(Diogenes, 300 S., HC)
Der Schweizer Bestseller-Autor Martin Suter („Montechristo“,
„Melody“, „Wut und Liebe“) ist für seine filmisch geschnittene, stark
strukturierte Erzählweise bekannt. Davon weicht er auch in seinem neuen, ebenso
kurzen wie kurzweiligen Roman „Ein und alles“ nicht ab, der Krimiplot,
Liebesgeschichte und Quantenphysik miteinander zu verknüpfen versucht.
Seit sechs Jahren sind Mila Pedroni und ihr Mann Sascha ein
überaus glückliches Liebespaar. Nicht mal der Schatten eines Streits liegt über
ihrer höchst harmonischen, romantischen Beziehung, weshalb Mila nicht im Geringsten
besorgt ist, als ihr Geliebter eines Abends nicht wie gewohnt von der Arbeit
nach Hause kommt, obwohl das noch nie vorgekommen ist, ohne dass er ihr eine
Nachricht geschrieben hätte. Auch Saschas Kollege Lukas weiß nichts von seinem
Verbleib. Die aus einer Akademikerfamilie stammende Mila, die trotz
Hochschulabschluss nur eine Teilzeitstelle als Assistentin in der Universität
bekleidet, ist deshalb so unbekümmert, weil sie immerzu Anzeichen von Saschas
Anwesenheit vernimmt - sie träumt nicht nur nachts auf sehr realistische Weise von
ihm, sondern erhält auch mysteriöse Hinweise auf sein Schicksal. Die Polizei
meldet sich schließlich bei ihr, aber nicht wegen Saschas Verschwinden, sondern
wegen der 1,8 Millionen Franken, die er verdächtigt wird, seiner Firma entwendet
zu haben. Milas Spurensuche, oft in Begleitung ihrer pensionierten Taufpatin
Brigitte, in deren Villa Mila wohnt, führt sie zu einem Campingplatz, wo sie
auf den Quantenphysiker Schoch trifft, der ihr auseinandersetzt, dass ihre Wahrnehmungen
Teil des kollektiven Bewusstseins seien. Das würde erklären, warum Mila immer
wieder seltsame Botschaften ihres verschwundenen Geliebten erhält, denen sie wie
eine ambitionierte Hobby-Detektivin nachgeht…
„Wir haben kein Bewusstsein. Das Bewusstsein hat uns.“ Mit
diesen Worten führt uns Martin Suter in eine Geschichte, die wie ein
klassischer Krimiplot beginnt. Ein Mann, der in einem Finanzunternehmen dafür
verantwortlich ist, von einem Sammelkonto aus die Gehälter mehrerer Firmen zu
überweisen, verschwindet ebenso wie der Millionen-Betrag von ebendiesem Konto
und wird deshalb natürlich verdächtigt, sich auf die Südseeinseln Vanuatu verdrückt
zu haben, worauf einige Spuren hinweisen. Milas übersinnliche Wahrnehmungen und
die mysteriösen Botschaften, die Mila von Sascha erhält, verleihen dem Ganzen
einen esoterisch angehauchten Touch, der durch Milas Begegnung mit dem Quantenphysiker
auf eine wissenschaftliche Basis gestellt wird. Wie Suter im Nachwort
schreibt, hat er sich hier vom italienischen Physiker und Computerpionier Federico
Faggin inspirieren lassen, der die These vertritt, dass das Bewusstsein
unabhängig vom menschlichen Gehirn existiert. Im Grunde genommen hat Suter
diese These mit seinem Krimiplot nur zu veranschaulichen versucht. Leider ist
ihm diese Verbindung nicht sehr geglückt. Das liegt auch daran, dass Mila und der
eigentlich ständig abwesende Sascha keine prickelnden Figuren abgeben. Sie
erscheinen so langweilig, dass deutlich wird, dass sie keine Reibungsflächen
erzeugen, die in einen Streit ausufern könnten. Es ist aber eher der
konstruiert und wesensfremd eingebaute Part mit dem Quantenphysiker, der die
Geschichte aus dem Gleichgewicht bringt, auch wenn dieser zum Nachdenken über
unsere Wahrnehmung und das Bewusstsein anregt. Suters präzise, auf das
Notwendigste reduzierte Sprache kann hier nicht darüber hinwegtäuschen, dass
die Geschichte nicht mehr als einen konventionellen Krimi mit interessantem
philosophischen Gedankenspiel darstellt.

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