Sonntag, 5. Juni 2016

Joey Goebel – „Freaks“

(Diogenes, 193 S., Tb.)
Wenn sich die 80-jährige Opal, die achtjährige Ember, der Schwarze Luster, der Iraker Ray und die ehemalige Nachtclubtänzerin, nun im Rollstuhl sitzende Aurora zusammen in ihrer Kleinstadt irgendwo in Kentucky blicken lassen, ziehen sie sofort die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung auf sich. Das liegt nicht nur an der optisch außergewöhnlichen Kombination, sondern auch an der jeweils sehr eigenen Lebensgeschichte.
Ray ist mit seiner Familie nur nach Amerika gekommen, um sich bei dem Soldaten zu entschuldigen, den er im Irak-Krieg angeschossen hatte. Luster stammt aus einer berüchtigten Drogendealerfamilie und ist der wortgewandteste im Quintett. Die sexbesessene Opal läuft trotz ihres hohen Alters noch immer mit „Sex Pistols“- und „Misfits“-T-Shirts herum und ist die Babysitterin von Ember, die von ihren Eltern überhaupt nicht in den Griff zu bekommen ist und kurz vor dem Schulverweis steht. Aurora will mit ihrer nuttigen Vergangenheit abschließen und hat sich auch aus Protest gegen ihres als Pfarrer wirkenden Vater den Satanisten angeschlossen.
Gemeinsam suchen sie für ihre Power-Pop-New-Wave-Heavy-Metal-Punkrock-Band namens Freaks einen gemeinsamen Übungsraum, denn sie haben Großes vor.
 „Die Musik wird allmählich alt, und alles ist schon mal dagewesen, aber ich bezweifle ehrlich, dass es je eine Band gegeben hat, die wie wir geklungen oder ausgesehen hat. Ich weiß genau, wie sich das jetzt anhört, aber ich glaube, wir haben das Potential, das Größte zu werden, seit die Leute Elvis im Radio hörten und ihn für einen Schwarzen hielten.“ (S. 122) 
Gerade mal 190 Seiten braucht der aus Henderson, Kentucky, stammende Joey Goebel für seinen 2003 erschienenen Debütroman, der sich wie ein Drehbuch liest und in dem die einzelnen Protagonisten abwechselnd ihre Sicht der Dinge schildern, aber auch Nebenfiguren wie Embers Eltern, Auroras Vater, ein Polizist und der Konzertveranstalter beschreiben ihre Begegnungen mit den exzentrisch wirkenden Außenseitern, denen der Autor seine ungeteilte Sympathien schenkt. „Freaks“ stellt gleichermaßen Buchtitel, Bandname und Programm eines Buches dar, das sich verzweifelt und wütend gegen eine gleichgeschaltete Masse zu erheben versucht, ihren ätzenden Opportunismus, ihre angepasste, unaufgeregte Lebensweise, die vorhersehbaren Reaktionen und Redeweisen verurteilt. Wie Goebel seine heldenhaften Außenseitern gegen die gleichförmigen Angepassten aufbegehren lässt, ist dabei ebenso humorvoll wie ätzend und tragisch geschrieben, dass man als hoffentlich nicht ganz so angepasster Leser hoffen mag, dass die selbsternannten Freaks doch bitte Erfolg haben werden.
Leseprobe Joey Goebel - "Freaks"

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