(Pulp Master, 302 S., Tb.)
Der Australier Garry Disher hat sich seit Ende der 1980er
Jahre als einer der prominentesten Autoren nicht nur von Prosa- und
Kriminalromanen, sondern auch Kinder-, Jugend- und Sachbüchern etabliert. Zu
seinen bekanntesten Figuren zählt der Meisterdieb Wyatt, der 1991 in „Kickback“
(dt. „Gier“) seinen ersten Auftritt hinlegte und in dem 2018
veröffentlichten „Kill Shot“ (dt. „Moder“) bereits zum neunten
Mal zuschlägt.
Wyatt, seit einem Jahr in Sydney ansässig, überlässt bei seinen
Raubzügen, die ihm in der Regel über Sam Kraner vermittelt werden, nichts dem
Zufall. Immer behält er seine Umgebung nach verdächtigen Personen und Umständen
im Blick. Gute Vorbereitung und eine gewöhnliche Strategie reichen bei Wyatt
aus, um seine Jobs erfolgreich durchzuziehen. Kramer sitzt zwar gerade im Knast
von Watervale, verfügt aber nach wie vor über ein gut geöltes Netzwerk aus
Anwälten, Polizisten, Kriminellen und Informanten, die ihn über lohnende Objekte
in Kenntnis setzen. Seine Provision, die sich bislang auf 90.000 Dollar
summiert hat, würde er am Ende des Jahres bei seiner Entlassung erhalten. Wyatt
kümmert sich nicht nur um das Aufbewahren, sondern auch darauf, dass Kramers
Frau und Kinder über die Runden kommen. Als sich Kramers Sohn Joshua bei dem
Ex-Soldaten Nick Lazar verquatscht, will Lazar sich das angesammelte und von
Wyatt verwaltete Geld holen. Wyatt wiederum hat bereits den nächsten Auftrag
von Kramer in der Tasche. Er soll sich die vermutete Million sichern, die der Anlagebetrüger
Tremayne für seine Flucht zur Seite geschafft haben soll. Doch auch Tremaynes
Frau Lynx hat es auf die Kohle ihres Mannes abgesehen, die sie mit ihrem
Liebhaber, dem Tremaynes Freund und Anwalt DeLacey, sicherstellen will. Und mit
dem auf eigene Faust agierenden Cop Greg Muecke von der Abteilung Eigentumsdelikte
im Polizeipräsidium von Sydney, Parramutta, sitzt Wyatt noch ein weiterer
Akteur im Nacken…
„Er fühlte sich unausgeglichen. Sein Handeln fußte immer auf der Überzeugung, dass seine Pläne bestmöglich ausgearbeitet seien, geeignet, den bestmöglichen Ausgang zu gewährleisten; zugleich jedoch war er auf das Ärgste vorbereitet, sodass er bislang niemals kalt erwischt worden war. Dieses Mal hatte sich sein Plan um das Auffinden von Tremaynes gebunkerter Fluchtkasse gedreht, mit der Einschränkung, dass sie möglicherweise nicht existierte oder er zu spät kommen könnte.“ (S. 244)
Wyatt ist ein Antiheld, wie er im Buche steht: Unauffällig,
vorsichtig, fast sogar unsichtbar, auf jeden Fall schwer zu fassen und aus der
Ruhe zu bringen. Sinnlose Gewalt lehnt er kategorisch ab, schreckt im Falle
eines Falles aber auch nicht davor zurück. Doch bei aller Vorausschau und
Vorsicht drohen ihm dieses Mal die Zügel zu entgleiten. Disher erweist
sich als Meister darin, ein durch und durch verdorbenes, gieriges Figurenarsenal
einzuführen, dem man ebenso wenig Sympathie entgegenbringen kann, wie man hofft,
dass ihre Pläne von Erfolg gekrönt sind. Von allen Beteiligten scheint Wyatt
hier noch der „netteste“, loyalste und moralischste zu sein. Disher schert
sich wenig um die Gefühle seiner Protagonisten, spielen diese ohnehin kaum eine
Rolle. Aber immerhin hinterfragt Wyatt an einer Stelle, ob er Kramer nicht auch
als Freund betrachten sollte. „Moder“ ist stattdessen ganz von der vertrackten
Handlung, einer wendungsreichen Jagd getrieben, die furiose Sprünge vollzieht
und deshalb nicht immer einfach zu verfolgen ist. Und Wyatt kommt letztlich
nicht ganz ungeschoren davon. Langeweile kommt in diesem turbulent inszenierten
Heist-Thriller-Drama jedenfalls nie auf.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen