Stephen King – „Schlaflos – Insomnia“

Samstag, 10. Januar 2026

(Heyne, 814 S., HC)
Am bekanntesten ist die fiktive Kleinstadt Derry im US-Staat Maine durch Stephen Kings Horror-Epos „Es“ bekannt geworden, aber auch Teile von „Der Anschlag“, „Sara“, „Duddits“ und „Das Monstrum“ spielen sich in Derry ab oder beziehen sich darauf. Mit seinem 1994 veröffentlichten Epos „Schlaflos – Insomnia“ kehrt der „King of Horror“ allerdings nicht nur vollständig nach Derry zurück, sondern bezieht auch die epische Saga um den „Dunklen Turm“ mit ein.
Seit dem Tod seiner geliebten Frau Carolyn leidet der 70-jährige Rentner Ralph Roberts unter stetig zunehmender Schlaflosigkeit. Seine Zeit verbringt der zusammen mit Bill McGovern in einem Haus in der Harris Avenue lebende Witwer vor allem mit Spaziergängen zum Picknickplatz in der Nähe des Flughafeneingangs, wo sich Roberts mit seinen Freunden zum Schachspielen, Romméspielen oder Quatschen trifft. Bei einem dieser Spaziergänge wird er Zeuge, wie sich sein Nachbar Ed Deepneau fürchterlich mit einem LKW-Fahrer anlegt. Wenig später trifft er Eds Ehefrau Helen mit ihrer Tochter Natalie auf dem Parkplatz des Supermarktplatzes. Als er erkennt, dass Helen von ihrem Mann krankenhausreif geschlagen worden ist, weil sie eine Petition für die Feministin Susan Day unterschrieben hatte, sorgt er dafür, dass sie nach der Behandlung im Krankenhaus von einer Frauenrechtlergruppe aufgenommen wird. Diese wollen Susan Day zu einem Vortrag einladen, was die Abtreibungsgegner, denen sich Helens Mann angeschlossen hat, um jeden Preis verhindern, was immer wieder zu gewalttätigen Konfrontationen vor der Abtreibungsklinik sorgt.
Während Roberts während seiner nächtlichen Wachphasen in seinem Ohrensessel über die Straße schaut, bemerkt er vor dem Haus einer Nachbarin zwei kleine, kahlköpfige, weiße Wesen, die ihn an Ärzte erinnern und eine Schere mit sich führen. Roberts alarmiert die Polizei, die die Nachbarin tot in ihrem Bett auffindet, und ist sich sicher, dass die seltsamen Wesen ihr den Lebensfaden abgeschnitten haben. Durch seinen ermüdeten Verstand scheint Roberts in der Lage zu sein, Auren in verschiedenen Farben um die Menschen herum zu sehen. Roberts zweifelt bereits an seinem Verstand, als er erfährt, dass auch die verwitwete Lois Chasse in der Lage ist, diese Auren zu sehen.
Bei einem gemeinsamen Krankenhausbesuch lernen sie tatsächlich die beiden kahlköpfigen „Ärzte“ kennen, die Roberts Lachesis und Klotho nennt, die die beiden „Kurzfristigen“ auf eine andere Ebene führen, um ihnen zu erklären, dass ein dritter Arzt, Atropos, auf Befehl des Scharlachroten Königs tausende von Menschen bei der bevorstehenden Kundgebung töten will. Roberts erklärt sich bereit, ein großes Opfer auf sich zu nehmen, um die Katastrophe zu verhindern…

„Er verspürte ein beängstigendes Gefühl von Schwerelosigkeit und Schwindel, und einen Augenblick war er sicher, dass er sich übergeben müsste. Es wurde von einem Gefühl der Schwächung begleitet, als würde der Großteil der Energie, die er Lois abgenommen hatte, abgesaugt werden. Vermutlich entsprach das den Tatsachen. Immerhin handelte es sich hier um eine Form der Teleportation, richtiger Science-Fiction-Kram, und so etwas musste eine Menge Energie verbrauchen. Das Schwindelgefühl verging, aber es wurde von einer Wahrnehmung ersetzt, die noch schlimmer war – einem Gefühl, als wäre ihm irgendwie der Hals durchtrennt worden. Er stellte fest, dass er einen ungehinderten Ausblick auf einen weiten Teil der Welt hatte.“ (S. 726)

Stephen King nimmt sich wie gewohnt viel Zeit, um die Bühne vorzustellen, auf der sich das Science-Fiction-Action-Abenteuer in der Folge entfaltet, vor allem sein Protagonist Ralph Roberts wird ausführlich vorgestellt, wobei die zunehmende Schlaflosigkeit zunächst eine vernünftige Erklärung für die Wahrnehmung mysteriöser Wesen in der Nacht und verschiedenfarbiger Auren bieten würde. Dass hinter den Vorgängen allerdings eine fremdartige Macht steht, die mit dem Scharlachroten König aus Stephen Kings Universum des Dunklen Turms in Verbindung gebracht wird, schadet der Glaubwürdigkeit der Geschichte mehr, als dass sie nützt, denn kohärent wirkt die Zusammensetzung beider Welten nicht. Die ausufernde Erzählweise tut ein Übriges, dass „Schlaflos – Insomnia“ wie ein missglücktes Flickwerk wirkt, in dem allein die Beziehung zwischen Ralph Roberts und Lois Chasse unter Beweis stellt, welch großartiger Erzähler Stephen King sein kann, wenn er nicht auf Teufel komm raus das Übernatürliche und Grauen ins Spiel bringt. 

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