Mittwoch, 15. Juni 2016

Benedict Wells – „Fast genial“

(Diogenes, 352 S., Tb.)
Seit seine Mutter Katherine Angela Dean wegen ihrer Depressionen ihren Job als Sekretärin bei einer Immobilienfirma verloren und ihr Mann Ryan Wilco sich an der Börse verspekuliert hat, lebt der 17-jährige Francis seit über zwei Jahren mit Katherine im Pine-Tree-Trailerpark am Stadtrand der Kleinstadt Claymont in Delaware. Mittlerweile sind Katherine und sein Stiefvater geschieden. Während der Rechtsanwalt mit Francis‘ Halbbruder Nicky nach New York City gezogen ist, sind Francis und seine Mutter von Jersey City nach Claymont gezogen, wo der Junge die Highschool besucht und als Küchenhilfe in einem Imbiss arbeitet.
Als seine Mutter zum dritten Mal in die psychiatrische Klinik eingeliefert werden muss, lernt Francis dort die zwei Jahre ältere Anne-May kennen, die sich umbringen wollte, weil sie als kleines Mädchen von ihrem Vater vergewaltigt worden ist. Während der Besuche bei seiner Mutter freundet sich Francis mit dem wortkargen Mädchen an. Als seine Mutter nach einem Selbstmordversuch der Magen ausgepumpt wird, entdeckt Francis einen Abschiedsbrief, in dem Katherine ihrem Sohn gesteht, dass er ein Retortenbaby sei, dessen Ursprung in der längst geschlossenen Samenbank für Genies liegt, die der Unternehmer Warren P. Monroe mit dem österreichischen Eugeniker Dr. Friedrich von Waldenfels gegründet hat.
Aus der Akte, die ein Mitarbeiter des Instituts für Katherine entwendet hat, geht hervor, dass Francis‘ Erzeuger unter dem Decknamen Donor James geführt wurde, Harvard-Absolvent gewesen ist, Cello spielte und einen IQ von 170 hatte. Zusammen mit Anne-May und seinem Freund Grover Paul Chedwick macht sich Francis auf die Suche nach seinem Vater …
„Es gab Momente im Leben, in denen alles einen Sinn bekam und in denen man von einer auf die andere Sekunde wusste, was man zu tun hatte. Francis sah die Dinge nun klar: Er musste seinen Vater finden. Alles würde sich ändern, wenn er ihn traf. Er würde aus seinem Drecksleben in Claymont ausbrechen und den Leuten endlich zeigen, dass er doch kein Versager war.“ (S. 81) 
Es beginnt eine interessante Odyssee durch elf Staaten, bei der Francis nicht nur einige schwerwiegende Entscheidungen zu treffen hat, sondern auch auf schmerzvolle Weise erfahren muss, dass die Dinge nicht so sind, wie sie zunächst scheinen …
Nach „Spinner“ und „Becks letzter Sommer“ war „Fast genial“ 2011 der dritte Roman des in München geborenen und nun in Berlin lebenden Schriftstellers Benedict Wells. Er setzt darin die Tradition vor, jugendliche Protagonisten auf eine Entdeckungsreise zum eigenen Ich zu schicken. Dabei werden zwar auch gesellschaftlich stark diskutierte Themen wie der Versuch, Genies zu „züchten“, sowie die Kluft zwischen Arm und Reich angeschnitten, doch Wells bleibt immer so dicht bei seiner Hauptfigur, dass eine tiefgründige Auseinandersetzung ausbleibt. Francis ist schließlich viel zu sehr damit beschäftigt, seinen biologischen Vater zu finden und seinem Leben eine neue Wendung zu geben. Das ist vor allem kurzweilig und vergnüglich zu lesen, auch wenn die Zusammensetzung des Road-Trip-Trios etwas konstruiert wirkt.
Leseprobe Benedict Wells - "Fast genial"

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen