Walter Moers – (Zamonien: 12) „Qwert“

Sonntag, 12. April 2026

(Penguin, 582 S., HC)
Wer bereits mit „Die 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär“ in die frisch von Comic-Künstler Walter Moers („Kleines Arschloch“, „Schweinewelt“) geschaffene Märchenwelt von Zamonien eingetaucht ist, wird sich vielleicht noch an den Gallertprinzen Qwert Zuiopü erinnern, der neben Fredda zu den Klassenkameraden in der von Professor Nachtigaller geführten Nachtschule zählte und quasi schon Herrscher der 2364. Dimension war, bevor er in eines der vielen Dimensionslöcher fiel und in Zamonien landete. In Moers‘ neuestem, bereits 12. rund um Zamonien spielenden Roman „Qwert“ steht der Gallertprinz auf einmal im Mittelpunkt einer abenteuerlichen Geschichte.
Eben noch war der Gallertprinz noch eine amorphe, durchsichtige Gallertmasse, aber da hielt er sich noch in seiner Heimat der 2364. Dimension auf. Nach einem erneuten Sturz durch ein Dimensionsloch wacht der Gallertprinz jedoch nicht nur in der Parallelwelt Orméa auf, sondern befindet sich auch im Körper eines anderen Wesens, nämlich in der Rüstung des attraktiven Ritters Prinz Kaltbluth – mit für Qwert ungewohntem Oberkörper und Beinen! Der klassische Held in einer ganzen Reihe von Abenteuerromanen aus der Feder von Graf Klanthu zu Kainomaz befreit kurz nach seiner Ankunft in der fremden Welt eine milchweißhäutige Jungfrau namens Jamusa, erschlägt mit dem legendären, unsichtbaren Schwert Tarnmeister den Medusenwächter und erlebt fortan über vierzig „Aventiuren“ mit schrulligen und furchteinflößenden Kreaturen wie den Riesengletscherzwergen, Rostigen Gnomen und verschiedener Ritter, die allesamt eine Rechnung mit Prinz Kaltbluth zu begleichen haben. Dazu gesellen sich Kristallskorpione, Flederfrösche, eine Ruinenraupe und das Dornige Tentakel, Kamelianer und der Einsame Denker. Zum Glück weiß Qwert alias Prinz Kaltbluth sowohl den tapferen Knappen Oyo Pagenherz als auch das unerschrockene Reitwürmchen Schneesturm an seiner Seite. Und auch das geheimnisvolle Mädchen, das Qwert anfangs befreit hat, rettet ihn aus besonders brenzligen Situationen. Als das Leben seiner geliebten Jamusa auf dem Spiel steht, steht Qwert vor einer schwierigen Entscheidung:

„Qwert ließ das alles wie in Trance über sich ergehen, denn mit den Gedanken war er ganz woanders. Er hatte das entmutigende Gefühl, seit seiner Ankunft in dieser Welt im Kreis gelaufen zu sein. Jetzt befand er sich wieder genau da, wo alles angefangen hatte, und eigentlich war es seither nur immer schlimmer geworden. Viel schlimmer! Seit sie die Lichtung betreten hatten, grübelte er darüber nach, wie er sich in der Janusmedusenfrage verhalten sollte. Obwohl er wusste, wie vollkommen wahnsinnig und aussichtslos sein Vorhaben war: Er wollte sie befreien. Aber ihm waren nun mal Dinge über sie bekannt, die er mit niemandem teilen konnte.“ (S. 342)

Seit Walter Moers 1999 mit „Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär“ den Beginn für seine literarische Spielwiese Zamonien einläutete, ist sein märchenhaftes Universum über mittlerweile ein Vierteljahrhundert um unzählige Figuren und Abenteuer angewachsen. Insofern ist es ein kluger Schachzug, mit dem zwölften Zamonien-Buch „Qwert“ nicht nur eine neue (Parallelwelt-)Welt einzuführen, sondern mit Qwert eine klitzekleine Nebenfigur aus dem ersten Zamonien-Abenteuer ins Zentrum der Geschichte zu setzen. Das hat nicht nur zur Folge, dass sich „Qwert“ auch gut unabhängig von den vorangegangenen Büchern lesen lässt – auch wenn es durchaus Sinn macht, zuvor sowohl „Die 13 ½ Leben des Käpt‘n Blaubär“ als auch „Die Stadt der träumenden Bücher“ und „Die Insel der tausend Leuchttürme“ gelesen zu haben, da auf diese immer wieder in Fußnoten Bezug genommen wird -, sondern dass der Fokus etwas außerhalb der vertrauten Zamonien-Welt gelegt wird. Mit der Verwandlung des Gallertprinzen in einen gefürchteten wie verehrten Ritter verschiebt sich zudem die Perspektive der Hauptfigur, die sich in neuer Gestalt und mit ungewöhnlichen Gefährten an der Seite an furchterregende Herausforderungen wagen muss. Fortan schickt der öffentlichkeitsscheue Autor seine Figuren durch eine wahre Flut an Abenteuern, die er mit gewohnt ausuferndem Wortwitz, vielen literarischen Anspielungen und fantasievollen Einfällen beschreibt, dass bis zum Finale nie Langeweile aufkommt. Zudem ist das Buch wieder wunderschön mit vielen Illustrationen des Autors ausgestattet und verzaubert so in jeder Hinsicht die Sinne alter wie neuer Zamonien-Fans.

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