(Ullstein, 352 S., HC)
Wenn man bedenkt, dass Debra Curtis nach ihrer
Anstellung als Forschungsassistentin im Fachbereich Psychiatrie an der Stanford
University eine Lernschwäche diagnostiziert bekam, um dann nicht nur 25 Jahre
einen Lehrstuhl für Anthropologie an der Salve Regina University zu besetzen,
sondern nun auch ihren Debütroman vorlegt, kann man nur staunen angesichts des
Willens, sich trotz der Legasthenie nicht unterkriegen zu lassen und seinen Weg
zu machen. Mit „Die Gesetze von Logik und Liebe“ hat sie einen
Liebesroman geschrieben, der ohne aufgesetzten Kitsch auskommt und die komplizierte
Liebe zweier Menschen über einen Zeitraum von fünf Jahrzehnten schildert.
Anfang der 1970er, in ihrem ersten Jahr in der Oberstufe, kommen
Lily und der namenlose Junge zusammen. Er gehört als Quarterback der Mannschaft
von Portsmouth zu den Hoffnungsträgern im Football auf Rhode Island. Lily und ihre
zwei Jahre jüngere Schwester Jane müssen 1972 den Tod ihrer geliebten Mutter
verdauen, während ihr Vater Martin Webb an dem Priory Internat
Naturwissenschaften lehrt und Segelstunden anbietet. Der Junge verkündet
bereits seine Absicht, Lily zu heiraten, als die Dinge nach einer Party am Strand
aus dem Ruder laufen. David McCarren, der Sohn eines Anwalts, macht den Jungen
auf Lily aufmerksam, die mit bis zum Bauch hochgeschobenen Kleid in den Dünen
liegt, an ihrem Kinn Erbrochenes klebend. Der Junge schlägt McCarren
bewusstlos, weil er meint, er hätte Lily vergewaltigt. Schließlich hat er damit
geprahlt, Sex mit ihr gehabt zu haben. Durch den Schädelbasisbruch bleibt
McCarren dauerhaft behindert, der Junge muss für drei Jahre wegen schwerer
Körperverletzung ins Gefängnis. Mit dem älteren Ornithologen Marshall findet
Lily eine neue Liebe, doch die Heirat kann nicht verhindern, dass Lily immer
wieder an den Jungen denken muss. Das Wiedersehen führt zu einer weiteren schicksalhaften
Nacht und für Lily zu der Frage, wie sie mit ihren Schuldgefühlen umgehen soll.
„Lily und der Junge waren zu jung, um etwas über die Unwägbarkeiten der Liebe, die unerwarteten Wendungen und die falschen Versprechungen für die Zukunft zu wissen. Als es um die Liebe ging, hatte ihre Unschuld sie beschützt – bis dieser Schutz nicht mehr taugte. Jahrzehnte später, als Lily sich an diese Zeit ihrer Jugend erinnerte, dachte sie unwillkürlich an das Gedicht von Longfellow: Die Flut steigt, die Flut geht zurück. Ihr Unvermögen, in jenem Moment zu verstehen, dass Veränderungen unvermeidbar waren, würde ihr noch großen Kummer bereiten.“
Debra Curtis nimmt sich viel Zeit, die wichtigsten
Figuren ihres Romanerstlings einzuführen, die Webbs mit den aufgeschlossenen
Schwestern Lily und Jane auf der einen Seite, den Jungen und Lilys späteren
Mann Marshall auf der anderen Seite. In lockerer chronologischer Reihenfolge werden
vor allem die Stationen in Lilys Leben beschrieben. Im Gegensatz zu der
mathematisch begabten, aber vor allem unverbindlichen Beziehungen und Drogen zugewandten
Jane scheint Lilys Leben etwas stringenter und geplanter zu verlaufen, aber
schon die frühe Schwangerschaft zeigt auf, wie wenig verlässlich ihre Planungen
letztlich sind. Der gewalttätige Zwischenfall am Strand zerstört dann auch gleich
mehrere Leben, das des schwerverletzten David McCarren am nachhaltigsten, aber
durch die Gefängnisstrafe verlieren sich der Junge und Lily für fünfzehn Jahre
aus den Augen. Während wir über das Schicksal des Jungen in dieser Zeit
zunächst nichts erfahren, bleibt die Autorin bei ihrer Protagonistin, die sich
in den Ornithologen Marshall verliebt, aber auch immer sehr verbunden und
vertraut mit ihrer unsteten Schwester bleibt. Die Beschreibungen dieser
Beziehungen sind wunderbar lebhaft, die Dialoge streifen dabei
Naturwissenschaftliches ebenso wie Literarisches und Mystisches. Spannend wird
es natürlich durch das wiederholte Wiedersehen von Lily und dem Jungen, durch die
Frage, wieviel Chancen ihre frühere Liebe noch hat, aufgefrischt und
fortgesetzt zu werden. Das ist einfühlsam erzählt, wirkt aber oft so intellektualisiert,
dass zu den Gefühlen und den Figuren immer etwas mehr Distanz aufgebaut wird,
als es für eine mitreißende Liebesgeschichte sein sollte.
