Joey Goebel – „Sunset Flip“

Mittwoch, 27. Mai 2026

(Diogenes, 376 S., HC)
Seit Darren Aronofskys Meisterwerk „The Wrestler“ (2008) mit Mickey Rourke in einer Oscar-würdigen Hauptrolle als abgewrackter Wrestler haben nicht nur Fans des spektakulären Ring-Sports eine Ahnung davon bekommen, wie es hinter den Kulissen dieses Sports aussieht. Nun hat sich der verlässliche US-amerikanische Schriftsteller Joey Goebel („Ich gegen Osborne“, „Vincent“) mit seinem neuen Roman „Sunset Flip“ auf literarische Weise an eine ungewöhnliche Geschichtsschreibung gemacht.
Auggie „The Aug“ Schnuck steht im Juli 1989 kurz davor, zum Wrestling-Champion gekürt zu werden und sich mit seiner Frau Nadine den Traum von einem eigenen Haus zu erfüllen. Immerhin gibt es bereits eine Action-Figur von The Aug. Zu seinem Traum gehört aber auch, das Wrestling nur als Sprungbrett für die geplante Schauspielkarriere zu nutzen, die er mit seinem Manager Stan MacGowan bereits ausgehandelt hat. Doch Auggie ist ständig von Selbstzweifeln geplagt, oft kann er die Rollen als Lord Augustine oder The Aug, die er im Ring verkörpert, nicht mehr von seinem realen Leben unterscheiden, weshalb er umso dankbarer dafür ist, dass Nadine ihm zur Seite steht.

„Sie leuchtete, dachte er. Sie war das Leben. In diesen ersten Monaten mit Nadine fühlte Auggie sich auf einmal ganz leicht. Wie neu geboren. Als hätte er übermenschliche Kräfte. Er beschloss, weiter zu Castings zu gehen, und nahm von nun an jedes Mal ein Taschentuch mit ihrem berauschenden Duft mit. Er bat sie, sich damit überall abzureiben, zog es dann, bevor er das Gebäude betrat, heraus, atmete sie ein und dachte: Wenn ich diese Frau dazu bringen kann, mich zu lieben, dann kann ich so ziemlich alles erreichen.“ (S. 308)

Nadine, die weiterhin als Sozialarbeiterin beschäftigt ist, stand auch schon als The Augs Valet mit ihrem Mann im Ring und weiß genau, wie sich ihr Mann fühlt, und doch entfremden sich die beiden voneinander, je weiter sich Auggies Traum von einer Schauspielkarriere in Luft aufzulösen droht.
In seiner Danksagung am Ende des Buches erwähnt Goebel auch die Männer und Frauen vom WWE Wrestling, die es ihm seit seinem neunten Lebensjahr ermöglicht haben, der Realität zu entfliehen. Darum geht es auch vor allem in „Sunset Flip“ (der Titel bezieht sich übrigens auf eine klassische Wrestling-Technik, bei der Konter und Einroller oft eingesetzt werden, um einen Angriff des Gegners in einen sofortigen Pinfall umzuwandeln). Auggie, der aus schwierigen familiären Verhältnissen stammt – wie wir erst im letzten Kapitel ausführlich erfahren -, lebt mit seiner wunderschönen Frau Nadine den amerikanischen Traum, schlüpft theaterreif im Ring in verschiedene Rollen und bringt das Publikum zum Toben. Doch Goebel interessiert weniger, was im Ring geschieht, von dem jeder weiß, dass sich die Wrestler nicht wirklich wehtun, dass auch die Ergebnisse gefakt sind. Der Autor bleibt stets dicht bei seinen Figuren, vor allem bei Auggie, leuchtet aus, was die Erwartungen des Publikums und des Managers mit dem Mann machen, der einfach nur zum Film und sich nicht länger vorschreiben lassen will, wann er einen Kampf gewinnt und wann nicht. „Sunset Flip“ ist vor allem das Psychogramm eines Mannes, der Traum und Realität, Rolle und Identität kaum noch voneinander unterscheiden kann. Das beschreibt Joey Goebel in gewohnt flüssiger, eleganter Sprache, mit lebendigen Dialogen und stark gezeichneten Figuren, so dass auch Nicht-Wrestling-Fans voll auf ihre Kosten kommen.

Debra Curtis – „Die Gesetze von Logik und Liebe“

Dienstag, 19. Mai 2026

(Ullstein, 352 S., HC)
Wenn man bedenkt, dass Debra Curtis nach ihrer Anstellung als Forschungsassistentin im Fachbereich Psychiatrie an der Stanford University eine Lernschwäche diagnostiziert bekam, um dann nicht nur 25 Jahre einen Lehrstuhl für Anthropologie an der Salve Regina University zu besetzen, sondern nun auch ihren Debütroman vorlegt, kann man nur staunen angesichts des Willens, sich trotz der Legasthenie nicht unterkriegen zu lassen und seinen Weg zu machen. Mit „Die Gesetze von Logik und Liebe“ hat sie einen Liebesroman geschrieben, der ohne aufgesetzten Kitsch auskommt und die komplizierte Liebe zweier Menschen über einen Zeitraum von fünf Jahrzehnten schildert.
Anfang der 1970er, in ihrem ersten Jahr in der Oberstufe, kommen Lily und der namenlose Junge zusammen. Er gehört als Quarterback der Mannschaft von Portsmouth zu den Hoffnungsträgern im Football auf Rhode Island. Lily und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Jane müssen 1972 den Tod ihrer geliebten Mutter verdauen, während ihr Vater Martin Webb an dem Priory Internat Naturwissenschaften lehrt und Segelstunden anbietet. Der Junge verkündet bereits seine Absicht, Lily zu heiraten, als die Dinge nach einer Party am Strand aus dem Ruder laufen. David McCarren, der Sohn eines Anwalts, macht den Jungen auf Lily aufmerksam, die mit bis zum Bauch hochgeschobenen Kleid in den Dünen liegt, an ihrem Kinn Erbrochenes klebend. Der Junge schlägt McCarren bewusstlos, weil er meint, er hätte Lily vergewaltigt. Schließlich hat er damit geprahlt, Sex mit ihr gehabt zu haben. Durch den Schädelbasisbruch bleibt McCarren dauerhaft behindert, der Junge muss für drei Jahre wegen schwerer Körperverletzung ins Gefängnis. Mit dem älteren Ornithologen Marshall findet Lily eine neue Liebe, doch die Heirat kann nicht verhindern, dass Lily immer wieder an den Jungen denken muss. Das Wiedersehen führt zu einer weiteren schicksalhaften Nacht und für Lily zu der Frage, wie sie mit ihren Schuldgefühlen umgehen soll.

„Lily und der Junge waren zu jung, um etwas über die Unwägbarkeiten der Liebe, die unerwarteten Wendungen und die falschen Versprechungen für die Zukunft zu wissen. Als es um die Liebe ging, hatte ihre Unschuld sie beschützt – bis dieser Schutz nicht mehr taugte. Jahrzehnte später, als Lily sich an diese Zeit ihrer Jugend erinnerte, dachte sie unwillkürlich an das Gedicht von Longfellow: Die Flut steigt, die Flut geht zurück. Ihr Unvermögen, in jenem Moment zu verstehen, dass Veränderungen unvermeidbar waren, würde ihr noch großen Kummer bereiten.“

Debra Curtis nimmt sich viel Zeit, die wichtigsten Figuren ihres Romanerstlings einzuführen, die Webbs mit den aufgeschlossenen Schwestern Lily und Jane auf der einen Seite, den Jungen und Lilys späteren Mann Marshall auf der anderen Seite. In lockerer chronologischer Reihenfolge werden vor allem die Stationen in Lilys Leben beschrieben. Im Gegensatz zu der mathematisch begabten, aber vor allem unverbindlichen Beziehungen und Drogen zugewandten Jane scheint Lilys Leben etwas stringenter und geplanter zu verlaufen, aber schon die frühe Schwangerschaft zeigt auf, wie wenig verlässlich ihre Planungen letztlich sind. Der gewalttätige Zwischenfall am Strand zerstört dann auch gleich mehrere Leben, das des schwerverletzten David McCarren am nachhaltigsten, aber durch die Gefängnisstrafe verlieren sich der Junge und Lily für fünfzehn Jahre aus den Augen. Während wir über das Schicksal des Jungen in dieser Zeit zunächst nichts erfahren, bleibt die Autorin bei ihrer Protagonistin, die sich in den Ornithologen Marshall verliebt, aber auch immer sehr verbunden und vertraut mit ihrer unsteten Schwester bleibt. Die Beschreibungen dieser Beziehungen sind wunderbar lebhaft, die Dialoge streifen dabei Naturwissenschaftliches ebenso wie Literarisches und Mystisches. Spannend wird es natürlich durch das wiederholte Wiedersehen von Lily und dem Jungen, durch die Frage, wieviel Chancen ihre frühere Liebe noch hat, aufgefrischt und fortgesetzt zu werden. Das ist einfühlsam erzählt, wirkt aber oft so intellektualisiert, dass zu den Gefühlen und den Figuren immer etwas mehr Distanz aufgebaut wird, als es für eine mitreißende Liebesgeschichte sein sollte. 

 

Robert Seethaler – „Die Straße“

Donnerstag, 14. Mai 2026

(Claassen, 240 S., HC)
Bereits für seinen 2006 erschienenen Romanerstling „Die Biene und der Kurt“ erhielt der 1966 in Wien geborene Schriftsteller, Drehbuchautor und Schauspieler Robert Seethaler den Debütpreis des Buddenbrookhauses in Lübeck und avancierte mit seinen nachfolgenden Werken „Die weiteren Aussichten“, „Jetzt wird's ernst“ und „Der Trafikant“ zu einem der wichtigsten deutschsprachigen Autoren. Mit seinem 2014 veröffentlichten Roman „Ein ganzes Leben“ fand sich Seethaler sogar auf der Shortlist für den International Booker Prize wieder. Nun erscheint mit „Die Straße“ ein weiteres bemerkenswertes Buch des international bekannten Autors.
Fernab des städtischen Trubels liegt die Heidestraße. Das einstige Arbeiterquartier, dessen günstigen und schnell errichteten Wohnblocks zur Zielscheibe von Immobilienspekulanten geworden sind, ist Schauplatz unterschiedlichster Biografien und Begegnungen und Träume. Ein Junge im Pyjamahemd geht mit dem gespannten Gummiband zwischen seinen Fingern auf Taubenjagd. Nach dem Tod von Greta Bläulein zählt das Seniorenheim noch siebenundneunzig Bewohner, das von einer einsamen Frau geleitet wird, die sich in der Bäckerei mit süßen Leckereien von der Einsamkeit und dem Elend abzulenken versucht. Zwischen der Bäckerei und dem Magistrat versucht ein Mann, aus einer ehemaligen Kohlenhandlung ein Antiquariat zu machen, doch die Verkäufe gehen schlecht, Ungeziefer verderben seine Ware. Die führenden Geschäftsleute in der Gegend haben ein Komitee gebildet, um das alljährliche Straßenfest zu organisieren. Das unterbesetzte Kommissariat ersucht beim Landespolizeidirektor für personelle Unterstützung für das Heidefest, weil sonst nicht für Sicherheit und Ordnung gesorgt werden könne. Eine Blumenhändlerin verliebt sich in einen ihrer Kunden und malt sich aus, wem er die Blumen wohl schenken mag, die er bei ihr kauft…

„Ich hab mal gehört, Liebeskummer fühlt sich an wie eine verlorene Schlacht. Das könnte stimmen. Ich hab nicht gewusst, dass es so wehtut. Manchmal fällt mir etwas ein, ein paar Worte von ihr oder eine kurze Berührung, und dann möchte ich am liebsten ein Loch in die Wand schlagen, weil doch alles so schön war. Aber das Schlimmste ist: Ich muss ständig an die Dinge denken, die wir nie miteinander hatten.“

Ein Roman lässt sich „Die Straße“ eigentlich nicht nennen. Auf gerade mal 240 Seiten setzt Robert Seethaler Bewohner und Geschäftsleute mit ihren jeweils eigenen Gedanken auseinander. Selten erfahren wir ihre Namen oder ihre Geschichte. Stets wirft uns der Autor nur einen Happen, einen Gedankenfetzen, einen kurzen Dialog vor, aber auch Protokolle und Baupläne. Aus diesen manchmal etwas befremdlich erscheinenden, sprachlich untereinander völlig verschiedenen Mosaiksteinchen entsteht nicht nur das grob geäderte und gemusterte Bild der Heidestraße, sondern ein Abbild menschlichen Zusammenlebens und dem Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Interessen, Gedanken und Sehnsüchten, wie sie quasi in jeder Straße zwischen Berlin und Wien, Hamburg und München ausgesprochen oder angedacht werden könnten. Mit den einzelnen, oft namenlosen Figuren wird man nicht vertraut, und doch rühren sie manchmal mit ihrem angedeuteten Schicksal seltsam an, entdeckt man in ihnen eben jene Ängste, Träume und Erlebnisse, die auch wir mehr oder weniger zu teilen in der Lage sind. Es ist vor allem Seethalers eindringlicher Sprache und individueller Beschreibungskunst zu verdanken, dass diese Mosaikteilchen nicht zu unauffälligen Scherben zerfallen, sondern tief im Innern zu berühren vermögen.

 

Buddy Giovinazzo – „Cracktown“

Dienstag, 12. Mai 2026

(Pulp Master, 206 S., Tb.)
1993 erschien mit „Life Is Hot In Cracktown“ das schriftstellerische Debüt des 1960 in New York City geborenen Autors und Filmemachers Buddy Giovinazzo, der seit 1999 in Berlin lebt und als Regisseur nicht nur mehrere Folgen „Polizeiruf 110“ und „Tatort“ gedreht, sondern 2008 in Los Angeles auch sein erstes Buch verfilmt hat. Nach der deutschen Erstveröffentlichung von „Cracktown“ im Maas Verlag folgte 2011 eine Neuübersetzung bei Pulp Master, wo später auch Giovinazzos nachfolgenden Bücher „Poesie der Hölle“, „Piss in den Wind“, „Potsdamer Platz“, „Keiner lebt hier“ und „Broken Street“ erschienen sind. 
Das Leben ist cool in Cracktown. Schwaden vom Parfüm der Straße, eine Duftmischung aus Pisse und Blut, liegen in der dampfenden Luft über glühenden Bürgersteigen. Hier überlebt man nur durch Überfälle auf Geschäfte, um sich den nächsten Schuss setzen, die nächste Bazooka abfeuern zu können. Hier lebt Londa mit einem Baby im Bauch, das ihr – vermutlich - Daddy gemacht hat, der auch noch für ihre scharfkantig abgebrochenen Zähne verantwortlich ist und sie windelweich schlägt, als er sie beim Drogenkonsum erwischt.
Da haben wir Manny und Concetta, die mit Ramon ein behindertes Kind durchbringen müssen, wofür sich Manny in zwei Jobs als Wachmann in einem Hotel und an der Kasse einer Bodega abrackert, wo es zu einem tragischen Zwischenfall kommt, der das fragile Glück des Paars endgültig zerschmettert.
Miss Lonely schafft seit Jahren für Caesar an, um ihren Heroinkonsum finanzieren zu können, und träumt an diesem Abend davon, nur ein Date zu haben, ein ganz besonderes. Dafür muss sie sich zwar ordentlich ins Zeug legen und alles tun, was von ihr verlangt wird, aber das ist immer noch besser als die üblichen Fließband-Ficks im Alltag.

„Miss Lonely ist immer noch am Schweben und nimmt ihn pur; seine Hand auf ihrem Nacken, fühlt sie sich wie angeschnallt, ohne Zufluchtsort, wo man reden oder schreien oder weinen kann. Allein. Sie fühlt sich so allein, wenn sie arbeitet, hohl, ohne Herz und ohne Seele, fühlt sich wie ein Werkzeug, das sich allmählich abnutzt, aber immer noch im Gebrauch ist, weil es noch einen gewissen Wert besitzt. Sie versucht, an andere Sachen zu denken, doch ihr Verstand holt sie immer wieder zurück.“ (S. 48)

Währenddessen träumt der zehnjährige Willy von einem gemeinsamen Leben mit der zwei Jahre älteren Melody, die schon für das Crack ihrer Mutter anschaffen muss. Und dann ist da noch Marybeth, die für einen Mann ungewöhnlich viel vor der Hütte aufweisen kann und seit drei Jahren mit Benny zusammen ist, doch niemand traut sich, sie zu vermählen, nicht mal der schwule Priester von St. Elizabeth. Mit dem Geld, das sie durch Sexdienstleistungen und er durch Diebstähle verdient, stehen sie ganz gut da, doch dann nehmen sie schlechten Stoff und werden mit einem ernüchternden Test konfrontiert…
Mit seinem gerade mal 200-seitigen Debüt „Cracktown“ entführt uns Buddy Giovinazzo in die dunklen Ecken großstädtischer Slums, in denen es von Crackhuren, gescheiterten Existenzen und Brutalos nur so wimmelt. Episodenhaft reiht der Autor eine Vielzahl von Figuren ein, die er für eine Weile begleitet, um uns an ihrem von Verzweiflung, körperlichen und seelischen Demütigungen geprägten Alltag teilhaben zu lassen, der vor allem aus erniedrigenden, brutalen sexuellen Dienstleistungen, enthemmter Gewalt und exzessivem Drogenkonsum besteht. Hier ist kein Platz für hehre Träume vom großen Glück, von der erfüllenden Liebe, von einem guten Auskommen und dem beschaulichen Leben in einem trauten Heim. Giovinazzos Protagonisten erleben durch die Bank die Hölle auf Erden, Gewalt in allen nur erdenklichen Formen, brutalen Sex. Das wirkt nach einer Weile recht beliebig und auf vordergründige Gewalt-Pornografie ausgerichtet, zumal der Autor kein echtes Interesse an seinen Figuren zu haben scheint, sondern nur an den perversen, oft genug krass sexualisierten Gewaltfantasien, die diese durchleben müssen. Auf Dauer ist das einfach ermüdend und abschreckend.

 

Walter Moers – (Zamonien: 1) „Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär“

Freitag, 8. Mai 2026

(Eichborn, 704 S., HC)
Vor allem Kinder kennen Walter Moers‘ Figur des Käpt’n Blaubär aus der Puppentrickserie „Käpt’n Blaubärs Seemannsgarn“, die von 1991 bis 2012 Teil der ARD-Serie „Sendung mit der Maus“ gewesen ist. Während der Blaubär dort aber vor allem seinen Enkeln Seemannsgarn über seine zahlreichen Schiffsreisen zu erzählen hatte, nahm Moers seine populäre Figur als Aufhänger für seinen ersten Roman über den fantastischen Kontinent Zamonien und seine mannigfaltigen Wesen. „Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär“ erschien 1999 und bildet den ebenso epischen wie episodenhaften Auftakt einer einzigartigen, bis heute erfolgreichen Fantasy-Romanreihe, die mit der Figur aus der Puppentrickserie so gut wie nichts gemein hat und eher an Jugendliche und Erwachsene gerichtet ist.
Die Titelfigur beginnt seine Lebensgeschichte mit der Erinnerung, als Findelkind auf einem Ozean ausgesetzt worden zu sein, um dann von Zwergpiraten, den Herrschern des Zamonischen Ozeans, aufgegriffen zu werden, die sich vor allem durch ihre raubeinige Art und Aufschneidereien hervorgetan haben. Von ihnen lernte der Blaubär aber auch eine Vielzahl von Knoten und die verschiedenen Arten von Wellen. Da der Blaubär aber rasch größer wurde, setzten ihn die Zwergpiraten eines Tages auf einer Insel aus, die von Klabautergeistern bevölkert wurde. Nach seiner Flucht von der Insel lernte Blaubär von den Tratschwellen das Sprechen. Nach weiteren Abenteuern mit dem Tyrannowalfisch Rex und dem fliegenden Rettungssaurier namens „Deus X. Machina“ besucht Blaubär die Nachtschule von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller, wo er die beiden Freunde Qwert Zuiopü, einen Gallertprinzen aus der 2364. Dimension, und die Berghutze Fredda kennenlernt, die sich unsterblich in Blaubär verliebt. Kurz bevor Blaubär die Schule durch die Finsterberge verlassen muss, wird er von Nachtigaller mit Intelligenzbakterien infiziert, von nun an weiß er die unglaublichsten Dinge und hat eine Art Lexikon im Kopf, was ihm für seine weitere Reise durch Zamonien bis in die Stadt Atlantis und dem Leben auf dem riesigen Sklavenschiff von unschätzbarer Hilfe ist. Zu den besonderen Höhepunkten im Verlauf der ersten 13½ Leben des Blaubären zählen die Wettkämpfe der Lügengladiatoren und die Arbeit mit der Traumorgel:

„Im Gehirn des Bolloggs waren unglaubliche Eindrücke aus vorsintflutlicher Zeit abgespeichert. Bewegte Bilder von riesigen Echsen, die sich bekämpften, von Zyklopen, die mit Bergen Fußball spielten, von Vulkanausbrüchen, Erdbeben, Überschwemmungen, Meteoritenschauern, Urzeitgewittern, Sturmfluten, ausgestorbenen Ungeheuern und Kriegen mit anderen Riesenclans. Der Bollogg muss so groß gewesen sein, dass sein Kopf fast bis ins Weltall ragte, er konnte jeden einzelnen Krater auf dem Mond unterscheiden, den Mars und den Saturn sehen, ja unser ganzes Sonnensystem überblicken.“ (S. 424)

Kannte man als Erwachsener Walter Moers zuvor nur als Comic-Künstler („Schweinewelt“, „Kleines Arschloch“), präsentiert er sich in seinem Debüt als Romancier als überaus fantasiebegabter und vor allem auch sprachgewaltiger Autor, dessen Ideen rund um die fiktive Welt von Zamonien kaum zu zügeln sind. Was Moers in den 13½ Kapiteln abfackelt, würde Stoff für eine epische Fantasy-Filmreihe bieten. Als Leser bekommt man eine wilde Achterbahnfahrt durch Inseln, Wüsten, Dimensionslöcher und Städte präsentiert, dass einem schwindlig werden kann. Dass Moers Blaubärs Abenteuer in Kapiteln strukturiert und mit großartigen Illustrationen versehen hat, erhöht den Unterhaltungsfaktor des liebevoll gestalteten Buches umso mehr. 

Garry Disher – (Wyatt: 9) „Moder“

Dienstag, 5. Mai 2026

(Pulp Master, 302 S., Tb.)
Der Australier Garry Disher hat sich seit Ende der 1980er Jahre als einer der prominentesten Autoren nicht nur von Prosa- und Kriminalromanen, sondern auch Kinder-, Jugend- und Sachbüchern etabliert. Zu seinen bekanntesten Figuren zählt der Meisterdieb Wyatt, der 1991 in „Kickback“ (dt. „Gier“) seinen ersten Auftritt hinlegte und in dem 2018 veröffentlichten „Kill Shot“ (dt. „Moder“) bereits zum neunten Mal zuschlägt.
Wyatt, seit einem Jahr in Sydney ansässig, überlässt bei seinen Raubzügen, die ihm in der Regel über Sam Kraner vermittelt werden, nichts dem Zufall. Immer behält er seine Umgebung nach verdächtigen Personen und Umständen im Blick. Gute Vorbereitung und eine gewöhnliche Strategie reichen bei Wyatt aus, um seine Jobs erfolgreich durchzuziehen. Kramer sitzt zwar gerade im Knast von Watervale, verfügt aber nach wie vor über ein gut geöltes Netzwerk aus Anwälten, Polizisten, Kriminellen und Informanten, die ihn über lohnende Objekte in Kenntnis setzen. Seine Provision, die sich bislang auf 90.000 Dollar summiert hat, würde er am Ende des Jahres bei seiner Entlassung erhalten. Wyatt kümmert sich nicht nur um das Aufbewahren, sondern auch darauf, dass Kramers Frau und Kinder über die Runden kommen. Als sich Kramers Sohn Joshua bei dem Ex-Soldaten Nick Lazar verquatscht, will Lazar sich das angesammelte und von Wyatt verwaltete Geld holen. Wyatt wiederum hat bereits den nächsten Auftrag von Kramer in der Tasche. Er soll sich die vermutete Million sichern, die der Anlagebetrüger Tremayne für seine Flucht zur Seite geschafft haben soll. Doch auch Tremaynes Frau Lynx hat es auf die Kohle ihres Mannes abgesehen, die sie mit ihrem Liebhaber, dem Tremaynes Freund und Anwalt DeLacey, sicherstellen will. Und mit dem auf eigene Faust agierenden Cop Greg Muecke von der Abteilung Eigentumsdelikte im Polizeipräsidium von Sydney, Parramutta, sitzt Wyatt noch ein weiterer Akteur im Nacken…

„Er fühlte sich unausgeglichen. Sein Handeln fußte immer auf der Überzeugung, dass seine Pläne bestmöglich ausgearbeitet seien, geeignet, den bestmöglichen Ausgang zu gewährleisten; zugleich jedoch war er auf das Ärgste vorbereitet, sodass er bislang niemals kalt erwischt worden war. Dieses Mal hatte sich sein Plan um das Auffinden von Tremaynes gebunkerter Fluchtkasse gedreht, mit der Einschränkung, dass sie möglicherweise nicht existierte oder er zu spät kommen könnte.“ (S. 244)

Wyatt ist ein Antiheld, wie er im Buche steht: Unauffällig, vorsichtig, fast sogar unsichtbar, auf jeden Fall schwer zu fassen und aus der Ruhe zu bringen. Sinnlose Gewalt lehnt er kategorisch ab, schreckt im Falle eines Falles aber auch nicht davor zurück. Doch bei aller Vorausschau und Vorsicht drohen ihm dieses Mal die Zügel zu entgleiten. Disher erweist sich als Meister darin, ein durch und durch verdorbenes, gieriges Figurenarsenal einzuführen, dem man ebenso wenig Sympathie entgegenbringen kann, wie man hofft, dass ihre Pläne von Erfolg gekrönt sind. Von allen Beteiligten scheint Wyatt hier noch der „netteste“, loyalste und moralischste zu sein. Disher schert sich wenig um die Gefühle seiner Protagonisten, spielen diese ohnehin kaum eine Rolle. Aber immerhin hinterfragt Wyatt an einer Stelle, ob er Kramer nicht auch als Freund betrachten sollte. „Moder“ ist stattdessen ganz von der vertrackten Handlung, einer wendungsreichen Jagd getrieben, die furiose Sprünge vollzieht und deshalb nicht immer einfach zu verfolgen ist. Und Wyatt kommt letztlich nicht ganz ungeschoren davon. Langeweile kommt in diesem turbulent inszenierten Heist-Thriller-Drama jedenfalls nie auf.