(Heyne, 814 S., HC)
Am bekanntesten ist die fiktive Kleinstadt Derry im US-Staat
Maine durch Stephen Kings Horror-Epos „Es“ bekannt geworden, aber
auch Teile von „Der Anschlag“, „Sara“, „Duddits“ und „Das Monstrum“
spielen sich in Derry ab oder beziehen sich darauf. Mit seinem 1994
veröffentlichten Epos „Schlaflos – Insomnia“ kehrt der „King of Horror“
allerdings nicht nur vollständig nach Derry zurück, sondern bezieht auch die
epische Saga um den „Dunklen Turm“ mit ein.
Seit dem Tod seiner geliebten Frau Carolyn leidet der
70-jährige Rentner Ralph Roberts unter stetig zunehmender Schlaflosigkeit. Seine
Zeit verbringt der zusammen mit Bill McGovern in einem Haus in der Harris
Avenue lebende Witwer vor allem mit Spaziergängen zum Picknickplatz in der Nähe
des Flughafeneingangs, wo sich Roberts mit seinen Freunden zum Schachspielen,
Romméspielen oder Quatschen trifft. Bei einem dieser Spaziergänge wird er
Zeuge, wie sich sein Nachbar Ed Deepneau fürchterlich mit einem LKW-Fahrer anlegt.
Wenig später trifft er Eds Ehefrau Helen mit ihrer Tochter Natalie auf dem Parkplatz
des Supermarktplatzes. Als er erkennt, dass Helen von ihrem Mann
krankenhausreif geschlagen worden ist, weil sie eine Petition für die Feministin
Susan Day unterschrieben hatte, sorgt er dafür, dass sie nach der Behandlung im
Krankenhaus von einer Frauenrechtlergruppe aufgenommen wird. Diese wollen Susan
Day zu einem Vortrag einladen, was die Abtreibungsgegner, denen sich Helens
Mann angeschlossen hat, um jeden Preis verhindern, was immer wieder zu gewalttätigen
Konfrontationen vor der Abtreibungsklinik sorgt.
Während Roberts während seiner nächtlichen Wachphasen in
seinem Ohrensessel über die Straße schaut, bemerkt er vor dem Haus einer
Nachbarin zwei kleine, kahlköpfige, weiße Wesen, die ihn an Ärzte erinnern und
eine Schere mit sich führen. Roberts alarmiert die Polizei, die die Nachbarin
tot in ihrem Bett auffindet, und ist sich sicher, dass die seltsamen Wesen ihr
den Lebensfaden abgeschnitten haben. Durch seinen ermüdeten Verstand scheint Roberts
in der Lage zu sein, Auren in verschiedenen Farben um die Menschen herum zu
sehen. Roberts zweifelt bereits an seinem Verstand, als er erfährt, dass auch
die verwitwete Lois Chasse in der Lage ist, diese Auren zu sehen.
Bei einem gemeinsamen Krankenhausbesuch lernen sie
tatsächlich die beiden kahlköpfigen „Ärzte“ kennen, die Roberts Lachesis und Klotho
nennt, die die beiden „Kurzfristigen“ auf eine andere Ebene führen, um ihnen zu
erklären, dass ein dritter Arzt, Atropos, auf Befehl des Scharlachroten Königs
tausende von Menschen bei der bevorstehenden Kundgebung töten will. Roberts
erklärt sich bereit, ein großes Opfer auf sich zu nehmen, um die Katastrophe zu
verhindern…
„Er verspürte ein beängstigendes Gefühl von Schwerelosigkeit und Schwindel, und einen Augenblick war er sicher, dass er sich übergeben müsste. Es wurde von einem Gefühl der Schwächung begleitet, als würde der Großteil der Energie, die er Lois abgenommen hatte, abgesaugt werden. Vermutlich entsprach das den Tatsachen. Immerhin handelte es sich hier um eine Form der Teleportation, richtiger Science-Fiction-Kram, und so etwas musste eine Menge Energie verbrauchen. Das Schwindelgefühl verging, aber es wurde von einer Wahrnehmung ersetzt, die noch schlimmer war – einem Gefühl, als wäre ihm irgendwie der Hals durchtrennt worden. Er stellte fest, dass er einen ungehinderten Ausblick auf einen weiten Teil der Welt hatte.“ (S. 726)
Stephen King nimmt sich wie gewohnt viel Zeit, um die
Bühne vorzustellen, auf der sich das Science-Fiction-Action-Abenteuer in der
Folge entfaltet, vor allem sein Protagonist Ralph Roberts wird ausführlich
vorgestellt, wobei die zunehmende Schlaflosigkeit zunächst eine vernünftige
Erklärung für die Wahrnehmung mysteriöser Wesen in der Nacht und
verschiedenfarbiger Auren bieten würde. Dass hinter den Vorgängen allerdings
eine fremdartige Macht steht, die mit dem Scharlachroten König aus Stephen
Kings Universum des Dunklen Turms in Verbindung gebracht wird, schadet der
Glaubwürdigkeit der Geschichte mehr, als dass sie nützt, denn kohärent wirkt
die Zusammensetzung beider Welten nicht. Die ausufernde Erzählweise tut ein
Übriges, dass „Schlaflos – Insomnia“ wie ein missglücktes Flickwerk
wirkt, in dem allein die Beziehung zwischen Ralph Roberts und Lois Chasse unter
Beweis stellt, welch großartiger Erzähler Stephen King sein kann, wenn
er nicht auf Teufel komm raus das Übernatürliche und Grauen ins Spiel bringt.

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