Jan Weiler – „Das Vogelhaus“

Sonntag, 4. Oktober 2026

(Heyne, 348 S., HC)
Mit seinem 2003 erschienenen Romandebüt „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ und den Büchern der „Das Pubertier“ und Krimis rund um Kommissar Martin Kühn hat sich der einst für das „SZ-Magazin“, „stern“ und „Welt am Sonntag“ arbeitende Redakteur und Kolumnist Jan Weiler zu einem der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller entwickelt. Nach „Munk“ erscheint nun mit „Das Vogelhaus“ eine autobiografisch gefärbte Geschichte eines Mannes, der auf seine Zeit als Zivildienstleistender zurückblickt.
Leonard Beck arbeitet als Theaterregisseur in Berlin, wird aber von einem Tag auf den anderen vom Intendanten fristlos entlassen. Tags zuvor hat er den Brief seiner Mutter geöffnet, der bereits drei Tage in seiner Post gelegen hat und in dem sie ihn auf ein zum Verkauf stehendes Haus aufmerksam macht, das eine Flut von Erinnerungen in Leonard auslöst, handelt es sich doch um das sogenannte „Vogelhaus“ von Herrn Schwabe, der zu den weniger beliebten Mandanten während seiner Zivildienstzeit zählte. Da er ohnehin ohne Arbeit ist und ihm der Abstand zu Berlin gerade recht kommt, fährt Leonard in seine niederrheinische Heimat zu seinen Eltern, zu denen er kein besonders inniges Verhältnis pflegt und die er in der Regel zweimal im Jahr besucht. Bereits während der Zugfahrt erinnert er sich an das Geschrei der aggressiven Aras in Schwabes Haus, an den Geruch und die Zimmer, die Leonard und seine Mitstreiter Patrick und Ari nie betreten durften. Während Leonard Kontakt zum Immobilienmakler aufnimmt, um mehr über das Haus und den Vorbesitzer zu erfahren, erinnert sich Leonard an die Begegnungen mit seinen Mandanten, an SS-Peter, der nach dem Essen stets verbotenerweise einen Korn trinken möchte, an das Ehepaar Passlack (er beinloser Kettenraucher, sie Dialysepatientin), an die „geile Gerda“ und die demente Frau Beinhard, die sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Mannes wartet.
Doch das unheimliche Vogelhaus des wortkargen Schwabe hat Leonard und seine Kollegen am meisten beeindruckt. Nun muss sich Leonard darüber klar werden, was ihn in die Heimat zurückgezogen hat, ob es noch unerledigte Aufgaben zu absolvieren, unbeantwortete Fragen zu lösen gilt…

„Er ist Mitte dreißig, ledig, arbeits-, aber nicht mittellos und überqualifiziert für ein Leben hier. Er hat hier nichts verloren. Oder doch? Hat er am Ende hier etwas zu finden? Ruhe vielleicht? Kann das Vogelhaus ein gutes Schicksal für ihn sein? Er muss vielleicht noch zwei Tage bleiben, um darüber nachzudenken.“ (S. 116)

Mit „Das Vogelhaus“ arbeitet der 1967 in Düsseldorf geborene Jan Weiler, seine eigene Zivildienstzeit auf, die er kurz vor dem Ende der allgemeinen Wehrpflicht – und damit auch des Wehrersatzdienstes – absolvierte. Sein Protagonist Leonard Beck blickt als Erwachsener auf diese Zeit zurück, hinterfragt aber gleichzeitig seine jetzige Lebenssituation, vor allem seine Beziehung zu seinen Eltern und zu dem zum Verkauf stehenden Vogelhaus. Er sucht die Menschen auf, die er damals betreut hat, und seine Kollegen, wobei ihm vor allem das Schicksal des Griechen Aristeas interessiert. All diese Gedanken, Beobachtungen und Fragen hat Weiler in eine gewohnt leichtfüßige Sprache gegossen, sie mit liebevollen Details und leisem Humor gefüllt, dass keine Längen aufkommen. Es ist aber auch eine Art Entwicklungsroman, der aufzeigt, wie sich die Beziehungen, die Leonard als junger Erwachsener zu den älteren, pflegebedürftigen Menschen, aber auch zu seinen Eltern gepflegt hat, verändert haben. In der Analyse seiner eigenen Persönlichkeit wechselt die Stimmung in der feinfühligen Erzählung von angsteinflößenden Momenten im Vogelhaus mit liebevollen in der Betreuung und witzigen im Zusammensein mit seinen Kollegen im mobilen Pflegedienst.

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