Donnerstag, 10. Februar 2011

Stieg Larsson - (Millennium: 1) „Verblendung“

(Heyne, 688 S., Tb.)
Wie jedes Jahr bekommt der Großindustrielle Henrik Vanger auch zu seinem 82. Geburtstag anonym eine gepresste Blume in einem Bilderrahmen zugeschickt, so wie es seine Großnichte Harriet seit 1958 zu tun pflegte. Allerdings ist Harriet seit damals spurlos verschwunden. Der alte Vanger vermutet, dass sie umgebracht wurde, doch ihre Leiche konnte nie gefunden werden. Vor dreißig Jahren war das alljährliche Eintreffen der jeweils unterschiedlichen Blumen noch Gegenstand von kriminaltechnischen Analysen gewesen, mittlerweile wissen nur noch ein pensionierter Kommissar, Vanger selbst und der mysteriöse Versender von den seltsamen Geburtstagsblumen, die mal aus Madrid oder Bonn, aus Paris oder zuletzt aus Stockholm kamen.
Um dieses Rätsel endlich zu lösen, engagiert Vanger den Journalisten Carl Mikael Blomkvist, der gerade von einem Gericht zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe und 150000 Kronen Schadenersatz verurteilt worden ist, weil er den Industriellen Hans-Erik Wennerström in einem Artikel in der Zeitschrift „Millennium“ beschuldigt hatte, staatliche Mittel, die für Investitionen in Polen gedacht waren, für Waffengeschäfte missbraucht zu haben. Viel schlimmer als die empfindliche Strafe trifft Mikael allerdings der Verlust des Vertrauens in seinen journalistischen Spürsinn. Henrik Vangers Auftrag, das Verschwinden von Harriet aufzuklären, kommt ihm gerade recht, um Abstand zu der Sache zu bekommen und sich zu überlegen, wie es mit „Millennium“ und seiner Karriere weitergehen soll. Vanger hat seinen Anwalt
Frode beauftragt, den Background von Blomkvist zu überprüfen, worauf dieser Milton Security mit der Recherche beauftragte. Die überaus unkonventionelle, mit etlichen Tattoos und Piercings versehene Lisbeth Salander erstattet Frode ausführlich Bericht und lässt die Vermutung verlauten, dass Blomkvist bei der Wennerström-Affäre hereingelegt worden ist.
Als es für Blomkvist darum geht, die Geschichte der Familie Vanger auf der Insel Hedeby zu recherchieren, nimmt er die Mithilfe von Salander in Anspruch, weil sie sich als raffinierte Computer-Spezialistin erweist. Aber sie trägt auch ihre eigene problematische Geschichte mit sich herum. Nachdem sie ihren Vater in dessen Auto mit Benzin übergossen und angezündet hatte, wurde sie in eine psychiatrische Klinik eingeliefert und schließlich unter Vormundschaft gestellt. Doch ihr neuer Vormund, der Anwalt Bjurman, hat nichts Besseres zu tun, als Lisbeth zu vergewaltigen.
Als Blomkvist nach zwei Monaten aus dem Gefängnis entlassen wird, stößt er in einem Fotoalbum auf ein Bild, das Harriet bei einem Straßenumzug zeigt und wie sie verängstigt oder zornig jemand Bekannten ansieht. Doch bevor sie Henrik davon erzählen konnte, verschwand sie. Blomkvist und Salander stoßen auf komplizierte Verhältnisse und dunkle Machenschaften in der Vanger-Familienchronik …
Mit dem ersten Teil seiner „Millennium“-Trilogie präsentiert der leider schon 2004 verstorbene schwedische Autor Stieg Larsson auf den ersten Blick einen Kriminalfall, der über dreißig Jahre lang ungeklärt geblieben ist. Doch in erster Linie geht es um „Männer, die Frauen hassen“, wie der schwedische Originaltitel „Män som hatar kvinnor“ übersetzt lautet. Das ist nicht nur der Hintergrund der Familientragödie, die sich damals auf der durch einen Unfall abgeriegelten Insel zugetragen hat, sondern auch die ganz persönliche Geschichte der 26-jährigen Ermittlerin Lisbeth Salander, die mit dem engagierten Wirtschaftsjournalisten Mikael Blomkvist ein merkwürdiges, aber faszinierendes Team abgibt. Larsson nimmt viel Mühe auf sich, nicht nur die Vanger-Familiengeschichte zu enträtseln, sondern Mikael Blomkvist Lebenswandel und Salanders komplizierte Psyche zu beschreiben. Am Ende sind zwar der eigentliche Fall gelöst und Blomkvists Reputation wieder hergestellt, aber vor allem Salanders Background bleibt weiterhin größtenteils im Dunkeln. Da bringen erst die folgenden Teile „Verdammnis“ und „Vergebung“ die ersehnte Auflösung.

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