Sonntag, 8. März 2009

Alfred Pfabigan - “Gottes verbotene Worte. Was die Bibel verschweigt”

(Eichborn, 432 S., HC)
Obwohl die christliche Kirche in ihrer jahrhundertelangen Geschichte immer alles daran gesetzt hat, alle Texte christlichen Ursprungs, die nicht dem offiziellen Kanon der Bibel entstammen, zu unterschlagen, zu verdrängen und zu verteufeln, haben die sogenannten Apokryphen (griechisch: das Verborgene) gerade im heutigen, immer mehr von verschiedenen esoterischen Lehren durchsetzten Jahrhundert nichts von ihrer Anziehungskraft verloren und waren schon in der frühchristlichen Ära Inspiration für gnostische und manichäische Sekten.
Während die Bibel nur einen Bruchteil der koptischen, altjüdischen und aramäischen Quellen enthält, hat der Professor für Philosophie, Politik- und Kulturwissenschaftler Alfred Pfabigan nun einige der unterschlagenen und durch päpstliches Dekret verteufelten Texte zusammengesucht und sie mit dem Alten Testament, den Schöpfungsgeschichten, Evangelien, Apostelgeschichten und der Apokalypse so zusammengestellt, dass sie dem Aufbau der offiziellen Version der Bibel folgen.
Bei der unterhaltsamen Lektüre der Texte, die sich teilweise stark von der kanonisierten Variante unterscheiden, wird schnell deutlich, warum sie bei der Zusammenstellung der offiziellen Bibel unter den Tisch fielen: So schlugen sich nach dem Buch Ephraim Kain und Abel nicht um Gottwohlgefälligkeit, sondern um eine verführerische Frau. Der kleine Jesus lässt einen Spielkameraden verdorren und tötet einen anderen mit bloßen Worten. Und im Evangelium Barnabas wurde nicht etwa Jesus gekreuzigt, sondern - als Strafe für seinen Verrat - Judas. Der überlebende Jesus verkündete, dass nicht er der Messias sei, sondern Mohamed. Obwohl natürlich klar wird, warum solche Texte von der Kirche verboten wurden, plädiert Pfabigan nicht für eine andere Kirche, sondern nur für einen weniger ängstlichen Umgang mit unserer Tradition. Auf jeden Fall bietet „Gottes verbotene Worte“ rätselhafte, sinnliche und amüsante Unterhaltung. Zudem zeigt der Autor in einem längerem Vorwort die interessante Entstehungsgeschichte der Bibel, die Machtkämpfe während der Kanonisierung ihrer Texte und auch Freuds psychoanalytische Auseinandersetzung mit der Bibel auf, deren Geschichten auch heute noch in der Hoch- und Populärkultur stetig wiederholt werden.

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