Garry Disher – (Wyatt: 9) „Moder“

Dienstag, 5. Mai 2026

(Pulp Master, 302 S., Tb.)
Der Australier Garry Disher hat sich seit Ende der 1980er Jahre als einer der prominentesten Autoren nicht nur von Prosa- und Kriminalromanen, sondern auch Kinder-, Jugend- und Sachbüchern etabliert. Zu seinen bekanntesten Figuren zählt der Meisterdieb Wyatt, der 1991 in „Kickback“ (dt. „Gier“) seinen ersten Auftritt hinlegte und in dem 2018 veröffentlichten „Kill Shot“ (dt. „Moder“) bereits zum neunten Mal zuschlägt.
Wyatt, seit einem Jahr in Sydney ansässig, überlässt bei seinen Raubzügen, die ihm in der Regel über Sam Kraner vermittelt werden, nichts dem Zufall. Immer behält er seine Umgebung nach verdächtigen Personen und Umständen im Blick. Gute Vorbereitung und eine gewöhnliche Strategie reichen bei Wyatt aus, um seine Jobs erfolgreich durchzuziehen. Kramer sitzt zwar gerade im Knast von Watervale, verfügt aber nach wie vor über ein gut geöltes Netzwerk aus Anwälten, Polizisten, Kriminellen und Informanten, die ihn über lohnende Objekte in Kenntnis setzen. Seine Provision, die sich bislang auf 90.000 Dollar summiert hat, würde er am Ende des Jahres bei seiner Entlassung erhalten. Wyatt kümmert sich nicht nur um das Aufbewahren, sondern auch darauf, dass Kramers Frau und Kinder über die Runden kommen. Als sich Kramers Sohn Joshua bei dem Ex-Soldaten Nick Lazar verquatscht, will Lazar sich das angesammelte und von Wyatt verwaltete Geld holen. Wyatt wiederum hat bereits den nächsten Auftrag von Kramer in der Tasche. Er soll sich die vermutete Million sichern, die der Anlagebetrüger Tremayne für seine Flucht zur Seite geschafft haben soll. Doch auch Tremaynes Frau Lynx hat es auf die Kohle ihres Mannes abgesehen, die sie mit ihrem Liebhaber, dem Tremaynes Freund und Anwalt DeLacey, sicherstellen will. Und mit dem auf eigene Faust agierenden Cop Greg Muecke von der Abteilung Eigentumsdelikte im Polizeipräsidium von Sydney, Parramutta, sitzt Wyatt noch ein weiterer Akteur im Nacken…

„Er fühlte sich unausgeglichen. Sein Handeln fußte immer auf der Überzeugung, dass seine Pläne bestmöglich ausgearbeitet seien, geeignet, den bestmöglichen Ausgang zu gewährleisten; zugleich jedoch war er auf das Ärgste vorbereitet, sodass er bislang niemals kalt erwischt worden war. Dieses Mal hatte sich sein Plan um das Auffinden von Tremaynes gebunkerter Fluchtkasse gedreht, mit der Einschränkung, dass sie möglicherweise nicht existierte oder er zu spät kommen könnte.“ (S. 244)

Wyatt ist ein Antiheld, wie er im Buche steht: Unauffällig, vorsichtig, fast sogar unsichtbar, auf jeden Fall schwer zu fassen und aus der Ruhe zu bringen. Sinnlose Gewalt lehnt er kategorisch ab, schreckt im Falle eines Falles aber auch nicht davor zurück. Doch bei aller Vorausschau und Vorsicht drohen ihm dieses Mal die Zügel zu entgleiten. Disher erweist sich als Meister darin, ein durch und durch verdorbenes, gieriges Figurenarsenal einzuführen, dem man ebenso wenig Sympathie entgegenbringen kann, wie man hofft, dass ihre Pläne von Erfolg gekrönt sind. Von allen Beteiligten scheint Wyatt hier noch der „netteste“, loyalste und moralischste zu sein. Disher schert sich wenig um die Gefühle seiner Protagonisten, spielen diese ohnehin kaum eine Rolle. Aber immerhin hinterfragt Wyatt an einer Stelle, ob er Kramer nicht auch als Freund betrachten sollte. „Moder“ ist stattdessen ganz von der vertrackten Handlung, einer wendungsreichen Jagd getrieben, die furiose Sprünge vollzieht und deshalb nicht immer einfach zu verfolgen ist. Und Wyatt kommt letztlich nicht ganz ungeschoren davon. Langeweile kommt in diesem turbulent inszenierten Heist-Thriller-Drama jedenfalls nie auf.

 

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