(Diogenes, 368 S., HC)
Neben Dashiell Hammett zählte Raymond Chandler
(1888-1959) zu den großen Wegbereitern und Stimmen des Harboiled-Detektiv-Krimis,
was umso bemerkenswerter ist, als er nur sieben Romane um seinen Protagonisten
Philip Marlowe veröffentlichte, die allerdings mehrmals verfilmt worden sind
und heute – wie „Murder, My Sweet“, „Tote schlafen fest“ und „Der Tod
kennt keine Wiederkehr“ – früh zu Klassikern des Film Noir bzw. Neo Noir
avancierten. Mit der Neuübersetzung von Chandlers zweiten, 1940
veröffentlichten Roman „Farewell, My Lovely“, setzt Diogenes seine Reihe von
Wiederveröffentlichungen dieses einflussreichen Autors fort.
Der Privatdetektiv Philip Marlowe ist gerade in einem noch
nicht gänzlich von Schwarzen bewohnten Block an der Central Avenue in Los
Angeles unterwegs, um einen gewissen Dimitrios Aleidis ausfindig zu machen, der
von seiner Frau gesucht wird, als er einen Speise- und Spielsalon namens
„Florian’s“ aufsucht, wo er die Bekanntschaft mit dem gut zwei Meter großen
Schwarzen Moose Malloy kennenlernt, der nach acht Jahren im Gefängnis seine
Freundin Velma Valento sucht, die hier als Nachtclubsängerin gearbeitet hat.
Marlowe findet den Mann sympathisch und überreicht ihm seine Karte, doch dann
knallt der Ex-Knacki den neuen Besitzer des Ladens über den Haufen und kratzt
die Kurve. Doch damit ist Marlowes ereignisreicher Tag noch längst nicht zu
Ende. Nachdem er Kriminalkommissar Nulty Bericht erstattet hat, erhält Marlowe
wenig später einen Anruf von Mr. Marriott aus Montemar Vista, der den Detektiv
als Bodyguard engagieren möchte, wenn er das Jadecollier einer Freundin bei
Juwelendieben am vereinbarten Treffpunkt für achttausend Dollar zurückzukaufen
beabsichtigt. Marlowe nimmt den Job an, schließlich sind da hundert Dollar für
ihn drin, doch auch dieser Auftrag nimmt ein böses Ende. Marlowe wird bei dem
Treffen am Purissima Canyon in der Nähe von Bay City nämlich niedergeschlagen,
Marriott erschossen. Als er wieder zur Besinnung kommt, ist eine rothaarige
Frau bei ihm, die sich als Anne Riordan vorstellt und sich Marlowe zunächst als
Hobby-Detektivin zur Seite stellt. Diesmal bekommt es Marlowe mit Polizeileutnant
Randall zu tun. Bei seinen Ermittlungen stellt Marlowe schließlich fest, dass
der tote Marriott die Witwe des ehemaligen Nachtclubbesitzers Mr. Florian mit
Bargeld versorgt, was einen Zusammenhang mit der wie die Kette verschwundenen
Velma nahelegt. Zudem führt ihn eine Visitenkarte in Marriotts
Marihuana-Zigaretten zu Jules Amthor, einen hellseherischen Berater…
„Es wurde dunkler. Ich dachte nach; das Denken tastete sich in meinem Kopf vorsichtig vorwärts, wie unter einem verbitterten, sadistischen Blick. Ich dachte an tote Augen, die in einen mondlosen Himmel starrten, an den Mundwinkeln darunter schwarzes Blut. Ich dachte an garstige alte Frauen, denen man den Kopf am Pfosten ihrer schmutzigen Betten eingeschlagen hatte. Ich dachte an einen Mann mit hellblonden Haaren, der verängstigt war, ohne genau zu wissen, wovor er sich fürchtete, der spürte, dass etwas nicht stimmte, aber zu eitel war oder zu dumm, um zu errate, was.“ (S. 289f.)
Dass Raymond Chandlers Romane so gut gealtert sind
und schon zur Zeit ihrer Veröffentlichung in den 1940er und 1950er Jahren Stoff
für packende Filme lieferten, liegt nicht allein an den komplexen Fällen, die der
sympathische, fast schon liebenswerte, auf jeden Fall richtig coole
Privatdetektiv Philip Marlowe zu lösen hat, sondern an der stimmigen Mischung aus
lebendigen Milieubeschreibungen, ungewöhnlichen, oft auch skurril anmutenden
Figuren und natürlich der großartigen Sprache, mit der der Autor sein Publikum
direkt ins Geschehen zieht. Hier sind es vor allem die vortrefflichsten
Vergleiche, mit der beispielsweise das unermüdliche Umherirren eines Käfers mit
dem eines Menschen in Beziehung gesetzt wird. Der Plot hat es wirklich in sich
und nimmt einige interessante Wendungen. Kein Wunder, dass Chandlers
Klassiker bislang gleich dreimal verfilmt worden ist. An „Lebwohl, mein
Liebling“ kommt kein Krimiliebhaber und Film-Noir-Fan vorbeiLeseprobe Raymond
Chandler - "Lebwohl, mein Liebling"





