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Frank Goosen – „Lovely Rita“

Montag, 23. Februar 2026

(Kiepenheuer & Witsch, 248 S., HC)
Frank Goosen ist nicht nur in Bochum geboren und hat dort Geschichte, Germanistik und Politik studiert, sondern lebt und wirkt noch immer dort, zunächst zusammen mit Jochen Malmsheimer als Kabarett-Duo Tresenlesen, seit seinem erfolgreich verfilmten Debütroman „Liegen lernen“ (2000) auch als Romanautor. Wie verbunden er sich seiner Heimatstadt fühlt, wird einmal mehr in seinem neuen Roman „Lovely Rita“ deutlich. Was auf den ersten Blick wie eine Liebeserklärung an eine besondere Frau erscheint, entpuppt sich schnell als einfühlsamer, gut beobachteter Abgesang auf die traditionelle Kneipenkultur.
Es ist der letzte Abend in der Kneipe „Haus Himmelreich“, dann macht die Wirtin Rita Urbaniak zu. Da sie selbst aber mal wieder abwesend ist, schmeißt Gisela den Laden, die vom Autor, der einen Artikel über die Schließung schreiben soll, aber schon ahnt, dass es wieder ein Roman wird, wegen ihrer weißen Bluse sofort „White Blues Woman“ genannt wird. Ehrfürchtig schaut er ihr dabei zu, wie sie kunstfertig neun Gläser Bier zapft, ohne den Hahn zwischendurch zu schließen, anschließend wiederholt sie das mit den neun Klaren, immer exakt bis zum roten Strich gefüllt. Am Abend vor der geplanten Schließung versucht sich der Autor ein Bild zu machen, lernt die Stammgäste „der Lange“, „der Käpt’n“ und Willi Trommer kennen. Um die Leute zum Reden zu bringen, ist zum Einstand erst mal ein Gedeck fällig, das erste Bier muss erst mal „geerdet“ werden. Nach und nach erschließt sich dem Ich-Erzähler die Geschichte der Kneipe, vor allem die Geschichte, wie die gerade volljährig gewordene Rita im Juli 1971 nicht nur die Kneipe übernahm, sondern auch Verena, die Tochter ihrer älteren Schwester Christa, aufzog, während „Chris“ die Welt erkunden musste. Er lernt die vornehme Gräfin kennen, dann auch die Wacholder-Anni, den Comedian Farsi und bekommt mit, wie nebenan eine Beerdigungsgesellschaft bedient wird und später der SPD-Ortsverband seine letzte Sitzung im Hinterzimmer abhält. Eine Ära geht zu Ende…

„Die Kneipe ist irgendwann brechend voll und sehr laut, immer wieder gehen Menschen raus zum Rauchen und treffen auf welche, die wieder reinwollen. Ich frage mich, wo die Rita bleibt, die muss sich doch zeigen, heute am letzten Abend. Verena hat die Begegnung mit ihrer Mutter einigermaßen weggesteckt, ist aber immer noch ein bisschen sauer auf Rita, weil die sie nicht vorgewarnt hat. Die Information, dass ich über die Kneipe schreiben will, hat sich schnell verbreitet. Ständig werde ich angesprochen, man habe da Geschichten zu erzählen, die würde ich nicht glauben, von der Rita und vom Carlo und von den beiden Schutzgelderpressern, die Rita einfach nach Hause geschickt hat, und den Nazis, die sich hier breitmachen wollten, dem einen habe die Rita die Nase gebrochen, dem anderen zwei Rippen, habe man jedenfalls gehört…“

Auch wenn im Mittelpunkt von Frank Goosens neuen Roman die Schicksale und so unterschiedlichen Lebenswege der drei Frauen Rita, Chris und Verena im Mittelpunkt stehen, fesselt „Lovely Rita“ vor allem durch die humorvollen Dialoge, wie sie nur von miteinander sehr vertrauten Stammgästen in einer typischen Eckkneipe gesprochen werden. Goosens Ich-Erzähler nimmt nicht nur die gegenwärtige Atmosphäre der Kneipe an ihrem letzten Abend auf, sondern nimmt sich viel Zeit für die ganz normalen Menschen, die sich hier immer wieder einfinden und sich bereits ihr Leben lang zu kennen scheinen. Wenn der Erzähler in die Einzelgespräche geht, wird auch die Geschichte aufgerollt, vor allem der „Kriech“, mit dem alles begann, und Kommentare zum politischen Geschehen, vor allem Schröders Wandlung während seiner Kanzlerschaft vom Genossen zum Bonzenfreund, und zum Werdegang der drei Frauen, lassen die Geschichte der Kneipe äußerst lebendig werden. „Lovely Rita“ stellt eine herzerwärmende Hommage an die aussterbende (Eck-)Kneipenkultur nicht nur im Pott dar und überzeugt durch die sympathische Zeichnung all der Figuren, die im „Haus Himmelreich“ eine Art von Zuhause gefunden haben.