(Penguin, 582 S., HC)
Wer bereits mit „Die 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär“ in
die frisch von Comic-Künstler Walter Moers („Kleines Arschloch“, „Schweinewelt“)
geschaffene Märchenwelt von Zamonien eingetaucht ist, wird sich vielleicht noch
an den Gallertprinzen Qwert Zuiopü erinnern, der neben Fredda zu den Klassenkameraden
in der von Professor Nachtigaller geführten Nachtschule zählte und quasi schon Herrscher
der 2364. Dimension war, bevor er in eines der vielen Dimensionslöcher fiel und
in Zamonien landete. In Moers‘ neuestem, bereits 12. rund um Zamonien spielenden
Roman „Qwert“ steht der Gallertprinz auf einmal im Mittelpunkt einer abenteuerlichen
Geschichte.
Eben noch war der Gallertprinz noch eine amorphe,
durchsichtige Gallertmasse, aber da hielt er sich noch in seiner Heimat der
2364. Dimension auf. Nach einem erneuten Sturz durch ein Dimensionsloch wacht der
Gallertprinz jedoch nicht nur in der Parallelwelt Orméa auf, sondern befindet sich
auch im Körper eines anderen Wesens, nämlich in der Rüstung des attraktiven Ritters
Prinz Kaltbluth – mit für Qwert ungewohntem Oberkörper und Beinen! Der klassische
Held in einer ganzen Reihe von Abenteuerromanen aus der Feder von Graf Klanthu
zu Kainomaz befreit kurz nach seiner Ankunft in der fremden Welt eine
milchweißhäutige Jungfrau namens Jamusa, erschlägt mit dem legendären, unsichtbaren
Schwert Tarnmeister den Medusenwächter und erlebt fortan über vierzig „Aventiuren“
mit schrulligen und furchteinflößenden Kreaturen wie den Riesengletscherzwergen,
Rostigen Gnomen und verschiedener Ritter, die allesamt eine Rechnung mit Prinz
Kaltbluth zu begleichen haben. Dazu gesellen sich Kristallskorpione, Flederfrösche,
eine Ruinenraupe und das Dornige Tentakel, Kamelianer und der Einsame Denker. Zum
Glück weiß Qwert alias Prinz Kaltbluth sowohl den tapferen Knappen Oyo
Pagenherz als auch das unerschrockene Reitwürmchen Schneesturm an seiner Seite.
Und auch das geheimnisvolle Mädchen, das Qwert anfangs befreit hat, rettet ihn aus
besonders brenzligen Situationen. Als das Leben seiner geliebten Jamusa auf dem
Spiel steht, steht Qwert vor einer schwierigen Entscheidung:
„Qwert ließ das alles wie in Trance über sich ergehen, denn mit den Gedanken war er ganz woanders. Er hatte das entmutigende Gefühl, seit seiner Ankunft in dieser Welt im Kreis gelaufen zu sein. Jetzt befand er sich wieder genau da, wo alles angefangen hatte, und eigentlich war es seither nur immer schlimmer geworden. Viel schlimmer! Seit sie die Lichtung betreten hatten, grübelte er darüber nach, wie er sich in der Janusmedusenfrage verhalten sollte. Obwohl er wusste, wie vollkommen wahnsinnig und aussichtslos sein Vorhaben war: Er wollte sie befreien. Aber ihm waren nun mal Dinge über sie bekannt, die er mit niemandem teilen konnte.“ (S. 342)
Seit Walter Moers 1999 mit „Die 13½ Leben des
Käpt’n Blaubär“ den Beginn für seine literarische Spielwiese Zamonien einläutete,
ist sein märchenhaftes Universum über mittlerweile ein Vierteljahrhundert um unzählige
Figuren und Abenteuer angewachsen. Insofern ist es ein kluger Schachzug, mit
dem zwölften Zamonien-Buch „Qwert“ nicht nur eine neue (Parallelwelt-)Welt
einzuführen, sondern mit Qwert eine klitzekleine Nebenfigur aus dem ersten
Zamonien-Abenteuer ins Zentrum der Geschichte zu setzen. Das hat nicht nur zur
Folge, dass sich „Qwert“ auch gut unabhängig von den vorangegangenen Büchern
lesen lässt – auch wenn es durchaus Sinn macht, zuvor sowohl „Die 13 ½ Leben
des Käpt‘n Blaubär“ als auch „Die Stadt der träumenden Bücher“ und „Die
Insel der tausend Leuchttürme“ gelesen zu haben, da auf diese immer wieder
in Fußnoten Bezug genommen wird -, sondern dass der Fokus etwas außerhalb der
vertrauten Zamonien-Welt gelegt wird. Mit der Verwandlung des Gallertprinzen in
einen gefürchteten wie verehrten Ritter verschiebt sich zudem die Perspektive der
Hauptfigur, die sich in neuer Gestalt und mit ungewöhnlichen Gefährten an der
Seite an furchterregende Herausforderungen wagen muss. Fortan schickt der
öffentlichkeitsscheue Autor seine Figuren durch eine wahre Flut an Abenteuern,
die er mit gewohnt ausuferndem Wortwitz, vielen literarischen Anspielungen und fantasievollen
Einfällen beschreibt, dass bis zum Finale nie Langeweile aufkommt. Zudem ist
das Buch wieder wunderschön mit vielen Illustrationen des Autors ausgestattet
und verzaubert so in jeder Hinsicht die Sinne alter wie neuer Zamonien-Fans.

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