(Ullstein, 528 S., HC)
Der Norweger Jo Nesbø ist längst eine Institution der
skandinavischen Kriminalliteratur, zählt neben den leider bereits verstorbenen Henning
Mankell und Stieg Larsson sowie Håkan Nesser und Jussi
Adler-Olsen zu den profiliertesten Genre-Autoren. Es kommt allerdings nicht
von ungefähr, dass die noch lebenden skandinavischen Krimi-Stars seit 2011
nicht mehr unter den Preisträgern des Skandinavischen Krimipreises zu finden
sind. Nesbø, der durch seine 1997 begonnene Serie um Kommissar Harry
Hole populär geworden ist, hat seit „Blutmond“, dem 13. Teil der Reihe, erst
einmal mit „Das Nachthaus“, „Der König“ und „Minnesota“ eigenständige
Stoffe kreiert, doch nun ist er mit „Kill Shot“ zum 14. Mal mit seiner Lieblingsfigur
unterwegs, dem eigentlich schon pensionierten Harry Hole, der diesmal in der
Filmbranche ermittelt.
In der Silvesternacht balanciert Harry Hole mit der Musik
von Elvis Costello im Hintergrund auf dem Rand der schmalen Mauer seiner
Wohnung im 17. Stock und rekapituliert der freiwillig aus dem Polizeidienst
ausgeschiedene Alkoholiker vor allem die letzten Jahre seines Lebens, trauert
seiner vor mehr als zwei Jahre verstorbenen großen Liebe Rakel nach, kommt auf
fünf Morde, von denen ihn drei noch immer quälen, einen – ebenfalls alkoholkranken
– Freund, doch bevor er auf dumme Gedanken kommt, ruft sein Stiefsohn Oleg an,
um ihm ein Frohes Neues Jahr zu wünschen. Es ist die Nacht, in der der 55-jährige
Birger Neslung tot in seiner Wohnung aufgefunden wird, dessen Frau einst bei
einer Filmproduktion als Visagistin ausgeholfen hatte. Just in diesem Umfeld
sind bald zwei weitere Morde zu vermelden, die der Täter auf handwerklich
gekonnt inszenierten Videos dokumentiert. Oleg, der seinem Stiefvater in den
Polizeidienst gefolgt ist, wird mit den Ermittlungen betraut, ist sich mit seiner
Chefin Katrine Bratt aber einig, dass hier Harrys Fähigkeiten benötigt werden,
um die Morde aufzuklären. Der hat ohnehin seinen gerade erst begonnenen Job bei
einer Versicherungsgesellschaft wieder gekündigt und sieht der neuen – zeitlich
begrenzten – Herausforderung mit großem Interesse entgegen. Der oder die Täter/in
stellt nämlich berühmte Filmmorde aus Klassikern wie
„Musste er jetzt Alarm schlagen, oder war es dafür noch zu früh? Würde der Widerwille seiner Vorgesetzten, die Party zu crashen, sie davon abhalten, durch schnelles Handeln weitere Opfer zu verhindern? Wenn dem so war, sollte er den nächsten Schritt vielleicht nicht allein gehen, um seine Theorie auch wirklich beweisen zu können. Harry fühlte in sich hinein. Argumentierte er im Sinne der praktischen Vernunft, oder versuchte er, sich eine rationale Begründung dafür zurechtzulegen, den Fall auf eigene Faust zu lösen? Und die Regie über den Film zu haben? Ohne dass er es bewusst gesteuert hätte, hatte sein Gehirn bereits begonnen, Pläne zu schmieden.“
Jo Nesbøs Harry-Hole-Romane leben vor allem von der
charismatischen Figur des ebenso genialen wie leidgeprüften Protagonisten. Wenn
uns der Autor gleich zu Anfang einmal mehr Harry Hole am Scheideweg, in einem
emotionalen Spannungszustand zwischen Leben, Liebe, Trauer und Tod präsentiert,
führt er gleichsam seine stärkste Waffe ins Feld, denn die Qualität von „Kill
Shot“ liegt eher in der persönlichen Entwicklung von Harry Hole und seinem
engsten Umfeld als in der abgeschmackt wirkenden Krimihandlung. Schließlich ist
das Motiv von Morden, die von berühmten Filmmorden und ähnlichen Kontexten
inspiriert worden sind, auch in der Kriminalliteratur kein unbekanntes Terrain
(siehe Gillian Whites „Die Copycat-Morde“, Michael S. Davids
„Die Bestie“ oder Peter Swansons „Acht perfekte Morde“). Hier
folgt Nesbø der klassischen Whodunit-Dramaturgie und baut bei der Suche
nach dem oder der Täter/in die obligatorischen Wendungen ein, doch so richtige
Spannung will dabei nicht aufkommen. Das ist vor allem der Tatsache geschuldet,
dass die Krimihandlung sehr fragmentarisch montiert ist und durch private
Episoden unterbrochen wird, die wenig überzeugend wirken. Vor allem der Hang
der Polizeipsychologin Hilde Witt zu Affären mit verheirateten Männern schießt
über das Ziel hinaus, während die Beziehungen von Harry Hole zu seinem
Stiefsohn und zu seinem leiblichen Sohn, für den er eigentlich nur der Onkel
ist, vertieft werden und den Roman emotional verankern. Dabei wird Harry Hole
deutlich bewusst, dass es mehr gibt im Leben, als Verbrechen aufzuklären. Für
einen guten Kriminalroman braucht es allerdings mehr als diese Erkenntnis, vor
allem einen Plot, der einen mitreißt und nicht nur filmhistorische Referenzen
aneinanderreiht.

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