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Jim Nisbet – „Welt ohne Skrupel“

Sonntag, 21. Juni 2026

(Pulp Master, 234 S., Tb.)
Der US-Amerikaner Jim Nisbet (1947-2022) war zwar ein äußerst produktiver Autor von Sachbüchern, Lyrik, Theaterstücken, Artikeln, Essays und Kurzgeschichten, aber selbst für seine fünfzehn Romane schien es ein interessiertes Publikum kaum zu geben. Ein paar seiner Romane sind immerhin von Pulp Master ins Deutsche übersetzt worden, neben „Tödliche Injektion“, „Dunkler Gefährte“ und „Der Krake auf meinem Kopf“ ist auch einer von Nisbets letzten Romanen – „Welt ohne Skrupel“ – hierzulande verlegt worden.
Der in San Francisco lebende und wirkende Kleinganove Klinger verdient sich seinen Lebensunterhalt durch Überfälle auf Minimärkte und das Abziehen betrunkener Fremder auf der Straße, so dass er sich nicht nur seine tägliche Ration an Kaffee, Zigaretten und ein paar Drinks in der Bar leisten kann, sondern wenn möglich auch eine Unterkunft für die Nacht. Wenn er gleich für eine ganze Woche die Bleibe mieten kann, umso besser. Ansonsten hilft auch seine Ex Mary Fiducione aus, die sehr erfolgreich im App-Entwicklungs-Geschäft tätig ist. Dank ihrer Großzügigkeit kann sich Klinger in seiner Stammkneipe Hawse Hole mit einhundertzwanzig Dollar in der Tasche ein paar chinesische Wodkas mit fünfzig Volumenprozent gönnen. Als er auf der Straße zufällig seinem alten Kumpel Frankie Geeze begegnet, der gerade aus dem Knast entlassen worden ist, tauschen sie bei ein paar Drinks im Hawse Hole ihre Geschichten aus, dann zocken sie auf der Straße den App-Designer Phillip Wong ab, doch bei der anschließenden körperlichen Auseinandersetzung geht Frankie k.o., an Wongs Telefon, das sich nun in Klingers Besitz befindet, meldet sich Wongs Partnerin Marci. Sie bietet ihm eine Belohnung von tausend Dollar ein, wenn er das Passwort für Wongs Telefon besorgt. Für Klinger beginnt damit eine abenteuerliche Odyssee…

„Klinger kam ins Grübeln. Auf der einen Seite hatte er womöglich die Chance fahren lassen, mehr Kapital aus der Aktion von vergangener Nacht zu schlagen. Etwas Simples wie eine Belohnung, möglicherweise. Auf der anderen Seite konnte er so wohl einer drohenden Anklage entgehen. Totschlag in Zusammenhang mit einer begangenen Straftat, zum Beispiel, sofern es sich um Totschlag gehandelt hatte. Allerdings schien die Schwere von Letzterem mehr zu wiegen als die vom Ersteren. Waren diese Person und das verfluchte Telefon erst mal über alle Berge, würde er sich in einem anderen Domizil für Flöhe wieder den sorgenvollen Gedanken über seine Existenz hingeben und wäre, zumindest was diese Frau betraf, quasi für immer verschwunden. Was ihn betraf, würde diese Person nur ein weiteres lebendes Geschoss sein, dem er auf dem Hindernislauf des Lebens hatte ausweichen müssen.“ (S. 133)

Der 2013 veröffentlichte Roman „Snitch World“ – so der Originaltitel – führt sehr anschaulich vor Augen, warum Jim Nisbet kein Autor für das konventionelle Thriller-Publikum ist. Zwar bekommt Nisbets Publikum eine Episode aus Klingers verkorkstem Leben als Kleinkrimineller präsentiert, aber keinen Whoduinit-Plot oder etwas ähnlich Spannendes. Das im Mittelpunkt stehende Telefon eines überaus versierten App-Programmierers dient eher als MacGuffin, um überhaupt eine Geschichte in Gang zu bringen, die alles andere als spannend ist. Vielmehr stellt „Welt ohne Skrupel“ einen modernen Noir-Antihelden dar, der sich am Bodensatz der Gesellschaft bewegt und einer skrupellosen New-Economy-Managerin hilflos ausgeliefert wird. Das bietet Raum für wunderbar atmosphärische Beschreibungen des Nachtlebens in den finstereren Gegenden von San Francisco und vor allem für herrlich schwarzhumorige Dialoge und existentialistischen Gedanken, mit denen sich der Protagonist durch das Leben schlägt, immer im Angesicht der nächsten Niederlage.

Jim Nisbet – „Der Krake auf meinem Kopf“

Mittwoch, 26. Oktober 2022

(Pulp Master, 320 S., Tb.) 
Obwohl der 1947 geborene und in San Francisco lebende Jim Nisbet Autor von immerhin dreizehn Romanen und mehreren Lyrik-Bänden ist, fristet er hierzulande noch ein Schattendasein, wäre wahrscheinlich noch immer ein unbeschriebenes Blatt, wenn sich Frank Novatzki mit seinem feinen Verlag Pulp Master nicht seiner angenommen hätte. Nach „Dunkler Gefährte“ und „Tödliche Injektion“ veröffentlichte der Berliner Verlag 2014 mit „Der Krake auf meinem Kopf“ einen dritten Roman des Noir-Autors. 
Obwohl ihm nach den aufreibenden Jahren während der Punk-Bewegung in San Francisco nur seine Gitarre und ein Tattoo mit einem riesigen Kraken auf dem Kopf geblieben sind, hält Curly Watkins an seinem Traum fest, als Musiker seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Doch mehr als drei Abende die Woche für 45 Dollar und freien Kaffee „Caffeine Machine“ ist von diesem Traum nicht hängen geblieben. Als er seinem alten Kumpel, den begnadeten Jazz-Drummer Ivy Pruitt, vorschlägt, eine Band zu gründen, muss er leider feststellen, dass die Heroin-Sucht Ivy voll im Griff hat. Dann wird er auch noch bei einer Drogen-Razzia eingesackt. 
Da Curly im Gegensatz zu seinem Kumpel über kein Strafregister verfügt, wird er wieder freigelassen, kümmert sich aber mit Lavinia, die einige Jahre mit Curly liiert war, bevor auch ihre Beziehung mit Ivy nach zwei Jahren in die Brüche ging, um die Beschaffung der Kaution. Für einen ca. einstündigen Job winken Curly acht- bis neunhundert Dollar. Alles, was er dafür tun muss, ist, mit einem Taxi zur Anza 4514 zu fahren, sich als Bruder eines Typen namens Stefan Stepnowski vorzustellen und nach dessen neuer Adresse zu fragen, um dann die 7500 Dollar einzutreiben, die Stepnowski Sal „The King“ Kramers Laden „World of Sound“ schuldet. 
Zwar bekommt Curly die neue Adresse, doch als er mit Lavinia dort eintrifft, werden sie in einen Schusswechsel verwickelt und stoßen auf Stepnowskis Leiche, die sie um einiges an Bargeld erleichtern. Als Lieutenant Garcia die Ermittlungen aufnimmt, sind Curly und Lavinia zwar aus dem Schneider, weil Stepnowski definitiv vor ihrem Auftauchen am Tatort erschossen wurde, dafür geraten sie in die Fänge des Serienkillers Torvald, der seinen beiden Opfern lustvoll die größten Qualen bereitet… 
„Die Kameras würden alles aufzeichnen. Später würde er nach dem Moment des Kontaktes den Moment der Reaktion als Zwischenbild einfügen, aufgenommen von der Kamera, die direkt das Auge filmte: das Warten, das Zurückschrecken weit vor der Zeit; die Erkenntnis; das Hervortreten im Angesicht der Gewissheit; die Flut des Schmerzes; die mit dem Verebben der Lebenskraft einsetzende Trübung; am Ende das Erlöschen, wie in Zeitlupe, dann das Durchbrennen der Sicherung, Kurzschluss und … Blackout.“ (S. 257) 
Oberflächlich betrachtet erzählt „Der Krake auf meinem Kopf“ die Geschichte dreier Junkies/Möchtegern-Musiker, die unvermittelt in die Gewalt eines sadistischen Serienkillers geraten, doch Nisbet macht schon durch seine ausgefeilte Sprache von Beginn an deutlich, dass Curly, Ivy und Lavinia weit mehr als nur gescheiterte Existenzen am Rande der Gesellschaft sind, die sich durch Drogendeals, unrentable Auftritte und kleinere Gaunereien über Wasser halten. Schon nach wenigen Seiten lässt Nisbet seinen Ich-Erzähler Curly aus Paul Valerys Gedicht „Der Friedhof am Meer“ einige Zeilen zitieren, später fallen auch die Namen von Kerouac und Bao Ninh
Doch so tiefgründig das unstete Trio auch ist, hängen sie doch in der Kloake des heruntergekommenen Musik- und Drogenszene fest, bringen sich in bester Noir-Tradition in größte Schwierigkeiten und scheinen in dieser Wüstenei auch noch auf bestialische Weise gewaltsam aus dem Leben zu scheiden. Mit seinem stilistischen Geschick zieht Nisbet sein Publikum unmittelbar in den Bann dieser fraglos gebildeten, vor allem auch witzigen Figuren. 
Sobald Torvald aber die Szenerie betritt, ändert sich der Ton. Dann kontrolliert nämlich der Killer sowohl die Erzählung als auch das Geschehen, und auch hier nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund, kriecht in die derangierte Psyche des Soziopathen und beschreibt detailliert die von ihm verübten Gräueltaten. So ungewöhnlich schon der Titel „Der Krake auf meinem Kopf“ daherkommt, so kompromisslos, sozialkritisch und virtuos inszeniert Nisbet ein fast schon grotesk anmutendes Road Movie, das man so schnell nicht mehr aus dem Kopf bekommt. 

 

Jim Nisbet – „Tödliche Injektion“

Mittwoch, 5. Oktober 2022

(Pulp Master, 234 S., Tb.) 
Der am 28. September 2022 im Alter von 75 Jahren verstorbene Jim Nisbet hat seit den 1970er Jahren Romane, Lyrik, Theaterstücke, Artikel, Essays und Shortstorys in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien sowie ein Sachbuch über Bau und Design retro-futuristischer Möbel geschrieben ist hierzulande nur mit den wenigen bislang bei Pulp Master veröffentlichten Noir-Krimis bekannt geworden, dabei gehören seine Krimis zu den kompromisslosesten Meisterwerken, die das Genre zu bieten hat, wie sein 1987 veröffentlichtes Zweitwerk „Lethal Injection“ eindrucksvoll beweist. 
Der Schwarze Bobby Mencken verlebt in der Todeszelle seine letzten Stunden auf Erden. Nachdem er seine Henkersmahlzeit zu sich genommen hat, verschafft ihm Dr. Franklin Royce, der Gefängnisarzt von Huntsville, Texas, mit einer Dosis Morphium verbotenerweise etwas Gelassenheit, doch bevor er die tödliche Giftspritze verabreicht bekommt, schafft er es noch, den sadistischen Wärter Pit Bull Peters zu töten, der bereits fünf Gefangene auf dem Gewissen hatte, aber für keine dieser Taten zur Rechenschaft gezogen worden war. Dagegen beteuert Mencken mit seinen letzten Worten auf Erden, dass er nicht die Frau in dem Laden mit fünf Schüssen ins Gesicht getötet habe, wofür er zum Tode verurteilt worden ist. „Colleen, ich … hab es nicht getan …“, flüstert er noch und küsst den Arzt auf die Lippen. In einer Bar, wo er sich ein paar Whiskeys gönnt, erfährt Royce durch das Fernsehen noch ein paar Hintergründe. Demnach sei Mencken bei der Flucht vom Tatort festgenommen, seine Fingerabdrücke auf der Tatwaffe sichergestellt worden. Zeugen oder echte Beweise gab es allerdings nicht. 
Royce ist neugierig. Da seine hysterische Frau ohnehin nichts mehr mit ihm zu haben will, macht sich der Arzt auf den Weg nach Dallas, um in den Elendsvierteln dort mehr über Mencken und den Mord herauszufinden. 
„Die Fahrt hat sich hingezogen, über acht Stunden lang. In dieser Zeit hat er sich an den Gedanken von Menckens Unschuld angefreundet, dass er im Begriff stand, einen Vorstoß zu wagen, um herauszufinden, weshalb Mencken den äußersten Weg für etwas gegangen war, was er vielleicht nicht getan hatte. Was er machen würde, wenn oder falls er eine Antwort fände, darüber hatte Royce noch nicht nachgedacht.“ (S. 110) 
Dabei macht er die Bekanntschaft von Menckens Freundin Colleen Valdez, die ihm gleich den Kopf verdreht, und ihrem Mitbewohner Eddie Lamark, die beide ebenfalls am Tatort gewesen waren. Während er mit den beiden abhängt, kommt er der wahren Geschichte auf die Spur… 
„Tödliche Injektion“ weist gerade mal einen Umfang von gut 230 Seiten auf, entwickelt in der Kürze aber eine enorme Spannung, wobei die Hinrichtung von Mencken bereits 60 Seiten einnimmt, die erst einmal ein leidenschaftliches Plädoyer gegen die Todesstrafe darstellt, bevor die Erzählperspektive von dem Todeskandidaten zu dem Teilzeit-Gefängnisarzt wechselt. Dabei verströmt die Geschichte zunächst den typischen Noir-Touch. 
Der zum Tode verurteilte Mencken kann seine Unschuld nicht mehr beweisen, aber vielleicht derjenige, der ihn mit der Giftspritze ins Jenseits befördert hat. Dabei ist Royce auch ein gebrochener Mann, gefangen in einer scheußlichen Ehe und beruflich längst nicht mehr auf der Höhe. Als er sich auf die Suche nach Menckens Freundin Colleen macht und sie schließlich findet, taucht Royce gänzlich in die schäbige Welt der Drogen, der Beschaffungskriminalität und von heißem Sex ein, dass es ihm die Sinne völlig vernebelt. 
Meisterhaft beschreibt Nisbet nicht nur die bedrohlich-prickelnde Atmosphäre und die unerwartete ménage à trois mit Colleen und Eddie, sondern kommt allmählich hinter den wahren Ablauf der Ereignisse, die am Ende zu Menckens Verurteilung geführt haben. Im Finale wartet Nisbet mit einer furiosen Sequenz auf, die die seltsame Odyssee zu einem konsequenten Ende führt. Denn am Ende hat Royce zwar das Verbrechen aufgeklärt, aber seine eigene Selbstzerstörung kann er nicht mehr aufhalten. Mit seiner schnörkellosen Sprache und einem feinen Gespür für die Figuren und die Geschichte entführt Nisbet seine Leser in eine zynische Welt, in der es kein Glück und keine Gerechtigkeit zu geben scheint. Das ist Noir im allerbesten Sinne.