Sonntag, 15. März 2009

Neal Gabler - „Das Leben, ein Film. Die Eroberung der Wirklichkeit durch das Entertainment“

(Goldmann, 320 S., Tb.)
Dass medienrelevante Beobachtungen in der Regel zuerst aus der Unterhaltungsmetropole der Welt, den USA, kommen, ist seit Marshall McLuhans „Die magischen Kanäle“ und seiner These „Das Medium ist die Botschaft“ sowie Neil Postmans provozierendem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“, jedem Konsumenten geläufig. Eine aktuelle Auseinandersetzung mit dem stets problematischen Verhältnis Mensch und Medien bietet der amerikanische Medien- und Kulturhistoriker Neal Gabler mit seinem neuen Buch „Das Leben, ein Film“.
Darin vertritt er die These, dass das Leben mit dem Fernsehen zu einer riesigen Unterhaltungsshow geworden ist, in der die Grenzen zwischen Kunst und Leben vollkommen verschwommen sind. „Was, wenn Unterhaltung der Sinn des Lebens wäre!“, fragte schon in den 60ern der amerikanische Schriftsteller Philip Roth. In den Selbstinszenierungen von Künstlern wie Warhol und Hemingway bis zu Liz Taylor und Madonna, dem „interaktiven Selbstmord“ von Timothy Leary, der sich via Internet-Übertragung einen Gift-Cocktail verabreichte, bis zu „Big Brother“, wo sich Menschen durch Pseudo-Ereignisse marktgerecht in Szene setzten - überall erscheint der Mensch als „Programm gestaltender Dauergast eines Amüsierbetriebs“. Die Menschen legen sich ein Image zu und leben danach. Gabler macht auf den bemerkenswerten Umstand aufmerksam, dass das Künstliche, Nicht-Authentische und Theatralische dabei ist, alles Natürliche, Echte und Spontane aus dem Leben zu verdrängen, so dass der Mensch ganz realistisch in einer Welt von Illusionen leben kann. Der Autor macht sich Umberto Ecos Ansatz zu Nutze, einen neuen kognitiven Ansatz zur Realität zu finden, indem wir „noch einmal ganz von vorne anfangen, uns zu fragen, was läuft“, und untersucht, warum die Unterhaltung in Amerika zum höchsten Wert erhoben wurde und welche Bedeutung sie für unsere öffentliche Kultur hat. Dabei verzichtet Gabler auf den moralischen Zeigefinger. Vielmehr stellt „Das Leben, ein Film“ einen unterhaltsam zu lesenden historischen Grundkurs über die Entwicklung der Unterhaltung dar und über den immer größeren Einfluss, den sie auf unser aller Leben ausübt.

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