John Niven – „Zwei Väter“

Donnerstag, 30. Juli 2026

(btb, 414 S, Pb.)
Neben Irvine Welsh („Trainspotting“, „Porno“) zählt John Niven fraglos zu den bissigsten zeitgenössischen Autoren aus Schottland. Mit Romanen wie „Music From Big Pink“, „Coma“, „Kill Your Friends“ und „Gott bewahre“ hat Niven in wenigen Jahren das Kunststück fertiggebracht, das Showbusiness, die Religion und den Sport mit einer Leichtigkeit durch den Kakao zu ziehen, dass kein Stein mehr auf dem anderen blieb. Mit seinem letzten Buch „O Brother“ präsentierte sich der Bestseller-Autor auf einmal sehr einfühlsam, arbeitete er doch den tragischen Tod seines jüngeren Bruders auf. Nach diesem sehr persönlichen Werk kehrt Niven nun aber wieder zu alten Tugenden zurück.
Der Endvierziger Dan Chambers kann sein Glück kaum fassen. Der erfolgreiche Autor der langjährigen Krimiserie „McCallister“ darf sich nach Jahren fruchtloser Bemühungen, zusammen mit seiner Frau Grace ein Baby zu bekommen, endlich Vater des kleinen Tom nennen. Auf der Entbindungsstation lernt er Jada kennen, der aus einer ganz anderen Welt stammt und bereits (wahrscheinlich) zum sechsten Mal Vater geworden ist und seinen Lebensunterhalt als Kleinkrimineller mehr schlecht als recht verdient, schließlich geht der Großteil der Erlöse für Drogen drauf, die er mit seiner aktuellen Freundin Nicole genießt, die sich noch nicht entscheiden kann, ob ihr Sohn Hayden oder Jayden heißen soll.
Zwar treffen die beiden auch nach der Entlassung ihrer Frauen aus dem Krankenhaus immer mal wieder aufeinander, doch wirklich nah kommen sie sich dabei nicht. Erst als Dan mit einer sein Leben auf den Kopf stellenden Tragödie konfrontiert wird, nähern sich Dan und Jada auf eine Weise an, mit der wohl niemand der Beteiligten je gerechnet hätte…

„Es war erst ein paar Wochen her, dass er diesem Kerl an der Bar vom Boden aufgeholfen hatte. Und jeden, der ihm damals prophezeit hätte, dass Dan hier zum Stammgast werden, sich unter die Jungs mischen, mit ihnen quatschen, rauchen und trinken würde, hätte Jada für geisteskrank erklärt. Genau wie Dan, wenn man ihm gesagt hätte, dass er um fünf Uhr nachmittags betrunken in einer der übelsten Spelunken von Glasgow – und damit mehr oder weniger zwangsläufig der ganzen Welt – sitzen und sich über einen gescheiterten Einbruch in ein Haus amüsieren würde, das seinem eigenen sehr ähnlich war. Andererseits war Dan in jüngster Zeit vieles widerfahren, das er nicht geglaubt hätte.“ (S. 270f.)

John Niven beginnt „Zwei Väter“ als zunächst leichte Vaterschaftskomödie, die ihren (oft rabenschwarzen) Humor vor allem aus der Gegensätzlichkeit der beiden Lebenswelten – prekäre Unterschicht mit den üblichen Begleiterscheinungen von Gewalt, Drogen und Verbrechen auf der einen, gehobene Oberschicht mit gut dotiertem Job, Tesla, schickem Haus und beruhigenden finanziellen Rücklagen auf der anderen Seite – bezieht, wobei Niven die Unterschiede gerade hinsichtlich Sprache und Verhalten genüsslich herausarbeitet. Das führt er in der Beschreibung der jeweiligen Lebenswelten mit den Kindern auf fast schon klischeehafte Weise, nur um das Seifenoper-Szenario mit einer unerwarteten Tragödie auszulöschen. Damit nimmt nicht nur der Plot eine unerwartete Wendung, Niven nutzt dieses Ereignis und die überraschende Annäherung der beiden Väter auch dazu, um aufzuzeigen, dass die Männer – über die Klassenunterschiede hinaus - mehr miteinander gemein haben als man vermuten würde. Hier erweist sich „Zwei Väter“ als detaillierte Analyse dessen, was Vatersein im Grunde genommen bedeutet. Einzig das Hollywood-mäßige Finale wirkt etwas zu aufgesetzt, tut dem Unterhaltungswert des Romans aber keinen Abbruch.

John Niven – „O Brother“

Samstag, 25. Juli 2026

(btb, 394 S., Tb.)
Dass das Leben die besten Geschichten schreibt, durfte der schottische Bestseller-Autor John Niven („Coma“, „Kill Your Friends“, „Old School“) bereits früh in eigener Sache feststellen, hat er in seinem Debütroman „Music From Big Pink“ doch seine eigenen Erfahrungen als A&R-Manager in einer Plattenfirma in die fiktive Story über das Entstehen des gleichnamigen Debütalbums von The Band im Jahre 1967 einfließen zu lassen. Weitaus persönlicher geht es in Nivens Buch „O Brother“ zu, verarbeitet er darin doch den Selbstmord seines geliebten, zwei Jahre älteren Bruders Gary.
Ende August 2010 erhält John Niven von seiner Schwiegermutter, einer im Ruhestand befindlichen Ärztin, den eigentlich seit langer Zeit schon erwarteten Anruf, mit dem sie ihn darüber informiert, dass sein Bruder Gary auf der Intensivstation im Krankenhaus in der Nähe von Kilmarnock liegt. Offenbar habe er in der Nacht den Notruf angerufen und erklärt, er sei depressiv und habe versucht, sich umzubringen. Den Transport mit den Sanitätern ins Krankenhaus übersteht Gary noch unbeschadet, doch in einem unbeaufsichtigten Moment versucht er sich, mit seinem Pullover zu erhängen. Während sein größerer Bruder zusammen mit seiner Mutter darauf warten, dass Gary aus dem künstlichen Koma erwacht, erinnert sich John daran, wie bereits der fünfjährige Gray mit gefletschten Zähnen, angeschwollenen Halsschlagadern und Schweißperlen auf der Stirn seinen Unmut verkündete. In der Erinnerung an das Leben mit seinem Bruder kommt der Autor nicht umhin, auch seinen eigenen Lebensweg zu beschreiben und dabei zu konstatieren, wie unterschiedlich Gary und sein älterer Bruder John gewesen sind. Obwohl zwei Jahre jünger, war Gary stets der Coolere von beiden, hat aber nie irgendetwas zu Ende gemacht. Während John in der Schule glänzt und sich für die

„Ich habe keine Ahnung, warum manche Menschen einfach nicht in der Lage sind, ein selbstständiges Leben zu führen. Warum sie die tägliche Tretmühle aus Gas- und Stromrechnungen, Steuererklärungen, Lebens-, Gebäude- und Hausratversicherungen, Hypotheken, Lebensmitteleinkäufen, Überziehungsrahmen, Zahlungszielen und dem Rausstellen der Mülltonnen hoffnungslos überfordert. Sie können nicht einfach die Zähne zusammenbeißen und weitermachen. Später, wenn mir dieses Wissen nichts mehr nützt, werde ich sehr viel schlauer sein, aber damals habe ich keine Ahnung, was es tatsächlich bedeutet, depressiv und suizidal zu sein.“ (S. 337)

Seiner Erzählung hat John Niven ein Zitat von George Orwell vorangestellt: „Einer Autobiografie ist nur zu trauen, wenn sie auch etwas Beschämendes enthüllt.“
Nach seinen wunderbar humorvollen, mit durchgedrehten Plots versehenen Romanen überrascht John Niven mit einer einfühlsamen Erzählung, die ihm in dieser schonungslosen Offenheit, mit diesem schmerzhaften Realismus wohl niemand zugetraut hätte. Ausgehend vom Zeitpunkt von Garys finalen Selbstmordversuch rekapituliert John Niven – in nicht chronologischer Reihenfolge - die wichtigsten Stationen im Leben der beiden Brüder, wobei das schwierige Verhältnis zwischen Gary und seinem ebenfalls früh verstorbenen Vater ebenso beleuchtet wird wie John Nivens eigener Werdegang. Das verleiht dem Buch eine frische andere Perspektive und einen humorvolleren Ton, als wenn sich der Autor allein auf die tragische Lebensgeschichte seines Bruders konzentriert hätte. Dabei bekommt man als Leser einen wunderbaren Einblick in das Lebensgefühl in den ausgehenden 1970er Jahren in Schottland und England, vom Leben im Musikbusiness, aber auch vom Leben mit den stets verfügbaren Partydrogen. John Niven findet in „O Brother“ die richtige Balance zwischen Trauerbewältigung und popkultureller Leichtigkeit, hinterfragt dabei immer wieder kritisch seinen eigenen Umgang mit der Tragödie, ohne sich selbst in der Hölle schmoren zu lassen. Das Beschämende in Orwells Sinne trifft hier auf die buntesten Facetten des Lebens.

David Baldacci – (Will Robie: 4) „Falsche Wahrheit“

Samstag, 18. Juli 2026

(Lübbe, 478 S., HC)
In „Ein Brief des Autors“, den Bestseller-Autor David Baldacci („Der Präsident“, „Im Bruchteil einer Sekunde“) seinem vierten Buch über den staatlichen Auftragskiller Will Robie voranstellt, bemerkt er, dass Will Robie „sich als einer meiner beliebtesten Charaktere erwiesen“ habe, weshalb er eine etwas persönlichere Geschichte über den Mann erzählen möchte, der im Ausland für seine Heimat Bedrohungen ausschaltet, bevor sie unmittelbar zur Bedrohung für die freie Welt und vor allem die USA werden können. Mit „Falsche Wahrheit“, dem bereits vierten Band der Reihe, entführt uns Baldacci in den tiefen Süden der USA und damit in die Heimat von Will Robie, die er in jungen Jahren überstürzt verlassen hatte.
Will Robie ist einmal mehr in einem anderen Land unterwegs, dessen Ziele und Interessen nicht mit denen der USA übereinstimmen, und diesmal haben barbarische Verbündete der USA verlangt, dass eine bestimmte Person eliminiert werden müsste. Robie gibt den tödlichen Schuss in dem verabredeten Moment ab, trifft aber nicht nur die Zielperson, sondern auch die vierjährige Tochter, die hinter dem Mann stand, als dieser von der Patrone niedergestreckt wurde. Um dieses Erlebnis so schnell wie möglich hinter sich zu lassen, drängt Robie auf einen nächsten Einsatz, den er allerdings vermasselt. Als das Zielobjekt im Visier auftaucht, halluziniert Robie plötzlich einen Jungen und gibt den tödlichen Schuss nicht ab. Robie wird daraufhin in den Urlaub geschickt und nutzt die Zeit, in seine Heimatstadt Cantrell, Mississippi, zu reisen, die er vor zwanzig Jahren überstürzt verlassen hatte. In diesem 2000-Seelen-Kaff wartet sein Vater, der ehrenwerte Richter Dan Robie, auf seinen Prozess wegen Mordes. Der ehemalige Marineinfanterist soll einen Mann namens Sherman Clancy getötet haben. Als Robie seinen Vater im Gefängnis besuchen will, macht er die Bekanntschaft von Deputy Sheila Taggert, die Robie noch von der Highschool kennt, doch sein Vater lehnt es ab, seinen Sohn, zu dem er seit zwanzig Jahren keinen Kontakt mehr hatte, zu sehen. Wie Robie später erfährt, lebt sein Vater mit seiner neuen Frau Victoria, ihrem gemeinsamen Sohn Ty und der Haushälterin Priscilla in der Südstaatenvilla Willows, die einst der wohlhabenden Barksdale-Familie gehörte, in deren Tochter Laura Robie damals verliebt gewesen war. Eigentlich wollten sie gemeinsam die Stadt verlassen, doch aus unerfindlichen Gründen begleitete Laura ihn nicht und antwortete auch später nicht auf Robies Briefe. Robies weitere Nachforschungen ergeben, dass Clancy ebenfalls wegen Mordes verhaftet worden war. Er soll das hübsche Mädchen Janet Chisum erschossen haben, wurde aber von den Geschworenen freigesprochen. Offenbar war Clancy, der aus einer armen Farmerfamilie stammt, durch Gas- oder Öl-Vorkommen auf seinem Land reich geworden und hat sich mit ein paar Kasino-Leuten zusammengetan. Doch je tiefer Robie in die Vergangenheit seines Vaters und damit auch in seine eigene reist, desto mehr Probleme und Leichen tauchen auf, bis Blue Man, Robies einflussreicher Kontaktmann bei der CIA, sogar Robies Partnerin Jessica Reel zur Unterstützung schickt…
Mit „Falsche Wahrheit“ begibt sich David Baldacci ein wenig auf die Spuren von John Grisham oder großartigen Südstaaten-Schriftstellern wie James Lee Burke und Joe Lansdale. Es ist Baldacci an sich hoch anzurechnen, dass er hier den Versuch unternimmt, seinen Serien-Helden mit einer persönlichen Hintergrundgeschichte zu versorgen, und es ist erfrischend zu lesen, dass Robie sich nach zwei unglücklichen Einsätzen mal als Ermittler präsentieren kann, der damit aber in ein gefährliches Wespennest sticht, das weniger auf den alltäglichen Rassismus zurückzuführen ist, sondern auf ebenso verwerfliche Verbrechen, die weitere Kreise ziehen, als selbst das vor Ort ermittelnde FBI ahnt. Während Baldacci zunächst mit atmosphärischen Südstaaten-Schilderungen und komplexem Krimi-Plot überzeugt, will er am Ende aber zu viel des Guten, wenn er die Handlung mit einer höchst unglaubwürdigen Wendung abzuschließen versucht. Da nützen auch die detailliertesten Erklärungen nichts. Sie machen die Katastrophe nur schlimmer…

 

David Baldacci – (Will Robie: 3) „Im Auge des Todes“

(Lübbe, 528 S., HC)
Seit seinem gleich erfolgreich von und mit Clint Eastwood verfilmten Debütroman „Absolute Power“ (1996) zählt David Baldacci nicht grundlos zu den profiliertesten US-amerikanischen Thriller-Autoren, veröffentlicht er doch (vornehmlich) Thriller-Bestseller in Serie, so dass hierzulande der Heyne Verlag und Lübbe die langsam kaum noch überschaubaren Reihen um Atlee Pine, Amos Decker, John Puller, Sean King & Michelle Maxwell, den Camel Club und wie sie alle heißen schon untereinander aufteilen müssen. Zu den weniger gelungenen Figuren zählt der für eine zur CIA gehörenden Behörde arbeitende Auftragskiller Will Robie, der für den Anführer der freien Welt unliebsame Personen aus dem Verkehr zieht. In seinem dritten Fall, bei dem ihm wieder seine Partnerin Jessica Reel zur Seite steht, ist es der nordkoreanische Präsident, der dran glauben muss, doch natürlich steckt hinter dieser Mission weit mehr, als es zunächst den Anschein hat.
Zusammen mit dem Nationalen Sicherheitsberater Josh Potter und CIA-Chef Evan Tucker plant der US-amerikanische Präsident in einer Videoschaltung mit dem nordkoreanischen General Pak ein Attentat auf den nordkoreanischen Führer. Für die Ausführung werden die zurzeit besten Agenten, die nach ihrem Einsatz in Syrien mit dem Orden für Heldenmut im Einsatz ausgezeichneten Will Robie und Jessica Reel, vorgesehen, doch müssen sie sich Amanda Marks, der Stellvertretenden Direktorin der CIA, einer „Rekalibrierung“ in der sogenannten Burner Box unterziehen, da sie sich bei ihrem Einsatz in Syrien eindeutigen Befehlen widersetzt haben. Nach dem Bestehen des herausfordernden Tests werden Robie und Reel auf ihren Auftrag vorbereitet, doch dann kommt es zu unvorhergesehenen Komplikationen: Die nordkoreanische Agentin Chung-Cha hat in Paris den englischen Diplomaten Lloyd Carson eliminiert, der nach Nordkorea versetzt worden und als Mittelsmann zu General Pak der Dreh- und Angelpunkt der geplanten Aktion war. Als auch General Pak nach dem Verlassen des Landes tot aufgefunden wird, droht Nordkorea mit Vergeltung und schickt mit Chung-Cha seine beste Agentin, um die USA an einer sehr persönlichen Stelle zu treffen…

„Als Leiterin dieser Mission wusste Chung-Cha, dass sie die Pläne für das Attentat vorantreiben mussten. So eine Gelegenheit würden sie nicht noch einmal bekommen. Wenn die Amerikaner tot waren, würden sie eine Nachricht zurücklassen, auf Englisch verfasst, die im Detail die Verbrechen aufführen würde, die Amerika begangen hatte…“

David Baldacci macht es mit „Im Auge des Todes“ seiner Leserschaft nicht gerade leicht. Statt sich auf den Plot mit Robies und Reels Auftrag zu beschränken, den nordkoreanischen Führer zu eliminieren, führt der Bestseller-Autor gleich zu Beginn den Nebenplot des wegen mehrfachen Mordes zum Tode verurteilten, einer Neonazi-Gruppe zugehörigen Earl Fontaine ein, der wegen seines Krebsleidens allerdings nicht hingerichtet werden kann. Er will vor seinem Tod noch Kontakt zu seiner Tochter aufnehmen, verfolgt mit diesem Wunsch allerdings einen sehr perfiden Plan. Und schließlich wird auch das Leben der nordkoreanischen Agentin Chung-Cha ausführlich beschrieben, von der Tortur, in einem der vielen Arbeitslager aufgewachsen zu sein, bis zur Ausbildung als Attentäterin. Durch den Wechsel der Erzählperspektiven leidet nicht nur der Lesefluss und die Spannungs-Dramaturgie, verheerend wirkt sich vor allem die Unglaubwürdigkeit der Handlung aus. Vor allem die Leichtigkeit, mit der Robie und Reel in Nordkorea ihren Auftrag erledigen, fällt hier negativ auf, aber auch der Zufall, dass die beiden Top-Killer gerade dann den Babysitter für die beiden Kinder des US-Präsidenten spielen, als Chung-Cha ihr Ziel ins Visier genommen hat. Zu allem Überfluss gibt es auch noch eine Entführung im engsten Kreis der beiden Agenten und eine unliebsame Konfrontation mit Reels Vater. Das wäre Stoff für mindestens drei Romane, doch dann müssten die Plots glaubwürdiger ausgeführt und die Figuren komplexer gezeichnet werden.

 

Heinz Strunk – „Memories of Heidelberg“

Freitag, 17. Juli 2026

(Rowohlt, 176 S., HC)
Seit der – wie ich – im jetzigen Kurort Bad Bevensen geborene Musiker, Satiriker und Schriftsteller Heinz Strunk in seinem 2004 veröffentlichten Romandebüt „Fleisch ist mein Gemüse“ seine Erfahrungen als Musiker in einer Tanzkapelle verarbeitete, leben seine Bücher vor allem von erstaunlich gut beobachteten Niedergängen ganz gewöhnlicher Typen. Nach „Ein Sommer in Niendorf“ präsentiert auch Strunks nicht mal 180 Seiten langer Kurzroman „Memories of Heidelberg“ die ebenso humorvolle wie erschreckende Geschichte einer unaufhaltsamen Katastrophe im Urlaub.
Bertram und Isolde aus Oldenburg wollen ihre in vielerlei Hinsicht über siebzehn Jahre abgeschliffene Ehe mit einem Urlaub im romantischen Heidelberg wieder in Schwung bringen. Dafür steigen sie nicht wie sonst im Fünf-Sterne-Grandhotel Europäischer Hof ab, sondern gönnen sich auf eine Freundesempfehlung hin die 500 Euro teure Deluxe-Suite in einem direkt am Neckar gelegenen Boutique-Hotel. Eigentlich war die Reise anlässlich des 80. Geburtstags von Isoldes Mutter angetreten worden, doch da diese im Krankenhaus auf der Intensivstation verweilt, muss sich das in die Jahre gekommene Ehepaar mit sich selbst begnügen. Nach der sechsstündigen Autofahrt ist die Rezeption des Hotels allerdings nicht mehr besetzt, Bertram und Isolde müssen ihren Schlüssel auf dem nahegelegenen Schiffsrestaurant abholen. Die Suite im überteuerten Boutique-Hotel enttäuscht auf ganzer Linie, dafür freunden sich die Gäste aus Oldenburg gleich mit dem Restaurant-Chef Enrico an, der sie zunächst noch zu einem Getränk aufs Haus einlädt, im Verlauf der weiteren Urlaubswoche aber immer absurdere Preise verlangt, unfreundlich wird und die Dauerschleife allzu bekannter Schlager schließlich auf

„Er sehnt sich so sehr danach, dass zwischen ihnen wieder alles in Ordnung kommt. Sie müssten sich mal aussprechen, den in vielen Jahren gewachsenen Berg aus Streit, Enttäuschungen und Missverständnissen abtragen. Aber er hat keine Ahnung, wo er anfangen soll. Es steht so viel Unausgesprochenes zwischen ihnen, eine Chinesische Mauer aus Worten, die droht, irgendwann auf sie niederzustürzen und sie unter sich zu begraben.“

Mit dem Glück, das Peggy March in ihrem fast schon vergessenen Schlager-Hit „Memories of Heidelberg“ heraufbeschwört, hat so gar nichts mit der an sich sehr deprimierenden Erzählung zu tun, die uns Heinz Strunk („Der goldene Handschuh“, „Jürgen“) hier präsentiert. Stattdessen stellt er uns ein Horrorszenario allzu vertrauter Eheleute vor, die sich nach fast zwei Jahrzehnten kaum noch etwas zu sagen haben – von Sex ganz zu schweigen. Genüsslich seziert der Autor mit gewohnter sprachlicher Finesse die Tücken und Fallstricke ehelichen Alltags, wenn man sich über die harmlosesten Dinge zu streiten beginnt und den Partner/die Partnerin nur noch erwürgen möchte. So sehr man sich wünscht, in der eigenen Beziehung souverän diese gefährlichen Klippen umschiffen zu können, lässt Strunk sein Paar frontal und ungehemmt in die Katastrophe schlittern, was allerdings auch gerade Bertrams fehlender Selbstbeherrschung und Courage geschuldet ist. „Memories of Heidelberg“ ist ein typischer Strunk, bei aller Kürze zwar auch tatsächlich überwiegend kurzweilig und witzig, aber nicht besonders originell in der sehr überschaubaren Handlung und allzu vorhersehbar. Zudem gönnt man dem alternden Paar fast schon sein Unglück, so unsympathisch und kleinkariert präsentieren sich die Vorzeige-Spießer in der bildschönen Kurpfalz.

Dave Eggers – „Contrapposto“

Donnerstag, 9. Juli 2026

(Kiepenheuer & Witsch, 496 S., HC)
Bereits mit seinem Debütroman „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität: eine wahre Geschichte“ präsentierte der studierte Journalist Dave Eggers eine autobiografisch gefärbte Geschichte. Stand in dem 2000 veröffentlichten Erstling noch das Schicksal des im Roman 22-jährigen Autors nach dem Krebstod seiner Eltern im Mittelpunkt der Geschichte, widmet sich der American Book Award-Preisträger, der auch Drehbücher zu Filmen wie „Away We Go – Auf nach Irgendwo“, „Wo die wilden Kerle wohnen“ und „The Circle“ schrieb, in seinem neuen Roman „Contrapposto“ einer langjährigen Freundschaft in Kunstkreisen.
Während der weißen Winter des Mittleren Westens wird der junge Robert von seinem Großvater Silas zum Malen animiert und durch ein Buch mit der Kunst von Manet vertraut gemacht. Das Klicken, das Rob als Vorbote einer Entscheidung von sich gibt, trägt ihm den Spitznamen Cricket ein, weil dieses Geräusch wie die Grillen klingt, meint sein Großvater. Für den neunjährigen Cricket, der sich durch seinen neuen Namen auch von dem gewalttätigen Freund seiner Mutter, der ebenfalls Robert heißt, unterscheiden kann, erschließt sich durch das Malen und Zeichnen eine neue Welt, vor allem nach dem Tod seines Großvaters. Seine Mutter schickt ihn zu zwei rumänischen Schwestern, die drei Straßen weiter in einem Backsteinhaus wohnen. Während Madelena Klavierunterricht gibt, lernt Cricket bei der stilleren Oana mit Zeichenkohle und Leinwandkarton umzugehen und Stillleben von Obst zu zeichnen. Als Teenager gewinnt Cricket bereits einen Kunstwettbewerb. Doch für seine Karriere als Künstler erweist sich vor allem die Freundschaft+ mit der temperamentvollen Olympia als Katalysator. Von Kindheit an verbindet die beiden kunstbegeisterten Menschen eine intensive Beziehung, die auch nach jahrelanger Trennung beim Wiedersehen sofort an Fahrt aufnimmt. Seit Olympia bei Cricket bereits im Teenageralter eine Sauerei angerichtet hat, als sie ihre Hand nur auf die Hose des Jungen im Schrittbereich legte, vergnügen sich die beiden trotz bestehender Beziehungen miteinander, wobei sich ihre Wege mal in Thailand, mal in Paris kreuzen, über 65 Jahre lang. Doch mehr noch als durch Sex ist ihre Freundschaft durch die Liebe zur Kunst geprägt…

„Wir haben unförmige Ideen in eine erkennbare Form gezwungen, wir haben Fleisch auf Leinwand schöngemalt – sogar glorifiziert, etwas geschaffen, das über uns hinausweist. Wenn wir versagen, sind wir ungeschickte Möchtegernkünstler. (…) Was ihm in diesem Moment und jahrelang danach verborgen bleiben sollte: Nur das zählte. Diese Stunden. Die Stunden der Schöpfung und die Stunden, in denen er sich am Feuer seiner Schöpfung wärmte. Allein, dass er Ekstase spüren konnte, aus sich selbst heraus, aus dem Nichts.“

„Contrapposto“ bezeichnet die dynamische, asymmetrische Gewichtsverlagerung in der Kunst und bringt die wechselhafte Beziehung der beiden Protagonisten in Eggers‘ neuen Roman perfekt auf den Punkt. Über knapp 500 Seiten verfolgen wir episodenhaft die wichtigsten Stationen vor allem in Crickets Leben, vom prägenden Einfluss seines Großvaters in der Kindheit über die erste Auftragsarbeit für pornografische Banner als Teenager bis zu den einzelnen Etappen seiner künstlerischen Karriere. Was Olympia in der Zwischenzeit widerfahren ist, erfahren wir rückblickend kurz und knapp beim Wiedersehen nach jahrelanger Trennung. 
Die unorthodoxen Begegnungen und Dialoge über Kunst und ihre Beziehungen (ihre eigene und diejenigen, die sie mit anderen Partnern führen) machen „Contrapposto“ zu einem feinsinnigen, humorvollen und kenntnisreichen Lesegenuss, wobei die konstitutionelle Kunstszene auch mit amüsanten Seitenheben belegt wird. Dabei kann Eggers, der das Buch mit eigenen Illustrationen versehen hat, einmal auf seine eigenen Erfahrungen im Kunstbereich verweisen, belegte er doch schon an University of Illinois Kunstkurse und hatte eigene Ausstellungen.