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Frank Goosen – „Lovely Rita“

Montag, 23. Februar 2026

(Kiepenheuer & Witsch, 248 S., HC)
Frank Goosen ist nicht nur in Bochum geboren und hat dort Geschichte, Germanistik und Politik studiert, sondern lebt und wirkt noch immer dort, zunächst zusammen mit Jochen Malmsheimer als Kabarett-Duo Tresenlesen, seit seinem erfolgreich verfilmten Debütroman „Liegen lernen“ (2000) auch als Romanautor. Wie verbunden er sich seiner Heimatstadt fühlt, wird einmal mehr in seinem neuen Roman „Lovely Rita“ deutlich. Was auf den ersten Blick wie eine Liebeserklärung an eine besondere Frau erscheint, entpuppt sich schnell als einfühlsamer, gut beobachteter Abgesang auf die traditionelle Kneipenkultur.
Es ist der letzte Abend in der Kneipe „Haus Himmelreich“, dann macht die Wirtin Rita Urbaniak zu. Da sie selbst aber mal wieder abwesend ist, schmeißt Gisela den Laden, die vom Autor, der einen Artikel über die Schließung schreiben soll, aber schon ahnt, dass es wieder ein Roman wird, wegen ihrer weißen Bluse sofort „White Blues Woman“ genannt wird. Ehrfürchtig schaut er ihr dabei zu, wie sie kunstfertig neun Gläser Bier zapft, ohne den Hahn zwischendurch zu schließen, anschließend wiederholt sie das mit den neun Klaren, immer exakt bis zum roten Strich gefüllt. Am Abend vor der geplanten Schließung versucht sich der Autor ein Bild zu machen, lernt die Stammgäste „der Lange“, „der Käpt’n“ und Willi Trommer kennen. Um die Leute zum Reden zu bringen, ist zum Einstand erst mal ein Gedeck fällig, das erste Bier muss erst mal „geerdet“ werden. Nach und nach erschließt sich dem Ich-Erzähler die Geschichte der Kneipe, vor allem die Geschichte, wie die gerade volljährig gewordene Rita im Juli 1971 nicht nur die Kneipe übernahm, sondern auch Verena, die Tochter ihrer älteren Schwester Christa, aufzog, während „Chris“ die Welt erkunden musste. Er lernt die vornehme Gräfin kennen, dann auch die Wacholder-Anni, den Comedian Farsi und bekommt mit, wie nebenan eine Beerdigungsgesellschaft bedient wird und später der SPD-Ortsverband seine letzte Sitzung im Hinterzimmer abhält. Eine Ära geht zu Ende…

„Die Kneipe ist irgendwann brechend voll und sehr laut, immer wieder gehen Menschen raus zum Rauchen und treffen auf welche, die wieder reinwollen. Ich frage mich, wo die Rita bleibt, die muss sich doch zeigen, heute am letzten Abend. Verena hat die Begegnung mit ihrer Mutter einigermaßen weggesteckt, ist aber immer noch ein bisschen sauer auf Rita, weil die sie nicht vorgewarnt hat. Die Information, dass ich über die Kneipe schreiben will, hat sich schnell verbreitet. Ständig werde ich angesprochen, man habe da Geschichten zu erzählen, die würde ich nicht glauben, von der Rita und vom Carlo und von den beiden Schutzgelderpressern, die Rita einfach nach Hause geschickt hat, und den Nazis, die sich hier breitmachen wollten, dem einen habe die Rita die Nase gebrochen, dem anderen zwei Rippen, habe man jedenfalls gehört…“

Auch wenn im Mittelpunkt von Frank Goosens neuen Roman die Schicksale und so unterschiedlichen Lebenswege der drei Frauen Rita, Chris und Verena im Mittelpunkt stehen, fesselt „Lovely Rita“ vor allem durch die humorvollen Dialoge, wie sie nur von miteinander sehr vertrauten Stammgästen in einer typischen Eckkneipe gesprochen werden. Goosens Ich-Erzähler nimmt nicht nur die gegenwärtige Atmosphäre der Kneipe an ihrem letzten Abend auf, sondern nimmt sich viel Zeit für die ganz normalen Menschen, die sich hier immer wieder einfinden und sich bereits ihr Leben lang zu kennen scheinen. Wenn der Erzähler in die Einzelgespräche geht, wird auch die Geschichte aufgerollt, vor allem der „Kriech“, mit dem alles begann, und Kommentare zum politischen Geschehen, vor allem Schröders Wandlung während seiner Kanzlerschaft vom Genossen zum Bonzenfreund, und zum Werdegang der drei Frauen, lassen die Geschichte der Kneipe äußerst lebendig werden. „Lovely Rita“ stellt eine herzerwärmende Hommage an die aussterbende (Eck-)Kneipenkultur nicht nur im Pott dar und überzeugt durch die sympathische Zeichnung all der Figuren, die im „Haus Himmelreich“ eine Art von Zuhause gefunden haben.

Irvine Welsh – „Ecstasy“

Samstag, 21. Februar 2026

(Kiepenheuer & Witsch, 368 S., Tb.)
Mit seinem 1993 veröffentlichten Debütroman „Trainspotting“, der 1996 erfolgreich von Danny Boyle verfilmt worden ist, hat der Schotte Irvine Welsh gleich einen Volltreffer gelandet, obgleich ihm die Geschichte über die Abgründe der Drogenszene von Edinburgh den Vorwurf der Drogenverherrlichung einbrachte. Der dürfte allerdings auf die 1996 erschienene Sammlung dreier Geschichten, „Ecstasy“, noch viel eher zutreffen, denn hier macht sich Welsh kaum noch die Mühe, einen sinnvollen Plot zu den Sex- und Drogenexzessen zu kreieren. Der Untertitel „Drei Romanzen mit chemischen Zusätzen“ bringt es dabei auf den Punkt.
In „Die Unbesiegten. Eine Acid-House-Romanze“, mit 160 Seiten gleich die längste Geschichte, hadert die 27-jährige Heather mit ihrer Beziehung mit dem spießigen Hugh, dem Geschäftsführer einer Bausparkasse, mit dem sie zusammenlebt und der ständig das „Brothers In Arms“-Album der Dire Straits laufen lässt. Aber eigentlich lebt sie für den Partyspaß mit ihrer Arbeitskollegin Liz und ihrer besten Freundin Marie. Als Heather mit zwei Freundinnen von Marie im Club ihr erstes Ecstasy einwirft, wird ihr schlagartig bewusst, wie sinnlos und grausam ihr Leben bislang an ihr vorbeigerauscht ist. Im Chill-out-Raum lernt sie den 30-jährigen Partygänger Lloyd kennen, mit dem sie sofort über das Leben und die ganze Welt zu palavern beginnt. Als sie sich von ihm drücken lässt, fühlt sich Heather so glücklich wie noch nie in ihrem Leben, doch die Beziehung, die sie mit Lloyd beginnt, kann die Leere in ihrem Leben zunächst nicht vertreiben…

„… es war, als würde ich jeden kennen, all diese fremden Menschen. Wir teilten ein Verständnis und eine Intimität, die niemand, der das nie so und hier erlebt hatte, je kennenlernen würde. Als wären wir alle gemeinsam in unserer eigenen Welt, einer Welt frei von Hass und Furcht. Alle Furcht war von mir abgefallen, nur das war passiert. Ich tanzte, und die Musik war wundervoll. Menschen, Fremde, umarmten mich. Auch Jungs, aber nicht eine fiese Art. Als ich an Hugh dachte, tat es mir leid für ihn. Leid, weil er das hier nie kennenlernen würde, leid, weil er sein Leben definitiv verschwendet hatte.“ (S. 117)

„Fortune’s Always Hiding. Eine Risiken-und-Nebenwirkungen-Romanze“ erzählt von der hübschen Samantha, die als Folge des Medikaments Tenazadrin, das ihre Mutter während der Schwangerschaft eingenommen hatte, mit verkrüppelten Armen auf die Welt gekommen ist und nun Rache an den Verantwortlichen nehmen will, die das Tenazadrin in den 1960er Jahren auf den Markt gebracht haben. Sie bandelt mit dem Hooligan Dave an, dessen Leben vorrangig daraus besteht, mit seinen Kumpels bei Fußballspielen die gegnerischen Fans aufzumischen. Für Samantha ist er damit das perfekte Werkzeug für ihren Rachefeldzug…
In „Lorraine geht nach Livingston. Eine Rave-und-Regency-Romanze“ wird die fettleibige Rebecca Navarro, erfolgreiche Autorin von Liebesschnulzen, nach dem Genuss ihrer geliebten Pralinen und dem darauffolgenden Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert. Sie hatte gerade an ihrem noch unbetitelten Manuskript zu ihrem 14. Miss-May-Regency-Roman gearbeitet. Im Krankenhaus wird sie von der fürsorglichen Schwester Lorraine aufgepäppelt und entwickelt eine tiefe Zuneigung zu ihr, während im Keller des Gebäudes der Fernsehstar Freddy Royle den Angestellten, in Lorraine verliebten Glen besticht, dass er ein Auge zudrückt, wenn Freddy sich an den besser aussehenden Leichen vergeht. Für Rebecca erweist sich allerdings nach ihrer Entlassung die Entdeckung, dass ihr Lebensgefährte Perky ein verabscheuungswürdiges Doppelleben geführt hat, als Antrieb, ihrem Roman eine drastische Wendung zu verleihen…
Irvine Welsh bleibt in „Ecstasy“ seinem Stil treu, wenn er in lebendiger, authentisch wirkender Sprache Genres und Milieus vermischt, souverän zwischen der Clubszene, den Fußballfans und Hooligans, den Geschäftsführern und einfachen, frustrierten Angestellten changiert, wobei sicher einige Klischees bedient werden. Sie alle versuchen, irgendwie durchs Leben zu kommen und ihre Leidenschaften auszuleben, sei es beim Tanzen in den Clubs unter Drogeneinfluss, beim Penetrieren frisch eingelieferter Leichen oder dem Verdreschen gegnerischer Fußballfans. In Welshs drei qualitativ durchaus unterschiedlichen Geschichten spielen Drogen – wie der Titel bereits proklamiert - aber stets eine gewichtige, persönlichkeitsverändernde Rolle. Und das nicht unbedingt im positiven Sinn. Welsh versteht es, das Hochgefühl eindrucksvoll zu beschreiben, wenn seine Protagonist:innen dem Alltag entfliehen wollen und sich sofort besser fühlen, wenn sie auf einem Trip sind, doch dieses Hochgefühl hält nie lange an. Um seinen Plots aber etwas mehr Pepp zu verleihen, reichert Welsh sie mit teils krassen Gewalt- und Sex-Eskapaden auf, die gerade in der letzten Geschichte eher schockierenden Selbstzweck darstellen. Dabei sind seine Beschreibungen der Befindlichkeiten in England der 1990er Jahre durchaus treffend und geben einen faszinierenden Einblick in die gesellschaftliche und politische Struktur der britischen Inseln. 

Irvine Welsh – „Crime“

Freitag, 6. Februar 2026

(Kiepenheuer & Witsch, 480 S., Tb.)
Seit seinem erfolgreich von Danny Boyle verfilmten, für dem Booker Prize nominierten Debütroman „Trainspotting“ setzt sich der aus Edinburgh stammende Irvine Welsh mit allen nur vorstellbaren menschlichen Abgründen auseinander und verpackt seine – vornehmlich in seiner Heimatstadt angesiedelten - Drogen-, Alkohol- und Sexexzesse in rauschende, temporeiche und humorvolle Geschichten, die immer wieder den Weg auf die Leinwand oder ins Fernsehen finden, so wie sein 2008 veröffentlichter, hierzulande aber erst 2011 erschienener Roman „Crime“, der es auf zwei Staffeln mit Dougray Scott („Mission Impossible II“, „My Week With Marilyn“) in der Hauptrolle geschafft hat.
Das Schicksal der siebenjährigen Britney Hamil, die von ihrem Mörder zuvor entführt und vergewaltigt worden war, hat dem in Edinburgh tätigen Polizeiinspektor Ray Lennox arg zugesetzt. Sein Vorgesetzter mochte sich Lennox‘ Verhalten nicht länger ansehen und verordnete ihm eine Zwangspause, die Ray nicht nur dazu nutzt, um mental wieder klarzukommen, sondern mit der Reise nach Miami Beach auch die Hochzeit mit seiner Verlobten Trudi zu planen. Dabei ist Ray fast schon überzeugt davon, dass die Heirat ein Fehler ist. Während Trudi mit ihrer Zeitschrift „Perfect Bride“ nichts anderes mehr im Sinn hat als die Hochzeit, ist Ray schon kurz nach dem Einchecken im kleinen Boutique Hotel schnell genervt. Das Treffen mit seinem alten Freund Eddie „Ginger“ Rogers und seiner neuen Frau Dolores verläuft auch nicht besonders erbaulich, also zieht Ray allein um die Häuser und lernt in einer Bar die beiden Freundinnen Robyn und Starry kennen. Ray nimmt das Angebot nur zu gern an, mit den beiden Frauen ein paar Linien Koks zu ziehen und schließlich mit in die Wohnung von Robyn zu gehen, in der er auch Robyns zehnjährige Tochter Tianna kennenlernt. Als ein Cop Lance Dearing und dessen Kumpel Johnnie ebenfalls der Party beiwohnen, muss Ray schließlich Johnnie von Tianna runterziehen. Die verzweifelte Mutter fleht Ray an, ihr Mädchen zu einem Freund namens Chet an den Golf von Mexiko in Sicherheit zu bringen, doch dort spitzen sich die Ereignisse zu…

„Seine Sicht auf die Welt, die reduzierte und misanthropische des schottischen Polizeibeamten, scheint ihm keinen adäquaten Rettungsring abzugeben. Die alten Gewissheiten, mit denen er sich getragen hat: von den moralisch bankrotten, bösartigen Reichen, den ignoranten, schwachen Armen und dem ängstlichen, engstirnigen, verklemmten Bürgertum – selbst alle zusammengenommen wirken sie in ihrem Kretinismus nicht eindrucksvoll genug, um die Welt so vor die Wand gefahren zu haben, wie es zurzeit aussieht.“ (S. 320)

Irvine Welsh weist in seiner Danksagung am Ende seines Buches korrekterweise darauf hin, dass der thematisierte sexuelle Missbrauch an Kindern weniger eine Sache organisierter Banden ist, wie im Buch beschrieben, sondern vornehmlich im Kreis von Freunden und Familie vonstattengeht. Für einen Thriller, wie ihn der schottische Bestsellerautor geschaffen hat, bietet die organisierte Kriminalität allerdings einen packenderen Plot. So stellt er den Protagonisten Ray Lennox selbst als seelisch verwundeten Cop dar, der vor allem wegen eigener Erfahrungen im Jugendalter zur Polizei gegangen ist, um fortan Jagd auf die perversen Kinderschänder zu machen, die ihm selbst und vor allem seinem Freund Les einst so zugesetzt haben. Aber es sind vor allem die jüngsten Erinnerungen an die verpatzten Ermittlungen im Fall der vergewaltigten und getöteten Britney, die Ray nicht loslassen und die im Sunshine State Florida ungeahnt neue Nahrung erhalten. Welsh entführt seine Leserschaft an der Seite von Ray auf eine ernüchternde, schockierende Tour de Force, auf einen Roadtrip mit der zehnjährigen Tianna, die schon zu viel Schlimmes erlebt hat, um noch beurteilen zu können, welche Männer ihre Freunde sind und welche ihr im Namen vorgeheuchelter „Liebe“ Gewalt antun. Welsh spart dabei nicht an eindringlichen Beschreibungen sexuellen Missbrauchs, ohne dabei zu sensationslüstern oder explizit zu werden. Allerdings driftet „Crime“ zum Ende hin zu sehr in klassische US-Thriller-Muster ab und unterläuft damit einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit, woran auch das überzogene Happy End seinen Anteil trägt.

Moritz Netenjakob – „Der beste Papa der Welt“

Montag, 1. September 2025

(Kiepenheuer & Witsch, 368 S., Pb.)
Als Gagschreiber und Drehbuchautor für Fernsehformate wie „Hurra Deutschland“, „Die Wochenshow“, „Ladykracher“, Anke“,Stromberg“ und „Switch“ hat der Kölner Moritz Netenjakob hinlänglich sein komödiantisches Talent unter Beweis gestellt. Seit 2009 versucht er sich auch erfolgreich als Romanautor. Nach „Macho Man“ und „Der Boss“ setzt Netenjakob die Geschichte seines Protagonisten Daniel Hagenberger nun mit „Der beste Papa der Welt“ fort.
Der Autor Daniel Hagenberger erhält von der Cheflektorin des Grabosch Verlags das einmalige Angebot, als Ghostwriter die Biografie des ehemaligen Bond-Bösewichts und Frauenschwarms Rudolf Prinz zu schreiben. Allerdings bleibt ihm nicht viel Zeit, denn das Buch soll bereits in einem halben Jahr zu Prinz‘ siebzigsten Geburtstag erscheinen. Während Daniel ganz aus dem Häuschen ist, an der Biografie seines Jugendidols mitzuwirken, ist seine türkische Frau Aylin alles andere als begeistert, hält sie Prinz doch für einen unsympathischen Macho. Das Projekt birgt aber auch in vielerlei Hinsicht weitere Probleme. So hat Prinz‘ ebenfalls türkische Ehefrau als seine Agentin alle Hände voll zu tun zu verhindern, dass ihr Mann von einem Fettnäpfchen ins nächste tritt, was vor allem seine frauenfeindlichen Witze betreffen, und darüber hinaus herunterzuspielen, dass Rudolfs Enkelin Helena mittlerweile mehr verdient als er selbst. Die Arbeit an dem Buch verläuft dagegen eher schleppend. Und nach Prinz‘ beherzter Zusage zur Markus-Lanz-Show bricht auch schon der nächste Shitstorm über die Testosteronschleuder hinein, und Daniel weicht als vorgeblicher Fitnesstrainer/Finanzberater nicht mehr von Prinz‘ Seite. Und als wäre die Aufregung um die Prinz-Biografie nicht schon genug, muss sich Daniel auch noch der Ehre gewachsen zeigen, für seine sechsjährige Tochter Lara „der beste Papa der Welt“ zu sein, wie das Motto der Kaffeetasse verlauten lässt, die sie ihm im vergangenen Jahr zu Weihnachten geschenkt hat – denn es fällt ihm unendlich schwer, seiner Tochter etwas abzuschlagen, und bei jedem Rückschlag, den sie erleidet, fährt er mit ihr ins Phantasialand. Darunter leidet auch Daniels Beziehung mit Aylin…

„Ich bin verwirrt. Bin ich Aylin nicht mehr männlich genug? Ich war sicher, diese Frage für alle Zeiten geklärt zu haben: Aylin verabscheut Machismo in jedweder Form, und ihre erotischen Fantasien haben mit Schriftstellern, Zen-Mönchen und Osteopathen zu tun – und nicht mit Bauarbeitern, Wrestlern oder Markus Söder. Aber Gefühle verändern sich. Vor drei Jahren empfand ich es noch als Verrat an der Literaturgeschichte, Phantasie mit F zu schreiben. Und jetzt fühlt sich Ph falsch an…“

„Der beste Papa der Welt“ ist zwar ein schöner, wie der Autor selbst sagt, von Christoph Maria Herbst auch live erprobter Buchtitel, hat aber recht wenig mit dem Plot zu tun. Bereits das erste Kapitel mit dem Gespräch zwischen der Cheflektorin und dem als Ich-Erzähler auftretenden Protagonisten weist den Weg zu einer Geschichte, die mehr mit dem Verständnis des Rollenbildes von Mann und Frau zu tun hat als mit dem Selbstbild als Vater. Rudolf Prinz ist der eigentliche (Anti-)Held in diesem Buch, vereint er doch all die Klischees des alten weißen Mannes, des berühmten Frauenschwarms, der sich gar keine große Mühe gibt, seine Vorstellung von der Rolle der Frauen in seinem Leben zu revidieren. Das sorgt für ebensolche Schmunzler wie die Auseinandersetzungen zwischen den Kulturen, insbesondere der deutschen und der türkischen, aber Netenjakob macht auch deutlich, dass auch die Türken Ressentiments gegen Ausländer haben – vor allem gegen die Griechen.
Der Autor bemüht hier viele Themen, die er auf leichtfüßige und selbstironische Weise miteinander verbindet. Das zündet nicht immer und wartet mit einer Menge – leicht bemühter – Klischees auf, auf der anderen Seite wirken die Figuren und manche Situationen durchaus authentisch.
„Der beste Papa der Welt“ macht dabei vor allem auf humorvolle Weise deutlich, wie sehr sich das Frauenbild bzw. das Selbstverständnis der Frauen in den letzten dreißig Jahren geändert hat, wie auch die Männer mit wachsender Verantwortung in der Erziehung ihrer Kinder zu kämpfen haben und wie im Zuge dieser Entwicklungen sich auch die Fernsehformate und Medienberichterstattung verändert haben. Doch vor allem bietet Netenjakobs neuer Roman leichte, nie langweilige Unterhaltung mit einigen sehr treffenden Beobachtungen zum heutigen, durchaus auch verstörenden Zeitgeist.

Quentin Tarantino – „Es war einmal in Hollywood“

Sonntag, 17. Dezember 2023

(Kiepenheuer & Witsch, 416 S., HC) 
Mit Filmen wie „Pulp Fiction“, „Kill Bill“, „Django Unchained“ und „The Hateful 8“ avancierte Quentin Tarantino zu einem der beliebtesten und versiertesten Filmemacher der heutigen Zeit. Nun ist der passionierte Filmliebhaber auch unter die Schriftsteller gegangen. Im Jahr 2021 legte der US-Amerikaner mit der Vorliebe für Italo-Western, Blaxploitation- und Martial-Arts-Filme sein Romandebüt vor, eine Adaption seines letzten Spielfilms „Once Upon a Time in Hollywood“
Hollywood im Jahr 1969. Als der 42-jährige Schauspieler Rick Dalton den Agenten Marvin Schwartz‘ aufsucht, geht es mit ihm nicht nur die Höhepunkte seiner Karriere durch, sondern Schwartz‘ legt am Ende dieser Rekapitulation auch die Finger in die Wunde, als er darauf anspielt, dass Dalton in den Augen des Publikums als Prügelknabe für jeden Platzhirschen herhalten muss, der neu im Geschäft ist. Außerdem muss der ehemalige Star der Westernserie „Bounty Law“ dem Agenten auch die oft kolportierte Geschichte wiedergeben, wie er „um ein Haar“ Steve McQueens Rolle in „Gesprengte Ketten“ gespielt hätte. Nachdem Dalton die „Deine Karriere ist am Ende“-Grabrede des Agenten über sich ergehen lassen musste, erhält er das Angebot, die Hauptrolle in einem italienischen Film zu übernehmen. 
Die Erkenntnis, dass er mit 42 Jahren bereits am Ende seiner Karriere angelangt sein könnte, die nur mit Engagements im Ausland zu retten sei, erschüttert Dalton so sehr, dass er noch im Büro des erfahrenen Agenten zu weinen beginnt und später seinen Kummer in Whiskey Sours ertränkt. Der 46-jährige Kriegsveteran und Daltons langjähriges Stunt-Double Cliff Booth lebt mit seinem Pitbull Brandy in einem Trailer, fährt Dalton durch die Stadt und assistiert ihm bei allen möglichen Arbeiten. Da er seine Frau umgebracht haben soll und Bruce Lee am Rande von Dreharbeiten bei einer nicht ganz freundschaftlichen Kräftemesse am Set von „The Green Hornet“ schlecht aussehen ließ, findet Booth sich damit ab, keine anderen Jobs in der Filmbranche zu finden. 
Als der gefeierte Regisseur Roman Polański und seine Frau, die in Hollywood durchstartende Schauspielerin Sharon Tate, in Daltons Nachbarhaus einziehen, sieht Dalton die einmalige Chance, durch die Bekanntschaft mit dem berühmten Paar seine eigene Karriere wieder in Schwung bringen zu können. Währenddessen sieht er, wie ein unbekannter Mann, Charles Manson, bei den Nachbarn klingelt und nach dem Musikproduzenten Terry Melcher fragt, von dem er sich erhofft, dass er durch ihn einen Plattenvertrag bekommt. Und während Cliff so durch die Gegend fährt, nimmt er das verdreckt aussehende Hippie-Mädchen Pussycat mit und fährt sie zur Spahn-Ranch, die Cliff noch als Westernkulisse für „Bounty Law“ kennt und nun von Charles Manson und seinen Anhängern bewohnt wird… 
„Nachdem er Pussycats wilde Geschichte gehört hat, kann Cliff nicht anders, als einen gewissen Respekt vor diesem Charlie zu empfinden. Ein paar durchgeknallte Hippie-Girls zu manipulieren, das ist eine Sache. Das könnte Cliff wahrscheinlich auch. Aber über wütende Väter mit Schrotgewehren hat Cliff nie viel Macht besessen.“ (S. 317) 
Wie umfassend Tarantinos Wissen über die Filmgeschichte ist, hat er nicht nur in seinen gefeierten Filmen bewiesen, die voller Zitate und Anspielungen sind, sondern auch in Interviews und zuletzt in seinem ebenfalls bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Buch „Cinema Speculation“. Sein erster Roman stellt weit mehr als eine Nacherzählung seines zweifach Oscar-prämierten Meisterwerks „Once Upon a Time in Hollywood“ dar. Stattdessen nutzt Tarantino die Möglichkeit, die Geschichte, die sich rund um den Übergang des klassischen Hollywood-Kinos zur New-Hollywood-Bewegung und die Morde der Manson-Familie dreht, aus unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen und neue Schwerpunkte zu setzen. 
Als besonderen Kniff implementiert der Autor rund um Rick Daltons Biografie eine (fiktive) Filmografie, die mit bekannten Hollywood-Darstellern und -Regisseuren gespickt ist und vor allem dazu dient, Hintergründe von Filmproduktionen zu erläutern. Das kommt vor allem im ersten Kapitel zum Tragen, als der Agent Marvin Schwartz und der auf dem absteigenden Ast befindlichen Schauspieler Rick Dalton dessen Werksbiografie durchgeht und Beispiele aufführt, wie Schauspieler durch geschickt geflochtene Beziehungen oder Verträgen zu ihren Rollen gekommen sind. 
Indem Tarantino später auch die Filmhandlung von Daltons Gastrolle als Bösewicht in der Westernserie „Lancer“ ausführlich wiedergibt, führt Tarantino eine Meta-Ebene in seine Erzählung ein, die ohnehin immer wieder zwischen Dalton, Booth, Sharon Tate und den Mitgliedern der Manson-Family wechselt. Dabei fließt weit weniger Blut, ist viel weniger Action am Start als in dem dazugehörigen Film mit Leonardo DiCaprio und Brad Pitt in den Hauptrollen. Dafür fesselt Tarantinos Romandebüt mit saftigen erotischen Episoden, einer flüssigen, sehr bildhaften Sprache und faszinierenden Hintergründen zu Hollywoods Filmproduktionen in der Hippie-Zeit. 
Das mag zwar keine große Literatur sein, macht aber einfach Spaß und ist als Pflichtlektüre für Filmfans nur zu empfehlen. 

John Banville – „Singularitäten“

Sonntag, 10. Dezember 2023

(Kiepenhauer & Witsch, 432 S., HC) 
Bereits mit seinem dritten, 1976 veröffentlichten Roman „Doctor Copernicus“ setzte sich der mittlerweile 78-jährige irische Schriftsteller und Literaturkritiker John Banville mit dem Leben und der Arbeit von Wissenschaftlern auseinander, was er in folgenden Werken wie „Kepler“, „Newtons Brief“, „Das Buch der Beweise“ oder „Athena“ fortsetzte. Mit seinem neuen Roman erweist sich der Ire einmal mehr als eigensinnige Stimme, der das Erbe seiner berühmten Landsmänner Samuel Beckett und James Joyce selbstbewusst auf seinen Schultern trägt und mit seiner verschachtelten Erzählung geschickt zwischen Schein und Sein, Traum und Wirklichkeit laviert. 
An einem windigen Aprilmorgen wird der wegen Mordes lebenslänglich verurteilte Freddie Montgomery aus dem Gefängnis entlassen und mietet sich einen Wagen, um an die Stätte seines Verbrechens zurückzukehren, doch hat sich einiges verändert. 
Freddie Montgomery behält zwar seine Initialen, benennt sich aber in Felix Mordaunt um, und was ihm einst als Coolgrange House bekannt war, heißt jetzt Arden House und wird von der Familie des bereits verstorbenen Wissenschaftlers Adam Godley bewohnt, der nicht nur mit Montgomerys Frau schlief, sondern durch seine von ihm entwickelte sogenannte Brahma-Theorie zu einer Größe unter den Metamathematikern avancierte. Als er sich der fast vierzigjährigen ehemaligen Schauspielerin Helen Godley vorstellt, verrät er ihr, dass er vor langer Zeit in diesem Haus geboren worden sei, doch bringt sie seinen Namen nicht mit den Blounts in Verbindung, die Arden House gebaut haben. 
Irgendwie gelingt Mordaunt es, hier sein Lager aufzuschlagen, im Haus von Adam Godley Jr., seiner Frau Helen und der alternden Haushälterin Ivy Blount. Als Godley Jr. den etwas abgehalfterten Wissenschaftler William Jaybey, Autor von „Die Macht der Schwerkraft: Isaac Newton und seine Zeit“ und Professor am Arcady College, engagiert, um die Biografie seines berühmten Vaters zu schreiben, geraten die Dinge in Schieflage. 
Jaybey glaubt nicht nur, sich in Helen verliebt zu haben, sondern entwickelt bei der Durchsicht von Godleys Briefen und Unterlagen ein Bild des Mathematikers, das so gar nicht mit dem übereinstimmt, das Godley von sich selbst der Welt präsentierte. 
„Wenn er nicht an seinem Schreibtisch saß, sondern irgendwo in der Welt unterwegs war, bekannten die Leute, sie hätten das unheimliche Gefühl, dass er da sei und gleichzeitig nicht da, hier anwesend und gleichzeitig irgendwo anders. Er genoss diese Legendenbildung sehr, förderte sie aktiv und trug häufig heimlich selbst dazu bei. In späteren Jahren machte es ihm Freude, sich als Magus zu sehen, als einen, der eingeweiht ist in Geheimnisse, als Hohepriester des Arkanums, als Zelebrant uralter Rituale in einer Bruderschaft des Einen …“ 
John Banville erweist sich bereits in den ersten Kapiteln als geübter Fabulierkünstler. Wenn er beschreibt, wie Montgomery (den Banville-Kenner bereits aus den Romanen „Das Buch der Beweise“, „Athena“ und „Geister“ kennen) das Gefängnis hinter sich lässt, um mit neuer Identität an den Ort zurückzukehren, an dem er das Dienstmädchen ermordete, wird schnell deutlich, mit welch großem Spaß er sein neues Leben zu formen versteht. 
Wer mit Banvilles sprachlicher Virtuosität noch nicht so vertraut ist, wird einige Kapitel benötigen, um von diesem komplexen Strom der Wörter mitgerissen zu werden. Doch dann entfesselt sich eine faszinierende Geschichte, in der die Persönlichkeiten, die die Handlung vorantreiben oder von ihr vorangetrieben werden, sich allesamt einer Überprüfung ihrer Existenz unterziehen müssen. Während Montgomery/Mordaunt genüsslich seine eigene Biografie erfindet, Godleys Schwiegertochter ihrer Schauspielkarriere hinterhertrauert und ihren Mann ausgerechnet mit dem Mörder betrügt, scheint nur der allwissende, gottgleiche Erzähler mehr zu wissen, was er mit großer Genugtuung seinem Publikum kundtut. Auf der anderen Seite ist Godleys Biograf sichtlich verstört von den ihn umringenden Personen und Ereignissen ebenso wie von dem Bild, das sich von seinem Studienobjekt abzeichnet. 
 Banville präsentiert sich als versierter Meister der Sprache und des Spiels mit Identitäten, die sich aus verschiedensten Quellen speisen, nicht zuletzt aus dem Erfindungsreichtum und den Sehnsüchten der Protagonisten. Je mehr man sich diesem Spiel mit realen wie fiktionalen Persönlichkeiten und ihren vielschichtigen Geschichten hingibt, desto prächtiger gestaltet sich das Lesevergnügen. 

Bret Easton Ellis – „The Shards“

Dienstag, 31. Januar 2023

(Kiepenheuer & Witsch, 736 S., HC) 
Der 1964 in Los Angeles geborene Bret Easton Ellis hat zwar schon im zarten Alter von 21 Jahren seinen ersten Roman „Unter Null“ veröffentlicht, aber selbst nach dem Erfolg seiner nachfolgenden, jeweils ebenfalls erfolgreich verfilmten Romane „Einfach unwiderstehlich“ und „American Psycho“ keine Veranlassung gesehen, seinen Output zu forcieren. 
So ist sein neuer Roman „The Shards“ (dt. „Die Scherben“) erst sein siebter Roman in fast vierzig Jahren, sein erster in dreizehn Jahren nach „Imperial Bedrooms“ (sein Sachbuch „Weiß“ aus dem Jahr 2019 nicht mitgezählt). Dabei bleibt sich Ellis seinem Lieblingsthema treu, der expliziten Schilderung ausschweifender Drogen- und Sex-Eskapaden verwöhnter Teenager und Hedonisten, wobei die hier scheinbar autobiografischen Ereignisse vor der Zeit von „Unter Null“ angesiedelt sind. Wie Ellis in seinem ausführlichen Vorwort erklärt, haben ihn die Geschehnisse im Jahr 1981 immer wieder beschäftigt, doch auch wieder so traumatisiert, dass er erst jetzt, mit 58 Jahren, darüber schreiben kann. Schließlich geht es um nicht weniger als die Begegnung mit einem „Trawler“ benannten Serienmörder, der das San Fernando Valley im Spätfrühling des Jahres 1980 heimzusuchen begann und Ellis‘ Oberstufenklasse in der exklusiven Buckley Prep School im folgenden Jahr direkt betreffen sollte… 
Mit siebzehn Jahren steht Bret Ellis kurz vor dem Schul-Abschluss und genießt seine sturmfreie Bude am Mulholland Drive, während sich seine Eltern auf einer ausgedehnten Europa-Reise befinden. Bret ist mit Debbie liiert, der einzigen Tochter des erfolgreichen Filmproduzenten Terry Schaffer, der ebenso wie Bret mehr oder weniger schwul ist und Bret anbietet, mit ihm sein Drehbuch durchzugehen, an dem er arbeitet. Natürlich läuft alles auf Sex in einer Hotelsuite hinaus. 
Bret ist noch zu naiv, um das Spiel der Reichen, Schönen und Mächtigen gänzlich zu durchschauen, und hält die Beziehung mit Debbie eher als Tarnung aufrecht. Denn eigentlich ist Bret auf Typen wie den Football-Star Thom Wright scharf, der seit zwei Jahren mit der Buckley-Schönheitskönigin Susan Reynolds zusammen ist, aber auch Matt Kellner und Ryan Vaughn haben es ihm angetan. 
Doch als mit Robert Mallory ein neuer Schüler an der Buckley auftaucht, nehmen die Dinge einen unheilvollen Verlauf. Bret erfährt, dass Robert in einer psychiatrischen Anstalt gewesen ist, und ist fest davon überzeugt, ihn bereits vor einiger Zeit in einer Kinovorstellung von Stanley Kubricks „Shining“ gesehen zu haben, was der ebenso charismatische wie zwielichtige Robert kategorisch abstreitet. Roberts Auftauchen an der Buckley fällt mit den Morden an drei jungen Frauen zusammen, die monatelang vermisst und erst nach Hinweisen eines anonymen Anrufers an abgelegenen Orten gefunden worden waren. 
Im Zusammenhang mit den Ermittlungen wurde bekannt, dass der Täter zuvor Einbrüche verübte, Möbel umstellte und die dort lebenden Haustiere entwendete, verstümmelte und die Leichen der Mädchen damit „dekorierte“. Bret bekommt immer mehr das Gefühl, dass Robert etwas mit den Vorfällen zu tun habe, und macht sich Sorgen um seinen Kumpel Matt, der immer mehr Zeit mit dem Neuen verbringt… 
„So gingen Trickbetrüger vor: Robert hatte in Bezug auf das Village Theater gelogen, wodurch ich mich unmittelbar zu ihm hingezogen gefühlt hatte, es war eine Art Verführung. Und wenn ich zwangsläufig in seine Machenschaften hineingezogen wurde, wenn selbst mir das passierte – dem wachsamen, aufmerksamen Autor, der nun wusste, wozu Robert Mallory fähig war -, wie würde es dann erst dem unbedarften, ahnungslosen, verwundbaren Matt Kellner ergehen?“ 
Der Autor tritt in „The Shards“ als 17-jähriger Ich-Erzähler auf und verortet sich in der fast erwachsenen Clique der Reichen und Schönen rund um Hollywood, wo man mit dem BMW, Jaguar, Mercedes 450 SL oder Porsche zur Schule fährt, sich mit Antidepressiva, Kokain und anderen Drogen zudröhnen, in der Gegend herumfahren, Partys feiern und hemmungslosen Sex haben, alles untermalt mit dem Soundtrack der 1980er Jahre, wobei Ultravox‘ „Vienna“ und „Icehouse“ von Icehouse eine Schlüsselrolle für das emotionale Befinden der Hipster in Los Angeles einnehmen. So richtig viel passiert eigentlich nicht auf den über 700 Seiten. 
Ellis beschreibt eher die bedrohliche Stimmung, die eine besondere „Erzählung“ ergibt, immer wieder beißt sich der Protagonist an seiner Vorstellung fest, dass Robert Mallory für die Morde an den drei jungen Frauen verantwortlich gewesen sei. Aber eine obskure Sekte treibt ja auch noch ihr Unwesen in der Gegend. Das führt zu manchmal nervig langen Dialogen, die nur aus den vorgebrachten Vorwürfen und deren wiederholter Leugnung bestehen. 
Auf der anderen Seite erweist sich Ellis als begnadeter Beobachter, der in einfacher Sprache teils drastische, schonungslos brutale Handlungen beschreibt, und die unablässig eingestreute Erwähnung der Songs, die zu dieser und jener Gelegenheit zu hören sind, verstärken den filmischen Charakter der Erzählung. 
Allzu ernst sollte man den proklamierten Wahrheitsgehalt von „The Shards“ nicht nehmen, doch Ellis-Fans werden an diesem von Paranoia, unverschämtem Luxus, hemmungslosen Drogenkonsum und wilden Sex- und Gewalt-Phantasien geprägten Drama ihre Freude haben. 

Quentin Tarantino – „Cinema Speculation“

Samstag, 12. November 2022

(Kiepenhauer & Witsch, 400 S., HC) 
In seiner beeindruckenden, von Fans wie Kritikern gleichermaßen gefeierten Werksbiografie hat sich der passionierte Filmemacher Quentin Tarantino („Reservoir Dogs“, „Pulp Fiction“, „Kill Bill“, „Django Unchained“) stets auch als Film-Fan präsentiert, der mit seinen Filmen immer wieder ganzen Genres huldigte. So wie „Kill Bill“ eine Hommage sowohl an die Rache-Filme der 1970er Jahre als auch an die Kung-Fu-Filme aus der Schmieder der Shaw Brothers darstellte und „Django Unchained“ und „The Hateful 8“ an die Italo-Western, suchte er sich auch die Titel zu seinen ikonischen Soundtracks meist aus seiner persönlichen Soundtrack-Sammlung zusammen, oft genug mit italienischen Komponisten wie Ennio Morricone, Luis Bacalov, Riz Ortolani, Pino Donaggio und anderen coolen Leuten wie Quincy Jones, Isaac Hayes, Lalo Schifrin und Johnny Cash
Mittlerweile hat Tarantino auch das Schreiben für sich entdeckt. Nachdem er ohnehin schon die Drehbücher zu den meisten seiner Filme verfasst hatte, legte er nicht nur mit „Es war einmal in Hollywood“ den Roman zu seinem letzten Film vor, sondern mit „Cinema Speculation“ auch eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit den Filmen, die in den 1970er Jahren seine Liebe zum Film weckten. 
Der 1963 geborene Quentin wuchs quasi schon als kleiner Junge in den Kinos am Hollywood Boulevard und Sunset Boulevard auf. Als Siebenjähriger nahmen ihn seine Mutter Connie und sein Stiefvater Curt in eine Doppelvorstellung von „Joe – Rache für Amerika“ und Carl Reiners „Wo is‘ Papa?“ mit, und fortan war es für den kleinen „Q“ das größte Wochenende, nicht nur in Filme mitgenommen zu werden, die in seinem Alter noch keiner sehen durfte, sondern vor allem den anschließenden Gesprächen über die Filme zu folgen, die seine Mom mit Curt führte. 
Tarantino beschreibt eindringlich, wie er nicht nur die erste Welle der „New Hollywood“-Bewegung mit Filmemachern wie Peter Bogdanovich, Steven Spielberg, Robert Altman, Francis Ford Coppola, Brian De Palma und Martin Scorsese mitbekam, sondern auch die Horror-Filme von Wes Craven und Tobe Hooper und die Action-Filme von Sam Peckinpah und Don Siegel. Nach der langen Einführung stellt Tarantino nicht nur einige der Filme vor, die ihn besonders beeindruckten – darunter Klassiker wie „Bullitt“, „Dirty Harry“, „The Getaway“, „Taxi Driver“ und „Flucht von Alcatraz“ -, sondern stellt sie gleich in einen größeren Zusammenhang. 
So erklärt er in seinem Essay über „Bullitt“ (1968), dass Steve McQueen von den drei populärsten Darstellern jener Zeit – außer ihm noch Warren Beatty und Paul Newman – in den 1970ern die besten Filme drehte, was vor allem seiner Frau Neile zu verdanken war, die die Drehbücher las und für ihren Mann aussiebte.  
Tarantinos Ein- und Ansichten zu den vorgestellten Filmen sind deshalb so unterhaltsam, weil der Filmemacher nicht nur über ein fotografisches Gedächtnis zu verfügen scheint, das ihm nicht nur ermöglicht, einzelne Szenen und die Leistung der Darsteller detailliert zu analysieren, sondern auch sie mit ähnlichen Filmen und anderen Schauspielern zu vergleichen, die für die Rollen in Frage gekommen oder geeignet gewesen wären. Zudem verfügt Tarantino über einen direkten Draht zu Filmemachern und Drehbuchautoren wie Walter Hill, Brian De Palma, Paul Schrader und Martin Scorsese, die immer wieder zitiert werden und interessante Perspektiven auf die thematisierten Filme werfen. 
Das geht sogar so weit, dass sich Tarantino dem titelgebenden Kapitel darüber auslässt, wenn nicht Martin Scorsese Paul Schraders Drehbuch zu „Taxi Driver“ verfilmt hätte, sondern Brian De Palma, der das Skript vorher gelesen hatte. 
Tarantino beschreibt die Filme und ihren Kontext so lebendig, dass man mit diesem Hintergrundwissen im Kopf gern noch mal die besprochenen Filme ansehen möchte bzw. diejenigen, die einem bislang entgangen sind, zu entdecken. 

Ethan Hawke – „Hin und weg“

Freitag, 30. September 2016

(Kiepenheuer & Witsch, 207 S., HC)
Als der 20-jährige Schauspieler William Harding in der New Yorker Bar The Bitter End die Sängerin Sarah kennenlernt, verliebt er sich augenblicklich in sie. Sie ist gerade aus Seattle zurück nach New York gekommen, nachdem sie eine dreijährige Beziehung beendet hatte, und hat bislang nur Bücher von schwarzen Autorinnen gelesen.
Sarah liest ihm Gedichte vor, bis sie sich wild küssen, doch sie wehrt sich lange dagegen, mit William zu schlafen, was ihn wiederum ganz verrückt macht. Trotzdem zieht Sarah bei ihm ein, bis ihre eigene Wohnung fertig ist.
Bei einem gemeinsamen Trip nach Paris wird auch die letzte Hürde genommen. Weil William noch für eine Rolle in der Stadt bleibt, sehen sie sich vier Wochen lang nicht, und bei seiner Rückkehr nach New York findet er Sarah völlig entfremdet vor …
„Ich wusste, wenn es mit Sarah nicht klappte, würde es nie mit einer Frau klappen. Ich würde bestimmt als ein kauziges, weinerliches Muttersöhnchen enden, das sich in der Ecke einen runterholte. Ich wünschte, ich wäre bei meinem Vater aufgewachsen. Offensichtlich hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie Männer sich zu verhalten hatten.“ (S. 144) 
Als Hauptdarsteller in Filmen wie „Reality Bites – Voll das Leben“, „Der Club der toten Dichter“, „Before Sunrise“ und „Schnee, der auf Zedern fällt“ hat es der amerikanische Schauspieler Ethan Hawke zu internationaler Anerkennung gebracht. Dass er allerdings auch herzerweichend schreiben kann, bewies er 1996 mit seinem Debütroman „Hin und weg“, auf den 2002 „Aschermittwoch“ und in diesem Jahr „Regeln für einen Ritter“ folgten.
Aus der Perspektive seines Ich-Erzählers William beschreibt der Schauspieler-Autor einfühlsam all die widersprüchlichsten Gefühle, die mit einer ersten großen Liebe verbunden sind, eine Achterbahnfahrt zwischen unvorstellbarem Begehren und niederschmetternden Ängsten vor Zurückweisung.
In lebendigen Dialogen und melancholisch angehauchten Monologen fächert der leidenschaftliche Twen das ganze Spektrum der alles verzehrenden Liebe und Leidenschaft auf, die nur für eine sehr kurze Zeit die volle Erfüllung finden. Was „Hin und weg“ besonders lesenswert macht, sind die erst leisen, dann lauter werdenden Zweifel an der glücklichen Entwicklung der Beziehung, die Streitgespräche, die die jeweiligen Ängste so treffend zum Ausdruck bringen, Williams immer wieder eingestreuten Erinnerungen an seine frühere Freundin Samantha und die Zeit mit seinen Eltern und seinem Freund Decker.
Ethan Hawke gelingt es, auf gerade mal 200 Seiten das ganze Panoptikum der Liebe in all ihren schillernden Facetten zu beschreiben, und zwar so, als würde der Leser selbst noch einmal die lust- und schmerzvollen Erinnerungen an die eigene erste Liebe wiederentdecken.

Bret Easton Ellis - „Lunar Park“

Samstag, 13. Juni 2009

(Kiepenheuer & Witsch, 457 S., HC)
Mit seinen sämtliche Ausschweifungen der dekadenten 80er-Jahre-College-Jugend und Yuppies beschreibenden Romanen „Unter Null“, „American Psycho“, „Glamorama“ und „Einfach unwiderstehlich“ ist Bret Easton Ellis zu einer nicht nur literarischen, sondern auch populärkulturellen Kultfigur avanciert und bildete mit seinem Freund Jay McInerney das so genannte Brat-Pack und lebte seinen Ruhm mit allen Allüren und Ausschweifungen in allen Extremen aus.
Sein neues Buch stellt allerdings keine Fortsetzung dieser anfangs noch skandalträchtigen, mittlerweile aber kaum noch schockierenden Werke dar, sondern beginnt als klassische Autobiografie, in der Ellis überraschend offen Zeugnis über seine wirklich wilden Zeiten ablegt. Womit andere Autoren angesichts der Fülle an schlagzeilenträchtigen Episoden ein ganzes Buch füllen würden, dient Ellis aber nur als 50seitiges Intro, um sich dann in Roman-Form einem heiklen Kapitel seiner jüngeren Vergangenheit zu widmen: Ellis’ Entschluss, einen Schlussstrich unter sein ausschweifendes Leben zu setzen und mit seiner Frau Jayne und den beiden Kindern in einen ruhigen Vorort zu ziehen, bedeutet nämlich nicht das Ende seines aufregenden Lebens, sondern fügt ihm einen geheimnisvollen Höhepunkt hinzu. In der neuen Gegend verschwinden nämlich Jungen im Alter seines Sohnes Robby spurlos, dann geschehen auch noch Morde genau nach dem Schema, wie Patrick Bateman sie als psychopathischer Killer in „American Psycho“ begangen hat. 
Als dann auch noch Aimee Light verschwindet, mit der Ellis gern eine Affäre begonnen hätte, und ein Video auftaucht, das die letzten Minuten im Leben seines Vaters zeigt, beginnt Ellis, der weiterhin vor allem dem Alkohol, aber auch Drogen zuspricht, an seinem Verstand zu zweifeln – vor allem, als eines Nachts ein Monster im Haus auftaucht … „Lunar Park“ erinnert eher an Stephen Kings „Stark“ oder „Das geheime Fenster“ als an frühere Werke von Ellis. Interessante Einblicke in das Leben eines literarischen Superstars gewährt das Buch aber allemal.