Dienstag, 21. Juni 2016

Stewart O’Nan – „Letzte Nacht“

(mare, 159 S., HC)
Fünf Tage vor Weihnachten öffnet die „Red Lobster“-Filiale in New Britain das letzte Mal die Türen für ihre Gäste. Nachdem die Konzernzentrale bei einer Unternehmensstudie festgestellt hatte, dass sich der Standort nicht rechnet, muss Geschäftsführer Manny DeLeon seine Mitarbeiter an diesem Dezemberabend endgültig nach Hause schicken. Von den vierundvierzig Mitarbeitern, die er noch vor zwei Monaten beschäftigte, werden nur fünf mit ins „Olive Garden“ in Bristol übernommen.
Besonders schwer wiegt für Manny, dass er seine ehemalige Geliebte Jacquie nicht mehr wiedersehen wird. Dass sie mit Rodney einen neuen Freund hat und Mannys Freundin Deena ein Kind erwartet, hat jede Chance zunichte gemacht, dass sie noch mal zusammenkommen. Für Manny geht es nun nur noch darum, den Gästen des Restaurants an diesem verschneiten Winterabend wie gewohnt den besten Service zu bieten …
„Wer außer den Leuten, die hier arbeiten, denkt schon über Red Lobster nach? Und auch die denken eigentlich nicht drüber nach. Vielleicht Eddie, der bestimmt froh ist, einen Ort zu haben, wo er jeden Tag hinkommen kann, oder Kendra, die darüber nicht immer froh ist, aber Manny kann sich nicht vorstellen, dass Rich oder Leron viele Gedanken auf so etwas wie einen Job verschwenden. Vielleicht hat auch Manny nicht genug drüber nachgedacht, denn all die Jahre fand er es selbstverständlich, dass es das Lobster gab. In der Hinsicht ist er wohl genau wie Eddie. Und jetzt ist es zu spät.“ (S. 72) 
Stewart O’Nan hat sich in seiner eindrucksvollen Schriftstellerkarriere immer wieder mit dem Schicksal der kleinen Leute beschäftigt und dabei ganz tief in ihr Innerstes geblickt. In der Geschichte „Letzte Nacht“ genügt ihm ein einziger Tag in einem zur Schließung vorgesehenen Restaurant, um die Befindlichkeiten vor allem des Geschäftsführers zu beschreiben.
Nach all den Jahren empfindet er eine Verbundenheit zu seiner Arbeit, seinen Mitarbeitenden und Kunden, die ihm den Abschied schwer machen, vor allem von Jacquie. Auch wenn es um nichts mehr geht und die Schließung ebenso beschlossene Sache ist wie die Versetzung von fünf Angestellten in ein anderes Restaurant des Konzerns, will Manny nur das Beste für seine Kunden, kümmert sich um die schwer zu handhabende Schneefräse, schiebt den Wagen eines Stammgastes an und verteilt gewissenhaft Beurteilungskarten an unzufriedene Gäste, denn nicht mehr alle Spezialitäten des Hauses sind am letzten Abend noch verfügbar.
Von den anderen Angestellten erfährt der Leser nicht allzu viel. Die Handlung wird allein aus Mannys Perspektive geschildert. Aber in diesem Mikrokosmos gelingt es dem Autor, das Pflichtbewusstsein und die Fürsorge eines Managers seiner Arbeit und seinen Angestellten gegenüber ganz schnörkellos in Worte zu fassen.
Am Ende soll eine Lotterieziehung für eine glückliche Wendung der teils ungewissen Schicksale der Serviererinnen, Köche, Bäcker, Spüler und des Barpersonals sorgen, vor allem für ein Happy End des irgendwie bemühten, durchweg gutherzigen Geschäftsführers.
„Letzte Nacht“ ist ein berührendes Buch über die Tugendhaftigkeit und gutherzige Gesinnung eines Mannes, der niemandem etwas schuldig ist, aber trotzdem nur das Beste für alle Menschen in seinem Leben will.

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