Dienstag, 22. Februar 2011

Ray Bradbury – „Medizin für Melancholie“

(Diogenes, 223 S., Tb.)
Mit Meisterwerken wie „Fahrenheit 451“ oder den „Mars-Chroniken“ hat sich der amerikanische Schriftsteller Ray Bradbury bereits zu Lebzeiten unsterblich gemacht. Quer durch die Genres der Fantasy, der Science-fiction oder des Horrors hat er vor allem herausragende Kurzgeschichten verfasst, von denen 22, die zwischen 1948 und 1959 entstanden sind, in dem kleinen Band „Medizin für Melancholie“ versammelt sind.
Als George und Alice Smith in Biarritz absteigen und vor allem George ganz begeistert ist, sich in „Picasso-Land“ aufzuhalten, begegnet er wenig später seinem großen Idol am Strand, wie er mit einem Eisstiel etliche Figuren in den Sand zeichnet („Zur warmen Jahreszeit“). In „Der Drache“ lauern zwei berittene Männer einem Ungetüm auf, von dem gesagt wird, dass es alle Menschen frisst, die allein von der Stadt in die nächste reisen:
„Über das düstere Land, voll Nacht und Leere, aus der Tiefe des Moores sprang der Wind auf, voll Staub von Uhren, die die Zeit mit Staub anzeigten. Schwarze, brennende Sonnen waren im Herzen dieses neuen Windes und Millionen verbrannter Blätter, die er von Herbstbäumen hinter dem Horizont herabgeschüttelt hatte. Dieser Wind schmolz Landschaften, zog die Gebeine wie Wachs in die Länge und trübte und verdickte das Blut zu einer schlammigen Ablagerung im Hirn. Der Wind war tausend sterbende Seelen und die ganze verworrene, vorübergehende Zeit. Es war ein Nebel in einer Dunkelheit, und dieser Ort hier gehörte niemandem, und es gab kein Jahr und keine Stunde, sondern nur diese Männer in der gesichtslosen Leere mit ihrem plötzlichen Frost, Sturm und weißen Donner, der hinter der großen fallenden Scheibe des Blitzes rollte. Ein nasser Windstoß fuhr über das Torfmoor, und alles verging, bis nichts mehr war als die Stille ohne Atem und die beiden Männer, die mit ihrer Wärme allein in der kalten Jahreszeit warteten.“ (S. 17f.)
In diesem wunderbar fabulierenden Ton geht es weiter, und so fantastisch die Sprache über die Seiten schwebt, so fantasievoll sind auch all die Geschichten geraten, die Ray Bradbury aus seinem wunderbaren Hut zaubert. Er lässt ein krankes Mädchen, dem keine Medizin helfen will, bei Vollmond draußen verweilen, bis ihm die einzig wahre Medizin begegnet („Medizin für Melancholie“). Sechs Mexiko-Amerikaner erstehen zusammen einen eiscremefarbenen Anzug und wechseln sind mit dem Tragen stündlich ab, um endlich ihr Glück zu erleben, eine Familie fliegt zum Mars und hängt dort fest, ein Mann hängt in der Dachkammer seines Hauses den Erinnerungen an jede erdenklichen Zeiten nach:
„Hier im irisierenden Glas der Kronleuchter schimmerten Regenbögen, Morgen und Mittage hell wie frische Bäche, die unaufhörlich durch die Zeit zurückflossen. Das zuckende Licht seiner Taschenlampe fing sie ein und weckte sie, die Regenbogen sprangen auf und drängten die Schatten mit Farben zurück, mit Farben wie Pflaumen, Erdbeeren und Trauben, mit Farben wie Zitronen und wie der Himmel, wenn nach dem Sturm die Wolken fortziehen und das Blau wieder hervorkommt. Und der Staub der Dachkammer war brennender Weihrauch und brennende Zeit, und man brauchte nur in die Flammen zu schauen. Sie war wirklich eine große Zeitmaschine, diese Dachkammer, das wusste und fühlte er …“ (S. 100)
In gewisser Weise geht es dem Leser ähnlich wie Mr. Finch in „Der Duft von Sarsaparilla“; Ray Bradbury lässt mit wunderbar poetischen Geschichten vergangene Zeiten und ihren ganz besonderen Zauber wiederauferleben, was für seine Sci-fi-Geschichten ebenso gilt wie für seine „Märchen“, die tief in die Ängste und Sorgen und Hoffnungen und Träume der Menschen eintauchen und sie zu zauberhaften Analogien webt.

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