(Kiepenheuer & Witsch, 480 S., Tb.)
Seit seinem erfolgreich von Danny Boyle verfilmten,
für dem Booker Prize nominierten Debütroman „Trainspotting“ setzt sich der
aus Edinburgh stammende Irvine Welsh mit allen nur vorstellbaren menschlichen
Abgründen auseinander und verpackt seine – vornehmlich in seiner Heimatstadt
angesiedelten - Drogen-, Alkohol- und Sexexzesse in rauschende, temporeiche und
humorvolle Geschichten, die immer wieder den Weg auf die Leinwand oder ins
Fernsehen finden, so wie sein 2008 veröffentlichter, hierzulande aber erst 2011
erschienener Roman „Crime“, der es auf zwei Staffeln mit Dougray
Scott („Mission Impossible II“, „My Week With Marilyn“) in der
Hauptrolle geschafft hat.
Das Schicksal der siebenjährigen Britney Hamil, die von ihrem
Mörder zuvor entführt und vergewaltigt worden war, hat dem in Edinburgh tätigen
Polizeiinspektor Ray Lennox arg zugesetzt. Sein Vorgesetzter mochte sich Lennox‘
Verhalten nicht länger ansehen und verordnete ihm eine Zwangspause, die Ray nicht
nur dazu nutzt, um mental wieder klarzukommen, sondern mit der Reise nach Miami
Beach auch die Hochzeit mit seiner Verlobten Trudi zu planen. Dabei ist Ray fast
schon überzeugt davon, dass die Heirat ein Fehler ist. Während Trudi mit ihrer
Zeitschrift „Perfect Bride“ nichts anderes mehr im Sinn hat als die Hochzeit,
ist Ray schon kurz nach dem Einchecken im kleinen Boutique Hotel schnell
genervt. Das Treffen mit seinem alten Freund Eddie „Ginger“ Rogers und seiner neuen
Frau Dolores verläuft auch nicht besonders erbaulich, also zieht Ray allein um
die Häuser und lernt in einer Bar die beiden Freundinnen Robyn und Starry kennen.
Ray nimmt das Angebot nur zu gern an, mit den beiden Frauen ein paar Linien
Koks zu ziehen und schließlich mit in die Wohnung von Robyn zu gehen, in der er
auch Robyns zehnjährige Tochter Tianna kennenlernt. Als ein Cop Lance Dearing und
dessen Kumpel Johnnie ebenfalls der Party beiwohnen, muss Ray schließlich
Johnnie von Tianna runterziehen. Die verzweifelte Mutter fleht Ray an, ihr
Mädchen zu einem Freund namens Chet an den Golf von Mexiko in Sicherheit zu
bringen, doch dort spitzen sich die Ereignisse zu…
„Seine Sicht auf die Welt, die reduzierte und misanthropische des schottischen Polizeibeamten, scheint ihm keinen adäquaten Rettungsring abzugeben. Die alten Gewissheiten, mit denen er sich getragen hat: von den moralisch bankrotten, bösartigen Reichen, den ignoranten, schwachen Armen und dem ängstlichen, engstirnigen, verklemmten Bürgertum – selbst alle zusammengenommen wirken sie in ihrem Kretinismus nicht eindrucksvoll genug, um die Welt so vor die Wand gefahren zu haben, wie es zurzeit aussieht.“ (S. 320)
Irvine Welsh weist in seiner Danksagung am Ende
seines Buches korrekterweise darauf hin, dass der thematisierte sexuelle
Missbrauch an Kindern weniger eine Sache organisierter Banden ist, wie im Buch
beschrieben, sondern vornehmlich im Kreis von Freunden und Familie vonstattengeht.
Für einen Thriller, wie ihn der schottische Bestsellerautor geschaffen hat,
bietet die organisierte Kriminalität allerdings einen packenderen Plot. So
stellt er den Protagonisten Ray Lennox selbst als seelisch verwundeten Cop dar,
der vor allem wegen eigener Erfahrungen im Jugendalter zur Polizei gegangen
ist, um fortan Jagd auf die perversen Kinderschänder zu machen, die ihm selbst
und vor allem seinem Freund Les einst so zugesetzt haben. Aber es sind vor allem
die jüngsten Erinnerungen an die verpatzten Ermittlungen im Fall der vergewaltigten
und getöteten Britney, die Ray nicht loslassen und die im Sunshine State Florida
ungeahnt neue Nahrung erhalten. Welsh entführt seine Leserschaft an der
Seite von Ray auf eine ernüchternde, schockierende Tour de Force, auf einen
Roadtrip mit der zehnjährigen Tianna, die schon zu viel Schlimmes erlebt hat,
um noch beurteilen zu können, welche Männer ihre Freunde sind und welche ihr im
Namen vorgeheuchelter „Liebe“ Gewalt antun. Welsh spart dabei nicht an
eindringlichen Beschreibungen sexuellen Missbrauchs, ohne dabei zu sensationslüstern
oder explizit zu werden. Allerdings driftet „Crime“ zum Ende hin zu sehr
in klassische US-Thriller-Muster ab und unterläuft damit einen hohen Grad an
Glaubwürdigkeit, woran auch das überzogene Happy End seinen Anteil trägt.

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