Dienstag, 18. Mai 2010

Clive Barker – „Stadt des Bösen“

(Heyne, 779 S., Tb.)
Im Frühjahr 1848 brechen 83 Menschen von Independence, Missouri, Richtung Westen auf, wo sie einen Ort des Überflusses zu finden hoffen, doch die beschwerliche Reise forderte vor allem im heißen Sommer immer mehr Tote. Von den 32 Kindern, die anfangs zum Treck zählten, ist nur noch eines übrig, die hagere und unscheinbare zwölfjährige Maeve O’Connell, deren Vater Harmon immer wieder ausschweifend von seinen Ambitionen im Westen erzählt. Während seine Mitreisenden bescheidene Träume von einem Wald, einer Holzhütte, gutem Boden und frischem Wasser hegen, will Harmon in Oregon eine ruhmreiche, strahlende Stadt mit Namen Everville errichten, die er so oft in Träumen gesichtet hat. „Träume sind Türen, Mr. O’Connell“, waren die ersten Worte, die der geheimnisvolle Mr. Owen Buddenbaum zu ihm sagte. Everville sei der Name eines irischen Fabelwesens, das Männer in ihren Träumen besucht, doch mehr hat Maeve ihrem Vater an Informationen über Everville nie entlocken können. Der Gemeinschaft sind O’Connells Ambitionen aber dermaßen suspekt, dass sie ihn mit dem Teufel im Bunde sehen und ihn heimtückisch ermorden. Maeve kann ihm noch das Versprechen geben, dass sie Everville erbauen wird, dann wird sie von einer mysteriösen Kreatur mit Flügeln himmelwärts entführt und an einen offensichtlich heiligen Ort gebracht, wo sie den Frevel begeht, bei einer Hochzeit zu sprechen. Ihr Retter Coker Ammiano muss mit Maeve flüchten, um nicht für das folgende Blutvergießen zwischen den Clans verantwortlich gemacht werden zu können. Coker berichtet Maeve von der Essenz, wo Menschen seltsame Länder, Tiere, Städte, Bücher, Monde und Sterne träumen. Obwohl der Ort nicht für Fleisch und Blut gemacht wurde, haben sich immer wieder Taschenspieler, Dichter und Magier dorthin verirrt und Kinder gezeugt, die teils Menschen sind und teils nicht. Coker will mit Maeve gerade die Schwelle zur Essenz übertreten, als sie Buddenbaum entdeckt, von wem sie noch erfahren will, was Everville für ihn bedeutet, und so bleibt auch Coker bei ihr.
Währenddessen hat Noah an dem Ort, an dem Maeve mit ihren Worten die Zeremonie gestört und die Katastrophe herbeigeführt hat, an der Stelle, wo sich die Schwelle zwischen Kosm und Metakosm befindet, Everville aufgebaut. Er würde an der Schwelle warten, bis jemand das Tor erneut öffnete …
Als die Drehbuchautorin Tesla Bombeck, die vor fünf Jahren den Untergang der kalifornischen Kleinstadt Palomo Grove miterlebt hat und seitdem auch den einst als Affen geborenen, nun menschlich gewordenen Raul in sich trägt, nach Everville kommt, wo sich der große Widersacher Fletcher befinden soll, finden dort gerade die Vorbereitungen zum großen Festival statt. Während der Rechtsanwalt Erwin Toothaker das dunkle Geheimnis über die Gründung von Everville zu lüften versucht, kommt Morton seiner Frau Phoebe Cobb und ihrem Liebhaber Joe Flicker auf die Spur, muss diese Entdeckung allerdings mit dem Leben bezahlen. Joe flüchtet aus der Stadt und trifft in den Bergen Noah, der Joe darum bittet, ihn die zehn Schritte zum Ufer von Essenz zu bringen, wofür er Joe eine Menge Macht auf der anderen Seite der Schwelle verspricht. Während Joe aus erster Hand das Meer der Träume entdeckt, erfährt seine Phoebe durch Tesla alles Wissenswerte über den Kampf zwischen Fletcher und dem Jaff, der Palomo Grove in Schutt und Asche legte, die Essenz und die Insel Ephemeris. Offensichtlich befindet sich in Everville der Kreuzweg, der von Mächten besucht wird, die eine neue Ära einleiten wollen.
„Ich glaube, wir nähern uns dem Ende unseres Daseins, wie wir es kennen. Wir werden einen Sprung auf der Evolutionsleiter machen. Und damit ist dies eine gefährliche und wunderbare Zeit“, erklärt Tesla ihrer neuen Weggefährtin Phoebe. Wie gefährlich das Leben in Everville geworden ist, muss nicht nur Toothaker schmerzhaft am eigenen Leib erfahren, als sein Körper von dem Schamanen Kissoon eingenommen wird, damit dieser die „Kunst“, die größte Macht der Welt, erlangen kann. Aber auch Buddenbaum, der Todesjunge Tommy-Ray und der aufs Übersinnliche spezialisierte Detektiv Harry D’Amour mischen in dem apokalyptischen Spektakel mit, das Everville und seine Einwohner und Besucher für immer verändern wird …
Fünf Jahre nach seinem großen Fantasy-Epos „The Great & Secret Show“ (auf Deutsch etwas prosaischer als „Jenseits des Bösen“ erschienen) legt Clive Barker mit „Everville“ (leider etwas zu reißerisch mit „Stadt des Bösen“ ins Deutsche übertragen) eine fulminante Fortsetzung vor, die das unvollendete Geschehen in Palomo Grove nun nach Everville verlagert, wo sich nun die Schwelle zwischen dem Kosm und Metakosm, zwischen der Gegenwart und Traumwelt befindet. Mit großer Sprachgewandtheit und grenzenloser Phantasie entfesselt Clive Barker ein farbenprächtiges Gemälde voller schillernder Figuren und magischer Vorgänge in faszinierenden Welten, wobei er souverän die großen Themen wie Liebe, Leben, Tod, Glaube und Daseinsformen im Dies- wie Jenseits abhandelt.

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