(Heyne, 393 S., Jumbo)
Bevor Stephen King überhaupt ans Schreiben von
Horror-Literatur denken konnte, hatte sein später ebenfalls sehr prominent
gewordener Kollege Dean R. Koontz vor allem im Science-Fiction-Bereich
eine Vielzahl von Romanen veröffentlicht, nämlich seit Ende der 1960er Jahre, auch
unter vielerlei Pseudonymen. Seit er 1989 mit seinem Roman „Midnight“ (dt.
„Mitternacht“) erstmals auf Platz 1 der Bestsellerliste der New York
Times landete, avancierte Koontz auch hierzulande zu einem der bekanntesten
Vertreter der modernen Horror-Literatur. Allerdings sind die qualitativen
Schwankungen in seinem Werk bemerkenswert, wie auch sein nicht so geglückter
Roman „Die Kälte des Feuers“ aus dem Jahr 1991 dokumentiert.
Einst war Jim Ironheart ein engagierter, bei Kollegen wie
Schülern gleichermaßen beliebter Lehrer. Seit dem Selbstmord einer seiner
Schüler hat sich Jim allerdings aus dem Berufsleben zurückgezogen, ist durch
einen Lotteriegewinn zum Glück finanziell unabhängig, plagt sich aber auch mit Schuldgefühlen,
die tiefer zurückreichen als bis zum Schicksal des unglücklichen Jungen. Jim
Ironheart verfügt aber auch über eine besondere Gabe, erfährt er doch aus
heiterem Himmel immer wieder von Personen, die er in letzter Sekunde retten
kann. Als er in Portland vor der Schule einen Jungen davor bewahrt, von einem
Auto überfahren zu werden, ist auch die Reporterin Holly Thorne vor Ort, die in
dem Vorfall sofort eine Sensationsstory wittert. Dass sich der Lebensretter so
wortkarg gibt, spornt Holly nur noch mehr an, Jim Ironheart näher
kennenzulernen. Bei ihren Recherchen zu dem Mann findet sie heraus, dass Jim Ironheart
im Laufe der letzten Monate schon sechsmal im ganzen Land als Lebensretter in
letzter Sekunde aufgetaucht ist. Als sie ihm folgt und dasselbe Flugzeug wie
Jim besteigt, offenbart er ihr, dass das Flugzeug durch einen technischen
Defekt abstürzen wird und eine Vielzahl von Toten zu beklagen sein werden. Zwar
informiert Jim den Flugkapitän, doch kann dieser das Unglück nicht mehr
verhindern. Jim und Holly kommen im vorderen Teil der Maschine wie erwartet mit
dem Leben davon und verlieben sich ineinander. Doch Holly muss schnell
feststellen, dass Jim immer wieder von Stimmen und Ereignissen verfolgt wird,
die sich mal als Freund, mal als Feind zu erkennen geben. Sie
begleitet Jim zu der Farm, auf der er nach dem Tod seiner Eltern aufgewachsen
ist und wo auch der weithin vergessene Film „Die schwarze Windmühle“ gedreht wurde.
Hier wird nicht nur Holly das Fürchten gelehrt…
„Jim gewann den Eindruck, auf einem schmalen Landstreifen zwischen zwei tiefen Schluchten zu stehen. Nirgends gab es Sicherheit. Auf der einen Seite befand sich sein bisheriges Leben, gefüllt mit inneren Qualen und Verzweiflung – die Gefühle, die er zu verdrängen versuchte, die ihn manchmal überwältigt hatten, so wie während seiner spirituellen Reise mit der Harley durch die Mohavewüste, als er nach einem Ausweg gesucht hatte, und sei es der Tod. Auf der anderen Seite lag eine ungewisse Zukunft, die Holly zu beschreiben versuchte, eine Zukunft, in der ihn angeblich Hoffnung erwartete, obgleich er fürchtete, dass sie nur Chaos und Wahnsinn für ihn bereithielt. Und der schmale Boden unter ihm gab allmählich nach.“ (S. 333)
Dass Dean R. Koontz ein glänzender Erzähler ist, beweist
er gleich zu Anfang mit der Einführung seiner beiden Hauptfiguren. Während er die
33-jährige Holly Thorne als Journalistin vorstellt, die gern mit erfolgreichen
Leuten spricht, weil diese sie von ihrer eigenen langweiligen Arbeit ablenken,
und sich gerade selbst bei einem Interview mit einer Lehrerin, die sich als Dichterin
versucht, tödlich langweilt, begleiten wir Jim Ironheart gleich bei seiner aktuellen
Rettungsmission. Seine geheimnisvolle Vergangenheit bildet das dramaturgische Zentrum
von „Die Kälte des Feuers“, denn wie auch Holly Thorne sind natürlich
auch wir Leser daran interessiert, woher Jim Ironheart seine Eingebungen
bekommt, bestimmte Menschen retten zu müssen. Doch gerade bei dieser Schicht
für Schicht entblätterten Erkenntnisvermittlung übertreibt der Autor so stark,
dass man ab Mitte des Romans das Interesse am weiteren Verlauf der Geschichte verliert.
Der drohende Flugzeugabsturz und das beschriebene Dilemma, nicht alle Passagiere
retten zu können, sind an Spannung kaum zu überbieten, doch danach flacht die
Story merklich ab und verliert sich in einer kruden Mischung aus einer plakativ
beschriebenen Seance, Poltergeistphänomenen, außerirdischen Wesenheiten, die im
Teich schlummern, Amnesie und anderen psychischen Ursachen für Jims
unerklärliches Verhalten und und und… Ab Mitte des Buches scheint Koontz
den Faden verloren zu haben, wie er Jim Ironhearts Verhalten und Geschichte
erklären soll, denn die dargebotenen Phänomene passen einfach nicht zusammen
und lassen nicht nur das titelgebende Feuer erkalten, sondern auch das
Lesevergnügen.

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