Dean R. Koontz – „Die Kälte des Feuers“

Donnerstag, 23. April 2026

(Heyne, 393 S., Jumbo)
Bevor Stephen King überhaupt ans Schreiben von Horror-Literatur denken konnte, hatte sein später ebenfalls sehr prominent gewordener Kollege Dean R. Koontz vor allem im Science-Fiction-Bereich eine Vielzahl von Romanen veröffentlicht, nämlich seit Ende der 1960er Jahre, auch unter vielerlei Pseudonymen. Seit er 1989 mit seinem Roman „Midnight“ (dt. „Mitternacht“) erstmals auf Platz 1 der Bestsellerliste der New York Times landete, avancierte Koontz auch hierzulande zu einem der bekanntesten Vertreter der modernen Horror-Literatur. Allerdings sind die qualitativen Schwankungen in seinem Werk bemerkenswert, wie auch sein nicht so geglückter Roman „Die Kälte des Feuers“ aus dem Jahr 1991 dokumentiert.
Einst war Jim Ironheart ein engagierter, bei Kollegen wie Schülern gleichermaßen beliebter Lehrer. Seit dem Selbstmord einer seiner Schüler hat sich Jim allerdings aus dem Berufsleben zurückgezogen, ist durch einen Lotteriegewinn zum Glück finanziell unabhängig, plagt sich aber auch mit Schuldgefühlen, die tiefer zurückreichen als bis zum Schicksal des unglücklichen Jungen. Jim Ironheart verfügt aber auch über eine besondere Gabe, erfährt er doch aus heiterem Himmel immer wieder von Personen, die er in letzter Sekunde retten kann. Als er in Portland vor der Schule einen Jungen davor bewahrt, von einem Auto überfahren zu werden, ist auch die Reporterin Holly Thorne vor Ort, die in dem Vorfall sofort eine Sensationsstory wittert. Dass sich der Lebensretter so wortkarg gibt, spornt Holly nur noch mehr an, Jim Ironheart näher kennenzulernen. Bei ihren Recherchen zu dem Mann findet sie heraus, dass Jim Ironheart im Laufe der letzten Monate schon sechsmal im ganzen Land als Lebensretter in letzter Sekunde aufgetaucht ist. Als sie ihm folgt und dasselbe Flugzeug wie Jim besteigt, offenbart er ihr, dass das Flugzeug durch einen technischen Defekt abstürzen wird und eine Vielzahl von Toten zu beklagen sein werden. Zwar informiert Jim den Flugkapitän, doch kann dieser das Unglück nicht mehr verhindern. Jim und Holly kommen im vorderen Teil der Maschine wie erwartet mit dem Leben davon und verlieben sich ineinander. Doch Holly muss schnell feststellen, dass Jim immer wieder von Stimmen und Ereignissen verfolgt wird, die sich mal als Freund, mal als Feind zu erkennen geben. Sie begleitet Jim zu der Farm, auf der er nach dem Tod seiner Eltern aufgewachsen ist und wo auch der weithin vergessene Film „Die schwarze Windmühle“ gedreht wurde. Hier wird nicht nur Holly das Fürchten gelehrt…

„Jim gewann den Eindruck, auf einem schmalen Landstreifen zwischen zwei tiefen Schluchten zu stehen. Nirgends gab es Sicherheit. Auf der einen Seite befand sich sein bisheriges Leben, gefüllt mit inneren Qualen und Verzweiflung – die Gefühle, die er zu verdrängen versuchte, die ihn manchmal überwältigt hatten, so wie während seiner spirituellen Reise mit der Harley durch die Mohavewüste, als er nach einem Ausweg gesucht hatte, und sei es der Tod. Auf der anderen Seite lag eine ungewisse Zukunft, die Holly zu beschreiben versuchte, eine Zukunft, in der ihn angeblich Hoffnung erwartete, obgleich er fürchtete, dass sie nur Chaos und Wahnsinn für ihn bereithielt. Und der schmale Boden unter ihm gab allmählich nach.“ (S. 333)

Dass Dean R. Koontz ein glänzender Erzähler ist, beweist er gleich zu Anfang mit der Einführung seiner beiden Hauptfiguren. Während er die 33-jährige Holly Thorne als Journalistin vorstellt, die gern mit erfolgreichen Leuten spricht, weil diese sie von ihrer eigenen langweiligen Arbeit ablenken, und sich gerade selbst bei einem Interview mit einer Lehrerin, die sich als Dichterin versucht, tödlich langweilt, begleiten wir Jim Ironheart gleich bei seiner aktuellen Rettungsmission. Seine geheimnisvolle Vergangenheit bildet das dramaturgische Zentrum von „Die Kälte des Feuers“, denn wie auch Holly Thorne sind natürlich auch wir Leser daran interessiert, woher Jim Ironheart seine Eingebungen bekommt, bestimmte Menschen retten zu müssen. Doch gerade bei dieser Schicht für Schicht entblätterten Erkenntnisvermittlung übertreibt der Autor so stark, dass man ab Mitte des Romans das Interesse am weiteren Verlauf der Geschichte verliert. Der drohende Flugzeugabsturz und das beschriebene Dilemma, nicht alle Passagiere retten zu können, sind an Spannung kaum zu überbieten, doch danach flacht die Story merklich ab und verliert sich in einer kruden Mischung aus einer plakativ beschriebenen Seance, Poltergeistphänomenen, außerirdischen Wesenheiten, die im Teich schlummern, Amnesie und anderen psychischen Ursachen für Jims unerklärliches Verhalten und und und… Ab Mitte des Buches scheint Koontz den Faden verloren zu haben, wie er Jim Ironhearts Verhalten und Geschichte erklären soll, denn die dargebotenen Phänomene passen einfach nicht zusammen und lassen nicht nur das titelgebende Feuer erkalten, sondern auch das Lesevergnügen.

 

Walter Moers – (Zamonien: 12) „Qwert“

Sonntag, 12. April 2026

(Penguin, 582 S., HC)
Wer bereits mit „Die 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär“ in die frisch von Comic-Künstler Walter Moers („Kleines Arschloch“, „Schweinewelt“) geschaffene Märchenwelt von Zamonien eingetaucht ist, wird sich vielleicht noch an den Gallertprinzen Qwert Zuiopü erinnern, der neben Fredda zu den Klassenkameraden in der von Professor Nachtigaller geführten Nachtschule zählte und quasi schon Herrscher der 2364. Dimension war, bevor er in eines der vielen Dimensionslöcher fiel und in Zamonien landete. In Moers‘ neuestem, bereits 12. rund um Zamonien spielenden Roman „Qwert“ steht der Gallertprinz auf einmal im Mittelpunkt einer abenteuerlichen Geschichte.
Eben noch war der Gallertprinz noch eine amorphe, durchsichtige Gallertmasse, aber da hielt er sich noch in seiner Heimat der 2364. Dimension auf. Nach einem erneuten Sturz durch ein Dimensionsloch wacht der Gallertprinz jedoch nicht nur in der Parallelwelt Orméa auf, sondern befindet sich auch im Körper eines anderen Wesens, nämlich in der Rüstung des attraktiven Ritters Prinz Kaltbluth – mit für Qwert ungewohntem Oberkörper und Beinen! Der klassische Held in einer ganzen Reihe von Abenteuerromanen aus der Feder von Graf Klanthu zu Kainomaz befreit kurz nach seiner Ankunft in der fremden Welt eine milchweißhäutige Jungfrau namens Jamusa, erschlägt mit dem legendären, unsichtbaren Schwert Tarnmeister den Medusenwächter und erlebt fortan über vierzig „Aventiuren“ mit schrulligen und furchteinflößenden Kreaturen wie den Riesengletscherzwergen, Rostigen Gnomen und verschiedener Ritter, die allesamt eine Rechnung mit Prinz Kaltbluth zu begleichen haben. Dazu gesellen sich Kristallskorpione, Flederfrösche, eine Ruinenraupe und das Dornige Tentakel, Kamelianer und der Einsame Denker. Zum Glück weiß Qwert alias Prinz Kaltbluth sowohl den tapferen Knappen Oyo Pagenherz als auch das unerschrockene Reitwürmchen Schneesturm an seiner Seite. Und auch das geheimnisvolle Mädchen, das Qwert anfangs befreit hat, rettet ihn aus besonders brenzligen Situationen. Als das Leben seiner geliebten Jamusa auf dem Spiel steht, steht Qwert vor einer schwierigen Entscheidung:

„Qwert ließ das alles wie in Trance über sich ergehen, denn mit den Gedanken war er ganz woanders. Er hatte das entmutigende Gefühl, seit seiner Ankunft in dieser Welt im Kreis gelaufen zu sein. Jetzt befand er sich wieder genau da, wo alles angefangen hatte, und eigentlich war es seither nur immer schlimmer geworden. Viel schlimmer! Seit sie die Lichtung betreten hatten, grübelte er darüber nach, wie er sich in der Janusmedusenfrage verhalten sollte. Obwohl er wusste, wie vollkommen wahnsinnig und aussichtslos sein Vorhaben war: Er wollte sie befreien. Aber ihm waren nun mal Dinge über sie bekannt, die er mit niemandem teilen konnte.“ (S. 342)

Seit Walter Moers 1999 mit „Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär“ den Beginn für seine literarische Spielwiese Zamonien einläutete, ist sein märchenhaftes Universum über mittlerweile ein Vierteljahrhundert um unzählige Figuren und Abenteuer angewachsen. Insofern ist es ein kluger Schachzug, mit dem zwölften Zamonien-Buch „Qwert“ nicht nur eine neue (Parallelwelt-)Welt einzuführen, sondern mit Qwert eine klitzekleine Nebenfigur aus dem ersten Zamonien-Abenteuer ins Zentrum der Geschichte zu setzen. Das hat nicht nur zur Folge, dass sich „Qwert“ auch gut unabhängig von den vorangegangenen Büchern lesen lässt – auch wenn es durchaus Sinn macht, zuvor sowohl „Die 13 ½ Leben des Käpt‘n Blaubär“ als auch „Die Stadt der träumenden Bücher“ und „Die Insel der tausend Leuchttürme“ gelesen zu haben, da auf diese immer wieder in Fußnoten Bezug genommen wird -, sondern dass der Fokus etwas außerhalb der vertrauten Zamonien-Welt gelegt wird. Mit der Verwandlung des Gallertprinzen in einen gefürchteten wie verehrten Ritter verschiebt sich zudem die Perspektive der Hauptfigur, die sich in neuer Gestalt und mit ungewöhnlichen Gefährten an der Seite an furchterregende Herausforderungen wagen muss. Fortan schickt der öffentlichkeitsscheue Autor seine Figuren durch eine wahre Flut an Abenteuern, die er mit gewohnt ausuferndem Wortwitz, vielen literarischen Anspielungen und fantasievollen Einfällen beschreibt, dass bis zum Finale nie Langeweile aufkommt. Zudem ist das Buch wieder wunderschön mit vielen Illustrationen des Autors ausgestattet und verzaubert so in jeder Hinsicht die Sinne alter wie neuer Zamonien-Fans.