Martin Suter – „Ein und Alles“

Sonntag, 25. Oktober 2026

(Diogenes, 300 S., HC)
Der Schweizer Bestseller-Autor Martin Suter („Montechristo“, „Melody“, „Wut und Liebe“) ist für seine filmisch geschnittene, stark strukturierte Erzählweise bekannt. Davon weicht er auch in seinem neuen, ebenso kurzen wie kurzweiligen Roman „Ein und alles“ nicht ab, der Krimiplot, Liebesgeschichte und Quantenphysik miteinander zu verknüpfen versucht.
Seit sechs Jahren sind Mila Pedroni und ihr Mann Sascha ein überaus glückliches Liebespaar. Nicht mal der Schatten eines Streits liegt über ihrer höchst harmonischen, romantischen Beziehung, weshalb Mila nicht im Geringsten besorgt ist, als ihr Geliebter eines Abends nicht wie gewohnt von der Arbeit nach Hause kommt, obwohl das noch nie vorgekommen ist, ohne dass er ihr eine Nachricht geschrieben hätte. Auch Saschas Kollege Lukas weiß nichts von seinem Verbleib. Die aus einer Akademikerfamilie stammende Mila, die trotz Hochschulabschluss nur eine Teilzeitstelle als Assistentin in der Universität bekleidet, ist deshalb so unbekümmert, weil sie immerzu Anzeichen von Saschas Anwesenheit vernimmt - sie träumt nicht nur nachts auf sehr realistische Weise von ihm, sondern erhält auch mysteriöse Hinweise auf sein Schicksal. Die Polizei meldet sich schließlich bei ihr, aber nicht wegen Saschas Verschwinden, sondern wegen der 1,8 Millionen Franken, die er verdächtigt wird, seiner Firma entwendet zu haben. Milas Spurensuche, oft in Begleitung ihrer pensionierten Taufpatin Brigitte, in deren Villa Mila wohnt, führt sie zu einem Campingplatz, wo sie auf den Quantenphysiker Schoch trifft, der ihr auseinandersetzt, dass ihre Wahrnehmungen Teil des kollektiven Bewusstseins seien. Das würde erklären, warum Mila immer wieder seltsame Botschaften ihres verschwundenen Geliebten erhält, denen sie wie eine ambitionierte Hobby-Detektivin nachgeht…
„Wir haben kein Bewusstsein. Das Bewusstsein hat uns.“ Mit diesen Worten führt uns Martin Suter in eine Geschichte, die wie ein klassischer Krimiplot beginnt. Ein Mann, der in einem Finanzunternehmen dafür verantwortlich ist, von einem Sammelkonto aus die Gehälter mehrerer Firmen zu überweisen, verschwindet ebenso wie der Millionen-Betrag von ebendiesem Konto und wird deshalb natürlich verdächtigt, sich auf die Südseeinseln Vanuatu verdrückt zu haben, worauf einige Spuren hinweisen. Milas übersinnliche Wahrnehmungen und die mysteriösen Botschaften, die Mila von Sascha erhält, verleihen dem Ganzen einen esoterisch angehauchten Touch, der durch Milas Begegnung mit dem Quantenphysiker auf eine wissenschaftliche Basis gestellt wird. Wie Suter im Nachwort schreibt, hat er sich hier vom italienischen Physiker und Computerpionier Federico Faggin inspirieren lassen, der die These vertritt, dass das Bewusstsein unabhängig vom menschlichen Gehirn existiert. Im Grunde genommen hat Suter diese These mit seinem Krimiplot nur zu veranschaulichen versucht. Leider ist ihm diese Verbindung nicht sehr geglückt. Das liegt auch daran, dass Mila und der eigentlich ständig abwesende Sascha keine prickelnden Figuren abgeben. Sie erscheinen so langweilig, dass deutlich wird, dass sie keine Reibungsflächen erzeugen, die in einen Streit ausufern könnten. Es ist aber eher der konstruiert und wesensfremd eingebaute Part mit dem Quantenphysiker, der die Geschichte aus dem Gleichgewicht bringt, auch wenn dieser zum Nachdenken über unsere Wahrnehmung und das Bewusstsein anregt. Suters präzise, auf das Notwendigste reduzierte Sprache kann hier nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Geschichte nicht mehr als einen konventionellen Krimi mit interessantem philosophischen Gedankenspiel darstellt.

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