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Debra Curtis – „Die Gesetze von Logik und Liebe“

Dienstag, 19. Mai 2026

(Ullstein, 352 S., HC)
Wenn man bedenkt, dass Debra Curtis nach ihrer Anstellung als Forschungsassistentin im Fachbereich Psychiatrie an der Stanford University eine Lernschwäche diagnostiziert bekam, um dann nicht nur 25 Jahre einen Lehrstuhl für Anthropologie an der Salve Regina University zu besetzen, sondern nun auch ihren Debütroman vorlegt, kann man nur staunen angesichts des Willens, sich trotz der Legasthenie nicht unterkriegen zu lassen und seinen Weg zu machen. Mit „Die Gesetze von Logik und Liebe“ hat sie einen Liebesroman geschrieben, der ohne aufgesetzten Kitsch auskommt und die komplizierte Liebe zweier Menschen über einen Zeitraum von fünf Jahrzehnten schildert.
Anfang der 1970er, in ihrem ersten Jahr in der Oberstufe, kommen Lily und der namenlose Junge zusammen. Er gehört als Quarterback der Mannschaft von Portsmouth zu den Hoffnungsträgern im Football auf Rhode Island. Lily und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Jane müssen 1972 den Tod ihrer geliebten Mutter verdauen, während ihr Vater Martin Webb an dem Priory Internat Naturwissenschaften lehrt und Segelstunden anbietet. Der Junge verkündet bereits seine Absicht, Lily zu heiraten, als die Dinge nach einer Party am Strand aus dem Ruder laufen. David McCarren, der Sohn eines Anwalts, macht den Jungen auf Lily aufmerksam, die mit bis zum Bauch hochgeschobenen Kleid in den Dünen liegt, an ihrem Kinn Erbrochenes klebend. Der Junge schlägt McCarren bewusstlos, weil er meint, er hätte Lily vergewaltigt. Schließlich hat er damit geprahlt, Sex mit ihr gehabt zu haben. Durch den Schädelbasisbruch bleibt McCarren dauerhaft behindert, der Junge muss für drei Jahre wegen schwerer Körperverletzung ins Gefängnis. Mit dem älteren Ornithologen Marshall findet Lily eine neue Liebe, doch die Heirat kann nicht verhindern, dass Lily immer wieder an den Jungen denken muss. Das Wiedersehen führt zu einer weiteren schicksalhaften Nacht und für Lily zu der Frage, wie sie mit ihren Schuldgefühlen umgehen soll.

„Lily und der Junge waren zu jung, um etwas über die Unwägbarkeiten der Liebe, die unerwarteten Wendungen und die falschen Versprechungen für die Zukunft zu wissen. Als es um die Liebe ging, hatte ihre Unschuld sie beschützt – bis dieser Schutz nicht mehr taugte. Jahrzehnte später, als Lily sich an diese Zeit ihrer Jugend erinnerte, dachte sie unwillkürlich an das Gedicht von Longfellow: Die Flut steigt, die Flut geht zurück. Ihr Unvermögen, in jenem Moment zu verstehen, dass Veränderungen unvermeidbar waren, würde ihr noch großen Kummer bereiten.“

Debra Curtis nimmt sich viel Zeit, die wichtigsten Figuren ihres Romanerstlings einzuführen, die Webbs mit den aufgeschlossenen Schwestern Lily und Jane auf der einen Seite, den Jungen und Lilys späteren Mann Marshall auf der anderen Seite. In lockerer chronologischer Reihenfolge werden vor allem die Stationen in Lilys Leben beschrieben. Im Gegensatz zu der mathematisch begabten, aber vor allem unverbindlichen Beziehungen und Drogen zugewandten Jane scheint Lilys Leben etwas stringenter und geplanter zu verlaufen, aber schon die frühe Schwangerschaft zeigt auf, wie wenig verlässlich ihre Planungen letztlich sind. Der gewalttätige Zwischenfall am Strand zerstört dann auch gleich mehrere Leben, das des schwerverletzten David McCarren am nachhaltigsten, aber durch die Gefängnisstrafe verlieren sich der Junge und Lily für fünfzehn Jahre aus den Augen. Während wir über das Schicksal des Jungen in dieser Zeit zunächst nichts erfahren, bleibt die Autorin bei ihrer Protagonistin, die sich in den Ornithologen Marshall verliebt, aber auch immer sehr verbunden und vertraut mit ihrer unsteten Schwester bleibt. Die Beschreibungen dieser Beziehungen sind wunderbar lebhaft, die Dialoge streifen dabei Naturwissenschaftliches ebenso wie Literarisches und Mystisches. Spannend wird es natürlich durch das wiederholte Wiedersehen von Lily und dem Jungen, durch die Frage, wieviel Chancen ihre frühere Liebe noch hat, aufgefrischt und fortgesetzt zu werden. Das ist einfühlsam erzählt, wirkt aber oft so intellektualisiert, dass zu den Gefühlen und den Figuren immer etwas mehr Distanz aufgebaut wird, als es für eine mitreißende Liebesgeschichte sein sollte.