitag, 4. September 2026

(Galiani, 288 S., HC)
Eigentlich ist Sven Regener (nicht nur deutschsprachigen) Musikliebhabern als Frontmann, Gitarrist, Trompeter und Texter der Berliner Rockband Element of Crime bekannt, doch seit seinem 2001 veröffentlichten Debütroman „Herr Lehmann“ sorgt Regener auch in der Literaturszene für Furore. Seither hat Regener nicht nur weitere Romane (u.a. mit Musiker-Kollege Andreas Dorau) und das Essay „Zwischen Depression und Witzelsucht. Humor in der Literatur“ veröffentlicht, sondern auch die Geschichte von Frank Lehmann und seiner Welt weitergesponnen. Mit „Frankie und Freddie“ präsentiert Regener nun den schon siebten Roman der Reihe.
Wir befinden uns am Vorweihnachtstag des Jahres 1980 im geteilten Berlin. Bevor sein älterer Bruder Manfred, den alle nur Frankie nennen, nach New York abreist, um dort sein Stipendium an der Kunsthochschule wahrzunehmen, will Frank(ie) noch Weihnachten mit ihm feiern. Doch das Wiedersehen gestaltet sich schwierig. In Kreuzberg muss Frankie feststellen, dass sein Bruder in einem Probandenhotel an einem Test mit Antidepressiva teilnahm. Ein wenig hinüber scheint er noch zu sein, denn Freddie hat Angst vor Menschen und kann nicht mehr U-Bahn fahren. Also will sein Bruder ihn mit dem alten Kadett, den ihm sein Bruder überlassen hat, am Kudamm abholen. Blöd nur, dass die Karre nicht anspringt. Stattdessen rein in die Kastenente, mit der Karl Schmidt den Winterdienst in verschiedenen Straßenzügen verrichtet. Tatsächlich schneit es in Berlin gar nicht wenig. Und so beginnt eine wilde Odyssee durch das von der Mauer getrennte Berlin, denn Freddie hat seine Tasche mit den Reiseunterlagen unter der Matratze in seinem Hotel vergessen. Offenbar ist der Saxofonspieler Artsy Fartsy damit unterwegs. Während der Schnitzeljagd muss Chrissie, in die sich Frankie verguckt hat, nicht nur mit einem Grippemittel aufgepäppelt werden, sondern auch die Batterie des Autos ausgetauscht werden. Über allem steht schließlich noch die Frage im Raum, ob die Lehmann-Brüder nicht doch Weihnachten bei ihren Eltern in Bremen verbringen sollten…

„Er machte einen fröhlichen Eindruck, es war überhaupt erstaunlich, fand Frank, wie sehr sein Bruder sich von dem ganzen Probandenkram erholt zu haben schien, eben noch ,Ich kann nicht U-Bahn fahren!‘ und Angstattacken oder was immer das war, außerdem wirres Gerede und einen auf hilflos machen und jetzt schon Frankie alter Fuchs und Freddie voll ein der Lage gewachsener Oberchecker, wie es aussah, ein unerwartetes Wiedersehen mit dem alten Angeber- und Kunstfuzzi-Freddie, dachte Frank etwas angefressen, der andere Freddie, den er in den letzten Wochen immer wieder am Kudamm besucht hatte, war ihm in der Rückschau lieber, der hätte ihn ruhig noch ein bisschen erhalten bleiben können, eigentlich übel, dachte Frank, dass man so denkt, irgendwie selbstsüchtig, dass man sich den angeschlagenen Freddie zurückwünscht, dachte er, aber so war es nun mal und morgen kann man ja wieder selbstlos sein, dachte er, morgen ist ja Weihnachten…“

An den besonderen Regener-Humor dürfte sich das interessierte Publikum bereits seit den frühen Romanen gewöhnt haben. Den gibt es in „Frankie und Freddie“ nämlich in Reinkultur. Endlose Sätze, die vor allem Frankies wilde Gedankengänge auszudrücken versuchen, erfordern schon eine gewisse Konzentration, doch zum Glück werden die oft nicht zielführenden inneren Monologe regelmäßig durch die sehr lebendigen und komischen Dialoge aufgepeppt, die den eigentlichen Reiz der Geschichte ausmachen. Darüber hinaus bietet der wilde Trip der Lehman-Crew auch einen nostalgischen Blick auf das Berlin der 1980er Jahre mit den vielen Geister-U-Bahnhöfen. Vor allem aber ist der überschaubar lange Roman eine ebenso witzige wie einfühlsame Geschichte über Freunde, Familie und Kollegen und die Art, wie man offen miteinander umgeht und sich weiterhin in die Augen sehen kann.