(Blanvalet, 478 S., HC)
Seit sein 1997 erschienener Auftaktroman der
Lincoln-Rhyme-Reihe, „The Bone Collector“, zwei Jahre später erfolgreich
von Phillip Noyce mit Denzel Washington und Angelina Jolie
in den Hauptrollen verfilmt worden ist (hierzulande erschienen Buch und Film
unter dem Titel „Der Knochenjäger“) hat sich Jeffery Deaver in
die Riege der Top-Thriller-Autoren katapultiert. Diesen Ruf untermauerte er auch
mit dem dritten Band seiner Reihe um den ab dem Hals abwärts
querschnittsgelähmten forensischen Kriminologen.
Weil sich Lincoln Rhyme nicht mit seinem Schicksal abfinden
will, entschließt er sich zu einer nicht ganz risikofreien Operation im
fünfhundert Meilen entfernten Klinikum der University of North Carolina in
Avery. Dr. Weavers neurologisches Institut gilt nämlich bei der Erforschung und
Behandlung von Rückenmarksverletzungen als wegweisend. Wenn er nach der
Operation nur etwas mehr bewegen kann als den Kopf und den linken Ringfinger
wäre er schon zufrieden. Amelia ist dagegen alles andere als begeistert,
schließlich liebt sie Lincoln so, wie er ist, vor allem wegen seines
messerscharfen Verstandes. Doch kurz nach der Ankunft und dem aufklärenden
OP-Gespräch mit Dr. Weaver wird der berühmte Kriminologe von Sheriff Bell aus
dem benachbarten Paquenoke County angesprochen, dessen Cousin ein Bekannter von
Lincoln ist. Der Forensiker wird gebeten, bei der Suche nach der vermissten Archäologie-Studentin
Mary Beth O´Connnell zu helfen, nachdem gestern bereits ein Oberschüler ermordet
worden ist. Nun hat der mutmaßliche Täter noch ein Mädchen namens Lydia entführt.
Verdächtigt wird der 16-jährige Garrett Hanlon, der mit seiner Vorliebe für
Insekten nur der „Insektensammler“ genannt wird und als verschrobener
Einzelgänger gilt.
Während Lincoln sich eine Einsatzzentrale einrichtet und
sich von einem Studenten bei der Sichtung der gesammelten Spuren helfen lässt, ist
Amelia in den Sümpfen unterwegs und folgt den Pfaden, die durch die
sichergestellten Spuren gelegt worden sind. Tatsächlich kann Lydia befreit und
Garrett verhaftet werden, doch als sich Kopfgeldjäger ebenfalls an Garretts Fersen
geheftet haben, entschließt sich Amelia, kurzerhand die Seiten zu wechseln und
mit Garrett aus dem Gefängnis zu fliehen – mit fatalen Folgen…
„Ach, Rhyme, ich kann verstehen, dass die Spuren, handfeste Fakten lieber sind. Dass wir uns nicht auf diese schwammigen Sachen verlassen dürfen – auf Worte, Mienenspiel und Tränen, auf den Blick, mit dem uns jemand anschaut, wenn wir ihm gegenübersitzen und uns seine Geschichten anhören… Aber das heißt noch lange nicht, dass die Geschichten niemals stimmen. Ich glaube, dass hinter Garrett Hanlon mehr steckt, als uns die Spuren verraten.“ (S. 336)
„Der Insektensammler“ ist schon deshalb interessant,
weil es nicht nur um die Klärung eines schwierigen Vermisstenfalls geht, in dem
der jugendliche Verdächtige und Flüchtige seinen Häschern stets einen Schritt
voraus zu sein scheint und mit seinem profunden Wissen über Insekten auch so
manche Falle zu stellen versteht, sondern auch um eine sehr persönliche
Angelegenheit zwischen Lincoln und Amelia. Ohne Lincolns Wunsch, die
körperliche Qualität in der Beziehung zu Amelia zu verbessern, wäre das
kongeniale Paar gar nicht in die schwierige Lage fernab ihrer großstädtischen
Heimat gekommen. Deaver versteht es sehr gut, die schwüle Atmosphäre in den
Sümpfen von North Carolina zu beschreiben, auch wenn ausgesuchte
Südstaaten-Autoren wie James Lee Burke oder Joe R. Lansdale in
dieser Hinsicht noch stärker punkten. Die bevorstehende Operation gerät
allerdings schnell ins Hintertreffen und weicht einem zunächst stringent entwickelten
Plot um die Jagd nach einem mutmaßlichen Mörder und Entführer, doch müssen
sowohl Rhyme als auch Sachs bald feststellen, dass sie den ausgelegten Spuren
nicht trauen können und ins Zentrum einer umfassenden Korruption geraten sind,
die zum Ende hin zu immer mehr Wendungen führt, für die Jeffery Deaver
berühmt ist. Allerdings überspannt er mit seinen wilden Kapriolen den Bogen
doch zu sehr und macht die Story fast schon unglaubwürdig. Wer aber Spaß an
diesen komplexen Plot-Twists hat, wird „Der Insektensammler“ lieben.

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