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Charles Lewinsky – „Eine andere Geschichte“

Samstag, 28. März 2026

(Diogenes, 414 S., HC)
Im Gegensatz zu Fritz Lang, Max Ophüls, Ernst Lubitsch, Robert Siodmak und Wilhelm Dieterle, die nach ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland groß in Hollywood herauskamen und beispielsweise das Film-noir-Genre maßgeblich mitgeprägt haben, dürfte nur den wenigsten Cineasten der Name Curtis Melnitz ein Begriff sein. Er kam allerdings auch schon 1905 in die USA, wurde dort 1911 eingebürgert und arbeitete zunächst als Zeitungsreporter in New York, bevor er als Pressebetreuer für Charlie Chaplin arbeitete und später als Filmproduzent in den frühen 1930er Jahren tätig war. Charles Lewinsky („Täuschend echt“, „Rauch und Schall“) legt mit seinem neuen Roman „Eine andere Geschichte“ eine stilistisch ungewöhnliche (fiktive) Biografie des Mannes vor, der 1930 seine eigene Curtis Melnitz Film-Produktion GmbH gründete und einen Filmvertrag mit Max Reinhardt abschloss, den er allerdings nicht erfüllen konnte.
Los Angeles. Der über 80-jährige Curtis Melnitz leidet unter Schlafproblemen, weil er sich vor den Träumen fürchtet. Sein Hausarzt Dr. Goldsteen will ihm allerdings keine weiteren Rezepte für die lindernden Pillen ausstellen und überweist ihn 1959 an den Psychiater Dr. Cowan. Diesem erzählt er in wiederkehrenden Sitzungen von seinem Leben, wobei er sich langsam an die Ursache seiner schlimmen Träume herantastet. Geboren wurde er als Kurt Chmelnitzki, wuchs nach dem Tod seiner Eltern bei Onkel Meyer und Tante Effie in Leipzig auf, wo sie eine Speisewirtschaft betrieben und in der der junge Kurt viel Zeit verbrachte. Er lernt den Ganef kennen, einen Mann, der Geschäfte mit seinem unter dem Pelzmantel versteckten pornografischen Karten und Fotografien machte. Als er im Alter von sechzehn Jahren im Bett mit seiner Nichte Selma erwischt worden ist, setzte ihn sein Onkel auf die Straße, wo er nach einem anstrengenden Job als Karrenschieber für Pelze dem Ganef begegnete, der mittlerweile Bücher mit erotischen Fotografien produzierte und vertrieb, wofür er Kurt als Assistenten einstellte. Als der Ganef sein Geschäftsfeld auf bewegte Bilder erweiterte, bedeutete das für Kurt den Sprung ins Filmgeschäft, dem er vor allem nach seiner Ankunft in New York im Jahr 1930 treu blieb. Melnitz erzählt betroffen von dem verarmten Jungen Basil, dem er einen Job für 50 Cent täglich anbot und der schließlich wegen seiner verhältnismäßigen Reichtümer, die er so angesammelt hatte, ermordet wurde. In seine Erzählungen fließen die tragischen Frauengeschichten ebenso ein wie verschiedene Anekdoten aus Hollywood und seine Erfahrungen mit der Verfolgung und Tötung von Juden…

„Wenn man sich an schöne Dinge erinnert, erinnert man sich immer auch daran, dass sie zu Ende gegangen sind. Dass nichts davon übrig geblieben ist. Die Zeit mit Basil. Die Ehe mit Millicent. Die Arbeit als Produzent. Als ich damals in meine Wohnung eingezogen bin, waren da lauter hellere Vierecke auf der Tapete. Da, wo bei meinem Vorgänger die Bilder gehangen hatten. Mit den Erinnerungen ist es dasselbe. Es bleibt einem nichts als ein leerer Fleck.“ (S. 381f.)

Wenn Curtis Melnitz als Ich-Erzähler in Lewinskys neuen Roman eingeführt wird, mag man an „Melnitz“ denken, einen Familienroman, in dem der Schweizer Schriftsteller vom jüdischen Leben in der Schweiz schreibt, doch „Eine andere Geschichte“ ist genau das – eine andere Geschichte, wie nicht nur der Autor in seiner Einleitung betont, sondern auch sein Protagonist. Dass aus dessen Leben recht wenig bekannt ist, vor allem nach seinem Scheitern als Filmproduzent, spielt Lewinsky in die Hände, denn das erlaubt ihm, die Lücken von Melnitz‘ Vita mit allerlei Anekdoten zu füllen. An den Stil, die Lebensgeschichte des alternden Mannes in Form einer fortlaufenden Therapiesitzung nacherzählen zu lassen, muss man sich zwar erst gewöhnen, doch die Mischung aus kleinen Fun Facts der Filmgeschichte, verschiedenen, stets unglücklich verlaufenden Liebesgeschichten und Spinnereien, die Melnitz im Nachhinein selbst als Lügen entlarvt, machen „Eine andere Geschichte“ zu einer interessanten fiktiven biografischen Erzählung, die auch vor eindringlichen Beschreibungen der Nazi-Gräuel nicht zurückschreckt. So entsteht ein faszinierender Sog, der durch die Vielzahl der zwischen den Zeiten wild hin und herpendelnden Anekdoten allerdings nicht immer die psychologische Tiefe aufweist, die manchen der zentralen Episoden innewohnt.