Patrick Ryan – „Buckeye“

Montag, 31. August 2026

(Ullstein, 656 S., HC)
Es gibt sie noch, diese unwiderstehlich sogartigen Familienromane, deren Figuren einem so ans Herz wachsen wie bei einer langjährigen Lieblingsserie im Fernsehen. Über 650 Seiten und mehrere Jahrzehnte webt der US-amerikanische Autor Patrick Ryan in seinem Roman „Buckeye“ ein dichtes Netz, in dem zwei Paare und ihre Kinder auf schicksalhafte Weise miteinander verbunden sind.
Dass Cal Jenkins 1920 mit einem um fünf Zentimeter verkürzten Bein auf die Welt kam, bedeutete Jahre später, nachdem Japan Pearl Harbor bombardiert hatte, vor allem eins: Cal wäre bei der Musterung als dienstuntauglich eingestuft worden. Er lebt wie die als Kind von ihrer Mutter ausgesetzten Margaret Salt, ihr Mann Felix und Becky Hanover in der 1857 von einer Schar Händlern und ihren Familien gegründeten Kleinstadt Bonhomie im nordwestlichen Ohio. Als Truman die Kapitulation der Deutschen im Radio verkündet, arbeitet Cal gerade im Haushaltsladen seines Schwiegervaters und wird angesichts der frohen Botschaft aus heiterem Himmel von Margaret geküsst. Seiner Frau Becky hätte das gar nicht gefallen, aber Cal wiederum kann sich auch schwer damit abfinden, dass Becky wildfremde Leute zu sich nach Hause einlädt, um für sie durch Séancen, die sie in der Zeitung inseriert, Kontakt zu Verstorbenen aufzunehmen. Im Gegensatz zu Cal konnte sein Sohn Skip sehr wohl zur Army. Die Kriege, erst der Zweite Weltkrieg, dann auch der Vietnam-Krieg erweisen sich als schicksalshaft für die Bewohner von Bonhomie. Margarets Mann Felix lebt auf dem Kriegsschiff erstmals seine bislang versteckte Homosexualität mit einem rangniederen Soldaten namens Augie aus. Als das Schiff zerstört wird und Augie umkommt, ist Felix nicht mehr derselbe, als er nach Hause zurückkehrt. Und auch Margaret ist von der Nachricht, dass ihr Mann doch noch lebt, so geschockt, dass sie die zuvor beendete Affäre mit Cal noch einmal kurz aufleben lässt und bald nach der Geburt ihres Kindes Tom für Stadt verlässt. Während Skip und Tom bald unzertrennlich sind, hinterfragen die Erwachsenen die Entscheidungen, die sie in ihrem Leben getroffen haben…

„Aber die Kinder. Bei all diesem Chaos ging es den Kindern gut? Eltern auf der ganzen Welt – die glücklichen, elenden und alle dazwischen – fragten sich das Tag und Nacht: Geht es den Kindern gut? Fällen sie die richtigen Entscheidungen? Werden sie ein besseres Leben haben als wir? Dann die Frage, auf die all die anderen Fragen hinausliefen: Lieben sie uns?“

Ausgehend von Cals schicksalhaftem Geburtsfehler entfaltet Patrick Ryan in „Buckeye“ ein detailreiches Familienepos, bei dem er sich für jede einzelne der begrüßenswert wenigen Figuren sehr viel Zeit nimmt, ihre persönliche Geschichte zu erzählen, wobei er jeweils in die Vergangenheit springt, um die Verhältnisse aufzuklären, in denen Cal, Becky, Margaret und Felix aufgewachsen sind, um dann ebenso ausgiebig die letztlich dramatischen Verwicklungen zu beschreiben, die außerhalb der beiden Ehen stattfinden. Bei aller Tragik bleibt der Autor sehr gelassen in seinen Charakterisierungen, neigt weder zu Übertreibungen noch zu klischeehaften Vereinfachungen. Stattdessen vermittelt Ryan auf angenehm einfühlsame Weise vor dem Hintergrund der beiden Kriege und Zäsuren wie die Watergate-Affäre, die Ermordung John F. Kennedys und Martin Luther Kings die oft bittere Konsequenz falscher oder zumindest bequemer Entscheidungen, ohne mit seinen Figuren ins Gericht zu gehen. Trotz einiger verzeihlicher Längen erweist sich „Buckeye“ als grandioser, sprachgewaltiger Familienroman mit lebensecht wirkenden Figuren.

Ron Currie – (Die Patin von Maine: 1) „Die Patin von Maine“

Dienstag, 25. August 2026

(btb, 416 S., Pb.)
Ron Currie machte in seiner Heimat bereits mit seinen ersten beiden Büchern „God Is Dead“ (2007) und „Everything Matters!“ Furore, wurde mit Autoren wie Kurt Vonnegut und Raymond Carver und heimste die ersten Auszeichnungen wie den Young Lions Fiction Award von der New York Public Library und den Metcalf Award von der American Academy of Arts and Letters ein. Acht Jahre nach seinem letzten Roman „The One-Eyed Man“ betritt Currie, der in den vergangenen Jahren vor allem Drehbücher für Apple TV+, AMC Studios, ITV America und Amblin Television mit seinem vierten Roman endlich auch deutschsprachiges Terrain. „Die Patin von Maine“, übersetzt von John-Niven-Stamm-Übersetzer Stephan Glietsch, bildet den Auftakt einer Roman-Reihe und zeigt, warum der Autor beim Fernsehen so beliebt ist.
Die Frankokanadierin Babs Dionne hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. 1968 wurde sie im zarten Alter von 14 Jahren in ihrer Heimatstadt Waterville, Maine, von einem Polizisten vergewaltigt, den sie daraufhin mit einem Messerstich in den Rücken tötete, was sie zu Pater Clement Thibault und ins Kloster führte, um einer Strafe zu entgehen – allerdings wurde sie so auch ihrer französischsprachigen Herkunft entfremdet. Fast fünfzig Jahre später kontrolliert sie mit ihrer Familie den lokalen Opiumhandel, hängt dabei mit ihren trinkfesten Freundinnen, vor allem Rita, ab und unterhält nach wie vor eine freundschaftliche Beziehung zum unorthodoxen Pater Clement, der konsequent die Aufforderung der Kirchenoberen zum Rücktritt ignoriert. Doch als ihre jüngste, methsüchtige Tochter Sis verschwindet und auch ihre andere Tochter, die Afghanistan-Veteranin Lori, zwischen Heroin und Oxycodon schwankt und beinahe an einer Überdosis draufgegangen wäre, gerät Babs‘ Welt aus den Fugen, denn hinter Sis‘ Verschwinden vermutet sie ein Gewaltverbrechen. Als dann auch noch ein sehr bestimmter Auftragskiller seine Aufwartung macht und Babs zwingt, ihr Geschäft aufzugeben und fortan für die Organisation von Ogopogo zu arbeiten, während ein außer Kontrolle geratener Waldbrand das komplette Viertel zu zerstören droht, hat Babs alle Hände voll zu tun, das Schlimmste von ihrer geliebten Familie abzuwenden…
Der Originaltitel des Romans – „The Savage, Noble Death of Babs Dionne“ – verweist bereits auf den Tod der Heldin, und nachdem der Autor in der „Prélude“ dreihundert Jahre Familiengeschichte skizziert hat, die mit Babs‘ Beichte nach ihrer Vergewaltigung und dem nachfolgendem Rachemord bei Pater Clement endet, verkündet er gleich zum Anfang des ersten Kapitels den Tod von Babs‘ Tochter Sis. Was folgt, ist eine turbulente Familiengeschichte, die vor allem durch die verzweifelte Suche nach Sis, die Erkenntnis, dass ein Serienmörder in Waterville sein Unwesen treibt, und die Konfrontation mit einer übermächtigen Konkurrenz an Spannung gewinnt.  
Ron Currie hat also alle Hände voll zu tun, all diese Handlungselemente geschickt aufeinander abzustimmen, was durch die vielen Figuren – allein schon in Babs‘ Familie – allerdings erschwert wird. Bei dem Tempo, das der Autor vorlegt, kommen einzelne Figuren arg zu kurz, allein Lori bekommt durch ihre fantasierten Begegnungen mit einem getöteten afghanischen Mädchen etwas mehr Profil, doch die Handlung verliert so schnell an Übersichtlichkeit. Es sind vor allem die pointierten Dialoge, der schwarze Humor und Babs‘ resolute Art, die Familie zusammenzuhalten, die „Die Patin von Maine“ dennoch lesenswert machen. Für März 2027 steht bereits die Fortsetzung „Wir wollen euch bluten sehen“ in den Startlöchern.

Philippe Djian – „Matador“

Sonntag, 16. August 2026

(Diogenes, 404 S., HC)
Mit seinen ersten, Anfang der 1980er Jahre erschienenen Romanen „Blau wie die Hölle“, „Erogene Zone“, „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“ und „Verraten und verkauft“ avancierte Philippe Djian zum meistgelesenen Autor seiner Generation, fesselte er sein Publikum doch durch seinen unvergleichlichen Stil und eine Sprache, die Erotik ebenso sinnlich wie obszön erscheinen ließ. Sein siebter, erstmals von Ulrich Hartmann und nicht mehr von Michael Mosblech übersetzter Roman „Matador“ bietet weiterhin erotische Kapriolen, doch steht hier ein Generationenkonflikt im Mittelpunkt, der in Südamerika angesiedelt ist und immer wieder Analogien zum Stierkampf heraufbeschwört.
Der achtzehnjährige Mani Sarramanga, verwöhnter Spross südamerikanischer Großgrundbesitzer, ist es gewohnt, dass seine Mutter Éthel immer neue Typen anschleppt, die sie nach wenigen Wochen wieder in die Wüste schickt. Doch als sie ihre dritte Ehe mit ihrer Jugendliebe Vito ankündigt, braut sich ein Orkan zusammen, denn Manis herrischer Großvater Victor war schon damals gegen die unstandesgemäße Verbindung und setzt nun alle Hebel in Bewegung, dass Vito auch zwanzig Jahre später seine Lektion zu lernen hat. Da Mani seinen Vater verloren hat, bleibt ihm nur sein Großvater als männliche Bezugsperson. Von früh an hat der alte Patrón seinen Enkel mit in die Stierkampfarena genommen, um ihn zum Mann zu machen, und seitdem ist Mani hin- und hergerissen zwischen der Liebe und der Furcht vor seinem Großvater. Dass er durch die erneute Heirat seiner Mutter zwischen alle Fronten gerät, macht die Sache für ihn nicht einfacher, zumal seine Freundin Jessica wegen eines gynäkologischen Problems nicht mit Mani schlafen will und Mani stattdessen versucht, bei Marion, Éthels bester Freundin, zu landen…

„Er dachte an seine Mutter, dann an viele andere Frauen, denen er im Lauf seines Lebens begegnet war. Keine von ihnen hatte Ähnlichkeit mit Éthel. Er schien alle seine Bezugspunkte verloren zu haben und schnaubte wie ein Tier, scharrte mit der Sohle über die Bank. Er fand, dass im Moment eine ganze Menge auf ihn einstürzte, dass sein Leben einem Pulverfass glich, in das der Blitz eingeschlagen hatte und um das herum nun alles ausgeleuchtet wurde, was im Dunkeln lag.“ (S. 247)

Philippe Djian macht es seinem Publikum mit „Matador“ nicht unbedingt leicht. Die drei Kapitel hat er nach den Phasen des Stierkampfes eingeteilt, wobei er mit dem zweiten sogenannten Tercio, in der Gegenwart beginnt, um dann im ersten Tercio die erste Beziehung zwischen Vito und Éthel nachzureichen, die zum Verständnis der Differenzen zwischen Victor und Vito beitragen soll, aber durch allzu viele zusätzlich eingeführte Figuren und Nebenschauplätze eher verwirrend und langatmig wird. Erst im dritten Tercio nimmt die Handlung wieder an Fahrt auf, wobei vor allem die erotischen Begegnungen zwischen Mani und Marion wunderbar einfallsreich präsentiert werden und den vertrauten Ton in Djians pointierter Sprache anklingen lassen.
Alles in allem ist „Matador“ zwar lesenswert und zeigt uns einen reiferen Autor, doch die langatmigen Phasen rund um die ausschweifenden Nebenplots mildern die emotionale Wucht und sprachliche Finesse des geschilderten Generationenkonflikts mit seinen erotischen Fallstricken unnötig ab.

 

Jo Nesbø – „Insel der Ratten“

Donnerstag, 13. August 2026

(Ullstein, 208 S., HC)
Jenseits seiner erfolgreichen, erst kürzlich für Netflix verfilmten Romanserie um den Kriminalkommissar Harry Hole hat der norwegische Bestseller-Autor Jo Nesbø immer wieder auch eigenständige, die Genres wechselnde, qualitativ aber auch sehr wechselhafte Romane veröffentlicht. Mit „Insel der Ratten“ veröffentlicht Ullstein nun Nesbøs bereits 2021 veröffentlichten Beitrag zu einer norwegischen Story-Sammlung als eigenständigen Titel. An die vom Verlag als Vergleich zitierten Klassiker wie William Goldings „Herr der Fliegen“ oder George Orwells „Farm der Tiere“ kommt Nesbøs Kurzroman nicht heran, präsentiert sich aber als dystopische Weiterentwicklung der Erfahrungen, die wir alle während der Corona-Pandemie machen mussten.
Nachdem eine Pandemie (wohl nicht nur) in den USA den Ausnahmezustand hervorgerufen hat, in dem nur noch das Gesetz des Stärkeren gilt und sich die Reichen noch etwas besser mit dem versorgen können, was jeder braucht – Lebensmittel, Waffen, Benzin, ein Dach über dem Kopf, Kleidung und Drogen, aber auch Frauen, um die Gene des Mannes weitergeben zu können -, warten der schwerreiche Unternehmer Colin Lowe mit seiner Frau Liza, seiner Tochter Beth und seinem Jugendfreund und Justiziar Will Adams auf dem Dach eines von Sicherheitsleuten streng abgeschirmten Wolkenkratzers darauf, mit dem Helikopter auf das Schiff New Frontier gebracht zu werden, das 3500 gut betuchten und gesponserten Menschen die Chance bietet, Monate zu überleben, ohne einen Hafen anlaufen zu müssen. Colins Sohn Brad ist allerdings nicht dabei. Er zieht es vor, als Chef einer Bande, die sich „Chaos“ nennt, das Land zu plündern. Leider macht er dabei nicht mal vor Wills Tochter Amy Halt, die er – vermeintlich aus Liebe – entführt. Als Will sich auf die Suche nach Brad macht und ihn schließlich festsetzt, zieht er natürlich den Zorn seines Freundes und Chefs auf sich, der sich nach wie vor über dem Gesetz sieht und die Polizei hinter sich weiß…

„Ich selbst war dafür, gar keine Strafe auszusprechen, solange wir den Angeklagten keinen fairen Prozess machen konnten. Denn genau darin bestand ja der Unterschied zwischen ihnen und uns, in unserem Verzicht auf Rache, in unserer Treue gegenüber dem Rechtsverständnis, auf dessen Grundlage unsere Vorväter das Land aufgebaut hatten. Wir wollten doch als gutes Beispiel vorangehen und diesen jungen Menschen zeigen, dass es möglich ist, selbst in chaotischen Zeiten zivilisiert zu handeln. Es gibt immer einen Weg zurück.“

Nesbø kommt in seinem Kurzroman ohne Einleitung aus und beginnt seine dystopische Story am späteren Wendepunkt, wenn die Entscheidung ansteht, wie Will und Colin mit dem kriminellen Verhalten von Brads rebellischen Sohn umgehen, ob Rache oder Vernunft obsiegen. Der handlungsgetriebene Roman wird überwiegend aus Wills Perspektive erzählt, aber auch aus Brads oder seiner Gefährtin Yvonne, was es oft schwer macht, der Handlung zu folgen, denn mehr als die Psychologie der Protagonisten steht die Handlung im Vordergrund, die oft genug gewaltverherrlichend wirken mag, letztlich aber nur die Verrohung der menschlichen Gesellschaft veranschaulicht, wenn die moralischen und gesetzlichen Korrektive ausgesetzt sind. Insofern stellt „Insel der Ratten“ tatsächlich einen Pageturner dar, der Colin, Will, Brad, Yvonne und weitere Figuren wie den Kleinwüchsigen Dumbo, Kevin und Maria aus Brads Bandenumfeld in immer neuen Situationen vorstellt, ohne dass man ihnen nahekommt oder gar Sympathien entgegenbringt.   
Nesbø hatte während der Covid-Pandemie das Gefühl, dass der Weltuntergang bevorstehe, weshalb seine Geschichte genau diese Einstellung zum Ausdruck bringt. Das ist nicht besonders originell ausgefallen, aber durch die flüssige Sprache und das actionreiche Setting spannend und unterhaltsam.

Richard Matheson – „Der schwindende Mann“

Mittwoch, 5. August 2026

(Festa, 332 S., Pb.)
Seine Drehbücher zu den Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen von Roger Corman und Steven Spielbergs „Duell“ oder die Romanvorlagen zu dem vielfach verfilmten Klassiker „Ich bin Legende“, sowie „Echoes – Stimmen aus der Zwischenwelt“ und „Hinter dem Horizont“ sind berühmter als der Autor Richard Matheson selbst. Es spricht aber für sich, dass Spielberg seine „ironische und ikonische Vorstellungskraft“ lobte und Stephen King Matheson sogar als seinen größten Einfluss bezeichnete. Leider ist bislang nur ein winziger Bruchteil seines umfangreichen Werks in deutscher Übersetzung erschienen. Der Festa Verlag hat bereits mit der opulent ausgestatteten Sammlung „Die besten Erzählungen von Richard Matheson“ in zwei Bänden und der Wiederauflage des Klassikers „Ich bin Legende“ angefangen, dem Vermächtnis des einflussreichen Autors gerecht zu werden. Nun erscheint mit „Der schwindende Mann“ eine Neuübersetzung des ebenfalls verfilmten Klassikers „Die unglaubliche Geschichte des Mister C.“ aus dem Jahre 1956.
Bei einem Ausflug mit dem Boot wird Scott Carey von einer warmen Gischt besprüht, die ein seltsames Kribbeln auf der Haut auslöst. Zunächst denkt sich Scott nichts dabei, erzählt aber nach seiner Rückkehr seinem Bruder Marty von seinem Erlebnis. Es dauert jedoch nicht lange, da bemerkt Scott, dass er merklich zu schrumpfen beginnt. Erst als er 10 Zentimeter an Körpergröße eingebüßt und mehrmals Dr. Branson besucht hat, ohne dass dieser mit einer Erklärung für diesen beunruhigenden Prozess aufwarten konnte, erzählt er seiner Frau Lou davon. Scott verliert aber nicht nur an Körpergröße, sondern schrumpft proportional am ganzen Körper. Weitere kostspielige Untersuchungen können die Ängste des schrumpfenden Mannes nicht lindern. Tatsächlich geht der Prozess unaufhörlich voran, was nicht nur Scotts Ehe belastet, sondern auch die Beziehung zur Tochter Beth, die jeden Respekt vor ihrem Vater verliert. Irgendwann ist Scott so winzig, dass selbst eine gewöhnliche Spinne zur tödlichen Bedrohung für ihn wird…

„Er erschauerte in der Dunkelheit. Sein Schicksal ließ sich so wenig ausmalen wie der Tod. Nein, es war schlimmer als der Tod, der wenigstens ein Konzept war, das zum Leben gehörte, so unbegreiflich fremd er auch blieb. Aber wer war jemals zu einem Nichts zusammengeschrumpft? Er wälzte sich auf die Seite und stützte seinen Kopf auf einen Arm. Wenn er doch nur jemandem sagen könnte, was er fühlte. Wenn er doch nur bei Lou sein, sie sehen, sie berühren könnte. Ja, selbst wenn sie es nicht bemerkte, es wäre ein Trost. Aber er war allein.“ (S. 90f.)

Matheson erzählt die Geschichte des „schwindenden Mannes“ aus der Perspektive des zunehmend verzweifelten, unbeherrschten und vor allem einsamen und ängstlichen Opfers. Dabei bedient er sich im Rückblick verschiedener Zeitebenen, zwischen den erst jüngsten Ereignissen, bei denen der Protagonist nur noch weniger Zentimeter groß ist und gegen eine Spinne wiederholt um sein Leben kämpfen muss, Wasser aus den Poren eines Fingerhuts trinkt und eine Stecknadel als vermeintlich tödlichen Speer zu verwenden sucht, und den chronologischen Schrumpfungsprozess, der deutlich macht, wie Carey zunehmend sein Selbstbewusstsein einbüßt und vor allem die Liebe zu seiner Frau.  
Mathesons Roman lebt von der intelligenten wie ungewöhnlichen Prämisse und den Auswirkungen eines Prozesses, der einem Mann die gesamte Existenz entzieht. Die Begegnungen in einem Kuriositätenkabinett und mit Tieren wie der Spinne und einem Sperling verdeutlichen zudem eindrucksvoll, wie sich die Sicht auf Dinge ändert, wenn sie nicht mehr winzig klein erscheinen, sondern überlebensgroß. Die Dialoge sind etwas sehr schlicht gestrickt, dafür sorgt die flüssige Sprache für einen unterhaltsamen Pageturner.