(Claassen, 240 S., HC)
Bereits für seinen 2006 erschienenen Romanerstling „Die
Biene und der Kurt“ erhielt der 1966 in Wien geborene Schriftsteller, Drehbuchautor
und Schauspieler Robert Seethaler den Debütpreis des
Buddenbrookhauses in Lübeck und avancierte mit seinen nachfolgenden Werken „Die
weiteren Aussichten“, „Jetzt wird's ernst“ und „Der Trafikant“ zu
einem der wichtigsten deutschsprachigen Autoren. Mit seinem 2014 veröffentlichten
Roman „Ein ganzes Leben“ fand sich Seethaler sogar auf der
Shortlist für den International Booker Prize wieder. Nun erscheint mit „Die
Straße“ ein weiteres bemerkenswertes Buch des international bekannten Autors.
Fernab des städtischen Trubels liegt die Heidestraße. Das
einstige Arbeiterquartier, dessen günstigen und schnell errichteten Wohnblocks zur
Zielscheibe von Immobilienspekulanten geworden sind, ist Schauplatz unterschiedlichster
Biografien und Begegnungen und Träume. Ein Junge im Pyjamahemd geht mit dem gespannten
Gummiband zwischen seinen Fingern auf Taubenjagd. Nach dem Tod von Greta
Bläulein zählt das Seniorenheim noch siebenundneunzig Bewohner, das von einer
einsamen Frau geleitet wird, die sich in der Bäckerei mit süßen Leckereien von
der Einsamkeit und dem Elend abzulenken versucht. Zwischen der Bäckerei und dem
Magistrat versucht ein Mann, aus einer ehemaligen Kohlenhandlung ein Antiquariat
zu machen, doch die Verkäufe gehen schlecht, Ungeziefer verderben seine Ware.
Die führenden Geschäftsleute in der Gegend haben ein Komitee gebildet, um das alljährliche
Straßenfest zu organisieren. Das unterbesetzte Kommissariat ersucht beim
Landespolizeidirektor für personelle Unterstützung für das Heidefest, weil
sonst nicht für Sicherheit und Ordnung gesorgt werden könne. Eine
Blumenhändlerin verliebt sich in einen ihrer Kunden und malt sich aus, wem er
die Blumen wohl schenken mag, die er bei ihr kauft…
„Ich hab mal gehört, Liebeskummer fühlt sich an wie eine verlorene Schlacht. Das könnte stimmen. Ich hab nicht gewusst, dass es so wehtut. Manchmal fällt mir etwas ein, ein paar Worte von ihr oder eine kurze Berührung, und dann möchte ich am liebsten ein Loch in die Wand schlagen, weil doch alles so schön war. Aber das Schlimmste ist: Ich muss ständig an die Dinge denken, die wir nie miteinander hatten.“
Ein Roman lässt sich „Die Straße“ eigentlich nicht
nennen. Auf gerade mal 240 Seiten setzt Robert Seethaler Bewohner und Geschäftsleute
mit ihren jeweils eigenen Gedanken auseinander. Selten erfahren wir ihre Namen
oder ihre Geschichte. Stets wirft uns der Autor nur einen Happen, einen
Gedankenfetzen, einen kurzen Dialog vor, aber auch Protokolle und Baupläne. Aus
diesen manchmal etwas befremdlich erscheinenden, sprachlich untereinander
völlig verschiedenen Mosaiksteinchen entsteht nicht nur das grob geäderte und
gemusterte Bild der Heidestraße, sondern ein Abbild menschlichen Zusammenlebens
und dem Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Interessen, Gedanken und Sehnsüchten,
wie sie quasi in jeder Straße zwischen Berlin und Wien, Hamburg und München
ausgesprochen oder angedacht werden könnten. Mit den einzelnen, oft namenlosen
Figuren wird man nicht vertraut, und doch rühren sie manchmal mit ihrem angedeuteten
Schicksal seltsam an, entdeckt man in ihnen eben jene Ängste, Träume und
Erlebnisse, die auch wir mehr oder weniger zu teilen in der Lage sind. Es ist
vor allem Seethalers eindringlicher Sprache und individueller
Beschreibungskunst zu verdanken, dass diese Mosaikteilchen nicht zu unauffälligen
Scherben zerfallen, sondern tief im Innern zu berühren vermögen.

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