Sonntag, 8. März 2009

Rainer Rother - „Leni Riefenstahl. Die Verführung des Talents“

(Henschel, 288 Seiten, HC)
Lange Zeit ist Leni Riefenstahl einfach ein Tabu-Thema, eine Unperson gewesen. Es reichte die Vorstellung vom Werk, nicht seine genaue Analyse, dass auf die „NS-Filmerin“ reduziert wurde. Seit einigen Jahren findet allerdings eine sachorientiertere Diskussion um die wohl umstrittenste Regisseurin aller Zeiten statt, wobei man sich um eine kulturgeschichtliche Einbettung in das Deutschland der 30er und 40er Jahre bemüht. Genau hier setzt Rother mit seinem Bemühen an, etwas mehr Licht in das Dunkel der rätselhaften Persönlichkeit Riefenstahl zu nähern, die selbst in ihren Memoiren noch behauptete, von Hitler zu Parteitagsfilmen gezwungen worden zu sein, die Regie für „Olympia“ (1938) nur widerwillig angenommen zu haben und sich „Tiefland“ (1940/1954) nur gewidmet zu haben, weil ihr eigenes Projekt „Penthesilea“ zu Zeit des Krieges nicht recht am Platze schien.
Rother rekonstruiert dagegen das Bild einer ungewöhnlich willensstarken Frau, die sich in der Männerdomäne des Films gegen alle Widerstände zu behaupten wusste. Er zeichnet das Portrait einer ebenso talentierten wie durchsetzungsfähigen Frau, deren bemerkenswerteste Filme ausgerechnet Propagandawerke gewesen sind. Doch ihre nachhaltige Wirkung ist noch heute in der Sportberichterstattung, in der Werbung und in Historienfilmen zu erkennen. Rother beschäftigt sich bei seiner nüchternen, aber analytisch genauen Auseinandersetzung mit Leni Riefenstahls Leben und Werk konsequenterweise auch mit der Nachkriegszeit, für die die Regisseurin und Fotografin ebenso Symbolfigur wurde wie für den Nationalsozialismus. Er zeigt dabei, wie stark die öffentliche Ablehnung Riefenstahls mit der Verdrängung des einstmals vielgeliebten NS-Regimes zusammenhängt und wie zerrissen Riefenstahl selbst ihre Rolle im Hitler-Deutschland erlebt hat. Das vor allem auch in historisch interessante Werk räumt mit einigen Legenden auf, die sich um die mal als „Genie“, mal als „Propagandistin“ bezeichnete Riefenstahl ranken, und wird durch einen wundervollen Bildteil entsprechend abgerundet.

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