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Scott Turow – „Die Erben des Zeus“

Montag, 25. Mai 2015

(Blessing, 431 S., HC)
Die eineiigen Zwillinge Paul und Cass Gianis halten seit ihrer Kindheit wie Pech und Schwefel zusammen. Doch als eines Tages im September 1982 Cass‘ Verlobte Dita Kronon ermordet in ihrem Bett aufgefunden wurde, hat sich der jahrzehntelange Streit zwischen den beiden aus Griechenland stammenden Familien Gianis und Kronon weiter zugespitzt. Zwar hat sich Cass damals schuldig bekannt und steht nach 25 Jahren Haft nun kurz vor seiner Entlassung, doch der Immobilien-Tycoon Hal Kronon ist längst nicht davon überzeugt, dass die Familie, die für den Mord an seiner Schwester verantwortlich gewesen ist, genügend gebüßt hat.
Also engagiert er mit der ehemaligen FBI-Agentin Evon Miller und dem Privatdetektiv Tim Brodie zwei Ermittler, die seinem Verdacht nachgehen sollen, dass auch Paul in die damaligen Ereignisse verwickelt war. Er selbst lässt Fernsehspots produzieren, die Paul wichtige Stimmen im Kampf um das Amt des Bürgermeisters von New York kosten.
Brodie, der damals als leitender Ermittler in der Mordsache keine gute Figur gemacht hatte, ist auf einmal gezwungen, sich wieder mit den Beweisen des Falls auseinanderzusetzen. Eine DNA-Untersuchung soll neue Erkenntnisse erbringen, doch wie Miller und Brodie erfahren müssen, liegt die Auflösung des Mordes viel tiefer verborgen.
„Giannis verheimlichte irgendwas. Das war das eigentliche Problem. Man konnte über die Presse und die Wahlkampf-Finanzierungsgesetze schimpfen und sagen, dass Politik verlogen war, und in neunzig Prozent der Fälle lag man damit richtig. Aber in Wahlkämpfen kamen oft harte Wahrheiten, bedeutsame Wahrheiten über Kandidaten ans Licht. Es ähnelte einer Gehirnoperation mit dem Pressluftbohrer. Aber mit jedem Tag wurde deutlicher, dass Gianis irgendetwas verschwieg.“ (S. 132) 
Scott Turow wirkte zwischen 1978 und 1986 als Staatsanwalt in Chicago und hat als Gegner der Todesstrafe beispielsweise 1995 die Freilassung von Alejandro Hernandez erreicht, nachdem dieser elf Jahre unschuldig in der Todeszelle gesessen hatte. Sein Romandebüt „Aus Mangel an Beweisen“ (1987) wurde nicht nur mit dem Silver Dagger prämiert, sondern 1990 auch erfolgreich von Alan J. Pakula mit Harrison Ford in der Hauptrolle verfilmt. Seither ist der amerikanische Justiz-Thriller-Autor nicht mehr aus den Bestseller-Listen wegzudenken. Dass er in das Zentrum seines neuen Romans „Die Erben des Zeus“ zwei griechisch-stämmige Familien stellt und mit Zeus Kronon auch eine zentrale Figur mit einem Götternamen versieht, kommt dabei nicht von ungefähr, denn der Roman erweist sich als komplexes Verwirrspiel, in dem die Anwälte und Ermittler lange Zeit im Nebel der dunklen Geheimnisse stochern, die sowohl die Kronons als auch die Gianis über Jahrzehnte gehütet haben. Gleich einer griechischen Tragödie ziehen sich die familiären Verstrickungen zurück bis zu Hals Vater Zeus, dessen Schwester Teri und deren bester Freundin Lidia, Pauls und Cass‘ Mutter.
Turow versteht es wie gewohnt souverän, den Leser schon mit dem ersten Kapitel, das die unmittelbare Vorgeschichte zum Mord rekapituliert, zu fesseln und über die nächsten 400 Seiten auch nicht mehr loszulassen. Wie ein Gerichtsmediziner seziert er die Abgründe zweier verhasster Familien, die auf schicksalhafte Weise seit einem Ladenpachtgeschäft miteinander verbunden sind. Stolz, Verrat, Schuld, Rache und Täuschung sind die großen Themen, die der Autor auf meisterhafte Weise in eine spannende Handlung webt und sprachlich so ungemein geschliffen präsentiert.
Leseprobe Scott Turow - "Die Erben des Zeus"

Scott Turow – „Der letzte Beweis“

Montag, 14. Juni 2010

(Blessing, 576 S., HC)
Am 30. September 2008 stirbt Barbara Sabich auf ihrem Bett. Ihr Mann Rusty, der leitender Richter am Berufungsgericht und aussichtsreichster Kandidat für das Oberste Bundesstaatsgericht, verweilt fast einen ganzen Tag bei ihr, räumt Bücher und Kleider weg, bevor er seinen Sohn Nat informiert und schließlich ein Bestattungsunternehmen. Die Todesursache wird als Herzversagen diagnostiziert. Schließlich litt Barbara Sabich unter einer bipolaren Störung, die sie mit einem Haufen Medikamente behandeln musste. Dennoch stellt sich die Frage, warum der Richter einen ganzen Tag verstreichen ließ, bevor er jemanden informierte. Wollte er etwas vertuschen, darauf warten, dass sich beispielsweise gewisse Substanzen im Körper der toten Frau bis dahin nicht mehr nachweisen ließen?
Diese Theorie vertritt nämlich Oberstaatsanwalt Tommy Molto, der Rusty Sabich bereits vor 22 Jahren angeklagt hatte, seine damalige Geliebte, die junge Staatsanwältin Carolyn Polhemus, in ihrer Wohnung erschlagen zu haben. Doch beim Prozess unterliefen der Anklage etliche Fehler, die Rustys Anwalt Sandy Stern erbarmungslos für seinen Mandanten auszunutzen verstand. Während Molto noch sehr zurückhaltend ist, was eine erneute Ermittlung gegen Sabich angeht, ist sein Mitarbeiter Jim Brand weniger zimperlich und trägt immer mehr Indizien zusammen, die Sabich belasten, vor allem die neue Affäre mit seiner Referendarin Anna …
Mit seinem 1987 veröffentlichten Debüt „Aus Mangel an Beweisen“ begründete der Anwalt Scott Turow quasi eindrucksvoll das Genre des Justizthrillers, das in der Folge vor allem durch seinen Kollegen John Grisham immer populärer wurde. Im Gegensatz zu Grisham praktiziert Turow aber nach wie vor als Anwalt und versteht es in seinen Romanen meisterhaft, die komplexen Fragen von Schuld und Unschuld in extrem spannenden Thrillern zu thematisieren. Auch „Der letzte Beweis“ unterstreicht diese Meisterschaft. Indem jeweils Rusty, sein Sohn Nat und die Referendarin Anna aus der Ich-Perspektive, Oberstaatsanwalt Tommy Molto aber in der dritten Person die Ereignisse vor und nach dem Mord an Barbara Sabich Revue passieren lassen, tappt der Leser lange Zeit im Dunkeln, ob Rusty Sabich tatsächlich seine Frau umgebracht hat. Aber viel interessanter als die Frage nach dem Täter sind einmal mehr die juristischen Findigkeiten, Schlupflöcher und moralischen Grundsätze, die Turow in geschliffen feiner Weiseäußerst lebendig und packend beschreibt.