Raymond Chandler – (Philip Marlowe: 4) „Die Lady im See“

Samstag, 30. Oktober 2021

(Diogenes, 326 S., HC) 
Raymond Chandler (1888-1959) zählt neben Dashiell Hammett und James M. Cain zu den großen amerikanischen Hardboiled-Krimiautoren. Seine Figur des melancholischen Privatdetektivs Philip Marlowe hat nicht zuletzt durch Humphrey Bogarts Verkörperung in Howard Hawks' „Tote schlafen fest“ die Vorstellung des Publikums von einem Privatdetektiv geprägt. Leider hat Chandler bis zu seinem Tod nur sieben Marlowe-Romane (neben etlichen Kurzgeschichten) geschrieben, die nun nach und nach in einer Neuedition vom Diogenes Verlag erscheinen. „Die Lady im See“ stellt dabei den vierten Band in der Chronologie dar. 
Als Philip Marlowe das Treloar Building an der Olive Street betritt, wo die Gillerlain Company ihren Sitz hat, ist er auf dem Weg zu Derace Kingsley, dem Geschäftsführer des Kosmetik-Unternehmens. Er beauftragt Marlowe damit, seine Ehefrau Crystal zu suchen, die vor einem Monat einen Wochenendtrip zum gemeinsamen Wochenendhaus in der Nähe vom Puma Point unternommen hat, aber seitdem nicht mehr gesehen wurde. Das letzte Lebenszeichen seiner Frau erhielt Kingsley in Form eines Telegramms, in der Crystal ankündigte, über die mexikanische Grenze zu gehen, um sich scheiden zu lassen. Offenbar wollte sie ihren Liebhaber, den Gigolo Chris Lavery, heiraten, doch der habe Kingsley vor kurzem gegenüber behauptet, Crystal seit zwei Monaten nicht mehr gesehen zu haben. Marlowe macht sich also auf den Weg zum Privatsee Little Fawn Lake, wo er mit Bill Chess den Verwalter der Häuser von Kingsley und seines Freundes trifft. 
Von ihm erfährt Marlowe, dass Chess‘ Frau Muriel fast zu gleichen Zeit wie Crystal verschwand. Dann entdeckt Marlowe zufällig eine Leiche im See, die Chess nur anhand ihrer Kleider als Muriel identifizieren kann. Als auch noch ihr Wagen und ihre Kleider in einem Schuppen im Wald nahe des Sees gefunden werden, deutet alles darauf hin, dass die Frau im See ermordet wurde. Marlowe sucht daraufhin Lavery auf und stellt fest, dass sich gegenüber das Haus von Dr. Albert S. Almore befindet, bei dem Muriel Chess unter dem Namen Mildred Haviland als Arzthelferin arbeitete. Nach dieser Mildred suchte bereits ein Polizist namens De Soto, wie Marlowe von einer Lokalreporterin erfährt. Marlowe durchsucht das Haus von Bill Chess, nachdem dieser wegen Mordverdachts festgenommen wurde, und entdeckt eine Kette mit der Gravur „Von Al für Mildred, 28. Juni 1938. In Liebe.“ 
Als Marlowe dann auch Lavery erschossen in seiner Wohnung auffindet, scheint der Fall um das Verschwinden von Crystal Kingsley und Muriel Chess immer komplizierter zu werden … 
„Kingsleys Frau war bestimmt schon zur Fahndung ausgeschrieben oder würde es bald sein. Für die war die Sache in trockenen Tüchern. Eine widerliche Angelegenheit unter ziemlich widerlichen Menschen, zu viel körperliche Liebe, zu viel Alkohol und zu viel Nähe, die in wildem Hass münden, in Mordlust und Tod. Mir war das alles ein wenig zu einfach.“ (S. 184) 
Für seinen 1943 unter dem Titel „The Lady in the Lake“ erschienenen vierten Roman hat sich Chandler seiner beiden bereits 1938 und 1939 veröffentlichten Kurzgeschichten „Bar City Blues“ und „The Lady in the Lake“ bedient sowie beim Verweben der beiden Storys zu einem Roman auch die Geschichte „No Crime in the Mountains“ (1941) berücksichtigt, wie der Übersetzer der Chandler-Neuedition, Rainer Moritz, in seinem Nachwort erwähnt. Chandler beschreibt Bay City, wo sich der Großteil der Handlung abspielt, als wahren Sündenpfuhl, wo Dr. Almore die Prominenten mit Dorgen versorgt, schöne Frauen reihenweise den Männern die Köpfe verdrehen und sie als Wracks zurücklassen, und korrupte Cops wie Degarmo und die gewalttätigen Streifencops Cooney und Dobbs nahezu ungehindert ihre eigenen Dinger drehen. Auch wenn Philip Marlowe in erster Linie dem Police Captain Webber bei der Aufklärung der Morde hilft und dabei Kingsleys Auftrag nicht aus den Augen verlieren will, entpuppt sich „Die Lady im See“ weniger als klassischer Whodunit-Krimi, sondern als vertracktes Spiel um Identitäten, in das übrigens nicht nur die Femmes fatale verwickelt sind. 
Zwar nehmen die Verwicklungen zwischen den Vermissten- und Mordfällen zum Ende hin fast unübersichtliche Züge an, doch Chandler versteht es, mit seinem lakonischen Humor und seiner pointierten Sprache den Leser bei Laune zu halten, um Seite an Seite mit dem zutiefst moralischen Philip Marlowe zuzusehen, wie die Ordnung in der zerrütteten Welt wieder hergestellt wird.  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen