(Pulp Master, 234 S., Tb.)
Der US-Amerikaner Jim Nisbet (1947-2022) war zwar ein
äußerst produktiver Autor von Sachbüchern, Lyrik, Theaterstücken, Artikeln,
Essays und Kurzgeschichten, aber selbst für seine fünfzehn Romane schien es ein
interessiertes Publikum kaum zu geben. Ein paar seiner Romane sind immerhin von
Pulp Master ins Deutsche übersetzt worden, neben „Tödliche Injektion“, „Dunkler
Gefährte“ und „Der Krake auf meinem Kopf“ ist auch einer von Nisbets
letzten Romanen – „Welt ohne Skrupel“ – hierzulande verlegt worden.
Der in San Francisco lebende und wirkende Kleinganove Klinger
verdient sich seinen Lebensunterhalt durch Überfälle auf Minimärkte und das
Abziehen betrunkener Fremder auf der Straße, so dass er sich nicht nur seine
tägliche Ration an Kaffee, Zigaretten und ein paar Drinks in der Bar leisten
kann, sondern wenn möglich auch eine Unterkunft für die Nacht. Wenn er gleich
für eine ganze Woche die Bleibe mieten kann, umso besser. Ansonsten hilft auch
seine Ex Mary Fiducione aus, die sehr erfolgreich im App-Entwicklungs-Geschäft tätig
ist. Dank ihrer Großzügigkeit kann sich Klinger in seiner Stammkneipe Hawse
Hole mit einhundertzwanzig Dollar in der Tasche ein paar chinesische Wodkas mit
fünfzig Volumenprozent gönnen. Als er auf der Straße zufällig seinem alten Kumpel
Frankie Geeze begegnet, der gerade aus dem Knast entlassen worden ist, tauschen
sie bei ein paar Drinks im Hawse Hole ihre Geschichten aus, dann zocken sie auf
der Straße den App-Designer Phillip Wong ab, doch bei der anschließenden körperlichen
Auseinandersetzung geht Frankie k.o., an Wongs Telefon, das sich nun in
Klingers Besitz befindet, meldet sich Wongs Partnerin Marci. Sie bietet ihm
eine Belohnung von tausend Dollar ein, wenn er das Passwort für Wongs Telefon besorgt.
Für Klinger beginnt damit eine abenteuerliche Odyssee…
„Klinger kam ins Grübeln. Auf der einen Seite hatte er womöglich die Chance fahren lassen, mehr Kapital aus der Aktion von vergangener Nacht zu schlagen. Etwas Simples wie eine Belohnung, möglicherweise. Auf der anderen Seite konnte er so wohl einer drohenden Anklage entgehen. Totschlag in Zusammenhang mit einer begangenen Straftat, zum Beispiel, sofern es sich um Totschlag gehandelt hatte. Allerdings schien die Schwere von Letzterem mehr zu wiegen als die vom Ersteren. Waren diese Person und das verfluchte Telefon erst mal über alle Berge, würde er sich in einem anderen Domizil für Flöhe wieder den sorgenvollen Gedanken über seine Existenz hingeben und wäre, zumindest was diese Frau betraf, quasi für immer verschwunden. Was ihn betraf, würde diese Person nur ein weiteres lebendes Geschoss sein, dem er auf dem Hindernislauf des Lebens hatte ausweichen müssen.“ (S. 133)
Der 2013 veröffentlichte Roman „Snitch World“ – so der
Originaltitel – führt sehr anschaulich vor Augen, warum Jim Nisbet kein
Autor für das konventionelle Thriller-Publikum ist. Zwar bekommt Nisbets
Publikum eine Episode aus Klingers verkorkstem Leben als Kleinkrimineller
präsentiert, aber keinen Whoduinit-Plot oder etwas ähnlich Spannendes. Das im Mittelpunkt
stehende Telefon eines überaus versierten App-Programmierers dient eher als MacGuffin,
um überhaupt eine Geschichte in Gang zu bringen, die alles andere als spannend
ist. Vielmehr stellt „Welt ohne Skrupel“ einen modernen Noir-Antihelden
dar, der sich am Bodensatz der Gesellschaft bewegt und einer skrupellosen New-Economy-Managerin
hilflos ausgeliefert wird. Das bietet Raum für wunderbar atmosphärische
Beschreibungen des Nachtlebens in den finstereren Gegenden von San Francisco und
vor allem für herrlich schwarzhumorige Dialoge und existentialistischen Gedanken,
mit denen sich der Protagonist durch das Leben schlägt, immer im Angesicht der
nächsten Niederlage.

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