Dave Eggers – „Contrapposto“

Donnerstag, 9. Juli 2026

(Kiepenheuer & Witsch, 496 S., HC)
Bereits mit seinem Debütroman „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität: eine wahre Geschichte“ präsentierte der studierte Journalist Dave Eggers eine autobiografisch gefärbte Geschichte. Stand in dem 2000 veröffentlichten Erstling noch das Schicksal des im Roman 22-jährigen Autors nach dem Krebstod seiner Eltern im Mittelpunkt der Geschichte, widmet sich der American Book Award-Preisträger, der auch Drehbücher zu Filmen wie „Away We Go – Auf nach Irgendwo“, „Wo die wilden Kerle wohnen“ und „The Circle“ schrieb, in seinem neuen Roman „Contrapposto“ einer langjährigen Freundschaft in Kunstkreisen.
Während der weißen Winter des Mittleren Westens wird der junge Robert von seinem Großvater Silas zum Malen animiert und durch ein Buch mit der Kunst von Manet vertraut gemacht. Das Klicken, das Rob als Vorbote einer Entscheidung von sich gibt, trägt ihm den Spitznamen Cricket ein, weil dieses Geräusch wie die Grillen klingt, meint sein Großvater. Für den neunjährigen Cricket, der sich durch seinen neuen Namen auch von dem gewalttätigen Freund seiner Mutter, der ebenfalls Robert heißt, unterscheiden kann, erschließt sich durch das Malen und Zeichnen eine neue Welt, vor allem nach dem Tod seines Großvaters. Seine Mutter schickt ihn zu zwei rumänischen Schwestern, die drei Straßen weiter in einem Backsteinhaus wohnen. Während Madelena Klavierunterricht gibt, lernt Cricket bei der stilleren Oana mit Zeichenkohle und Leinwandkarton umzugehen und Stillleben von Obst zu zeichnen. Als Teenager gewinnt Cricket bereits einen Kunstwettbewerb. Doch für seine Karriere als Künstler erweist sich vor allem die Freundschaft+ mit der temperamentvollen Olympia als Katalysator. Von Kindheit an verbindet die beiden kunstbegeisterten Menschen eine intensive Beziehung, die auch nach jahrelanger Trennung beim Wiedersehen sofort an Fahrt aufnimmt. Seit Olympia bei Cricket bereits im Teenageralter eine Sauerei angerichtet hat, als sie ihre Hand nur auf die Hose des Jungen im Schrittbereich legte, vergnügen sich die beiden trotz bestehender Beziehungen miteinander, wobei sich ihre Wege mal in Thailand, mal in Paris kreuzen, über 65 Jahre lang. Doch mehr noch als durch Sex ist ihre Freundschaft durch die Liebe zur Kunst geprägt…

„Wir haben unförmige Ideen in eine erkennbare Form gezwungen, wir haben Fleisch auf Leinwand schöngemalt – sogar glorifiziert, etwas geschaffen, das über uns hinausweist. Wenn wir versagen, sind wir ungeschickte Möchtegernkünstler. (…) Was ihm in diesem Moment und jahrelang danach verborgen bleiben sollte: Nur das zählte. Diese Stunden. Die Stunden der Schöpfung und die Stunden, in denen er sich am Feuer seiner Schöpfung wärmte. Allein, dass er Ekstase spüren konnte, aus sich selbst heraus, aus dem Nichts.“

„Contrapposto“ bezeichnet die dynamische, asymmetrische Gewichtsverlagerung in der Kunst und bringt die wechselhafte Beziehung der beiden Protagonisten in Eggers‘ neuen Roman perfekt auf den Punkt. Über knapp 500 Seiten verfolgen wir episodenhaft die wichtigsten Stationen vor allem in Crickets Leben, vom prägenden Einfluss seines Großvaters in der Kindheit über die erste Auftragsarbeit für pornografische Banner als Teenager bis zu den einzelnen Etappen seiner künstlerischen Karriere. Was Olympia in der Zwischenzeit widerfahren ist, erfahren wir rückblickend kurz und knapp beim Wiedersehen nach jahrelanger Trennung. 
Die unorthodoxen Begegnungen und Dialoge über Kunst und ihre Beziehungen (ihre eigene und diejenigen, die sie mit anderen Partnern führen) machen „Contrapposto“ zu einem feinsinnigen, humorvollen und kenntnisreichen Lesegenuss, wobei die konstitutionelle Kunstszene auch mit amüsanten Seitenheben belegt wird. Dabei kann Eggers, der das Buch mit eigenen Illustrationen versehen hat, einmal auf seine eigenen Erfahrungen im Kunstbereich verweisen, belegte er doch schon an University of Illinois Kunstkurse und hatte eigene Ausstellungen.