Sven Regener – „Frankie und Freddie“

Freitag, 4. September 2026

(Galiani, 288 S., HC)
Eigentlich ist Sven Regener (nicht nur deutschsprachigen) Musikliebhabern als Frontmann, Gitarrist, Trompeter und Texter der Berliner Rockband Element of Crime bekannt, doch seit seinem 2001 veröffentlichten Debütroman „Herr Lehmann“ sorgt Regener auch in der Literaturszene für Furore. Seither hat Regener nicht nur weitere Romane (u.a. mit Musiker-Kollege Andreas Dorau) und das Essay „Zwischen Depression und Witzelsucht. Humor in der Literatur“ veröffentlicht, sondern auch die Geschichte von Frank Lehmann und seiner Welt weitergesponnen. Mit „Frankie und Freddie“ präsentiert Regener nun den schon siebten Roman der Reihe.
Wir befinden uns am Vorweihnachtstag des Jahres 1980 im geteilten Berlin. Bevor sein älterer Bruder Manfred, den alle nur Frankie nennen, nach New York abreist, um dort sein Stipendium an der Kunsthochschule wahrzunehmen, will Frank(ie) noch Weihnachten mit ihm feiern. Doch das Wiedersehen gestaltet sich schwierig. In Kreuzberg muss Frankie feststellen, dass sein Bruder in einem Probandenhotel an einem Test mit Antidepressiva teilnahm. Ein wenig hinüber scheint er noch zu sein, denn Freddie hat Angst vor Menschen und kann nicht mehr U-Bahn fahren. Also will sein Bruder ihn mit dem alten Kadett, den ihm sein Bruder überlassen hat, am Kudamm abholen. Blöd nur, dass die Karre nicht anspringt. Stattdessen rein in die Kastenente, mit der Karl Schmidt den Winterdienst in verschiedenen Straßenzügen verrichtet. Tatsächlich schneit es in Berlin gar nicht wenig. Und so beginnt eine wilde Odyssee durch das von der Mauer getrennte Berlin, denn Freddie hat seine Tasche mit den Reiseunterlagen unter der Matratze in seinem Hotel vergessen. Offenbar ist der Saxofonspieler Artsy Fartsy damit unterwegs. Während der Schnitzeljagd muss Chrissie, in die sich Frankie verguckt hat, nicht nur mit einem Grippemittel aufgepäppelt werden, sondern auch die Batterie des Autos ausgetauscht werden. Über allem steht schließlich noch die Frage im Raum, ob die Lehmann-Brüder nicht doch Weihnachten bei ihren Eltern in Bremen verbringen sollten…

„Er machte einen fröhlichen Eindruck, es war überhaupt erstaunlich, fand Frank, wie sehr sein Bruder sich von dem ganzen Probandenkram erholt zu haben schien, eben noch ,Ich kann nicht U-Bahn fahren!‘ und Angstattacken oder was immer das war, außerdem wirres Gerede und einen auf hilflos machen und jetzt schon Frankie alter Fuchs und Freddie voll ein der Lage gewachsener Oberchecker, wie es aussah, ein unerwartetes Wiedersehen mit dem alten Angeber- und Kunstfuzzi-Freddie, dachte Frank etwas angefressen, der andere Freddie, den er in den letzten Wochen immer wieder am Kudamm besucht hatte, war ihm in der Rückschau lieber, der hätte ihn ruhig noch ein bisschen erhalten bleiben können, eigentlich übel, dachte Frank, dass man so denkt, irgendwie selbstsüchtig, dass man sich den angeschlagenen Freddie zurückwünscht, dachte er, aber so war es nun mal und morgen kann man ja wieder selbstlos sein, dachte er, morgen ist ja Weihnachten…“

An den besonderen Regener-Humor dürfte sich das interessierte Publikum bereits seit den frühen Romanen gewöhnt haben. Den gibt es in „Frankie und Freddie“ nämlich in Reinkultur. Endlose Sätze, die vor allem Frankies wilde Gedankengänge auszudrücken versuchen, erfordern schon eine gewisse Konzentration, doch zum Glück werden die oft nicht zielführenden inneren Monologe regelmäßig durch die sehr lebendigen und komischen Dialoge aufgepeppt, die den eigentlichen Reiz der Geschichte ausmachen. Darüber hinaus bietet der wilde Trip der Lehman-Crew auch einen nostalgischen Blick auf das Berlin der 1980er Jahre mit den vielen Geister-U-Bahnhöfen. Vor allem aber ist der überschaubar lange Roman eine ebenso witzige wie einfühlsame Geschichte über Freunde, Familie und Kollegen und die Art, wie man offen miteinander umgeht und sich weiterhin in die Augen sehen kann.