(Kiepenheuer & Witsch, 496 S., HC)
Bereits mit seinem Debütroman „Ein herzzerreißendes Werk
von umwerfender Genialität: eine wahre Geschichte“ präsentierte der
studierte Journalist Dave Eggers eine autobiografisch gefärbte Geschichte.
Stand in dem 2000 veröffentlichten Erstling noch das Schicksal des im Roman
22-jährigen Autors nach dem Krebstod seiner Eltern im Mittelpunkt der
Geschichte, widmet sich der American Book Award-Preisträger, der auch
Drehbücher zu Filmen wie „Away We Go – Auf nach Irgendwo“, „Wo die wilden
Kerle wohnen“ und „The Circle“ schrieb, in seinem neuen Roman „Contrapposto“
einer langjährigen Freundschaft in Kunstkreisen.
Während der weißen Winter des Mittleren Westens wird der
junge Robert von seinem Großvater Silas zum Malen animiert und durch ein Buch
mit der Kunst von Manet vertraut gemacht. Das Klicken, das Rob als Vorbote
einer Entscheidung von sich gibt, trägt ihm den Spitznamen Cricket ein, weil dieses
Geräusch wie die Grillen klingt, meint sein Großvater. Für den neunjährigen Cricket,
der sich durch seinen neuen Namen auch von dem gewalttätigen Freund seiner
Mutter, der ebenfalls Robert heißt, unterscheiden kann, erschließt sich durch
das Malen und Zeichnen eine neue Welt, vor allem nach dem Tod seines
Großvaters. Seine Mutter schickt ihn zu zwei rumänischen Schwestern, die drei
Straßen weiter in einem Backsteinhaus wohnen. Während Madelena
Klavierunterricht gibt, lernt Cricket bei der stilleren Oana mit Zeichenkohle
und Leinwandkarton umzugehen und Stillleben von Obst zu zeichnen. Als Teenager
gewinnt Cricket bereits einen Kunstwettbewerb. Doch für seine Karriere als
Künstler erweist sich vor allem die Freundschaft+ mit der temperamentvollen
Olympia als Katalysator. Von Kindheit an verbindet die beiden kunstbegeisterten
Menschen eine intensive Beziehung, die auch nach jahrelanger Trennung beim
Wiedersehen sofort an Fahrt aufnimmt. Seit Olympia bei Cricket bereits im
Teenageralter eine Sauerei angerichtet hat, als sie ihre Hand nur auf die Hose
des Jungen im Schrittbereich legte, vergnügen sich die beiden trotz bestehender
Beziehungen miteinander, wobei sich ihre Wege mal in Thailand, mal in Paris
kreuzen, über 65 Jahre lang. Doch mehr noch als durch Sex ist ihre Freundschaft
durch die Liebe zur Kunst geprägt…
„Wir haben unförmige Ideen in eine erkennbare Form gezwungen, wir haben Fleisch auf Leinwand schöngemalt – sogar glorifiziert, etwas geschaffen, das über uns hinausweist. Wenn wir versagen, sind wir ungeschickte Möchtegernkünstler. (…) Was ihm in diesem Moment und jahrelang danach verborgen bleiben sollte: Nur das zählte. Diese Stunden. Die Stunden der Schöpfung und die Stunden, in denen er sich am Feuer seiner Schöpfung wärmte. Allein, dass er Ekstase spüren konnte, aus sich selbst heraus, aus dem Nichts.“
„Contrapposto“ bezeichnet die dynamische, asymmetrische
Gewichtsverlagerung in der Kunst und bringt die wechselhafte Beziehung der
beiden Protagonisten in Eggers‘ neuen Roman perfekt auf den Punkt. Über knapp
500 Seiten verfolgen wir episodenhaft die wichtigsten Stationen vor allem in
Crickets Leben, vom prägenden Einfluss seines Großvaters in der Kindheit über die
erste Auftragsarbeit für pornografische Banner als Teenager bis zu den
einzelnen Etappen seiner künstlerischen Karriere. Was Olympia in der
Zwischenzeit widerfahren ist, erfahren wir rückblickend kurz und knapp beim
Wiedersehen nach jahrelanger Trennung.
Die unorthodoxen Begegnungen und Dialoge
über Kunst und ihre Beziehungen (ihre eigene und diejenigen, die sie mit
anderen Partnern führen) machen „Contrapposto“ zu einem feinsinnigen,
humorvollen und kenntnisreichen Lesegenuss, wobei die konstitutionelle Kunstszene
auch mit amüsanten Seitenheben belegt wird. Dabei kann Eggers, der das
Buch mit eigenen Illustrationen versehen hat, einmal auf seine eigenen
Erfahrungen im Kunstbereich verweisen, belegte er doch schon an University of
Illinois Kunstkurse und hatte eigene Ausstellungen.
